Antike-Rezeption im Rheinland im 19. Jahrhundert

Jonas Klein (Bonn)

Haupteingangsfront des Provinzialmuseums Bonn, vor 1937. (Wesendonck Blog)

1. Einleitung

Je­de Ge­sell­schaft blickt von ih­rem je­wei­li­gen Ort in Raum und Zeit an­ders auf die Ver­gan­gen­heit, sie ka­te­go­ri­siert die­se nach Ord­nungs­prin­zi­pi­en, die vor dem Hin­ter­grund der ei­ge­nen Er­in­ne­rungs­kul­tur über­zeu­gen und schenkt den ma­te­ri­el­len und im­ma­te­ri­el­len Über­res­ten die­ser so kon­stru­ier­ten Epo­chen mehr oder we­ni­ger Be­ach­tung. Die Ge­schich­te des neu­zeit­li­chen Um­gangs mit den un­ter­schied­li­chen Zeu­gen der Ver­gan­gen­heit und mit­hin für die Re­zep­ti­on ei­ner his­to­ri­schen Epo­che soll hier für das über­ge­ord­ne­te The­ma, das Rhein­land in der An­ti­ke, dar­ge­stellt wer­den.

Räum­lich be­schrän­ken sich die fol­gen­den Aus­füh­run­gen auf das Ge­biet der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, de­ren nörd­li­che Re­gie­rungs­be­zir­ke heu­te den Zu­stän­dig­keits­be­reich des Land­schafts­ver­bands Rhein­land (LVR) bil­den. Knapp süd­lich der heu­ti­gen Lan­des­gren­ze, mit­tig zur Nord-Süd-Aus­deh­nung der Rhein­pro­vinz, ver­läuft der Vinxt­bach, der in der An­ti­ke die Gren­ze zwi­schen den rö­mi­schen Pro­vin­zen an der Rhein­gren­ze, der Ger­ma­nia in­fe­ri­or und der Ger­ma­nia su­pe­ri­or mar­kier­te, de­ren Haupt­or­te Köln be­zie­hungs­wei­se Mainz wa­ren. West­lich grenz­ten die bei­den ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen an die Bel­gi­ca, wel­che auch die Ei­fel und gro­ße Tei­le des Mo­sel­tals um­fass­te, so dass ins­ge­samt drei rö­mi­sche Pro­vin­zen den neu­zeit­li­chen Kul­tur­raum des Rhein­lands ge­prägt ha­ben. Auch die Neu­zeit, aus der her­aus der Blick auf das Rhein­land un­ter rö­mi­scher Herr­schaft ge­wor­fen wird, will de­fi­niert sein. Hier sol­len je­doch kei­ne klas­si­schen Grenz­zie­hun­gen an Hand po­li­ti­scher Gro­ße­reig­nis­se er­fol­gen, son­dern an die Ent­wick­lungs­ge­schich­te der His­to­rie hin zur mo­der­nen Ge­schichts­wis­sen­schaft im „lan­gen“ 19. Jahr­hun­dert an­ge­schlos­sen wer­den. Am Bei­spiel des „rö­mi­schen Rhein­land­s“ soll ge­zeigt wer­den, wie ei­ne plan­vol­le, spe­zia­li­sier­te, letzt­lich „zweck­lo­se“ An­eig­nung der Ver­gan­gen­heit in ih­ren Re­lik­ten zum Leit­mo­tiv der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Al­ten Ge­schich­te er­ho­ben wur­de. Gleich­zei­tig wird zu zei­gen sein, wie viel­fäl­tig Ab­wei­chun­gen von die­ser Marsch­rou­te mög­lich wa­ren, sei es im Fort­le­ben über­kom­me­ner Kul­tur­tech­ni­ken zur An­eig­nung der Ver­gan­gen­heit, sei es der In­stru­men­ta­li­sie­rung der re­gio­na­len Al­ter­tums­ge­schich­te zur ge­lehr­ten Selbst­ver­ge­wis­se­rung und pa­trio­ti­schen „Volks­päd­ago­gi­k“.

Karte der „Rheinprovinz“ im Maßstab 1 : 1.175.000, mit Nebenkarten zur „Umgebung von Köln“ und zur „Umgebung von Koblenz“, 1885-1890. (Meyers Konversations-Lexikon, Band 13, 4. Auflage, 1885-1890)

 

Ein Kern­merk­mal die­ser Epo­che ist die Ent­wick­lung von pri­vat in­iti­ier­ter und be­trie­be­ner re­gio­na­ler Al­ter­tums­kun­de hin zum staat­lich or­ga­ni­sier­ten Groß­be­trieb, der sei­nen sicht­ba­ren Aus­druck in der re­prä­sen­ta­ti­ven Ar­chi­tek­tur der „Pro­vin­zi­al­mu­se­en“ fand, die im letz­ten Jahr­zehnt des 19. Jahr­hun­derts in Bonn und Trier er­rich­tet wur­den. Am deut­lichs­ten nach­voll­zie­hen lässt sich die­se Ent­wick­lung mit­tels der In­sti­tu­tio­nen­ge­schich­te der grö­ße­ren rhei­ni­schen Al­ter­tums­ver­ei­ne und Al­ter­tums­mu­se­en so­wie der sei­ner­zeit ein­zi­gen rhei­ni­schen Uni­ver­si­tät in Bonn. Sol­che Ein­rich­tun­gen ha­ben nicht nur als ma­ß­geb­li­che Ak­teu­re der An­ti­ke-Re­zep­ti­on ei­nen Gut­teil der Quel­len zum The­ma „pro­du­zier­t“, son­dern auch die ei­ge­ne Ent­wick­lung ver­schie­dent­lich re­flek­tiert und so Ein­bli­cke ins Ge­schichts­den­ken des Be­trach­tungs­zeit­raums ge­schaf­fen, er­hal­ten und ge­sam­melt.

Haupteingangsfront des Provinzialmuseums Bonn, vor 1937. (Wesendonck Blog)

 

Hier­zu sind zu­erst die Tra­di­tio­nen und Kul­tur­tech­ni­ken des Um­gangs mit der an­ti­ken Ver­gan­gen­heit der Re­gi­on dar­zu­stel­len, wie sie beim Zu­sam­men­bruch des An­ci­en ré­gime die Grund­la­gen für die neu­zeit­li­che An­ti­ke-Re­zep­ti­on bil­de­ten. Her­nach sind die prä­gen­den Ak­teu­re der An­ti­ke-Re­zep­ti­on wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts zu prä­sen­tie­ren und dann die ma­ß­geb­li­chen For­men zu er­läu­tern, wel­che die An­eig­nung der Rö­mer­zeit im preu­ßi­schen Rhein­land be­stimm­ten. 

2. Kunstsammlungen & Straßenbau - Grundlagen rheinischer Antike-Rezeption

In man­cher Hin­sicht ei­ne ent­schei­den­de Grund­la­ge für die An­ti­ke-Re­zep­ti­on im 19. Jahr­hun­dert im All­ge­mei­nen und für die dar­aus ent­stan­de­nen al­ter­tums­ori­en­tier­ten Mu­se­en am Rhein stell­ten die Kunst­samm­lun­gen dar, wie sie ver­mö­gen­den Ade­li­ge und rang­ho­he Kle­ri­ker un­ter­hiel­ten. Die­se wa­ren ein An­lauf­punkt für ge­lehr­te Rei­sen­de, wie et­wa die Samm­lun­gen der Ka­no­ni­ker Fer­di­nand Franz Wall­raf (1748-1812) in Köln und Franz Pick (1750-1818) in Bonn, die Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749-1832) 1815 ge­mein­sam mit dem Frei­herrn vom Stein (1757-1831) be­such­te. Die­sen Samm­lun­gen war ge­mein, dass sie für ge­wöhn­lich ei­ner sys­te­ma­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on und An­schaf­fungs­pra­xis ent­behr­ten, son­dern mehr oder we­ni­ger al­les, was ih­ren Be­sit­zern von künst­le­ri­schem Wert er­schien, im bes­ten Wort­sin­ne „an­sam­mel­ten.“ Durch die Klos­ter­auf­he­bun­gen im Rah­men der fran­zö­si­schen Herr­schaft im Rhein­land ka­men zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts gro­ße Men­gen von ehe­mals dort ge­nutz­ten oder auf­ge­stell­ten Kunst­ge­gen­stän­den auf den Markt, die ih­ren Weg vor al­lem in sol­che Samm­lun­gen wie die­je­ni­gen Picks und Wall­rafs fan­den, de­ren In­ha­ber nun zu­neh­mend auch An­ge­hö­ri­ge wirt­schafts­bür­ger­li­cher Schich­ten wur­den, ge­nannt sei­en hier Si­byl­le Mer­tens-Schaaf­hau­sen (1797-1857) und Jean Guil­lau­me Hon­vlez Frei­herr von Hüpsch (1730-1815).

Provinzialmuseum der preußischen Rheinprovinz Trier, um 1900.

 

Ne­ben jahr­hun­der­te­al­ten Ge­mäl­den, Kir­chen­ge­rät­schaf­ten und -mo­bi­li­ar fand der Be­su­cher beim kunst­sin­ni­gen Gast­ge­ber auch An­ti­ken. Doch ana­log zur aka­de­mi­schen Al­ter­tums­kun­de der Zeit stan­den hier die Zen­tren der klas­si­schen An­ti­ke im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses, be­vor­zugt prä­sen­tier­te man Nach­bil­dun­gen, Ab­güs­se und ge­le­gent­lich Ori­gi­na­le von Gro­ß­plas­ti­ken bis zu Gem­men, die im Mit­tel­meer­raum, vor al­lem in Ita­li­en ge­fun­den wor­den wa­ren. Ab­ge­se­hen vom ma­te­ri­el­len Wert be­zeug­ten und ver­kör­per­ten die­se Ob­jek­te ei­ne in höchs­tem Ma­ße idea­li­sier­te Ver­gan­gen­heit, wie man sie in den Schrift­quel­len zur klas­si­schen An­ti­ke über­lie­fert glaub­te. Von da­her hat­te die­se eher un­sys­te­ma­ti­sche Sam­mel­pra­xis für die spä­te­re Pro­vinz- und Na­tio­nal­ar­chäo­lo­gie den dan­kens­wer­ten Ef­fekt, dass ver­mö­gen­de Per­so­nen wie der rhei­ni­sche Staats­mann Fried­rich Hein­rich von Borcke (1776-1825) auch re­gio­na­le Münz­fun­de auf­kauf­ten und ne­ben ih­ren me­di­ter­ra­nen Schät­zen an­ti­ke Fund­stü­cke aus dem Rhein­land selbst aus­stell­ten. Wenn man al­so die­sen re­gio­na­len Fund­stü­cken ins­ge­samt we­ni­ger Be­ach­tung schenk­te, so sorg­te man doch für de­ren Er­halt, so dass die ade­li­gen, kle­ri­ka­len und groß­bür­ger­li­chen Kunst­samm­lun­gen ei­ne Ma­te­ri­al-, In­for­ma­ti­ons- und Kom­pe­tenz­ba­sis dar­stell­ten, als die plan­vol­le Er­gra­bung der rhei­ni­schen Al­ter­tü­mer in den An­fangs­jah­ren der preu­ßi­schen Zeit am Rhein Fahrt auf­nahm.

