Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete (1919–1930)

Joachim Lilla (Krefeld)

. (Politisches Archiv des Auswärtigen Amts)

1. Vorgeschichte

Nach den Be­stim­mun­gen des Waf­fen­still­stands­ver­tra­ges vom 11.11.1918 wa­ren die deut­schen Ge­bie­te von deut­schen Trup­pen zu räu­men. In die ge­räum­ten Ge­bie­te mar­schier­ten im Lau­fe des De­zem­ber al­li­ier­te Trup­pen in die west­lich des Rheins ge­le­ge­nen deut­schen Ge­bie­te ein (Bel­gi­er: Nie­der­rhein und Raum Aa­chen, Bri­ten: Raum Köln, Ame­ri­ka­ner: Raum Ko­blenz, Fran­zo­sen; Raum Mainz und die Pfalz) und be­setz­ten auch drei Brü­cken­köp­fe auf dem rech­ten Rhein­ufer mit ei­nem Ra­di­us von 30 Ki­lo­me­tern um Köln, Ko­blenz und Mainz (am 16.1.1919 kam ein wei­te­rer Brü­cken­kopf bei Kehl mit ei­nem Ra­di­us von 10 Ki­lo­me­tern hin­zu). Be­trof­fen von der Be­set­zung war in ers­ter Li­nie die über­wie­gend auf der lin­ken Rhein­sei­te ge­le­ge­ne preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz. Be­setzt wa­ren die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te der Rhein­pro­vinz, aus der Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau Tei­le des Re­gie­rungs­be­zirks Wies­ba­den, die baye­ri­sche Pfalz, der grö­ß­te Teil der hes­si­schen Pro­vinz Rhein­hes­sen und der ol­den­bur­gi­sche Re­gie­rungs­be­zirk Bir­ken­feld, fer­ner das ba­di­sche Kehl.

Der un­mit­tel­ba­re Kon­takt mit den mi­li­tä­ri­schen Be­sat­zungs­be­hör­den ob­lag in der Re­gel den kom­mu­na­len und re­gio­na­len Ver­wal­tungs­be­hör­den, auf Reichs­ebe­ne war die Fra­ge der Be­sat­zung an­fäng­lich eher ein au­ßen­po­li­ti­sches als ein in­nen­po­li­ti­sches The­ma. Al­ler­dings er­nann­te der Lei­ter der deut­schen Waf­fen­still­stands­kom­mis­si­on, Staats­se­kre­tär Mat­thi­as Erz­ber­ger (1875–1921), be­reits am 21.11.1918, al­so we­ni­ger als zwei Wo­chen nach dem Waf­fen­still­stand, den Köl­ner Ei­sen­gro­ßhänd­ler Ot­to Wolff (1881–1940), der über gu­te per­sön­li­che und ge­schäft­li­che Kon­tak­te na­ment­lich nach Frank­reich ver­füg­te, zu­dem zu­vor kei­ne amt­li­che Stel­lung in­ne­hat­te, zum „Reichs­kom­mis­sar und mei­ne[m] Be­voll­mäch­tig­ten für die Dau­er der Ok­ku­pa­ti­on“ im be­setz­ten Ge­biet. Die Re­gie­rung der Volks­be­auf­trag­ten bil­lig­te die­se Er­nen­nung nach­träg­lich und die Wolff er­teil­te Voll­macht „zur Ver­tre­tung der deut­schen Waf­fen­still­stands­kom­mis­si­on“. Der Kom­mis­sar soll­te, ne­ben An­ge­le­gen­hei­ten des Waf­fen­still­stan­des, auch in „Fra­gen des all­ge­mei­nen Reichs­in­ter­es­ses am Schick­sal und der Ent­wick­lung des ok­ku­pier­ten Rhein­lan­des vor­nehm­lich in wirt­schaft­li­cher Be­zie­hun­g“ ver­mit­telnd wir­ken, auch, weil der Re­gie­rung in Ber­lin ein ge­re­gel­ter Ge­schäfts­ver­kehr zwi­schen den Or­ga­nen im Rhein­land und den Ber­li­ner Zen­tral­in­stan­zen nicht ge­si­chert er­schien. Die ge­naue Dau­er der Tä­tig­keit von Wolff als Kom­mis­sar ist nicht über­lie­fert. In die Ver­hand­lun­gen mit den Al­li­ier­ten war vor­über­ge­hend auch ei­ne Un­ter­kom­mis­si­on der Waf­fen­still­stands­kom­mis­si­on in Köln ein­ge­bun­den, an de­ren Spit­ze der dor­ti­ge Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er stand.

Durch den Ver­sailler Ver­trag vom 28.6.1919, der am 10.1.1920 in Kraft trat, wur­de das links­rhei­ni­sche Ge­biet so­wie ein 30 Ki­lo­me­ter brei­ter Strei­fen auf dem rech­ten Rhein­ufer zum ent­mi­li­ta­ri­sier­ten Ge­biet er­klärt, in dem Deutsch­land kei­ner­lei mi­li­tä­ri­sche Ein­rich­tun­gen usw. un­ter­hal­ten durf­te. Das Ge­biet soll­te für 15 Jah­re von al­li­ier­ten Trup­pen be­setzt blei­ben; in drei Stu­fen nach fünf (nörd­li­che Zo­ne mit Köln), zehn (Raum Ko­blenz) be­zie­hungs­wei­se 15 Jah­ren (Raum Mainz) ge­räumt wer­den. De­tails der Be­sat­zungs­herr­schaft re­gel­te das eben­falls am 28.6.1919 ge­schlos­se­ne Rhein­land­ab­kom­men. Hier­durch wur­den im be­setz­ten Ge­biet nicht Mi­li­tär­be­fehls­ha­ber, son­dern ei­ne zi­vi­le Be­hör­de, die In­te­r­al­li­ier­te Rhein­land­ober­kom­mis­si­on – IR­KO (bes­ser be­kannt als „Rhein­land­kom­mis­si­on“) mit der obers­te Ver­tre­tung der Al­li­ier­ten im be­setz­ten Ge­biet be­traut. Es wur­de an­er­kannt, dass die deut­sche Ge­biets­ho­heit im be­setz­ten Ge­biet an sich wei­ter be­stand. Die Rhein­land­kom­mis­si­on konn­te Ver­ord­nun­gen mit Ge­set­zes­kraft er­las­sen, so­weit dies im In­ter­es­se der Si­cher­heit und der Be­dürf­nis­se der Be­sat­zungs­trup­pen not­wen­dig war. Deut­sche Ge­set­ze konn­ten im be­setz­ten Ge­biet erst dann in Kraft tre­ten, wenn sie der Rhein­land­kom­mis­si­on mit ei­ner Frist von zehn Ta­gen be­kannt ge­ge­ben wur­den; die­se von deut­scher Sei­te stets als un­zu­läs­sig be­kämpf­te Re­ge­lung wur­de erst im No­vem­ber 1925 auf­ge­ho­ben. Die 1921 (Düs­sel­dorf, Duis­burg-Ruhr­ort) und 1923 (Ruhr­ge­biet) be­setz­ten rechts­rhei­ni­schen „Sank­ti­ons­ge­bie­te“ un­ter­stan­den der Be­fehls­ge­walt der bel­gi­schen und fran­zö­si­schen Ober­be­fehls­ha­ber; sie fie­len nicht un­ter das Rhein­land­ab­kom­men.

