Die Alliierte Hohe Kommission am Rhein (1949-1955)

Helmut Vogt (Bonn)

Bundesprädident Theodor Heuss (2.v.l.) mit den drei Hohen Kommissaren (v.l.n.r.) John Jay McCloy, André François-Poncet und Sir Brian Hubert Robertson, 1949. (Repro: Helmut Vogt)

1. Besatzungsstatut und Grundgesetz

An­fang 1926 wa­ren die letz­ten bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­trup­pen aus der Re­gi­on ab­ge­zo­gen. We­nig mehr als zwei Jahr­zehn­te spä­ter mach­te die Be­stim­mun­g Bonns zur pro­vi­so­ri­schen Bun­des­haupt­stadt den Raum ein wei­te­res Mal zum An­gel­punkt al­li­ier­ter Si­cher­heits­in­ter­es­sen. Im Un­ter­schied zur Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg dien­te das Rhein­land ab Herbst 1949 al­ler­dings we­ni­ger als mi­li­tä­ri­sche Schutz­zo­ne. Im Ge­gen­teil: Der gan­ze Cha­rak­ter je­ner hier auf­ge­bau­ten Kon­troll­bü­ro­kra­tie, mit de­ren Hil­fe die west­li­chen Sie­ger­mäch­te die Ein­glie­de­rung der jun­gen Bun­des­re­pu­blik in die at­lan­ti­sche Wer­te-, Wirt­schafts- und Ver­tei­di­gungs­ge­mein­schaft steu­er­ten, war be­wusst zi­vil ge­hal­ten. Im sel­ben Ma­ße, in dem das 1949 ver­ab­schie­de­te Grund­ge­setz zum wir­kungs­mäch­ti­gen Fun­da­ment ei­ner er­folg­rei­chen Staats­grün­dung wur­de, ver­blass­te die Er­in­ne­rung an sei­ne an­fangs ein­ge­schränk­te Gül­tig­keit. Bis Mai 1955 exis­tier­te noch ein zwi­schen den west­li­chen Sie­ger­staa­ten aus­ge­han­del­tes Be­sat­zungs­sta­tut. Teils ne­ben, teils über dem Grund­ge­setz ste­hend bil­de­te es mit die­sem den ei­gent­li­chen Ver­fas­sungs­rah­men.

Am 10.4.1949 über­ga­ben die al­li­ier­ten Ver­bin­dungs­of­fi­zie­re in Bonn das Re­gel­werk dem Prä­si­di­um des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes. Zum ers­ten Mal seit der be­din­gungs­lo­sen Ka­pi­tu­la­ti­on si­cher­te das Do­ku­ment den Be­setz­ten die Be­ach­tung ele­men­ta­rer Grund­rech­te zu. Ob­wohl es Bund und Län­dern die “vol­le ge­setz­ge­ben­de, voll­zie­hen­de und Recht spre­chen­de Ge­walt” zu­ge­stand, wur­de die­se Gro­ßzü­gig­keit durch ei­ne Fül­le all­ge­mei­ner Vor­be­halts­rech­te und Ge­ne­ral­klau­seln in der Pra­xis er­heb­lich re­la­ti­viert. Die lan­ge Lis­te der Vor­be­hal­te nennt Be­rei­che, die sich aus dem We­sen der Be­sat­zung er­ga­ben (Schutz der Streit­kräf­te, Kos­ten). Da­zu ka­men die be­reits im Pots­da­mer Ab­kom­men von 1945 als Be­sat­zungs­zie­le ge­nann­ten Auf­ga­ben­fel­der wie Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung, De­kar­tel­li­sie­rung, Be­schrän­kun­gen der In­dus­trie und Re­pa­ra­tio­nen. Die frag­los stärks­te Ein­schrän­kung der deut­schen Kom­pe­ten­zen stell­te die Ver­wei­ge­rung der völ­ker­recht­li­chen Ak­ti­ons­fä­hig­keit dar. Die Tu­to­ren be­hiel­ten sich die au­ßen­po­li­ti­sche Ver­tre­tung vor und kon­trol­lier­ten Au­ßen- und De­vi­sen­han­del. 

2. Die Alliierte Hohe Kommission

Sie wirk­ten wie Vi­ze­kö­ni­ge oder pri­vi­le­gier­te Pro­kon­suln. Nach Auf­fas­sung von Zeit­ge­nos­sen wa­ren sie so­gar die ei­gent­li­chen Her­ren über West­deutsch­land. For­mell Aus­füh­rungs­or­gan des Wil­lens der drei Au­ßen­mi­nis­ter, agier­ten die Nach­fol­ger der Mi­li­tär­re­gie­run­gen in der Pra­xis vor al­lem als Ver­mitt­lungs­in­stanz zwi­schen den Sie­gern und dem auf Be­wäh­rung an­lau­fen­den Staats­we­sen. Sie be­sa­ßen be­acht­li­che Ein­fluss­mög­lich­kei­ten auf in­te­r­al­li­ier­te Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Ih­re Kom­pe­ten­zen ge­gen­über deut­schen Stel­len re­gel­te das Be­sat­zungs­sta­tut. Zu­schnitt und Ar­beits­wei­se der tri­la­te­ra­len Kon­troll­ma­schi­ne­rie de­fi­niert die am 20.6.1949 von den Au­ßen­mi­nis­tern un­ter­zeich­ne­te Sat­zung (Char­ta). Von den mi­li­tä­ri­schen Auf­ga­ben ih­rer Vor­gän­ger be­freit, üb­ten der bri­ti­sche, ame­ri­ka­ni­sche und fran­zö­si­sche Hoch­kom­mis­sar im “Al­li­ier­ten Rat” die ge­mein­sa­me Kon­trol­le über die ge­sam­te Bun­des­re­pu­blik aus. Ein­zeln lei­te­ten sie die je­wei­li­ge Zo­nen­ver­wal­tung.

Als Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on mit Drei­mäch­te-Cha­rak­ter um­fass­te die Ho­he Kom­mis­si­on ne­ben dem Al­li­ier­ten Rat ein ge­mein­sa­mes Ge­ne­ral­se­kre­ta­ri­at zur Ab­wick­lung des Dienst­ver­kehrs mit der Bun­des­re­gie­rung und den je­wei­li­gen Lan­des­kom­mis­sa­ren so­wie sechs Aus­schüs­se zur Be­ra­tung der Ho­hen Kom­mis­sa­re. Je stär­ker die Bun­des­re­gie­rung im Lau­fe der Jah­re au­ßen­po­li­ti­sche Kom­pe­ten­zen ge­wann, des­to wich­ti­ger wur­de auch die Funk­ti­on der Ho­hen Kom­mis­sa­re als Ver­tre­ter ih­rer je­wei­li­gen Re­gie­rung vor Ort. In die­ser Hin­sicht wa­ren sie ver­gleich­bar mit Bot­schaf­tern in den Haupt­städ­ten sou­ve­rä­ner Staa­ten, je­doch aus­ge­stat­tet mit weit­ge­hen­den Ein­griffs­rech­ten in die Struk­tu­ren des Gast­lan­des. 

