Die Stadtverwaltung Koblenz im Nationalsozialismus

Petra Weiß (Koblenz)

Nach der Amtseinführung von Oberbürgermeister Otto Wittgen am 16.3.1933 auf dem Balkon des Rathauses. Von links nach rechts (über dem Teppich): Kreisleiter Albert Müller, Gauleiter Gustav Simon, Wittgen (über der Hakenkreuzfahne), die Kommissare Ludwig Christ und Oskar Peter Hildebrandt. (Stadtarchiv Koblenz)

1. Die Ausgangslage bis 1933

Drei Cha­rak­te­ris­ti­ka präg­ten Ko­blenz seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert: Es war ei­ne Be­am­ten-, Rent­ner- und Sol­da­ten­stadt. Als Sitz des Ober­prä­si­den­ten der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, des Re­gie­rungs­prä­si­den­ten des Re­gie­rungs­be­zirks Ko­blenz so­wie zahl­rei­cher wei­te­rer Jus­tiz- und Ver­wal­tungs­be­hör­den war die Stadt an Rhein und Mo­sel ei­ne aus­ge­spro­che­ne Be­am­ten­stadt. Ko­blenz war au­ßer­dem ei­ne der grö­ß­ten Gar­ni­son- und Fes­tungs­städ­te Preu­ßens, in der das Ge­ne­ral­kom­man­do des VIII. Ar­mee­korps so­wie vie­le an­de­re mi­li­tä­ri­sche Kom­man­dobe­hör­den an­säs­sig wa­ren. Bis zur Ent­fes­ti­gung 1890 hemm­ten die Fes­tungs­rayons nicht nur die Stadt­er­wei­te­rung und die Ein­woh­ner­ent­wick­lung, son­dern ver­hin­der­ten trotz ver­kehrs­tech­nisch güns­ti­ger La­ge auch die An­sied­lung grö­ße­rer In­dus­trie­be­trie­be. Die reiz­vol­le Land­schaft oh­ne Fa­brik­schlo­te mach­te die Re­si­denz­stadt zu ei­nem flo­rie­ren­den Frem­den­ver­kehrs­ort und zog wohl­ha­ben­de Rent­ner und Pen­sio­nä­re an, die auf der Su­che nach ei­nem Al­ters­do­mi­zil wa­ren. Der im Ver­sailler Ver­trag fest­ge­schrie­be­ne Ab­zug des Mi­li­tärs und die nach­fol­gen­de ame­ri­ka­ni­sche be­zie­hungs­wei­se fran­zö­si­sche Be­sat­zung (bis 1923 be­zie­hungs­wei­se 1929) be­deu­te­te für die Stadt ei­ne wirt­schaft­li­che und so­zia­le, aber auch men­tal tief grei­fen­de Zä­sur. Ver­su­che der Stadt­vä­ter in den 1920er Jah­ren, In­dus­trie­be­trie­be an­zu­wer­ben und so die wirt­schaft­li­che Ba­sis der Han­dels-, Ver­kehrs-, Ver­wal­tungs- und Dienst­leis­tungs­stadt zu ver­brei­tern, schei­ter­ten, da Fir­men un­be­setz­tes Ge­biet be­vor­zug­ten.

Zum Stich­tag der Volks­zäh­lung vom 16.6.1933 hat­te Ko­blenz 65.257 Ein­woh­ner. Da­von wa­ren 78,5 Pro­zent ka­tho­li­scher, 19,7 Pro­zent pro­tes­tan­ti­scher und 1,0 Pro­zent jü­di­scher Kon­fes­si­on, 0,8 Pro­zent kon­fes­si­ons­los. Zwar ge­hör­te das Rhein­land zum Kern­land der ka­tho­lisch aus­ge­rich­te­ten Zen­trums­par­tei, doch war Ko­blenz kei­ne Hoch­burg des Zen­trums. Es ging zwar aus al­len Wah­len bis zur Reichs­tags­wahl 1930 als stärks­te Par­tei her­vor, ver­fehl­te aber auch bei Kom­mu­nal­wah­len stets die ab­so­lu­te Mehr­heit. 1918 spal­te­te sich so­gar vom Ko­blen­zer Zen­trum ei­ne Grup­pe um ei­nen po­pu­lä­ren Pfar­rer ab, die sich 1919 und 1924 mit Er­folg zur Wahl stell­te. Im Ver­gleich zum Reich war die Be­deu­tung von SPD und KPD ge­ring, was auf den re­la­tiv klei­nen An­teil an Ar­bei­tern in der Be­völ­ke­rung und die spä­te For­mie­rung der Par­tei­en auf Orts­ebe­ne zu­rück­ging. We­sent­lich stär­ker war da­ge­gen das Ge­wicht der Li­be­ra­len (DDP, DVP, DNVP). Seit 1924 war in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung als lo­ka­le Grup­pie­rung au­ßer­dem die von Stadt­in­spek­tor Karl Trampp (1892-1966) ge­grün­de­te „Be­am­ten­lis­te“ ver­tre­ten. Auf zwölf Jah­re ge­wählt, war seit 1931 das Zen­trums­mit­glied Dr. jur. Hu­go Ro­sen­dahl O­ber­bür­ger­meis­ter, dem die Städ­te­ord­nung für die Rhein­pro­vinz von 1856 ei­ne star­ke ­Macht­po­si­ti­on und gro­ßen per­sön­li­chen Ge­stal­tungs­spiel­raum ein­räum­te.

Blick auf Koblenz mit Deutschem Eck von der Festung Ehrenbreitstein, Ansichtskarte um 1930. (Stadtarchiv Koblenz)

 

1925 wur­de die Orts­grup­pe Ko­blenz der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Ar­bei­ter­par­tei ge­grün­det. Sie ge­hör­te zu dem von Gau­lei­ter Dr. rer. nat. Ro­bert Ley ge­führ­ten Gau Rhein­land-Süd (ab 1928: Gau Rhein­land). Ab 1926 setz­ten mas­si­ve Pro­pa­gan­da und Agi­ta­ti­on der Orts­grup­pe ein und es kam zu ers­ten blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Kom­mu­nis­ten. Am 27.3.1929 er­nann­te Ley den ehr­gei­zi­gen Di­plom-Han­dels­leh­rer Gus­tav Si­mon z­um neu­en Be­zirks­lei­ter, der nach Ko­blenz zog und die zer­strit­te­ne Orts­grup­pe neu auf­bau­te. Schon bei der Reichs­tags­wahl am 20.5.1928 hat­te die NS­DAP trotz in­ter­ner Zwis­tig­kei­ten ei­nen ganz be­acht­li­chen Wahl­er­folg fei­ern kön­nen: Aus dem Stand her­aus hat­te sie mit 10,4 Pro­zent der Stim­men das Vier­fa­che des Reich­s­er­geb­nis­ses er­zielt und die KPD um mehr als 1.000 Stim­men über­trumpft. Da­mit stand Ko­blenz in ei­ner Rei­he mit NS­DAP-Hoch­bur­gen wie Mün­chen, Nürn­berg und Wei­mar. Die un­er­müd­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten Si­mons tru­gen bei der Kom­mu­nal­wahl am 17.11.1929 ih­re ers­ten Früch­te. Die NS­DAP konn­te bei ei­ner nied­ri­gen Wahl­be­tei­li­gung von nur 55 Pro­zent sen­sa­tio­nel­le 18,1 Pro­zent der Stim­men ge­win­nen und stell­te da­mit acht von 44 Stadt­ver­ord­ne­ten. Der NS­DAP war es nicht nur ge­lun­gen, die ne­ga­ti­ven Fol­gen von Ver­sailler Ver­trag, Be­sat­zung und Se­pa­ra­tis­mus ge­schickt für ih­re Zwe­cke zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Die ka­tho­li­sche Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit der Mehr­heit der Ko­blen­zer hat­te sich nicht – wie an­dern­orts – als Re­sis­tenz­fak­tor ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­wie­sen.

Oberbürgermeister Dr. Hugo Rosendahl, Porträt. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Die NS­DAP-Stadt­ver­ord­ne­ten und ihr Frak­ti­ons­füh­rer Si­mon hat­ten kei­ner­lei In­ter­es­se an ei­ner kon­struk­ti­ven Zu­sam­men­ar­beit im Stadt­par­la­ment. Ih­rem Po­li­tik­ver­ständ­nis ent­spre­chend, tru­gen sie Kon­fron­ta­ti­on und Kampf von der Stra­ße in den Sit­zungs­saal. Seit dem 2.6.1930 un­ter­stütz­te das neue Par­tei­or­gan „Ko­blen­zer Na­tio­nal­blat­t“ die ag­gres­si­ve Agi­ta­ti­on. Ein Jahr spä­ter konn­te Si­mon ei­nen per­sön­li­chen Tri­umph ver­bu­chen: Mo­na­te­lang hat­te er ge­gen den er­klär­ten Wil­len sei­nes er­bos­ten eins­ti­gen För­de­rers, Gau­lei­ter Ley, bei der NS­DAP-Reichs­lei­tung die Bil­dung ei­nes neu­en Gau­es be­trie­ben. Am 31.5.1931 wur­de die Tei­lung des Gau­es Rhein­land voll­zo­gen und Si­mon Gau­lei­ter des neu­en Gau­es Ko­blenz-Trier. Der­weil hat­te die Stadt Ko­blenz, nun­mehr auch Gau­haupt­stadt, mit im­mer grö­ße­ren Fi­nanz­pro­ble­men zu kämp­fen. Die stei­gen­de ­Zahl der so­ge­nann­ten Wohl­fahrts­er­werbs­lo­sen ließ die Für­sor­ge­las­ten ex­plo­die­ren und schnür­te den Ge­stal­tungs­spiel­raum der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung fi­nan­zi­ell im­mer wei­ter ein.