2. Einsetzung des ersten Reichs- und Staatskommissars 1919

Als sich die Or­ga­ni­sa­ti­on der al­li­ier­ten Be­sat­zung im Früh­jahr 1919 ab­zeich­ne­te, wur­den auf deut­scher Sei­te kon­kre­te or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men zur Ver­tre­tung der In­ter­es­sen des Reichs und der be­trof­fe­nen Län­der ge­gen­über der Rhein­land­kom­mis­si­on er­wo­gen. Die In­itia­ti­ve ging von der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung aus, die we­gen des Pro­blems der Au­to­no­mie­be­we­gung im Rhein­land un­ter in­nen­po­li­ti­schem Druck stand. Die Über­le­gun­gen gin­gen zu­nächst da­hin, die Auf­ga­ben ei­nes Staats­kom­mis­sars dem Ober­prä­si­den­ten in Ko­blenz zu über­tra­gen, dies schien aber nicht zweck­mä­ßig, auch mit Rück­sicht auf die an­de­ren Län­der. So be­schloss die preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung am 2.6.1919 die „Be­stel­lung ei­nes be­son­de­ren [...] Staats- und Reichs­kom­mis­sars für die Rhein­lan­de in Ver­bin­dung mit der Reichs­re­gie­rung und dem Zen­trum“. Die Reichs­re­gie­rung er­klär­te sich am 6.6.1919 „da­mit ein­ver­stan­den, daß für die be­setz­ten und ge­fähr­de­ten west­li­chen Ge­bie­te ein preu­ßi­scher Staats­kom­mis­sar er­nannt und ihm auch ei­ne Reichs­voll­macht er­teilt wir­d“. Das Vor­schlags­recht für die Be­set­zung ver­blieb bei der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung, die am 17. Ju­ni die Er­nen­nung den bis­he­ri­gen Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Köln, Karl von Starck (1867–1937), zum Reichs- und Staats­kom­mis­sar be­schloss, die am 21. Ju­ni voll­zo­gen wur­de. Nach Zu­stim­mung der Sie­ger­mäch­te – er­for­der­lich, weil das Reichs­kom­mis­sa­ri­at nicht im Rhein­land­ab­kom­men vor­ge­se­hen war, und En­de Ju­li in Form ei­nes vor­läu­fi­gen Agré­ments für von Starck eher wi­der­stre­bend er­teilt – konn­te der Reichs- und Staats­kom­mis­sar am 18.8.1919 sein Amt an­tre­ten. Al­ler­dings muss­te er sich zu­nächst auf Ver­bin­dun­gen zu in­te­r­al­li­ier­ten Stel­len in Ko­blenz und Trier be­schrän­ken, da er sei­ne Tä­tig­keit erst of­fi­zi­ell mit dem In­kraft­tre­ten von Frie­dens­ver­trag und Rhein­land­ab­kom­men am 10.1.1920 auf­neh­men durf­te.

3. Organisation und Zuständigkeit

Als Dienst­stel­le des Reichs fir­mier­te er als Reichs­kom­mis­sar, als preu­ßi­sche Dienst­stel­le in­des als Reichs- und Staats­kom­mis­sar für die be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te. Er res­sor­tier­te zum Ge­schäfts­be­reich des Reichs­mi­nis­te­ri­um des In­nern, das (bis 1923) für die be­set­zen Ge­bie­te zu­stän­dig war, und zum preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­um be­zie­hungs­wei­se zum preu­ßi­schen Mi­nis­te­ri­um des In­nern; er hat­te sei­nen Sitz in Ko­blenz, wo auch die Rhein­land­kom­mis­si­on an­ge­sie­delt war. Im Ver­kehr mit den üb­ri­gen Lan­des­re­gie­run­gen hat­te sich der Reichs­kom­mis­sar der von je­nen be­stell­ten Staats­kom­mis­sa­re (bis An­fang 1920 nahm der preu­ßi­sche Staats­kom­mis­sar auch die Be­lan­ge Ol­den­burgs wahr, bis ein ei­ge­ner ol­den­bur­gi­scher Staats­kom­mis­sar er­nannt wur­de) zu be­die­nen, wo­bei ins­be­son­de­re Bay­ern auf die Be­ach­tung der Ab­gren­zung der Zu­stän­dig­keits­be­fug­nis­se zwi­schen dem Reichs­kom­mis­sar und den or­dent­li­chen Be­hör­den der ein­zel­nen Län­der be­son­de­ren Wert leg­te; der preu­ßi­sche Staats­kom­mis­sar war kei­ne Zwi­schen­in­stanz zwi­schen Pro­vin­zi­al- und Zen­tral­be­hör­den. Der räum­li­che Zu­stän­dig­keit des Kom­mis­sa­ri­ats er­streck­te sich auf das ge­sam­te von den al­li­ier­ten und as­so­zi­ier­ten Mäch­ten auf­grund des Rhein­land­ab­kom­mens be­setz­te (rhei­ni­sche) Ge­biet (im Fal­le des preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar auf das be­setz­te preu­ßi­sche Staats­ge­biet), hier­un­ter fiel al­ler­dings nicht das un­ter in­ter­na­tio­na­ler Ver­wal­tung ste­hen­de Saar­ge­biet.

