Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“ (1933–1945)

Ralf Forsbach (Siegburg)

Die Bonner Universitäts-Frauenklinik mit Direktorhaus in der Theaterstraße, 1930er Jahre. (Universitätsarchiv Bonn)

1. Professoren und die NSDAP

Die Uni­ver­si­tät Bonn und ih­re Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät be­sa­ßen ei­nen be­son­de­ren Sta­tus, der die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im­mer wie­der mit Miss­trau­en er­füll­te. Denn vie­le ih­rer Pro­fes­so­ren und Mit­ar­bei­ter wa­ren über­zeug­te Ka­tho­li­ken, die der neu­en Ideo­lo­gie nicht fol­gen moch­ten. Doch wenn die Bon­ner Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auch kei­nen ge­si­cher­ten Raum bot, ein Hort des Wi­der­stands war sie nicht. Vie­le Fa­kul­täts­mit­glie­der, schon 1933 über ein Drit­tel, 1945 dann über zwei Drit­tel, schlos­sen sich der NS­DAP an; dar­un­ter war am 30.1.1933 noch kein Or­di­na­ri­us. En­de 1934 zähl­te ein Vier­tel und ab En­de 1937 et­wa die Hälf­te der Or­di­na­ri­en zu den Mit­glie­dern der NS­DAP. Nur in der Land­wirt­schaft­li­chen Fa­kul­tät war der An­teil der Par­tei­ge­nos­sen hö­her. Im Ver­gleich zu den Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tä­ten an­de­rer Uni­ver­si­tä­ten aber war er un­ter­durch­schnitt­lich.

Erklärung von Bonner Hochschullehrern im Bonner General-Anzeiger, vom 4.3.1933.. (o.A.)

 

Die Grün­de für den Par­tei­ein­tritt sind stets un­ter­schied­lich ge­we­sen. Nicht al­le NS­DAP-Mit­glie­der ver­üb­ten selbst Ver­bre­chen; ver­brei­tet war ein rein op­por­tu­nis­ti­sches Ver­hal­ten, das ei­nen Par­tei­b­ei­tritt als ge­ra­ten er­schie­nen ließ. An­de­rer­seits gab es Pro­fes­so­ren, die der NS­DAP nicht an­ge­hör­ten, in de­ren Kli­ni­ken aber Ver­bre­chen wie Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen vor­ge­nom­men wur­den. Ei­ni­ge Pro­fes­so­ren zeig­ten früh of­fen ih­re Be­geis­te­rung für das neue Sys­tem, auch wenn sich ein­zel­ne spä­ter von ih­rem Ver­hal­ten dis­tan­zier­ten. Ein mar­kan­tes Bei­spiel ist die Er­klä­rung „Für Adolf Hit­ler“, die am 4.3.1933 im Bon­ner „Ge­ne­ral-An­zei­ger“ er­schien. Von den 14 Un­ter­zeich­nern ge­hör­ten sie­ben der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät an: Wal­ter Blu­men­berg, Fried­rich Pie­trus­ky, Erich Hofffmann, Ru­dolf Strem­pel, Hu­go Sel­ter, Paul Rö­mer. In der Er­klä­rung hei­ßt es wört­lich: „Wir un­ter­zeich­ne­ten deut­schen Uni­ver­si­täts- und Hoch­schul­leh­rer er­klä­ren heu­te in al­ler Öf­fent­lich­keit, dass wir in der Macht­über­nah­me Adolf Hit­lers und dem Zu­sam­men­schluß der na­tio­na­len Kräf­te, die am Wie­der­auf­bau des deut­schen Vol­kes mit tä­tig sein wol­len, den rich­ti­gen Weg se­hen, der un­ge­heu­ren Not und Ver­elen­dung des deut­schen Vol­kes Ein­halt zu ge­bie­ten. Wir als deut­sche Män­ner, als be­ru­fe­ne Leh­rer der aka­de­mi­schen Ju­gend un­se­res Vol­kes, sind über­zeugt, daß es der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Be­we­gung in Ver­bin­dung mit al­len auf­bau­wil­li­gen Kräf­ten un­se­res Vol­kes ge­lin­gen wird, auf al­len Ge­bie­ten des Le­bens zu dem Wan­del der na­tio­na­len und so­zia­len Ge­sin­nung und Hand­lungs­wei­se zu kom­men, die für un­ser Volk Grund­be­din­gung des Wie­der­auf­stiegs ist. Die mar­xis­tisch-bol­sche­wis­ti­schen Ein­flüs­se auf den Geist un­se­res Vol­kes müs­sen auf­hö­ren. Des­halb er­klä­ren wir uns be­reit, an dem gro­ßen Auf­bau­werk der Reichs­re­gie­rung mit all un­se­ren Kräf­ten mit­zu­ar­bei­ten, um dem gro­ßen Werk, das jetzt be­gon­nen wur­de, zum glück­li­chen End­sieg zu ver­hel­fen […]. Wir er­war­ten zu­ver­sicht­lich von der der­zei­ti­gen Reichs­re­gie­rung un­ter Füh­rung Adolf Hit­lers die Ge­sun­dung un­se­res ge­sam­ten öf­fent­li­chen Le­bens und da­mit die Ret­tung und den Wie­der­auf­stieg Deutsch­lands und sind fest ent­schlos­sen, je­der an sei­nem Teil da­für zu wir­ken.“

Zu­gu­te hal­ten kann sich die Fa­kul­tät, dass fünf von 14 Or­di­na­ri­en ge­gen ih­ren Wil­len (be­zie­hungs­wei­se im Fal­le des Zahn­me­di­zi­ners Fried­rich Pro­ell (1881–1963) oh­ne sei­ne Zu­stim­mung) ei­nen Lehr­stuhl in Bonn er­hiel­ten. Es han­delt sich ne­ben Pro­ell um den wis­sen­schaft­lich nach­ran­gi­gen Kin­der­arzt Hans Knau­er (1892–1952) so­wie um den Psych­ia­ter Kurt Pohlisch (1893–1955), den HNO-Arzt Theo­dor Nühs­mann (1885–1962) und den Po­li­kli­ni­ker Fried­rich Tie­mann (1899–1982), al­le­samt Ex­po­nen­ten des NS-Sys­tems. Be­mer­kens­wert ist, dass mit dem Päd­ia­ter Ot­to Ull­rich (1894–1957) 1943 erst­mals seit 1935 (Phil­ipp Stöhr, 1891–1979) wie­der ein Kli­nik­di­rek­tor be­ru­fen wur­de, der nicht der NS­DAP an­ge­hör­te.

2. Studierende und die NSDAP

Un­ter­durch­schnitt­lich vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in­fil­triert war auch die Stu­den­ten­schaft. Den­noch wa­ren es die Stu­den­ten, die an der Bon­ner Uni­ver­si­tät als ers­te die neue Ideo­lo­gie mas­siv ver­brei­te­ten. Wäh­rend aber bei stu­den­ti­schen Wah­len an an­de­ren Uni­ver­si­tä­ten der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Stu­den­ten­bund (NS­DStB) oft weit mehr als 50 Pro­zent der Stim­men er­reich­te, wa­ren es in Bonn am 2.2.1932 nur 26,4 Pro­zent und am 7.2.1933 gar nur 21,8 Pro­zent der Stim­men, das schlech­tes­te Er­geb­nis reichs­weit. Un­ter Füh­rung des Rings Ka­tho­li­scher Kor­po­ra­tio­nen blieb de fac­to ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on ge­gen den NS­DStB be­ste­hen. Auch bei den Reichs­tags­wah­len am 5.3.1933 mach­te sich die ka­tho­li­sche Prä­gung Bonns be­merk­bar. Das Zen­trum (40,78 Pro­zent) blieb mit mehr als 1.000 Stim­men Vor­sprung vor der NS­DAP (21,95 Pro­zent) stärks­te Par­tei.

Über die par­tei­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung der Me­di­zin­stu­die­ren­den al­lein lie­gen kei­ne Zah­len vor. Hin­ge­gen weiß man, dass sich im­mer we­ni­ger jun­ge Men­schen für ein Stu­di­um der Me­di­zin in Bonn ent­schie­den. Die Zahl der Me­di­zin­stu­den­ten er­reich­te im Som­mer­se­mes­ter 1933 mit 1.430 ih­ren Höchst­stand. Von die­sen wa­ren 325 (22,73 Pro­zent) Frau­en. Da­nach sank die Zahl der Stu­die­ren­den, ver­harr­te aber noch bis zum Som­mer­se­mes­ter 1937 über oder nur knapp un­ter 1.000. Auch der Frau­en­an­teil blieb mit ei­nem Wert von über 20 Pro­zent recht kon­stant, ob­wohl Reichs­ärz­te­füh­rer Ger­hard Wag­ner (1888-1939) bis An­fang 1935 ei­ne ge­gen das me­di­zi­ni­sche Frau­en­stu­di­um ge­rich­te­te Pro­pa­gan­da in­iti­iert und reichs­weit die Zu­las­sung von Me­di­zin­stu­den­tin­nen für das Jahr 1934 auf 1.500 be­schränkt hat­te. In der NS­DAP sah man die Ent­wick­lung als er­freu­lich und Schritt zur „Ent­las­tung der deut­schen Hoch­schu­len“ an. Mit dem Win­ter­se­mes­ter 1937/1938 ver­än­dern sich die Da­ten deut­lich. Die Zahl der Stu­die­ren­den über­schritt bis zum ers­ten Tri­mes­ter 1941 die Mar­ke von 1.000 nicht mehr, fiel im zwei­ten Tri­mes­ter 1940 so­gar auf 576. Auch der Frau­en­an­teil sank nun spür­bar. Im Win­ter­se­mes­ter 1937/1938 lag er erst­mals seit 1928 wie­der un­ter 20 Pro­zent, um im Som­mer­se­mes­ter 1939 mit 15,79 Pro­zent den tiefs­ten Stand seit 1923/1924 zu er­rei­chen. Kriegs­be­dingt stieg er in der Fol­ge ra­sant an. Im letz­ten Er­he­bungs­zeit­raum 1943 wa­ren un­ter den nun wie­der deut­lich mehr Stu­die­ren­den der Me­di­zin (1.324) 568 Frau­en (42,32 Pro­zent). In­ner­halb der Uni­ver­si­tät Bonn ver­scho­ben sich die Ge­wich­te zu­guns­ten der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät. Wa­ren im Som­mer­se­mes­ter 1933 26,21 Pro­zent der Bon­ner Stu­die­ren­den im Fach Me­di­zin und 6,43 Pro­zent im Fach Zahn­me­di­zin ein­ge­schrie­ben, wa­ren es im Som­mer­se­mes­ter 1938 34,75 (3,58) Pro­zent und im ers­ten Tri­mes­ter 1940 53,39 (1,64) Pro­zent. Dies ent­spricht der reichs­wei­ten Ent­wick­lung.

Wäh­rend die Zah­len für die Hu­man­me­di­zin, auch im Ver­gleich zu de­nen an­de­rer Uni­ver­si­tä­ten, für die At­trak­ti­vi­tät der Bon­ner Kli­ni­ken und me­di­zi­ni­schen In­sti­tu­te spre­chen, zeu­gen die Da­ten zur Zahn­me­di­zin von ei­nem an­de­ren Bild. Ganz of­fen­sicht­lich ver­lor die­se Fach­rich­tung mit dem Be­ginn der NS-Herr­schaft – und mit der Ver­trei­bung des re­nom­mier­ten Kli­nik­di­rek­tors Al­fred Kan­to­ro­wicz (1880–1962) – über­pro­por­tio­nal an At­trak­ti­vi­tät. Im Som­mer­se­mes­ter 1929 stu­dier­ten 462 Per­so­nen, dar­un­ter 90 Frau­en (19,48 Pro­zent), Zahn­me­di­zin. Bis zum Win­ter­se­mes­ter 1932/1933 lag die Zahl der Zahn­me­di­zin Stu­die­ren­den stets deut­lich über 400 bei ei­nem Frau­en­an­teil zwi­schen 14,59 Pro­zent im Win­ter­se­mes­ter 1929/1930 und 25,22 Pro­zent im Som­mer­se­mes­ter 1932. Ab dem Som­mer­se­mes­ter 1938 stu­dier­ten bei ei­nem sin­ken­den Frau­en­an­teil we­ni­ger als 100 Per­so­nen Zahn­me­di­zin.

Ei­ne for­ma­le Ver­pflich­tung für Stu­die­ren­de, der NS­DAP oder ei­ner ih­rer Glie­de­run­gen bei­zu­tre­ten, hat nicht be­stan­den. Den­noch galt ein sol­cher Schritt als der­art op­por­tun, dass er als ver­pflich­tend auf­ge­fasst wur­de. Ein sich den NS-Or­ga­ni­sa­tio­nen Ver­wei­gern­der er­hielt kei­ne Stu­den­ten­dar­le­hen. Die Zahl po­ten­ti­el­ler Ar­beit­ge­ber für Nicht­par­tei­mit­glie­der war nach dem Ab­schluss des Stu­di­ums ein­ge­schränkt.

Vie­le Stu­die­ren­de und Jung­ärz­te wand­ten sich „der ple­be­ji­schen SA“ (Mi­cha­el Ka­ter, ge­bo­ren 1937) zu, nach­dem „die Klas­sen­ge­gen­sät­ze“ durch SA-Stu­den­ten­grup­pen teil­wei­se neu­tra­li­siert wor­den wa­ren. Trotz­dem ist es für die An­fangs­pha­se des „Drit­ten Reichs“ glaub­haft, dass ei­ni­ge Be­trof­fe­ne die SS der SA vor­zo­gen, weil sie hier ein Ver­hal­ten vor­zu­fin­den er­war­te­ten, das eher bür­ger­li­cher Kon­ven­ti­on ent­sprach und die Per­son des Bon­ner SA-Stan­dar­ten­füh­rers Wil­li Him­mel­mann (ge­stor­ben 1935) be­son­de­re Ab­leh­nung pro­vo­zier­te.

3. Verfolgung und Vertreibung

Auf­grund des Ge­set­zes zur „Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums“ vom 7.4.1933 wur­den sämt­li­che Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät ei­ner ein­ge­hen­den Über­prü­fung un­ter­zo­gen. Ei­ni­ge we­ni­ge von ih­nen ver­such­ten of­fen­bar, die Fra­gen zur „Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit“ un­be­ant­wor­tet zu las­sen, um das von den Na­tio­nal­so­zi­als­ten an­ge­leg­te Er­fas­sungs­sys­tem zu sa­bo­tie­ren. Es ist je­den­falls auf­fäl­lig, dass ge­ra­de der In­ter­nis­t Paul Mar­ti­ni (1889–1964) und der Ana­tom Jo­han­nes So­bot­ta (1869–1945) als dem „Drit­ten Reich“ skep­tisch oder ab­leh­nend ge­gen­über ste­hen­de Kli­nik­di­rek­to­ren im Au­gust 1933 nach­drück­lich auf­ge­for­dert wur­den, die ent­spre­chen­den Fra­gen kor­rekt zu be­ant­wor­ten. Auch von dem Pri­vat­do­zen­ten an der Zahn­kli­nik Karl Schmid­hu­ber wur­de er­neut „ei­ne aus­drück­li­che Ver­si­che­rung über sei­ne Ab­stam­mun­g“ ein­ge­for­dert.