Das Al­ter­tum war im ka­no­ni­schen Bil­dungs­gut prä­sent, die Bi­blio­the­ken des rhei­ni­schen Adels ent­hiel­ten die Schrif­ten der an­ti­ken Phi­lo­so­phen, His­to­ri­ker und Dich­ter, aber wie im Fall der ma­te­ri­el­len Über­res­te dien­ten sie als Brü­cken in die „klas­si­sche An­ti­ke“, oh­ne An­schluss an die Rö­mer­zeit im Rhein­land selbst. Doch be­reits am En­de des 18. Jahr­hun­derts ver­fass­te der Prä­si­dent der preu­ßi­schen Kriegs- und Do­mä­nen­kam­mer in Kle­ve, Ju­li­us Ernst von Bug­gen­ha­gen (1736-1806), ei­ne an­ti­qua­ri­sche Schrift über die so­ge­nann­ten „Kle­vi­schen Al­ter­tü­mer“. Da­bei han­del­te es sich um an­ti­ke Fund­stü­cke, die vor al­lem im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, nach­dem Kle­ve an Bran­den­burg ge­fal­len war, aus di­ver­sen Quel­len am Nie­der­rhein zu­sam­men­ge­tra­gen und auf der Kle­ver Burg ver­wahrt wor­den wa­ren. Der bran­den­bur­gi­sche Statt­hal­ter in Kle­ve, Jo­hann Mo­ritz von Nas­sau-Sie­gen, ver­bau­te grö­ße­re Ob­jek­te aus die­sem Fun­dus, wie den Cae­li­us-Stein, in sei­ner als An­ti­ken­gar­ten ent­wor­fe­nen Grab­an­la­ge. Bug­gen­ha­gen ließ die­se An­ti­ken aus dem Mo­ritz­grab aus­bau­en und in ei­nem spe­zi­ell ih­nen ge­wid­me­ten „An­ti­ken-Saal“ in der Kle­ver Schwa­nen­burg aus­stel­len.

Ferdinand Franz Wallraf, Porträt, Gemälde von Johann Anton de Peters (1725-1795), Köln 1792. (Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud)

 

Ge­wis­ser­ma­ßen al­len Be­woh­nern des Rhein­lands, un­ge­ach­tet ih­rer so­zia­len Stel­lung, la­gen die Stra­ßen zu Fü­ßen, die sich aus rö­mi­scher Zeit er­hal­ten hat­ten oder zu­min­dest nach un­ter­schied­lich tief­grei­fen­den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen wei­ter­hin ent­lang der zur Rö­mer­zeit er­schlos­se­nen Tras­sen ver­lie­fen. Die­se Re­lik­te er­reg­ten be­reits früh ge­lehr­te Auf­merk­sam­keit. Schon die hu­ma­nis­ti­sche Li­te­ra­tur des 16. und 17. Jahr­hun­derts brach­te meh­re­re Wer­ke her­vor, de­ren Ver­fas­ser sich be­müh­ten, in der Li­te­ra­tur über­lie­fer­te an­ti­ke Orts­na­men und Stre­cken­be­zeich­nun­gen mit sol­chen ih­rer ei­ge­nen Ge­gen­wart zu iden­ti­fi­zie­ren. Zu­neh­men­de Stra­ßen­bau­ar­bei­ten för­der­ten be­son­ders in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts ar­chäo­lo­gi­sche Fund­zu­sam­men­hän­ge aus dem rö­mi­schen Ver­kehrs­we­sen zu Ta­ge, die als sol­che iden­ti­fi­ziert und be­ach­tet wur­den. Die­se Be­ach­tung rief da­bei kei­ne kon­ser­va­to­ri­schen Be­stre­bun­gen her­vor oder gar ei­ne Mu­sea­li­sie­rung, son­dern fass­te die rö­mi­schen Über­res­te und spe­zi­ell die Stre­cken­füh­rung als vor­bild­lich auf, de­nen nach­zu­ei­fern und die wei­ter zu ver­wer­ten wa­ren. Der Stra­ßen­bau im Rhein­land nahm im Ge­fol­ge der Krie­ge nach der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on star­ken Auf­schwung, zu­nächst wäh­rend der na­po­leo­ni­schen Herr­schaft und nach dem Wie­ner Kon­gress un­ter preu­ßi­scher Ägi­de. Die in die­sem Zug er­folg­te to­po­gra­phi­sche Lan­des­auf­nah­me för­der­te in grö­ße­rem Stil ar­chäo­lo­gi­sche De­tails zu Ta­ge, wel­che wäh­rend der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts in viel­fäl­ti­gen Pu­bli­ka­tio­nen mit der äl­te­ren His­to­rio­gra­phie und den li­te­ra­ri­schen Quel­len ver­bun­den wur­den.

Ak­teu­re die­ser Ver­wis­sen­schaft­li­chung des Um­gangs mit den Re­lik­ten rö­mi­schen Stra­ßen­baus wa­ren zum ei­nen preu­ßi­sche Of­fi­zie­re, die im Zu­sam­men­hang mit ih­ren kar­to­gra­phi­schen Auf­ga­ben mit der Ma­te­rie „Rö­mer­stra­ßen“ in Kon­takt ka­men, zum an­de­ren An­ge­hö­ri­ge re­gio­na­ler Ge­schichts­ver­ei­ne, die in je­nen ers­ten Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts im Rhein­land ent­stan­den und die Aus­ein­an­der­set­zung mit der an­ti­ken Ver­gan­gen­heit des Lan­des über meh­re­re Jahr­zehn­te ent­schei­dend be­ein­fluss­ten.

Ei­ne be­son­de­re Per­spek­ti­ve auf die Ver­gan­gen­heit ei­ner Re­gi­on, zu­mal hin­sicht­lich der Über­lie­fe­rungs­si­tua­ti­on, ist die Prä­sen­ta­ti­on die­ser Ver­gan­gen­heit und ih­rer Re­lik­te ge­gen­über dem Orts­frem­den, der auf die­sen Stra­ßen reis­te. Rei­se­be­rich­te als li­te­ra­ri­sche Gat­tung ha­ben ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on, und die wach­sen­de Mo­bi­li­sie­rung der eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten im Zu­ge der In­dus­tria­li­sie­rung be­för­der­te auch die Pu­bli­ka­ti­on von „Rei­se­füh­rern“. Der Ba­e­de­cker-Ver­lag, des­sen Ge­schich­te 1832 mit der „Rhein­rei­se“ be­gann, gab Ge­ne­ra­tio­nen von Rhein­rei­sen­den über­sicht­li­che, aber gleich­zei­tig in­for­ma­ti­ons­rei­che Be­glei­tung an die Hand. Als Zeu­gen für die „Er­in­ne­rungs­or­te“ der An­ti­ke ent­lang des Rheins sei­en zwei Wer­ke bei­spiel­haft ge­nannt, die an der Schnitt­stel­le zwi­schen klas­si­schem Rei­se­be­richt und „mo­der­ne­m“ Rei­se­füh­rer ste­hen und von dem geis­tig-kul­tu­rel­len Kli­ma zeu­gen, in dem sich die hier auf­ge­zeig­ten Ent­wick­lun­gen voll­zo­gen: Aloys Schrei­bers (1761-1841) Werk mit dem pro­gram­ma­ti­schen Ti­tel „Hand­buch für Rei­sen­de am Rhein“, 1812 erst­mals, noch un­ter fran­zö­si­scher Herr­schaft, ver­öf­fent­licht. „Die Rhein­ge­gen­den von Mainz bis Cöln“ des Jo­hann Isaak von Gerning (1767-1837) er­schien erst­mals 1819, als Schrei­bers Hand­buch be­reits in zwei­ter Auf­la­ge ge­druckt war. Ob­gleich von ganz un­ter­schied­li­chem For­mat – das „Hand­buch“, das schlie­ß­lich al­len Rhein­ab­schnit­ten „von Schaff­hau­sen bis Hol­lan­d“ ge­wid­met ist, ist drei­mal so lang wie Gernings Rei­se­be­schrei­bung – äh­neln sich bei­de in vie­ler­lei Hin­sicht. Bei­de schrie­ben in ei­nem hö­fi­schen Um­feld, Schrei­ber als Hof­his­to­rio­graph des ba­di­schen Her­zogs, Gerning als Di­plo­mat in nas­saui­schen Diens­ten. Bei­de stell­ten ih­ren Wer­ken Wid­mun­gen an ih­re fürst­li­chen Her­ren vor­an, die dem heu­ti­gen Le­ser reich­lich fremd er­schei­nen, und Gerning flocht be­reits hier die rö­mi­sche Ver­gan­gen­heit ein, in dem er die bau­li­chen Über­res­te rö­mi­scher Herr­schaft als mit der Na­tur ver­wo­be­ne Land­schafts­merk­ma­le in­sze­nier­te und dem nas­saui­schen Staat ei­ne Tra­di­ti­ons­li­nie vom Stamm der Ba­ta­ver bis in sei­ne Ge­gen­wart be­schei­nig­te. Bei­de schrie­ben er­klär­ter­ma­ßen für ein ge­lehr­tes Pu­bli­kum, will hei­ßen für Le­ser, die ein hu­ma­nis­ti­sches Gym­na­si­um ab­sol­viert hat­ten und mit den an­ti­ken Au­to­ren, zu­mal den Aus­füh­run­gen Cae­sars (100-44 v. Chr.) und Ta­ci­tus` (58-117 n.Chr.) über die „Ger­ma­nen“, ver­traut wa­ren. Bei­de nah­men für sich in An­spruch, lo­ka­le Über­lie­fe­run­gen und Volks­a­gen mit kri­ti­schem Blick auf­ge­nom­men und dar­ge­stellt zu ha­ben. So ha­ben die bei­den Au­to­ren in be­zeich­nen­der Fül­le die Er­wäh­nun­gen ein­zel­ner Rhein­or­te in der an­ti­ken Li­te­ra­tur her­aus­ge­stellt und be­son­ders Gerning hat gan­ze Pas­sa­gen aus an­ti­ken Tex­ten zi­tiert.