Gauleiter Gustav Simon, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

2. Machtkonsolidierung und Personalpolitik

Die Er­nen­nung Adolf Hit­lers (1889-1945) zum Reichs­kanz­ler am 30.1.1933 fei­er­te die ört­li­che NS­DAP mit ei­ner gro­ßen Kund­ge­bung am Deut­schen Eck. Die ers­ten Fol­gen des Ber­li­ner Macht­wech­sels lie­ßen auch in Ko­blenz nicht lan­ge auf sich war­ten: Der Stra­ßen­ter­ror wei­te­te sich aus, ers­te Ver­fol­gungs­maß­nah­men be­ka­men KPD und SPD, aber auch das Zen­trum zu spü­ren. Am 13. Fe­bru­ar wur­de Po­li­zei­prä­si­dent Dr. jur. Ernst Bies­ten (1884-1953), ein ent­schie­de­ner Geg­ner der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, zwangs­be­ur­laubt. Bei der Reichs­tag­wahl am 5.3.1933 er­rang die NS­DAP 41,2 Pro­zent der Stim­men, wäh­rend das Zen­trum bei ei­ner au­ßer­or­dent­lich ho­hen Wahl­be­tei­li­gung von 92,5 Pro­zent nur noch 31,4 Pro­zent auf sich ver­ei­ni­gen konn­te. Zum Er­folg der Rech­ten, der durch die 8,4 Pro­zent Stim­men­an­teil des Wahl­bünd­nis­ses Kampf­front Schwarz-Weiß-Rot kom­plet­tiert wur­de, hat­ten vor al­lem die bis­he­ri­gen Nicht­wäh­ler bei­ge­tra­gen. Am 7. und 8. März kam es auch in Ko­blenz, wie über­all im Reich, zu il­le­ga­len His­sun­gen der Ha­ken­kreuz­fah­ne auf öf­fent­li­chen Ge­bäu­den. Die His­sung auf dem Rat­haus am 8. März ge­schah trotz des aus­drück­li­chen Pro­tests von Ober­bür­ger­meis­ter Ro­sen­dahl, den SA-Män­ner un­ter An­dro­hung von Ge­walt aus sei­nem Dienst­zim­mer hol­ten, um der Ze­re­mo­nie von ei­nem Fens­ter des gro­ßen Sit­zungs­saa­les bei­zu­woh­nen. Von ei­nem ge­gen­über­lie­gen­den Bal­kon aus hiel­ten der NS­DAP-Stadt­ver­ord­ne­te Karl Ca­ri­us (1902-1980) so­wie Frak­ti­ons­füh­rer Lud­wig Christ (1900-1938) Schmäh­re­den auf Ro­sen­dahl und er­klär­ten das fak­ti­sche En­de sei­ner Amts­zeit.

Jesuitenplatz mit Blick auf den Querflügel des Rathauses (im ersten Obergeschoss Großer Sitzungssaal): Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus am 8.3.1933. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Am 12. März, dem Volks­trau­er­tag, fan­den die Kom­mu­nal­wah­len statt, die eben­falls mit ei­nem deut­li­chen Rechts­ruck en­de­ten: Die NS­DAP wur­de mit 42,0 Pro­zent stärks­te Par­tei vor dem Zen­trum mit 34,3 Pro­zent der Stim­men, der Deut­sche Block Schwarz-Weiß-Rot er­ziel­te 10,7 Pro­zent. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten konn­ten sich da­mit auf 19 von 44 Stadt­ver­ord­ne­ten­man­da­te ver­bes­sern, wäh­rend das Zen­trum nur noch über 15 Sit­ze ver­füg­te. Ro­sen­dahl trat am 15. März sei­nen Ur­laub an; un­ter dem­sel­ben Da­tum wur­de er durch Ver­fü­gung des preu­ßi­schen In­nen­mins­ters Her­mann Gö­ring (1893-1946) zwangs­be­ur­laubt. Schon am nächs­ten Tag wur­de der Re­gie­rungs- und Ge­wer­be­ra­t Ot­to Witt­gen mit der kom­mis­sa­ri­schen ­Wahr­neh­mung der Amts­ge­schäf­te be­auf­tragt. Witt­gen, der ers­te evan­ge­li­sche Ober­bür­ger­meis­ter von Ko­blenz, war seit Au­gust 1932 NS­DAP-Mit­glied und hat­te sich be­reits als Vor­sit­zen­der des „Ver­eins zur Um­schu­lung frei­wil­li­ger Ar­beits­kräf­te Ko­blenz e.V.“ (spä­ter Ar­beits­gau XXIV Mit­tel­rhein des Reichs­ar­beits­diens­tes) en­ga­giert.

Nach der Amtseinführung von Oberbürgermeister Otto Wittgen am 16.3.1933 auf dem Balkon des Rathauses. Von links nach rechts (über dem Teppich): Kreisleiter Albert Müller, Gauleiter Gustav Simon, Wittgen (über der Hakenkreuzfahne), die Kommissare Ludwig Christ und Oskar Peter Hildebrandt. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Noch am 16. März, dem Tag sei­ner Amts­ein­füh­rung, setz­te Witt­gen zwei po­li­ti­sche Kom­mis­sa­re ein: Lud­wig Christ und Os­kar Pe­ter Hil­de­brandt (1902-1937), den Haupt­schrift­lei­ter des Na­tio­nal­blatts. Die nächs­ten Mo­na­te wa­ren dann von um­fang­rei­chen Er­mitt­lun­gen und Un­ter­su­chun­gen der bei­den „Re­vo­lu­ti­ons­kom­mis­sa­re“ und ih­rer Hel­fer ge­prägt, die Vet­tern­wirt­schaft, Kor­rup­ti­on und Ver­schwen­dung in­ner­halb der Stadt­ver­wal­tung „auf­deck­ten“. Eben­falls noch am 16. März fie­len die ers­ten drei Be­am­ten den per­so­nel­len Säu­be­run­gen zum Op­fer. Bis zum 21. April be­ur­laub­te Witt­gen ins­ge­samt neun Be­am­te, über­wie­gend Wahl­be­am­te oder lei­ten­de Be­am­te. Al­le leg­ten ge­gen ih­re Zwangs­be­ur­lau­bung Wi­der­spruch ein. Ge­gen sie wur­den al­te, längst er­le­dig­te Vor­wür­fe er­ho­ben, neue, teils ab­sur­de Ver­feh­lun­gen kon­stru­iert, Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet oder so­gar Straf­an­zei­ge ge­stellt. Zwei Be­am­te schie­den schlie­ß­lich „frei­wil­li­g“ aus, vier wei­te­re so­wie Ro­sen­dahl wur­den mit fa­den­schei­ni­gen Be­grün­dun­gen auf­grund des Ge­set­zes zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums vom 7.3.1933 zwangs­pen­sio­niert, was für die Stadt nicht un­er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le Be­las­tun­gen mit sich brach­te. Die zwei­te Säu­be­rungs­wel­le be­traf An­ge­stell­te und Ar­bei­ter; ei­ne gan­ze Rei­he ehe­ma­li­ger KPD-Mit­glie­der wur­de ent­las­sen.

Po­li­tisch un­lieb­sa­me Be­diens­te­te wur­den auf die­se Wei­se aus dem Dienst ent­fernt, wäh­rend sich Par­tei­mit­glie­dern, ins­be­son­de­re Al­ten Kämp­fern, nun un­ge­ahn­te Be­rufs- und Kar­rie­re­chan­cen bo­ten. Ar­beits­lo­se Par­tei­ge­nos­sen wur­den be­vor­zugt ein­ge­stellt. Im No­vem­ber 1934 wa­ren 95 und im März 1935 schon 106 Al­te Kämp­fer als Ar­bei­ter und An­ge­stell­te bei der Stadt­ver­wal­tung un­ter­ge­kom­men, 1938 wa­ren es 204 (18,4 Pro­zent der 1.107 Be­diens­te­ten ein­schlie­ß­lich Lehr­per­so­nal). Aber auch bei Be­för­de­run­gen spiel­te das NS­DAP-Par­tei­buch be­zie­hungs­wei­se das Da­tum des Par­tei­ein­tritts nun ei­ne ent­schei­den­de Rol­le, die Be­vor­zu­gung von Par­tei­ge­nos­sen war of­fen­kun­dig. Zwar un­ter­blieb 1933 ein um­fas­sen­der Per­so­nal­aus­tausch – wo­zu der Ko­blen­zer NS­DAP auch qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal ge­fehlt hät­te –, doch die Zwangs­be­ur­lau­bun­gen, Ent­las­sun­gen, Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren und Kom­mis­sars­ak­ti­vi­tä­ten dürf­ten die städ­ti­schen Be­diens­te­ten ein­ge­schüch­tert ha­ben. Da­zu kam die Angst vor De­nun­zia­tio­nen, denn in al­len Äm­tern sa­ßen Kol­le­gen, die als Ver­trau­ens­leu­te des An­fang 1934 als neu­er be­rufs­stän­di­scher Or­ga­ni­sa­ti­on ge­grün­de­ten Reichs­bunds der Be­am­ten (RDB) fun­gier­ten. Durch sie un­ter­stützt, üb­te Witt­gen ei­nen in­ten­si­ven, per­ma­nen­ten An­pas­sungs­druck und Ge­sin­nungs­t­er­ror auf die Be­diens­te­ten aus. Zu den Gleich­schal­tungs­maß­nah­men ge­hör­ten ne­ben dem Ge­mein­schafts­emp­fang von Füh­rer­re­den welt­an­schau­li­che Vor­trags­aben­de des RDB, aber auch in­ter­ne Schu­lun­gen bis hin zum Ein­üben des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Lied­guts. Stän­dig kur­sier­ten in der Stadt­ver­wal­tung Lis­ten, die zum Bei­tritt in Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Volks­wohl­fahrt (NSV), zu Spen­den oder zur Teil­nah­me an Par­tei­ver­an­stal­tun­gen auf­for­der­ten. Ne­ga­tiv­mel­dun­gen wa­ren oft schrift­lich oder di­rekt dem Vor­ge­setz­ten ge­gen­über zu be­grün­den, nicht sel­ten er­hiel­ten der RDB oder Par­tei­dienst­stel­len ei­ne ent­spre­chen­de Mit­tei­lung. Stän­dig ap­pel­lier­te Witt­gen an die Vor­bild­funk­ti­on der Be­am­ten für die üb­ri­gen Volks­ge­nos­sen. Da­bei zeig­te er bis­wei­len so­gar die Ten­denz, ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen vor­zu­grei­fen: So ver­lang­te er schon früh­zei­tig von den Be­am­ten­an­wär­tern de­ren „frei­wil­li­ge“ Mel­dung zum Reichs­ar­beits­dienst oder den Bei­tritt der Be­am­ten­kin­der zur Hit­ler­ju­gend. Im Mai 1935 wa­ren cir­ca 40 Pro­zent (178) der 447 Be­am­ten und An­ge­stell­ten NS­DAP-Mit­glied. Ab 1936 war die po­li­ti­sche Be­ur­tei­lung durch den Kreis­lei­ter bei Ein­stel­lun­gen und Be­för­de­run­gen zwin­gend vor­ge­schrie­ben. Sie war sein zen­tra­les Herr­schafts­in­stru­ment, das auch au­ßer­halb der Par­tei­sphä­re sei­ne Wir­kung zeig­te. Po­li­ti­sche Un­zu­ver­läs­sig­keit, die sich nicht nur in der Ver­wei­ge­rung des Par­tei­ein­tritts äu­ßern konn­te, son­dern auch durch den sonn­täg­li­chen Kirch­gang oder die Zu­ge­hö­rig­keit der Kin­der zu ei­ner kon­fes­sio­nel­len Ju­gend­grup­pe, be­deu­te­te den Aus­schluss von Be­för­de­run­gen.