An der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn wa­ren bald nach In­kraft­tre­ten des Ge­set­zes zur „Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums“ al­le Per­so­nen, die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als Ju­den an­ge­se­hen wur­den, ent­las­sen oder in den Ru­he­stand ver­setzt. Be­trof­fen wa­ren un­ter an­de­rem die or­dent­li­chen Pro­fes­so­ren Al­fred Kan­to­ro­wicz un­d Ot­to Lö­wen­stein (1889–1965, die au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­so­ren Adolf Nuss­baum (1885–1962), Hans Kö­nig (1878–1936) und Al­fred Mey­er (1895–1990) so­wie die As­sis­ten­ten Rein­hard Wald­sachs (1907–1995) und Wer­ner Ja­cob­sen (ge­bo­ren 1906). Wald­sachs war selbst kein Ju­de, wohl aber mit ei­ner Jü­din ver­hei­ra­tet. Drei wei­te­re Me­di­zi­ner, Fe­lix Nuss­baum, Na­than Si­mon und Jo­seph Lö­wen­stein, emi­grier­ten of­fen­bar, be­vor sie das neue Be­am­ten­ge­setz er­fas­sen konn­te. Auch Ger­trud Harth (1904–1962), As­sis­ten­tin an der Zahn­kli­nik, hat­te Deutsch­land kurz nach der Macht­über­tra­gung an die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­reits ver­las­sen. Ent­las­sen wur­de Lui­se Stern, Vo­lon­tär­as­sis­ten­tin an der Zahn­kli­nik.

Als po­li­tisch un­zu­ver­läs­sig gal­ten den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auch Frei­mau­rer. Wa­ren sie lei­ten­de Be­am­te, wor­un­ter die Pro­fes­so­ren ge­rech­net wur­den, durf­ten sie seit 1936 nur mit Zu­stim­mung des Stell­ver­tre­ters des Füh­rers wei­ter­be­schäf­tigt wer­den. Die ent­spre­chen­de „Nach­wei­sun­g“ der Uni­ver­si­tät Bonn ver­zeich­ne­te le­dig­lich zwei Pro­fes­so­ren der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät, den Der­ma­to­lo­gen Ot­to Grütz (1886–1963) und den Di­rek­tor der HNO-Kli­nik, Theo­dor Nühs­mann, die wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik Lo­gen­an­ge­hö­ri­ge wa­ren. Spä­ter wur­de noch die zeit­wei­li­ge Lo­gen­mit­glied­schaft des Zahn­me­di­zi­ners Fried­rich Pro­ell be­kannt. Dass auf­grund der Frei­mau­re­rei die Ab­lö­sung ei­nes der drei Me­di­zi­ner be­trie­ben wor­den wä­re, ist aus den Ak­ten nicht er­sicht­lich.

Friedrich Pietrusky, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

4. Verfolgt, untergetaucht, verhaftet, geflohen – Das Beispiel Alfred Kantorowicz

Wohl kei­ne der Bon­ner Kli­ni­ken und me­di­zi­ni­schen In­sti­tu­te wird so sehr mit dem Na­men ei­nes Hoch­schul­leh­rers in Ver­bin­dung ge­bracht wie die Bon­ner Zahn­kli­nik. Es war Al­fred Kan­to­ro­wicz, der die Zahn­me­di­zin in Bonn zu ei­ner Blü­te führ­te, die sei­ne Vor­gän­ger auf­grund der Hemm­nis­se von Sei­ten der Fa­kul­tät nicht er­rei­chen konn­ten und auf die sei­ne Schü­ler lan­ge Zeit mit Weh­mut zu­rück­blick­ten. Der in Po­sen ge­bo­re­ne Kan­to­ro­wicz wur­de im März 1918 an das zahn­ärzt­li­che Pri­vat­in­sti­tut am Rö­mer­platz be­ru­fen, aus dem die uni­ver­si­tä­re Zahn­me­di­zin Bonns her­vor­ging. Es ent­stand „die gro­ße und an­ge­se­he­ne zahn­ärzt­li­che Lehr- und For­schungs­stät­te der ‚Bon­ner Schu­le‘, die in der gan­zen Welt zu ei­nem Be­griff ge­wor­den ist und an der un­zäh­li­ge deut­sche und aus­län­di­sche Zahn­ärz­te Aus­bil­dung und Fort­bil­dung ge­nos­sen ha­ben“, so Kan­to­ro­wiczs Schü­ler Gus­tav Kork­haus (1895–1978).

Kan­to­ro­wiczs po­li­ti­scher Ein­satz be­schränk­te sich nicht auf Uni­ver­si­tät und Zahn­heil­kun­de. Als so­zi­al­de­mo­kra­ti­sches Stadt­rats­mit­glied such­te er ei­ne brei­te po­li­ti­sche Ba­sis für sei­ne Ide­en. Zu die­sen zähl­te ne­ben der sys­te­ma­ti­schen Schul­zahn­pfle­ge die Ver­tei­lung von Kon­do­men an die in Bonn tä­ti­gen Pro­sti­tu­ier­ten. Auch blick­te er über die So­zi­al- und Ge­sund­heits­po­li­tik hin­aus. 1923 ließ er zu, dass sich das Di­rek­to­ren­zim­mer der Zahn­kli­nik am Rö­mer­platz zu ei­ner „Zen­tra­le stärks­ten Wi­der­stan­des“ ge­gen den rhei­ni­schen Se­pa­ra­tis­mus ent­wi­ckel­te. In sei­ner ihm ei­ge­nen kor­rek­ten Art so­wie of­fen­kun­dig in der selbst­ver­ständ­li­chen Er­war­tung ge­gen­sei­ti­ger Loya­li­tät wand­te sich Kan­to­ro­wicz am 31.3.1933 schrift­lich an den De­kan der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät, den Di­rek­tor der Kin­der­kli­nik Theo­dor Gött (1880–1934): „Sehr ver­ehr­ter Herr Kol­le­ge! Aus mir un­be­kann­ten Grün­den be­ab­sich­tigt die hie­si­ge Kri­mi­nal­po­li­zei, mich in Schutz­haft zu neh­men. Um wei­te­ren Re­pres­sa­li­en, die durch In­haf­tie­rung gänz­lich harm­lo­ser Per­so­nen ge­gen mich aus­ge­übt wer­den, zu ent­ge­hen, wer­de ich mich heu­te der Kri­mi­nal­po­li­zei frei­wil­lig stel­len. Die Dau­er mei­ner In­haf­tie­rung dürf­te un­ge­wiss sein, ei­ne Ver­tre­tung wird sich des­halb als not­wen­dig er­wei­sen.“

Das Ver­hal­ten der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät nach der Ver­haf­tung ih­res Mit­glieds Al­fred Kan­to­ro­wicz war be­schä­mend. Kan­to­ro­wicz wur­de in sei­nem tra­di­tio­nel­len kor­po­ra­tis­ti­schen Glau­ben an die So­li­da­ri­tät der Fa­kul­tät mehr­fach bit­ter ent­täuscht. Lan­ge Zeit woll­te er ganz of­fen­sicht­lich nicht wahr­ha­ben, dass sich die Fa­kul­tät nicht nur dem po­li­ti­schen Druck der Macht­ha­ber beug­te, son­dern in Tei­len auch aus ei­ge­ner Über­zeu­gung ge­gen ihn vor­ging. Wie aus meh­re­ren Schrei­ben der Fa­kul­tät her­vor­geht, sorg­ten sich Kan­to­ro­wiczs Kol­le­gen we­ni­ger um des­sen Schick­sal als um die Be­treu­ung der Stu­die­ren­den und ins­be­son­de­re der Dok­to­ran­den.

Alfred Kantorowicz, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Am 23.9.1933 wur­de Kan­to­ro­wic auf der Grund­la­ge des of­fen an­ti­se­mi­ti­schen „Ge­set­zes zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums“ ent­las­sen. Da­mit war der Damm ge­bro­chen, der die in der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät vor­han­de­nen Res­sen­ti­ments ge­gen Kan­to­ro­wicz zu­vor im Ver­bor­ge­nen ge­hal­ten hat­te. De­kan Wil­helm Cee­len ver­sand­te am 27.12.1933 das fol­gen­de Schrei­ben „an die Her­ren Fa­kul­täts­mit­glie­der“: „Bei der Auf­stel­lung ei­ner Lis­te der seit 1918 er­nann­ten Eh­ren­dok­to­ren der Fa­kul­tä­ten, die der Herr Mi­nis­ter ein­ge­for­dert hat, wur­de er­staun­li­cher­wei­se fest­ge­stellt, dass Herr Pro­fes­sor Kan­to­ro­wicz  Eh­ren­dok­tor (Dr. med. dent. h. c.) der Bon­ner Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät ist. […] Da Herr Pro­fes­sor Kan­to­ro­wicz am 3. Ok­to­ber 1933 von dem Herrn Mi­nis­ter aus dem Staats­dienst oh­ne An­spruch auf Ru­he­ge­halt und auf Wei­ter­füh­rung der Amts­be­zeich­nung ent­las­sen wor­den ist, der Haupt­grund für die Eh­ren­pro­mo­ti­on al­so hin­fäl­lig ge­wor­den ist, da Pro­fes­sor Kan­to­ro­wicz fer­ner, wie es heisst, Deutsch­land ver­las­sen hat, oh­ne dem De­kan oder ei­nem sons­ti­gen Fa­kul­täts­mit­glied ir­gend wel­che Mit­tei­lun­gen ge­macht zu ha­ben, be­steht kei­ne Ver­an­las­sung mehr, ihn un­ter den Eh­ren­dok­to­ren der Fa­kul­tät wei­ter­zu­füh­ren. Ich wer­de ihn al­so aus der Lis­te strei­chen und ihm ent­spre­chen­de Mit­tei­lung ma­chen, so­bald ich sei­ne ge­naue An­schrift er­fah­ren ha­be.“

Kan­to­ro­wicz wur­de nach In­haf­tie­run­gen im Ge­fäng­nis Bonn und im KZ Bör­ger­moor am 5.11.1933 aus dem KZ Lich­ten­stein ent­las­sen. Er emi­grier­te nach Is­tan­bul, wo er or­dent­li­cher Pro­fes­sor der dor­ti­gen Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät wur­de.

Kan­to­ro­wicz steht für die Op­fer der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung an der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn. Die Lis­te des Un­rechts ist lang. Vie­le an­de­re jü­di­sche Pro­fes­so­ren, As­sis­ten­ten und Stu­den­ten wur­den teil­wei­se mit ih­ren Ver­wand­ten und Freun­den ver­trie­ben, ver­folgt, in ih­ren Rech­ten ein­ge­schränkt oder aber zur Emi­gra­ti­on ver­an­lasst. Die Schick­sa­le von Hans Kö­nig, Al­fred Mey­er, Adolf Nuss­baum, Fritz Knü­chel (ge­bo­ren 1911), Sa­mu­el Last, Rein­hold Wald­sachs, Ger­hard Wolf-Hei­deg­ger (1910–1986), Thea Kan­to­ro­wicz (1909–1986), Hans Lit­toff, Eva Lo­eb (ge­bo­ren 1909) und an­de­ren be­le­gen dies. Die Fa­kul­tät als sol­che blieb in al­len Fäl­len stumm oder un­ter­stütz­te die Maß­nah­men so­gar. Ge­hol­fen wur­de den Ver­folg­ten al­len­falls von ein­zel­nen in der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät Be­schäf­tig­ten.

5. Verfolgte Studenten

Lis­ten po­li­tisch, ras­sisch oder re­li­gi­ös ver­folg­ter Stu­den­ten sind nur aus der Nach­kriegs­zeit über­lie­fert. Im Fe­bru­ar 1949 teil­te der Bon­ner Rek­tor dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um mit, das Se­kre­ta­ri­at ha­be die­sen Per­so­nen­kreis nie re­gis­triert, es wer­de „bei der jetzt be­gin­nen­den Neu­an­mel­dung […] je­doch ei­ne zah­len­mäs­si­ge Er­fas­sung die­ser Stu­die­ren­den er­fol­gen“. Drei Mo­na­te spä­ter über­sand­te der Rek­tor ei­ne Lis­te mit 30 Na­men, dar­un­ter die von drei Stu­die­ren­den der Zahn­me­di­zin und neun Stu­die­ren­den der Me­di­zin. Kei­ne an­de­re Fa­kul­tät stell­te dem­nach so vie­le Ver­folg­te wie die Me­di­zi­ni­sche (Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät: sechs; Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät: sechs; Ma­the­ma­tisch-Na­tur­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät: vier; Land­wirt­schaft­li­che und Evan­ge­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät je ei­nen). Da selbst­ver­ständ­lich nicht sämt­li­che in der NS-Zeit be­nach­tei­lig­te Stu­die­ren­de nach dem En­de des Re­gimes ihr Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät wie­der­auf­nah­men, kommt die­sen An­ga­ben je­doch kaum sta­tis­ti­sche Be­deu­tung zu.

Be­kannt ist dar­über hin­aus, dass im Som­mer 1944 an der ge­sam­ten Uni­ver­si­tät noch ein weib­li­cher „Misch­ling II. Gra­de­s“ stu­dier­te. Für „Misch­lin­ge I. Gra­de­s“ mel­de­te die Bon­ner Uni­ver­si­tät Fehl­an­zei­ge. Mit Aus­nah­me von Ber­lin, Wien und Hei­del­berg lag die Zahl der von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als jü­di­sche Misch­lin­ge an­ge­se­he­nen Stu­die­ren­den in den deut­schen Uni­ver­si­täts­städ­ten bei null oder im ein­stel­li­gen Be­reich.

Auch die­se Zah­len deu­ten an, dass ein Gro­ß­teil der Stu­die­ren­den über den Grad des En­ga­ge­ments für den „neu­en Staa­t“ nach­dach­te, wäh­rend ei­ne aus­ge­grenz­te Min­der­heit um ihr Recht auf Bil­dung kämpf­te. Das am 25.4.1933 er­las­se­ne „Ge­setz ge­gen die Über­fül­lung der deut­schen Hoch­schu­len“ soll­te ur­sprüng­lich „Ge­setz ge­gen die Über­frem­dung deut­scher Schu­len und Hoch­schu­len“ hei­ßen. Es ver­bot nicht grund­sätz­lich das Stu­di­um von Ju­den und Aus­län­dern, der An­teil jü­di­scher Stu­die­ren­der wur­de je­doch auf ma­xi­mal 1,5 Pro­zent fest­ge­setzt. Trotz Angst und Schi­ka­nen leg­ten noch bis 1938 Ju­den Ex­ami­na ab. Gleich­zei­tig ar­bei­te­te ei­ne ge­ra­de pro­mo­vier­te Bon­ner Me­di­zi­ne­rin wie die spä­te­re Ärz­tin Her­ta Ober­heu­ser (1911–1978), die an Men­schen­ver­su­chen im KZ Ra­vens­brück be­tei­ligt war, an ih­rer Par­tei­kar­rie­re in­ner­halb der NS­DAP.

