Der Provinzialausschuss der Rheinprovinz 1888-1933

Joachim Lilla (Krefeld)

Ständehaus des preußischen Provinziallandtags in Düsseldorf, 1904. (Stadtarchiv Düsseldorf)

1. Einleitung

Mit der Ein­füh­rung der Pro­vin­zi­al­ord­nung vom 29.6.1875 in der Rhein­pro­vinz in ei­ner für die­se Pro­vinz mo­di­fi­zier­ten Fas­sung durch Ge­setz vom 1.6.1887 wur­den auch im Rhein­land wie zu­vor im üb­ri­gen Preu­ßen die Ver­wal­tungs­glie­de­rung und die bis­her be­ste­hen­de pro­vin­zi­al­stän­di­sche Ver­fas­sung grund­le­gend um­ge­wan­delt. Die Pro­vinz wur­de zwei­ge­teilt in ei­nen staat­li­chen Ver­wal­tungs­be­zirk (Rhein­pro­vinz) und ei­nen kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tungs­kör­per (Pro­vin­zi­al­ver­band). An der Spit­ze des staat­li­chen Ver­wal­tungs­be­zirks stand der Ober­prä­si­dent, der auch die Auf­sicht über den Pro­vin­zi­al­ver­band aus­üb­te. Or­ga­ne des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des wa­ren der Pro­vin­zi­al­land­tag, der Pro­vin­zi­al­aus­schuss und der Lan­des­di­rek­tor, der ab 1897 auch in der Rhein­pro­vinz Lan­des­haupt­mann hieß. Der Pro­vin­zi­al­land­tag wur­de nicht mehr durch Wah­len des be­vor­rech­tig­ten Grund­be­sit­zes und der be­son­ders be­vor­rech­te­ten Rit­ter­gü­ter ge­bil­det, son­dern ging aus den Wah­len der Kreis­ta­ge und der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen her­vor. Der Pro­vin­zi­al­land­tag war so­wohl das Le­gis­la­tiv­or­gan des Pro­vin­zi­al­ver­bands als auch das Re­prä­sen­ta­tiv­or­gan der Pro­vin­zi­al­be­völ­ke­rung. Auch an­ge­sichts zu­neh­men­der Po­li­ti­sie­rung in der Zeit nach 1918 blieb die Tä­tig­keit der Or­ga­ne des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des wei­ter un­spek­ta­ku­lär, sie nah­men vor­wie­gend Ver­wal­tungs­auf­ga­ben wahr, ih­re Ar­beit wur­de von der Öf­fent­lich­keit kaum be­ach­tet.

2. Rechtsgrundlagen und Zuständigkeiten

Ein we­sent­li­ches In­sti­tut der neu­en Pro­vin­zi­al­ver­fas­sung war der Pro­vin­zi­al­aus­schuss, des­sen Zu­sam­men­set­zung und […] Ge­schäf­te im Vier­ten Ab­schnitt (§§ 45 bis 61) der Pro­vin­zi­al­ord­nung ge­re­gelt wur­den. Sein di­rek­ter Vor­läu­fer war der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tungs­rat, der durch Kö­nig­li­chen Er­lass vom 27.9.1871 ein­ge­rich­tet und in der Rhein­pro­vinz 1875 ein­ge­führt wur­de und aus dem Land­tags­mar­schall als Vor­sit­zen­den und 15 vom Pro­vin­zi­al­land­tag aus sei­ner Mit­te zu wäh­len­den Mit­glie­dern (drei für je­den Re­gie­rungs­be­zirk) be­stand. Er hat­te die Ge­schäf­te der Ver­wal­tung nach Ma­ßga­be der Be­schlüs­se des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges zu füh­ren und die­sem über die Er­geb­nis­se zu be­rich­ten, fer­ner die Be­am­ten­stel­len der stän­di­schen Ver­wal­tung zu be­set­zen. Der ab 1888 be­ste­hen­de Pro­vin­zi­al­aus­schuss wur­de zum Zwe­cke der Ver­wal­tung der An­ge­le­gen­hei­ten des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des be­stellt (§ 45). Er trat nach Be­darf zu­sam­men und wur­de vom Vor­sit­zen­den ein­be­ru­fen; er war ein­zu­be­ru­fen auf schrift­li­chen An­trag des Lan­des­haupt­manns oder der Hälf­te sei­ner Mit­glie­der. Der Pro­vin­zi­al­aus­schuss konn­te re­gel­mä­ßi­ge Sit­zungs­ta­ge fest­set­zen (§ 52). Er war nur be­schluss­fä­hig mit min­des­tens der Hälf­te sei­ner Mit­glie­der (ein­schlie­ß­lich des Vor­sit­zen­den); Be­schlüs­se er­folg­ten mit Stim­men­mehr­heit, bei Stim­men­gleich­heit ent­schied die Stim­me des Vor­sit­zen­den (§ 53). Von der Mit­wir­kung an Be­ra­tun­gen und Be­schlüs­sen wa­ren die Mit­glie­der aus­ge­schlos­sen, die vom je­wei­li­gen Ge­gen­stand per­sön­lich (oder durch na­he An­ge­hö­ri­ge) be­trof­fen oder in ei­ner be­han­del­ten An­ge­le­gen­heit in an­de­rer als öf­fent­li­cher Ei­gen­schaft tä­tig ge­we­sen wa­ren (§ 54). So­fern der Pro­vin­zi­al­aus­schuss in Fol­ge des gleich­zei­ti­gen Aus­schei­dens von mehr als der Hälf­te der Mit­glie­der ge­mäß § 54 be­schlu­ßun­fä­hig war, nahm der Pro­vin­zi­al­land­tag die Be­schluss­fas­sung vor. Konn­te die­se nicht bis zum Zu­sam­men­tritt des Pro­vin­zi­al­land­tags aus­ge­setzt blei­ben, so ist durch den Ober­prä­si­den­ten aus den un­bet­hei­lig­ten Mit­glie­dern des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses be­zie­hungs­wei­se de­ren Stell­ver­tre­tern, so­wie aus Mit­glie­dern des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges ei­ne be­son­de­re Kom­mis­si­on zu be­stel­len; die­sel­be hat aus ei­ner glei­chen Zahl von Mit­glie­dern, wie der Pro­vin­zi­al­aus­schuss, zu be­ste­hen. (§ 55).