Als Reichs- und preu­ßi­sche Staats­be­hör­de hat­te der Kom­mis­sar fol­gen­de Zu­stän­dig­kei­ten:

  1. Wahr­neh­mung und Ver­tre­tung der In­ter­es­sen der Reichs und des Frei­staats Preu­ßen ge­gen­über den Be­sat­zungs­be­hör­den;

  2. Ver­tre­tung der be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te und ih­rer Be­völ­ke­rung ge­gen­über der Be­sat­zung durch Wei­ter­lei­tung der Wün­sche und Be­schwer­den aus der Be­völ­ke­rung so­wie Be­ar­bei­tung der Re­qui­si­tio­nen und Be­sat­zungs­an­for­de­run­gen;

  3. Mit­wir­kung bei der Aus­füh­rung der Be­stim­mun­gen des Frie­dens­ver­trags hin­sicht­lich der be­setz­ten Ge­bie­te.

Un­ter die In­ter­es­sen­ver­tre­tung von Reich und Län­dern fie­len auch die No­ti­fi­zie­rung der Ge­set­ze, die im be­setz­ten Ge­biet in Kraft ge­setzt wer­den soll­ten, so­wie Wei­ter­lei­tung be­zie­hungs­wei­se Ent­ge­gen­nah­me amt­li­cher Schrift­stü­cke an be­zie­hungs­wei­se von der Rhein­land­kom­mis­si­on. Der Reichs- und Staats­kom­mis­sar war die ein­zi­ge Reichs- und Staats­be­hör­de im be­setz­ten Ge­biet, die in un­mit­tel­ba­ren Ge­schäfts­ver­kehr mit der Rhein­land­kom­mis­si­on tre­ten durf­te.

Der Reichs- und Staats­kom­mis­sar be­dien­te sich für die Durch­füh­rung sei­ner Auf­ga­ben ei­ner ei­ge­nen Dienst­stel­le, die in Ko­blenz (1922) in den Ge­bäu­den Cas­tor­hof 6 und Cas­tor­pfaf­fen­gas­se 21 un­ter­ge­bracht war. Sie be­stand aus dem Reichs- und Staats­kom­mis­sar, sei­nem stän­di­gen Stell­ver­tre­ter, acht Re­fe­ren­ten und dem er­for­der­li­chen Bü­ro­per­so­nal. Zwi­schen Herbst 1919 und April 1923 wa­ren dem Reichs­kom­mis­sar die Ver­tre­ter be­zie­hungs­wei­se Staats­kom­mis­sa­re beim Reichs­kom­mis­sar der Län­der, Bay­ern, Ba­den, Hes­sen und Ol­den­burg bei­ge­ge­ben, fer­ner je ein Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amts, des Reichs­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums und des Reichs­mi­nis­te­ri­ums für Er­näh­rung und Land­schaft, des Reichs­ar­beits­mi­nis­te­ri­ums, des Reichs­wehr­mi­nis­te­ri­ums, des Reichs­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums, des Reichs­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums (Ab­tei­lung Was­ser­stra­ßen), des Reichs­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums (Zweig­stel­le Preu­ßen-Hes­sen), des Reichs­post­mi­nis­te­ri­ums, des Reichs­kom­mis­sars für die Koh­len­ver­tei­lung, des Reichs­be­auf­trag­ten für die Über­wa­chung der Ein- und Aus­fuhr (nur 1921). Dem preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar war zu­dem ein Ver­tre­ter des preu­ßi­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums zu­ge­teilt. Eben­falls bis 1923 be­stand bei dem Reichs­kom­mis­sar ein aus 40 Mit­glie­dern be­ste­hen­der par­la­men­ta­ri­scher Bei­rat, der die Auf­ga­be hat­te, die In­ter­es­sen der be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te und ih­rer Be­völ­ke­rung im Rah­men der dem Reichs­kom­mis­sar zu­ge­wie­se­nen Auf­ga­ben zu ver­tre­ten und die­sen bei sei­nen Maß­nah­men zu be­ra­ten. Dem Bei­rat ge­hör­ten an:

a) 18 von den Frak­tio­nen der Par­la­men­te be­stimm­te Mit­glie­der (Zen­trum sie­ben, SPD vier, DVP drei, USPD zwei, DDP und DNVP je ei­ner),

b) 22 Ver­tre­ter von Be­rufs- und In­ter­es­sen­ver­ei­ni­gun­gen (Han­del und In­dus­trie fünf, Land­wirt­schaft drei, Hand­werk ei­ner, Städ­te­ver­ei­ni­gung der be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te drei, Ver­band der Rhei­ni­schen Ge­mein­den und Rhei­ni­scher Ge­mein­de­tag ei­ner, Ge­werk­schaf­ten sechs, Ver­tre­ter der An­ge­stell­ten­ver­bän­de zwei, Lan­des­ver­band der Reichs-, Lan­des- und Ge­mein­de­be­am­ten der be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te ei­ner).

Wie sich der Kon­takt mit den Staats­kom­mis­sa­ren der Län­der voll­zog, mag am Bei­spiel der Mit­wir­kung des baye­ri­schen Staats­kom­mis­sars Sig­mund Knoch (1881–1945) il­lus­triert wer­den. Da die­ser wei­ter­hin bei der Kreis­re­gie­rung in Spey­er tä­tig und mit den dor­ti­gen fran­zö­si­schen Be­hör­den in Kon­takt blei­ben woll­te, konn­te er mit Zu­stim­mung des baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums des Äu­ßern sei­ne Tä­tig­keit in Spey­er fort­set­zen, soll­te aber ein bis zwei Ta­ge pro Wo­che auch bei dem Reichs­kom­mis­sar in Ko­blenz tä­tig sein. Knoch rich­te­te es so ein, dass er in der Re­gel von don­ners­tags bis sams­tags nach Ko­blenz fuhr, um an den frei­tags an­be­raum­ten Haupt­be­spre­chun­gen im Reichs­kom­mis­sa­ri­at teil­neh­men zu kön­nen.