3. Die Amtsinhaber

Bis zur Ent­las­sung der Bun­des­re­pu­blik in die Sou­ve­rä­ni­tät ha­ben ins­ge­samt sie­ben al­li­ier­te Hoch­kom­mis­sa­re am Rhein am­tiert. Wäh­rend Frank­reich auf Kon­ti­nui­tät setz­te, wech­sel­ten die bei­den an­gel­säch­si­schen Mäch­te ih­re Ver­tre­ter je zwei­mal aus. Stell­ver­tre­tend für die In­sti­tu­ti­on der Drei­mäch­te-Kon­trol­le über­haupt steht heu­te im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein an vor­ders­ter Stel­le der Na­me des ers­ten US-Hoch­kom­mis­sars: Un­kon­ven­tio­nel­le Ide­en, un­kom­pli­zier­te Tat­kraft und un­ei­gen­nüt­zi­ge Hilfs­be­reit­schaft präg­ten die knapp drei Jah­re, in de­nen John Jay McCloy (1895-1989) zum Schwer­ge­wicht un­ter den Pro­kon­suln auf­stieg. Hin­ter ihm stand das po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ge­wicht ei­ner Welt­macht. Das Rhein­land kann­te McCloy aus sei­ner Tä­tig­keit als ame­ri­ka­ni­scher Be­sat­zungs­of­fi­zier in Ko­blenz und Trier nach dem Ers­ten Welt­krieg. Mit Deutsch­land be­schäf­tig­te er sich da­nach wei­ter­hin als Rechts­an­walt, dann 1941 bis 1945 in der Po­si­ti­on des stell­ver­tre­ten­den US-Kriegs­mi­nis­ters. Nach zwei Jah­ren an der Spit­ze der Welt­bank ent­schied er sich im Früh­jahr 1949, auf dem neu ge­schaf­fe­nen Pos­ten des Hoch­kom­mis­sars nach Deutsch­land zu­rück­zu­keh­ren. Dem Kon­zept ei­ner rhei­ni­schen Haupt­stadt stand er skep­tisch ge­gen­über. Zu sei­nem bri­ti­schen Kol­le­gen, der na­tur­ge­mäß die Idee des Bun­des­sit­zes in “s­ei­ner” Zo­ne för­der­te, be­merk­te er: “Wenn die Deut­schen es schaf­fen wür­den, in Bonn ih­re ge­sam­te Re­gie­rungs­ma­schi­ne­rie un­ter­zu­brin­gen, wür­den sie ein Wun­der be­werk­stel­li­gen.” McCloy setz­te auf Frank­furt, da­mals zwei­fel­los die ame­ri­ka­nischs­te al­ler west­deut­schen Städ­te. Am 14.8.1949 wur­de das US-Haupt­quar­tier aus Ber­lin an den Main ver­legt. In­di­rekt je­doch för­der­te der de­si­gnier­te Hoch­kom­mis­sar durch die­se Ent­schei­dung die Chan­cen Bonns im “Städ­te­kampf” des Jah­res 1949. Im­mer wie­der konn­te Ade­nau­er die zu en­gen Be­zie­hun­gen zwi­schen den bi­zo­na­len Be­hör­den und der US-Schalt­zen­tra­le kri­ti­sie­ren: Als Kanz­ler woll­te er par­tout nicht im Schat­ten des IG-Far­ben-Hau­ses re­gie­ren.  

 

Der ers­te bri­ti­sche Hoch­kom­mis­sar, Sir Bri­an Hu­bert Ro­bert­son (1886-1974, ab 1961 Ba­ron Ro­bert­son of Oa­kridge), brach­te eben­falls Er­fah­run­gen aus der Be­sat­zungs­ver­wal­tung nach dem Ers­ten Welt­krieg mit. Sein Va­ter be­feh­lig­te zeit­wei­se die bri­ti­sche Rhein­land-Ar­mee. Sei­nen bei­den Kol­le­gen hat­te Ro­bert­son ei­ne in­ti­me Kennt­nis der Ver­hält­nis­se vor Ort vor­aus. Ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spiel­te der Ge­ne­ral bei der Grün­dung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len. Seit No­vem­ber 1947 bri­ti­scher Mi­li­tär­gou­ver­neur und Ober­be­fehls­ha­ber, wur­de er mit Wir­kung vom 1.6.1949 aus der Ar­mee be­ur­laubt, um den neu­en Spit­zen­pos­ten als zi­vi­ler Statt­hal­ter Lon­dons in West­deutsch­land an­tre­ten zu kön­nen. Da Bonn in der bri­ti­schen Zo­ne lag, war Ro­bert­son 1949/1950 stark mit den ma­te­ri­el­len Vor­be­rei­tun­gen des Haupt­stadt­pro­jekts be­las­tet. Im Früh­jahr 1950 tat sich für den Hoch­kom­mis­sar die Chan­ce auf, sei­ne un­ter­bro­che­ne mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn mit dem Ober­be­fehl über die bri­ti­schen Land­streit­kräf­te im Na­hen Os­ten zu krö­nen. Das traf sich gut, denn gleich­zei­tig wur­de in Lon­don der Wunsch stär­ker, die Po­si­ti­on in Deutsch­land mit ei­nem Be­rufs­di­plo­ma­ten zu be­set­zen. Sir Ivo­ne Kirk­pa­trick (1897-1964), seit 1919 im Aus­wär­ti­gen Dienst, war als Lei­ter der Deutsch­land­ab­tei­lung im For­eign Of­fice bes­tens mit der Ma­te­rie ver­traut, hat­te be­reits 1949 als Mit­glied der bri­ti­schen De­le­ga­ti­on an der For­mu­lie­rung des Be­sat­zungs­sta­tuts mit­ge­ar­bei­tet. Mit sei­nem fran­zö­si­schen Kol­le­gen ver­band ihn ein per­sön­li­ches Mit­er­le­ben der deut­schen Dik­ta­tur. 1933 bis 1938 konn­te er als bri­ti­scher Bot­schafts­rat in Ber­lin die Aus­for­mung des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staa­tes in sei­nen Etap­pen stu­die­ren. Tief ein­ge­prägt ha­ben sich dem Di­plo­ma­ten an­läss­lich der Be­geg­nun­gen zwi­schen Hit­ler und Cham­ber­lain im Rhein­ho­tel Dree­sen (22.-24.9.1938) der Ver­hand­lungs­stil und die des­po­ten­haf­te Hof­hal­tung des deut­schen Dik­ta­tors. 1941 muss­te er in ei­nem bri­ti­schen Mi­li­tär­kran­ken­haus den über Schott­land ab­ge­sprun­ge­nen “Füh­rer-Stell­ver­tre­ter” Ru­dolf Hess (1894-1987) iden­ti­fi­zie­ren und ei­nem ers­ten Ver­hör un­ter­zie­hen.

Noch län­ger als Kirk­pa­trick mit Deutsch­land ver­traut war An­dré François-Pon­cet (1887-1978), der ers­te und ein­zi­ge Hoch­kom­mis­sar Frank­reichs am Rhein. Wäh­rend der Ruhr­be­set­zung lei­te­te der Ger­ma­nist die fran­zö­si­sche Pres­se­stel­le in Düs­sel­dorf. Von 1931 bis 1938 ver­trat er sein Land als Bot­schaf­ter in Ber­lin. Un­zwei­fel­haft wur­de er hier zum Werk­zeug je­ner bri­tisch-fran­zö­si­schen Ap­peas­e­ment-Po­li­tik, wel­che die ag­gres­si­ve Au­ßen­po­li­tik des NS-Staa­tes erst er­mög­lich­te. Aus die­ser Er­fah­rung speis­te sich ver­mut­lich sein Be­stre­ben, die ers­ten Schrit­te der jun­gen Bun­des­re­pu­blik akri­bisch und wirk­sam zu kon­trol­lie­ren. Kei­ner der Kol­le­gen war in Fra­gen von Form und Pres­ti­ge emp­find­li­cher. Schon sei­nen of­fi­zi­el­len Dienst­an­tritt in Mainz am 19.8.1949 hat­te er mi­nu­ti­ös vor­be­rei­ten las­sen, ein­schlie­ß­lich ei­ner An­spra­che vor den ei­gens hier ver­sam­mel­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der fran­zö­si­schen Zo­ne. Die Ver­wal­tungs­rou­ti­ne und ei­nen we­sent­li­chen Teil der lau­fen­den Ge­schäfts­füh­rung über­ließ François-Pon­cet sei­nem Stell­ver­tre­ter Ar­mand Bé­r­ard (1904-1989): So konn­te sich der Hoch­kom­mis­sar stär­ker auf die gro­ße Po­li­tik und die Pfle­ge sei­nes weit­ge­steck­ten in­for­mel­len Be­zie­hungs- und In­for­ma­ti­ons­net­zes kon­zen­trie­ren so­wie die kul­tu­rel­le Mis­si­on Frank­reichs in Deutsch­land vor­an­trei­ben. 

4. Die Enklave Bonn

Als höchs­tes Kon­troll­or­gan und In­ha­be­rin der obers­ten Re­gie­rungs­ge­walt in Deutsch­land konn­te die Al­li­ier­te Hoch­kom­mis­si­on schwer­lich als Teil ei­ner Be­sat­zungs­zo­ne un­ter di­rek­ter Ho­heits­ver­wal­tung ei­nes ih­rer drei Mit­glie­der ste­hen. Al­so lös­te man ein cir­ca 16 mal 16 Ki­lo­me­ter gro­ßes Son­der­ge­biet aus der bri­ti­schen Zo­ne her­aus und un­ter­stell­te es in Be­sat­zungs­fra­gen ei­nem ei­ge­nen Ver­wal­tungs-Un­ter­aus­schuss. Im Üb­ri­gen soll­ten so vie­le prak­ti­sche Auf­ga­ben wie mög­lich an das gast­ge­ben­de Land Nord­rhein-West­fa­len de­le­giert wer­den. Das en­ge­re Ge­biet des (al­ten) Stadt­krei­ses Bonn wur­de aus­schlie­ß­lich für die Un­ter­brin­gung deut­scher Zen­tral­be­hör­den re­ser­viert: Als Sitz von Par­la­ment und Re­gie­rung West­deutsch­lands blieb die­ses Kern­stück der En­kla­ve be­sat­zungs­frei, denn der Auf­bau der De­mo­kra­tie soll­te nicht un­ter den Ge­weh­ren frem­der Sol­da­ten statt­fin­den. Je­dem der al­li­ier­ten Ver­tre­ter im Un­ter­aus­schuss un­ter­stand ei­ne klei­ne Po­li­zei­trup­pe. Für den Stra­ßen­ver­kehr blie­ben deut­sche Ord­nungs­kräf­te zu­stän­dig.