6. Verweigerung und Entzug des Doktorgrads

Bis 1938 wa­ren noch Pro­mo­tio­nen von als „Nich­ta­ri­ern“ klas­si­fi­zier­ten Stu­die­ren­den der Me­di­zin und Zahn­me­di­zin mög­lich. An­hand der Pro­mo­ti­ons­al­ben konn­ten 39 der­ar­ti­ge Fäl­le er­mit­telt wer­den, 22 bei den Me­di­zi­nern, 15 bei den Zahn­me­di­zi­nern. Die Be­trof­fe­nen er­hiel­ten das „Dok­tor­di­plom“ erst, wenn sie auf ih­re Ap­pro­ba­ti­on ver­zich­te­ten oder die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit auf­ga­ben und min­des­tens ein Jahr im Aus­land leb­ten. Wer ei­ne Er­laub­nis „zur ärzt­li­chen Be­hand­lung von Ju­den“ er­hielt, durf­te den Dok­tor­ti­tel nicht tra­gen. Auch durf­ten kei­ne Er­kennt­nis­se über po­li­tisch un­lieb­sa­me Ak­ti­vi­tä­ten vor­lie­gen. Über je­den Ein­zel­fall ent­schied das Ber­li­ner Er­zie­hungs­mi­nis­te­ri­um. Die Uni­ver­si­tät hat­te ei­nen stan­dar­di­sier­ten An­trag ein­zu­rei­chen, in dem ge­mein­hin nur die Na­men und Da­ten ver­än­dert wur­den.

Ob­wohl Fäl­le do­ku­men­tiert sind, in de­nen das Er­su­chen der Fa­kul­tät er­folg­reich war, konn­ten sich die zu Bitt­stel­lern de­gra­dier­ten jü­di­schen Stu­den­ten und Pro­mo­ven­den kei­nes­wegs ei­nes po­si­ti­ven Be­scheids si­cher sein. 1939 ver­schärf­te sich die Si­tua­ti­on. Auch Ju­den, bei de­nen selbst die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten kei­ne mar­xis­ti­sche oder kom­mu­nis­ti­sche Be­tä­ti­gung ver­mu­te­ten, wur­de nun der Dok­tor­ti­tel ver­wei­gert. Dar­auf­hin er­wo­gen De­kan Ha­rald Sieb­ke (1899–1964) und Rek­tor Karl Schmidt (1899–1980), künf­tig auf ei­ne An­fra­ge in Ber­lin zu ver­zich­ten. An­lass bot der Fall Eli­sa­beth Men­dels­sohn, ge­bo­re­ne Mey­er. Sie hat­te be­reits 1934 sämt­li­che Be­din­gun­gen für die Pro­mo­ti­on er­füllt, galt nicht als Kom­mu­nis­tin, ver­zich­te­te auf ei­ne Be­stal­lung in Deutsch­land und leg­te so­gar ei­nen Brief des Beek­man Street Hos­pi­tals in New York vor, das ih­re An­stel­lung in Aus­sicht stell­te. Nach den klä­ren­den Er­mitt­lun­gen im Vor­feld schrieb De­kan Sieb­ke am 22.6.1939 an den Reich­ser­zie­hungs­mi­nis­ter den üb­li­chen Form­brief mit der An­fra­ge, „ob Frau Men­dels­sohn das Dok­tor-Di­plom aus­ge­hän­digt wer­den dar­f“. Im Sin­ne sei­nes Schrei­bens an den De­kan füg­te er den fol­gen­den un­ge­wöhn­li­chen Ab­satz an: „Zu­gleich bit­te ich den Herrn Mi­nis­ter um Mit­tei­lung, ob es über­haupt noch Sinn hat, an­zu­fra­gen, ob Ju­den das Dok­tor-Di­plom aus­ge­hän­digt wer­den darf. Die bei­den letz­ten An­fra­gen der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät sind ab­schlä­gig be­schie­den wor­den. Ich hal­te es für mög­lich, dass grund­sätz­lich der Dok­tor-Ti­tel Ju­den nicht mehr ver­lie­hen wird und wür­de dem­entspre­chend bei Aus­sichts­lo­sig­keit von vorn­her­ein den Be­wer­bern ent­spre­chen­de Mit­tei­lung ma­chen." Ei­ne Ant­wort des Mi­nis­te­ri­ums ist nicht über­lie­fert. Da die Na­men "Eli­sa­beth Mey­er" und "Eli­sa­beth Men­dels­sohn" im Pro­mo­ti­ons­al­bum nicht ge­nannt wer­den, ist auch die­ser Ärz­tin das Dok­tor­di­plom wohl ver­wehrt ge­blie­ben, ob­wohl sie die er­for­der­li­chen Leis­tun­gen er­bracht hat­te.

Si­cher weiß man von 47 Dok­tor­grad­ver­wei­ge­run­gen oder -ent­zie­hun­gen von 1937 bis 1942. Ei­ni­ge da­von wä­ren mög­li­cher­wei­se auch un­ter rechts­staat­li­chen Ver­hält­nis­sen er­folgt, weil sie auf Ver­ur­tei­lun­gen we­gen il­le­ga­ler Ab­trei­bung oder Sitt­lich­keits­ver­bre­chen be­ruh­ten. Die meis­ten aber sind ein­deu­tig auf das NS-Un­recht zu­rück­zu­füh­ren. Of­fi­zi­ell wur­den als Grün­de für die De­pro­mo­tio­nen viel­fach die Ju­den be­tref­fen­de Ab­er­ken­nung der Staats­bür­ger­schaft oder – bei der Pla­nung ei­ner Flucht ins Aus­land de fac­to un­ver­meid­li­chen – De­vi­sen­ver­ge­hen ge­nannt. Auch ver­meint­li­che „Ver­bre­chen“ wie das Hö­ren aus­län­di­scher Sen­der oder das Un­ter­hal­ten von Be­zie­hun­gen zu Ju­den fin­den sich un­ter den Grün­den für Dok­tor­gra­d­ent­zie­hun­gen.

7. Der Austausch von Schwestern

Blickt man vom Lehr­be­trieb in die kli­ni­sche Pra­xis, so fal­len auch hier ein­schnei­den­de Ver­än­de­run­gen auf. In den Bon­ner Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken nah­men die kon­fes­si­ons­ge­bun­de­nen, vor al­lem die ka­tho­li­schen Schwes­tern tra­di­ti­ons­ge­mäß ei­ne füh­ren­de Stel­lung bei der Be­treu­ung der Kran­ken ein. Me­di­zi­ni­sche (In­ne­re), Kin­der- und Oh­ren-Kli­nik wur­den von ka­tho­li­schen, die Chir­ur­gi­sche Kli­nik wur­de von evan­ge­li­schen Schwes­tern be­treut. Le­dig­lich die Schwes­tern­schaft von Au­gen- und Frau­en­kli­nik ge­hör­te zum welt­an­schau­lich for­mal un­ge­bun­de­nen Wies­ba­de­ner Mut­ter­haus vom Ro­ten Kreuz. Die­se Si­tua­ti­on ent­sprach nicht na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen. Durch ei­ne als „ver­trau­li­ch“ klas­si­fi­zier­te und mit dem Ver­merk „eilt sehr“ ver­se­he­ne Auf­for­de­rung der Ber­li­ner Haupt­ver­wal­tung des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes wur­den im Ja­nu­ar 1937 der Pro­vin­zi­al­ver­ein Rhein­pro­vinz des DRK und von dort aus der DRK-Zweig­ver­ein Bonn mit den Än­de­rungs­an­sin­nen be­fasst.

Wilhelm Ceelen, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Dass be­son­ders der kon­flikt­be­rei­te und gläu­bi­ge Ka­tho­lik, der Di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik, Paul Mar­ti­ni der Ent­wick­lung Ein­halt zu ge­bie­ten such­te, ver­wun­dert nicht. Nach­dem Mar­ti­ni of­fi­zi­ell Nach­richt von der be­ab­sich­tig­ten Ab­lö­sung der kon­fes­sio­nel­len durch Rot-Kreuz-Schwes­tern er­hal­ten hat­te, bat er um Aus­kunft, „ob es sich bei die­ser Maß­nah­me um ei­nen grund­sätz­li­chen Aus­tausch der kon­fes­sio­nel­len Schwes­tern an den preu­ßi­schen Kli­ni­ken han­delt, oder ob le­dig­lich ei­ne re­gio­nä­re Re­ge­lung im In­ter­es­se der Schwes­tern­schaft des deut­schen Ro­ten Kreu­zes vor­lieg­t“. Im ers­te­ren Fal­le müs­se er schwer­wie­gen­de Be­den­ken for­mu­lie­ren. Aus­führ­lich wür­dig­te er die Treue und Auf­op­fe­rungs­be­reit­schaft der bis­her an der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik tä­ti­gen Barm­her­zi­gen Schwes­tern vom hei­li­gen Karl Bor­ro­mä­us. Schon zu­vor hat­te Mar­ti­ni auf das Er­geb­nis ei­ner Prü­fungs­kom­mis­si­on hin­ge­wie­sen. Die­se hät­te fest­ge­stellt, „daß un­se­re Schwes­tern ei­ne sonst von ih­nen nir­gends fest­ge­stell­te Ar­beits­last tra­gen“. „Für je­den bil­lig Den­ken­den“ wä­re es „un­ver­ständ­lich, war­um die­sen Schwes­tern nach 50 Jah­ren op­fer­wil­li­ger Ar­beit so­gar oh­ne Ein­hal­tung der 1/2jäh­ri­gen Kün­di­gungs­frist ge­kün­digt wer­den soll­te“.

An­fang Mai 1937 traf die Ant­wort aus Ber­lin ein. Mar­ti­ni hielt nun die Be­stä­ti­gung in den Hän­den, dass „ei­ne ein­heit­li­che Aus­rich­tung der Schwes­tern-Or­ga­ni­sa­tio­nen bei den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken im gan­zen Reich un­ter be­son­de­rer Be­vor­zu­gung des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes in Aus­sicht ge­nom­men is­t“. Of­fen­bar oh­ne im Vor­feld Uni­ver­si­tät oder den Bor­ro­mäe­rin­nen­or­den zu in­for­mie­ren, hat­te sich die Zen­tral­ver­wal­tung des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes mit ei­nem zu­stän­di­gen Dom­ka­pi­tu­lar ver­stän­digt. Die Über­ein­kunft sah „ei­nen Aus­tausch zwi­schen den an der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik tä­ti­gen Bor­ro­mäe­rin­nen und den Schwes­tern des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes am Edu­ard­haus“ in Köln-Deutz vor. Mar­ti­ni hielt wei­te­rem Wi­der­spruch für sinn­los, gab nun aber je­des Pro­blem der Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung zur Kennt­nis. Zu die­sen zähl­te, dass die ka­tho­li­schen Schwes­tern auf vol­ler Ver­trags­er­fül­lung be­stan­den. Doch selbst Mar­ti­ni trat nun für ei­ne vor­zei­ti­ge Ab­lö­sung der Bor­ro­mäe­rin­nen ein – weil „de­ren Stim­mung ge­drückt sei“. Schlie­ß­lich ei­nig­te man sich auf den 1.8.1937 als Tag des Wech­sels, ei­nen Ter­min zwei Mo­na­te vor Ver­trags­ab­lauf. Doch da­mit be­gan­nen die Schwie­rig­kei­ten erst. An­ders als die Bor­ro­mäe­rin­nen ga­ben sich die Rot­kreuz­schwes­tern bei­spiels­wei­se nicht mit den ih­nen zur Ver­fü­gung ge­stell­ten äu­ßerst be­schei­de­nen Un­ter­künf­ten zu­frie­den. Im Som­mer 1941 sah sich das Ro­te Kreuz nicht mehr in der La­ge, ei­ne Di­ät­schwes­ter zu stel­len – und dies nach­dem 1940 die Diät­kü­chen in Chir­ur­gi­scher so­wie in Frau­en- und Haut­kli­nik zu­guns­ten ei­ner bei der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik an­ge­sie­del­ten zen­tra­len Diät­kü­che auf­ge­löst wor­den wa­ren. Es muss­te ei­ne hö­her be­zahl­te Di­ät­as­sis­ten­tin an­ge­stellt wer­den.

Paul Martini, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

8. Todesurteile vom Schreibtisch aus – Die „Euthanasie“-Professoren Pohlisch und Panse

Die Psych­ia­trie bot der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie ein be­son­ders wei­tes Ein­falls­tor. Die Erb­lich­keit von Geis­tes­krank­hei­ten und psy­chi­schen Stö­run­gen schien selbst man­chen Wis­sen­schaft­ler kei­nes Be­wei­ses mehr zu be­dür­fen. Erb­kran­ke wie­der­um soll­ten nach der NS-„Ras­sen­hy­gie­ne“ von der Zeu­gung aus­ge­schlos­sen oder so­gar ge­tö­tet wer­den. Ei­nes der grö­ß­ten Mas­sen­mord­pro­jek­te war die nach ih­rer Len­kungs­stät­te in der Ber­li­ner Tier­gar­ten­stra­ße 4 „Ak­ti­on T 4“ ge­nann­te Maß­nah­me. Ihr fie­len mehr als 70.000 Men­schen zum Op­fer. Über Le­ben und Tod ent­schie­den et­wa 40 Ärz­te, die Mel­de­bö­gen aus den Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten be­gut­ach­te­ten. „De fac­to war das wich­tigs­te Se­lek­ti­ons­kri­te­ri­um, ob der Kran­ke ar­beits­fä­hig war oder nich­t“ (Udo Ben­zen­hö­fer). Mit ei­nem Mel­de­bo­gen be­fass­ten sich drei Gut­ach­ter, die ein Plus­zei­chen für Tö­tung, ein Mi­nus­zei­chen für Ver­scho­nung und ein Fra­ge­zei­chen für of­fe­ne Fäl­le no­tier­ten. Die letz­te Ent­schei­dung lag bei ei­nem Ober­gut­ach­ter. Auf die­ser Ba­sis er­stell­te die Ge­mein­nüt­zi­ge Kran­ken-Trans­port-GmbH (Ge­krat) Trans­port­lis­ten. Die Ge­krat brach­te die Tod­ge­weih­ten aus den psych­ia­tri­schen An­stal­ten und Hei­men in eins der Ver­nich­tungs­zen­tren, al­so ent­we­der nach Gra­fen­eck (bei Reut­lin­gen, Ja­nu­ar bis De­zem­ber 1940), Bran­den­burg (Ja­nu­ar bis Sep­tem­ber 1940), Hart­heim (bei Linz/Ober­ös­ter­reich, ab Mai 1940), Son­nen­stein (bei Pir­na/Sach­sen, ab Ju­ni 1940), Ha­d­a­mar (an der Lahn, ab Ja­nu­ar 1941) oder Bern­burg (an der Saa­le, ab Sep­tem­ber 1940). Wa­ren die Be­trof­fe­nen in ei­ner der Ver­nich­tungs­an­stal­ten ein­ge­trof­fen, wur­den sie in der Re­gel so­fort in ei­nen ver­meint­li­chen Dusch­raum ge­führt und dort mit Koh­len­mon­oxyd ver­gif­tet.