Der Vor­sit­zen­de des Pro­vin­zi­al­land­tags und die obe­ren Be­am­ten des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des konn­ten an den Sit­zun­gen des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses mit be­ra­ten­der Stim­me teil­neh­men. Durch Be­schluss des Aus­schus­ses wa­ren je­doch ein­zel­ne den Lan­des­di­rek­tor oder die ihm zu­ge­ord­ne­ten hö­he­ren Be­am­ten per­sön­lich be­rüh­ren­de Ge­gen­stän­de in de­ren Ab­we­sen­heit zu ver­han­deln (§ 56). Der Pro­vin­zi­al­aus­schuss hat­te sei­nen Ge­schäfts­gang durch ei­ne Ge­schäfts­ord­nung zu re­geln, die der Ge­neh­mi­gung des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges be­durf­te (§ 57).

  Die Ge­schäf­te des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, al­so sei­ne ei­gent­li­chen Zu­stän­dig­kei­ten, wur­den in den §§ 58 bis 61 um­schrie­ben: Dem Pro­vin­zi­al­aus­schus­se liegt die Er­le­di­gung fol­gen­der Ge­schäf­te ob:

Be­son­de­re Zu­stän­dig­kei­ten hat­te der Pro­vin­zi­al­aus­schuss im Zu­sam­men­hang mit den Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag. Bis 1918 hat­te er vor je­der neu­en Wahl die Zahl der von den ein­zel­nen Krei­sen be­zie­hungs­wei­se Wahl­be­zir­ken zu wäh­len­den Ab­ge­ord­ne­ten fest­zu­stel­len so­wie über An­trä­ge auf Be­rich­ti­gung die­ser Fest­stel­lung zu ent­schei­den. Im Zu­ge der No­vel­lie­rung des Wahl­rechts zu den Pro­vin­zi­al­land­ta­gen im Ju­li 1919 ob­lag ihm der Er­lass von Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen für den Fall ei­ner not­wen­dig wer­den­den Ver­hält­nis­wahl. Für die Wahl zum Pro­vin­zi­al­land­tag 1921 hat­te er die Ge­samt­zahl von Pro­vin­zi­al­land­tags­ab­ge­ord­ne­ten auf Grund der letz­ten Volks­zäh­lung fest­zu­set­zen und die zu wäh­len­den Ab­ge­ord­ne­ten gleich­mä­ßig auf die Re­gie­rungs­be­zir­ke der Pro­vinz nach Ma­ßga­be der Ein­woh­ner­zah­len zu ver­tei­len, fer­ner wa­ren bei ihm Ein­sprü­che ge­gen die Gül­tig­keit der Wahl zu er­he­ben, schlie­ß­lich hat­te er die an die Stel­le ei­nes aus­schei­den­den Ab­ge­ord­ne­ten tre­ten­den Be­wer­ber fest­zu­stel­len.

Durch die Neu­fas­sung des Wahl­ge­set­zes für die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge und Kreis­ta­ge am 7.10.1925 wur­den die­se Vor­schrif­ten noch spe­zi­fi­ziert: Neu war die Re­ge­lung, dass die Wahl nun­mehr vom Pro­vin­zi­al­aus­schuss ge­lei­tet wur­de (§ 17), fer­ner hat­te er Richt­li­ni­en für die an­tei­li­ge Er­stat­tung der Kos­ten der Wah­len an die Krei­se und Ge­mein­den auf­zu­stel­len (§ 19). §§ 20 bis 22 re­gel­ten im ein­zel­nen sei­ne Mit­wir­kung bei der Be­kannt­ma­chung und Prü­fung des Wahl­er­geb­nis­ses. Schlie­ß­lich war er zu­stän­dig für die Wahl­prü­fung und das Ver­fah­ren bei dem Aus­schei­den ei­nes vom Pro­vin­zi­al­land­tag für ein Man­dat ge­wähl­ten Per­son (§§ 28, 30). Die­se Be­stim­mun­gen gal­ten bis 1933.

Wei­te­re Auf­ga­ben und Zu­stän­dig­kei­ten wur­den den Pro­vin­zi­al­aus­schüs­sen durch Ge­setz oder Ver­ord­nung über­tra­gen. Sie hat­ten den Ver­tei­lungs­plan der über­wie­se­nen wei­te­ren Do­ta­ti­ons­ren­ten auf­zu­stel­len, Ob­lie­gen­hei­ten in An­ge­le­gen­hei­ten der forst­wirt­schaft­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten und der land­wirt­schaft­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung wahr­zu­neh­men und ih­nen wa­ren Be­fug­nis­se in An­ge­le­gen­hei­ten der Wan­der­ar­beits­stät­ten so­wie der Pro­vin­zi­al­ab­ga­ben über­tra­gen. Sie hat­ten die Bei­sit­zer zu den Pro­vin­zi­al­schät­zungs­äm­tern zu be­stel­len. Im Rah­men der De­mo­bil­ma­chung nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­den sie zur Be­wil­li­gung von Aus­ga­ben für Not­stands­ar­bei­ten er­mäch­tigt. Durch Ar­ti­kel 86 der Preu­ßi­schen Ver­fas­sungs­ur­kun­de vom 30.11.1920 wa­ren die Ober­prä­si­den­ten, die Re­gie­rungs­prä­si­den­ten und die Vor­sit­zen­den des Pro­vin­zi­al-Schul­kol­le­gi­ums und des Lan­des­kul­tur­amts im Ein­ver­neh­men mit dem Pro­vin­zi­al­aus­schus­se zu er­nen­nen. 1922 er­hiel­ten die Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se Zu­stän­dig­kei­ten in An­ge­le­gen­hei­ten der Er­hal­tung des Baum­be­stan­des so­wie der Er­hal­tung und Frei­ga­be von Ufer­we­gen im In­ter­es­se der Volks­ge­sund­heit. 1924 wur­den sie auch Für­sor­ge­er­zie­hungs­be­hör­de. Schlie­ß­lich wa­ren sie an­zu­hö­ren vor der Än­de­rung der Gren­zen von Stadt- und Land­ge­mein­den, falls Pro­vinz­gren­zen ver­än­dert wer­den wür­den.