Die En­kla­ve ver­füg­te über ei­nen se­pa­ra­ten Haus­halt zur Ent­loh­nung zi­vi­ler Kräf­te, für Mie­ten und Heiz­ma­te­ri­al. Ei­nen er­heb­li­chen Pos­ten stell­ten Aus­ga­ben für Te­le­fon und Fern­schrei­ber dar. Zwi­schen den weit ver­streu­ten al­li­ier­ten Dienst­stel­len pen­del­te ein ei­ge­ner Ku­rier­dienst. Schlie­ß­lich ob­lag dem ver­ant­wort­li­chen Un­ter­aus­schuss auch die Frei­zeit­ge­stal­tung für das Per­so­nal der Kom­mis­si­on. Aus be­schlag­nahm­ten Lie­gen­schaf­ten wur­den Klubs, zum Bei­spiel der In­te­r­al­li­ier­te Reit­klub in Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn). Selbst Ge­le­gen­hei­ten zur Jagd auf Hoch- und Nie­der­wild wur­den nach­ge­fragt. An­ge­sichts be­grenz­ter Mög­lich­kei­ten in der en­gen, dicht be­sie­del­ten En­kla­ve ver­wies man die Aspi­ran­ten auf ge­eig­ne­te Ge­bie­te in den na­tio­na­len Zo­nen.

Sir Ivone Kirkpatrick, Porträtfoto. (Repro: Helmut Vogt)

 

5. Kontrollzentrale Petersberg

Es hät­te sich in der Re­gi­on kein bes­se­rer Stand­ort für das Herz­stück der Drei­mäch­te-Kon­trol­le fin­den las­sen. Wenn Pro­to­koll­fra­gen gleich­zei­tig Macht­fra­gen sind, war der Pe­ters­berg per­fek­ter Sym­bo­l­ort: Hoch über dem Bon­ner Po­li­tik­be­trieb ge­le­gen und doch so weit auf Dis­tanz zu Par­la­ment und Re­gie­rung, dass die Vor­mund­schaft nicht stän­dig sicht­bar blieb. Und dann war da noch die of­fe­ne Wun­de von 1938, die De­mü­ti­gung des bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ters, der da­mals hier oben un­ter­ge­bracht ge­we­sen war. Jetzt wür­de es der west­deut­sche Bun­des­kanz­ler sein, der im­mer wie­der die stei­le, ge­wun­de­ne Zu­fahrts­stra­ße zu be­wäl­ti­gen hat­te. Wer in der Wahl des Pe­ters­ber­ges (“Cham­ber­lain’s Hill”) ei­ne klein­li­che Ra­che der Sie­ger se­hen woll­te, moch­te dies tun.

Die frü­he Ent­schei­dung für den Sitz der Ho­hen Kom­mis­si­on fu­ß­te vor al­lem auf zwei prak­ti­schen Grün­den. Das ge­räu­mi­ge Berg­pla­teau war zum ei­nen leicht ge­gen den Zu­tritt Un­be­fug­ter zu si­chern, al­ler­dings um den Preis schwe­rer Er­reich­bar­keit. Um das al­li­ier­te Per­so­nal hin­auf­zu­be­för­dern, re­ak­ti­vier­te man die 1888 er­öff­ne­te Zahn­rad­bahn. Für den Win­ter wur­de ei­ner der bei­den Wa­gen ver­klei­det und von der Dampf­lo­ko­mo­ti­ve aus be­heizt. Ab Mit­te 1951 be­wäl­tig­ten Bus­se den Zu­brin­ger­dienst. An­ge­stell­te aus dem Links­rhei­ni­schen be­nutz­ten die Kö­nigs­win­te­rer Fäh­re. Ein sol­cher Auf­wand er­schien ver­tret­bar, er­hielt man doch zur wür­di­gen Auf­nah­me des al­li­ier­ten Spit­zen­per­so­nals ein un­zer­stör­tes Grand­ho­tel der Lu­xus­klas­se. Für Ver­hand­lun­gen mit den Be­sit­zern, der Köl­ner In­dus­tri­el­len­fa­mi­lie Mül­hens, blieb kei­ne Zeit. Die Im­mo­bi­lie wur­de be­schlag­nahmt und zü­gig zu ei­nem Bü­ro­ge­bäu­de mit 340 Dienst­räu­men und zwölf Sit­zungs­sä­len um­ge­baut. Im­mer­hin war der Haus­ar­chi­tekt der Eig­ner an den Pla­nun­gen be­tei­ligt, um den spä­te­ren Rück­bau zum Ho­tel zu er­leich­tern.

Je­den Mor­gen um 8.45 Uhr wur­den die Flag­gen der drei Mäch­te auf­ge­zo­gen. Zu den tur­nus­mä­ßi­gen Sit­zun­gen des Al­li­ier­ten Ra­tes im Mar­mor­saal ver­sam­mel­ten sich die Hoch­kom­mis­sa­re, zur Rech­ten und zur Lin­ken durch je zwei Be­ra­ter flan­kiert, um ei­nen gro­ßen run­den Ver­hand­lungs­tisch. Um die­se Haupt­per­so­nen her­um grup­pier­ten sich in ver­schie­de­nen Rin­gen wei­te­re Teil­neh­mer: sons­ti­ge Be­ra­ter, Se­kre­tä­re und je ein Dol­met­scher und Ste­no­graph. War Ade­nau­er zu Ver­hand­lun­gen auf höchs­ter Ebe­ne zu­ge­gen, ver­lang­sam­te sich das oh­ne­hin schlep­pen­de Ver­fah­ren noch wei­ter: Jetzt war zwi­schen drei Spra­chen zu über­set­zen. Den ge­wohn­ten Mit­tags­schlaf ge­noss der deut­sche Bun­des­kanz­ler auf dem Pe­ters­berg, be­wacht von zwei deut­schen Po­li­zis­ten. Über­haupt präg­ten Zu­vor­kom­men­heit und Rück­sicht­nah­me den Um­gang: Man ließ dem Kanz­ler mi­li­tä­ri­sche Eh­ren er­wei­sen, lud ihn nach Sit­zungs­en­de ins opu­lent aus­ge­stat­te­te Re­stau­rant ein, ge­lei­te­te ihn zu sei­nem Wa­gen. Für den lang­jäh­ri­gen Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter wa­ren die in meh­re­ren Spra­chen nach be­son­de­rem Ri­tu­al ge­pfleg­ten Spit­zen­ver­hand­lun­gen ei­ne wert­vol­le Ein­stim­mung auf in­ter­na­tio­na­le Be­geg­nun­gen, die ihn nach Lo­cke­rung der Be­schrän­kun­gen auf dem Feld der Au­ßen­po­li­tik er­war­ten soll­ten. 

Die Hotelanlagen der Alliierten Hohen Kommission auf dem Petersberg. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

6. Das französische Element an Rhein und Ahr

Mit dem Rhein­ho­tel Dree­sen in Bad Go­des­berg als Kern sei­ner na­tio­na­len Kon­troll­bü­ro­kra­tie si­cher­te sich Frank­reich das nach dem Pe­ters­berg re­prä­sen­ta­tivs­te Ob­jekt in­ner­halb der En­kla­ve Bonn. Von den dort un­ter­ge­brach­ten Flücht­lings­fa­mi­li­en be­freit und auf­wän­dig um­ge­baut, stell­te es ei­ne idea­le Brü­cke dar, so­wohl zwi­schen Bun­des­vier­tel und Pe­ters­berg als auch zur sons­ti­gen fran­zö­si­schen Prä­senz in der Re­gi­on mit den Schwer­punk­ten Ko­blenz, Re­ma­gen, Bad Neue­nahr, Ober­win­ter und Ro­lands­eck. Die Wahl des “Dree­sen” er­laub­te dem fran­zö­si­schen Kom­mis­sa­ri­at so­mit, auf die Res­sour­cen des zur ei­ge­nen Zo­ne ge­hö­ri­gen Lan­des Rhein­land-Pfalz zu­rück­zu­grei­fen. Noch vor Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik war man als ers­te Kon­troll­macht vor Ort ar­beits­fä­hig. Ein Teil der Mit­ar­bei­ter saß zu die­sem Zeit­punkt al­ler­dings noch in Frank­furt und im fran­zö­si­schen Haupt­quar­tier Ba­den-Ba­den. Zu ih­rer Un­ter­brin­gung ließ man 1950 rhein­par­al­lel ein neu­es Bü­ro­ge­bäu­de hoch­zie­hen.