4. Konfliktfelder

Die Dop­pel­funk­ti­on als Reichs- und Staats­kom­mis­sar war in der An­fangs­zeit nicht un­pro­ble­ma­tisch, zu­mal in der Amts­zeit des aus dem preu­ßi­schen Staats­dienst kom­men­den Kom­mis­sars von Starck. Die­ser, wie auch die preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung, ver­stand das Kom­mis­sa­ri­at in ers­ter Li­nie als In­stru­ment zur Durch­set­zung preu­ßi­scher In­ter­es­sen. So sah sich das Aus­wär­ti­ge Amt be­reits we­ni­ge Ta­ge nach In­kraft­tre­ten des Rhein­land­ab­kom­mens ver­an­lasst, sei­nen Ver­tre­ter beim Reichs­kom­mis­sar an­zu­wei­sen, er mö­ge dar­auf hin­wir­ken, „daß die Rhein­land­fra­ge we­ni­ger vom preu­ßi­schen als viel­mehr vom deut­schen Stand­punk­te aus be­han­delt wir­d“, auch dür­fe die Stel­lung des Reichs­kom­mis­sars „als Zen­tral­ver­mitt­lungs­stel­le für die ge­sam­ten be­setz­ten Rhein­lan­de nicht er­schüt­ter­t“ wer­den, schlie­ß­lich sei die Reichs­ein­heit die „Grund­la­ge un­se­rer aus­wär­ti­gen Po­li­ti­k“, de­ren Nicht­be­ach­tung den ge­gen­tei­li­gen Be­stre­bun­gen des fran­zö­si­schen Ver­tre­ters in der Rhein­land­kom­mis­si­on Vor­schub leis­ten wür­de. So ist es nach­voll­zieh­bar, dass die Kon­tak­te des Reichs­kom­mis­sars auch zu den Ver­tre­tern der Län­der nicht span­nungs­frei wa­ren, der hes­si­sche Staats­kom­mis­sar be­zeich­ne­te des­sen Ver­hal­ten ein­mal als „ei­ne In­fe­rio­ri­tät für Hes­sen“. Pro­ble­ma­tisch war auch das Ver­hält­nis von Reichs- und Staats­kom­mis­sar von Starck zum Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz, Ru­dolf von Groo­te, weil die­ser in den ers­ten Mo­na­ten sei­ner Amts­zeit un­ter Um­ge­hung des Ober­prä­si­den­ten in An­ge­le­gen­hei­ten, die aus­schlie­ß­lich in den Zu­stän­dig­keits­be­reich der in­ne­ren Ver­wal­tung fie­len, un­mit­tel­bar mit staat­li­chen und kom­mu­na­len Be­hör­den in der Rhein­pro­vinz und der Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau ver­kehr­te. Die­ser eher sach­li­che Kom­pe­tenz­kon­flikt konn­te schlie­ß­lich aus­ge­räumt wer­den, in­dem ein re­gel­mä­ßi­ger In­for­ma­ti­ons­aus­tausch über wich­ti­ge Vor­komm­nis­se ver­ein­bart und dem Reichs- und Staats­kom­mis­sar das Recht zum un­mit­tel­ba­ren Ver­kehr mit den Re­gie­rungs­prä­si­den­ten zu­ge­stan­den wur­de. Au­ßer­dem konn­te der Ober­prä­si­dent als stän­di­ger Kom­mis­sar den Sit­zun­gen des par­la­men­ta­ri­schen Bei­rats bei­woh­nen. Spä­ter tra­ten aber noch per­sön­li­che Ge­gen­sät­ze zwi­schen Reichs­kom­mis­sar und Ober­prä­si­dent in den Vor­der­grund, zum ei­nen we­gen der durch­aus vor­han­de­nen Be­stre­bun­gen von Starcks, die Ver­hält­nis­se der Be­sat­zung zur Än­de­rung der Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on zu nut­zen, zum an­de­ren we­gen der er­kenn­ba­ren par­tei­po­li­ti­schen Be­set­zung der Be­hör­de des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats: der par­tei­lo­se Reichs­kom­mis­sar, Ver­wal­tungs­be­am­ter al­ter Schu­le und lang­jäh­ri­ger Po­li­zei­prä­si­dent in Pots­dam, galt we­gen sei­ner gu­ten Kon­tak­te zur SPD aus sei­ner Köl­ner Zeit als „ro­ter Re­gie­rungs­prä­si­den­t“, sein Stell­ver­tre­ter Alex­an­der von Brandt (1873–1960), zu­vor Ge­hei­mer Re­gie­rungs­rat und Vor­tra­gen­der Rat im preu­ßi­schen Mi­nis­te­ri­um der geist­li­chen und Un­ter­richts­an­ge­le­gen­hei­ten, war aus­drück­lich als Ver­tre­ter des Zen­trums be­ru­fen wor­den, der so­zi­al­po­li­ti­sche Re­fe­rent des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats, Ot­to Bauknecht (1876–1961), war Ge­werk­schafts­se­kre­tär und SPD-Mit­glied.