Epitaph des in der Varusschlacht umgekommenen Centurios Marcus Caelius und seiner Freigelassenen.

 

Nun ist die Zahl von Or­ten, die da­für in Fra­ge kom­men ge­ring und be­schränkt sich haupt­säch­lich auf ehe­ma­li­ge rö­mi­sche Zen­tren im Rhein­land wie Köln und Mainz. Doch hin­der­te das die bei­den Ver­fas­ser nicht dar­an, wo es nur ir­gend pass­te, ety­mo­lo­gi­sche Mut­ma­ßun­gen an­zu­stel­len – so wird Bonn-Drans­dorf um­stands­los von „Tra­jans­dor­f“ ab­ge­lei­tet – und Or­te und Land­schafts­merk­ma­le mit Na­men aus den Tex­ten an­ti­ker Au­to­ren zu iden­ti­fi­zie­ren. Ei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit für die Al­te Ge­schich­te der Rhein­lan­de wird auch deut­lich, wenn die lo­ka­len Al­ter­tums­ver­ei­ne und -Samm­lun­gen als ei­gen­stän­di­ge At­trak­tio­nen be­schrie­ben wer­den und nicht zu­letzt in der Auf­lis­tung der (ech­ten oder ver­meint­li­chen) bau­li­chen Re­lik­te rö­mi­scher Herr­schaft am Rhein, die den Rei­sen­den im frü­hen 19. Jahr­hun­dert ge­zeigt wur­den. Das wa­ren so­wohl zahl­lo­se Kir­chen, Schlös­ser und Be­fes­ti­gungs­an­la­gen, de­ren Fun­da­men­te man zu Res­ten rö­mi­scher Tem­pel und Kas­tel­le er­klär­te, als auch rö­mi­sche Grab­stei­ne, die man nicht mehr wei­ter­ver­wen­de­te, son­dern öf­fent­lich aus­stell­te, und auch aus den an­ti­ken Au­to­ren be­kann­te Ein­zel­or­te. So ver­or­te­te Schrei­ber die bis heu­te nicht über­zeu­gend lo­ka­li­sier­te „Ara ubio­rum“ auf dem Go­des­berg, wäh­rend sie an­de­re ge­bil­de­te Rei­sen­de in der Bon­ner In­nen­stadt be­sich­tig­ten. Jo­hann von Gerning wie­der­um füg­te sei­ner Rei­se­be­schrei­bung ei­nen mehr­sei­ti­gen Ex­kurs über die di­ver­sen Rhein­or­te an, die für sich in An­spruch nah­men, Schau­platz der Rhein­über­que­rung Cae­sars ge­we­sen zu sein und da­mit am Aus­gangs­punkt rö­mi­scher Herr­schaft am Rhein ge­stan­den zu ha­ben.

3. Heimatforscher & Kultuspolitiker – Akteure rheinischer Antike-Rezeption

Die An­eig­nung der an­ti­ken Ver­gan­gen­heit des Rhein­lands durch die plan­vol­le Er­gra­bung und Samm­lung ih­rer Re­lik­te wur­de im 19. Jahr­hun­dert vor­nehm­lich durch pri­va­te In­itia­ti­ven vor­an­ge­trie­ben, vor al­lem durch das ra­sant wach­sen­de Ver­eins­we­sen. Am En­de des Jahr­hun­derts zähl­te man in der Rhein­pro­vinz fünf re­gio­na­le und 17 lo­ka­le Al­ter­tums­ver­ei­ne. Stell­ver­tre­tend für die­ses brei­te Spek­trum sol­len die bei­den äl­tes­ten Al­ter­tums­ver­ei­ne der Rhein­pro­vinz prä­sen­tiert wer­den: Die „Ge­sell­schaft für Nütz­li­che For­schun­gen zu Trier“ (GFNF) und die „Al­ter­tums­freun­de im Rhein­lan­d“. Bei­de Ver­ei­ne ha­ben, zum Bei­spiel durch ih­re je­wei­li­gen Ver­eins­zeit­schrif­ten, ei­nen um­fas­sen­den Quel­len­fun­dus hin­ter­las­sen und zum Teil auch be­reits selbst für Fra­ge­stel­lun­gen der Lan­des- und Wis­sen­schafts­ge­schich­te her­an­ge­zo­gen. Sie ha­ben aus­schlag­ge­bend zur Grün­dung der Pro­vin­zi­al- und heu­ti­gen Lan­des­mu­se­en in Bonn und Trier bei­ge­tra­gen, de­ren Ein­zug in re­prä­sen­ta­ti­ve Neu­bau­ten am En­de des 19. Jahr­hun­derts den Flucht­punkt die­ser Dar­stel­lung bil­det.

'Il ponte di Cesare sul Reno' oder Caesar's Rheinbrücke von John Soane (1753-1837), 1814.

 

Die Wur­zeln der GFNF las­sen sich, auch an­hand per­so­na­ler Kon­ti­nui­tä­ten, bis in das Kli­ma auf­klä­re­ri­scher Ver­eins­grün­dun­gen in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts ver­fol­gen. Die Grün­dung er­folg­te 1801 un­ter fran­zö­si­scher Herr­schaft und un­ter An­bin­dung an das post­re­vo­lu­tio­nä­re Wis­sen­schafts­sys­tem Frank­reichs. Ge­tra­gen wur­de die Ver­ei­ni­gung haupt­säch­lich von Be­am­ten, et­wa Rich­tern und Leh­rern und ei­ni­gen we­ni­gen Ver­tre­tern der frei­en Be­ru­fe, au­ßer­dem ent­stand ein Netz­werk kor­re­spon­die­ren­der Mit­glie­der in den klei­ne­ren Or­ten der Re­gi­on. Lo­ka­le Amts­trä­ger, be­son­ders die Pfarr­geist­li­chen, wa­ren auf die­sem We­ge die wich­tigs­ten In­for­man­ten für ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de. Uni­ver­si­täts­ge­lehr­te sucht man ver­geb­lich, wur­de doch die Trie­rer Uni­ver­si­tät nach ih­rer Schlie­ßung 1798 nicht wie­der­er­öff­net. Für meh­re­re Jahr­zehn­te war die re­gio­na­le Ge­schich­te da­bei nur ein nach­ran­gi­ges Be­tä­ti­gungs­feld un­ter vie­len. Die Ge­sell­schaft dis­ku­tier­te vor al­lem land­wirt­schaft­li­che Pro­ble­me und Fra­gen von Han­del und In­dus­trie. Au­ßer­dem führ­te sie sta­tis­ti­sche Er­he­bun­gen zu all­ge­mein-na­tur­wis­sen­schaft­li­chen und spe­zi­ell geo­gra­phi­schen so­wie zu wirt­schaft­li­chen The­men durch, zu­nächst für den fran­zö­si­schen Prä­fek­ten, ab 1815 für den preu­ßi­schen Re­gie­rungs­prä­si­den­ten und er­hielt für die­se Zwe­cke fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung durch den fran­zö­si­schen re­spek­ti­ve preu­ßi­schen Staat. Über meh­re­re Jahr­zehn­te hin­weg, wäh­rend de­rer es zu ei­ner re­gel­rech­ten Grün­dungs­wel­le von Ge­schichts­ver­ei­nen in Deutsch­land kam, ver­rin­ger­te die GFNF ihr En­ga­ge­ment in land­wirt­schaft­li­chen und an­de­ren Be­rei­chen, un­ter an­de­rem, weil ih­re Ex­per­ti­se schlicht we­ni­ger nach­ge­fragt wur­de, bis 1850 nur noch die his­to­ri­sche Ziel­set­zung blieb. Mit der Grün­dung ei­ner ei­ge­nen Zeit­schrift, den „Jah­res­be­rich­ten der Ge­sell­schaft für Nütz­li­che For­schun­gen zu Trier“ im Jahr 1852 wur­de die „Ge­sell­schaf­t“ auch all­ge­mein als Ge­schichts­ver­ein an­ge­se­hen. Der Be­trieb die­ser Zeit­schrift und die Netz­werk­bil­dung zum Aus­tausch der ei­ge­nen Pu­bli­ka­tio­nen mit an­de­ren Ge­schichts­ver­ei­nen und da­mit zu­sam­men­hän­gend Auf­bau und Pfle­ge ei­ner Spe­zi­al­bi­blio­thek wa­ren die Kern­auf­ga­ben der Ge­sell­schaft, sie er­mög­lich­te die über­re­gio­na­le Teil­ha­be an Ent­wick­lun­gen in der Al­ter­tums­kun­de und be­fruch­te­te so auch die hei­mi­sche Ar­chäo­lo­gie und Denk­mal­pfle­ge, den zwei­ten Schwer­punkt der Ver­eins­tä­tig­keit. Ei­ne Denk­mal­schutz­ge­setz­ge­bung und eta­blier­te Ver­fah­ren staat­li­cher Denk­mal­pfle­ge gab es in Preu­ßen wäh­rend des ge­sam­ten 19. Jahr­hun­derts nicht. Grö­ße­re Be­reit­schaft zu staat­li­chem En­ga­ge­ment, das über Ein­zel­fäl­le hin­aus­ging, kam erst wäh­rend des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts im Kai­ser­reich auf. Hier tra­ten lo­ka­le Ak­teu­re, wie eben die GFNF oder auch der „Christ­lich ar­chäo­lo­gisch-his­to­ri­sche Ver­ein für die Diö­ze­se Trier“ her­vor und zeug­ten von der vor Ort um sich grei­fen­den Über­zeu­gung, dass die an­ti­ken Re­lik­te am Rhein und sei­nen Ne­ben­flüs­sen grund­sätz­lich er­hal­tens­wert und von ei­nem hö­he­ren In­ter­es­se wa­ren, wäh­rend in Ber­lin die Kon­zen­tra­ti­on auf die klas­si­sche, vor­bild­haf­te An­ti­ke nach Jo­hann Joa­chim Win­kel­mann (1717-1768) und ei­ne ge­wis­se Ge­ring­schät­zung der Pro­vinz vor­herrsch­te. So sam­mel­te die Ge­sell­schaft et­wa durch ei­ne über­re­gio­na­le An­zei­gen­kam­pa­gne Geld­mit­tel, um die Por­ta Ni­gra von ei­nem un­au­then­ti­schen Zoll­häus­chen jün­ge­ren Da­tums zu „be­frei­en.“ Eben­so or­ga­ni­sier­te man selbst die Fi­nan­zie­rung von Aus­gra­bun­gen und warb bei Un­ter­neh­mun­gen grö­ße­ren Um­fangs um staat­li­che Un­ter­stüt­zung. So hat Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858, ge­stor­ben 1861) in den 1830er Jah­ren per­sön­lich grö­ße­re Geld­sum­men für die Er­for­schung der an­ti­ken Groß­bau­ten in Trier zur Ver­fü­gung ge­stellt. Füh­lung mit den ma­ß­geb­li­chen staat­li­chen Stel­len hielt man auch durch die im zeit­ge­nös­si­schen Ge­schichts­ver­eins­we­sen üb­li­che Pra­xis, ho­hen staat­li­chen Funk­ti­ons­trä­gern die Eh­ren­mit­glied­schaft oder re­prä­sen­ta­ti­ve Äm­ter im Ver­ein an­zu­tra­gen. Re­sul­tat war die An­ti­ken­samm­lung der Ge­sell­schaft, die zu­nächst im kö­nig­li­chen Gym­na­si­um Trier, ab 1845 in der Por­ta Ni­gra un­ter­ge­bracht war. Bis zur Ein­rich­tung des Pro­vin­zi­al­mu­se­ums wur­de die­se Samm­lung über 70 Jah­re lang ver­mehrt und die Ge­sell­schaft nahm – wie­wohl er­folg­los – ei­ne Al­lein­zu­stän­dig­keit für sich in An­spruch, wo­nach al­le Trie­rer Fun­de ih­rer Samm­lung zu­kom­men müss­ten.