Den ge­schätz­ten Rhein­blick - man hat­te so­gar die baum­be­stan­de­ne Ho­tel­ter­ras­se neu ver­gla­sen las­sen - gönn­te sich François-Pon­cet auch bei der Aus­wahl der per­sön­li­chen Re­si­denz. Die Wahl fiel auf Haus Er­nich (bei Re­ma­gen), er­baut als hoch ge­le­ge­ner Pri­vat­sitz der be­kann­ten Köl­ner In­dus­tri­el­len­fa­mi­lie Guil­leau­me. Hier hat er, un­ter­stützt von sei­ner Ehe­frau, sechs Jah­re lang in ein­ma­li­ger Wei­se Hof ge­hal­ten. Die La­ge des Ob­jekts in der ei­ge­nen Zo­ne war Vor­aus­set­zung für den ver­schwen­de­ri­schen Um- und Aus­bau. Über sei­nen Lan­des­kom­mis­sar üb­te François-Pon­cet un­ver­hoh­len Druck auf die rhein­land-pfäl­zi­sche Lan­des­re­gie­rung aus: Die Wohn- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­an­sprü­che des be­gü­ter­ten Paars über­stie­gen die Vor­stel­lungs­kraft deut­scher Be­am­ter. „Ein klei­nes Schloss, wohl­pro­por­tio­niert und har­mo­nisch. In drei­ßig Ta­gen wur­de es um­ge­stal­tet zur Re­si­denz des Hoch­kom­mis­sars- ei­nes klei­nen deut­schen Fürs­ten“, no­tier­te Bé­r­ard in sei­nem Ta­ge­buch. Der Stell­ver­tre­ter be­wohn­te ei­ne - nicht hoch­was­ser­freie - ehe­ma­li­ge Fa­bri­kan­ten­vil­la ge­gen­über der In­sel Non­nen­werth. 

7. Das britische Hauptquartier in Porz-Wahn

Auch Ge­ne­ral Ro­bert­son war per­sön­lich ein ver­mö­gen­der Mann; den­noch blie­ben dem er­folg­rei­chen Kauf­mann und Sol­da­ten die Al­lü­ren sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen fremd. Ver­schwen­dung auf Kos­ten des deut­schen Steu­er­zah­lers dul­de­te er nicht. Zu­dem woll­te er kei­nes­falls sei­ne Stel­lung als Zo­nen­be­fehls­ha­ber aus­nut­zen, um der bri­ti­schen Kon­troll­bü­ro­kra­tie ei­ne be­vor­zug­te Un­ter­brin­gung zu ver­schaf­fen. Im Ge­gen­satz zu den bei­den an­de­ren Mäch­ten, die zu­nächst ihr je­wei­li­ges Zo­nen­haupt­quar­tier in Frank­furt be­zie­hungs­wei­se Ba­den-Ba­den be­lie­ßen, ent­schied sich Ro­bert­son für die Kon­zen­tra­ti­on der Kräf­te an ei­nem Ort. Sei­ne Wahl fiel auf Porz-Wahn (heu­te Stadt Köln), wo bri­ti­sche Trup­pen be­reits zwei Mo­na­te nach Kriegs­en­de den Feld­flug­ha­fen der Luft­waf­fe zu ei­nem Mi­li­tär­flug­ha­fen aus­ge­baut hat­ten. Oh­ne das pre­kä­re Raum­an­ge­bot in der En­kla­ve Bonn zu stra­pa­zie­ren, konn­te man das ehe­ma­li­ge deut­sche Mi­li­tär­la­ger (im bri­ti­schen Sprach­ge­brauch: Wah­ner­hei­de) kos­ten­güns­tig zur Un­ter­brin­gung der aus Ber­lin so­wie den ost­west­fä­li­schen Stand­or­ten der Zo­nen­ver­wal­tung her­an­ge­führ­ten Dienst­stel­len aus­bau­en. Den Vor­tei­len - ge­eig­ne­te Räum­lich­kei­ten, ra­tio­nel­le Ar­beits­ab­läu­fe und kon­kur­renz­los schnel­le Flug­ver­bin­dun­gen - stan­den die re­la­ti­ve Iso­la­ti­on des Stand­or­tes so­wie die lan­gen An­fahrts­we­ge nach Bonn oder in den Sie­ben­ge­birgs­raum ge­gen­über. Und als Bonn Bun­des­haupt­stadt blieb und nach En­de des al­li­ier­ten Kon­troll­re­gimes vor Ort Bot­schaf­ten be­nö­tigt wur­den, wa­ren die Bri­ten ge­gen­über Fran­zo­sen und Ame­ri­ka­nern be­nach­tei­ligt, die ein­fach ih­re Kom­mis­sa­ria­te um­wid­me­ten.

Auch in der Wahl sei­ner per­sön­li­chen Re­si­denz stell­te Ro­bert­son die ei­ge­nen Wün­sche hint­an. Schloss Rött­gen (in Heu­mar) ge­hör­te, eben­so wie der Pe­ters­berg, der Köl­ner Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie Mül­hens und hat­te be­reits dem bri­ti­schen Mi­li­tär­gou­ver­neur für Nord­rhein-West­fa­len als Wohn­sitz ge­dient. Ob­wohl der Hoch­kom­mis­sar das Ge­bäu­de nicht moch­te, war es doch von Zu­schnitt und Aus­stat­tung her als re­prä­sen­ta­ti­ve Re­si­denz ge­eig­net. Das bes­ser ge­le­ge­ne Schloss Bir­ling­ho­ven bei Bonn hin­ge­gen hät­te nicht oh­ne be­trächt­li­chen Auf­wand “an bri­ti­sche Wohn­be­dürf­nis­se an­ge­passt wer­den” kön­nen. An­ge­sichts der in der deut­schen Pres­se ge­führ­ten De­bat­te über das ver­schwen­de­ri­sche Le­ben der Sie­ger scheu­te Ro­bert­son die Zu­satz­kos­ten und blieb bei sei­nem Ent­schluss, ob­wohl Ade­nau­er sei­ne Be­den­ken zu zer­streu­en such­te. Aber da wuss­te der Hoch­kom­mis­sar be­reits, dass er sei­ne Po­si­ti­on am Rhein bald auf­ge­ben wür­de. 