5. Von der Neubesetzung 1921 bis zur Aufhebung 1923

Die Amts­zeit von Reichs- und Staats­kom­mis­sar von Starck en­de­te nach we­ni­ger als zwei Jah­ren. In der Ka­bi­netts­sit­zung am 27.5.1921 teil­te der Reichs­mi­nis­ter des In­nern Ge­org Grad­nau­er (1866–1946), mit, dass die In­te­r­al­li­ier­te Rhein­land­kom­mis­si­on mit der Aus­wei­sung des Reichs­kom­mis­sars von Starck ge­droht ha­be, falls nicht in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die im be­setz­ten Ge­biet sich Ver­feh­lun­gen ge­gen An­ge­hö­ri­ge der In­te­r­al­li­ier­ten Mäch­te hät­ten zu Schul­den kom­men las­sen und in das un­be­setz­te Ge­biet ge­flo­hen sei­en, aus­ge­lie­fert wür­den. Ei­ne Aus­lie­fe­rung die­ser Per­so­nen wer­de vor­aus­sicht­lich teils aus recht­li­chen, teils aus tak­ti­schen Grün­den nicht mög­lich sein, die For­de­rung der Aus­lie­fe­rung sei auch nur ein Vor­wand, um die Ent­fer­nung des Reichs­kom­mis­sars oder so­gar die Un­ter­drü­ckung des gan­zen Reichs­kom­mis­sa­ri­ats her­bei­zu­füh­ren. Der eng­li­sche Ver­tre­ter in der Rhein­land­kom­mis­si­on ha­be dem Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amts in Ko­blenz ver­trau­lich mit­ge­teilt, dass es im In­ter­es­se des Zu­sam­men­ar­bei­tens des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats mit der Rhein­land­kom­mis­si­on und der Schaf­fung ei­ner bes­se­ren At­mo­sphä­re wün­schens­wert sei, dass von Starck sei­nen Pos­ten ver­las­se. Vor die­sem Hin­ter­grund er­klär­te der in der Sit­zung an­we­sen­de Reichs­kom­mis­sar von Starck, dass er sein Amt der Re­gie­rung zur Ver­fü­gung stel­le.

Die Re­ge­lung der Nach­fol­ge im Amt des Reichs- und Staats­kom­mis­sars nahm ei­ni­ge Zeit in An­spruch. Die Reichs­re­gie­rung hat­te schon bald den seit 1912 im Ru­he­stand be­find­li­chen Di­plo­ma­ten Paul Her­mann Fürst von Hatz­feldt und Wil­den­burg (1867–1941), der auf Schloss Crot­torf bei Frie­sen­ha­gen leb­te und zu­letzt als deut­scher Be­voll­mäch­tig­ter für das Ab­stim­mungs­ge­biet in Ober­schle­si­en am­tiert hat­te, für das Amt vor­ge­schla­gen. Die­sen Vor­schlag bil­lig­te zwar das preu­ßi­sche Staats­mi­nis­te­ri­um am 24. Ju­ni, be­schloss aber zu­gleich, von sei­ner gleich­zei­ti­gen Be­stel­lung zum preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar ab­zu­se­hen. Of­fen­bar als Er­geb­nis wei­te­rer Ver­hand­lun­gen zwi­schen Reich und Preu­ßen re­vi­dier­te die preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung aber ih­re Mei­nung und stimm­te am 19. Au­gust der Er­nen­nung des Fürs­ten von Hatz­feldt auch zum preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar zu. Die­ser wur­de am 30. Sep­tem­ber zum Reichs­kom­mis­sar un­ter gleich­zei­ti­ger Be­stel­lung zum preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar er­nannt. Er trat sein Amt in Ko­blenz am 14.10.1921 an und über­gab we­nig spä­ter der Rhein­land­kom­mis­si­on sei­ne prä­si­den­ti­el­le Voll­macht. Der neue Kom­mis­sar in­ten­si­vier­te die Kon­tak­te mit der Rhein­land­kom­mis­si­on; die preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung hat­te sei­ne Stel­lung auch da­durch ge­stärkt, dass sie die nach­ge­ord­ne­ten Be­hör­den an­wies, ihm von al­len wich­ti­gen Be­rich­ten, nicht nur in Be­sat­zungs­an­ge­le­gen­hei­ten, Ab­schrif­ten zu­zu­lei­ten. Wäh­rend der Tä­tig­keit des Fürs­ten Hatz­feldt konn­ten auch die aus der Zeit von Starcks stam­men­den Vor­be­hal­te der au­ßer­preu­ßi­schen Län­dern ge­gen­über dem Kom­mis­sa­ri­at suk­zes­si­ve ab­ge­baut wer­den, zu­mal die Län­der den Wert ei­ner ge­mein­sa­men Ver­tre­tung ge­gen­über der Rhein­land­kom­mis­si­on zu schät­zen be­gan­nen. Ei­ne wei­te­re per­so­nel­le Ver­än­de­rung war im Früh­jahr 1922 das Aus­schei­den des stell­ver­tre­ten­den Reichs- und Staats­kom­mis­sars Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor Alex­an­der von Brandt, der am 1. April als Lei­ter der un­ter an­de­rem mit Be­sat­zungs- und Re­pa­ra­ti­ons­an­ge­le­gen­hei­ten be­fass­ten Ab­tei­lung V in das Reichs­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um wech­sel­te. Neu­er Stell­ver­tre­ter wur­de der Ge­hei­me Re­gie­rungs­rat Mi­nis­te­ri­al­rat Dr. Ot­to Dil­they (1877–1929), seit 1919 Re­fe­rent im Reichs­kom­mis­sa­ri­at.

Mitt­ler­wei­le war das Kli­ma zwi­schen deut­schen Stel­len und der Rhein­land­kom­mis­si­on nach dem Ruh­r­ein­marsch der Bel­gi­er und Fran­zo­sen und dem von deut­scher Sei­te an­ge­ord­ne­ten pas­si­ven Wi­der­stand fros­tig ge­wor­den. Hier­von blieb auch das Reichs- und Staats­kom­mis­sa­ri­at nicht ver­schont: Am 17. April er­klär­te die Rhein­land­kom­mis­si­on die Tä­tig­keit des Reichs­kom­mis­sars für be­en­det und wies den Fürs­ten Hatz­feldt aus. Die Rhein­land­kom­mis­si­on be­grün­de­te dies un­ter an­de­rem da­mit, dass das Reichs­kom­mis­sa­ri­at nicht mehr die Tä­tig­kei­ten aus­üben wer­de, un­ter de­ren Vor­aus­set­zung es ein­ge­rich­tet wor­den sei. Die Dienst­stel­le des Reichs- und Staats­kom­mis­sars blieb zwar no­mi­nell be­ste­hen, war aber (so das Hand­buch für das Deut­sche Reich 1924) „z.Z. au­ßer Tä­tig­keit“ be­zie­hungs­wei­se (so das Preu­ßi­sche Staats­hand­buch 1925) „in­fol­ge Aus­wei­sung durch die Be­sat­zungs­be­hör­den […] z.Zt. au­ßer Wirk­sam­keit“. Die Be­diens­te­ten des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats dürf­ten mehr­heit­lich aus­ge­wie­sen wor­den sein, ei­ni­ge fin­den sich spä­ter vor­über­ge­hend im Per­so­nal­be­stand die­ses Mi­nis­te­ri­ums. Das Kom­mis­sa­ri­at ging aus dem Ge­schäfts­be­reich des Reichs­mi­nis­te­ri­ums des In­nern in den des am 24.8.1923 neu er­rich­te­ten Reichs­mi­nis­te­ri­ums für die be­setz­ten Ge­bie­te über.