Oberbürgermeister Otto Wittgen, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung der neu ge­wähl­ten Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung fand am 29.3.1933 in der voll be­setz­ten, fest­lich ge­schmück­ten Stadt­hal­le statt. Die KPD-Stadt­ver­ord­ne­ten wa­ren erst gar nicht ge­la­den wor­den (ei­ner saß be­reits in Schutz­haft) und die NS­DAP-Stadt­ver­ord­ne­ten wa­ren im Braun­hemd er­schie­nen. Ein­zi­ger Ta­gungs­ord­nungs­punkt war die Er­nen­nung Hit­lers zum Eh­ren­bür­ger. Nach­dem Witt­gen den An­trag ver­le­sen und bei der Ab­stim­mung schnell des­sen ein­stim­mi­ge An­nah­me fest­ge­stellt hat­te, er­ho­ben sich die bei­den SPD-Stadt­ver­ord­ne­ten pro­tes­tie­rend von ih­ren Sit­zen. SS-Män­ner führ­ten sie dar­auf­hin aus dem Saal. Die nächs­te Sit­zung am 19. April, wie ge­wohnt im Rat­haus, war ein Mei­len­stein auf dem Weg zur Kalt­stel­lung des Be­schluss­or­gans als dem Kern­ele­ment der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung. Auf An­trag von NS­DAP-Frak­ti­ons­füh­rer Christ wur­de ge­gen den Wi­der­stand des Zen­trums ein Be­schluss­aus­schuss ein­ge­setzt, dem die Be­fug­nis­se der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung fast voll­stän­dig über­tra­gen wur­den. Da­ge­gen schei­ter­te die NS­DAP mit ih­rem An­trag, dem von ih­nen be­kämpf­ten Amts­vor­gän­ger Ro­sen­dahls, Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Karl Rus­sell (1870-1950), die 1931 ver­lie­he­ne Eh­ren­bür­ger­wür­de zu ent­zie­hen, denn Witt­gen trat die­sem An­trag nicht bei. Christ wur­de im Ju­ni 1933 zum un­be­sol­de­ten Bei­ge­ord­ne­ten ge­wählt, schied aber schon im Ok­to­ber wie­der aus, um Ober­bür­ger­meis­ter von Trier zu wer­den. An sei­ne Stel­le trat An­fang 1934 der NS­DAP-Kreis­lei­ter Ru­dolf Kla­eber (1889-1966), mit dem die Par­tei aber bald un­zu­frie­den war und der zur Stadt­ver­wal­tung Trier ab­ge­scho­ben wur­de. Ge­ra­de der Fall Kla­eber, den Witt­gen zu hal­ten ver­such­te, mach­te deut­lich, wie ab­hän­gig Per­so­nal­ent­schei­dun­gen in lei­ten­den Po­si­tio­nen von den Wün­schen des Gau­lei­ters sein konn­ten. Witt­gen selbst war am 4.8.1933 von den nach der Selbst­auf­lö­sung des Zen­trums noch ver­blie­be­nen Stadt­ver­ord­ne­ten ein­stim­mig zum Ober­bür­ger­meis­ter ge­wählt wor­den. Sei­ne Be­stä­ti­gung im Amt nach Ab­lauf des Pro­be­jah­res 1934 blieb aber lan­ge frag­lich, weil Gau­lei­ter Si­mon erst in letz­ter Mi­nu­te ein po­si­ti­ves Vo­tum ab­gab. In­ner­par­tei­lich war Witt­gen näm­lich nicht un­um­strit­ten. Er galt als Pe­dant, hat­te kein be­son­de­res Par­tei­amt in­ne, das ihm ei­ne ei­ge­ne Haus­macht ge­si­chert hät­te, au­ßer­dem warf man ihm In­itia­tiv­lo­sig­keit vor. Im Ju­li 1935 ge­riet Witt­gen so­gar in ernst­haf­te Be­dräng­nis, als der Ein­kauf sei­ner Frau im Kauf­hof durch das an­ti­se­mi­ti­sche Hetz­blatt „Der Stür­mer“ be­kannt wur­de. Da der Kauf­hof als arisch ge­tarn­tes jü­di­sches Un­ter­neh­men galt, wur­de Witt­gens Frau aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen. Zu­min­dest vor­über­ge­hend war das An­se­hen des Ober­bür­ger­meis­ters in Öf­fent­lich­keit, Ver­wal­tung und Par­tei stark be­schä­digt.

Am 15.11.1934 tag­ten erst­mals die 20 neu­en Rats­her­ren der Stadt. Das Preu­ßi­sche Ge­mein­de­ver­fas­sungs­ge­setz vom 15.12.1933, am 1.1.1934 in Kraft ge­tre­ten, hat­te das Füh­rer­prin­zip ein­ge­führt und aus dem Ge­mein­de­rat ein rein be­ra­ten­des Gre­mi­um ge­macht. Die Be­ru­fung der Ge­mein­de­rä­te er­folg­te auf Vor­schlag des Gau­lei­ters durch den Re­gie­rungs­prä­si­den­ten. Kraft ih­res Am­tes wa­ren der obers­te ört­li­che NS­DAP-Lei­ter so­wie der rang­äl­tes­te SA- oder SS-Füh­rer Ge­mein­de­rä­te. Die rest­li­chen Rats­her­ren soll­ten ver­dien­te Män­ner aus den für die Ge­mein­de ty­pi­schen Be­rufs­stän­den sein. In Ko­blenz wur­den aus­schlie­ß­lich Par­tei­ge­nos­sen be­ru­fen, wo­bei das sich in die Län­ge zie­hen­de Ver­fah­ren die Per­so­nalnö­te der Gau­lei­tung of­fen­bar­te. Am 1.4.1935 trat dann reichs­weit die Deut­sche Ge­mein­de­ord­nung (DGO) vom 30.1.1935 in Kraft, die eben­falls den Ober­bür­ger­meis­ter als al­lein Ver­ant­wort­li­chen an die Spit­ze der Ver­wal­tung stell­te. Die NS­DAP wur­de als Staats­par­tei ver­an­kert, die über den „Be­auf­trag­ten der Par­tei“ wich­ti­ge Mit­wir­kungs­rech­te er­hielt. Wie vor­ge­se­hen, wur­de die­se Po­si­ti­on in Ko­blenz durch den Kreis­lei­ter aus­ge­füllt, das hei­ßt zu­nächst durch Ro­bert Claus­sen (1909-1941) und nach des­sen Ein­be­ru­fung zum Kriegs­dienst ab März 1940 durch Wil­li Cat­te­po­el (1898-1986).

Sitzung der Stadtverordneten in der Stadthalle am 29.3.1933. Auf dem Podium Vertreter der Stadtverwaltung, in der Mitte Oberbürgermeister Wittgen, links davor die NSDAP-Stadtverordneten (wie Wittgen im Braunhemd), rechts die Stadtverordneten der übrigen Parteien. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Als 1935 die drit­te haupt­amt­li­che Bei­ge­ord­ne­ten­stel­le zu be­set­zen war, konn­te Kreis­lei­ter Claus­sen, der als Par­tei­be­auf­trag­ter das Recht zur Vor­aus­wahl der Be­wer­ber be­saß, sei­nen Fa­vo­ri­ten, den NS­DAP-Orts­grup­pen­lei­ter und Reichs­bahn­be­am­ten Hu­bert Fuhl­rott (1896-1985), durch­set­zen. Da­zu war so­gar ei­ne Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung des Ober­prä­si­den­ten er­for­der­lich, denn sei­ne Be­wer­bung war nicht frist­ge­recht ein­ge­gan­gen. Fuhl­rotts Be­ru­fung An­fang 1936 ist ein ty­pi­sches Bei­spiel da­für, dass po­li­ti­sche Zu­ver­läs­sig­keit im Zwei­fel mehr zähl­te als fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on. Wäh­rend sich Fuhl­rott mit viel Fleiß in sein neu­es Auf­ga­ben­ge­biet als Wohl­fahrts­de­zer­nent ein­ar­bei­te­te, er­wies sich die Wie­der­be­set­zung der 1933 ein­ge­spar­ten Stel­le des Tech­ni­schen Bei­ge­ord­ne­ten im Früh­jahr 1938 mit dem Par­tei­funk­tio­när Hanns Klo­se (1895-1960) bald als Fehl­be­set­zung. Klo­se war mit sei­nem um­fang­rei­chen Auf­ga­ben­ge­biet über­for­dert, lie­fer­te aber ein Mus­ter­bei­spiel für das Prin­zip „Dem Gau­lei­ter ent­ge­gen ar­bei­ten“ (Bern­hard Got­to).