8. Von Frankfurt nach Mehlem: Die US-Kontrollbürokratie

Nach dem Kraft­akt der Ver­le­gung des US-Haupt­quar­tiers von Ber­lin nach Frank­furt scheu­te McCloy den Auf­bau ei­ner grö­ße­ren Kon­troll­bü­ro­kra­tie am Rhein. Doch die Vor­stel­lung, die An­we­sen­heit des ame­ri­ka­ni­schen Hoch­kom­mis­sars in der Haupt­stadt­re­gi­on kön­ne auf wö­chent­li­che oder noch sel­te­ne­re Spit­zen­tref­fen be­schränkt wer­den, er­wies sich als ver­fehlt. In den ers­ten Mo­na­ten ver­füg­te das US-Ele­ment im Bon­ner Raum le­dig­lich über den An­teil am ge­mein­sa­men Amts­sitz Pe­ters­berg so­wie das ehe­ma­li­ge Ver­bin­dungs­bü­ro beim Par­la­men­ta­ri­schen Rat. Erst im Mai 1950 stand das zu ei­nem mo­der­nen Bü­ro­ge­bäu­de um­ge­stal­te­te Schloss Deich­manns Aue in Bad Go­des­berg zur Ver­fü­gung. Das Gros der lei­ten­den Mit­ar­bei­ter, die je­de Wo­che von Frank­furt nach Bonn fuh­ren, blieb nur ei­nen Tag. Auch der Hoch­kom­mis­sar selbst be­vor­zug­te die Ru­he und den Wohn­kom­fort sei­ner Re­si­denz in Bad Hom­burg. Er hat­te die 1937/1938 er­bau­te In­dus­tri­el­len­vil­la von sei­nem Vor­gän­ger Ge­ne­ral Clay über­nom­men. Sei­ne Li­mou­si­ne oder sein Son­der­zug er­mög­lich­ten ihm, drei bis vier Ter­mi­ne in der Haupt­stadt­re­gi­on zu ab­sol­vie­ren und abends wie­der in Hes­sen zu sein. Doch die Ge­wich­te ver­scho­ben sich schnell. Deut­sche Ver­wal­tungs­stel­len zo­gen von Frank­furt nach Bonn, die Ver­hand­lun­gen zur Ab­lö­sung des Be­sat­zungs­sta­tuts wur­den in­ten­si­ver. Der Zwang zur An­we­sen­heit am Rhein nahm zu, wäh­rend die Auf­ga­ben der Zo­nen­ver­wal­tung eher zu­rück­gin­gen. Die Rei­se­tä­tig­keit ver­viel­fach­te sich, die be­lieb­te Au­to­bahn zwi­schen Frank­furt und dem Sie­ben­ge­bir­ge wur­de zum Si­cher­heits­ri­si­ko. Meh­re­re Ame­ri­ka­ner star­ben bei Ver­kehrs­un­fäl­len. 

Haus Ernich, Residenz des französischen Hochkomissars, um 1920, Foto: Daniel Friedrich Voigt. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Po­li­tisch er­hoff­te man sich von ei­nem Um­zug ver­bes­ser­te per­sön­li­che Be­zie­hun­gen zu Schlüs­sel­fi­gu­ren der Bun­des­po­li­tik und Mit­glie­dern des Bun­des­ra­tes. Hin­zu kam das Ar­gu­ment, dass man in ei­ner auf mitt­le­re Sicht sou­ve­rä­nen Bun­des­re­pu­blik oh­ne­hin ei­ne Bot­schaft be­nö­ti­gen wür­de. Das Er­geb­nis der Über­le­gun­gen hat­te wahr­haft ame­ri­ka­ni­sche Aus­ma­ße: Schlie­ß­lich war McCloy ma­ß­geb­lich am Bau des Pen­ta­gon, dem 1942 grö­ß­ten Bü­ro­ge­bäu­de der Welt, be­tei­ligt ge­we­sen. Nach müh­sa­mer Grund­stücks­be­schaf­fung ent­stan­den 1951 die sie­ben Bau­blö­cke des im­po­san­ten HI­COG (High Com­mis­sio­ner for Ger­ma­ny) - Kom­ple­xes am Meh­le­mer Rhein­ufer, da­zu drei Wohn­sied­lun­gen für ame­ri­ka­ni­sche (Plit­ters­dorf, Muf­fen­dorf) und deut­sche (Tan­nen­busch) Mit­ar­bei­ter. Ins­ge­samt han­del­te es sich sei­ner­zeit um das grö­ß­te Bau­vor­ha­ben in West­deutsch­land nach 1945. Noch vor Weih­nach­ten zo­gen 560 US-An­ge­stell­te und über 600 deut­sche Mit­ar­bei­ter mit ih­ren Fa­mi­li­en in­ner­halb von drei Wo­chen an den Rhein. Sei­ne Re­si­denz in Bad Hom­burg be­hielt McCloy je­doch bei. Hier stieg er auf sei­nen zahl­rei­chen Rei­sen ab, be­her­berg­te Gäs­te, führ­te po­li­ti­sche Ge­sprä­che. Im Tau­nus konn­te er ja­gen und an­geln. An sei­ner Rhein­villa in Bad Go­des­berg schätz­te der viel­sei­ti­ge Sport­ler vor al­lem den ei­ge­nen Ten­nis­platz.

9. Reizthema “Besatzungsluxus”

Ter­min­druck bei Um­bau und Ein­rich­tung, kurz­fris­ti­ge Än­de­rungs­wün­sche der künf­ti­gen Nut­zer, ex­tra­va­gan­te An­for­de­run­gen an die Aus­ge­stal­tung und Mö­blie­rung der Räu­me trie­ben die Kos­ten für die Un­ter­brin­gung der Kon­troll­be­hör­den in ei­ne schwin­del­er­re­gen­de Hö­he. Sie schie­nen in kei­nem Ver­hält­nis zu den be­schei­de­nen Be­trä­gen zu ste­hen, die für die In­stal­la­ti­on von Par­la­ment und Re­gie­rung in der pro­vi­so­ri­schen Haupt­stadt zur Ver­fü­gung stan­den. Doch dies ent­sprach durch­aus dem fak­ti­schen Dua­lis­mus von Grund­ge­setz und Be­sat­zungs­sta­tut und spie­gel­te le­dig­lich die an­fäng­li­che Macht­ver­tei­lung zwi­schen den deut­schen Ver­fas­sungs­or­ga­nen und ih­ren al­li­ier­ten Kon­trol­leu­ren wi­der. Ent­spre­chend bil­lig­te die deut­sche Be­schaf­fungs­stel­le den Ho­hen Kom­mis­sa­ren ei­ne “Son­der­klas­se” zu; al­li­ier­te “Be­ra­ter” wur­den wie deut­sche Bun­des­mi­nis­ter ein­ge­stuft. Zu­wei­len ver­such­ten die Amts­in­ha­ber, sich ge­gen­sei­tig zu über­trump­fen. So ver­lang­ten ame­ri­ka­ni­sche Stel­len, die Deich­manns Aue müs­se als Stabs­quar­tier McClo­ys ei­ne bes­se­re In­nen­ein­rich­tung als der Pe­ters­berg er­hal­ten. Nur müh­sam konn­te Ade­nau­er die deut­schen Prü­fer da­von über­zeu­gen, dass das po­li­ti­sche Wohl­wol­len der Statt­hal­ter und ih­rer Ehe­frau­en im Kon­flikt­fall hö­her ein­zu­schät­zen sei als buch­hal­te­ri­sche Grund­sät­ze.

Der Steu­er­zah­ler sah zu­min­dest ein reich­lich un­be­küm­mer­tes An­spruchs­den­ken der pri­vi­le­gier­ten Sie­ger in­mit­ten ei­ner vom Man­gel ge­zeich­ne­ten Ge­sell­schaft. Ein Be­sat­zungs­haus­halt ver­brauch­te 18 Mal mehr viel Strom als ein deut­scher; kein Wun­der, dass die üp­pi­ge nächt­li­che Be­leuch­tung des Pe­ters­ber­ges auf Zeit­ge­nos­sen pro­vo­zie­rend wirk­te. Nahm man die Vor­rech­te der US-Bür­ger noch als Aus­druck des ho­hen ame­ri­ka­ni­schen Le­bens­stan­dards hin, wur­den die An­sprü­che des bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Per­so­nals kri­tisch hin­ter­fragt. Sie leb­ten in Deutsch­land weit bes­ser als in den ver­arm­ten Ent­sen­del­än­dern. In Bad Go­des­berg und den Sie­ben­ge­birgs­or­ten stie­ßen gro­ßzü­gi­ge Re­qui­si­tio­nen re­prä­sen­ta­ti­ver Wohn­häu­ser zu Guns­ten von Kom­mis­si­ons­mit­glie­dern auf Un­ver­ständ­nis. Der be­schränk­te Nut­zen vie­ler Be­schlag­nah­mun­gen stand in kei­nem fai­ren Ver­hält­nis zu den Nach­tei­len für die Be­sit­zer. So wur­de in Bad Hon­nef der ge­sam­te Ha­ger­hof be­schlag­nahmt, doch nur die 1945 aus­ge­bau­te Reit­hal­le ge­nutzt. Wert­vol­les Ge­mü­se­land muss­te zu Guns­ten von Ten­nis­plät­zen auf­ge­ge­ben wer­den, und das zur Wie­der­auf­nah­me des Bä­der­be­trie­bes drin­gend be­nö­tig­te Kur­haus wur­de nur noch spo­ra­disch von AHK-Mit­ar­bei­tern in An­spruch ge­nom­men. Un­ter deut­schen Jä­gern herrsch­te Ver­bit­te­rung über das schran­ken­lo­se Jagd­recht der Sie­ger. Un­ter den Nut­zern die­ses Pri­vi­legs stand ganz oben der ers­te US-Hoch­kom­mis­sar. 