Mit der Aus­wei­sung des Reichs­kom­mis­sars war auf nicht ab­seh­ba­re Zeit das Reichs­kom­mis­sa­ri­at als zen­tra­le deut­sche Ver­bin­dungs­stel­le mit der Rhein­land­kom­mis­si­on sus­pen­diert. Kon­tak­te mit den Be­sat­zungs­mäch­ten be­stan­den fort­an nur noch zwi­schen den ört­li­chen und re­gio­na­len Be­hör­den (wo­bei ein­schlä­gi­ge Ak­ti­vi­tä­ten des Ober­prä­si­den­ten in Ko­blenz, so­fern Be­lan­ge au­ßer­preu­ßi­scher Ge­bie­te be­rührt wa­ren, von den Län­dern mit Arg­wohn be­trach­tet wur­den) und den ent­spre­chen­den Be­sat­zungs­dienst­stel­len, ab­ge­se­hen von den Kon­tak­ten auf obers­ter po­li­tisch-di­plo­ma­ti­scher Ebe­ne. Ei­nen be­schei­de­nen Er­satz, un­ter an­de­rem im Hin­blick auf die Ko­or­di­nie­rung von Ein­ga­ben aus dem be­setz­ten Ge­biet, bil­de­te die im Früh­jahr 1923 bei der Reichs­kanz­lei er­rich­te­te Zen­tral­stel­le Rhein-Ruhr, der al­ler­dings die Mög­lich­keit un­mit­tel­ba­rer Kon­tak­te zur Rhein­land­kom­mis­si­on fehl­ten. Die Zen­tral­stel­le Rhein-Ruhr ging im Au­gust im neu­en Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te auf.

6. Verhandlungen um die Wiedereinsetzung 1924 bis 1925

Mit der Ent­span­nung der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Reich und den al­li­ier­ten Mäch­ten als Fol­ge der Lon­do­ner Kon­fe­renz vom Au­gust 1924 (Da­wes-Plan), spä­ter auch des Rhein­pakts von Lo­car­no vom 16.10.1925, stell­te sich die Fra­ge nach der Wie­der­her­stel­lung des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats, die aber zu­nächst, so die Ein­schät­zung der Reichs­re­gie­rung En­de 1924, von den Al­li­ier­ten, vor al­lem von Frank­reich, noch ab­ge­lehnt wur­de. Be­mü­hun­gen des Aus­wär­ti­gen Amts, das von den stän­di­gen Rei­be­rei­en im Rhein­land ent­las­tet wer­den woll­te, schon im Herbst 1924 um Wie­der­zu­las­sung des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats wa­ren er­geb­nis­los ver­lau­fen. Vor al­lem Bay­ern setz­te sich für die Re­ak­ti­vie­rung des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats ein, weil es die „Übun­g“ ab­lehn­te, „dass der preu­ßi­sche Ober­prä­si­dent der Rhein­pro­vinz in sei­ner Per­son auch die Auf­ga­ben des Reichs­kom­mis­sars ver­ei­nig­t“ und un­ter Aus­schal­tung auch der Län­der „un­mit­tel­bar mit der Rhein­land­kom­mis­si­on in Be­zie­hung ge­tre­ten“ sei, wie es der Staats­rat im baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­um des Äu­ßern Hans Schmelz­le (1874–1955) im No­vem­ber 1924 ge­gen­über dem Ver­tre­ter der Reichs­re­gie­rung in Mün­chen mo­nier­te. Die Reichs­re­gie­rung be­kräf­tig­te am 20.12.1924, „daß der Ge­dan­ke ei­ner Per­so­nal­uni­on zwi­schen Reichs­kom­mis­sa­ri­at und Ober­prä­si­di­um in Ko­blenz als un­zweck­mä­ßig ab­ge­lehnt wer­den müs­se“. Die in­ner­deut­sche Mei­nungs­bil­dung in Sa­chen Reichs­kom­mis­sa­ri­at war ein Ge­men­ge­la­ger di­ver­gie­ren­der In­ter­es­sen zwi­schen dem Aus­wär­ti­gem Amt und dem Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te, der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung und den Am­bi­tio­nen des rhei­ni­schen Ober­prä­si­den­ten Hans Fuchs, schlie­ß­lich den be­tei­lig­ten Län­den, mit Bay­ern an der Spit­ze.

