Albert Steeger

Heimatforscher (1885-1958)

Arie Nabrings (Pulheim)

Albert Steeger, Porträtfoto. (LVR-Fachbereich Kommuniktion)

Al­bert Stee­ger ge­hört zu den viel­sei­ti­gen rhei­ni­schen For­scher­per­sön­lich­kei­ten im 20. Jahr­hun­dert. Zu­nächst als Leh­rer wir­kend, stu­dier­te er nach dem Ers­ten Welt­krieg Geo­lo­gie und Bo­ta­nik, ehe er sich auch als His­to­ri­ker und Ar­chäo­lo­ge ho­he Re­pu­ta­ti­on er­warb. Sein fa­cet­ten­rei­ches, Fä­cher über­grei­fen­des wis­sen­schaft­li­ches Wir­ken mach­te ihn zu ei­nem wich­ti­gen Im­puls­ge­ber der ge­schicht­li­chen Er­for­schung des Nie­der­rheins.

Al­bert Stee­ger wur­de am 1.11.1885 in Lob­be­rich als drit­ter Sohn des We­be­rei­di­rek­tors Kon­rad Stee­ger und sei­ner Ehe­frau Ma­ria, ge­bo­re­ne Lens­sen, ge­bo­ren. Nach dem Be­such der Volks­schu­le nahm er Pri­vat­un­ter­richt zur Vor­be­rei­tung auf die Aus­bil­dung am kö­nig­li­chen Leh­rer­se­mi­nar, das er von 1902-1905 in Kem­pen be­such­te. An­schlie­ßend trat er in Nieu­kerk in den ak­ti­ven Schul­dienst ein; sei­ne wei­te­ren Sta­tio­nen nach der Ab­leis­tung des ein­jäh­ri­gen Mi­li­tär­diens­tes wa­ren Ba­erl (heu­te Stadt Duis­burg) und Meer­beck (heu­te Stadt Mo­ers). 1911 leg­te er die Prü­fung zum Mit­tel­schul­leh­rer ab und ging 1912 an die Ma­ri­an­ne-Rho­di­us-Re­al­schu­le für Mäd­chen nach Kre­feld, de­ren Lei­tung er 1926 über­nahm. In Kre­feld nahm er auch Kon­takt zum Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ein der Stadt auf und mach­te die Be­kannt­schaft mit dem re­nom­mier­ten Bo­ta­ni­ker Hans Höpp­ner (1873-1946), die sich für sein spä­te­res Wir­ken als prä­gend er­wei­sen soll­te.

1914-1918 nahm Stee­ger als Sol­dat am Ers­ten Welt­krieg teil. In die­se Zeit fällt auch sei­ne Hei­rat (1916) mit Ka­tha­ri­na Ca­pell aus Kem­pen. Aus der Ehe gin­gen drei Söh­ne und zwei Töch­ter her­vor. Nach 1918 stu­dier­te er, ne­ben dem Schul­dienst, in Köln und Bonn. Sein In­ter­es­se galt vor al­lem den The­men Geo­lo­gie, Geo­gra­phie, Bo­ta­nik, Bio­lo­gie, Zoo­lo­gie und Mi­ne­ra­lo­gie. 1923 pro­mo­vier­te er mit der Ar­beit „Das gla­cia­le Di­luvi­um des nie­der­rhei­ni­schen Tief­lan­des" an der Uni­ver­si­tät Köln zum Dr. phil. Mehr und mehr rück­ten in den fol­gen­den Jah­ren aber auch die The­men­fel­der Ar­chäo­lo­gie und Sied­lungs­ge­schich­te des lin­ken Nie­der­rheins, ne­ben sei­nen in­ten­siv be­trie­be­nen bio­lo­gi­schen, bo­ta­ni­schen und geo­lo­gi­schen Stu­di­en, in den Mit­tel­punkt sei­ner For­schungs­tä­tig­keit.

Be­son­de­re Un­ter­stüt­zung für sei­ne Ar­beit er­fuhr er ab 1933 nach der Macht­er­grei­fung der NS­DAP, der er – bis da­hin Mit­glied des Zen­trums – An­fang 1934 bei­trat, dort aber kei­ne wei­te­ren Äm­ter oder Funk­tio­nen über­nahm.