10. Die Mobilität der Statthalter

Lag der Schwer­punkt der Amts­aus­füh­rung auch im Rhein­land, so lie­ßen viel­fäl­ti­ge Pflich­ten und Nei­gun­gen die al­li­ier­ten Hoch­kom­mis­sa­re na­he­zu stän­dig auf Rei­sen sein. Den bri­ti­schen Hoch­kom­mis­sar Kirk­pa­trick ver­moch­te auch der neue Rolls-Roy­ce nicht da­mit zu ver­söh­nen, dass er stän­dig zwi­schen Wah­ner­hei­de, Bonn oder Go­des­berg, Ber­lin oder Zie­len in ei­nem der vier Län­der sei­ner Zo­ne pen­deln muss­te. Hin­zu ka­men Be­su­che im ame­ri­ka­ni­schen oder fran­zö­si­schen Teil Deutsch­lands oder im Lon­do­ner For­eign Of­fice. Für McCloy ka­men zu den kur­zen Flü­gen in die bri­ti­sche Haupt­stadt oder nach Pa­ris re­gel­mä­ßi­ge trans­at­lan­ti­sche Be­richts­rei­sen. Im Pen­del­ver­kehr zwi­schen den Re­si­den­zen in Bad Hom­burg, Ber­lin und Bad Go­des­berg, aber auch für sei­ne häu­fi­gen Aus­flü­ge nach Gar­misch, be­vor­zug­te er zwei Sa­lon­zü­ge aus der Kon­kurs­mas­se des „Drit­ten Rei­ches“. Be­son­ders die in­te­grier­te Die­sel-Ein­heit mit Bü­ro-, Schlaf- und Spei­se­wa­gen be­ein­druck­te die ge­wöhn­li­chen Bahn­rei­sen­den. Für François-Pon­cet be­deu­te­te der fran­zö­si­sche Son­der­zug ei­ne Al­ter­na­ti­ve zum Flug vom ei­ge­nen, völ­lig un­zu­rei­chend aus­ge­stat­te­ten Flug­feld in Nie­der­men­dig nach Pa­ris. Der von den Bri­ten 1949 un­ter zi­vi­le Kon­trol­le ge­stell­te Flug­platz Wahn wur­de gern von Mit­glie­dern der US-Hoch­kom­mis­si­on ge­nutzt. Deut­schen Vor­stö­ßen, die An­la­ge noch vor Rück­ga­be der vol­len Luft­ho­heit (1955) zum in­ter­na­tio­na­len Zi­vil­flug­ha­fen aus­zu­bau­en, be­geg­ne­te die Be­sat­zung hin­hal­tend. 

Richtfest für die HICOG-Bauten, 1.6.1951. Links des Podiums John Jay McCloy. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

11. Internationale Beziehungen

Sicht­ba­res Zei­chen der feh­len­den Sou­ve­rä­ni­tät des deut­schen West­staa­tes war die Gän­ge­lung sei­ner Be­zie­hun­gen zu Dritt­län­dern. Die Sat­zung über­ließ der AHK so­wohl die Aus­wahl un­ter den Staa­ten, die mit der Bun­des­re­pu­blik in di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen ein­tre­ten woll­ten als auch den Um­fang sol­cher Kon­tak­te zu deut­schen Re­gie­rungs­stel­len. Ak­kre­di­tiert wa­ren die Di­plo­ma­ten bei der Hoch­kom­mis­si­on; ihr Be­glau­bi­gungs­schrei­ben über­ga­ben sie auf dem Pe­ters­berg dem tur­nus­mä­ßi­gen Vor­sit­zen­den. Erst nach die­ser förm­li­chen Ze­re­mo­nie fuh­ren sie, in Be­glei­tung des al­li­ier­ten Pro­to­koll­chefs, bei Bun­des­prä­si­dent Theo­dor Heuss (1884-1963, Bun­des­prä­si­dent 1949-1959) vor. Auch neu er­nann­te Mit­glie­der der AHK stat­te­ten dem Staats­ober­haupt le­dig­lich ei­nen Höf­lich­keits­be­such ab. Ei­ner Ak­kre­di­tie­rung be­durf­ten sie als ei­gent­li­che Trä­ger der west­deut­schen Sou­ve­rä­ni­tät nicht. Kon­se­quen­ter­wei­se er­schie­nen die drei “Vi­ze­kö­ni­ge” auch nicht per­sön­lich zum Neu­jahrs­emp­fang des Bun­des­prä­si­den­ten, son­dern schick­ten ih­ren Pro­to­koll­chef. Sein Platz war in der Rei­he der Re­prä­sen­tan­ten der ein­zel­nen Ver­fas­sungs­or­ga­ne, ab­ge­ho­ben vom Di­plo­ma­ti­schen Korps. 

“Der Weg zum Bun­des­kanz­ler führt über den Pe­ters­berg”, be­schied François-Pon­cet frü­hen deut­schen Ver­su­chen, die Re­geln auf­zu­wei­chen. Doch die an­fäng­lich be­wie­se­ne Stren­ge war nicht von Dau­er. Als Ge­gen­leis­tung für die kon­se­quen­te Po­li­tik der West­bin­dung er­lang­te die Re­pu­blik wohl do­sier­te Zu­ge­ständ­nis­se (Pe­ters­ber­ger Ab­kom­men 1949, „klei­ne“ Re­vi­si­on des Be­sat­zungs­sta­tuts 1951), be­vor die wach­sen­de Kon­fron­ta­ti­on der Blö­cke im „Kal­ten Krie­g“ da­zu dräng­te, die Po­li­tik klein­schrit­ti­ger Er­leich­te­run­gen durch ein um­fas­sen­des Ver­trags­werk ab­zu­lö­sen. Letz­te Ver­hand­lun­gen zum „Ge­ne­ral­ver­tra­g“ (Deutsch­land­ver­trag) fan­den am Rhein statt: Die Bon­ner Au­ßen­mi­nis­ter­kon­fe­renz vom 23.-26.5.1952 setz­te die pro­vi­so­ri­sche Haupt­stadt zum ers­ten Mal der Hek­tik ei­nes in­ter­na­tio­na­len Gro­ße­reig­nis­ses aus. Wäh­rend die aus­län­di­schen Staats­män­ner in den Re­si­den­zen der Hoch­kom­mis­sa­re un­ter­ge­bracht wa­ren und die ab­schlie­ßen­den Ver­hand­lun­gen im ame­ri­ka­ni­schen HI­COG-Kom­plex ge­führt wur­den, fand die fei­er­li­che Un­ter­zeich­nung in An­we­sen­heit zahl­rei­cher Pres­se­ver­tre­ter im Bun­des­rats­saal statt.

Theodor Heuss (links) und André François-Poncet um 1950, Foto: Heinz Engels. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Un­mit­tel­bar da­nach brach die gan­ze Ge­sell­schaft in ge­trenn­ten Flug­zeu­gen nach Pa­ris auf. Für den zwei­ten Akt, die Un­ter­zeich­nung des Ver­tra­ges über die Eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gungs­ge­mein­schaft (EVG), setz­te man auf das pres­ti­ge­träch­ti­ge­re Am­bi­en­te des Quai d‘Or­say. Ade­nau­er konn­te dies ak­zep­tie­ren, war er doch un­über­seh­bar glück­lich in sei­ner neu­en Rol­le als gleich­be­rech­tig­ter Ver­trags­part­ner der West­mäch­te.

12. Lokale Kontakte

Die ge­rings­te Be­rüh­rungs­scheu zeig­te der fran­zö­si­sche Hoch­kom­mis­sar: François-Pon­cet be­griff sei­ne Re­si­denz wäh­rend sei­ner sechs Jah­re am Rhein als Le­bens­mit­tel­punkt und knüpf­te auch Kon­tak­te zur Stadt Re­ma­gen, zu de­ren Ge­biet Schloss Er­nich ge­hört. Hier be­such­te er mit sei­ner Fa­mi­lie re­gel­mä­ßig den Got­tes­dienst, spen­de­te für den Wie­der­auf­bau 50.000 Mark - 1950 ein gro­ßzü­gi­ger Be­trag. 1955 nahm er am Kar­ne­val teil, ließ sei­ne Re­si­denz auf­wän­dig de­ko­rie­ren; ein Film hielt den Emp­fang des lo­ka­len Prin­zen fest. Auch die Ehe­frau des Hoch­kom­mis­sars pfleg­te lo­ka­le Kon­tak­te, am Wohn­ort wie auch in Bad Go­des­berg und Bonn. “In al­ler Stil­le hat sie in Zei­ten der Not in Deutsch­land an be­dürf­ti­gen Deut­schen un­end­lich viel Gu­tes ge­tan”, ur­teilt Fe­lix von Eckardt (1903-1979), Ade­nau­ers le­gen­dä­rer Pres­se­chef. Ar­mand Bé­r­ard, Frank­reichs stell­ver­tre­ten­der Hoch­kom­mis­sar, be­ob­ach­te­te 1952 die en­ger wer­den­den Be­zie­hun­gen der rhei­ni­schen Eli­ten mit den west­li­chen Haupt­städ­ten: Das leich­ter zu­gäng­li­che Pa­ris als Er­satz für Ber­lin, die dor­ti­ge Uni­ver­si­tät Stu­di­en­ort für die Söh­ne, für die Töch­ter zu­min­dest ei­ne Dol­met­scher­aus­bil­dung. 