Die äu­ßerst zä­hen Ver­hand­lun­gen, ganz ab­ge­se­hen von der wei­ter­hin ab­leh­nen­den Hal­tung ins­be­son­de­re der Fran­zo­sen, mö­gen fol­gen­de In­itia­ti­ven ver­an­schau­li­chen: Der Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ter schlug An­fang 1925 wie­der­um vor, den Ober­prä­si­den­ten zum „in­ner­deut­schen“ Reichs­kom­mis­sar zu be­stel­len, dies lehn­ten Aus­wär­ti­ges Amt und Reichs­wehr­mi­nis­ter mit Ent­schie­den­heit ab. Letz­te­rer sprach sich am 30.3.1925 ge­gen­über dem Aus­wär­ti­gen Amt da­für aus, die deut­sche Po­li­tik müs­se er­rei­chen, „daß die In­te­r­al­li­ier­te Rhein­land­kom­mis­si­on das Feh­len ei­ner Reichs­ver­tre­tung selbst als stö­rend emp­fin­det und in die­ser Hin­sicht zu­gäng­li­cher wir­d“. Am 11.7.1925 for­der­te der Reichs­mi­nis­ter für die be­setz­ten Ge­bie­te, Jo­seph Fren­ken, vom dem Aus­wär­ti­gen Amt un­ter an­de­rem die „Wie­der­her­stel­lung des im April 1923 ver­trie­be­nen Reichs­kom­mis­sa­ri­ats“ als ei­ne Maß­nah­me zur „Ge­ne­ral­ber­ei­ni­gung der Be­sat­zungs­fra­gen“. Nach Lo­car­no wa­ren dann die fran­zö­si­schen Vor­be­hal­te ge­gen das Reichs­kom­mis­sa­ri­at aus­ge­räumt, die preu­ßi­sche Zu­stim­mung zur Wie­der­ein­set­zung muss­te je­doch mit for­ma­len Kon­zes­sio­nen zu des­sen Stel­lung er­kauft wer­den: So soll­te das Reichs­kom­mis­sa­ri­at fort­an nur noch „ei­ne nach Rang und Zahl der Be­am­ten klei­ne di­plo­ma­ti­sche Be­hör­de“ sein, zu­dem sol­le „ei­ne Ver­ei­ni­gung ei­nes Preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sars mit je­ner di­plo­ma­ti­schen Stel­lung nicht er­fol­gen“, wie es In­nen­mi­nis­ter Carl Se­ve­ring (1875–1952) und Mi­nis­ter­prä­si­dent Ot­to Braun (1872–1955) von der Reichs­re­gie­rung ver­lang­ten. Der Ober­prä­si­dent der Rhein­pro­vinz Hans Fuchs hat­te sich noch im Ok­to­ber 1925 ge­gen­über Reichs­kanz­ler Hans Lu­ther als den „ge­bo­re­ne[n] Staats­kom­mis­s­ar“ in der Pro­vinz be­zeich­net, fer­ner da­vor ge­warnt, dem Reichs­kom­mis­sar „ein Re­li­ef zu ge­ben, das mit sei­ner mehr oder we­ni­ger for­ma­len Tä­tig­keit nicht in Ein­klang zu brin­gen ist, und vor al­lem da­durch nicht die an­ma­ßen­de Be­deu­tung der Rhein­land­kom­mis­si­on zu stär­ken“.

Das Aus­wär­ti­ge Amt tak­tier­te ge­schickt, in dem es der Form nach auf die preu­ßi­schen For­de­run­gen ein­ging, im Üb­ri­gen aber sei­ne Vor­stel­lun­gen mit Er­folg durch­setz­te, so auch bei der Be­set­zung der Stel­le. An­fan­g  No­vem­ber 1925 wur­de der deut­sche Bot­schaf­ter in Ma­drid, Ernst Frei­herr Lang­werth von Sim­mern (1865–1942), zum neu­en Reichs­kom­mis­sar für die be­setz­ten Ge­bie­te er­nannt. Er er­hielt auf deut­sches Er­su­chen am 6. No­vem­ber das Agré­ment der Bot­schaf­ter­kon­fe­renz, wur­de am 12. No­vem­ber in Be­glei­tung des deut­schen Bot­schaf­ters in Pa­ris, Leo­pold von Hoesch (1881–1936), vom fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­ter Aris­ti­de Bri­and (1862–1932) emp­fan­gen und trat sein Amt in Ko­blenz am 23.12.1925 an.

7. Die letzten Jahre (1925 bis 1930)

Lang­werth von Sim­mern am­tier­te nur noch als Reichs­kom­mis­sar. Durch die 1923 er­folg­te Un­ter­stel­lung des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats un­ter das Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te war der In­stan­zen­zug über­sicht­li­cher ge­wor­den und er­mög­lich­te auch ei­nen Aus­tausch von Per­so­nal zwi­schen Mi­nis­te­ri­um und Reichs­kom­mis­sar. So wur­de im Mai 1926 der bis­he­ri­ge Stell­ver­tre­ter des Reichs­kom­mis­sars, Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor Dr. Ot­to Dil­they, als Di­ri­gent in die Ab­tei­lung I des Mi­nis­te­ri­ums ver­setzt, wäh­rend der bis­he­ri­ge Stel­len­in­ha­ber Mi­nis­te­ri­al­rat Dr. Ra­ban Graf Adel­mann von Adel­manns­fel­den als Stell­ver­tre­ter des Reichs­kom­mis­sars nach Ko­blenz wech­sel­te und in die­ser Stel­lung bis 1930 ver­blieb. Graf Adel­mann war bis 1919 beim Ober­prä­si­di­um in Ko­blenz tä­tig und seit­dem im Reichs­mi­nis­te­ri­um des In­nern be­zie­hungs­wei­se im Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te ein­schlä­gig be­schäf­tigt. Das Reichs­kom­mis­sa­ri­at hat­te fort­an sei­ne Ge­schäfts­räu­me in Ko­blenz, Rhein­an­la­gen 10, es war im Ver­gleich zur Zeit bis 1923 mit we­ni­ger Per­so­nal aus­ge­stat­tet, hat­te ne­ben dem Stell­ver­tre­ter des Reichs­kom­mis­sars nur noch drei Re­fe­ren­ten und das er­for­der­li­che Bü­ro­per­so­nal. Die Aus­rich­tung des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats als eher di­plo­ma­ti­sche Be­hör­de zeig­te sich un­ter an­de­rem dar­in, dass der je­wei­li­ge Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amts und (ab Ja­nu­ar) 1926) auch der baye­ri­sche Ver­tre­ter Dr. Knoch, nun­mehr mit Ti­tel und Rang Wirk­li­cher Le­ga­ti­ons­rat, un­mit­tel­bar als Re­fe­ren­ten in der Dienst­stel­le des Reichs­kom­mis­sars zu fun­gie­ren schie­nen, wo­bei al­ler­dings die per­so­nel­le Nicht­be­rück­sich­ti­gung der üb­ri­gen Län­der (vor al­lem Hes­sens und Ba­dens) von die­sen kri­ti­siert wur­den. Ein Par­la­men­ta­ri­scher Bei­rat fin­det sich nicht mehr, eben­so kei­ne Ver­tre­ter von an­de­ren Reichs­mi­nis­te­ri­en. Die preu­ßi­schen Be­lan­ge nahm der Ober­prä­si­dent der Rhein­pro­vinz im Grund­satz un­ab­hän­gig vom Reichs­kom­mis­sar als stän­di­ger Kom­mis­sar der preu­ßi­schen Re­gie­rung im Rah­men der all­ge­mei­nen Zu­stän­dig­keits­be­stim­mun­gen wahr.