Porta Nigra und das daneben gelegene Simeonstor während des Abriss der Doppelkirche, Aquatinta von Johann Anton Ramboux (1790-1866), 1814.

Porta Nigra um 1900, Photochrom-Druck. (Library of Congress, Prints and Photographs Division, Photochrom Prints Collection, LC-DIG-ppmsca-00685)

 

Der „Ver­ein von Al­ter­tums­freun­den im Rhein­lan­de“ zu Bonn wur­de 1841 im Zu­ge der Wel­le von Ver­eins­grün­dun­gen wäh­rend des zwei­ten Vier­tels des Jahr­hun­derts ge­grün­det und war von vor­ne­her­ein als rei­ner Ge­schichts­ver­ein oder bes­ser Al­ter­tums­ver­ein an­ge­legt. Wenn­gleich es durch­aus Über­ein­stim­mun­gen hin­sicht­lich der per­so­nel­len Zu­sam­men­set­zung des Ver­eins mit Trier gab und auch in Bonn an die be­währ­te Pra­xis an­ge­knüpft wur­de, be­deu­ten­de Wür­den­trä­ger zu Eh­ren­mit­glie­dern zu er­nen­nen, so ist doch ge­ra­de an den ers­ten Jah­ren der „Al­ter­tums­freun­de“ er­sicht­lich, wel­che Ver­än­de­run­gen der re­gio­na­len An­ti­ke-Re­zep­ti­on grund­sätz­lich um die Jahr­hun­dert­mit­te ih­ren An­fang nah­men. Im Bon­ner Ver­ein tra­fen an­ti­qua­risch In­ter­es­sier­te al­ten Stils, wie Sul­piz Bo­is­se­rée (1783-1854), auf jun­ge Uni­ver­si­täts­ge­lehr­te, wie den klas­si­schen Phi­lo­lo­gen und Ar­chäo­lo­gen Lud­wig Ur­lichs (1813-1889). Nun ist es ein wie­der­keh­rend zu be­ob­ach­ten­des Phä­no­men, dass „Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler“ me­tho­disch und the­ma­tisch in zu­vor mar­gi­na­li­sier­te Sphä­ren vor­sto­ßen, um sich ein ei­ge­nes wis­sen­schaft­li­ches Pro­fil zu bil­den, doch zeugt die Ver­eins­ar­beit von Män­nern wie Ur­lich oder auch Hein­rich von Sy­bel (1817-1895), wel­che die ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben im Ver­ein er­le­dig­ten und ei­nen Gro­ß­teil der Pu­bli­ka­tio­nen be­strit­ten, da­von, dass die an­ti­ke Ver­gan­gen­heit des Rhein­lands zu­neh­mend auch für aka­de­misch Am­bi­tio­nier­te von In­ter­es­se war. Wäh­rend die „Al­ter­tums­freun­de“ zwar wei­ter­hin je­des Jahr auf­wän­dig das Win­kel­mann-Fest fei­er­ten, so zeug­ten sie den­noch deut­li­cher als die uni­ver­si­täts­fer­ne­re GFNF von wis­sen­schafts­ge­schicht­li­chen Um­brü­chen im Be­reich der Al­ter­tums­kun­de. Die­se Ver­bin­dung mit der Uni­ver­si­tät be­deu­te­te auch ei­ne be­son­de­re Be­zie­hung der „Al­ter­tums­freun­de“ zur dort ver­wahr­ten staat­li­chen An­ti­ken­samm­lung Wil­helm Do­rows (1790-1845), we­ni­ger ein Ge­gen­ein­an­der, wie es in Trier lan­ge zwi­schen GFNF und der amt­li­chen Samm­lungs­tä­tig­keit des Re­gie­rungs- und Bau­rats Carl Fried­rich Qued­now (1780-1836) herrsch­te. Die „Al­ter­tums­freun­de“ ge­wan­nen auch be­reits kurz nach ih­rer Grün­dung das Pri­vi­leg, ge­schäft­li­che Kor­re­spon­denz durch por­to­freie Nut­zung der Staats­post zu be­trei­ben. Die sol­cher­art be­trie­be­ne Netz­werk­bil­dung, der Aus­tausch der Pu­bli­ka­tio­nen mit an­de­ren Ge­schichts­ver­ei­nen und dar­auf auf­bau­end der Be­trieb ei­ner Bi­blio­thek bil­de­ten auch in Bonn ein Stand­bein der Ver­eins­tä­tig­keit. In den Jah­res­be­rich­ten fin­det sich re­gel­mä­ßig Dank für kor­re­spon­die­ren­de Mit­glie­der, be­freun­de­te In­sti­tu­tio­nen oder Ein­zel­per­so­nen, wel­che die „Al­ter­tums­freun­de“ mit selbst ver­fass­ter oder aber ge­sam­mel­ter Fach­li­te­ra­tur be­dach­ten. Zwei­tes Stand­bein war die In­spi­ra­ti­on und fi­nan­zi­el­le Er­mög­li­chung von Aus­gra­bun­gen in der gan­zen Rhein­pro­vinz und durch­aus auch in Kon­kur­renz zu an­de­ren Ver­ei­nen wie der GFNF. An­ders als in Trier blie­ben die Er­trä­ge die­ser Gra­bun­gen bis zur Grün­dung der Pro­vin­zi­al­mu­se­en von der staat­li­chen Samm­lung an der Uni­ver­si­tät ge­trennt und wur­den im Arndt-Haus am Rhein­ufer und in der Mar­tins­schu­le ver­wahrt. Die „Al­ter­tums­freun­de“ or­ga­ni­sier­ten re­gel­mä­ßi­ge Abend­ge­sell­schaf­ten mit dem Ziel, brei­te­ren Schich­ten die Ge­le­gen­heit zur Be­tei­li­gung an „wis­sen­schaft­li­chen Ver­hand­lun­gen“ zu bie­ten, oh­ne da­bei das streng wis­sen­schaft­li­che Ver­fah­ren ei­ner rein fach­wis­sen­schaft­li­chen Zu­sam­men­kunft für sich in An­spruch zu neh­men. Die klas­si­sche An­ti­ke er­fuhr in Vor­trä­gen und Auf­sät­zen fort­dau­ernd die Auf­merk­sam­keit der „Al­ter­tums­freun­de“ und wur­de be­son­ders von nam­haf­ten Fach­ver­tre­tern wie Fried­rich Gott­lieb Wel­cker prä­sen­tiert, zah­len­mä­ßig über­wo­gen je­doch die Bei­trä­ge zur An­ti­ke am Rhein in al­len Fa­cet­ten. Man war auch be­müht, die­se in ei­nen grö­ße­ren Zu­sam­men­hang zu stel­len und die be­son­de­re Be­deu­tung des Rhein­lands für die rö­mi­sche Ge­schich­te von Cä­sar an bis zu den gen­ti­len Nach­fol­ge­rei­chen der Spät­an­ti­ke zu be­an­spru­chen: „Den­ken Sie sich un­se­re Mit­glie­der, die em­si­gen Geist­li­chen, Rich­ter, Bür­ger­meis­ter, Oeko­no­men, wel­che jetzt wett­ei­fern über je­des Denk­mal so­fort un­ei­gen­nüt­zig zu be­rich­ten, oh­ne Ver­bin­dung mit die­sem Mit­tel­punkt: für Welt und Wis­sen­schaft wür­den die lau­ten Zeug­nis­se über die Grös­se der Rö­mer ver­stum­men“.[1] Auch wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Fra­gen wur­den in Bonn er­ör­tert und lie­ßen die „Al­ter­tums­freun­de“ An­teil ha­ben an der fach­li­chen Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Uni­ver­si­tä­ten und da­mit ein­her­ge­hen­den „Re­vier­kämp­fen“. Da­bei wird aus der Ge­men­ge­la­ge deut­lich, dass die Ent­wick­lung hin zu ei­ner „zweck­lo­sen“ An­eig­nung der Ver­gan­gen­heit, nur um des Wis­sens Wil­len, zu ei­nem ma­ß­geb­li­chen Ide­al wur­de, oh­ne da­bei die Vor­stel­lung von ei­ner be­son­ders ach­tens- und nach­ah­mens­wer­ten Grö­ße der An­ti­ke gänz­lich auf­zu­ge­ben.