Un­gleich schwe­rer mit sei­ner neu­en Um­ge­bung tat sich der 1950 ein­ge­wech­sel­te bri­ti­sche Re­prä­sen­tant. In sei­nem Wohn­sitz Schloss Rött­gen sah sich Sir Ivo­ne Kirk­pa­trick iso­liert von der Ge­sell­schaft der Kol­le­gen im Bon­ner Raum, de­ren Nä­he er such­te. In sei­nen Me­moi­ren (1959) stellt der Kar­rie­re­di­plo­mat dem Bon­ner Pro­vi­so­ri­um ein denk­bar schlech­tes Zeug­nis aus: So lan­ge die Drei­mäch­te-Kon­trol­le fort­daue­re, blie­ben - in den Län­dern durch­aus vor­han­de­ne - po­li­ti­sche Ta­len­te der Haupt­stadt fern, und folg­lich re­gie­re Ade­nau­er mit ei­ner “Schar von Jün­gern”. In sei­nen Au­gen fehl­te es an ei­nem pro­fes­sio­nel­len Be­am­ten­kör­per und kraft­vol­len Mi­nis­te­ri­en: Zu groß sei­en Un­ter­brin­gungs­schwie­rig­kei­ten und an­de­re ma­te­ri­el­le Be­schrän­kun­gen.

Die Sym­pa­thie des ers­ten US-Pro­kon­suls galt Frank­furt und den Tau­nusor­ten. Nä­he­re Kon­tak­te zum Bon­ner Raum knüpf­te John McCloy erst bei den Vor­be­rei­tun­gen zur Ver­le­gung des Haupt­quar­tiers an den Rhein. Dass die (sei­ner­zeit noch selb­stän­di­ge) Stadt Bad Go­des­berg sich zu­nächst dem Mam­mut­pro­jekt ver­wei­ger­te, fand er kon­ster­nie­rend und kurz­sich­tig. Ge­gen­über Max von Deich­mann (1901-1966), der sich durch das Pro­jekt in der Ver­wer­tung des um­lie­gen­den Grund­be­sit­zes ein­ge­schränkt sah und Ar­gu­men­te des Land­schafts­schut­zes ins Spiel brach­te, be­ton­te er sei­ne ho­he Wert­schät­zung des ein­zig­ar­ti­gen Blicks auf “das lieb­li­che Sie­ben­ge­bir­ge”. Beim Richt­fest lob­te McCloy die Leis­tung der deut­schen Bau­ar­bei­ter und warb gleich­zei­tig für ame­ri­ka­ni­sche Bau­prak­ti­ken als Mit­tel ge­gen die Woh­nungs­not. An bei­den “Dienstor­ten” wur­de der US-Hoch­kom­mis­sar we­gen sei­ner fi­nan­zi­el­len För­de­rung der Uni­ver­si­tä­ten zum Eh­ren­se­na­tor er­nannt. In Bonn-Bad Go­des­berg trägt ei­ne Stra­ße am Rhein­ufer sei­nen Na­men.

13. Aufweichung des Kontrollregimes ab Mitte 1952

Von An­fang an war der ge­sam­te al­li­ier­te Kon­trol­lap­pa­rat ei­nem per­ma­nen­ten Ver­än­de­rungs- und An­pas­sungs­pro­zeß un­ter­wor­fen. In dem Ma­ße, in dem ver­mehrt Kom­pe­ten­zen an die deut­sche Sei­te über­tra­gen wur­den, wuchs der Zwang zur Ver­klei­ne­rung der opu­len­ten Bü­ro­kra­ti­en. Das Schei­tern der EVG-Ver­trä­ge in der fran­zö­si­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung (30.8.1954) ver­zö­ger­te das for­mel­le En­de des Be­sat­zungs­re­gimes noch ein­mal, doch die An­zei­chen ei­ner bal­di­gen Sou­ve­rä­ni­tät wa­ren un­über­seh­bar: John McCloy hielt sei­ne Mis­si­on in Deutsch­land für be­en­det und kehr­te im Ju­li 1952 in die USA zu­rück. Lis­tig streck­te Ade­nau­er be­reits die Hand nach den Lu­xus­zü­gen der Ho­hen Kom­mis­sa­re als Er­satz für sei­nen Sa­lon­wa­gen aus. Im Herbst 1953 wür­dig­te er die ge­wan­del­ten Be­zie­hun­gen der Bun­des­re­gie­rung zur AHK  “­Ver­trau­ens­vol­le po­si­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit” statt “Kon­trol­le und Be­vor­mun­dung”.

Nichts sym­bo­li­siert die Ver­än­de­run­gen bes­ser als die Auf­ga­be des Pe­ters­bergs als Sitz der al­li­ier­ten Ne­ben­re­gie­rung (“Mon­te Ve­to“) zu Guns­ten sub­ti­le­rer For­men der Kon­trol­le. Be­reits in den ent­schei­den­den Ver­hand­lun­gen über den Deutsch­land­ver­trag wur­de er vor­wie­gend für Ex­per­ten-Ge­sprä­che ge­nutzt. Mit dem Bun­des­kanz­ler traf man sich in der Re­si­denz des am­tie­ren­den Rats­vor­sit­zen­den, vor der bei die­ser Ge­le­gen­heit auch die Bun­des­flag­ge weh­te. Mit­te 1952 zo­gen auch die zen­tra­len Stel­len der Drei­mäch­te-Bü­ro­kra­tie hin­un­ter in ei­nen Teil des ge­räu­mi­gen und in der Aus­stat­tung hoch­mo­der­nen ame­ri­ka­ni­schen HI­COG-Kom­ple­xes am Rhein. Im Au­gust wur­de die Be­schlag­nah­me auf­ge­ho­ben. 

Die HICOG-Gebäude in Bonn-Mehlem, ab November 1951 Dienstsitz des US-Hochkommissariats, ab 1955 US-Botschaft, um 1955. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

14. Die nationalen Kommissariate werden Botschaften

Ver­zö­gert wur­de die Rück­ga­be des Pe­ters­bergs durch die Bri­ten, wa­ren sie doch auf ihr Haupt­quar­tier in Porz-Wahn fi­xiert und da­her am Re­gie­rungs­sitz räum­lich nur un­zu­rei­chend ver­sorgt. An­ders als im Fal­le Frank­reichs oder der USA konn­te die neue di­plo­ma­ti­sche Ver­tre­tung des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs nicht or­ga­nisch aus der Hoch­kom­mis­si­on her­vor­ge­hen. Ent­spre­chend be­schei­den war das 1952/1953 an der Fried­rich-Ebert-Al­lee im Nie­mands­land zwi­schen Bonn und Bad Go­des­berg er­rich­te­te Bot­schafts­ge­bäu­de (2003 ab­ge­ris­sen) di­men­sio­niert: Mehr als 85 Bü­ro­räu­me wa­ren dem bri­ti­schen Steu­er­zah­ler zu­nächst nicht zu­zu­mu­ten; ei­nen un­ver­züg­lich ge­for­der­ten zwei­ten Bau­ab­schnitt lehn­te Lon­don ab. Ei­nen ge­wis­sen Aus­gleich schuf die Re­si­denz: Der bri­ti­sche Hoch­kom­mis­sar (und künf­ti­ge Bot­schaf­ter des Ver­ei­nig­ten Kö­nigs­reichs) be­zog die von McCloy ge­räum­te Vil­la Cap­pell am Go­des­ber­ger Rhein­ufer. Die turm­be­wehr­te “Vil­la Spi­ri­tus” in Bonn, ehe­mals Ver­bin­dungs­bü­ro des bri­ti­schen Mi­li­tär­gou­ver­neurs zum Par­la­men­ta­ri­schen Rat, dien­te bis 2011 den in Deutsch­land sta­tio­nier­ten Trup­pen (“Joint Ser­vices Liai­son Or­ga­niza­t­i­on”).