Ein neu­es Tä­tig­keits­feld er­schloss sich ihm mit der Vor­be­rei­tung der Kre­fel­der Aus­stel­lung „2000 Jah­re ger­ma­ni­sches Bau­ern­tum am lin­ken Nie­der­rhein" (1935) und nach­fol­gend „Burg und Stadt am Nie­der­rhein" (1938). Der Er­folg der ers­ten Aus­stel­lung so­wie sei­ne um­fang­rei­chen Gra­bun­gen und For­schun­gen führ­ten da­zu, dass er 1936 aus dem Schul­dienst aus­schied, Lei­ter der Hei­mat­for­schung der Stadt Kre­feld wur­de und in ih­rem Auf­trag 1938 als Di­rek­tor die Ein­rich­tung ei­nes Hei­mat­hau­ses des Nie­der­rheins am Nord­wall (1943 zer­stört) über­nahm. Stee­gers Plä­ne ziel­ten aber wei­ter. Er woll­te in Kre­feld ein Frei­licht­mu­se­um für den Nie­der­rhein auf­bau­en und un­ter­nahm da­zu 1938 Stu­di­en­rei­sen nach Dä­ne­mark, Nor­we­gen, Schwe­den und Finn­land. Der Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs stopp­te das ehr­gei­zi­ge Vor­ha­ben.

Sei­ne Ar­beit konn­te Stee­ger erst 1948 wie­der auf­neh­men, nach­dem ihn der Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schuss am 18.3.1948 als „Mit­läu­fer" (Ka­te­go­rie IV) ein­ge­stuft hat­te. Nach­dem ihm die Lei­tung al­ler Mu­se­en im Kre­fel­der Stadt­ge­biet über­tra­gen wor­den war, konn­te Stee­ger die Um­set­zung sei­ner Pla­nun­gen der Vor­kriegs­zeit wei­ter­ver­fol­gen.1952 er­öff­ne­te das Land­schafts­mu­se­um des Nie­der­rheins un­ter Ein­be­zie­hung des ehe­ma­li­gen Jagd­schlos­ses so­wie des spa­ni­schen Fes­tungs­werks, der Vor­burg und Burg in Linn. Die Idee ei­nes Rhei­ni­schen Frei­licht­mu­se­ums in Kre­feld ließ sich hin­ge­gen nicht ver­wirk­li­chen. Der Land­schafts­ver­band Rhein­land ent­schied sich 1958 viel­mehr für den Ort Kom­mern in der Ei­fel.

Stee­gers Ein­satz für die nie­der­rhei­ni­sche Ge­schich­te spie­gelt sich auch in sei­ner Mit­glied­schaft in zahl­rei­chen lan­des­kund­li­chen Ver­ei­nen wi­der. 1934 wur­de er un­ter an­de­rem zum Kom­mis­sar für Na­tur­denk­mal­pfle­ge am lin­ken Nie­der­rhein und 1939 zum Vor­stands­mit­glied und Kul­tur­wart im Ver­ein lin­ker Nie­der­rhein be­stellt. Sein En­ga­ge­ment fand brei­te An­er­ken­nung, so durch die Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Bonn 1943, die Ver­lei­hung des Gro­ßen Ver­dienst­kreu­zes der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 1954, die Stif­tung ei­nes Sti­pen­di­ums mit sei­nem Na­men durch den Land­schafts­ver­band Rhein­land 1955 (heu­te Al­bert-Stee­ger-Preis) und die Ver­lei­hung des Pro­fes­so­ren­ti­tels durch die nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­re­gie­rung 1956.

Hoch ge­ach­tet und ge­schätzt starb Al­bert Stee­ger am 15.3.1958 plötz­lich und un­er­war­tet an ei­nem Schlag­an­fall. Er wur­de in Kem­pen bei­ge­setzt, wo­hin er nach der Zer­stö­rung sei­ner Kre­fel­der Woh­nung durch ei­nen Luft­an­griff im Zwei­ten Welt­krieg 1943 um­ge­zo­gen war. Ei­ne Stra­ße in Kre­feld-Linn wur­de 1964 nach ihm be­nannt. Seit 1956 wird der Al­bert-Stee­ger-Preis des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land zur För­de­rung wis­sen­schaft­li­cher Ar­bei­ten zu The­men der rhei­ni­schen Lan­des­kun­de ver­ge­ben.

Be­reits ein Jahr nach sei­nem Tod er­schien ei­ne von Ar­nold Mock her­aus­ge­ge­be­ne Ge­dächt­nis­ga­be für Al­bert Stee­ger. Sei­ne Freun­de, Weg­ge­fähr­ten, Schü­ler und Kol­le­gen schil­dern dar­in, wie sie Stee­ger er­lebt ha­ben. Her­vor­ge­ho­ben wer­den nicht nur sei­ne mensch­li­che Wär­me, die Lie­be zur Na­tur so­wie die Be­geis­te­rung für die Ge­schich­te des Nie­der­rheins, son­dern auch sei­ne Fä­hig­keit der Ver­mitt­lung, die Freu­de an der Mit­tei­lung sei­nes Wis­sens, sei­ne leut­se­li­ge, auf Ver­stän­di­gung und Ver­ständ­nis zie­len­de Art, die ihm bei Kol­le­gen und in wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung Sym­pa­thie ein­trug - Ei­gen­schaf­ten, die ihm We­ge eb­ne­ten und Tü­ren öff­ne­ten.