Zwei der Gut­ach­ter die­ser reichs­wei­ten Ak­ti­on wa­ren Pro­fes­so­ren an der Bon­ner Psych­ia­tri­schen und Ner­ven­kli­nik, näm­lich de­ren Di­rek­tor Kurt Pohlisch und Fried­rich Pan­se (1899–1973). Pohlisch war vom 30.4.1940 bis zum 6.1.1941, Fried­rich Pan­se par­al­lel vom 14.4.1940 bis zum 16.12.1940 in die­ser Funk­ti­on tä­tig. In die­ser Zeit be­ar­bei­te­ten bei­de nach ei­ge­nen An­ga­ben et­wa 1.000 Mel­de­bö­gen aus schle­si­schen und ös­ter­rei­chi­schen An­stal­ten, Pohlisch bis zu 400, Pan­se et­wa 600. Pohlisch ge­lang­te nach ei­ge­nen An­ga­ben in 1 bis 2 Pro­zent der Fäl­le zu Tö­tungs­ent­schei­dun­gen. Tat­säch­lich lag die Quo­te hö­her. Selbst das Land­ge­richt Düs­sel­dorf ging trotz deut­lich skep­ti­sche­rer Schät­zun­gen der Staats­an­walt­schaft von zehn Tö­tungs­ent­schei­dun­gen Pohlischs und 15 Tö­tungs­ent­schei­dun­gen Pan­ses aus. Gleich­wohl ent­sprach die Gut­ach­ter­tä­tig­keit Pohlischs und Pan­ses nicht den Er­war­tun­gen der Ber­li­ner T 4-Zen­tra­le. Wahr­schein­lich des­halb wur­den bei­de zur Jah­res­wen­de 1940/1941 aus dem Kreis der 40 au­ßer­halb der sechs Tö­tungs­an­stal­ten tä­ti­gen T 4-Gut­ach­ter aus­ge­schlos­sen. Pohlisch und Pan­se ha­ben in Ge­richts­pro­zes­sen nach dem Krieg im­mer wie­der ihr ver­gleichs­wei­se ge­mä­ßig­tes Ver­hal­ten als T 4-Gut­ach­ter in den Vor­der­grund zu rü­cken ver­sucht. An ih­rer Tä­ter­schaft än­dert das nichts.

Kurt Pohlisch, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

9. Zwangssterilisationen

Di­rekt aus den Bon­ner Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken ge­lang­ten kei­ne Pa­ti­en­ten in die Tö­tungs­an­stal­ten der „Eu­tha­na­sie“-Ak­tio­nen. Vie­le der spä­ter Ge­tö­te­ten aber kann­ten die Frau­en­kli­nik oder die Chir­ur­gi­sche Kli­nik, weil sie in den 1930er Jah­ren dort zwangs­ste­ri­li­siert wor­den wa­ren und da­mit das ei­gent­li­che Ziel der NS-„Ras­sen­hy­gie­ne“, die Ver­hin­de­rung der Fort­pflan­zung von nicht dem NS-Ide­al ent­spre­chen­den Men­schen, be­reits er­reicht war.

Nach dem In­kraft­tre­ten des „Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ vom 14. 7.1933 wur­de zu­nächst die Frau­en­kli­nik zu ei­nem Haupt­schau­platz na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­bre­chen. Zahl­rei­che zur Ste­ri­li­sie­rung vor­ge­se­he­ne Frau­en ge­lang­ten in die Gy­nä­ko­lo­gie, oh­ne dass die Kli­nik dem neu­en Auf­ga­ben­feld ge­wach­sen ge­we­sen wä­re. In ei­nem von Wal­ter Haupt in Ver­tre­tung von Kli­nik­di­rek­tor Ot­to von Fran­qué (1867–1937 ver­fass­ten Schrei­ben wird dies do­ku­men­tiert. Haupt un­ter­strich die or­ga­ni­sa­to­ri­schen und per­so­nel­len Pro­ble­me, oh­ne die Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen grund­sätz­lich in Fra­ge zu stel­len: „Zur Durch­füh­rung des Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses ist [...] die Kli­nik jetzt be­stän­dig mit ei­ner An­zahl von Kran­ken be­legt, wel­che aus Ir­ren­an­stal­ten stam­men, de­ren Pfle­ge dem­entspre­chend mit be­son­de­ren Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den ist. Sie müs­sen ge­trennt von den an­dern [sic] Kran­ken lie­gen und be­dür­fen ei­ner ge­stei­ger­ten Auf­sicht, so­daß dau­ernd Aus­hilfs­pfle­ge­rin­nen ein­ge­stellt wer­den mü­ßen [sic]. [...] In­zwi­schen ist durch das Ste­ri­li­sa­ti­ons­ge­setz ei­ne be­trächt­li­che Ver­grös­se­rung des Kran­ken­diens­tes ein­ge­tre­ten, der die Ein­stel­lung ei­ner zwei­ten Schwes­ter nö­tig macht.“

Nach­dem die be­an­trag­te Per­so­nal­auf­sto­ckung ver­wehrt wor­den war, wand­te sich der schei­den­de Di­rek­tor Ot­to von Fran­qué selbst an die Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung. Aus sei­nem auf den 12.10.1934 da­tier­ten Brief geht klar her­vor, dass er sich der Di­men­si­on des neu­en Auf­ga­ben­be­reichs nach an­fäng­li­cher Fehl­ein­schät­zung be­wusst war. Fran­qué schrieb, „die Kli­ni­k“ sei „in ganz un­er­war­te­ter Wei­se mehr be­las­te­t“ wor­den: „Wir mu­ß­ten seit En­de Mai die­ses Jah­res bis jetzt 108 Ste­ri­li­sa­tio­nen aus­füh­ren“. 

Otto von Franqué, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Auch un­ter Fran­qués Nach­fol­ger Ha­rald Sieb­ke, der an­ders als Fran­qué Na­tio­nal­so­zia­list war, wur­den die Ste­ri­li­sie­run­gen den Ge­set­zen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land ge­mäß durch­ge­führt. In we­nigs­tens ei­nem Ein­zel­fall ver­stieß die an der Frau­en­kli­nik gän­gi­ge Pra­xis aber so­gar ge­gen NS-Ge­set­ze. So wur­de die Zwangs­ste­ri­li­sie­rung von Mäd­chen und jun­gen Frau­en, de­ren Va­ter ein fran­zö­si­scher oder ame­ri­ka­ni­scher Be­sat­zungs­sol­dat mit dunk­ler Haut­far­be ge­we­sen war, durch das „Ge­setz zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ vom 14.7.1933 nicht ge­stat­tet, auch nicht durch sei­ne Er­gän­zung vom 4.2.1936. Er­fasst wur­den Krank­hei­ten und Be­hin­de­run­gen, aber kei­ne „ras­si­schen“ Merk­ma­le. Nach den von Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor Ar­thur Gütt ent­wi­ckel­ten Vor­schlä­gen ver­zich­te­te man auf ei­ne schein­le­ga­le Ste­ri­li­sie­rung von dun­kel­häu­ti­gen Kin­dern. Die Ge­sta­po bil­de­te ei­ne „Son­der­kom­mis­si­on 3“, der drei Kom­mis­sio­nen, die über die Ste­ri­li­sie­rung im Ein­zel­fall zu ent­schei­den hat­ten, un­ter­stan­den. Die Kom­mis­si­on 3 war in Ko­blenz an­ge­sie­delt und lag Bon­n am nächs­ten. Die ge­sam­te Ak­ti­on soll­te ge­heim blei­ben, der not­wen­di­ge Schrift­ver­kehr per Ein­schrei­ben ab­ge­wi­ckelt wer­den. So ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sich auch die der Zwangs­ste­ri­li­sie­rung schul­dig ma­chen­den Ärz­te der Il­le­ga­li­tät ih­res Han­delns be­wusst wa­ren.

In den er­hal­ten ge­blie­be­nen Ak­ten des Reichs­mi­nis­te­ri­ums des In­nern fin­det sich der be­reits 1979 von Rei­ner Pom­me­rin do­ku­men­tier­te Fall der C. M. B. aus Ko­blenz. Die am 7.4.1922 in Ko­blenz ge­bo­re­ne B. war 15 Jah­re alt, als Ha­rald Sieb­ke sie im Ju­ni 1937 ope­rier­te. Mit ei­nem for­ma­li­sier­ten, von Sieb­ke per Hand selbst als „ge­heim“ klas­si­fi­zier­ten Schrei­ben teil­te er am 17.6.1937 der „Son­der­kom­mis­si­on III“ fol­gen­des mit: „Fräu­lein C[...] M[...] B[...], Ko­blenz [...] ist am 2. Ju­ni 1937 in die Uni­ver­si­täts-Frau­en­kli­nik in Bonn auf­ge­nom­men wor­den. Der Be­schluss der Un­frucht­bar­ma­chung hat mir vor­ge­le­gen. Bei der Ope­ra­ti­on wur­de ein Keil­aus­schnitt aus bei­den Ei­lei­tern vor­ge­nom­men, die Stümp­fe wur­den in ei­ne Ta­sche des Bauch­fells ver­senkt. Die Ope­ra­ti­on und die Hei­lung sind ganz glatt ver­lau­fen. Bei der Ent­las­sung war der Leib weich, nicht schmerz­haft, die Wun­de fest ver­heilt. Nach die­sem glat­ten Ver­lauf sind ir­gend­wel­che Ge­sund­heits­stö­run­gen nicht zu er­war­ten. Fräu­lein B[...] wur­de am 14. Ju­ni 1937 durch das Ju­gend­amt Ko­blenz ab­ge­holt. Prof. Dr. Sieb­ke.“ B. wur­de ope­riert, oh­ne dass sie krank ge­we­sen wä­re. Die Be­grün­dung der Ko­blen­zer Kom­mis­si­on III für die „Un­frucht­bar­ma­chun­g“ lau­te­te al­lein, B. sei „Ab­kömm­ling ei­nes An­ge­hö­ri­gen der far­bi­gen ehe­ma­li­gen Be­sat­zungs­trup­pen“ und wei­se „ein­deu­tig ent­spre­chen­de Merk­ma­le auf“. B. galt als „Rhein­land­bas­tar­d“ und fiel da­mit der ge­hei­men Son­der­ak­ti­on der Ge­sta­po zum Op­fer. B.’s Fall ist der ein­zi­ge, der mit der Uni­ver­si­tät Bonn in Zu­sam­men­hang ge­bracht wer­den konn­te, ob­wohl im Som­mer 1937, als die Ste­ri­li­sa­ti­on die­ser Per­so­nen­grup­pe reichs­weit er­folg­te, in Bonn noch zwei Ju­gend­li­che dunk­ler Haut­far­be re­gis­triert wa­ren. Ins­ge­samt wur­de die Zahl der Be­trof­fe­nen von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf 500-600 ge­schätzt. Wie vie­le von ih­nen ste­ri­li­siert wur­den, ist vor al­lem auf­grund der lü­cken­haf­ten Ak­ten­über­lie­fe­rung nicht si­cher fest­zu­stel­len

Harald Siebke, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Dass Ste­ri­li­sie­run­gen auf der Grund­la­ge des „Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ in Bonn vor­ge­nom­men wur­den, war da­ge­gen kein Ge­heim­nis und in Ge­set­zes­samm­lun­gen so­wie Ge­set­zes­kom­men­ta­ren nach­zu­le­sen. Im Ver­zeich­nis der „Kran­ken­an­stal­ten zur Durch­füh­rung des chir­ur­gi­schen Ein­griffs des Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ vom 16.10.1934 wur­de für Frau­en die Uni­ver­si­tät Bonn ge­nannt. Zur „Un­frucht­bar­ma­chung durch Strah­len­be­hand­lun­g“ wa­ren ge­mäß ei­ner Ver­ord­nung vom 25. Fe­bru­ar 1936“ zwei Bon­ner An­stal­ten be­rech­tigt: Rönt­gen- und Ra­di­um­be­strah­lun­gen durf­te ne­ben dem Rönt­gen­in­sti­tut der Chir­ur­gie nur die „Uni­ver­si­täts-Frau­en­kli­nik in Bon­n“ vor­neh­men. Am 30.9.1936 wur­de sämt­li­chen Fach­ärz­ten der Frau­en­kli­nik die Er­laub­nis „zur Un­frucht­bar­ma­chun­g“ er­teilt.

Ein­zel­fäl­le sind durch­aus gut do­ku­men­tiert. Bet­ti­na Bab (ge­bo­ren 1959) hat das Schick­sal ei­ner 24-jäh­ri­gen Kon­to­ris­tin nach­ge­zeich­net, die nach ei­nem Streit mit ih­rem Ar­beit­ge­ber in die Pro­vin­zi­al­an­stalt ein­ge­wie­sen wur­de und kei­ne zwei Wo­chen spä­ter den Ste­ri­li­sie­rungs­be­schluss in Hän­den hielt. Zwei Jah­re spä­ter wur­de sie nach Ein­spruch und trotz ei­nes her­vor­ra­gen­den Zeug­nis­ses ih­res neu­en Ar­beit­ge­bers in der Frau­en­kli­nik zwangs­wei­se ste­ri­li­siert.

In den von der Hei­l­erzie­hungs- und Pfle­ge-An­stalt Scheu­ern bei Nas­sau an­ge­leg­ten Ak­te über die 1921 ge­bo­re­ne Hil­de­gard H. un­ter dem Pa­ti­en­ten­be­richt vom 6.11.1936 fin­det sich ein Post­scrip­tum: „Die Ste­ri­li­sie­rung er­folg­te in der Zeit vom 16. bis 28.11.36 in der Univ. Frau­en­kli­nik, Bon­n“. Ver­an­lasst hat­ten die Ste­ri­li­sie­rung die Ver­ant­wort­li­chen der „Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al-Kin­der­an­stalt für see­lisch Ab­nor­me“ in Bonn. In dem vom lei­ten­den Arzt Aloys Schmitz und der Sta­ti­ons­ärz­tin Schmitz-Lück­gen ab­ge­zeich­ne­ten Pa­ti­en­ten­be­richt hei­ßt es, Hil­de­gard H. lei­de „an ei­nem Schwach­sinn mitt­le­ren Gra­des, auf Grund des­sen die Ste­ri­li­sie­rung be­schlos­sen wur­de“. Hil­de­gard H.’s Lei­dens­weg führ­te sie zu­letzt von Scheu­ern nach Ha­d­a­mar, wo sie am 28.2.1943 ge­tö­tet wur­de. Ähn­lich ver­fuhr man 1936 und 1943/1944 mit we­nigs­tens zwei wei­te­ren Frau­en: He­le­ne S. und Mar­ga­re­te S. , die 1935 ste­ri­li­siert und 1942 ge­tö­tet wur­den. Ger­trud N. und Ka­tha­ri­na T. wur­den 1935 ste­ri­li­siert und 1943 ge­tö­tet. Wil­hel­mi­ne H. wur­de 1937 ste­ri­li­siert und 1945 ge­tö­tet wur­de Di­na S. Be­reits in der Bon­ner Uni­ver­si­täts­frau­en­kli­nik starb am 12.11.1934 sie­ben Ta­ge nach ih­rer ope­ra­ti­ven Ste­ri­li­sa­ti­on ei­ne na­ment­lich be­kann­te 23-jäh­ri­ge Epi­lep­sie­kran­ke.