Wei­te­re Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se in der Haus­halts­füh­rung und bei dem Stel­len­plan er­ga­ben sich im No­vem­ber 1932. Als be­son­de­re Be­fug­nis wur­den dem Pro­vin­zi­al­aus­schuss der Rhein­pro­vinz noch Ob­lie­gen­hei­ten bei der wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­gung von Hol­zun­gen und Ödlän­de­rei­en in den dem Ge­birgs- und Hü­gel­lan­de der Rhein­pro­vinz an­ge­hö­ren­den Ge­mar­kun­gen zur Ver­mei­dung schwe­rer Hoch­was­ser­schä­den über­tra­gen.

Auch wenn der Na­me Pro­vin­zi­al­aus­schuss auf den ers­ten Blick be­griff­lich ei­ne Ana­lo­gie mit den als Be­schluss­be­hör­den und Ver­wal­tungs­ge­rich­ten tä­ti­gen Stadt-, Kreis- und Be­zirks­aus­schüs­sen na­he legt, ist ei­ne sol­che nicht ge­ge­ben. Das zu­stän­di­ge Be­schluss-Gre­mi­um auf der Ebe­ne der Pro­vinz war der Pro­vin­zi­al­rat.

Des Wei­te­ren ob­la­gen den Pro­vin­zi­al­aus­schüs­sen die Wah­len von Mit­glie­dern fol­gen­der Gre­mi­en un­ter an­de­rem: Fünf Mit­glie­der (und je fünf Stell­ver­tre­ter) des Pro­vin­zi­al­rats, vier Mit­glie­der der Be­zirks­aus­schüs­se bei den Re­gie­rungs­prä­si­den­ten, der „bür­ger­li­chen“ Mit­glie­der der Ober-Er­satz­kom­mis­sio­nen, Mit­glie­der der Be­ru­fungs­kom­mis­sio­nen für die Ein­kom­men­steu­er und der Ge­wer­be­steu­er­aus­schüs­se, ei­nen Teil der Mit­glie­der der Ber­g­aus­schüs­se und der Ge­sund­heits­bei­rä­te bei den Ober­ber­gäm­tern, der Mit­glie­der der Spruch­kam­mern beim Lan­des­kul­tur­amt, der Ver­trau­ens­leu­te zum Pro­vin­zi­al­sied­lungs­aus­schus­se, ei­nes Mit­glieds des Reichs­rats, der Mit­glie­der der Pro­vin­zi­al­heb­am­men­stel­le, der Mit­glie­der der Be­ru­fungs­aus­schüs­se für die Steu­er vom Grund­ver­mö­gen und für Ge­wer­be­steu­er, der Mit­glie­der des Be­schwer­de­aus­schus­ses für die Woh­nungs­bau­ab­ga­be, der Sach­ver­stän­di­gen in Heim­stät­ten­an­ge­le­gen­hei­ten. Ge­mein­sam mit dem Pro­vin­zi­al­aus­schuss der Pro­vinz West­fa­len hat­te der rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­aus­schuss Mit­glie­der des Be­ru­fungs­aus­schus­ses der Ge­nos­sen­schaft „Ruhr­ver­ban­d“ zur Rein­hal­tung der Ruhr und ih­rer Ne­ben­flüs­se zu wäh­len. Zu be­set­zen wa­ren auch das Schieds­ge­richt auf Grund des § 75 des Ge­set­zes über die Neu­re­ge­lung der kom­mu­na­len Gren­zen im Rhei­nisch-West­fä­li­schen In­dus­trie­be­zirks vom 26.2.1926 und die Schieds­stel­le ge­mäß § 21 des Ein­füh­rungs­ge­set­zes über die kom­mu­na­le Neu­glie­de­rung des rhei­nisch-west­fä­li­schen In­dus­trie­ge­biets vom 29.7.1929. Schlie­ß­lich wur­de der Ar­beit­ge­ber­ver­tre­ter der Rhei­ni­schen land­wirt­schaft­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft für die Un­fall­ver­hü­tung ge­mäß § 1031 Reichs­ver­si­che­rungs­ord­nung vom Vor­sit­zen­den des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses als Ge­nos­sen­schafts­ver­band durch das Los be­stimmt.

Nach Ar­ti­kel 63 Satz 2 der Reichs­ver­fas­sung vom 11.8.1919 wur­de die Hälf­te der preu­ßi­schen Stim­men [im Reichs­rat] nach Ma­ßga­be ei­nes Lan­des­ge­set­zes von den preu­ßi­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tun­gen be­stellt. Nach § 1 des Ge­set­zes über die Be­stel­lung von Mit­glie­dern des Reichs­rats durch die Pro­vin­zi­al­ver­wal­tun­gen vom 3.6.1921 muss­ten die von den Pro­vin­zi­al­ver­wal­tun­gen ge­mäß Ar­ti­kel 63 der Reichs­ver­fas­sung zu be­stel­len­den Mit­glie­der ge­wählt wer­den, Wahl­kör­per wa­ren die Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se (in Ber­lin der Ma­gis­trat).

Die Art der Ver­tre­tung der Pro­vin­zen im Reichs­rat war zu­wei­len Miss­deu­tun­gen aus­ge­setzt, wie et­wa bei der Rhein­pro­vinz, wo ei­ne ver­meint­li­che Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on der Rhein­pro­vinz (ei­ne Stim­me) et­wa im Ver­gleich mit Bay­ern (zehn Stim­men) ge­se­hen wer­den mag. Da­her soll zu die­sem The­ma noch ei­ne kur­ze Er­läu­te­rung ge­ge­ben wer­den: Je­de Pro­vinz hat­te un­ab­hän­gig von ih­rer Grö­ße ein Mit­glied und ein stell­ver­tre­ten­des Mit­glied des Reichs­rats zu be­stel­len. Die­se von den Pro­vin­zen be­stell­ten Be­voll­mäch­tig­ten zum Reichs­rat ver­tra­ten aber nicht ih­re Pro­vinz, son­dern das Land Preu­ßen. Hier ist der Les­art des Staats­recht­lers Carl Bil­fin­ger (1879-1958) zu fol­gen, dass die Pro­vin­zi­al­ver­tre­ter ih­re Stim­me als un­mit­tel­ba­re Re­prä­sen­tan­ten des Lan­des Preu­ßen (und nicht ih­rer ent­sen­den­den Pro­vinz) ab­ga­ben, da ih­re Stim­men in Ar­ti­kel 63 Satz 2 der Reichs­ver­fas­sung aus­drück­lich und ein­deu­tig als preu­ßi­sche Stim­men be­zeich­net wur­den.