Als bei­spiel­haft ist er bis heu­te durch die Brei­te sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen an­zu­se­hen. So be­trieb er mit Gründ­lich­keit geo­gra­phi­sche, bo­ta­ni­sche und bio­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen und wur­de zu ei­nem Weg­be­rei­ter des Na­tur­schut­zes am Nie­der­rhein. Un­ter an­de­rem tru­gen sei­ne Stu­di­en ma­ß­geb­lich zur Un­ter­schutz­stel­lung des Kri­cken­be­cker Se­en­ge­bie­tes bei.

Sei­ner na­tur­ge­schicht­li­chen Kennt­nis­se be­dien­te er sich auch, als er sich ab 1931 zu­sam­men mit Fe­lix Rüt­ten (1881-1961) sied­lungs­ge­schicht­li­chen Fra­gen an­nä­her­te. Dank ih­rer For­schun­gen ge­lang der Nach­weis, dass die haus­na­he feuch­te Wei­de Ur­sa­che für die Orts­wahl der frän­ki­schen Sied­ler am Nie­der­rhein war. Im Rah­men der Sied­lungs­ge­schich­te be­fass­te sich Stee­ger auch in­ten­siv mit Orts-, Hof- und Flur­na­men. Ar­chäo­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen und Un­ter­su­chun­gen be­zog er in sei­nen Er­kennt­nis­ra­di­us mit ein und kon­zen­trier­te sich da­bei auf Xan­ten und ab 1934 vor­nehm­lich auf den Raum Gel­lep, wo er 1935 den auf das 5. Jahr­hun­dert zu da­tie­ren­den „Rüs­sel­be­cher" fand. Für sei­ne Ar­beit in Gel­lep kam ihm die Neu­aus­rich­tung der Bo­den­denk­mal­pfle­ge ab 1934 im Rhein­land zu­gu­te. Sie be­en­de­te die Do­mi­nanz der pro­vin­zi­al­rö­mi­schen Ar­chäo­lo­gie und för­der­te un­ter an­de­rem Ring­wall­for­schun­gen so­wie Un­ter­su­chun­gen zur frän­ki­schen Zeit.

Seit Mit­te der 1930er Jah­re rück­ten bei Stee­ger auch bau- und bur­gen­kund­li­che Fra­gen ins Blick­feld. Er mach­te die Gren­ze zwi­schen Nie­der­sach­sen­haus und „frän­ki­schem" Ge­höft an der Gren­ze zwi­schen Dorf- und Ein­zel­hof­sied­lung fest. Die Ent­wick­lung von der Mot­te bis zur Fes­tung er­schloss sich ihm am Bei­spiel der Burg Linn.

Aus­stel­lun­gen und Mu­se­en muss­ten Stee­ger mit sei­ner auf Ver­an­schau­li­chung zie­len­den Art in­ter­es­sie­ren. Be­reits früh ent­wi­ckel­te er den – un­voll­endet ge­blie­be­nen – Plan ei­nes Na­tur­pfa­des in Kre­feld. Bei der lan­des­ge­schicht­li­chen Aus­stel­lung 1938 sorg­te er für den Bau von Di­ora­men und Stadt­mo­del­len, die zur Il­lus­trie­rung der Sied­lungs­ge­schich­te die­nen soll­ten und noch heu­te zu be­wun­dern sind. 1948 mach­te er sich er­neut mit gro­ßem En­ga­ge­ment an den Neu­auf­bau des 1952 er­öff­ne­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Mu­se­ums für Kre­feld (Land­schafts­mu­se­um des Nie­der­rheins), dem heu­ti­gen Mu­se­um Burg Linn. Da­mit ver­band er gleich­zei­tig die Ein­rich­tung ei­ner Mu­se­ums­schu­le. So­mit kann Al­bert Stee­ger auch als ein Pio­nier der mo­der­nen Mu­se­ums­päd­ago­gik be­grif­fen wer­den.

Werke

Stu­di­en zur nie­der­rhei­ni­schen Lan­des­kun­de, Keve­la­er 1981 [mit Schrif­ten­ver­zeich­nis].

Literatur

Mock, Ar­nold (Hg.), Al­bert Stee­ger. Ei­ne Ge­dächt­nis­ga­be sei­ner Freun­de und Ver­eh­rer, Kre­feld 1959.

 
Zitationshinweis

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Nabrings, Arie, Albert Steeger, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/albert-steeger/DE-2086/lido/57c954e7758fc1.14126310 (23.06.2018)