Adalgisel Grimo

Diakon der Bischofskirche von Verdun (gestorben nach dem 30.12.634)

Manfred Groten (Bonn)

Abschrift des Testaments von Adalgisel Grimo, 10. Jahrhundert. (CC BY-SA 4.0/Oktobersonne)

Die Exis­tenz Ad­alg­i­sel Gri­mos wird al­lein durch sein Tes­ta­ment vom 30.12.634 be­zeugt, das nur in ei­ner Ab­schrift des 10. Jahr­hun­derts über­lie­fert ist. Wie alt Ad­alg­i­sel Gri­mo zum Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung war, ist nicht be­kannt. Das Do­ku­ment „ist die äl­tes­te Ur­kun­de des frü­hen Mit­tel­al­ters, de­ren In­halt die Rhein­lan­de [= die preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz] be­rühr­t“. Es ist ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Quel­le für die Kir­chen-, So­zi­al-, Wirt­schafts- und Sprach­ge­schich­te Aus­tri­ens, des öst­li­chen Teil­reichs des me­ro­win­ger­zeit­li­chen Fran­ken­rei­ches, im frü­hen 7. Jahr­hun­dert.

Der Dia­kon nennt sich nur in der Ein­lei­tungs­for­mel sei­nes Tes­ta­ments, wo er sei­ne Iden­ti­tät rechts­kräf­tig er­klä­ren muss, mit sei­nem ver­lie­he­nen Ruf­na­men Ad­alg­i­sel und sei­nem er­wor­be­nen „Ko­se­na­men“ Gri­mo (Ego Adal­gy­se­lus qui et Gri­mo). Wei­ter im Text spricht er von sich nur noch als Gri­mo. Wäh­rend der Na­me Ad­alg­i­sel für den kun­di­gen Zeit­ge­nos­sen die Po­si­ti­on des Dia­kons in sei­ner Sip­pe und da­mit auch des­sen An­spruch auf ei­nen Ver­mö­gens­an­teil zum Aus­druck brach­te, war Gri­mo der All­tags­na­me, mit dem er an­ge­spro­chen wur­de und mit dem er sich selbst iden­ti­fi­zier­te. Ad­alg­i­sel Gri­mo ist al­so kein Dop­pel­na­me und darf des­halb nicht mit Bin­de­strich ge­schrie­ben wer­den.

Über den Le­bens­lauf Gri­mos kann uns nur sein Tes­ta­ment Aus­kunft ge­ben. Da­nach ver­dank­te er Er­zie­hung und Ver­sor­gung der Bi­schofs­kir­che von Ver­dun, der er als Dia­kon dien­te. Auf kirch­li­che Sti­pen­di­en war Gri­mo al­ler­dings nicht an­ge­wie­sen. Sein Tes­ta­ment do­ku­men­tiert ei­nen im­men­sen an Chiers, Saar, Ober­mo­sel und Maas nörd­lich der Ar­den­nen ver­streu­ten Pri­vat­be­sitz, der zum grö­ß­ten Teil Fa­mi­li­ener­be war. Wer sei­ne El­tern wa­ren, ver­rät Gri­mo je­doch nicht. Er er­wähnt sei­ne ver­stor­be­ne Schwes­ter Er­men­gun­dis, die als Dia­ko­nis­se (dya­co­na) eben­falls ein geist­li­ches Le­ben ge­führt hat­te. Ei­nen Her­zog Bo­bo be­zeich­net er als sei­nen Nef­fen. Ob es sich um den Her­zog han­delt, der 639 an der Sei­te des jun­gen Kö­nigs Si­gi­bert III. (um 630-656) ge­gen den Thü­rin­ger­her­zog Ra­dulf (ge­stor­ben nach 642) kämpf­te, ist nicht si­cher. Zwei wei­te­re Nef­fen nennt Gri­mo Söh­ne Ados (sei­nes Bru­ders?). Bei ei­ner Tan­te vä­ter­li­cher­seits, die im spä­te­ren Ge­orgs­stift in Amay bei Huy an der Maas be­stat­tet wor­den war, dürf­te es sich um ei­ne seit dem 11. Jahr­hun­dert als Hei­li­ge ver­ehr­te Oda (ur­sprüng­lich Chro­do­a­ra) han­deln. Die­se soll mit ei­nem aqui­ta­ni­schen Her­zog Bo­deg­i­sel (Bog­gis) ver­hei­ra­tet ge­we­sen sein. Ob Gri­mo mit dem Her­zog Ad­alg­i­sel ver­wandt war, der 633 ge­mein­sam mit Bi­schof Ku­ni­bert von Köln die Re­gie­rungs­ge­schäf­te für den un­mün­di­gen Kö­nig Si­gi­bert III. über­nahm, wird in der For­schung noch kon­tro­vers dis­ku­tiert. Si­cher ist je­doch, dass Gri­mo ei­nem Ge­schlecht an­ge­hör­te, des­sen Ver­tre­ter mit den mäch­tigs­ten Män­nern der frän­ki­schen Eli­te Aus­tri­ens, für die der Be­griff Adel streng ge­nom­men noch nicht ver­wen­det wer­den darf, auf Au­gen­hö­he ver­keh­ren konn­ten. Zu die­ser Eli­te zähl­ten Bi­schof Ar­nulf von Metz (am­tier­te 614 – 629, ge­stor­ben 643/647) und der Haus­mei­er Pip­pin d. Ä. (ge­stor­ben 640), de­ren Kin­der An­seg­i­sel (602-679) und Beg­ga (615-693) das Ka­ro­lin­ger­ge­schlecht be­grün­de­ten.