In­fol­ge der Be­set­zung durch al­li­ier­te Trup­pen En­de 1918 konn­te im Rhein­land das durch Ge­setz vom 16.7.1919 von der preu­ßi­schen Lan­des­ver­samm­lung be­schlos­se­ne de­mo­kra­ti­sier­te Wahl­recht zu den Pro­vin­zi­al­land­ta­gen zu­nächst nicht ein­ge­führt wer­den, da die Be­sat­zungs­be­hör­den die­ses nicht zu­ge­las­sen hat­ten. Au­ßer­dem hat­ten die­se den für März 1919 vor­ge­se­he­nen Zu­sam­men­tritt des Pro­vin­zi­al­land­tags un­ter­sagt. Der Pro­vin­zi­al­aus­schuss un­ter­lag ab En­de 1918 in sei­ner Ar­beit zeit­wei­se Be­schrän­kun­gen, da er we­gen der Rei­se­schwie­rig­kei­ten in­fol­ge der Be­set­zung nicht zu­sam­men­tre­ten konn­te und sei­ne Ge­schäf­te vor­über­ge­hend durch ei­ne so ge­nann­te Kriegs­kom­mis­si­on er­le­di­gen muss­te. Die­se setz­te sich aus sei­nen in der Nä­he Düs­sel­dorfs woh­nen­den und so­mit wahr­schein­lich er­reich­ba­ren Mit­glie­dern und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­dern zu­sam­men. Um ei­ne halb­wegs re­gu­lä­re Durch­füh­rung der lau­fen­den Ge­schäf­te des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des zu ge­währ­leis­ten, wur­den durch das Ge­setz vom 27.4.1920, be­tref­fend ei­ne einst­wei­li­ge Er­mäch­ti­gung des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses in Düs­sel­dorf und des Lan­des­aus­schus­ses in Wies­ba­den dem Pro­vin­zi­al­aus­schuss der Rhein­pro­vinz bis zum Zu­sam­men­tritt ei­nes ­neu­ge­wähl­ten Pro­vin­zi­al­land­tags auch die Auf­ga­ben und Zu­stän­dig­kei­ten des bis­he­ri­gen Pro­vin­zi­al­land­tags über­tra­gen. Hier­zu wur­den (für die Dau­er der Gül­tig­keit des Ge­set­zes) von der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung auf Vor­schlag des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses sechs zu­sätz­li­che Mit­glie­der und Stell­ver­tre­ter des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses er­nannt. Die­ses In­te­rim währ­te bis zum Zu­sam­men­tritt des am 24.9.1920 ge­wähl­ten Pro­vin­zi­al­land­ta­ges am 5.12.1920.

Die er­neu­te Über­tra­gung von Zu­stän­dig­kei­ten des Pro­vin­zi­al­land­tags auf den Pro­vin­zi­al­aus­schuss im Jah­re 1933 läu­te­te mit­tel­fris­tig auch des­sen ei­ge­nes En­de ein: Durch das Ge­setz über die Über­tra­gung von Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al­land­ta­ge auf die Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se vom 24.3.1933 wur­de der Pro­vin­zi­al­land­tag er­mäch­tigt, sei­ne Zu­stän­dig­kei­ten auf den Pro­vin­zi­al­aus­schuss durch Be­schluß zu über­tra­gen. Aus­drück­lich nicht zu­läs­sig war die Über­tra­gung des Rechts zur Vor­nah­me der Wah­len von Mit­glie­dern des Staats­rats und des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses so­wie de­ren Stell­ver­tre­ter, des Lan­des­di­rek­tors (Lan­des­haupt­manns) so­wie der Mit­glie­der des Lan­des­di­rek­to­ri­ums auf den Pro­vin­zi­al­aus­schuss (§ 1). Oh­ne Rück­sicht auf ei­ne Be­schluß­fas­sung des Pro­vin­zi­al­land­tags konn­te der Pro­vin­zi­al­aus­schuss bis zum nächs­ten Zu­sam­men­tritt des Pro­vin­zi­al­land­tags die Zu­stän­dig­keit zur Fest­stel­lung des Haus­halts­plans für das Rech­nungs­jahr 1933, zur Fas­sung der Be­schlüs­se über die Pro­vin­zi­al-Ab­ga­ben und zur Fest­stel­lung der Jah­res­rech­nun­gen für das Rech­nungs­jahr 1931 und 1932 durch Be­schluß über­neh­men, wenn die Füh­rer der Frak­tio­nen, die al­lein oder zu­sam­men mehr als die Hälf­te der Sit­ze im Pro­vin­zi­al­land­tag in­ne­ha­ben, dem Vor­sit­zen­den des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses schrift­lich mit­tei­len, dass die­se Frak­tio­nen mit der Über­nah­me ein­ver­stan­den sind.