Wäh­rend des „lan­gen“ 19. Jahr­hun­derts war die Rhei­ni­sche Fried­rich-Wil­helms Uni­ver­si­tät in Bonn der ein­zi­ge Ort in­sti­tu­tio­nel­ler aka­de­mi­scher his­to­ri­scher For­schung, nach­dem die äl­te­ren Uni­ver­si­tä­ten von Köln, Trier un­d Duis­burg un­ter fran­zö­si­scher Herr­schaft auf­ge­löst und von der neu­en preu­ßi­schen Re­gie­rung nicht wie­der ein­ge­rich­tet wor­den wa­ren. Da­mals be­gann ei­ne an­hal­ten­de Ent­wick­lung zu mas­si­ver Aus­dif­fe­ren­zie­rung und Spe­zia­li­sie­rung der Wis­sen­schaft. So be­fass­te sich in Bonn durch­aus noch der Typ des Uni­ver­sal­ge­lehr­ten, wie Au­gust Wil­helm von Schle­gel (1767-1845) mit der An­ti­ke, wäh­rend gleich­zei­tig Spe­zia­lis­ten für klas­si­sche Phi­lo­lo­gie, wie Fried­rich Rit­schl (1806-1876), für Ar­chäo­lo­gie und Ge­schichts­wis­sen­schaft ih­re Fel­der ab­zu­ste­cken be­gan­nen und aus ih­rer je­wei­li­gen Per­spek­ti­ve über Al­te Ge­schich­te la­sen. Mit Fried­rich Gott­lieb Wel­cker un­d Bar­t­hold Ge­org Nie­buhr (1776-1831), dem Be­grün­der der mo­der­nen em­pi­ri­schen Ge­schichts­wis­sen­schaft in Deutsch­land, lehr­ten be­son­ders nam­haf­te Al­ter­tums­kund­ler wäh­rend der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts an der Bon­ner Uni­ver­si­tät, doch galt ih­re Auf­merk­sam­keit in je­der Hin­sicht den me­di­ter­ra­nen Zen­tren der an­ti­ken Welt. Der ers­te An­lauf zur Grün­dung ei­nes Pro­vin­zal­mu­se­ums un­ter Wil­helm Do­row schei­ter­te nicht zu­letzt an der Uni­ver­si­tät, die ih­re ex­klu­si­ve Stel­lung als ma­ß­geb­li­che geis­tig-kul­tu­rel­le In­sti­tu­ti­on und ih­re Deu­tungs­ho­heit über Zie­le und Me­tho­den der An­eig­nung der Ver­gan­gen­heit ver­bis­sen ver­tei­dig­te. Hin­sicht­lich der Ver­ga­be von Räu­men im Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de für die Samm­lung Do­rows gab man sich al­les an­de­re als hilf­reich, die Pro­fes­so­ren be­an­spruch­ten, selbst die zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Re­lik­te zu prü­fen und stell­ten so Do­rows Kom­pe­ten­zen als „Pro­vinz­kon­ser­va­tor“ in Ab­re­de.

Nach Do­rows Ab­schied aus Bonn 1823 wur­de das Rumpf­mu­se­um un­ter der Ver­ant­wor­tung von Schle­gel in ge­wis­sen Gren­zen in die Uni­ver­si­tät in­te­griert und beim Kul­tus­mi­nis­te­ri­um auch um fi­nan­zi­el­le Mit­tel zur Pfle­ge der Samm­lung nach­ge­sucht. Die rhei­ni­schen Al­ter­tums­fun­de er­hiel­ten nun zwar end­gül­tig ei­ge­ne Räu­me in der Uni­ver­si­tät, grö­ße­re Neu­an­schaf­fun­gen blie­ben aber aus, und bis zu Schle­gels Tod 1845 führ­te die Samm­lung ein we­nig be­merk­tes Da­sein im Schat­ten des Aka­de­mi­schen Kunst­mu­se­ums. Dies än­der­te sich erst durch ei­nen Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel, als sich Wel­cker, in Schle­gels Nach­fol­ge für das Mu­se­um ver­ant­wort­lich, Lud­wig Ur­lichs als As­sis­ten­ten wähl­te. Die­ser steht re­prä­sen­ta­tiv für ei­ne Ge­ne­ra­ti­on von Al­ter­tums­wis­sen­schaft­lern, die nicht nur stark in der auf­kom­men­den Na­tio­nal­be­we­gung ak­tiv wa­ren, son­dern auch bei ih­rer pro­fes­sio­nel­len Aus­ein­an­der­set­zung mit der An­ti­ke der ei­ge­nen Hei­mat be­zie­hungs­wei­se der pro­vin­zia­len Pe­ri­phe­rie der rö­mi­schen Welt Auf­merk­sam­keit schenk­ten. Wis­sen­schaft­ler wie Ur­lichs po­si­tio­nier­ten sich in den De­bat­ten, wel­che die Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Er­for­schung der Ver­gan­gen­heit in die ei­gen­stän­di­gen Lehr­fä­cher Phi­lo­lo­gie, Ar­chäo­lo­gie und Ge­schich­te be­glei­te­ten und ver­schaff­ten durch ih­re Ver­eins­ar­beit und Pu­bli­ka­ti­ons­tä­tig­keit die­sen Kon­flik­ten ei­nen Re­so­nanz­kör­per au­ßer­halb der Uni­ver­si­tät.

Wilhelm Dorow. Zeichnung von E. Grünler, um 1830.

 

Mit der Be­ru­fung von Hein­rich Nis­sen (1839-1912), der 1884 als zwei­ter Pro­fes­sor in Bonn nach Ar­nold Schae­fer (1819-1883) ei­nen aus­drück­lich der Al­ten Ge­schich­te ge­wid­me­ten Lehr­stuhl er­hielt, lässt sich zum En­de des Jahr­hun­derts hin die end­gül­ti­ge Eta­blie­rung pro­vin­zi­al­rö­mi­scher Ge­schich­te als ei­nen le­gi­ti­men Teil­be­reich uni­ver­si­tä­rer Al­ter­tums­kun­de fest­stel­len. Den emi­nent po­li­ti­schen Cha­rak­ter, den die er­folg­rei­che Hin­wen­dung zur re­gio­na­len An­ti­ke in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts für die Zeit­ge­nos­sen hat­te, hat Nis­sen in sei­ner Rek­to­rats­re­de 1894, ein Jahr nach der Er­öff­nung des neu­en Pro­vin­zi­al­mu­se­ums in Bonn, selbst her­aus­ge­stellt: „Denn nur aus der Ver­gan­gen­heit ler­nen wir die Ge­gen­wart ver­ste­hen, die Ei­gen­art die­ser Pro­vinz, ih­re Son­der­stel­lung an­de­ren Thei­len un­se­res Staats­we­sens ge­gen­über be­grei­fen. In frü­he­ren Zei­ten ist sol­che Auf­ga­be nicht mit glei­cher Schär­fe an­er­kannt und be­tont wor­den, wie heu­ti­gen Tags ge­schieht. Als die Er­fah­rungs­wis­sen­schaf­ten von der spe­cu­la­ti­ven Phi­lo­so­phie be­herrscht wur­den, un­ter­schied man zwi­schen all­ge­mei­ner oder aka­de­mi­scher Ge­schich­te auf der ei­nen, Stadt- und Pro­vin­zi­al­ge­schich­te auf der an­de­ren Sei­te. Je­ne wur­de fach­män­nisch von den Uni­ver­si­tä­ten be­trie­ben, die Pfle­ge der Hei­mathks­kun­de blieb den Lieb­ha­bern und Lo­cal­for­schern, so zu sa­gen dem his­to­ri­schen Land­sturm über­las­sen. Die­se wi­der­sin­ni­ge Tren­nung ist durch den na­tio­na­len Auf­schwung von 1870 be­sei­tigt wor­den; denn die Werth­schät­zung der Ver­gan­gen­heit hat bei un­se­rem wie bei an­de­ren Völ­kern stets ab­ge­han­gen von dem Selbst­be­wusst­sein und dem Ver­trau­en, mit dem es in die Zu­kunft blick­te.“[2] 

Am En­de des 19. Jahr­hun­derts war die rö­mi­sche Ver­gan­gen­heit des Rhein­lands al­so zu ei­nem gern her­an­ge­zo­ge­nen Merk­mal pa­trio­ti­scher Iden­ti­tät und Selbst­ver­ge­wis­se­rung ge­wor­den. Hein­rich Nis­sen ver­glich die rö­mi­sche Ex­pan­si­on in Mit­tel­eu­ro­pa mit der Er­obe­rung der „Neu­en Welt“ jen­seits des At­lan­tik und nann­te das Rhein­land das „nor­di­sche El­do­ra­do“. Ger­ma­ni­scher Kamp­fes­mut und ger­ma­ni­sche Krie­ger­kör­per wur­den mit der zeit­ge­nös­sisch in­ten­siv dis­ku­tier­ten stu­den­ti­schen Men­sur ver­gli­chen.