Gri­mo ge­hör­te zu ei­ner wach­sen­den Zahl vor­neh­mer Fran­ken, die für den Dienst in der Kir­che aus­ge­bil­det wur­den. In sei­ner Zeit ka­men un­ter an­de­rem Bi­schof Ku­ni­bert von Köln und Bi­schof Mo­do­ald von Trier (um 614/620 – 645/648) aus die­sen Krei­sen. Die frän­ki­schen Er­obe­rer, die die auf dem Ter­ri­to­ri­um des rö­mi­schen Rei­ches ver­blie­be­ne Be­völ­ke­rung ih­rer Herr­schafts- und Wirt­schafts­wei­se zu un­ter­wer­fen trach­te­ten, blie­ben ih­rer­seits nicht un­be­ein­flusst von der spät­an­tik-rö­mi­schen Kul­tur, die sich auf vie­len Ge­bie­ten zu be­haup­ten wuss­te. Die christ­li­che Kir­che, die in ih­rem Kern ei­ne rö­mi­sche In­sti­tu­ti­on war, blieb lan­ge ein Re­ser­vat der ge­bil­de­ten rö­mi­schen Fa­mi­li­en, die in den Städ­ten im­mer noch den Ton an­ga­ben. Gri­mos Bi­schof Pau­lus von Ver­dun (cir­ca 630 – 647/648) war ein ty­pi­scher Ver­tre­ter die­ser tra­di­tio­nel­len Eli­te. Gri­mo leb­te als Kle­ri­ker in ei­ner ro­ma­nisch-frän­ki­schen Ge­mein­schaft. Er sprach so­wohl frän­kisch als auch die aus dem La­tei­ni­schen ent­stan­de­ne „ro­ma­ni­sche“ Um­gangs­spra­che. Au­ßer­dem be­herrsch­te er die la­tei­ni­sche Spra­che der Lit­ur­gie und der christ­li­chen Li­te­ra­tur.

Gri­mos Tes­ta­ment lässt er­ken­nen, dass der Dia­kon sei­ne Amts­pflich­ten sehr ernst nahm. Aus der Apos­tel­ge­schich­te (Ka­pi­tel 6) wuss­te er, dass in der Ur­ge­mein­de in Je­ru­sa­lem sie­ben Dia­ko­ne ge­wählt wor­den wa­ren, die die Apos­tel bei der Ar­men­ver­sor­gung ent­las­ten soll­ten. In der gal­li­schen Kir­che wa­ren die Dia­ko­ne zwar nicht mehr vor­ran­gig Ar­men­pfle­ger, aber Gri­mo en­ga­gier­te sich, zu­min­dest wenn es um die Si­che­rung sei­nes See­len­heils durch gu­te Ta­ten ging, in ers­ter Li­nie in ver­schie­de­nen For­men der Ar­men­für­sor­ge.