Reichsgesetzblatt vom 25.7.1933 mit der Verkündung des 'Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses'.

 

Die Uni­ver­si­täts­frau­en­kli­nik war so­mit an der oft jah­re­lan­gen Tor­tur von Geis­tes­kran­ken be­tei­ligt. Wenn in der Pro­vin­zi­al-An­stalt die Ste­ri­li­sie­rung von Pa­ti­en­tin­nen an­ge­ord­net wur­de, ge­schah die­se in der Re­gel in der Frau­en­kli­nik. Die Aus­wer­tung von 176 Da­ten­sät­zen über Pa­ti­en­ten, die sich we­nigs­tens ein­mal in ei­ner Bon­ner An­stalt oder Kli­nik be­fun­den ha­ben und in der Tö­tungs­an­stalt Ha­d­a­mar star­ben (das hei­ßt in fast al­len Fäl­len: er­mor­det wur­den), hat er­ge­ben, dass von die­sen 176 Per­so­nen min­des­tens zehn Per­so­nen in Bonn, höchst­wahr­schein­lich in den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken ste­ri­li­siert wor­den sind; bei acht die­ser zehn Per­so­nen kann die Frau­en­kli­nik als Ort der Ste­ri­li­sie­rung als si­cher an­ge­se­hen wer­den.

Im ein­schlä­gi­gen Rund­er­lass vom 16.10.1934 wur­de die Uni­ver­si­tät Bonn nur für chir­ur­gi­sche Ste­ri­li­sie­run­gen bei Frau­en er­wähnt. Das hei­ßt je­doch nicht, dass Ste­ri­li­sie­run­gen aus­schlie­ß­lich in der Frau­en­kli­nik und aus­schlie­ß­lich bei Frau­en vor­ge­nom­men wor­den wä­ren. Denn in der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung vom 25.2.1936 wur­de dem „Rönt­gen­in­sti­tut der Chir­ur­gi­schen Uni­ver­si­täts­kli­ni­k“ un­ter Ro­bert Jan­ker (1894-1964) die Ste­ri­li­sie­rung durch Rönt­gen- und Ra­di­um­be­strah­lung ge­neh­migt, die mit ei­nem er­höh­ten Krebs­ri­si­ko ver­bun­den ist.

Am 30.9.1936 er­hiel­ten sämt­li­che Fach­ärz­te der Chir­ur­gi­schen Kli­nik die Er­laub­nis „zur Un­frucht­bar­ma­chun­g“. In der Chir­ur­gi­schen Kli­nik er­folg­te die Ste­ri­li­sa­ti­on von Män­nern. De­ren Zahl lag mit „20–40 im Mo­na­t“ so hoch, dass der kei­nes­wegs NS-freund­li­che Kli­nik­di­rek­tor Erich von Red­witz (1883–1964) im Ja­nu­ar 1936 auch des­we­gen den De­kan auf sei­ne Per­so­nal­sor­gen hin­wies. Zu be­fürch­ten sei, dass nicht mehr ge­nü­gend Ope­ra­teu­re zur Ver­fü­gung stün­den.

Die Ge­samt­zahl der in Bonn ste­ri­li­sier­ten Frau­en und Män­ner konn­te nicht ge­klärt wer­den. An­ders als et­wa in Göt­tin­gen, Bre­men und Frei­burg sind wich­ti­ge Un­ter­la­gen ver­nich­tet wor­den. Si­cher aber ist, dass sich meh­re­re Hun­dert Men­schen der Ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen muss­ten, mög­li­cher­wei­se über 4.000. Die Kar­tei des ehe­ma­li­gen Erb­ge­sund­heits­ge­richts Bonn ver­zeich­net 4.430 von An­trä­gen auf Ste­ri­li­sie­rung Be­trof­fe­ne, 2.751 Män­ner und 1.679 Frau­en. Die Quo­te der tat­säch­lich durch­ge­führ­ten Ope­ra­tio­nen lag bei 90 Pro­zent. Die Bon­ner Pro­vin­zi­al- und Pfle­ge­an­stalt re­gis­trier­te bis Fe­bru­ar 1937 4.077 Pa­ti­en­ten, die sich ei­ner Ste­ri­li­sie­rung ha­ben un­ter­zie­hen müs­sen. Ei­ni­ge der ste­ri­li­sier­ten Pa­ti­en­ten wer­den bei ei­ner reichs­wei­ten To­des­ra­te, die mit zwi­schen 1 und 5 Pro­zent an­ge­ge­ben wird, ge­stor­ben sein. Für das ge­sam­te Deut­sche Reich geht man von et­wa 350.000 bis über 400.000 Ste­ri­li­sier­ten aus; die­se Zah­len be­deu­ten min­des­tens 3.500 To­te für das Reich und mög­li­cher­wei­se et­wa 40 für Bonn.

10. Zwangsabtreibungen

Dar­über hin­aus exis­tie­ren Hin­wei­se auf Zwangs­ab­trei­bun­gen an der Bon­ner Frau­en­kli­nik. Nach dem kriegs­be­ding­ten Um­zug ei­ner Ab­tei­lung der Frau­en­kli­nik in das Jo­han­ni­ter­kran­ken­haus En­de Ok­to­ber 1944 über­nahm de­ren Lei­tung der Ober­arzt Hans Rupp (ge­bo­ren 1900). Sei­ne da­ma­li­ge As­sis­ten­tin Il­se Wit­te gab nach dem Krie­ge zu Pro­to­koll, Rupp ha­be sich ge­gen „ei­ne An­ord­nung der da­ma­li­gen Lei­tung des Ge­sund­heits­am­tes und der Aerz­te­kam­mer“ ge­wehrt. Er sei auf­ge­for­dert wor­den, „bei Fremd­ar­bei­te­rin­nen, die da­mals in ei­nem Bon­ner La­ger sich be­fan­den, Schwan­ger­schafts­un­ter­bre­chun­gen aus ras­se­po­li­ti­schen Grün­den vor­zu­neh­men“. Die Er­klä­rung Wit­tes gibt zu er­ken­nen, dass Rupp sei­nen Wi­der­stand nicht auf­recht er­hielt. Wit­te schreibt näm­lich, Rupp ha­be die wie­der­hol­ten An­ord­nun­gen „zu­nächs­t“ mit der – un­rich­ti­gen – Be­grün­dung ab­ge­lehnt, es fehl­ten die Vor­aus­set­zun­gen. Nach dem En­de des NS-Re­gimes nahm auch der eins­ti­ge Kli­nik­di­rek­tor Sieb­ke zu den Vor­wür­fen Stel­lung. Wäh­rend die Ste­ri­li­sie­rungs­ver­bre­chen of­fen­bar auch bei den um Auf­klä­rung der Vor­gän­ge Be­müh­ten kei­ne Rol­le spiel­ten – sei es aus Un­kennt­nis, sei es aus man­geln­dem Be­wusst­sein für das Un­recht –, war Sieb­ke sehr wohl der Zwangs­ab­trei­bung be­schul­digt wor­den. Sieb­ke leug­ne­te. „Schwan­ger­schafts­un­ter­bre­chun­gen an aus­län­di­schen dienst­ver­pflich­te­ten Ar­bei­te­rin­nen sei­en in sei­ner Kli­nik nur auf ei­ge­nen Wunsch der Pa­ti­en­tin­nen vor­ge­nom­men wor­den“, er­klär­te er nach ei­nem Pro­to­koll des Bon­ner Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schus­ses. Dies ist an­zu­zwei­feln, doch kann der Ge­gen­be­weis nicht er­bracht wer­den. Sieb­kes „Auf­zeich­nun­gen über Pa­ti­en­ten, Schwan­ge­re, Neu­ge­bo­re­ne und Wöch­ne­rin­nen“ um­fass­ten „mehr als 20.000 Blät­ter“ und exis­tier­ten noch 1964, wur­den so­gar wis­sen­schaft­lich be­nutzt, spä­ter aber „ord­nungs­ge­mäß ent­sorg­t“ (Ha­rald Sieb­ke).

Seit der Än­de­rung des Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses vom 26.6.1935 be­stand im Deut­schen Reich de fac­to ei­ne Ab­trei­bungs­pflicht für ‚erb­kran­ke‘ Schwan­ge­re; sie führ­te reichs­weit zu min­des­tens 30.000 Ab­trei­bun­gen. Dass zu­min­dest in Ein­zel­fäl­len Zwangs­ab­trei­bun­gen und Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen zu­sam­men­ge­fal­len sind, konn­te für Bonn Bet­ti­na Bab als wahr­schein­lich dar­stel­len. In 17 der über 500 im Bon­ner Stadt­ar­chiv auf­be­wahr­ten Ste­ri­li­sa­ti­ons­ak­ten fan­den sich Hin­wei­se auf ei­ne Schwan­ger­schaft. Für sie­ben Fäl­le stell­te Bab fest, dass „die Un­frucht­bar­ma­chung erst län­ge­re Zeit nach dem Ste­ri­li­sa­ti­ons­be­schlu­ß“ statt­fand: „Das deu­tet dar­auf hin, das die Uni­ver­si­täts­kli­nik den Ein­griff erst nach der Ge­burt vor­nahm.“ Ins­be­son­de­re bei le­di­gen Frau­en aber dräng­te man – be­legt sind An­trä­ge der Amts­ärz­te Cro­me und Bas­ten – auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch.

11. Kriegsforschung

Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Staat ver­such­te trotz sei­ner grund­sätz­li­chen Vor­be­hal­te ge­gen die Welt des Geis­tes im­mer wie­der, sich die Er­kennt­nis­se uni­ver­si­tä­rer For­schung nutz­bar zu ma­chen. Kon­kre­te An­lie­gen ge­lang­ten zum Teil lan­ge vor dem Krieg per Er­lass aus dem Reich­ser­zie­hungs­mi­nis­te­ri­um an die Fa­kul­tä­ten. So er­reich­te die Bon­ner Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät am 18.9.1936 auf „An­re­gun­g“ von Reichs­luft­fahrt­mi­nis­ter Her­mann Gö­ring (1893–1946) das Er­su­chen, „von al­len Dok­tor­ar­bei­ten aus dem Ge­bie­te der Luft­fahrt (Luft­fahrt­tech­nik usw.), die seit dem 1. Ja­nu­ar 1936 er­schie­nen sind und künf­tig er­schei­nen wer­den, je 2 Stück an die Zen­tra­le für wis­sen­schaft­li­ches Be­richts­we­sen bei der Deut­schen Ver­suchs­an­stalt für Luft­fahrt in Ber­lin-Ad­lers­hof un­mit­tel­bar zu über­sen­den“.

Auch dem NS-Re­gime dis­tan­ziert ge­gen­über­ste­hen­de An­ge­hö­ri­ge der Bon­ner Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät wie der Di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik Paul Mar­ti­ni wa­ren in die „Kriegs­for­schun­g“ in­vol­viert. Mar­ti­ni lei­te­te „Un­ter­su­chun­gen auf dem Ge­biet der ge­werb­li­chen Me­tall­ver­gif­tun­gen und ähn­li­cher kriegs­be­ding­ter Be­rufs­schä­di­gun­gen“. Am 24.10.1939, al­so noch be­vor der Krieg im Wes­ten be­gann, sprach Mar­ti­ni von „der gro­ßen Nach­bar­schaft der med. Kli­nik Bonn zur West­fron­t“, die ei­ne „Mit­über­nah­me mi­li­tä­ri­scher Auf­ga­ben ne­ben den zi­vi­len oh­ne Schwie­rig­keit“ er­mög­li­che. Dies tat der Di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik an­ge­sichts der vor­über­ge­hen­den Ein­stel­lung des Lehr­be­triebs und ob­wohl die Ord­nung des Hee­res-Sa­ni­täts­we­sens ei­ne „Ein­schal­tung der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken in ih­ren Or­ga­nis­mus im Kriegs­fall nich­t“ vor­sah. Mar­ti­ni sah be­son­de­re For­schungs­mög­lich­kei­ten im Be­reich der Wehr­me­di­zin und hielt es des­halb für „not­wen­dig und rich­ti­g“, ei­nen „Teil der med. Kli­nik Bon­n“ zu ei­nem „La­za­ret­t“ zu er­klä­ren. Da nach den schon am 26.7.1939 er­las­se­nen „Richt­li­ni­en für die Wehr­me­di­zi­ni­schen Vor­le­sun­gen“ der­ar­ti­ge Lehr­ver­an­stal­tun­gen auch an der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik an­ge­bo­ten wer­den müss­ten, ha­be sich die­se „im W.S. of­fi­zi­ell als ‚Me­di­zi­ni­sche Kli­nik ein­schlie­ß­lich Wehr­me­di­zin‘ zu be­zeich­nen“. Die wehr­me­di­zi­ni­sche For­schung und Leh­re schien ihm in Bonn ei­ne gu­te Heim­statt zu fin­den, bli­cke man doch be­reits jetzt auf ei­ne „jah­re­lan­ge frucht­ba­re Zu­sam­men­ar­beit der Kli­ni­ken mit den zu ih­nen kom­man­dier­ten Sa­ni­täts­of­fi­zie­ren“ zu­rück.

Wie Mar­ti­ni war auch der Phy­sio­lo­gie Ul­rich Eb­be­cke (1883–1960) ein den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ab­leh­nen­der Me­di­zi­ner. Und doch war er wie kaum ei­ner sei­ner Bon­ner Kol­le­gen rüh­rig, wenn es um die Fi­nan­zie­rung von For­schungs­pro­jek­ten durch die öf­fent­li­che Hand ging. Wenn es in ei­ner wäh­rend der NS-Zeit an­ge­leg­ten Per­so­nal­k­ar­tei­kar­te über Eb­be­cke hei­ßt, zu sei­nen For­schun­gen zäh­le „zur Zeit“ die „Wir­kung ho­her Dru­cke“, wird man an die grau­sa­men Me­di­zin­ex­pe­ri­men­te im KZ Dach­au er­in­nert. Kein In­diz deu­tet auf von Eb­be­cke ver­ant­wor­te­te Men­schen­ver­su­che. Er wand­te sich je­doch ei­ner The­ma­tik zu, die für das NS-Re­gime höchs­te Prio­ri­tät be­saß. Das glei­che gilt für den In­ter­nis­ten Max Bür­ger (1889–1964), der im Früh­jahr 1935 ei­ne Un­ter­druck­kam­mer vom Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­ri­um zu über­neh­men hoff­te.

Zwei Mo­na­te nach Kriegs­be­ginn be­rei­te­te Eb­be­cke ein Ex­pe­ri­ment vor, das die Be­deu­tung ho­hen Drucks für die Kau­tschuk- und Kunst­stoff­her­stel­lung klä­ren soll­te. Auch ein drit­ter For­schungs­schwer­punkt Eb­be­ckes stand mit der Kriegs­füh­rung in Zu­sam­men­hang. Sein Vor­ha­ben, „bis­her un­ge­nutz­te tie­ri­sche Ab­fäl­le als Grund­la­ge für wich­ti­ge Kunst­stof­fe“ zu nut­zen, wur­de als „staats­wich­ti­g“ an­er­kannt und mit 2.000 RM ge­för­dert. Zu­vor hat­te Eb­be­cke aus Fi­brin ge­won­ne­nes Le­der pa­ten­tie­ren las­sen und de­ren Her­stel­lung in grö­ße­rem Um­fan­ge an­ge­regt. Da­bei be­ton­te Eb­be­cke, dass die­se Pro­duk­te, „ge­gen­wär­tig ei­ni­gen Dring­lich­keits­wer­t“ be­sä­ßen.