Bronze-Relief des Althistorikers Heinrich Nissen (1839 – 1912) auf dem Poppelsdorfer Friedhof in Bonn, gestaltet von Albrecht Küppers, 1912. (Jotquadrat / CC-BY-SA 3.0)

 

4. Ausgrabungen & Museeumsbauten – Formen rheinischer Antike-Rezeption

Für lan­ge Zeit wa­ren re­gio­na­le Fun­de an­ti­ker Re­lik­te prak­tisch durch­weg Zu­fäl­le ge­we­sen, die beim Stra­ßen­bau und an­de­ren Bau­maß­na­men und nicht zu­letzt bei land­wirt­schaft­li­cher Ar­beit zu Ta­ge ge­för­dert wur­den. Zwar reg­ten sie die Phan­ta­sie der ört­li­chen Be­völ­ke­rung an und sti­mu­lier­ten er­folg­rei­che Wan­der­le­gen­den von ver­bor­ge­nen Schät­zen aus al­ter Zeit, doch hat­ten sie lan­ge kei­ne plan­mä­ßi­gen Nach­gra­bun­gen zur Fol­ge. Dies än­der­te sich, als auf dem Wie­ner Kon­gress 1815 die Rhein­lan­de an das Kö­nig­reich Preu­ßen fie­len. Das an­he­ben­de bil­dungs­bür­ger­li­che In­ter­es­se an hei­mi­schen Al­ter­tü­mern traf nun auf ei­ne ak­ti­ve Kul­tur­po­li­tik durch den Ober­prä­si­den­ten der preu­ßi­schen Pro­vinz Jü­lich-Kle­ve-Berg, Fried­rich Graf von Solms-Lau­bach (1769-1822), der zwi­schen­zeit­lich auch als Ku­ra­tor der neu­ge­grün­de­ten Bon­ner Uni­ver­si­tät am­tier­te, so­wie auch der Ber­li­ner Re­gie­rung. Als frü­hes Bei­spiel die­ses Zu­sam­men­wir­kens von lo­ka­lem bil­dungs­bür­ger­li­chem En­ga­ge­ment ei­ner­seits und ob­rig­keit­li­chem In­ter­es­se an­de­rer­seits zeu­gen die Aus­gra­bun­gen, die von dem aus Lu­zern stam­men­dem Bon­ner Gym­na­si­al­pro­fes­sor Karl Ruck­stuhl (1788-1831) un­ter der per­sön­li­chen An­teil­na­me Solms-Lau­bachs im Bon­ner Nor­den vor­ge­nom­men wur­den. Das frag­li­che Ge­län­de des „Wi­chels­hof­s“ war von al­ters her als Quell an­ti­ker Re­lik­te in Bonn be­kannt, doch erst ab 1817 wur­de die Ört­lich­keit um­fäng­lich und sys­te­ma­tisch ab­ge­sucht, nach­dem Solms-Lau­bach Geld­mit­tel für die Gra­bungs­ar­bei­ten und zur Ent­schä­di­gung der Grund­ei­gen­tü­mer be­reit­ge­stellt hat­te. Die Neu­grün­dung der Uni­ver­si­tät in Bonn 1818 sorg­te für mehr ge­lehr­te Kom­pe­tenz und – theo­re­tisch – für ei­nen Ort zur Samm­lung und Aus­stel­lung der Fun­de, denn Solms-Lau­bach setz­te sich auch für die Grün­dung ei­nes rhei­ni­schen Mu­se­ums im Ge­fü­ge der Uni­ver­si­tät ein.

1820 wur­den die Gra­bungs­ak­ti­vi­tä­ten im Rhein­land durch den preu­ßi­schen Staats­kanz­ler Karl Au­gust Fürst von Har­den­berg (1750-1822) auf ei­ne ein­heit­li­che Grund­la­ge ge­stellt, als die­ser Wil­helm Do­row, der be­reits in Nas­sau Aus­gra­bun­gen vor­ge­nom­men hat­te, zum Grün­dungs­di­rek­tor des pro­jek­tier­ten Mu­se­ums er­nann­te und da­bei die po­li­ti­schen Leit­li­ni­en für den zu­künf­ti­gen Um­gang mit den ar­chäo­lo­gi­schen Re­lik­ten der An­ti­ke fest­leg­te. Al­le auf Staats­kos­ten in der Rhein­pro­vinz vor­ge­nom­me­nen Aus­gra­bun­gen soll­ten in Zu­kunft un­ter Do­rows Lei­tung ste­hen, doch soll­te da­durch kein Re­gie­rungs­mo­no­pol auf Aus­gra­bun­gen be­grün­det wer­den, son­dern viel­mehr all­ge­mei­nes In­ter­es­se an der­lei Er­for­schung des Hei­mat­bo­dens an­ge­regt und be­för­dert wer­den. Mit lo­ka­len In­itia­ti­ven soll­te Do­row auf Au­gen­hö­he zu­sam­men­ar­bei­ten. Zwar soll­te er durch­aus die Pro­vinz nach Ori­gi­nal­stü­cken und Vor­la­gen für Gips­ab­drü­cke zur Aus­stat­tung des zu­künf­ti­gen Mu­se­ums ab­su­chen, da­bei je­doch ent­schie­den Zu­rück­hal­tung üben und an frei­wil­li­ge Un­ter­stüt­zung sei­ner Mü­hen ap­pel­lie­ren, um den Ein­druck zu ver­mei­den, die Or­te der Rhein­pro­vinz wür­den ih­rer Schät­ze und Ver­bin­dungs­glie­der zur Ver­gan­gen­heit ent­klei­det. Al­les in al­lem war es dem Staats­kanz­ler dar­um zu tun, wie er ge­gen­über Solms-Lau­bach aus­führ­te, den Ein­woh­nern der Rhein­pro­vinz zu si­gna­li­sie­ren, dass die neu­en Her­ren in Ber­lin wohl­wol­len­des, an­er­ken­nen­des In­ter­es­se an den Neu­bür­gern hät­ten und kei­ne Be­dro­hung ih­rer rhei­ni­schen Iden­ti­tät und Kul­tur­gü­ter dar­stell­ten.

Wie in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten die jun­ge Pro­vin­zi­al­ar­chäo­lo­gie funk­tio­nier­te, welch brei­te Auf­merk­sam­keit sie zu­neh­mend ge­noss und was für Är­ger­nis­se mit die­ser ein­her­ge­hen konn­ten, da­von zeugt das Mo­sa­ik von Nen­nig an der Mo­sel, das best­er­hal­te­ne Bo­den­mo­sa­ik nörd­lich der Al­pen. 1852 stieß ein Land­wirt zu­fäl­lig auf ei­nen Teil des Mo­sa­iks. Die GFNF er­fuhr zü­gig da­von und nahm sich der Sa­che an, in­dem sie un­ter der Lei­tung des Trie­rer Dom­ka­pi­tu­lars Jo­hann Ni­ko­laus von Wil­mow­sky (1801-1880) die Par­zel­le von ih­rem Ei­gen­tü­mer er­warb, ge­zielt ers­te Nach­gra­bun­gen an­stell­te, Maß­nah­men zur Kon­ser­vie­rung des Ge­fun­de­nen er­griff und den Fund in ih­ren Jah­res­be­rich­ten pu­bli­zier­te. Erst her­nach trug man das The­ma der preu­ßi­schen Pro­vinz­re­gie­rung vor, de­ren – vor al­lem fi­nan­zi­el­le – Un­ter­stüt­zung für lang­fris­ti­ge Gra­bun­gen und Kon­ser­va­ti­on un­er­läss­lich war. Als 1866 mit sol­chen Fi­nanz­mit­teln der Pro­vinz­re­gie­rung in ei­ner groß an­ge­leg­ten Gra­bung sämt­li­che Über­res­te der Vil­la, zu der das Mo­sa­ik ge­hört hat­te, er­schlos­sen wer­den soll­te, wa­ren die rö­mi­sche An­ti­ke in der Rhein­pro­vinz und das Mo­sa­ik von Nen­nig The­ma in be­deu­ten­den, über­re­gio­na­len Zei­tun­gen. Zur Bla­ma­ge für die Trie­rer Ak­teu­re der rhei­ni­schen Al­ter­tums­for­schung ge­riet das The­ma, als der mit der Aus­gra­bungs­lei­tung be­auf­trag­te Bild­hau­er Hein­rich Scha­ef­fer (ge­bo­ren 1837) In­schrif­ten­fun­de vor­leg­te, die Kai­ser Tra­jan (53-117 n. Chr.) als Er­bau­er der Vil­la aus­zu­wei­sen schie­nen. Nam­haf­te Ver­tre­ter der Al­ten Ge­schich­te, al­len vor­an Theo­dor Momm­sen (1817-1903), zo­gen die­se Deu­tung we­gen un­ter­schied­li­cher Wi­der­sprü­che in Zwei­fel und wit­ter­ten plum­pen Be­trug un­ter der Ver­wen­dung öf­fent­li­cher Gel­der. In Trier hielt die GFNF je­doch an Scha­ef­fers vor­geb­li­chen Fun­den und ih­rer Deu­tung fest. Wil­mow­sky ver­tei­dig­te den ur­sprüng­li­chen Stand­punkt selbst dann noch, als Ernst aus´m Werth (1829-1909) durch mi­nu­tiö­se Nach­ver­fol­gung von Scha­ef­fers Ak­ti­vi­tä­ten in Nen­nig und che­mi­sche Ana­ly­se auf­ge­fun­de­nen Put­zes die Fäl­schung nach­ge­wie­sen hat­te.

Pri­va­te Aus­gra­bun­gen wa­ren im 19. Jahr­hun­dert al­so lan­ge die Norm. Nur bei be­son­ders pro­mi­nen­ten Ein­zel­fäl­len trug der Staat die Kos­ten, der­weil sei­ne Bür­ger vie­ler­orts in re­gel­rech­tes „Gra­bungs­fie­ber“ ver­fie­len und das pri­va­te Aus­gra­bungs­we­sen nicht zu Un­recht als ei­ne Art „Spor­t“ be­zeich­net wur­de. Die aka­de­mi­sche Fach­ge­lehr­ten­schaft sah die­ses En­ga­ge­ment häu­fig kri­tisch, fürch­te­te un­sach­ge­mä­ße Be­hand­lung und letzt­lich Zer­stö­rung der an­ti­ken Re­lik­te durch die be­geis­ter­ten Ama­teur­grä­ber, doch war die Ar­chäo­lo­gie als Wis­sen­schaft erst im Ent­ste­hen be­grif­fen und er­fuhr in die­sem Kli­ma ge­ra­de die An­re­gung, ih­re Me­tho­den zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren und als Fach An­sprü­che auf ex­klu­si­ve Deu­tungs­ho­heit und spe­zia­li­sier­te Zu­stän­dig­keit gel­tend zu ma­chen.