Das tech­ni­sche De­zer­nat hat­te Witt­gen 1933 selbst über­nom­men. Dass die Wie­der­be­set­zung der Bei­ge­ord­ne­ten­stel­le von den Auf­sichts­be­hör­den ge­mäß § 110 DGO an­ge­ord­net wur­de, stell­te ei­nen mas­si­ven Ein­griff in die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung dar und zeug­te von der deut­li­chen Un­zu­frie­den­heit mit der Be­ar­bei­tung der (städ­te)bau­li­chen Auf­ga­ben. Schon seit Mit­te 1936 war Witt­gens Ab­lö­sung Ge­gen­stand von Ge­sprä­chen zwi­schen Gau­lei­ter, Re­gie­rungs­prä­si­dent, Ober­prä­si­dent und In­nen­mi­nis­te­ri­um. Doch Witt­gen schaff­te es drei Jah­re lang, sei­ne Ver­set­zung be­zie­hungs­wei­se Pen­sio­nie­rung hin­aus­zu­zö­gern, in­dem er zur wach­sen­den Ver­är­ge­rung sei­ner Ver­hand­lungs­part­ner auf sei­ne vol­le Amts­zeit und sei­ne an­ge­stamm­ten Be­am­ten­rech­te poch­te. Nach­dem schlie­ß­lich ein fi­nan­zi­el­les Ar­ran­ge­ment ge­fun­den wor­den war, be­an­trag­te er we­gen an­geb­li­cher Dienst­un­fä­hig­keit sei­ne vor­zei­ti­ge Pen­sio­nie­rung zum 30.9.1939.

Kreisleiter Robert Claussen, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

In die Ära Witt­gen fie­len die Ein­wei­hung der Adolf-Hit­ler-Brü­cke (heu­te Eu­ro­pa­brü­cke) am 22.4.1934 und der für die Stadt­kas­se kost­spie­li­ge Be­such der Al­ten Gar­de der NS­DAP am 24.6.1938. Auf zwei ein­schnei­den­de Er­eig­nis­se hat­te der Ko­blen­zer Ober­bür­ger­meis­ter kei­nen Ein­fluss ge­habt: die freu­dig be­grü­ß­te Re­mi­li­ta­ri­sie­rung der al­ten Gar­ni­son­stadt am 7.3.1936 so­wie die von Gau­lei­ter und Re­gie­rungs­prä­si­dent in­iti­ier­te Ein­ge­mein­dung der Stadt Eh­ren­breit­stein, der Ge­mein­den Met­ter­nich, Pfaf­fen­dorf, Horch­heim, Neu­dorf und Nie­der­berg so­wie von Tei­len von Ur­bar und Arz­heim zum 1.7.1937.

Nach­fol­ger Witt­gens wur­de der Wunsch­kan­di­dat von Gau­lei­ter Si­mon, Theo­dor Ha­bicht (1898-1944), der frü­he­re Lan­des­in­spek­teur der NS­DAP in Ös­ter­reich und al­te Kampf­ge­fähr­te der rhei­ni­schen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Ha­bichts Amts­zeit er­wies sich aber nur als kur­zes und be­deu­tungs­lo­ses Zwi­schen­spiel: Schon we­ni­ge Wo­chen nach sei­ner fei­er­li­chen Amts­ein­füh­rung am 4.7.1939 wur­de er am 27. Au­gust mo­bi­li­siert. Ha­bicht kehr­te von der Front nicht wie­der auf sei­nen Ober­bür­ger­meis­ter­pos­ten zu­rück, son­dern trat im No­vem­ber ei­nen neu­en Pos­ten im Aus­wär­ti­gen Amt an.

Oberbürgermeister Theodor Habicht, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Hat­te sich das Tau­zie­hen um Witt­gen und Ha­bicht jah­re­lang hin­ge­zo­gen, ging die Ein­set­zung des nächs­ten Ober­bür­ger­meis­ters ge­ra­de­zu hek­tisch und for­mal­recht­lich frag­wür­dig vor sich, denn an ei­ner lan­gen Va­kanz in ei­ner gro­ßen Gar­ni­son­stadt in der Nä­he der West­gren­ze hat­te nie­mand In­ter­es­se. Oh­ne die lau­fen­de Aus­schrei­bung ab­zu­war­ten, schlug Kreis­lei­ter Claus­sen En­de 1939 den Kreuz­nach­er Land­rat Dr. rer. pol. Ni­ko­laus Sim­mer vor. Schon am 6.1.1940 wur­de der ehr­gei­zi­ge Wirt­schafts­fach­mann in sein Amt ein­ge­führt. Sim­mer war mit sei­nen 37 Jah­ren nicht nur der jüngs­te Ober­bür­ger­meis­ter, den Ko­blenz je hat­te, son­dern auch das ers­te kon­fes­si­ons­lo­se Stadt­ober­haupt, denn er war aus der ka­tho­li­schen Kir­che aus­ge­tre­ten. In sei­nem spä­te­ren Spruch­kam­mer­ver­fah­ren hat Sim­mer im­mer wie­der auf sein ge­spann­tes Ver­hält­nis zum Gau­lei­ter, sei­nem ehe­ma­li­gen Stu­di­en­freund, hin­ge­wie­sen. Zwar hat­te sich Sim­mer in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach über Wün­sche der Par­tei hin­weg­ge­setzt, je­doch hät­te Si­mon in sei­ner Gau­haupt­stadt wohl kaum ei­nen po­li­tisch un­zu­ver­läs­si­gen Ober­bür­ger­meis­ter ge­dul­det. Auch im be­setz­ten Lu­xem­burg be­trau­te Si­mon als Chef der Zi­vil­ver­wal­tung Sim­mer mit di­ver­sen Auf­ga­ben, was zu des­sen häu­fi­gen Ab­we­sen­heit von Ko­blenz führ­te. Gleich zu An­fang sei­ner Amts­zeit lös­te Sim­mer ein be­reits län­ger schwe­len­des Per­so­nal­pro­blem: Der Bei­ge­ord­ne­te und Stadt­käm­me­rer Dr. jur. Her­bert Wirtz (1888-1970) schied nach mas­si­ven Que­re­len mit dem Kreis­lei­ter „frei­wil­li­g“ aus der Stadt­ver­wal­tung aus und wech­sel­te in die Pri­vat­wirt­schaft. Claus­sen hat­te Wirtz, der sich mehr­fach fi­nan­zi­el­len For­de­run­gen der Par­tei wi­der­setzt hat­te, Sa­bo­ta­ge vor­ge­wor­fen und woll­te ihn aus der NS­DAP aus­schlie­ßen.

Oberbürgermeister Dr. Nikolaus Simmer, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

3. Wohlfahrtswesen, Bauwesen und Kultur

Drei „Al­te Kämp­fer“ in Fol­ge als Wohl­fahrts­de­zer­nen­ten (Christ, Kla­eber, Fuhl­rott) sorg­ten für die Um­set­zung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wohl­fahrts­po­li­tik mit ih­ren För­de­rungs- be­zie­hungs­wei­se Se­lek­ti­ons­kri­te­ri­en und for­cier­ten die Zu­sam­men­ar­beit des Wohl­fahrts­am­tes mit der NSV. Ent­schei­dend war jetzt, wie „wert­vol­l“ der Be­dürf­ti­ge für die Volks­ge­mein­schaft in wirt­schaft­li­cher, po­li­ti­scher oder ras­se­bio­lo­gi­scher Sicht war. Es soll­ten nur noch die „wür­di­gen“ Volks­ge­nos­sen ge­för­dert und die von Par­tei und Kom­mu­ne glei­cher­ma­ßen un­er­wünsch­te, „min­der­wer­ti­ge“ Rest­kli­en­tel zur Be­treu­ung an die kon­fes­sio­nel­len Wohl­fahrts­ver­bän­de ab­ge­scho­ben wer­den. Schon am 2.5.1934 un­ter­zeich­ne­te die Stadt Ko­blenz als ei­ne der ers­ten Städ­te über­haupt ei­nen weit ge­hen­den Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag mit der NSV-Kreis­lei­tung, der die Mit­wir­kung der NSV bei der neu­en „Volks­pfle­ge“ re­gel­te. Zu den wich­tigs­ten Auf­ga­ben der NSV zähl­ten da­bei die Be­gut­ach­tung und Kon­trol­le der be­dürf­ti­gen Volks­ge­nos­sen. Die fünf Für­sor­ge­be­zir­ke der städ­ti­schen Für­sor­ge­rin­nen deck­ten sich un­ge­fähr mit den sie­ben NSV-Orts­grup­pen­be­zir­ken, auch die nach den Ein­ge­mein­dun­gen von 1937 not­wen­di­ge Neu­ein­tei­lung in zehn Für­sor­ge­be­zir­ke ori­en­tier­te sich ähn­lich. Gleich­zei­tig wur­de von der bis­he­ri­gen Grup­pen­für­sor­ge auf die Ein­heits­be­treu­ung um­ge­stellt. Or­ga­ni­sa­to­risch, per­so­nell und fi­nan­zi­ell war die NSV ih­rer kon­fes­sio­nel­len Kon­kur­renz aber zu­nächst noch klar un­ter­le­gen und die vor­ge­se­he­nen Be­ar­bei­tungs­we­ge ver­lang­sam­ten den Dienst­be­trieb. Bei den Mün­del- und Pfle­ge­kin­der­fäl­len in­ten­si­vier­te sich erst um 1937 die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ju­gend­amt und NSV-Kreis­amt. Da die bil­li­ge­re Un­ter­brin­gung in Fa­mi­li­en der in Hei­men vor­ge­zo­gen wur­de, war ei­ne na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Er­zie­hung der Kin­der ge­währ­leis­tet, denn seit 1937 wur­den Pfle­ge­fa­mi­li­en nur noch von der NSV vor­schla­gen. Zwar wur­de der Für­sor­ge­ver­ein für Mäd­chen, Frau­en und Kin­der (KFV, heu­te So­zi­al­dienst Ka­tho­li­scher Frau­en) bei der Be­treu­ung zu­rück­ge­drängt, aber er blieb für das Ju­gend­amt un­ent­behr­lich, weil ihm die mo­ra­lisch und ras­sisch min­der­wer­ti­gen Kin­der über­wie­sen wur­den. In die­ser Ni­sche konn­te der KFV trotz ge­stri­che­ner städ­ti­scher Zu­schüs­se das „Drit­te Reich“ über­le­ben, denn er nahm auf die­se Wei­se ei­ne wich­ti­ge Sys­tem­funk­ti­on wahr.