Der mit Ab­stand ak­tivs­te „Kriegs­for­scher“ in Bonn war der Phar­ma­ko­lo­ge Wer­ner Schu­le­mann (1888–1975), zu­mal sich auch die tro­pen­me­di­zi­ni­schen Ar­bei­ten sei­nes In­sti­tuts zur Kriegs­for­schung zäh­len las­sen. Mit sei­nem Dienst­an­tritt im Ok­to­ber 1937 wur­de er vom zu­stän­di­gen Re­fe­ren­ten Ser­gius Breu­er (ge­bo­ren 1887) ge­be­ten, der DFG „be­hilf­lich zu sein“. Von der Bon­ner Phar­ma­ko­lo­gie aus soll­ten deut­sche Me­di­zi­ner in die Tro­pen­in­sti­tu­te von Li­ver­pool, Lon­don und Ant­wer­pen ver­mit­telt wer­den, oh­ne dass ein tat­säch­lich vor­han­de­nes po­li­ti­sches In­ter­es­se er­kenn­bar wür­de. Durch den ihm vor­ge­tra­ge­nen Wunsch ge­stärkt, trat der oh­ne­hin selbst­be­wuss­te Schu­le­mann im No­vem­ber 1937 mit ei­nem For­de­rungs­ka­ta­log an den Reichs­for­schungs­rat her­an. Er er­klär­te sich be­reit, den „Neu­auf­bau der tro­pen­me­di­zi­ni­schen For­schun­g“ vor­an­zu­brin­gen. Als Mit­er­fin­der syn­the­ti­scher Ma­la­ri­a­mit­tel nann­te er die Ar­beits­ge­bie­te Ma­la­ria, Schlaf­krank­heit und Fi­la­ri­en­in­fek­ti­on.

Sein Ge­schick, die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on op­ti­mal zu nut­zen, be­wies Schu­le­mann bei Kriegs­aus­bruch ein wei­te­res Mal. Über den DFG-Re­fe­ren­ten Ser­gius Breu­er trat er mit dem Gift­gas­ex­per­ten der Wehr­macht, Ober­stabs­arzt Wolf­gang Wirth (1898–1996), von der Ber­li­ner Mi­li­tär­ärzt­li­chen Aka­de­mie in Kon­takt, die bald dar­auf ei­nen Gro­ß­teil von Schu­le­manns For­schun­gen för­der­te. Schu­le­manns Neu­aus­rich­tung des In­sti­tuts führ­te zu ei­ner kon­ti­nu­ier­li­chen Stei­ge­rung der Un­ter­stüt­zung durch die DFG. Ne­ben zahl­rei­chen Leih­ga­ben und kon­kret ge­bun­de­nen Sach­mit­teln er­hielt er von der DFG 1940 min­des­tens 9.400 RM, 1941 min­des­tens 17.500 RM und 1942 min­des­tens 24.000 RM. Für 1943 ist ei­ne Zah­lung von 15.000 RM be­leg­bar. Im Vor­der­grund stand da­bei die För­de­rung der For­schung an Tro­pen­krank­hei­ten (Ma­la­ria) und an­de­ren In­fek­ti­ons­krank­hei­ten (Strep­to­kok­ken). 1944 wur­den Schu­le­mann so­gar 25.000 RM zu­ge­wie­sen, wo­bei nun auch die „Läu­se­be­kämp­fung mit che­mi­schen Mit­teln zur Vor­beu­gung ge­gen Fleck­fie­ber“ aus­drück­lich als For­schungs­ge­gen­stand Er­wäh­nung fand.

Der For­schungs­schwer­punkt Läu­se­be­kämp­fung be­ruh­te auf ei­ner „An­re­gun­g“ aus dem Reichs­kom­mis­sa­ri­at für Ost­land, Ge­sund­heit und Volks­pfle­ge, den wirk­sa­men Be­stand­teil des rus­si­schen An­til­aus­mit­tels „K“ zu iso­lie­ren. Dies ge­lang Schu­le­mann ge­mein­sam mit ei­nem DFG-Sti­pen­dia­ten na­mens Sau­re, so dass ei­ne „na­he ver­wand­te Ver­bin­dun­g“ syn­the­ti­siert wer­den konn­te, „die stär­ker in­sek­ti­cid wirkt als die im rus­si­schen Pro­dukt ent­hal­te­ne Ver­bin­dun­g“. Im Mai 1942 er­stat­te­te Schu­le­mann­dem Ober­kom­man­do der Wehr­macht aus­führ­lich Be­richt.

Die Bon­ner Kriegs­for­schung ins­ge­samt spiel­te ei­ne nach­ran­gi­ge Rol­le. 1944 fin­det sich un­ter den 34 vom Reichs­for­schungs­rat in der Fachs­par­te Me­di­zin ge­för­der­ten Pro­jek­ten kein ein­zi­ges aus Bonn.

Die Bonner Universitäts-Frauenklinik mit Direktorhaus in der Theaterstraße, 1930er Jahre. (Universitätsarchiv Bonn)

 

12. Die Leichen von NS-Opfern im Anatomischen Institut

Die Bon­ner Ana­to­mie ist ein Bei­spiel für po­li­ti­sche Zu­rück­hal­tung ei­ner­seits und ak­ti­vem Be­mü­hen um wis­sen­schaft­li­che Nut­zung der dik­ta­to­ri­schen Ver­hält­nis­se an­de­rer­seits. Phil­ipp Stöhr, als In­sti­tuts­di­rek­tor seit 1935 Nach­fol­ger des hoch an­ge­se­he­nen Jo­han­nes So­bot­ta, dis­tan­zier­te sich von „dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­fal­le­nen Kol­le­gen“ und hat seit 1934 aus po­li­ti­schen Grün­den nicht mehr an den Ta­gun­gen sei­ner Fach­ge­sell­schaft teil­ge­nom­men. Den­noch wur­de das Bon­ner Ana­to­mi­sche In­sti­tut Pro­fi­teur der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen. In gro­ßer Zahl ge­lang­ten hier­her die Lei­chen von Exe­ku­ti­ons­op­fern, die in der Fol­ge wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken dien­ten. In ers­ter Li­nie wur­den die Lei­chen in der Leh­re ver­wandt, sie dien­ten aber auch der For­schung. Al­lein Phil­ipp Stöhr hat in der „Zeit­schrift für Zell­for­schun­g“ 1943 die Ver­wen­dung von 19 Lei­chen Hin­ge­rich­te­ter im Al­ter zwi­schen 17 ½ und 70 Jah­ren er­wähnt.

Am 6.10.1933 re­gel­te der Preu­ßi­sche Mi­nis­ter für Wis­sen­schaft, Kunst und Volks­bil­dung in ei­nem Er­lass ein­deu­tig, dass „die Lei­chen der im Ge­bie­te des Preu­ßi­schen Staa­tes hin­ge­rich­te­ten Per­so­nen [...] künf­tig wie­der dem Ana­to­mi­schen In­sti­tut der je­weils nächst­ge­le­ge­nen preu­ßi­schen Uni­ver­si­tät zum Zwe­cke der wis­sen­schaft­li­chen For­schung und des Un­ter­richts über­las­sen wer­den“. Hat­te es zu­vor durch­aus Un­stim­mig­kei­ten über die Zu­tei­lung von Lei­chen ge­ge­ben, so wur­de nun fest­ge­setzt, „daß die Lei­chen Hin­ge­rich­te­ter – so­weit sie nicht von den An­ge­hö­ri­gen in An­spruch ge­nom­men wer­den – [...] aus den Land­ge­richts­be­zir­ken Aa­chen, Bonn, Ko­blenz und Trier dem Ana­to­mi­schen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Bonn [...] zu­fal­len“. Frei­lich war In­sti­tuts­di­rek­tor So­bot­ta mit die­ser Re­ge­lung kei­nes­wegs ein­ver­stan­den, sah er doch die Uni­ver­si­tät Bonn be­nach­tei­ligt, ins­be­son­de­re ge­gen­über der Nach­bar­uni­ver­si­tät Köln. So­bot­ta for­der­te, zu Guns­ten von Bonn dem Ana­to­mi­schen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Köln die Land­ge­richts­be­zir­ke Düs­sel­dorf un­d Wup­per­tal ab­zu­er­ken­nen. Schlie­ß­lich ge­be es in Bonn dop­pelt so vie­le Me­di­zin­stu­den­ten wie in Köln, be­sit­ze Bonn nach Ber­lin und Mün­chen das dritt­grö­ß­te Ana­to­mi­sche In­sti­tut, ha­be aber Land­ge­richts­be­zir­ke zu­ge­wie­sen er­hal­ten, in de­nen „kein ein­zi­ges To­des­ur­teil ge­fällt wor­den“ sei, wäh­rend im Köl­ner Be­reich „z. Z. bis heu­te rund 20 noch nicht voll­streck­te To­des­ur­tei­le ge­fäll­t“ wor­den sei­en. So­bot­ta schloss sein Schrei­ben an den Uni­ver­si­täts­ku­ra­tor vom 21.10.1933 mit den fol­gen­den Sät­zen: „Ich bit­te da­her [...] dring­lichst, im In­ter­es­se der Uni­ver­si­tät Bonn, der ei­ne gar­nicht [sic] wie­der gut­zu­ma­chen­de Schä­di­gung droht, ge­gen die Ver­tei­lung der Lei­chen Hin­ge­rich­te­ter, wie sie die oben aus­ge­führ­te Mi­nis­te­ri­al­ver­fü­gung vor­nimmt, ganz en­er­gisch un­ter den von mir an­ge­ge­be­nen Grün­den Pro­test ein­zu­le­gen. Gleich­zei­tig bit­te ich, da vol­le drei Wo­chen ver­flos­sen sind, ehe die ge­nann­te Ver­fü­gung hier be­kannt wur­de, die­ses mit mög­lichs­te[r] Be­schleu­ni­gung tun zu wol­len, da be­reits in den al­ler­nächs­ten Wo­chen (zum Teil so­gar Ta­gen) na­he­zu 290 To­des­ur­tei­le in der Rhein­pro­vinz (nördl. Teil) voll­streckt wer­den.“

Johannes Sobotta, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Die Di­men­si­on des NS-Un­rechts scheint So­bot­ta zu­nächst nicht er­kannt zu ha­ben. Denn dass auch in den Bonn zu­ge­spro­che­nen Ge­richts­be­zir­ken bald To­des­ur­tei­le ge­fällt wer­den wür­den, ließ das Er­zie­hungs­mi­nis­te­ri­um in kaum ver­hüll­ter Form mit­tei­len, als es So­bot­tas über den Ku­ra­tor ihm mit­ge­teil­tes An­sin­nen am 6.11.1933 ab­lehn­te: „Die Neu­ord­nung wird im Zu­sam­men­hang mit der jetzt ein­ge­tre­te­nen Ver­schär­fung des Straf­voll­zugs hin­sicht­lich der Vol[l]stre­ckung von To­des­ur­tei­len auch für das Ana­to­mi­sche In­sti­tut der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät ei­nen stär­ke­ren Lei­chen­an­fall als bis­her zur Fol­ge ha­ben.“ So­bot­ta hat dar­auf­hin of­fen­bar kei­ne wei­te­ren Schrit­te un­ter­nom­men.

Im Fe­bru­ar 1939 wur­den die Ein­zugs­be­rei­che der Ana­to­mi­schen In­sti­tu­te neu zu­ge­schnit­ten. In ei­nem Er­lass hieß es nun, „die Lei­chen Hin­ge­rich­te­ter“ sei­en, so­fern sie „von den An­ge­hö­ri­gen“ nicht „in An­spruch ge­nom­men“ wür­den, „von der Straf­an­stalt Köln den Ana­to­mi­schen In­sti­tu­ten der Uni­ver­si­tä­ten Bonn, Müns­ter und Köln“ zur Ver­fü­gung zu stel­len. Da­mit wur­de der Tat­sa­che Rech­nung ge­tra­gen, dass Hin­rich­tun­gen von auf dem Ge­richts­we­ge zum To­de Ver­ur­teil­ten nur noch in aus­ge­wähl­ten Straf­an­stal­ten statt­fin­den soll­ten, näm­lich in Ber­lin-Plöt­zen­see, Bres­lau, Dres­den, Frank­furt am Main, Ham­burg, Kö­nigs­berg, Mün­chen-Sta­del­heim, Stutt­gart, Wei­mar, Wol­fen­büt­tel, Wien und Köln.

Im Mai 1944 än­der­te sich das Ver­fah­ren er­neut. Hat­te bis zu die­sem Zeit­punkt das Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in sei­nem je­wei­li­gen „Voll­stre­ckungs­auf­tra­g“ be­stimmt, wel­chem ana­to­mi­schen In­sti­tut die Lei­che zu über­las­sen war, über­nah­men nun die Ge­ne­ral­staats­an­wäl­te die­se Auf­ga­be. Auch die Lis­te der „Voll­stre­ckungs­or­te“ wur­de auf 20 Städ­te er­wei­tert. Un­ter den neu­en Or­ten war die Un­ter­su­chungs­haft­an­stalt Dort­mund, de­ren Zu­stän­dig­keits­be­reich das Ober­lan­des­ge­richt Hamm so­wie die Land­ge­rich­te Au­rich, Det­mold und Os­na­brück um­fass­te. Bonn blieb der „Voll­stre­ckungs­be­hör­de“ Ober­lan­des­ge­richt Köln zu­ge­ord­net. Der „Voll­stre­ckungs­ort Köln“ war wei­ter­hin nicht nur für das Ober­lan­des­ge­richt Köln, son­dern auch für das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf zu­stän­dig. Zu­dem saß in Köln ein Scharf­rich­ter, der von der Ober­staats­an­walt­schaft Köln an­ge­for­dert wur­de und für die Voll­stre­ckungs­or­te Dort­mund, Frank­furt am Main und Köln zu­stän­dig war. Des­halb wur­den dem Ana­to­mi­schen In­sti­tut nun auch Lei­chen von ein­zel­nen in Dort­mund hin­ge­rich­te­ten Op­fern an­ge­bo­ten.