Die­ser Re­ge­lung, auch wenn sie schon fak­tisch die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge, die oh­ne­hin nicht mehr zu­sam­men­tra­ten, zur Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­ur­teil­ten, folg­te knapp zwei Mo­na­te spä­ter der Über­gang sämt­li­cher Zu­stän­dig­kei­ten des Pro­vin­zi­al­land­tags auf den Pro­vin­zi­al­aus­schuss. In § 1 Ab­satz 1 des Ge­set­zes über die Über­tra­gung von Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al-(Kom­mu­nal-)land­ta­ge, der Ver­bands­ver­samm­lung des Sied­lungs­ver­bands Ruhr­koh­len­be­zirk und der Kreis­ta­ge auf die Pro­vin­zi­al-(Lan­des-)aus­schüs­se, den Ver­bands­aus­schuss und die Kreis­aus­schüs­se vom 17.7.1933 hei­ßt es ganz la­pi­dar: Die Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al-(Kom­mu­nal-)land­ta­ge ge­hen auf die Pro­vin­zi­al-(Lan­des-)aus­schüs­se [...] über. Kon­se­quen­ter­wei­se wur­den durch ei­ne Än­de­rungs­vor­schrift in § 2 Ab­satz 2 die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge gleich­sam auf un­be­stimm­te Zeit ver­tagt: der de­ren Ein­be­ru­fung re­geln­de § 25 der Pro­vin­zi­al­ord­nung hat­te nach der Än­de­rung fol­gen­den Wort­laut: Der Pro­vin­zi­al­land­tag wird von [dem Kö­ni­ge] be­ru­fen, so oft es die Ge­schäf­te er­for­dern.

Den so um zahl­rei­che Kom­pe­ten­zen an­ge­rei­cher­ten Pro­vin­zi­al­aus­schüs­sen war aber kein lan­ges Le­ben mehr be­schie­den. Durch das Ge­setz über die Er­wei­te­rung der Be­fug­nis­se der Ober­prä­si­den­ten vom 15.12.1933 wur­de ab 1.1.1934 der Ober­prä­si­dent der stän­di­ge Ver­tre­ter der Staats­re­gie­rung in der Pro­vinz (Ar­ti­kel I, Zif­fer 1). Das hier­durch strikt um­ge­setz­te bü­ro­kra­ti­sche Prin­zip (Füh­rer­prin­zip) – so durf­te der Ober­prä­si­dent das Recht, An­ord­nun­gen zu tref­fen und Wei­sun­gen zu er­tei­len […] auf die ihm bei­ge­ge­be­nen Be­am­ten nicht über­tra­gen – führ­te auch da­zu, dass die Pro­vin­zi­al­selbst­ver­wal­tung in ih­rer be­ste­hen­den Form ab­ge­schafft wur­de. So wur­den Auf­bau und Ver­wal­tung der Pro­vin­zi­al­ver­bän­de zu­nächst mit Wir­kung vom 1.1.1934 wie folgt ge­än­dert: Die Auf­ga­ben und Zu­stän­dig­kei­ten des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, des Lan­des­haupt­manns, der Pro­vin­zi­al­kom­mis­sio­nen und der Pro­vin­zi­al­kom­mis­sa­re gin­gen auf den Operprä­si­den­ten über. Der Ober­prä­si­dent be­auf­trag­te den Lan­des­haupt­mann und die die­sem bei­ge­ge­be­nen hö­he­ren Be­am­ten mit der selb­stän­di­gen Er­le­di­gung lau­fen­der Ge­schäf­te des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des. Er wur­de bei Be­hin­de­rung in den An­ge­le­gen­hei­ten des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des durch den Lan­des­haupt­mann ver­tre­ten. Die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge, Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se und Pro­vin­zi­al­kom­mis­sio­nen wer­den auf­ge­löst. Die letz­te Sit­zung des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses der Rhein­pro­vinz un­ter Vor­sitz von Gau­lei­ter Staats­rat Fried­rich Karl Flo­ri­an fand am 22.12.1933 statt.

3. Wahlverfahren und Zusammensetzung

Der Pro­vin­zi­al­aus­schuss be­stand aus ei­nem Vor­sit­zen­den und ei­ner durch das Pro­vin­zi­al­sta­tut fest­zu­set­zen­den Zahl von min­des­tens sie­ben bis höchs­tens drei­zehn Mit­glie­dern. Zu­dem ge­hör­te ihm der Lan­des­haupt­mann von Amts we­gen an (§ 46 der Pro­vin­zi­al­ord­nung). In der Rhein­pro­vinz wur­de die Höchst­gren­ze der Mit­glie­der aus­ge­schöpft und (zu­nächst bis 1920) auf 13 fest­ge­setzt. Die­se ver­teil­ten sich wie folgt: Re­gie­rungs­be­zir­ke Aa­chen, Ko­blenz und Trier je zwei, Re­gie­rungs­be­zirk Köln drei un­d Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf vier. Der Vor­sit­zen­de, die Mit­glie­der und aus die­sen ­der ­stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de wur­den vom Pro­vin­zi­al­land­tag auf sechs Jah­re und bis 1918 nach dem Mehr­heits­wahl­recht ge­wählt. Zwi­schen 1920 und 1930 war der Vor­sit­zen­de Kon­rad Ade­nau­er zu­gleich ge­wähl­tes Mit­glied des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses. Für die ­Mit­glie­der war ei­ne min­des­tens der Hälf­te der­sel­ben gleich­kom­men­de Zahl von Mit­glie­dern zu wäh­len; Zahl und Rei­hen­fol­ge der Ein­be­ru­fung wa­ren durch das Pro­vin­zi­al­sta­tut zu be­stim­men. In der Rhein­pro­vinz wur­de grund­sätz­lich für je­des Mit­glied auch ein Stell­ver­tre­ter ge­wählt. Wähl­bar zum Pro­vin­zi­al­aus­schuss war je­der zum Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­ba­re Reichs­an­ge­hö­ri­ge; die Mit­glied­schaft im Pro­vin­zi­al­land­tag war kei­ne Vor­aus­set­zung für die Wahl zum Pro­vin­zi­al­aus­schuss. Von der Wähl­bar­keit zum Pro­vin­zi­al­aus­schuss aus­ge­schlos­sen wa­ren nur der Ober­prä­si­dent, die Re­gie­rungs­prä­si­den­ten und sämt­li­che Be­am­te des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des, fer­ner der Lan­des­haupt­mann von der Wahl zum Vor­sit­zen­den oder stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den (§ 47). Die Hälf­te al­ler Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses hat­te nach drei Jah­ren aus­zu­schei­den, wo­bei Wie­der­wahl mög­lich war. Die Aus­schei­den­den blie­ben bis zur Ein­füh­rung der neu Ge­wähl­ten in Thä­tig­keit. Für wäh­rend ih­rer Wahl­pe­ri­ode aus­schei­den­de Mit­glie­der wa­ren Er­satz­wah­len durch den Pro­vin­zi­al­land­tag bei des­sen nächs­tem Zu­sam­men­tritt vor­zu­neh­men, die ge­wähl­ten Er­satz­män­ner blie­ben nur bis zum En­de des­je­ni­gen Zeit­raums in Thä­tig­keit, für wel­chen die Aus­ge­schie­de­nen ge­wählt wa­ren (§§ 48 bis 50). Die Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses wur­den vom Vor­sit­zen­den ver­ei­digt und in ih­re Stel­len ein­ge­führt, der Vor­sit­zen­de durch den Ober­prä­si­den­ten. Sie konn­ten im We­ge des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ih­rer Stel­len ent­ho­ben wer­den; hier­bei gal­ten die ge­gen den Lan­des­haupt­mann zur An­wen­dung kom­men­den Be­stim­mun­gen (§ 51).