Die Sen­kung der ho­hen Zahl der so­ge­nann­ten Wohl­fahrts­er­werbs­lo­sen war für die Stadt nicht nur von fi­nan­zi­el­lem In­ter­es­se, son­dern für Kom­mu­ne und Par­tei auch ei­ne Sa­che des Pres­ti­ges. Die Not­stands­ar­bei­ten aus der Wei­ma­rer Zeit wur­den des­halb un­ver­min­dert fort­ge­setzt, gleich­zei­tig gab es Pro­pa­gan­da­kam­pa­gnen ge­gen Schwarz­ar­beit. Bei der Ge­wäh­rung der Wohl­fahrts­un­ter­stüt­zung für „Aso­zia­le“ be­weg­te sich die Stadt Ko­blenz „im Mit­tel­fel­d“ der rhei­ni­schen Kom­mu­nen, das hei­ßt sie ging we­der be­son­ders mil­de noch be­son­ders ri­gi­de vor. Ab 1936 mach­te sich Wohl­fahrts­de­zer­nent Fuhl­rott dar­an, die Für­sor­ge­emp­fän­ger in wie­der­hol­ten Ak­tio­nen sys­te­ma­tisch aus­zu­käm­men. Er ließ Leis­tun­gen kür­zen oder sper­ren, wei­te­te die Pflicht­ar­beit aus und reg­te so­gar die An­stalts­ein­wei­sung von „Aso­zia­len“ an. Nach­dem die letz­ten, auf­grund Krank­heit oder Al­ter nicht ver­mit­tel­ba­ren Wohl­fahrts­er­werbs­lo­sen in den Ar­men­stamm über­führt wor­den wa­ren, ver­schwan­den sie im No­vem­ber 1938 aus der städ­ti­schen Sta­tis­tik. Trotz­dem leb­ten am 1.4.1939 noch rund 5 Pro­zent der Ko­blen­zer Be­völ­ke­rung von der öf­fent­li­chen Für­sor­ge.

Bei der Be­he­bung der Woh­nungs­not zeig­te sich die Dis­kre­panz zwi­schen Pro­pa­gan­da und Rea­li­tät des „Drit­ten Reichs“ be­son­ders dras­tisch. Die schon in der Wei­ma­rer Zeit be­gon­ne­ne För­de­rung der Klein­sied­lung wur­de mit ei­ner groß­stadt­feind­li­chen, agrar­ro­man­ti­schen Blut- und Bo­den­ide­lo­gie auf­ge­la­den. Die­se Ent­wick­lung voll­zog sich auch in Ko­blenz, wo die Stadt 1933 als Bau­her­rin der Stadt­rand­sied­lung Pio­nier­hö­he auf­trat. Pro­jek­te wie die SA-Dank­op­fer-Sied­lung, die NSV-Sied­lung und die Front­kämp­fer­sied­lung im neu ent­ste­hen­den Stadt­teil Kart­hau­se wur­den un­ter­stützt und fi­nan­zi­ell ge­för­dert. Sie konn­ten aber den durch die Re­mi­li­ta­ri­sie­rung noch stär­ker an­ge­spann­ten Woh­nungs­markt nicht ent­schei­dend ent­las­ten. Erst 1938 kehr­te die Stadt mit dem Bau von 120 Ar­bei­ter­wohn­stät­ten im Stadt­teil Gold­gru­be zum so­zia­len Woh­nungs­bau mit zwei- bis vier­ge­schos­si­gen Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern zu­rück. Die­se Wen­de kam zu spät, denn der Krieg ver­hin­der­te dann die Rea­li­sie­rung wei­te­rer grö­ße­rer Pro­jek­te. Es blieb bei der Ver­wal­tung des Man­gels, der sich durch die Zer­stö­run­gen des al­li­ier­ten Bom­ben­kriegs noch­mals ver­schärf­te.

Das (Gau-)Amt für Volkswohlfahrt in der Neustadt 8, um 1937. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Dem Wohn­raum­man­gel stan­den städ­te­bau­li­che Gro­ß­pro­jek­te ge­gen­über, die un­ter dem pres­ti­ge­be­wuss­ten Ober­bür­ger­meis­ter Sim­mer Ge­stalt an­nah­men. 1937/1938 gab es be­reits ers­te Plä­ne zur Um­ge­stal­tung des Are­als um das Kur­fürst­li­che Schloss, wo die erst im März 1935 ein­ge­weih­te Thing­stät­te kul­tur­po­li­tisch schon wie­der an Be­deu­tung ver­lo­ren hat­te. 1937 wur­de das Stadt­er­wei­te­rungs- be­zie­hungs­wei­se Stadt­pla­nungs­amt ein­ge­rich­tet, das 1938 mit dem Hoch­bau­amt zum Stadt­ge­stal­tungs­amt zu­sam­men­ge­legt wur­de. Ko­blenz stand zwar nicht auf der Lis­te der so­ge­nann­ten Neu­ge­stal­tungs­städ­te, aber Hit­ler wünsch­te für al­le Gau­haupt­städ­te die Er­rich­tung ei­nes re­prä­sen­ta­ti­ven Gau­fo­rums. Wäh­rend an­dern­orts häu­fig der Gau­lei­ter die Pla­nung an sich riss, re­kla­mier­te in Ko­blenz Sim­mer die Ober­ho­heit für sich be­zie­hungs­wei­se die Stadt. Sei­ne im Früh­jahr 1941 ver­öf­fent­lich­ten „Über­le­gun­gen zu den Ide­en­skiz­zen zur Neu- und Um­ge­stal­tung der Gau­haupt­stadt Ko­blen­z“ setz­ten da­zu ein deut­li­ches Si­gnal. Die Plä­ne ahm­ten vor­han­de­ne Vor­bil­der nach und wa­ren zeit­ty­pisch gi­gan­tisch in ih­ren Di­men­sio­nen, oh­ne die Fi­nan­zie­rungs­fra­ge zu be­rüh­ren. Wich­ti­ge städ­te­bau­li­che und wirt­schafts­po­li­ti­sche Pro­jek­te, die Sim­mer ver­folg­te, wa­ren die Ver­le­gung des Ha­fen- und In­dus­trie­ge­län­des vom Rau­en­tal in den Nor­den der Stadt und die An­sied­lung ei­nes Werks der Fir­ma Krupp für den Ma­schi­nen­bau. Die für bei­de Vor­ha­ben not­wen­di­ge Ein­ge­mein­dung der Land­ge­mein­de Kes­sel­heim schei­ter­te un­ter an­de­rem am Wi­der­stand des Land­rats und die Ver­hand­lun­gen mit Krupp wur­den schlie­ß­lich von Ber­lin auf Eis ge­legt, da die Rüs­tungs­in­dus­trie Vor­rang ge­noss. En­de 1941 prä­sen­tier­te Sim­mer den ver­blüff­ten Rats­her­ren ei­ne ra­di­ka­le Lö­sung des al­ten Pro­blems Alt­stadt­sa­nie­rung: Der Ober­bür­ger­meis­ter plan­te die völ­li­ge Nie­der­le­gung der his­to­ri­schen Alt­stadt, die Auf­schüt­tung des Are­als um drei Me­ter zum Hoch­was­ser­schutz und die Neu­be­bau­ung. Die Um­set­zung der Plä­ne ver­hin­der­te aber­mals der Krieg. Der lös­te das Pro­blem schlie­ß­lich auf an­de­re Wei­se: Bis An­fang 1945 hat­ten Bom­ben die In­nen­stadt bei ei­nem Zer­stö­rungs­grad von 87 Pro­zent in ein Trüm­mer­feld ver­wan­delt.