Mit sei­ner Klos­ter­grün­dung in Lon­guyon ver­band er ein Hos­pi­tal (xe­nodo­ci­um) für 16 Ar­me, das er gro­ßzü­gig aus­stat­te­te. Wei­ter­hin schenk­te er Grund­be­sitz an die Ma­tri­kel von Huy an der Maas und 600 So­li­di an die Ma­tri­kel des Klos­ters des hl. Mar­tin in Tours. Ma­tri­keln wa­ren Aus­ga­be­stel­len für Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen an bei den zu­stän­di­gen Kir­chen re­gis­trier­te Ar­me. Auf sei­nem Gut Mer­cy an der Chiers rich­te­te Gri­mo ei­ne ei­ge­ne Al­mo­sen­stif­tung (ele­mosi­na) ein. Gü­ter stif­te­te er auch für die Ver­sor­gung von Le­pra­kran­ken in Ver­dun, Maas­tricht und in der kö­nig­li­chen Re­si­denz­stadt Metz.

 

Das Klos­ter Lon­guyon war die be­deu­tends­te Stif­tung Gri­mos. Die­ses Klos­ter setz­te er den Be­stim­mun­gen des rö­mi­schen Rechts ge­mäß zu sei­nem Haupter­ben ein. Die Äb­te von Lon­guyon ver­wal­te­ten den Nach­lass. Kurz vor der Tes­ta­ments­er­rich­tung grün­de­te Gri­mo ein wei­te­res geist­li­ches In­sti­tut (lo­ca sanc­to­rum) in Tho­ley, das ei­ne klös­ter­li­che Ver­fas­sung er­hielt.

Gri­mo be­saß ur­sprüng­lich mehr Gü­ter, als er in sei­nem Tes­ta­ment auf­führ­te. In die­sem Do­ku­ment ver­weist er auf frü­he­re Schen­kun­gen und Frei­las­sun­gen von Hö­ri­gen. Die gro­ßen Land­gü­ter (vil­lae), die Gri­mo ganz oder an­tei­lig be­saß, er­wirt­schaf­te­ten für ih­re Be­sit­zer an­sehn­li­che Geld­be­trä­ge, die noch in der rö­mi­schen Gold­wäh­rung des so­li­dus be­zif­fert wur­den, wenn die ver­füg­ba­ren Mün­zen häu­fig auch nur noch blass­gol­de­ne Drit­tel­so­li­di wa­ren. Auf den Gü­tern wur­den Acker­bau, Vieh­zucht und ver­schie­de­ne Hand­wer­ke be­trie­ben. Gri­mo er­wähnt auch Müh­len. Ei­ne ei­ge­ne Or­ga­ni­sa­ti­on hat­ten wohl die Wein­ber­ge an Mo­sel und Lie­ser. Die Na­tu­ral­wirt­schaft, die den Ver­zehr der Er­trä­ge vor Ort er­for­der­te, hat­te für Gri­mo noch ge­rin­ge Be­deu­tung. Ih­re Aus­brei­tung hat­te je­doch schon ein­ge­setzt. Die Zeit um 600 lässt sich als Über­gangs­pha­se von der spät­an­ti­ken zur früh­mit­tel­al­ter­li­chen Wirt­schafts­ver­fas­sung cha­rak­te­ri­sie­ren.

Gri­mo dürf­te sei­nen Le­bens­mit­tel­punkt in Ver­dun ge­habt ha­ben. Er ver­füg­te aber auch über ein Haus in Trier. Wie oft er sei­ne zahl­rei­chen Land­gü­ter be­such­te, lässt sich nicht er­mit­teln.

Gri­mos Stif­tun­gen ha­ben nach­hal­tig ge­wirkt. Bis zum 10. Jahr­hun­dert las­sen sich ih­re Spu­ren ver­fol­gen. Ber­ta­ri­us (9./10. Jahr­hun­dert), der um 916 ei­ne kur­ze Ge­schich­te der Bi­schö­fe von Ver­dun schrieb, er­wähnt Gri­mos Schen­kun­gen an die Kir­che von Ver­dun. Er hielt Gri­mo für ei­nen Nef­fen Kö­nig Da­go­berts (I., um 605/610-639 oder 638?). Die im Ur­kun­den­be­stand des Erz­bis­tums Trier er­hal­te­ne Ab­schrift des Tes­ta­ments stammt ver­mut­lich aus Lon­guyon. Der sprung­haf­te Auf­bau des über­lie­fer­ten Tex­tes könn­te das Re­sul­tat ei­ner fal­schen Re­kon­struk­ti­on des zer­fal­le­nen Pa­py­ru­so­ri­gi­nals ge­we­sen sein. We­der in Lon­guyon noch in Tho­ley wur­de Gri­mo als Klos­ter­grün­der ver­ehrt. Er hat sei­ne letz­te Ru­he ver­mut­lich in Ver­dun ge­fun­den.