Mit Do­rows Man­dat als „Ober­kon­ser­va­tor“ der rhei­ni­schen Al­ter­tü­mer war das Vor­ha­ben eng ver­wo­ben, ein staat­li­ches Mu­se­um von ganz neu­ar­ti­gem Zu­schnitt ein­zu­rich­ten. Ein Mu­se­um, das streng auf die Fund­stü­cke der Pro­vinz aus­ge­rich­tet war und da­bei al­len an­ti­ken Re­lik­ten Er­kennt­nis­wert und Aus­stel­lungs­wür­de zu­sprach. Do­row schrieb im De­zem­ber 1820, nach et­wa ei­nem Jahr in Bonn, an den Ober­prä­si­den­ten Solms-Lau­bach: „Kei­ne Al­terthü­mer sind dar­in auf­ge­nom­men wor­den, wel­che nicht in den Rhei­nisch-West­phä­li­schen Pro­vin­zen ge­fun­den sind; da­her darf die­se An­stalt auch nicht mit Mu­se­en ver­gli­chen wer­den, wel­che aus zu­sam­men­ge­kauf­ten Kunst­schät­zen al­ler Län­der ent­stan­den sind.“[3] Zur Ak­qui­se be­reis­te Do­row aus­gie­big die Pro­vinz, kor­re­spon­dier­te mit lo­ka­len Amts­trä­gern und mach­te ih­nen An­ge­bo­te für Re­lik­te aus ih­rem je­wei­li­gen Kom­pe­tenz­be­reich. Im­mer wie­der be­dräng­te er die Ber­li­ner Mi­nis­ter, in sei­nem In­ter­es­se auf die preu­ßi­schen Be­hör­den im Rhein­land au­to­ri­ta­tiv ein­zu­wir­ken. So zum Bei­spiel den Kriegs­mi­nis­ter Karl Ge­org von Ha­ke (1768-1835, Amts­zeit 1819-1833), der in Hin­blick auf den Fes­tungs- und mi­li­tä­ri­schen Stra­ßen­bau die für­sorg­li­che Über­ga­be mög­li­cher an­ti­ker Re­lik­te an Do­row ge­währ­leis­ten soll­te, denn Do­row be­fürch­te­te, dass an sol­chen Bau­maß­na­men be­tei­lig­te Sol­da­ten Fund­stü­cke ins Aus­land ver­kauf­ten.

Friedrich Ludwig Christian Graf zu Solms-Laubach (1769-1822).

 

Ein Grund­stein für das spä­te­re Rhei­ni­sche Lan­des­mu­se­um in Bonn und ein mar­kan­tes Bei­spiel für den Wan­del im Um­gang mit an­ti­ken Fund­stü­cken stel­len die be­reits ge­nann­ten „Kle­vi­schen Al­terthü­mer“ dar, die Do­row im Früh­som­mer 1820 er­warb. Lo­ka­len Wi­der­stand ge­gen die Über­füh­rung der „Kle­vi­schen Al­terthü­mer“ in den Bon­ner Samm­lungs­be­stand rang Do­row dann 1820 mit dem Ver­weis auf eben den Cha­rak­ter der al­ten Kle­ver Kunst­samm­lung nie­der, die Ge­gen­stän­de in der Schwa­nen­burg hät­ten kei­nen zwin­gen­den lo­ka­len Be­zug zu Kle­ve, son­dern ge­hör­ten als all­ge­mei­ne Zeug­nis­se der rö­mi­schen An­ti­ke am Rhein – und oh­ne­dies Staats­be­sitz –  in das zu Bonn ein­zu­rich­ten­de Mu­se­um. Jen­seits sol­cher Sam­mel­tä­tig­keit ent­wi­ckel­te sich das Bon­ner Mu­se­ums­pro­jekt je­doch nur lang­sam. Als Do­row 1823 Bonn ver­ließ, wa­ren die an­ge­sam­mel­ten Ob­jek­te an ver­schie­de­nen Or­ten in der Stadt, dar­un­ter Do­rows Pri­vat­woh­nung, ein­ge­la­gert. Der Kö­nigs­ber­ger hat­te sich er­folg­los an den Wi­der­stän­den der Bon­ner Pro­fes­so­ren­schaft und der Kul­tus­bü­ro­kra­tie ab­ge­ar­bei­tet; über­dies war er durch po­li­ti­sche Win­kel­zü­ge ins Ab­seits ge­ra­ten, die ei­ne Ver­le­gung des Mu­se­ums nach Köln hat­ten er­rei­chen sol­len. Für gut 50 Jah­re ver­blieb Do­rows Samm­lung oh­ne nen­nens­wer­te Er­wei­te­run­gen bei der Uni­ver­si­tät als ein we­nig be­ach­te­tes An­häng­sel des Aka­de­mi­schen Kunst­mu­se­ums und zeug­te von den Be­har­rungs­kräf­ten, wel­che den wis­sen­schaft­li­chen, päd­ago­gi­schen und po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen, die Fürst Har­den­berg und Graf Solms-Lau­bach bei der Be­ru­fung Do­rows um­ge­trie­ben hat­ten, ent­ge­gen­stan­den. Ei­ne in­ten­tio­nel­le An­eig­nung der an­ti­ken Ge­schich­te des Rhein­lands fand al­so wei­ter­hin nur in pri­va­ten In­itia­ti­ven, ge­wis­ser­ma­ßen in zi­vil­ge­sell­schaft­li­chem En­ga­ge­ment statt.

Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822), Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1758-1828). (Fotothek Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Foto-Inventar-Nr. F0014929)

 

Aus die­ser Rich­tung kam auch der An­stoß, die Idee vom Pro­vin­zi­al­mu­se­um wie­der­zu­be­le­ben, und je­nes – in heu­ti­gem Sprach­ge­brauch – zi­vil­ge­sell­schaft­li­che En­ga­ge­ment be­wirk­te so un­mit­tel­bar die Grün­dung des heu­ti­gen LVR-Lan­des­Mu­se­ums in Bonn und des Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­ums Trier. Ab En­de der 1860er Jah­re such­ten die im „Ver­ein von Al­ter­tums­freun­den im Rhein­lan­d“ ver­sam­mel­ten Hei­mat­for­scher ver­stärkt nach An­er­ken­nung und Be­för­de­rung ih­res Wir­kens durch den preu­ßi­schen Staat und tra­ten mit ei­ge­nen Vor­schlä­gen für die Zu­kunft der von Do­row zu­sam­men­ge­stell­ten Samm­lung im Spe­zi­el­len und rhei­ni­schen Al­ter­tums­fun­den im All­ge­mei­nen an das Ober­prä­si­di­um der Rhein­pro­vinz und das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin her­an. 1873 brach­te sich der Vi­ze­prä­si­dent der „Al­ter­tums­freun­de“ Ernst aus´m Weerth beim Ober­prä­si­den­ten Mo­ritz von Bar­de­le­ben (1814-1890) für ein Kon­ser­va­to­ren­amt, wie Do­row es in­ne­ge­habt hat­te, ins Ge­spräch und warb gleich­zei­tig da­für, des­sen un­voll­ende­tes Mu­se­ums­pro­jekt von der Uni­ver­si­tät los­zu­lö­sen. Die­se Be­mü­hun­gen hat­ten in­so­fern Er­folg, als dass die „Al­ter­tums­freun­de“ 1873 be­trächt­li­che fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dun­gen aus Mit­teln des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums und der Pro­vinz für ih­re An­ti­ken­samm­lung er­hiel­ten. Durch mi­nis­te­ri­el­len Er­lass wur­den am 9.2.1874 die bei­den Pro­vin­zi­al­mu­se­en ge­grün­det und mit ers­ten Geld­mit­teln für ih­re Samm­lungs­tä­tig­keit aus­ge­stat­tet.

Der po­li­ti­sche Cha­rak­ter ei­ner sol­chen Mu­se­ums­grün­dung, wie ihn Har­den­berg fünf Jahr­zehn­te zu­vor for­mu­liert hat­te, war auch in den 1870er Jah­ren of­fen­sicht­lich und so fand das Mu­se­ums­pro­jekt nun ei­ne Op­po­si­ti­on in kon­ser­va­tiv-ka­tho­li­schen Krei­sen, die es für ei­ne „li­be­ra­le Ak­ti­on“ er­ach­te­ten und ähn­lich miss­trau­isch be­äug­ten wie die pro­tes­tan­tisch do­mi­nier­te Uni­ver­si­tät Bonn. Der „Ver­ein von Al­ter­tums­freun­den“ war nicht nur an der An­re­gung, son­dern auch an der Um­set­zung der Mu­se­ums­grün­dung ent­schei­dend be­tei­ligt, die Grün­dungs­kom­mis­si­on tag­te in den Räu­men der An­ti­ken­samm­lung der „Al­ter­tums­freun­de“ im Bon­ner Arndt-Haus und zähl­te meh­re­re „Al­ter­tums­freun­de“ zu ih­ren Mit­glie­dern. 1875 be­schloss der Ver­ein, die ei­ge­ne Samm­lung in das neue Pro­vin­zi­al­mu­se­um ein­zu­brin­gen und im Fol­ge­jahr wur­de Ernst aus´m Werth zum Di­rek­tor des Bon­ner Mu­se­ums er­nannt.