Siedlungsbauten im neuen Stadtteil Karthause, 1938. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Sim­mers Auf­fas­sung von Kunst hat­te rein in­stru­men­tel­len Cha­rak­ter, wäh­rend der Leh­rer­sohn, Mu­sik­lie­ber und Kla­vier­spie­ler Witt­gen noch volks­er­zie­he­ri­sche Idea­le ver­folg­te. Im Kul­tur­sek­tor wur­den Kon­kur­renz und Kon­flik­te mit der Par­tei be­son­ders of­fen­sicht­lich. Vor al­lem die Zu­sam­men­ar­beit mit der NS-Ge­mein­schaft Kraft durch Freu­de (NSG KdF) war schlecht. Stän­dig ver­such­te die der Deut­schen Ar­beits­front an­ge­schlos­se­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die Stadt ein­sei­tig für ih­re Zwe­cke vor den Kar­ren zu span­nen, wäh­rend sie selbst mit Ter­mi­nen und Ver­an­stal­tun­gen we­nig Rück­sicht auf die städ­ti­schen Kon­zer­te oder das Thea­ter nahm. Auch ei­nen an­ge­mes­se­nen An­teil am För­der­topf Trup­pen­be­treu­ung muss­te sich die Stadt erst er­kämp­fen. Von be­son­de­rer Qua­li­tät oder bes­ser ge­sagt Ri­va­li­tät war das Ver­hält­nis zwi­schen Sim­mer und Gau­pro­pa­gan­dalei­ter Al­bert Ur­mes (1910-1985). Sim­mer woll­te un­ter kei­nen Um­stän­den den En­de 1941 von ihm ge­grün­de­ten Kunst­kreis, den er als au­to­no­mes städ­ti­sches Kul­tur­in­sti­tut führ­te, dem Gau­kul­tur­ver­band un­ter­ord­nen und ent­zog sich hart­nä­ckig dies­be­züg­li­chen For­de­run­gen. Sim­mer ver­stand es, der Gau­haupt­stadt ins­be­son­de­re durch zwei gro­ße, er­folg­rei­che Kunst­aus­stel­lun­gen im Schloss 1943 und 1944 so­wie Hoch­schul­wo­chen und Vor­trags­rei­hen ein ei­ge­nes kul­tu­rel­les Pro­fil zu ver­schaf­fen, wo­bei ihn die Kon­kur­renz zu Trier und Lu­xem­burg so­wie zum Gau­kul­tur­ver­band an­sta­chel­te. Sei­ne am­bi­tio­nier­te, von Tei­len der Be­völ­ke­rung als eli­tär emp­fun­de­ne Kul­tur­po­li­tik er­füll­te ne­ben ih­rer Pres­ti­ge­funk­ti­on aber auch ei­ne ideo­lo­gi­sche, näm­lich die „see­li­sche Stär­kun­g“ der Hei­mat­front. Doch ins­ge­samt wur­den der Selbst­ver­wal­tung im Kul­tur­be­reich durch den NS-Staat en­ge Gren­zen ge­steckt, was zum Bei­spiel in den Auf­füh­rungs­ver­bo­ten be­zie­hungs­wei­se -ge­bo­ten im Thea­ter- und Kon­zert­we­sen so­wie in der Re­gle­men­tie­rung und Kon­trol­le der Bi­blio­theks­be­stän­de deut­lich wird. Auch ge­gen das staat­li­che Dik­tat der Thea­ter­schlie­ßung En­de Au­gust 1944 war Sim­mer macht­los.

4. Die Umsetzung der NS-Verfolgungspolitik

Als un­ters­te Ver­wal­tungs­in­stanz hat­te die Stadt­ver­wal­tung Ge­set­ze, Er­las­se und Ver­ord­nun­gen um­zu­set­zen, die Ver­fol­gungs­maß­nah­men des NS-Un­rechts­re­gimes dar­stell­ten und tra­di­tio­nel­le Rechts­nor­men ver­letz­ten. Durch den all­täg­li­chen Voll­zug des Un­rechts, die „ad­mi­nis­tra­ti­ve Nor­ma­li­tät“ (Bern­hard Got­to), konn­te es sich als neu­es „Rech­t“ im Be­wusst­sein der Bür­ger ver­an­kern und die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft be­weg­te sich in Rich­tung der ver­hei­ße­nen „Volks­ge­mein­schaf­t“. Zu fra­gen ist, in­wie­weit die Ver­fol­gungs­po­li­tik von Ver­wal­tungs­sei­te ak­tiv un­ter­stützt wur­de, sie sich viel­leicht mit städ­ti­schen In­ter­es­sen deck­te, die Be­am­ten ei­ge­ne In­itia­ti­ven ent­wi­ckel­ten oder aber Hand­lungs­spiel­räu­me zu­guns­ten Ver­folg­ter aus­nutz­ten.

Entwurf für das neue Rathaus am Löhrrondell, um 1941. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Nach an­fäng­li­cher Zu­rück­hal­tung ge­gen­über den Kir­chen ging die Stadt­ver­wal­tung bald da­zu über, ge­setz­lich ge­re­gel­te Zu­schüs­se be­zie­hungs­wei­se al­te, aus Stif­tun­gen her­rüh­ren­de Ver­pflich­tun­gen ein­zu­spa­ren. Dies ge­schah teils auf In­itia­ti­ve der Rats­her­ren, wäh­rend die Re­gie­rung die Stadt zur Ein­hal­tung ge­setz­li­cher Ver­pflich­tun­gen an­hielt. Das Kreuz auf der Lei­chen­hal­le des Haupt­fried­hofs be­ließ man aus Rück­sicht auf das re­li­giö­se Emp­fin­den der Be­völ­ke­rung, doch wa­ren der­lei Skru­pel bei der Ab­schaf­fung der Be­kennt­nis­schu­le im No­vem­ber 1937 ab­ge­legt. Witt­gen un­ter­stütz­te da­mit den an­ti­kirch­li­chen Kurs der Par­tei und des Staa­tes. Die Kehr­sei­te der Me­dail­le muss­te die Stadt an­läss­lich der Schlie­ßung der ka­tho­li­schen Ur­su­li­nen­schu­le er­le­ben, die sie 1940 zur fi­nan­zi­ell be­las­ten­den Er­öff­nung ei­ner ei­ge­nen Mäd­chen­ober­schu­le zwang. Sim­mer ent­wi­ckel­te Plä­ne zur In­be­sitz­nah­me des be­gehr­ten Ur­su­li­nen-Schul­ge­bäu­des. Sie be­le­gen in ein­ma­li­ger Of­fen­heit, dass er ei­ne un­recht­mä­ßi­ge Ak­ti­on ge­gen den Ur­su­li­nen­or­den be­für­wor­te­te oder so­gar in­iti­ie­ren woll­te, de­ren Nutz­nie­ßer die Stadt ge­we­sen wä­re. Auch beim Wai­sen­haus Kem­per­hof woll­te die Stadt ih­re In­ter­es­sen oh­ne Rück­sicht auf die Be­dürf­nis­se des Ei­gen­tü­mers, des Ka­tho­li­schen Män­ner­ver­eins für ar­me Kna­ben, und der In­sas­sen durch­set­zen. Selbst der re­gime­kri­ti­sche Bei­ge­ord­ne­te Wirtz sah die vor­über­ge­hen­de Be­schlag­nah­me des Wai­sen­hau­ses als Hilfs­kran­ken­haus 1939 als ein­ma­li­ge Chan­ce für ei­ne dau­er­haf­te Be­sitz­er­grei­fung an. Da­durch woll­te man ei­ne frü­her ver­pass­te Kauf­ge­le­gen­heit zur Er­wei­te­rung des städ­ti­schen Kran­ken­hau­ses Kem­per­hof wie­der wett­ma­chen.

Das Krankenhaus Kemperhof, Herzstück der Städtischen Krankenanstalten, nach einem Bombentreffer im Juni 1940. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Die auf­grund ei­nes al­ten Stadt­ver­ord­ne­ten­be­schlus­ses ge­währ­te Be­zu­schus­sung der Syn­ago­gen­ge­mein­de schaff­te Witt­gen 1933 ab. Auch der Wirt­schafts­boy­kott ge­gen die Ju­den fand sei­ne Un­ter­stüt­zung, in­dem er jü­di­sche Ge­schäfts­in­ha­ber von städ­ti­schen Auf­trä­gen aus­schloss. Dass dies auch die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen der Stadt schä­di­gen konn­te, zeigt das Bei­spiel des Nutz­vieh­mark­tes. Des­sen Di­rek­tor plä­dier­te zwar für ei­ne lang­sa­me Gang­art bei der Ver­drän­gung jü­di­scher Vieh­händ­ler zu­guns­ten ih­rer ari­schen Kon­kur­ren­ten, um den ma­te­ri­el­len Scha­den zu mi­ni­mie­ren. An sich wur­de das Ent­fer­nen der Ju­den vom städ­ti­schen Markt aber nie in Fra­ge ge­stellt, son­dern so­gar durch bau­li­che Maß­nah­men ge­för­dert. Bei den jü­di­schen Gast­stät­ten- und Be­her­ber­gungs­be­trie­ben war Bei­ge­ord­ne­ter Wirtz merk­lich be­müht, den An­trag­stel­lern zu ei­ner Kon­zes­si­on zu ver­hel­fen. Aus­ge­rech­net Fuhl­rott, ein fa­na­ti­scher Par­tei­gän­ger, er­wies sich als Be­für­wor­ter ei­ner Kon­zes­sio­nie­rung, denn letzt­lich för­der­te sie die Se­gre­ga­ti­on der Ju­den. Mit der Preis­über­wa­chung bei der Ari­sie­rung von Im­mo­bi­li­en kam auf die Stadt ein er­heb­li­cher Ar­beits­sauf­wand zu. Stadt­ver­mes­sungs­srat Os­wald Breu­er (1880-1945) dräng­te da­bei auf die be­schleu­nig­te Be­ar­bei­tung der Fäl­le, in de­nen die jü­di­schen An­trag­stel­ler ih­re Aus­wan­de­rung be­ab­sich­tig­ten.