Die letz­ten Wah­len zum Pro­vin­zi­al­aus­schuss auf der Grund­la­ge der ge­nann­ten Vor­schrif­ten fan­den am 20.3.1918 statt. Die Zu­sam­men­set­zung des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses er­folg­te bis da­hin zu­min­dest of­fi­zi­ell oh­ne An­se­hen der po­li­ti­schen Ein­stel­lung der Mit­glie­der, so­weit sie über­haupt be­kannt war, ob­wohl zahl­rei­che Mit­glie­der auch dem Reichs­tag oder dem preu­ßi­schen Land­tag (Her­ren­haus- oder Ab­ge­ord­ne­ten­haus) an­ge­hör­ten. Dies än­der­te sich in der Fol­ge­zeit, nach­dem das Wahl­ver­fah­ren durch das Ge­setz, be­tref­fend die Neu­wahl der Pro­vin­zi­al­land­ta­ge vom 16.7.1919 ge­än­dert wor­den war. Die Wahl­vor­aus­set­zun­gen für die Mit­glie­der von Pro­vin­zi­al­land­tag und Pro­vin­zi­al­aus­schuss wa­ren in et­wa wie­der die glei­chen, auch wenn nun­mehr auch Frau­en das pas­si­ve Wahl­recht hat­ten: Wähl­bar […] sind al­le im Be­sitz der deut­schen Reichs­an­ge­hö­rig­keit be­find­li­chen, we­der ent­mün­dig­ten noch un­ter vor­läu­fi­ger Vor­mund­schaft ste­hen­den Män­ner und Frau­en, wel­che am Ta­ge der Wahl das 20. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben und seit min­des­tens 6 Mo­na­ten ih­ren Wohn­sitz in der Pro­vinz ha­ben (§ 3). Für die Neu­wah­len zu den Pro­vin­zi­al­aus­schüs­sen durch die neu zu wäh­len­den Pro­vin­zi­al­land­ta­ge gal­ten ei­ni­ge Ver­än­de­run­gen, dar­un­ter das Ver­hält­nis­wahl­sys­tem: Die Wahl der Mit­glie­der und der Stell­ver­tre­ter hat auf Grund ge­trenn­ter Wahl­vor­schlä­ge zu er­fol­gen. Zur Ein­rei­chung ei­nes Wahl­vor­schla­ges sind sie­ben Un­ter­schrif­ten er­for­der­lich. Der Vor­sit­zen­de des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses und sein Stell­ver­tre­ter wer­den aus den Mit­glie­dern des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses vom Pro­vin­zi­al­land­tag in ge­trenn­ten Wahl­hand­lun­gen durch Stim­men­mehr­heit ge­wählt. Der Pro­vin­zi­al­land­tag wur­de er­mäch­tigt, die nä­he­ren Be­stim­mun­gen über das Ver­hält­nis­wahl­sys­tem zu be­schlie­ßen (§ 7). Auf­ge­ho­ben wur­den fer­ner die Be­stim­mun­gen der Pro­vin­zi­al­ord­nun­gen, de­nen zu­fol­ge Be­am­te von der Wahl […] aus­ge­schlos­sen sind (§ 8). Den vor­ste­hen­den Vor­schrif­ten ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten in Pro­vin­zi­al­ord­nun­gen oder Ge­set­zen wur­den auf­ge­ho­ben (§ 9). We­gen der be­son­de­ren Ver­hält­nis­se un­ter der Be­sat­zung galt die­ses Ge­setz je­doch einst­wei­len nicht in der Rhein­pro­vinz. Das Staats­mi­nis­te­ri­um wur­de er­mäch­tigt, die spä­te­re Ein­füh­rung des Ge­set­zes dort vor­zu­neh­men (§ 10). Die­ses er­folg­te durch An­ord­nung des Staats­mi­nis­te­ri­ums vom 4.5.1920.

Be­vor die­se Be­stim­mun­gen in der Rhein­pro­vinz in Kraft ge­setzt wer­den konn­ten, wur­de, wie be­reits be­schrie­ben, der Pro­vin­zi­al­aus­schuss der Rhein­pro­vinz im Mai 1920 auf­grund ei­ner ge­setz­li­chen Er­mäch­ti­gung durch sechs zu­sätz­li­che Mit­glie­der und Stell­ver­tre­ter er­gänzt, die aus den nach § 3 des Ge­set­zes vom 16.7.1919 wähl­ba­ren An­ge­hö­ri­gen der Rhein­pro­vinz nach An­hö­rung des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses durch die Staats­re­gie­rung er­nannt wer­den soll­ten. Dies er­folg­te nicht vor dem Hin­ter­grund, dass vier Stel­len im Pro­vin­zi­al­aus­schuss mitt­ler­wei­le va­kant wa­ren, son­dern viel­mehr, um den Pro­vin­zi­al­aus­schuss, der ja vor­über­ge­hend Auf­ga­ben und Zu­stän­dig­kei­ten des bis­he­ri­gen Pro­vin­zi­al­land­tags über­neh­men soll­te, auf ein brei­te­res (par­tei)po­li­ti­sches Fun­da­ment zu stel­len. Es soll­te auch sol­chen Be­rufs-, Be­völ­ke­rungs- und po­li­ti­schen Grup­pen ei­ne Mög­lich­keit der Mit­wir­kung ge­ge­ben wer­den, die bis­her im Pro­vin­zi­al­aus­schuss nicht ver­tre­ten sind, wie es der Mi­nis­ter des In­nern ge­gen­über dem Lan­des­haupt­mann am 21.4.1920 aus­drück­te. Ge­meint wa­ren im We­sent­li­chen Ver­tre­ter der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en und des lin­ken Zen­trums­flü­gels. Neue Mit­glie­der des un­ter die­ser Prä­mis­se er­wei­ter­ten Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses wa­ren sechs Ge­werk­schafts- und SPD-Par­tei­se­kre­tä­re, zwei der SPD an­ge­hö­ren­de Bei­ge­ord­ne­te, fer­ner Ver­tre­ter des Hand­werks, der In­dus­trie und des Schul­we­sens.