Ernst aus'm Weerth. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, DA01_20149)

 

Auch in Trier wur­de das Pro­vin­zi­al­mu­se­um auf un­ter­schied­li­chen in­sti­tu­tio­nel­len Wur­zeln be­grün­det. Mit der Ein­rich­tung der preu­ßi­schen Herr­schaft an Saar und Mo­sel kam 1816 Carl Fried­rich Qued­now als Re­gie­rungs- und Bau­rat nach Trier. Qued­now fiel es nicht nur zu, mit an­ti­ken Re­lik­ten um­zu­ge­hen, die bei den sei­ner Auf­sicht un­ter­lie­gen­den öf­fent­li­chen Bau­maß­nah­men zu Ta­ge ge­för­dert wur­den, son­dern be­gann auch un­mit­tel­bar mit ge­ziel­ten Gra­bun­gen an der Por­ta Ni­gra, dem Trie­rer Am­phi­thea­ter und den Kai­ser­ther­men. Ab 1822 sam­mel­te Qued­now al­le sol­cher­art in Re­gie­rungs­hand ge­lang­ten Fund­stü­cke im Ost­turm der Por­ta Ni­gra und ver­fass­te ei­ne „Be­schrei­bung der Al­ter­tü­mer in Trier und des­sen Um­ge­bung aus der gal­lisch-bel­gi­schen und ro­emi­schen Pe­ri­ode.“ Die GFNF re­kla­mier­te Qued­nows Fund­stü­cke für sich und for­der­te ei­ne Ein­glie­de­rung in ih­re ei­ge­ne Samm­lung. Als Ver­mitt­ler in dem dar­über aus­bre­chen­den Kon­flikt trat aus­ge­rech­net Wil­helm Do­row auf, der für Trier die Grün­dung ei­nes „Mu­se­um der va­ter­län­di­schen Al­ter­tü­mer“ in pro­vin­zia­ler Trä­ger­schaft an­reg­te. Die GFNF sträub­te sich je­doch ge­gen das An­sin­nen, woll­te nicht Teil ei­ner staat­li­chen Ein­rich­tung wer­den, son­dern lo­kal und „trie­ri­sch“ blei­ben, wäh­rend Qued­now we­der wil­lens noch in der La­ge war, die von ihm in Staats­be­sitz ge­nom­me­nen An­ti­ken der ört­li­chen Pri­vat­in­itia­ti­ve zu über­las­sen. So gru­ben bei­de Par­tei­en über meh­re­re Jah­re in Kon­kur­renz zu ein­an­der und be­rei­cher­ten je­weils ih­re Samm­lun­gen, da es kei­ne all­ge­mei­nen Ge­set­ze zur Bo­den­denk­mal­pfle­ge und zur Ei­gen­tü­mer­schaft ar­chäo­lo­gi­scher Fund­stü­cke gab. Zu­min­dest räum­lich wur­den bei­de Samm­lun­gen 1844 ver­ei­nigt, als die Ge­sell­schafts­samm­lung in die Por­ta Ni­gra über­führt wur­de, Qued­now war da be­reits lan­ge tot und Do­row noch län­ger sei­ner Funk­ti­on als Pro­vinz­kon­ser­va­tor ent­ra­ten. In der Por­ta Ni­gra ver­blie­ben die Re­gie­rungs- und die Ge­sell­schafts­samm­lung für drei Jahr­zehn­te ju­ris­tisch ge­trennt, ehe sie 1875 mit ei­ni­gen klei­ne­ren Pri­vat­samm­lun­gen aus der Re­gi­on den Grund­stock des Trie­rer Pro­vin­zi­al­mu­se­ums bil­de­ten. Ob­wohl in Trier, an­ders als in Bonn, kei­ne selbst­be­wuss­ten Ak­teu­re wie der Köl­ner Flü­gel des „Ver­eins von Al­ter­tums­freun­den im Rhein­lan­d“ und die Uni­ver­si­tät auf die wei­te­re Ent­wick­lung der Mu­se­ums­grün­dung ein­wirk­ten, so­mit nur die lo­ka­len Ak­teu­re um den 1877 be­stimm­ten Grün­dungs­di­rek­tor Fe­lix Hett­ner (1851-1902) mit den – in fi­nan­zi­el­ler Hin­sicht ma­ß­geb­li­chen – preu­ßi­schen Zen­tral­be­hör­den ei­nig wer­den muss­ten, dau­er­te es bis 1885, bis die ers­ten Bau­maß­nah­men für ei­nen re­prä­sen­ta­ti­ven Mu­se­ums­bau ein­ge­lei­tet wer­den konn­ten. Am 14.7.1889 wur­de das neue Pro­vin­zi­al­mu­se­um ein­ge­weiht.

In Bonn ver­gin­gen nach 1875 so­gar bei­na­he zwei Jahr­zehn­te im Zei­chen der Stand­ort- und Raum­fra­ge. Die­se zä­he Ent­wick­lung zeugt nicht nur von lan­gen De­bat­ten um die Ver­tei­lung der Kos­ten auf Stadt, Pro­vinz und Kul­tus­mi­nis­te­ri­um, son­dern auch von den re­gio­nal- und wis­sen­schafts­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen und Ge­schichts­bil­dern der han­deln­den Ak­teu­re. Wie­der­um streb­ten – auch in­ner­halb des „Ver­eins von Al­ter­tums­freun­den“ – Krei­se ei­ne Ver­le­gung des Mu­se­ums nach Köln an, was stets auch ei­ne Dis­tan­zie­rung von der preu­ßisch-pro­tes­tan­ti­schen Uni­ver­si­tät und ein Rück­zug auf das Ei­ge­ne, Rhei­nisch-Ka­tho­li­sche, dar­stell­te. Die Uni­ver­si­tät trenn­te sich nur un­gern von der Samm­lung Do­rows, die im­mer­hin 50 Jah­re lang mit dem Aka­de­mi­schen Kunst­mu­se­um ver­bun­den ge­we­sen war, mehr noch sträub­te sie sich je­doch ge­gen ei­ne bau­li­che Fu­si­on der bei­den Mu­se­en. Auch die Ge­ring­schät­zung der rhei­ni­schen Fund­stü­cke ge­gen­über me­di­ter­ra­nen Zeug­nis­sen der Grö­ße Roms und Grie­chen­lands und der un­ver­gleich­li­chen Hö­he an­ti­ker Kunst, die zu Be­ginn des Jahr­hun­derts über­mäch­tig ge­we­sen war, hat­te zwar si­gni­fi­kant an Be­deu­tung ver­lo­ren, war je­doch durch­aus nach wie vor ver­brei­tet. Der Kul­tus­mi­nis­ter Gus­tav von Go­ß­ler (1838-1902) kri­ti­sier­te so­wohl beim Grund­stücks­kauf wie auch spä­ter beim Bau die Kos­ten, wel­che das Mu­se­ums­pro­jekt ver­ur­sach­te, als völ­lig un­ver­hält­nis­mä­ßig an­ge­sichts des­sen, was dort aus­ge­stellt wer­den soll­te: „Es wür­de nicht wohl zu recht­fer­ti­gen sein, für Samm­lun­gen, wel­che ih­rer Na­tur und Auf­ga­be nach sich zum viel­leicht über­wie­gen­den Thei­le aus Ob­jek­ten von be­schie­de­nem Werth und an­spruchs­lo­ser Er­schei­nung zu­sam­men­set­zen, mo­nu­men­ta­le Pracht­bau­ten aus­zu­füh­ren.“[4] 

Der Ein­druck, dass den re­gio­na­len Fund­stü­cken ei­ne Art De­fi­zit ge­gen­über den me­di­ter­ra­nen Kunst­schät­zen zu ei­gen war, wirk­te bis zum En­de des Jahr­hun­derts fort, doch wur­de die­se Sicht­wei­se zu­neh­mend zu ei­nem in Ober­fläch­lich­keit wur­zeln­dem Miss­ver­ständ­nis um­ge­deu­tet, das ei­ne „rei­che Fül­le von An­re­gung und Be­leh­run­g“[5] ver­barg. Letzt­lich dau­er­te es bis zum Jahr 1882, bis das heu­te noch ge­nutz­te Grund­stück an der Col­mant­stra­ße für ei­nen Mu­se­ums­neu­bau aus­ge­wählt und noch ein­mal acht Jah­re, bis 1890 mit dem Bau be­gon­nen wur­de. So­lan­ge blie­ben die Be­stän­de der Pro­vinz und der „Al­ter­tums­freun­de“ auf ver­schie­de­ne Lie­gen­schaf­ten ver­teilt, das Arndt-Haus, die Uni­ver­si­tät, und das so­ge­nann­te „Nas­se­sche Haus“ in der da­ma­li­gen Co­blen­zer Stra­ße. So wur­de der Neu­bau erst am 12.7.1893 ein­ge­weiht, bot fort­an den Raum zur sys­te­ma­ti­schen Prä­sen­ta­ti­on der an­ti­ken Re­lik­te, hielt Re­ser­ve­flä­chen für neue Gra­bungs­fun­de vor und steht pas­sen­der­wei­se am En­de ei­ner Re­zep­ti­ons­ge­schich­te der rhei­ni­schen An­ti­ke im 19. Jahr­hun­dert.

5. Resümee

Zu­sam­men­fas­send scheint die In­ter­pre­ta­ti­on ge­recht­fer­tigt, dass die An­ti­ke-Re­zep­ti­on im Rhein­land als räum­lich und the­ma­tisch um­grenz­ter For­schungs­ge­gen­stand von all­ge­mei­nen his­to­ri­schen Pro­zes­sen zeugt, die das 19. Jahr­hun­dert ent­schei­dend ge­prägt ha­ben: Die Ent­wick­lung der mo­der­nen Uni­ver­si­tät und der spe­zia­li­sier­ten, em­pi­ri­schen Wis­sen­schaft, Ver­eins­we­sen und Bil­dung als we­sent­li­chen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mo­men­ten ei­ner spe­zi­fisch bür­ger­li­chen Kul­tur so­wie all­mäh­li­che Sym­bio­se die­ser As­pek­te mit ei­nem ob­rig­keit­li­chen Staat.

Quellen

Kur­siv = Kurz­zi­tier­wei­se
Be­rich­te über die Thä­tig­keit der Al­ter­tums- und Ge­schichts­ver­ei­ne und über die Ver­meh­rung der städ­ti­schen und Ver­eins­samm­lun­gen in­ner­halb der Rhein­pro­vinz, in: Bon­ner Jahr­bü­cher 103 (1898), S. 239-271.
Chro­nik des Ver­ei­nes. 25. Ver­eins­jahr vom 9. De­cem­ber 1865 bis zum 9. De­cem­ber 1866, in: Bon­ner Jahr­bü­cher 42 (1867), S. 218-233.
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Literatur

Kur­siv = Kurz­zi­tier­wei­se
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Felix Hettner (1851-1902). (Stadtbibliothek Trier, Trierer Porträts 191)

 
Anmerkungen
  • 1: Chronik des Vereines, S. 228.
  • 2: Nissen, Rheinland in römischer Zeit, S. 1.
  • 3: Zitiert nach Fuchs, Sammlung, S. 62.
  • 4: Zitiert nach Fuchs, Sammlung, S. 109.
  • 5: Nissen, Rheinland in römischer Zeit, S. 12.
Zitationshinweis

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Klein, Jonas, Antike-Rezeption im Rheinland im 19. Jahrhundert, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/antike-rezeption-im-rheinland-im-19.-jahrhundert/DE-2086/lido/5ba4a65de759b4.39739838 (19.12.2018)