So­wohl bei der Preis­über­wa­chung als auch bei der Preis­bil­dung der Mie­ten, die ein wei­te­res Ge­biet der Auf­trags­ver­wal­tung dar­stell­te, be­ar­bei­te­te die Stadt die Vor­gän­ge sach­lich-ob­jek­tiv. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung oder Un­gleich­be­hand­lung jü­di­scher An­trag­stel­ler be­zie­hungs­wei­se Be­vor­zu­gung ari­scher An­trag­stel­ler lässt sich nicht er­ken­nen. Auch der Ver­kauf von zwei Bau­grund­stü­cken an jü­di­sche Er­wer­ber und die an­schlie­ßen­de Bau­ab­wick­lung zei­gen kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten. Beim Er­werb „jü­di­scher“ Im­mo­bi­li­en war die Stadt bei der Syn­ago­ge und der Pri­vat­kli­nik von Dr. Ri­chard Reich (1889-1970) ein­deu­tig Nutz­nie­ßer. An­ge­sichts ih­rer Raum­not be­mäch­tig­te sie sich ent­schä­di­gungs­los der Syn­ago­ge und weit un­ter Wert der statt­li­chen Kli­nik. In bei­den Fäl­len lös­te die Stadt im Re­sti­tu­ti­ons­ver­fah­ren em­pör­te Re­ak­tio­nen der Be­trof­fe­nen aus, in­dem sie den Zwangs­cha­rak­ter zu­nächst be­stritt be­zie­hungs­wei­se die Wie­der­gut­ma­chungs­for­de­run­gen zu schmä­lern ver­such­te. Die Im­mo­bi­lie von Ro­sa Ro­sen­blatt funk­tio­nier­te die Stadt zu ei­nem Ju­den­haus um. Die­ser Fall do­ku­men­tiert gleich­zei­tig die Durch­füh­rung des Ge­set­zes über Miet­ver­hält­nis­se mit Ju­den vom 30.4.1939, die al­lein der Kom­mu­ne ob­lag. Bei der Wohl­fahrts­un­ter­stüt­zung der Ju­den schöpf­te die Stadt nicht nur ih­re recht­li­chen Mög­lich­kei­ten voll aus, son­dern um­ging – wie an­de­re Städ­te – die Sub­si­dia­ri­täts­vor­schrift und zahl­te ab 1939 kei­ner­lei Un­ter­stüt­zung mehr. Auf An­for­de­rung der Ge­sta­po stell­te Fuhl­rott 1942 bei zwei De­por­ta­tio­nen ei­ne be­zie­hungs­wei­se zwei städ­ti­sche Für­sor­ge­rin­nen zur Ver­fü­gung, die sich durch ihr Mit­leid aber als „un­pro­fes­sio­nel­l“ er­wie­sen. Die 1941 lau­fen­den Vor­be­rei­tun­gen für den Ein­satz pol­ni­scher Ju­den zei­gen, dass die Stadt sich de­ren Ar­beits­kraft wie der an­de­rer Zwangs­ar­bei­ter be­die­nen woll­te und so­gar noch nach Mög­lich­kei­ten such­te, sie an den Kos­ten zu be­tei­li­gen.

Die Synagoge am Florinsmarkt (rechts daneben das Alte Kaufhaus). Nach der entschädigungslosen Aneignung durch die Stadt Koblenz Ende 1938 wurde hier 1939 das Wirtschafts- und Ernährungsamt untergebracht. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­fol­gung der „Zi­geu­ner“ wur­de durch die städ­ti­sche Ver­wal­tung un­ter­stützt, denn sie deck­te sich mit ih­ren In­ter­es­sen: Die „Zi­geu­ner“ wa­ren als Be­woh­ner der Fes­te Franz be­zie­hungs­wei­se als zum Teil Nicht­sess­haf­te un­er­wünscht. Ei­ne wie­der rück­gän­gig ge­mach­te Ab­schie­bung nach Mit­tel­deutsch­land 1938 ging aber auf ei­ne In­itia­ti­ve des Wies­ba­de­ner Re­gie­rungs­prä­si­den­ten zu­rück. Dass die „Zi­geu­ner“, wie Wohl­fahrts­de­zer­nent Fuhl­rott be­haup­te­te, über­wie­gend von Wohl­fahrts­un­ter­stüt­zung leb­ten, wi­der­le­gen die Ak­ten viel­fach. Gleich­zei­tig stell­te er sie als Är­ger­nis für die Be­völ­ke­rung und als Si­cher­heits­ri­si­ko dar, wo­mit er auf ih­re Un­ter­brin­gung in ei­nem Ar­beits­la­ger ab­ziel­te. Ge­setz­li­che Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen ent­hielt die Stadt den „Zi­geu­nern“ vor. An den De­por­ta­tio­nen der Sin­ti und Ro­ma 1940, 1943 und 1944 war die Stadt nicht un­mit­tel­bar be­tei­ligt, sie über­nahm 1940 aber ei­nen An­teil an den Kos­ten des Trans­ports.

Bei den Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen auf­grund des Ge­set­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses vom 14.7.1933 muss­te die Stadt als Be­zirks­für­sor­ge­ver­band bei be­dürf­ti­gen Be­trof­fe­nen die Kos­ten über­neh­men. Das städ­ti­sche Kran­ken­haus Kem­per­hof war ei­nes der Kran­ken­häu­ser, in dem die Ein­grif­fe vor­ge­nom­men wur­den. Die ka­tho­li­schen Or­dens­schwes­tern ver­wei­ger­ten die Mit­hil­fe bei den cir­ca 970 zwi­schen 1934 und 1944 durch­ge­führ­ten Ope­ra­tio­nen, da­ge­gen gab es beim ärzt­li­chen Per­so­nal in­klu­si­ve Chef­arzt Prof. Dr. Fritz Hoh­mei­er (1876-1950) of­fen­bar kei­ne Be­den­ken aus­zu­räu­men oder Wi­der­stän­de zu über­win­den. Auch die fran­zö­si­sche Mi­li­tär­re­gie­rung scheint an die­sen „eu­ge­ni­schen“ Maß­nah­men nach 1945 kei­nen An­stand ge­nom­men zu ha­ben, erst 1949 stan­den die Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen straf­recht­lich zur De­bat­te.

Der Ein­satz von Zi­vil­ar­bei­tern, Kriegs­ge­fan­ge­nen und Zwangs­ar­bei­tern war für die Stadt­ver­wal­tung wie für an­de­re Be­trie­be will­kom­men und all­täg­lich. An­ge­sichts des kriegs­be­ding­ten Ar­beits­kräf­te­man­gels be­müh­te sie sich ak­tiv um de­ren Zu­tei­lung be­zie­hungs­wei­se wi­der­setz­te sich de­ren Ab­zug. Bei den In­stand­set­zungs- und Räum­ar­bei­ten nach Bom­ben­an­grif­fen wa­ren die Zwangs­ar­bei­ter fest ein­kal­ku­liert. Den städ­ti­schen Kran­ken­an­stal­ten wur­den vom Ar­beits­amt zu­nächst oh­ne ei­ge­nes Zu­tun Ost­ar­bei­te­rin­nen an­ge­bo­ten. Glaubt man der Chro­nik des Kem­per­hofs, fühl­ten sich die jun­gen Ukrai­ne­rin­nen dort wohl. Als der Kem­per­hof auch kran­ke Ost­ar­bei­ter zu ver­sor­gen hat­te, für die zwei Holz­ba­ra­cken als Kran­ken­sta­tio­nen auf­ge­stellt wur­den, ver­such­te Ver­wal­tungs­lei­ter Jo­han­nes Schmitz (1888-1955), Zwangs­ar­bei­ter als Pfle­ge­per­so­nal zu er­hal­ten. Un­bot­mä­ßi­ges Ver­hal­ten ei­ner Ost­ar­bei­te­rin brach­te er nicht zur An­zei­ge, wohl aber ei­nen Dieb­stahl durch ei­nen aus­län­di­schen Kran­ken­pfle­ger, der des­sen KZ-Ein­wei­sung zur Fol­ge hat­te. Das von Fuhl­rott für die Ost­ar­bei­te­rin­nen ge­for­der­te Ver­bot des Schla­fens im Bun­ker um­ging Schmitz. In zwei Fäl­len mel­de­te er vor­schrifts­mä­ßig die Schwan­ger­schaft von Ost­ar­bei­te­rin­nen. Die Zwangs­ab­trei­bun­gen bei Ost­ar­bei­te­rin­nen wur­den zu­nächst von Chef­arzt Hoh­mei­er und sei­nen As­sis­tenz­ärz­ten durch­ge­führt. Als schlie­ß­lich 1944 ein ukrai­ni­scher Arzt ein­traf, schob Hoh­mei­er ihm die Ver­ant­wor­tung für die Zwangs­ab­trei­bun­gen zu. Nach Kriegs­en­de wehr­te er sich, er hät­te ver­geb­lich re­li­giö­se und ethi­sche Be­den­ken vor­ge­bracht. We­nig glaub­wür­dig er­schei­nen da­ge­gen Hoh­mei­ers Ein­las­sun­gen, es ha­be sich nur um Ab­or­te und frei­wil­li­ge Ab­trei­bun­gen ge­han­delt.