Der Ar­beits­an­fall des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats ging ab 1926 mit der Räu­mung der drei Zo­nen des be­setz­ten Ge­bie­tes zu­rück. Im Ja­nu­ar 1926 zog sich die Be­sat­zung aus der 1. (Köl­ner) Zo­ne zu­rück, im No­vem­ber 1929 aus der 2. (Ko­blen­zer) Zo­ne, im Ju­ni 1930 schlie­ß­lich aus der 3. (Main­zer) Zo­ne), so dass die rhei­ni­schen Ge­bie­te am 1.7.1930 un­be­setzt wa­ren. Nach der Räu­mung von Ko­blenz 1929 wech­sel­ten Rhein­land­kom­mis­si­on und Reichs­kom­mis­sar in das noch be­setz­te Wies­ba­den. Mit dem En­de der Be­sat­zung En­de Ju­ni 1930 war die Tä­tig­keit des Reichs­kom­mis­sa­ri­ats im We­sent­li­chen be­en­det. Nach den üb­li­chen Ab­wick­lungs­auf­ga­ben wur­de es gleich­zei­tig mit dem Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te zum 30. Sep­tem­ber auf­ge­löst. Im Ju­ni 1930 hat­te die Reichs­re­gie­rung noch für drei Mo­na­te die Al­ters­gren­ze von Reichs­kom­mis­sar Lang­werth von Sim­mern her­aus­ge­scho­ben.

8. Übersichten der Stelleninhaber

Reichs- und Staats­kom­mis­sar (1925 Reichs­kom­mis­sar) für die be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te:

Re­gie­rungs­prä­si­dent a.D. Karl von Starck (18.8.1919–27.5.1921)

Ge­sand­ter a. D. Her­mann Fürst von Hatz­feld-Wil­den­bruch (14.10.1921–17.4.1923)

Bot­schaf­ter a. D. Ernst Frei­herr Lang­werth von Sim­mern (23.12.1925–30.9.1930)

Stän­di­ger Stell­ver­tre­ter:

Mi­nis­te­ri­al­rat (mit der Amts­be­zeich­nung Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor) Dr. Alex­an­der von Brandt, Ge­hei­mer Re­gie­rungs­rat (1.10.1919–[31.3.]1922)

Mi­nis­te­ri­al­rat (mit der Amts­be­zeich­nung Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor) Dr. Ot­to Dil­they, Ge­hei­mer Re­gie­rungs­rat ([1.4.]1922–nach März 1926)

Mi­nis­te­ri­al­rat (mit der Amts­be­zeich­nung Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor) Dr. Ra­ban Graf Adel­mann von Adel­manns­fel­den, Ge­hei­mer Re­gie­rungs­rat (6.5.1926–1930)

Staats­kom­mis­sa­re/Ver­tre­ter [der Län­der] beim Reichs­kom­mis­sar usw. (Herbst 1919 bis April 1923)

Bay­ern: Be­zirks­amt­mann (1921 mit Ti­tel und Rang Ge­sandt­schafts­rat) Dr. Sig­mund Knoch (1881–1945), bis 1923 po­li­ti­scher Re­fe­rent der Kreis­re­gie­rung Spey­er, baye­ri­scher Ver­tre­ter beim Reichs­kom­mis­sar (1.9.1919–April 1923)

Ba­den: Mi­nis­te­ri­al­rat Dr. Karl Schef­fel­mei­er (1878–1938), ba­di­sches Staats­mi­nis­te­ri­um des In­nern in Karls­ru­he, ba­di­scher Staats­kom­mis­sar (1919–1923)

Hes­sen: Kreis­di­rek­tor in Er­bach (spä­ter Mi­nis­te­ri­al­rat) Dr. Eu­gen Kranz­büh­ler (1870–1928), hes­si­scher Staats­kom­mis­sar in den fran­zö­sisch be­setz­ten Ge­bie­ten mit Dienst­sitz in Mainz (12.9.1919–1923)

Ol­den­burg: preu­ßi­scher Staats­kom­mis­sar Karl von Starck (be­auf­tragt, bis De­zem­ber 1919); Re­gie­rungs­prä­si­dent Hu­go Wal­ter Do­err (1879–1964), Vor­sit­zen­der der Re­gie­rung in Bir­ken­feld, ol­den­bur­gi­scher Staats­kom­mis­sar (1.1.1920–1923)

Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Am­tes bei dem Reichs­kom­mis­sar, Ko­blenz, ab 2.12.1929 Wies­ba­den

Ge­hei­mer Le­ga­ti­ons­rat Ar­thur Mu­dra (1871–1960) (1.9.1919–15.4.1920)

Le­ga­ti­ons­se­kre­tär Al­brecht Graf von Bern­storff (1890–1945) (15.4.1919 ver­tre­tungs­wei­se, 11.5.1920–15.11.1921)

Le­ga­ti­ons­se­kre­tär Wer­ner von Le­vet­zow (1886–1967) (15.11.1921–22.4.1923)

Le­ga­ti­ons­se­kre­tär (Amts­bez. Ge­sandt­schafts­rat) Dr. Erich He­ber­lein (1889–1980) (8.12.1925–4.7.1928)

Le­ga­ti­ons­se­kre­tär Hans Rü­di­ger von Heinz (1894–1941) (30.6.1928–31.7.1930)

 
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete (1919–1930), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-reichskommissar-fuer-die-besetzten-rheinischen-gebiete-1919%25E2%2580%25931930/DE-2086/lido/57d12bc2396434.58798832 (24.04.2018)