Mit ih­rem mäch­ti­gen Statt­hal­ter­pa­last in Meh­lem hat­ten die USA nach En­de des Kon­troll­re­gimes die per­fek­te Bot­schaft. Spä­te­re Di­plo­ma­ten lob­ten McCloy für sei­ne Weit­sicht bei der Ver­le­gung sei­nes Haupt­quar­tiers von Frank­furt an den Rhein. Ein mit der Bun­des­re­gie­rung 1951 ge­schlos­se­ner Ver­trag sah ei­ne Nut­zung sol­cher Flä­chen, die von der künf­ti­gen US-Mis­si­on nicht be­nö­tigt wür­den, durch Bun­des­be­hör­den vor. Mit sei­nen 700 Räu­men und 2,5 Kor­ri­dor­ki­lo­me­tern er­schien der Bot­schafts­kom­plex groß ge­nug, um gleich die Re­gie­rung des Staa­tes, in dem er stand, mit un­ter­zu­brin­gen, kol­por­tier­te „Der Spie­gel” den Spott ei­nes US-Ma­ga­zins. 

Neue Britische Botschaft in Bonn, 1954, Foto: Gerhard Sachsse. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Ob­wohl François-Pon­cet in der Öf­fent­lich­keit stets von ei­ner aus­ge­dehn­ten Kon­troll­pe­ri­ode aus­ging, sorg­te er recht­zei­tig vor. Fran­zö­si­sches Bot­schafts­ge­bäu­de konn­te das „Dree­sen“ nicht wer­den. Die Be­sit­zer­fa­mi­lie dräng­te auf Rück­ga­be, und auch die Go­des­ber­ger Stadt­ver­wal­tung sah das Tra­di­ti­ons­ho­tel als un­ver­zicht­bar für die Wie­der­be­le­bung des Frem­den­ver­kehrs an. So wur­de 1952 in Er­gän­zung des 1950 rhein­par­al­lel zum „Dree­sen“ aus­ge­führ­ten Er­wei­te­rungs­baus („Block 1“) ein wei­te­res vier­stö­cki­ges Bü­ro­ge­bäu­de mit 90 Räu­men er­rich­tet. Die Räu­mung des „Dree­sen“ ver­zö­ger­te man noch ein we­nig, um den Be­sit­zern ei­nen Pacht­ver­trag über Grund­stü­cke für Zu­fahrt, Park­platz und Ra­sen der künf­ti­gen Bot­schaft ab­pres­sen zu kön­nen. Auch die wei­te­re Nut­zung von Haus Er­nich als Re­si­denz des künf­ti­gen fran­zö­si­schen Bot­schaf­ters war ge­si­chert. Der im Ok­to­ber 1952 mit den Ei­gen­tü­mern ab­ge­schlos­se­ne Miet­ver­trag wur­de in dem Au­gen­blick wirk­sam, als mit Auf­lö­sung der AHK auch die ju­ris­ti­sche Grund­lan­ge für die Re­qui­si­ti­on der Im­mo­bi­lie weg­fiel.

Zwei­fel­los wa­ren in der pro­vi­so­ri­schen Bun­des­haupt­stadt Stand­or­te in Rhein­la­ge be­son­ders pres­ti­ge­träch­tig; schlie­ß­lich be­fan­den sich hier mit Bun­des­tag/Bun­des­rat, Bun­des­prä­si­dent (Vil­la Ham­mer­schmidt), Bun­des­kanz­ler­amt (Pa­lais Schaum­burg) und di­ver­sen Lan­des­ver­tre­tun­gen die wich­tigs­ten Staats­or­ga­ne. Und trotz städ­te­bau­li­cher Be­den­ken wur­de 1953/1954 auch der wuch­ti­ge Kom­plex des Aus­wär­ti­gen Am­tes, deut­lich sicht­ba­res Sym­bol der be­vor­ste­hen­den staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät des West­staats, an den Fluss ge­stellt. Nach Aus­lau­fen der Kon­troll­pe­ri­ode wür­den die Ver­tre­ter der west­li­chen Sie­ger­mäch­te nur noch ge­wöhn­li­che Bot­schaf­ter un­ter Vie­len sein. Durch La­ge und Grö­ße ih­rer di­plo­ma­ti­schen Ver­tre­tun­gen konn­ten zu­min­dest die USA und Frank­reich an ih­re pri­vi­le­gier­te Stel­lung als Ge­burts­hel­fer und Tu­to­ren der Bon­ner Re­pu­blik er­in­nern. 

15. 5.5.1955: Die Bundesrepublik wird souverän

Für die Bun­des­re­pu­blik er­öff­ne­te das Schei­tern der EVG ei­ne un­gleich at­trak­ti­ve­re Op­ti­on. Die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on der Re­gie­rung war 1954 stär­ker als 1951/1952. So hat das fran­zö­si­sche Tak­tie­ren Ade­nau­er da­vor be­wahrt, mit ei­nem un­be­frie­di­gen­den, von Frank­reich do­mi­nier­ten Son­der­bünd­nis le­ben zu müs­sen. Sei­ne grad­li­ni­ge Au­ßen­po­li­tik führ­te zur NA­TO-Mit­glied­schaft West­deutsch­lands; die fort­dau­ern­de Sta­tio­nie­rung al­li­ier­ter Trup­pen ba­sier­te jetzt auf ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen un­ter Glei­chen. “Wir ste­hen als Freie un­ter Frei­en”, lau­te­te dem­entspre­chend der Ti­tel ei­ner Pro­kla­ma­ti­on, die Ade­nau­er am Nach­mit­tag des 5.5.1955 im Park des Pa­lais Schaum­burg ver­las. Die ge­plan­te Fei­er im Bun­des­tag hat­te ihm die Op­po­si­ti­on ver­wei­gert. Stär­ker pro­to­koll­be­wusst zeig­ten sich die schei­den­den Ho­hen Kom­mis­sa­re. Um 11 Uhr vor­mit­tags un­ter­zeich­ne­ten sie in An­we­sen­heit zahl­rei­cher Pres­se­ver­tre­ter im Kon­fe­renz­raum der US-Hoch­kom­mis­si­on die Pro­kla­ma­ti­on über die Auf­he­bung des Be­sat­zungs­sta­tuts. Mit Hin­ter­le­gung der Ur­kun­den über die Ra­ti­fi­zie­rung des Deutsch­land­ver­trags und des Trup­pen­sta­tio­nie­rungs­ver­trags um 12 Uhr im Kanz­ler­amt war die Bun­des­re­pu­blik sou­ve­rän. Be­vor sie für ei­ne Über­gangs­zeit als Bot­schaf­ter ih­rer Län­der in Bonn fun­gie­ren wür­den, wünsch­ten die drei al­li­ier­ten Ver­tre­ter ei­nen ver­söhn­li­chen Schluss­punkt ih­rer lang­jäh­ri­gen, oft­mals heik­len Kon­troll- und Be­ra­tungs­tä­tig­keit. Beim abend­li­chen Staats­ban­kett zu Eh­ren der ge­we­se­nen Ho­hen Kom­mis­sa­re setz­te sich Bun­des­prä­si­dent Theo­dor Heuss auf sehr per­sön­li­che, sen­si­ble Wei­se mit zehn Jah­ren Be­sat­zungs­ge­schich­te aus­ein­an­der, wur­de so­wohl Ade­nau­ers po­li­ti­scher Leis­tung als auch der Un­ter­stüt­zung des Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­ses durch die Tu­to­ren ge­recht. Al­les in al­lem sei der 5.5.1955 für Deutsch­land “ein sehr wich­ti­ger Tag” ge­we­sen, aber we­gen er auf ei­nen Teil­staat be­schränk­ten Frei­heit ins­ge­samt kein “stol­zer” Tag.

Quellen

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Literatur

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Die Französische Botschaft am Kapellenweg in Bonn-Bad Godesberg kurz vor ihrer Fertigstellung, 1955. Das Gebäude diente auch als Sitz des französischen Hochkommissariats in Deutschland, Foto: Gerhard Sachsse. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Die Alliierte Hohe Kommission am Rhein (1949-1955), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-alliierte-hohe-kommission-am-rhein-1949-1955/DE-2086/lido/57d1304ba09a88.53614885 (20.07.2018)