Quellen

Ori­gi­nal: Lan­des­haupt­ar­chiv Ko­blenz Best. 1A Nr. 1.
Jüngs­te Edi­ti­on mit Über­set­zung Herr­mann, Das Gri­mo-Tes­ta­ment (1975), S. 68-77 = Herr­mann, Das Tes­ta­ment (1985), S. 264-275, ba­sie­rend auf der ma­ß­geb­li­chen Erst­ver­öf­fent­li­chung von Le­vi­son, S. 73-84. 

Literatur

Herr­mann, Hans-Wal­ter, Das Gri­mo-Tes­ta­ment. Die äl­tes­te Ur­kun­de des Rhein­lan­des 634, in: Heyen, Franz-Jo­sef/Jans­sen, Wil­helm, Zeug­nis­se rhei­ni­scher Ge­schich­te. Ur­kun­den, Ak­ten und Bil­der aus der Ge­schich­te der Rhein­lan­de, Neuss 1982, S. 8−10.
Herr­mann, Hans-Wal­ter, Das Tes­ta­ment des Ad­alg­i­sel-Gri­mo, in: 22. Be­richt der staat­li­chen Denk­mal­pfle­ge im Saar­land (1975), S. 67−89. 
Herr­mann, Hans-Wal­ter, Das Tes­ta­ment des frän­ki­schen Ad­li­gen Adelg­i­sel Gri­mo. Ein Zeug­nis me­ro­win­ger­zeit­li­chen Le­bens an Saar, Mo­sel und Maas, in: Stu­di­en und Mit­tei­lun­gen zur Ge­schich­te des Be­ne­dik­ti­ner­or­dens und sei­ner Zwei­ge 96 (1985), S. 260–276.
Ir­sig­ler, Franz, Ge­sell­schaft, Wirt­schaft und re­li­giö­ses Le­ben im Ober­mo­sel-Saar-Raum zur Zeit des Dia­kons Ad­alg­i­sel Gri­mo, in: Hoch­wäl­der Ge­schichts­blät­ter 1 (1989), S. 5−18; Nach­druck in: Henn, Vol­ker/Hol­bach, Ru­dolf/Pau­ly, Mi­chel /Schmid, Wolf­gang (Hg.), Mis­cel­lanea Franz Ir­sig­ler. Fest­ga­be zum 65. Ge­burts­tag, Trier 2006, S. 247–274. 
Le­vi­son, Wil­helm, Das Tes­ta­ment des Dia­kons Ad­al­gi­so-Gri­mo vom Jah­re 634, in: Trie­rer Zeit­schrift 7 (1932), S. 69–85, Nach­druck in: Aus rhei­ni­scher und frän­ki­scher Früh­zeit. Aus­ge­wähl­te Auf­sät­ze, Düs­sel­dorf 1948, S. 118–138. Nonn, Ul­rich, Zur Fa­mi­lie des Dia­kons Ad­alg­i­sel-Gri­mo, in: Jahr­buch für west­deut­sche Lan­des­ge­schich­te 1 (1975), S. 11–17.
Pau­ly, Mi­chel, Von der Frem­den­her­ber­ge zum Se­nio­ren­heim. Funk­ti­ons­wan­del in mit­tel­al­ter­li­chen Hos­pi­tä­lern an aus­ge­wähl­ten Bei­spie­len aus dem Maas-Mo­sel-Rhein-Raum, in: Ma­theus, Mi­cha­el (Hg.), Funk­ti­ons- und Struk­tur­wan­del spät­mit­tel­al­ter­li­cher Hos­pi­tä­ler im eu­ro­päi­schen Ver­gleich, Stutt­gart 2005, S. 101−116.
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Die Benediktinerabtei des Heiligen Mauritius in Tholey, 2015. (CC BY-SA 4.0/Oktobersonne)

 
Zitationshinweis

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Groten, Manfred, Adalgisel Grimo, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/adalgisel-grimo/DE-2086/lido/5f71ae51dcdc78.18700302 (abgerufen am 27.10.2020)