Nach­dem die Rhein­land­kom­mis­si­on am 14.7.1920 die Durch­füh­rung der Neu­wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag auf der ge­setz­li­chen Grund­la­ge vom Ju­li 1919 ge­neh­migt hat­te, fan­den die Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag am 24. Sep­tem­ber statt, noch in­di­rekt, al­so durch die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen und Kreis­ta­ge. Der neu ge­wähl­te 59. Pro­vin­zi­al­land­tag trat am 5. De­zem­ber zu­sam­men und wähl­te am 11. De­zem­ber den neu­en Pro­vin­zi­al­aus­schuss, erst­mals nach dem Ver­hält­nis­wahl­recht. Sei­ne 14 Mit­glie­der und Stell­ver­tre­ter ver­teil­ten sich wie folgt auf die Par­tei­en: Zen­trum (je­weils neun), SPD (zwei Mit­glie­der), USPD (zwei Stell­ver­tre­ter), Ar­beits­ge­mein­schaft (DVP/DNVP, je­weils drei). Als die­se Wahl vor­ge­nom­men wur­de, war schon ein neu­es Ge­setz für die Wah­len zu den Pro­vin­zi­al­land­ta­gen be­schlos­sen, das am 9.1.1921 in Kraft tre­ten soll­te. Das Ver­fah­ren der er­neu­ten Wahl des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses – bin­nen drei­ßig Ta­gen und bei der ers­ten Ta­gung nach der Wahl zum Pro­vin­zi­al­land­tag – re­gel­te § 24: Sie hat­te nach den Grund­sät­zen der Ver­hält­nis­wahl zu er­fol­gen. Der Vor­sit­zen­de des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses und sein Stell­ver­tre­ter wer­den aus den Mit­glie­dern des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses vom Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wählt. Im Üb­ri­gen wa­ren die nä­he­ren Be­stim­mun­gen über die Wahl­art durch Be­schluß des neu­en Pro­vin­zi­al­land­tags fest­zu­set­zen. Wähl­bar war je­der, der zum Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­bar war. Bis zur Neu­wahl des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses blie­ben des­sen bis­he­ri­ge Mit­glie­der be­hufs Er­le­di­gung der lau­fen­den Ge­schäf­te in ih­ren Äm­tern. Nicht ein­deu­tig ge­re­gelt war die Wahl­zeit der Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, denn nach § 31 (so­weit nicht ge­setz­lich et­was an­de­res be­stimmt ist) hät­te statt der in § 11 des Ge­set­zes nor­mier­ten vier­jäh­ri­gen Wahl­zeit (des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges) auch noch die sechs­jäh­ri­ge Wahl­zeit des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses nach § 48 der Pro­vin­zi­al­ord­nung in Be­tracht kom­men kön­nen. In der Pra­xis galt aber, dass die Wahl­zeit eben­falls vier Jah­re be­trug. Die Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag auf die­ser Grund­la­ge fan­den am 20.2.1921 statt. Der neu ge­wähl­te 60. Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­te am 15.3.1921 die 14 Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, die sich wie folgt auf die Par­tei­en ver­teil­ten: Zen­trum (je­weils sie­ben), SPD (je­weils drei), Ar­beits­ge­mein­schaft (DVP/DNVP, je­weils zwei), VKPD (je­weils ein), DDP (ein Stell­ver­tre­ter), par­tei­los (ein Mit­glied).

Durch das neue Wahl­ge­setz zu den Pro­vin­zi­al­land­ta­gen vom 25.10.1925 wur­den die Wah­len zum Pro­vin­zi­al­aus­schuss nicht mehr ge­son­dert ge­re­gelt, son­dern in des­sen vier­tem Ab­schnitt ge­ne­rell un­ter der Über­schrift „Wah­len durch den Pro­vin­zi­al­land­ta­g“ mit be­rück­sich­tigt. Her­vor­he­bens­wert ist die Be­stim­mung, dass ein vom Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wähl­ter Stell­ver­tre­ter auch in Fäl­len nur vor­über­ge­hen­der Be­hin­de­rung des Ge­wähl­ten zu sei­ner Ver­tre­tung be­rech­tigt sei (§ 24 Ab­satz 4), das galt un­ter an­de­rem für den Pro­vin­zi­al­aus­schuss und den Staats­rat. Wei­ter­hin be­stimm­te § 31, dass die vom Pro­vin­zi­al­land­tag vor­zu­neh­men­den Wah­len, so­weit nicht ge­setz­lich et­was an­ders be­stimmt ist oder es sich um nur ein­ma­li­ge Auf­trä­ge han­delt, auf die Dau­er der Wahl­zeit des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges er­folg­ten – auch hier fehl­te, wie schon 1921, ei­ne ein­deu­ti­ge Re­ge­lung der Wahl­zeit des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses. Die­se Wahl­vor­schrif­ten blie­ben dann bis 1933 in Gel­tung. Auf die­ser Grund­la­ge fan­den die Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag am 29.11.1925 statt.