Die Ri­va­li­tät zwi­schen dem Bon­ner und dem Köl­ner In­sti­tut wur­de er­neut deut­lich, nach­dem der Köl­ner Ge­ne­ral­staats­an­walt im Mai 1944 er­klärt hat­te, bei­de In­sti­tu­te „in glei­chem Um­fang zu be­rück­sich­ti­gen“. Phil­ipp Stöhr wies in sei­ner Stel­lung­nah­me wie einst So­bot­ta auf die hö­he­re Stu­den­ten­zahl in Bonn hin: „Das Ana­to­mi­sche In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Bonn wird z. Zt. von 750 Stu­die­ren­den be­sucht. Der Lei­chen­be­darf zu den ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­übun­gen wird so­mit ein ge­wal­ti­ger sein.“ Stöhr ver­hehl­te nicht, dass er auch ein per­sön­li­ches In­ter­es­se heg­te. Er be­ton­te, „dring­lichs­t“ be­nö­ti­ge er „das Ma­te­ri­al aus­ser für den Un­ter­richt, [sic] vor­nehm­lich zur Aus­füh­rung von [...] per­sön­lich ge­führ­ten wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­er­geb­nis­sen“, die er „so­bald als mög­lich zum Ab­schluss brin­gen“ moch­te. Doch Stöhr drang mit sei­nem Wunsch, die „Ver­tei­lung der Lei­chen von Hin­ge­rich­te­ten an die Ana­to­mi­schen In­sti­tu­te Köln und Bon­n“ nach ei­nem Mo­dus vor­zu­neh­men, der „aus der Ver­ha[e]lt­nis­zahl der vor­kli­ni­schen Me­di­zi­ner zu er­mit­teln wä­re“, nicht durch.

Das er­hal­ten ge­blie­be­ne Lei­chen­buch er­laubt die fol­gen­de Ge­samt­über­sicht über die an das Ana­to­mi­sche In­sti­tut Bonn ge­lang­ten Lei­chen.

Em­pa­thie für die hin­ge­rich­te­ten Op­fer und de­ren Hin­ter­blie­be­ne lie­ßen die In­sti­tuts­di­rek­to­ren nicht er­ken­nen. Dies gilt be­reits für den ers­ten Dop­pel­fall von 1933. Am 30.11.1933 wur­den im Köl­ner Ge­fäng­nis sechs Kom­mu­nis­ten hin­ge­rich­tet, dar­un­ter der 20-jäh­ri­ge Jo­sef Mo­ritz und der 24 Jah­re al­te Hein­rich Horsch. Die­se na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ge­walt­tat fand reichs­wei­te Be­ach­tung. Im würt­tem­ber­gi­schen Met­zin­gen ver­an­lass­te das Ge­sche­hen den ka­tho­li­schen Pfar­rer Alois Dan­gel­mai­er (1889–1968), „für die sechs in Köln hin­ge­rich­te­ten Kom­mu­nis­ten ei­ne hei­li­ge Mes­se“ zu le­sen und, wie es in ei­ner NS-Zei­tung hieß, wäh­rend der fol­gen­den Chris­ten­leh­re den Fall „in voll­kom­men ein­sei­ti­ger Wei­se“ mit Kin­dern zu er­ör­tern. In Bonn en­ga­gier­te sich Dan­gel­mai­ers Amts­bru­der Hein­rich Gert­ges (ge­bo­ren 1896). Schon am 5.12.1933 ging im Ana­to­mi­schen In­sti­tut ein Schrei­ben des ka­tho­li­schen Straf­an­stalts­pfar­rers ein, der die Zu­stim­mung zu ei­ner kirch­li­chen Be­er­di­gung er­teil­te und zu­gleich im Na­men von An­ge­hö­ri­gen dar­um bat, die „vor­schnel­l“ er­folg­te Frei­ga­be der Lei­chen rück­gän­gig zu ma­chen. Jo­han­nes So­bot­ta ant­wor­te­te um­ge­hend. Da­bei stell­te er sich auf ei­nen for­ma­len Rechts­stand­punkt und si­gna­li­sier­te nur ei­ne ge­rin­ge Be­reit­schaft zu Ent­ge­gen­kom­men. Die Lei­chen sei­en dem „wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­richt über­ge­ben wor­den“ und „ei­ne Ver­pflich­tung, die­se Lei­chen zu be­er­di­gen“, be­ste­he nicht. Nach Zah­lung von „meh­re­ren hun­dert Mark für Kon­ser­vie­rung, den Trans­port etc. der bei­den Lei­chen“ so­wie für Eins­ar­gung und Be­er­di­gung kön­ne er ei­ner Frei­ga­be den­noch zu­stim­men. Ei­nen vor­zei­ti­gen Ab­bruch der „wis­sen­schaft­li­che[n] Ver­wer­tung der Lei­chen“ lehn­te So­bot­ta ab. Die Be­er­di­gung müs­se aber auf je­den Fall in Bonn statt­fin­den, da es dem Ana­to­mi­schen In­sti­tut nicht er­laubt sei, „ei­ne Lei­che von hier [...] nach Köln zu schaf­fen“. Der im Ton recht bar­sche Brief ist das letz­te im Ana­to­mi­schen In­sti­tut zu die­sem Vor­gang er­hal­te­ne Schrift­stück. Aus dem Lei­chen­buch geht her­vor, dass die sterb­li­chen Über­res­te von Mo­ritz und Horsch auf dem Bon­ner Fried­hof bei­ge­setzt wor­den sind, was tat­säch­lich als ein Ent­ge­gen­kom­men zu wer­ten ist. In an­de­ren Fäl­len fand kei­ne Be­er­di­gung statt, selbst wenn kei­ne Prä­pa­rie­rung vor­ge­nom­men wor­den war.

Der für 1941 fest­zu­stel­len­de Zu­wachs an Hin­rich­tun­gen führ­te ver­bun­den mit Holz­knapp­heit zu ei­ner Las­ten­ver­tei­lung zu Un­guns­ten des Ana­to­mi­schen In­sti­tuts. Der Lei­ter des Ge­fäng­nis­ses Köln-Klin­gel­pütz ließ das Bon­ner Ana­to­mi­sche In­sti­tut am 10. 6.1941 wis­sen, dass es „in­fol­ge der ge­rin­gen Zu­tei­lung an Schnitt­holz [...] der An­stalt nicht mehr mög­li­ch“ sei, „Sär­ge für Hin­ge­rich­te­te zur Ver­fü­gung zu stel­len“. Man mö­ge „da­her da­für Sor­ge tra­gen, dass bei der Über­nah­me von Hin­ge­rich­te­ten recht­zei­tig, da­mit ist ge­meint vor der Hin­rich­tung, ein Trans­ports­arg zur Stel­le is­t“. Das Ana­to­mi­sche In­sti­tut ent­sprach den neu­en Be­din­gun­gen und wur­de von sich aus ak­tiv, als die zu­neh­men­den Luft­an­grif­fe ei­ne pünkt­li­che An­we­sen­heit der Bon­ner Ver­tre­ter wäh­rend der Hin­rich­tung ge­fähr­de­ten. Man wer­de künf­tig „ei­nen Re­ser­ves­arg dort sta­tio­nie­ren [...], da­mit auch bei ver­spä­te­ter An­kunft des Fah­rers […] die Lei­che ein­gesargt wer­den kan­n“.

Ge­gen Kriegs­en­de kam das an das Ana­to­mi­sche In­sti­tut ge­rich­te­te An­ge­bot, Lei­chen zu über­neh­men, de fac­to ei­ner Ver­pflich­tung gleich. An Lei­chen für Sek­ti­on oder Prä­pa­rie­rung be­stand kein Man­gel mehr. An­ders als noch in den 1930er Jah­ren war man nicht mehr an je­dem ver­füg­ba­ren Leich­nam in­ter­es­siert. Phil­ipp Stöhr sprach nun ge­gen­über der ver­mehrt ge­hei­me Hin­rich­tun­gen durch­füh­ren­den Ge­sta­po von Zeit- und Brenn­stoff­pro­ble­men, die es nur noch in ei­nem Um­kreis von et­wa 75 Ki­lo­me­tern er­laub­ten, Lei­chen ab­zu­ho­len. Als am 14.8.1942 oh­ne die Bei­la­ge von Tank­gut­schei­nen er­neut an­ge­fragt wur­de, ob man ei­ne Lei­che in Bad Kreuz­nach ab­ho­len kön­ne – Bad Kreuz­nach hat­te Stöhr als Bei­spiel für all­zu weit ent­fern­te Or­te an­ge­ge­ben – zeig­te Stöhr kein In­ter­es­se. Hin­ge­gen blie­ben die sel­te­nen weib­li­chen Lei­chen be­gehrt; um sie bat Stöhr auch noch 1943 aus­drück­lich.

13. Krieg

Seit der Macht­über­tra­gung an die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 wur­de die Leis­tungs­fä­hig­keit der Kli­ni­ken und In­sti­tu­te durch die zahl­rei­chen Wehr­übun­gen und Par­tei­schu­lun­gen der Mit­ar­bei­ter ein­ge­schränkt. Rasch wa­ren aus mehr oder we­ni­ger frei­wil­li­gen Ver­an­stal­tun­gen Zwangs­zu­sam­men­künf­te ge­wor­den. Ty­pisch ist ein Schrei­ben wie das fol­gen­de, mit dem die Uni­ver­si­täts­lei­tung An­fang 1934 Kla­ge im Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um führt: „Der Di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Univ. Kli­nik be­rich­tet mir, dass 2 sei­ner äl­tes­ten As­sis­ten­ten […] zu ei­nem 10­wö­chent­li­chen [für zehn­wö­chi­gen] Kurs in ein Ge­län­de­sport­la­ger ein­be­ru­fen wor­den sind. Er ha­be vor ei­ni­gen Wo­chen es für trag­bar er­klärt, daß auch wäh­rend des Se­mes­ters 1 As­sis­tent ein­be­ru­fen wird […]. Ein Aus­fall von 2 äl­te­ren As­sis­ten­ten wäh­rend des Se­mes­ters wer­de zu gro­ßen Nach­tei­len für die Ar­beit der Kli­nik füh­ren […] um so mehr, als die üb­rig­blei­ben­den 5 As­sis­ten­ten bzw. Ober­ärz­te sämt­lich durch Ver­pflich­tun­gen bei der S.A. [...] in An­spruch ge­nom­men sind.“ Mar­ti­nis Bit­te um ei­nen Ver­tre­ter wur­de nicht ent­spro­chen. Das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um ord­ne­te in­des an, dass die bei­den ein­be­ru­fe­nen As­sis­ten­ten ih­ren „Dienst im Ge­län­de­sport­la­ger nach­ein­an­der ab­leis­ten müss­ten. Das Pro­blem blieb über die Jah­re er­hal­ten. De­kan Sieb­ke be­klag­te En­de 1936 bei ei­nem Be­such im Ber­li­ner Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um die bei­na­he frist­lo­se Ein­be­ru­fung von As­sis­ten­ten aus Kli­ni­ken zu SS-Kur­sen. Für mi­li­tä­ri­sche Übun­gen muss­ten so­gar Ha­bi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren, zu de­nen für Be­am­te ei­ne Teil­nah­me an „Reichs­la­gern“ ge­hör­te, un­ter­bro­chen wer­den. Selbst der Di­rek­tor der Kin­der­kli­nik, Hans Knau­er, be­ton­te „als Na­tio­nal­so­zia­list und Sturm­bann­füh­rer des SA“ zwar sein „be­son­de­res In­ter­es­se an der welt­an­schau­li­chen Schu­lun­g“ sei­ner Mit­ar­bei­ter, bat aber um Ab­än­de­rung der kurz­fris­ti­gen Ein­be­ru­fungs­pra­xis oh­ne Rück­spra­che mit dem Ar­beit­ge­ber. Im kon­kre­ten Fall war der As­sis­tenz­arzt und SS-Un­ter­schar­füh­rer Ru­dolf Zel­ler über ei­nen ihm be­vor­ste­hen­den ein­wö­chi­gen Schu­lungs­kurs 48 Stun­den vor des­sen Be­ginn in­for­miert wor­den.

Zu den Schu­lungs­kur­sen ka­men die ört­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Kli­nik­ärz­te für na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen. So kün­dig­te die NS­DAP für ih­re HJ-„Ein­stel­lungs­un­ter­su­chun­gen des Jahr­gangs 1927“ an, mög­li­cher­wei­se für ei­nen Abend wö­chent­lich ei­nen Arzt der Chir­ur­gi­schen Kli­nik an­zu­for­dern. De­ren Di­rek­tor Red­witz er­klär­te sich zwar be­reit, „ver­suchs­wei­se [...] in der Zeit vom 1. April bis 1. Ok­to­ber“ je ei­nen Arzt „im­mer wie­der“ ab­zu­stel­len, mach­te aber ein­dring­lich auf die pro­ble­ma­ti­sche Per­so­nal­la­ge auf­merk­sam. Vor der Fa­kul­tät wur­de Red­witz 1937 deut­lich und hoff­te auf ei­ne ein­heit­li­che Li­nie: „So wie es jetzt ist, kann es nicht wei­ter ge­hen. Al­lein im Ju­li müs­sen wie­der 3 mei­ner Her­ren zu ei­ner Übung fort. Ich weiss wirk­lich nicht, wie ich die Dienstein­tei­lung vor­neh­men und die Kli­nik wei­ter­hin auf­recht er­hal­ten soll. Es muss ein­mal mit die­sen Dienst­leis­tun­gen Schluss ge­macht wer­den.“

Par­al­lel zu die­sen Ent­wick­lun­gen wur­de die Wehr­macht zu ei­nem at­trak­ti­ven Ar­beit­ge­ber für Ärz­te mit ra­schen Auf­stiegs­chan­cen, der man­ches For­scher­ta­lent von den Uni­ver­si­tä­ten ab­zog. Doch die Si­tua­ti­on in der Vor­kriegs­zeit war mil­de im Ver­gleich zu dem, was sich ab Sep­tem­ber 1939 an den Kli­ni­ken ab­spiel­te. De­kan Fried­rich Tie­mann er­klär­te dem Wis­sen­schafts­mi­nis­ter am 10.5.1940, das an­ge­kün­dig­te Ein­zie­hen wei­te­rer Ärz­te zur Wehr­macht so­wie die Ori­en­tie­rung an ei­nem Arzt-Pa­ti­en­ten-Ver­hält­nis von 1:100 ver­hin­de­re „ei­ne ein­wand­freie ärzt­li­che Ver­sor­gung der Be­völ­ke­run­g“. Tie­mann selbst wur­de ei­ne Un­ab­kömm­lich-Stel­lung ver­wei­gert, weil man ihn für die Flie­ger­un­ter­su­chungs­stel­le Bonn zu be­nö­ti­gen glaub­te. Er kön­ne, so wur­de ihm be­schie­den, sei­ne „Frei­zeit zur Mit­ar­beit an der Uni­ver­si­tät“ nut­zen. 1939/1940 war zu­dem der Di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik Paul Mar­ti­ni als Ober­stabs­arzt zeit­wei­lig zur Weh­macht ein­ge­zo­gen.

Nicht nur die ärzt­li­che Ver­sor­gung, auch die Leh­re wur­de mit Kriegs­be­ginn deut­lich re­du­ziert. Die Auf­recht­er­hal­tung des nur um ei­ni­ge Wo­chen ver­scho­be­nen Lehr­be­triebs stand nicht in Fra­ge, wenn es auch in den 1940 vor­ge­schrie­be­nen Tri­mes­tern zu Schwie­rig­kei­ten we­gen zeit­li­cher und räum­li­cher Über­schnei­dun­gen kam. Im Lau­fe des Krie­ges nahm die Zahl der Hoch­schul­leh­rer wie­der zu, oh­ne den Vor­kriegs­stand zu er­rei­chen. So­gar noch im Win­ter­se­mes­ter 1944/1945 führ­te die Me­di­zi­ni­sche als ein­zi­ge Fa­kul­tät den Lehr­be­trieb we­nigs­tens teil­wei­se fort. Ge­mein­hin war die Auf­nah­me ei­nes Me­di­zin­stu­di­ums durch kriegs­ver­wen­dungs­fä­hi­ge Män­ner in der spä­te­ren Pha­se des Krie­ges un­er­wünscht.