5. Einsatz an der Heimatfront

Die Auf­trags­ver­wal­tung für das Reich nahm seit Kriegs­be­ginn im­mer grö­ße­re Aus­ma­ße an und brach­te für die Stadt­ver­wal­tung ei­ne ge­ra­de­zu er­drü­cken­de Auf­ga­ben­last mit sich (Luft­schutz­maß­nah­men und Bun­ker­bau, Ein­quar­tie­run­gen und Be­schlag­nah­men, „Kriegs­äm­ter“: Wirt­schafts- und Er­näh­rungs­amt, Kriegs­schä­den­amt, Ab­tei­lung für Fa­mi­li­en­un­ter­halt, Amt für So­fort­maß­nah­men). Ei­ni­ge der neu ent­ste­hen­den Äm­ter ent­wi­ckel­ten sich schnell zu den grö­ß­ten der Stadt­ver­wal­tung, wäh­rend nicht kriegs­wich­ti­ge Ar­bei­ten zu­rück­ste­hen muss­ten oder ganz ein­ge­stellt wur­den. Die zu­neh­men­de Un­über­sicht­lich­keit der recht­li­chen Be­stim­mun­gen so­wie der durch Ein­be­ru­fun­gen stark aus­ge­dünn­te Per­so­nal­be­stand er­schwer­ten den Ar­beits­all­tag. Der Man­gel an Ver­wal­tungs­fach­kräf­ten konn­te durch schnell an­ge­lern­tes Aus­hilfs­per­so­nal, dar­un­ter vie­le Frau­en, ei­ni­ger­ma­ßen auf­ge­fan­gen wer­den. Gleich­zei­tig wuchs die Zahl der Ak­teu­re im po­ly­kra­ti­schen Ge­flecht des NS-Staa­tes (Reichs­ver­tei­di­gungs­kom­mis­sar, Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ter für die Reichs­ver­wal­tung, Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ter für die Wirt­schaft, Ein­satz­stab des Gau­lei­ters), in dem die Stadt­ver­wal­tung ih­ren Platz be­haup­ten muss­te. Dies al­les ver­lang­te von den Be­diens­te­ten Fle­xi­bi­li­tät und Prag­ma­tis­mus.

Rechnung des „Transportbüros“ der Kölner Polizei für die Umsiedlung von Zigeunern nach Warschau am 21. Mai 1940. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Ver­schie­de­ne Aus­füh­run­gen von Ver­wal­tungs­di­rek­tor Ja­kob Mül­ler (1895-1975) lie­fern ein Mus­ter­bei­spiel da­für, wie die tra­di­tio­nel­le Ver­wal­tungs­pra­xis zu­guns­ten ei­ner „Ver­ein­fa­chung der Ver­wal­tun­g“ auf­ge­weicht wer­den soll­te. Bü­ro­kra­tie­ab­bau soll­te aber nicht nur der Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung an­ge­sichts der viel­fäl­ti­gen Kriegs­auf­ga­ben und der Frei­set­zung Wehr­fä­hi­ger für die Front die­nen. Die Auf­recht­er­hal­tung ei­ner ra­schen und rei­bungs­lo­sen Be­die­nung der „Volks­ge­nos­sen“ be­zweck­te auch, dem Stim­mungs­ver­fall der Be­völ­ke­rung vor­zu­beu­gen. Es ging nicht nur dar­um, Be­schwer­den an hö­he­rer Stel­le zu ver­mei­den, son­dern ei­ne an­ge­sichts der Man­gel­wirt­schaft wach­sen­de Un­zu­frie­den­heit ein­zu­däm­men, die letzt­lich das NS-Re­gime an sich in Fra­ge zu stel­len droh­te.

Die Zu­sam­men­ar­beit der Stadt­ver­wal­tung mit der Kreis­lei­tung - ins­be­son­de­re mit Kreis­lei­ter Cat­te­po­el - bei der Ein­satz­pla­nung und der prak­ti­schen Ka­ta­stro­phen­be­wäl­ti­gung nach Luft­an­grif­fen lief pro­blem­los und un­kom­pli­ziert. Die Aus­ga­be der Le­bens­mit­tel­kar­ten er­folg­te durch die NSV-Orts­grup­pen, und die NSV wur­de zur Ver­fü­gung über de­zen­tra­le Le­bens­mit­tel­la­ger er­mäch­tigt. Bei der Be­sei­ti­gung von Flie­ger­schä­den war die kom­mu­na­le Bü­ro­kra­tie auf or­ga­ni­sa­to­ri­scher und per­so­nel­ler Ebe­ne eng mit der Par­tei ver­zahnt. Die Ein­tei­lung der Scha­dens­be­zir­ke ori­en­tier­te sich zum Bei­spiel ex­akt an den Gren­zen der NS­DAP-Orts­grup­pen, die Wie­der­auf­bau­lei­ter wa­ren zur Zu­sam­men­ar­beit mit den Orts­grup­pen­lei­tern ver­pflich­tet und bei der Fest­stel­lung der Hin­ter­blie­be­nen der Luft­kriegs­to­ten griff die Stadt­ver­wal­tung auf die Hil­fe der Orts­grup­pen zu­rück.

Hafen- und Verkehrsdirektor Franz Lanters, Porträtfoto. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Die mög­lichst schnel­le Ver­pfle­gung nach Bom­ben­an­grif­fen und die Wie­der­her­stel­lung von Wohn­raum, der Gas- und Was­ser­lei­tun­gen usw. ge­hör­ten zu den wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für die „Ru­hig­stel­lun­g“ der Be­völ­ke­rung. Die ka­ta­stro­pha­len Luft­kriegs­fol­gen konn­ten in ei­ner ge­mein­sa­men, ar­beits­tei­li­gen Kraft­an­stren­gung von Stadt­ver­wal­tung und Par­tei trotz schwin­den­der ma­te­ri­el­ler und per­so­nel­ler Res­sour­cen er­staun­lich gut und lan­ge be­wäl­tigt wer­den. So­gar nach dem ver­hee­ren­den An­griff des 6.11.1944 klapp­te die Kri­sen­be­wäl­ti­gung noch leid­lich, zu kei­nem Zeit­punkt herrsch­te das blan­ke Cha­os. Ver­schie­de­ne Äu­ße­run­gen lei­ten­der Be­am­ter zei­gen, dass die Stadt­ver­wal­tung sich sehr wohl für die „Stim­mun­g“ der Be­völ­ke­rung mit­ver­ant­wort­lich fühl­te. Dies wi­der­sprach der of­fi­zi­ell gel­ten­den Auf­ga­ben­tei­lung mit der Kreis­lei­tung, die dar­in ein Kern­an­lie­gen der „Men­schen­füh­run­g“ der Par­tei sah. In der Pra­xis scheint dies für den Kreis­lei­ter kei­ne Rol­le ge­spielt zu ha­ben, was ein­mal mehr das prag­ma­ti­sche Zie­hen an ei­nem Strang an­ge­sichts der zu be­wäl­ti­gen­den Pro­ble­me be­legt. Die Maß­nah­men der Stadt zur Ge­fal­le­nen­eh­rung (zum Bei­spiel 1939 Schaf­fung ei­nes Eh­ren­fried­hofs, 1941 An­la­ge ei­nes Krieg­seh­ren­buchs für die ge­fal­le­nen Söh­ne der Stadt) le­gi­ti­mier­ten ei­ner­seits das mas­sen­haf­te Ster­ben, an­de­rer­seits hal­fen sie der Be­völ­ke­rung, zu­min­dest „Hal­tun­g“ zu be­wah­ren. Die Be­sorgt­heit um die „Stim­mun­g“ der Be­völ­ke­rung und die Eh­rung ge­fal­le­ner Bür­ger wa­ren aber wohl nicht aus­schlie­ß­lich ideo­lo­gisch-po­li­tisch mo­ti­viert. Viel­mehr ge­hör­te es zum ver­in­ner­lich­ten Be­rufs­ethos der Be­am­ten, sich für das Wohl der All­ge­mein­heit ver­ant­wort­lich zu füh­len. Ins­ge­samt ge­se­hen er­wies sich die Stadt­ver­wal­tung mit ih­ren Be­diens­te­ten als zen­tra­ler, zu­ver­läs­sig funk­tio­nie­ren­der Be­stand­teil der Hei­mat­front, zu de­ren Sta­bi­li­tät sie ganz we­sent­lich bei­trug.

Verpflegung der Bevölkerung nach einem Bombenangriff, 1944. (Stadtarchiv Koblenz)

 

An­fang 1945 kam es zum Zer­würf­nis zwi­schen Ober­bür­ger­meis­ter Sim­mer und Gau­lei­ter Si­mon, was nicht nur auf per­sön­li­chen Mo­men­ten und ih­rer in­sti­tu­tio­nell be­ding­ten Ri­va­li­tät be­ruh­te, son­dern auch auf den un­er­füll­ba­ren For­de­run­gen des Gau­lei­ters nach noch schnel­le­rer Scha­dens­be­sei­ti­gung. Der Ober­bür­ger­meis­ter hat­te als „Lei­ter der So­fort­maß­nah­men“ im­mer wie­der selbst zur Ei­le an­ge­trie­ben. In­fol­ge die­ses Kon­flikts wur­de Sim­mer Mit­te Fe­bru­ar 1945 ein­be­ru­fen, ihn er­setz­te kom­mis­sa­risch der Trie­rer Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Kon­rad Gor­ges (1898-1968). Am 17.3.1945 rück­ten ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten in das links­rhei­ni­sche Ko­blenz ein. Gor­ges hat­te sich be­fehls­ge­mäß über den Rhein ab­ge­setzt und so war es Ha­fen- und Ver­kehrs­di­rek­tor Franz Lan­ters (1877-1956) vor­be­hal­ten, als Ver­tre­ter der Stadt um Scho­nung der Be­völ­ke­rung zu bit­ten.

Quellen

Die wich­tigs­ten un­ge­druck­ten Quel­len be­fin­den sich in fol­gen­den Be­stän­den:
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Lan­des­haupt­ar­chiv Ko­blenz, Best. 403, Best. 441, Best. 662,6, Best. 856.
Bun­des­ar­chiv Ber­lin-Lich­ter­fel­de: Best. ehem. BDC, NS 25, R 36, R 43-I, R 43-II, R 55, R 1501,
Lan­des­ar­chiv Nord­rhein-West­fa­len Ab­tei­lung Rhein­land, Best. NW 6, Best. RW 50-53.

Literatur

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Ein amerikanischer Soldat auf einem Beobachtungsposten am Görres-Denkmal in den Rheinanlagen, März 1945. (Stadtarchiv Koblenz)

 
Zitationshinweis

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Weiß, Petra, Die Stadtverwaltung Koblenz im Nationalsozialismus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-stadtverwaltung-koblenz-im-nationalsozialismus/DE-2086/lido/57d1345d839016.94615437 (16.11.2018)