Der neu ge­wähl­te 70. Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­te am 26./27.1.1926 die 14 Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, die sich wie folgt auf die Par­tei­en ver­teil­ten: Zen­trum (sie­ben Mit­glie­der, sechs Stell­ver­tre­ter), SPD (je­weils zwei), DNVP (zwei Mit­glie­der, ein Stell­ver­tre­ter), DVP (ein Mit­glied, zwei Stell­ver­tre­ter), DDP (ein Stell­ver­tre­ter), VKPD (je­weils ein), Sparer­bund (ein Mit­glied), Wirt­schafts­par­tei (ein Stell­ver­tre­ter). Die nächs­ten Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag fan­den am 17.11.1929 statt. Der neu ge­wähl­te 76. Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­te am 21.1.1930 Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er (Zen­trum) zum Vor­sit­zen­den des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses und des­sen 13 Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der, die sich wie folgt auf die Par­tei­en ver­teil­ten: Zen­trum (je­weils fünf), SPD (je­weils zwei), DNVP (ein Mit­glied, zwei Stell­ver­tre­ter), DVP (je­weils zwei), DDP/DStP (ein Mit­glied), KPD (je­weils eins), Wirt­schafts­par­tei (je­weils eins).

Durch Ver­ord­nung des Preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums – die Kom­mis­sa­re des Reichs – vom 4.2.1933 wur­den die Ver­tre­tungs­kör­per­schaf­ten der Ge­mein­den und Ge­mein­de­ver­bän­de, al­so auch die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge, auf­ge­löst. Als Ter­min für die Neu­wahl der auf­ge­lös­ten Ver­tre­tungs­kör­per­schaf­ten wur­de durch ei­ne wei­te­re Ver­ord­nung vom sel­ben Ta­ge der 12.3.1933 fest­ge­setzt. Durch die Auf­lö­sung der Ver­tre­tungs­kör­per­schaf­ten wur­de die Zu­sam­men­set­zung der Ge­mein­de­vor­stän­de zu­nächst nicht be­rührt. So blie­ben die eh­ren­amt­li­chen Mit­glie­der der Ge­mein­de­vor­stän­de bis zur Ein­füh­rung der neu­ge­wähl­ten Mit­glie­der im Am­te. […] Das glei­che gilt für die Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses […]. Der am 12. März ge­wähl­te 80. Pro­vin­zi­al­land­tag wähl­te am 11.4.1933 Gau­lei­ter Fried­rich Karl Flo­ri­an (NS­DAP) zum Vor­sit­zen­den de­s­ ­Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses und des­sen 13 Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der auf fol­gen­den Wahl­vor­schlä­gen: NS­DAP (je­weils sechs), Zen­trum (je­weils fünf), Kampf­front Schwarz-Weiß-Rot (je­weils zwei).

Bis 1918 wur­den, mit ei­ner Aus­nah­me (Al­bert Kes­sel­kaul, Aa­chen), nur Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges als re­gu­lä­re oder stell­ver­tre­ten­de Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses ge­wählt. Von den zwölf im Mai 1920 durch das Staats­mi­nis­te­ri­um nach­be­ru­fe­nen Mit­glie­dern und Stell­ver­tre­tern ge­hör­ten neun über­haupt nicht, ei­ner vor­her und zwei nach­her dem Pro­vin­zi­al­land­tag an, von den nach 1920 ge­wähl­ten Mit­glie­dern eben­falls zwei spä­ter dem Pro­vin­zi­al­land­tag an. Ins­ge­samt wa­ren zwi­schen 1888 und 1933 nur zwölf Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses nicht zu­gleich im Pro­vin­zi­al­land­tag. Hier­bei un­be­rück­sich­tigt blie­ben die Mit­glie­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, die nicht wäh­rend der ge­sam­ten Dau­er die­ser Zu­ge­hö­rig­keit auch in den Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wählt wa­ren.

Quellen

Pro­vin­zi­al­ord­nung vom 29. Ju­ni 1875 (Preu­ßi­sche Ge­setz­samm­lung [GS.] 1881, S. 234).

Ge­setz, be­tref­fend die Pro­vin­zi­al­ord­nung der Rhein­pro­vinz vom 1. Ju­ni 1887 (GS. 1887, S. 249).

Ge­setz, be­tref­fend die Wah­len zu den Pro­vin­zi­al­land­ta­gen und zu den Kreis­ta­gen vom 3.12.1920 (GS. 1921, S. 1).

Wahl­ge­setz für die Pro­vin­zi­al­land­ta­ge und Kreis­ta­ge vom 7.10.1925 (GS. 1925, S. 123, ge­än­dert durch Ge­setz vom 29.10.1928, GS. 1928, S. 197).

Ge­setz über die Be­stel­lung von Mit­glie­dern des Reichs­rats durch die Pro­vin­zi­al­ver­wal­tun­gen vom 3. Ju­ni 1921 (GS. 1921, S. 379).

Ge­setz über die Über­tra­gung von Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al­land­ta­ge auf die Pro­vin­zi­al­aus­schüs­se vom 24. Mai 1933 (GS. 1933, S. 189).

Ge­setz über die Über­tra­gung von Zu­stän­dig­kei­ten der Pro­vin­zi­al-(Kom­mu­nal-)land­ta­ge, der Ver­bands­ver­samm­lung des Sied­lungs­ver­bands Ruhr­koh­len­be­zirk und der Kreis­ta­ge auf die Pro­vin­zi­al-(Lan­des-)aus­schüs­se, den Ver­bands­aus­schuß und die Kreis­aus­schüs­se vom 17. Ju­li 1933 (GS. 1933, S. 257).

Ge­setz über die Er­wei­te­rung der Be­fug­nis­se der Ober­prä­si­den­ten vom 15. De­zem­ber 1933 (GS. 1933, S. 477).

Literatur

Bär, Max, Die Be­hör­den­ver­fas­sung der Rhein­pro­vinz seit 1815, Bonn 1919, zwei­ter Nach­druck 1998.

Lil­la, Joa­chim, Der Pro­vin­zi­al­aus­schuss der Rhein­pro­vinz 1888 bis 1933, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 214 (2011), S. 215-271.

Ro­meyk, Horst, Ver­wal­tungs- und Be­hör­den­ge­schich­te der Rhein­pro­vinz 1914-1945, Düs­sel­dorf 1985.

 
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Der Provinzialausschuss der Rheinprovinz 1888-1933, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-provinzialausschuss-der-rheinprovinz-1888-1933/DE-2086/lido/57d127aa0ea229.39277219 (14.11.2018)