Be­reits in der An­fangs­pha­se des Krie­ges mach­ten sich die Pro­fes­so­ren Ge­dan­ken über die si­tua­ti­ons­be­dingt sin­ken­den Leis­tun­gen der Me­di­zin­stu­die­ren­den bei den Prü­fun­gen. Als kurz vor den Zer­stö­run­gen des ver­hee­ren­den Luft­an­griffs vom 18.10.1944 das Vor­le­sungs­ver­zeich­nis für das Win­ter­se­mes­ter 1944/1945 er­schien, konn­te man ihm ent­neh­men, dass von den 81 na­ment­lich ge­nann­ten Hoch­schul­leh­rern der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät nur 48 Lehr­ver­an­stal­tun­gen an­ge­kün­digt wur­den. Nach dem An­griff vom 28.12.1944 war die Si­tua­ti­on im Be­reich der Kli­ni­ken je­doch so an­ge­spannt, dass die Fa­kul­tät am 2.1.1945 be­schloss, den Vor­le­sungs­be­trieb ein­zu­stel­len. Ent­ge­gen den Vor­stel­lun­gen Hit­lers ver­focht die Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät kei­ne Po­li­tik der ver­brann­ten Er­de. Als sich die al­li­ier­ten Trup­pen Bonn nä­her­ten, ver­blieb die ge­sam­te Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät – im Ge­gen­satz zu den an­de­ren Fa­kul­tä­ten – auch for­mal in Bonn.

14. Opposition

Am 2.8.1933 ließ die Uni­ver­si­täts­lei­tung die Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät wis­sen, dass der Hit­ler­gruß nicht mehr aus­schlie­ß­lich als par­tei­in­ter­ne Ges­te zu be­trach­ten sei, son­dern zum Deut­schen Gruß ge­wor­den sei, des­sen sich al­le zu be­die­nen hät­ten, die „nicht in den Ver­dacht kom­men“ woll­ten, „sich be­wusst ab­leh­nend zu ver­hal­ten“. Je­der Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­ge war spä­tes­tens jetzt ge­zwun­gen, sich zum Re­gime zu be­ken­nen oder of­fen sei­ne Vor­be­hal­te er­ken­nen zu las­sen. Be­stre­bun­gen der Uni­ver­si­täts­lei­tung, die Hoch­schu­le dem to­ta­li­tä­ren An­spruch des NS-Re­gimes zu ent­zie­hen, spiel­ten seit dem Som­mer 1933 kei­ne Rol­le mehr. Nur nach Tag des Boy­kotts von Ju­den am 1.4.1933 war ei­ne sol­che Ten­denz zum Aus­druck ge­bracht wor­den. Da­mals hat­te sich Rek­tor Adolf Zy­cha (1871–1947) nach Stö­run­gen im Uni­ver­si­täts­be­trieb an die Po­li­zei ge­wandt.

Zahl­rei­che stu­den­ti­sche Grup­pen wur­den in den ers­ten Wo­chen der NS-Herr­schaft ver­bo­ten oder lös­ten sich an­ge­sichts des Drucks selbst auf. Op­po­si­tio­nel­le Stu­den­ten ver­ban­den sich nun im Un­ter­grund. Der So­zia­lis­ti­schen Ar­beits­ge­mein­schaft (SAG) mit ih­ren et­wa 30 Mit­glie­dern ge­hör­ten acht Me­di­zin­stu­den­ten an, dar­un­ter Al­fred Kan­to­ro­wiczs Toch­ter Thea. An der deut­lich ak­ti­ve­ren, im Mai 1934 ge­grün­de­ten „Grup­pe Uni­ver­si­tät der KPD“ („Grup­pe Mar­ko­v“) um den kom­mu­nis­ti­schen Schü­ler und As­sis­ten­ten des His­to­ri­kers Fritz Kern (1884–1950) Wal­ter Mar­kov hat­ten Me­di­zin­stu­den­ten wohl kei­nen ma­ß­geb­li­chen An­teil. Ähn­li­ches gilt für an­de­re be­kannt ge­wor­de­ne Wi­der­stands­krei­se im Bon­ner Raum.

Hin­ge­gen spiel­te in den Über­le­bens­kämp­fen des ka­tho­li­schen „Bun­des Neu­deutsch­lan­d“ (ND), des­sen Hoch­schul­grup­pe be­reits am 14.10.1933 ver­bo­ten wor­den war, ein Me­di­zin­stu­dent ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Dass die­ser den Spitz­na­men Mas­sa trug, kam ihm zu­gu­te, als die Ge­sta­po die von ihm ne­ben sei­nem Bon­ner Fähn­lein ge­führ­te Sieg­bur­ger ND-Grup­pe ver­hör­te. Wahr­heits­ge­mäß sag­ten die Sieg­bur­ger, der Ge­such­te hei­ße Mas­sa. Gleich­wohl ent­kam er sei­nen Ver­fol­gern nicht. Mas­sa, der als Me­di­zin­stu­dent den bür­ger­li­chen Na­men Franz Jo­sef Pe­ters (1914–1989) trug, wur­de un­ter Be­zug­nah­me auf das „Heim­tü­cke­ge­set­z“ vom 21.3.1933 im Herbst 1937 re­le­giert; das eben erst be­stan­de­ne Phy­sikum wur­de für nich­tig er­klärt. Nach­dem Pe­ters am 2.11.1937 zum Bon­ner In­fan­te­rie­re­gi­ment 77 ein­ge­zo­gen wor­den war, nahm sich das Di­vi­si­ons­ge­richt Köln sei­nes Fal­les an. Un­ter an­de­rem wur­de ihm vor­ge­wor­fen, Her­mann Gö­ring ei­nen kri­mi­nel­len „Säu­fer“ ge­nannt zu ha­ben. Zu­nächst zu sechs Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, wur­de die­se Stra­fe bald in ei­ne eben­so lan­ge Ge­fäng­nis­stra­fe und schlie­ß­lich – im Herbst 1939 – in ei­ne sechs­mo­na­ti­ge Ge­fäng­nis­stra­fe um­ge­wan­delt, de­ren Ver­bü­ßung bis nach Kriegs­en­de aus­ge­setzt wur­de.

Er­wäh­nung fin­den muss zu­de­m Wil­li Graf, der her­aus­ra­gen­de Ver­tre­ter der „Wei­ßen Ro­se“. Das in (Eus­kir­chen-)Ku­chen­heim ge­bo­re­ne Mit­glied des ND und des eben­falls ka­tho­li­schen „Grau­en Or­den­s“ be­gann 1937 in Bonn mit dem Me­di­zin­stu­di­um, das er bis zum Phy­sikum fort­set­zen konn­te. Erst An­fang 1940 wur­de er zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen, ob­wohl er be­reits zu­vor mit dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat in Kon­flikt ge­ra­ten war. Nur ei­ne Am­nes­tie nach der An­ne­xi­on Ös­ter­reichs führ­te zur Ein­stel­lung ei­nes Ver­fah­rens ge­gen Graf, das ge­gen ihn als Mit­glied des „Grau­en Or­den­s“ 1938 in Mann­heim ein­ge­lei­tet wor­den war. Nach­dem er von der Wehr­macht im April 1942 zum Stu­di­um frei­ge­stellt wor­den war, fand er dort Kon­takt zu Hans Scholl (1918–1943) und Alex­an­der Schmo­rell (1917–1943. Ge­mein­sam wur­den sie im Ju­li 1942 zu ei­ner drei­mo­na­ti­gen Fa­mu­la­tur nach Russ­land ein­be­ru­fen. Mit­te Ja­nu­ar 1943 war Graf an der For­mu­lie­rung des fünf­ten Flug­blatts der „Wei­ßen Ro­se“ be­tei­ligt und kam we­ni­ge Ta­ge spä­ter wäh­rend ei­ner Rei­se, die ihn vom 20. bis zum 24. Ja­nu­ar auch nach Köln, Saar­brü­cken, Frei­burg und Ulm führ­te, nach Bonn. Am 18.2.1943 wur­de er in Mün­chen ver­haf­tet, am 12.10.1943 in Mün­chen-Sta­del­heim hin­ge­rich­tet. Wie eng die Kon­tak­te Grafs zu Bon­ner Me­di­zin­stu­die­ren­den im Ja­nu­ar 1943 wa­ren, muss einst­wei­len of­fen blei­ben. Als ge­si­chert aber kann gel­ten, dass sei­ne Bon­ner An­sprech­part­ner Hein Ja­cobs und Karl Bi­sa von Flug­blatt­ak­tio­nen ab­rie­ten.

Me­di­zin­stu­die­ren­de wa­ren auch in die Aus­ein­an­der­set­zun­gen der im „Bon­ner Waf­fen­rin­g“ zu­sam­men­ge­fass­ten Bur­schen­schaf­ten und Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen mit der HJ in­vol­viert. Nach­dem die HJ Cou­leur tra­gen­de Stu­den­ten zu­vor im­mer wie­der at­ta­ckiert hat­te, es­ka­lier­te am 11.6.1934 auf dem Bon­ner Markt­platz ei­ne ge­mein­sa­me Kund­ge­bung von HJ und Waf­fen­ring. An­ders als von den Stu­den­ten er­war­tet, trug sie nicht zu ei­ner Be­ru­hi­gung der Ge­mü­ter bei: HJ-Ge­biets­füh­rer Wal­lasch be­schimpf­te die Far­ben­tra­gen­den in ei­ner Wei­se, die of­fen­bar sämt­li­che Stu­den­ten ge­schlos­sen vom Markt zie­hen ließ. Noch am sel­ben Tag kam es zu neu­en At­ta­cken ge­gen Stu­den­ten durch die HJ, die meh­re­re Ver­letz­te for­der­ten. An den Fol­ge­ta­gen tru­gen be­rech­tig­te Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren Cou­leur. Dies war auch ei­ne Re­ak­ti­on auf das vier­zehn­tä­gi­ge Far­ben­ver­bot, dass ge­gen die ka­tho­li­schen Kor­po­ra­tio­nen aus­ge­spro­chen wor­den war, die an der Fron­leich­nams­pro­zes­si­on teil­ge­nom­men hat­ten.

An­de­rer Art nicht­kon­for­men Ver­hal­tens an der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät war die ver­bo­te­ne ärzt­li­che Be­hand­lung von Ver­folg­ten des NS-Re­gimes. Dies ist für den Chir­ur­gen Ernst Der­ra (1901–1979) und den Au­gen­arzt Wolf­gang Riehm (1896–1971) be­legt, ob­wohl bei­de der NS­DAP an­ge­hör­ten. Die ver­bo­te­ne Be­hand­lung von Ju­den ist für meh­re­re Me­di­zi­ner be­legt, eben­so las­sen sich Kon­tak­te zu re­gime­kri­ti­schen Krei­sen nach­wei­sen. Ei­ne in­ne­re Re­sis­tenz aus Glau­bens­über­zeu­gun­gen und ei­nem hu­ma­nis­ti­schen Ver­ständ­nis der ärzt­li­chen Ver­ant­wor­tung be­geg­net im­mer wie­der. Den­noch sind kei­ne Ak­tio­nen von An­ge­hö­ri­gen der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät, ins­be­son­de­re nicht von Or­di­na­ri­en, be­kannt ge­wor­den, die es er­laub­ten, vor­be­halt­los von „Ärz­ten im Wi­der­stan­d“ zu spre­chen.

Quellen

  1. Uni­ver­si­täts­ar­chi­v  (UA) Bon­n 
  • Ku­ra­to­ri­um

  • Rek­to­rat

  • Me­di­zi­ni­sche ­Fa­kul­tät (MF)

  • Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung (UV)

  • Uni­ver­si­täts­rek­to­rat (UR)

  • Per­so­nal­ak­ten der Uni­ver­si­tät (PA)

  • Per­so­nal­ak­ten der Me­di­zi­ni­schen ­Fa­kul­tät (MF-PA)

  • NS-Do­zen­ten­bund

  • Pro­mo­ti­ons­al­bum

  1. Ar­chiv des Me­di­zin­his­to­ri­schen In­sti­tuts (MHI) der Uni­ver­si­tät Bonn
  • Nach­lass Paul Mar­ti­ni
  1. Stadt­ar­chiv (StA) Bonn
  • Pres­se­aus­schnitt­samm­lung

  • Ge­sund­heits­we­sen (Pr)

  • Ro­tes Kreuz (R.K.)

  • So­zi­al­we­sen (N)

- Le­se­ge­sell­schaf­t (Le­se)  

  • Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen des Bon­ner Arz­tes Dr. Kill, Ty­po­skrip­t    

  • Er­in­ne­run­gen des Bon­ner Arz­tes Dr. Sa­mu­el, Ty­po­skript

  • Ot­to Mey­er, Mei­ne Er­leb­nis­se in den Jah­ren 1933-1945, Ty­po­skript

  1. Ana­to­mi­sches In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Bon­n  
  • Lei­chen­buch

  • Ord­ner Nr. 117

  • Blau­er Schnell­hef­ter (Nach­kriegs­schrift­ver­kehr)

  1. Ar­chiv der Rhei­ni­schen Kli­ni­ken Bonn (ARK)
  • Per­so­nal­ak­ten

  • Ord­ner Uni­on

  1. Ar­chiv des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land Brau­wei­ler (AL­VR)
  • Per­so­nal­ak­ten (MF 14)
  1. Nord­rhein-West­fä­li­sches Haupt­staats­ar­chiv (HS­tA) Düs­sel­dorf (heu­te Lan­des­ar­chiv NRW Ab­tei­lung Rhein­land) - NW 2/25 (Hoch­schu­len)
  • NW 4 (Lan­des­sip­pen­amt)

  • NW 15 (Hoch­schu­len)

  • NW 25 (Hoch­schu­len)

  • NW 109

  • NW 174 (Son­der­ge­richts­ak­ten)

  • NW 181 (Hoch­schu­len)

  • NW 316 (For­schungs­för­de­rung)

  • NW 355 (Wis­sen­schaft)

  • NW 566

  • Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten 

  • Ge­sta­po-Find­bü­cher

  1. Ge­hei­mes Staats­ar­chiv Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz (GStA PK) Ber­lin
  • Preu­ßi­sches Mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, Kunst und Volks­bil­dung (I. HA, Rep. 76, V a <nw 5="">)

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Fors­bach, Ralf, „Eu­tha­na­sie" und Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen im Rhein­land (1933–1945), in: In­ter­net­por­tal Rhei­ni­sche Ge­schich­te. [On­line]

Zahl der an das Anatomische Institut der Universität Bonn gelangten Leichen in den Jahren 1930-1944.

 
Zitationshinweis

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Forsbach, Ralf, Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“ (1933–1945), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-medizinische-fakultaet-der-universitaet-bonn-im-dritten-reich-1933%25931945/DE-2086/lido/57d1331f846709.49045288 (20.09.2018)