Alexander von Roes

Kanoniker (um 1225-vor 1300)

Lotte Kéry (Bonn)

St. Maria im Kapitol, Detailausschnitt aus der 'Großen Ansicht von Köln', Panorama-Holzschnitt von Anton Woensam (um 1492/1500-1541), 1531, Original im Kölnischen Stadtmuseum, Graphische Sammlung. (Rheinisches Bildarchiv)

Alex­an­der von Roes, der „pa­trio­ti­sche und kir­chen­from­me Köl­ner" (Grund­mann), wur­de als Ver­fas­ser streit­ba­rer Schrif­ten zur Ver­tei­di­gung des Kai­ser­tums ge­gen ein Bünd­nis von Papst­tum und fran­zö­si­schem Kö­nig­tum be­kannt. Be­rühmt ist sei­ne Ver­tei­lung der „Welt­äm­ter" (sa­cer­do­ti­um – re­gnum – stu­di­um) an die drei „Haupt­völ­ker" sei­ner Zeit (Ita­lie­ner – Deut­sche – Fran­zo­sen). 

Alex­an­der von Roes ge­hört zu den mit­tel­al­ter­li­chen Au­to­ren, die fast aus­schlie­ß­lich durch ih­re Wer­ke be­kannt sind. Nur in ei­ner Hand­schrift (Wien cod. lat. 595) nennt er sei­nen Na­men und weist auf sei­ne Stel­lung als Ka­no­ni­ker des Köl­ner Ka­no­nis­sen­stifts St. Ma­ria im Ka­pi­tol hin so­wie auf sei­ne Zu­ge­hö­rig­keit zum rö­mi­schen Kreis des Kar­di­nal­dia­kons Gi­a­co­mo Co­lon­na (ge­stor­ben 1318), des pro­mi­nen­tes­ten An­hän­gers des Kai­ser­tums im Kar­di­nals­kol­le­gi­um und Sym­pa­thi­san­ten der Fran­zis­ka­ner­spi­ri­tua­len. Ihm wid­me­te Alex­an­der von Roes sei­ne Haupt­schrift, das „Me­mo­ria­le de pr­ae­ro­ga­ti­va Ro­ma­ni Im­pe­rii" (Denk­schrift über die Vor­rang­stel­lung des Rö­mi­schen Rei­ches, 1281). 

Auf­grund in­halt­li­cher und sti­lis­ti­scher Über­ein­stim­mun­gen wur­de er als Au­tor zwei­er wei­te­rer Schrif­ten iden­ti­fi­ziert. Da­bei han­delt es sich zum ei­nen um ein al­le­go­ri­sches Ge­dicht mit dem Ti­tel „Pa­vo" (Pfau, 1285), in dem er in der „ver­hül­len­de[n] Pa­ra­bel" ei­nes „Vo­gel­kon­zils" die Ab­set­zung des Ad­lers (Kai­ser) durch den Pfau (Papst) mit Hil­fe des Hahns (Kö­nig von Frank­reich) – ei­ne An­spie­lung auf die Ab­set­zung Fried­richs II. (Re­gie­rungs­zeit 1212-1250) auf dem Lyo­ner Kon­zil 1245 – als Vor­aus­set­zung für den „letz­ten Kampf" schil­dert, der al­le­go­risch durch die päpst­lich-fran­zö­si­sche Ka­ta­stro­phe der Si­zi­li­schen Ves­per (31.3.1282) dar­ge­stellt wird, und da­mit sei­ne Sor­ge um die be­droh­te Welt­ord­nung zum Aus­druck bringt. 

Sein drit­tes Werk, die „No­ti­cia se­cu­li" (Über­sicht über den Lauf der Welt, 1288) greift im Rah­men ei­ner Pro­phe­tie, die das Welt­ende für die Zeit um 1500 an­kün­digt, die The­ma­tik des „Me­mo­ria­le" wie­der auf, dar­un­ter auch die „Welt­ämter­theo­rie", die der Ver­fas­ser mit ei­ner le­ben­di­gen Schil­de­rung der je­wei­li­gen Volks­cha­rak­te­re ver­bin­det, um die Ver­tei­lung der Na­tio­nen auf ih­re Auf­ga­ben als gott­ge­woll­te na­tür­li­che Ord­nung dar­zu­stel­len. Alex­an­der von Roes ver­sucht so, die alt­her­ge­brach­te Vor­rang­stel­lung des Rei­ches als un­ab­ding­bar zu er­wei­sen, um die An­kunft des An­ti­christ zu ver­hin­dern und gleich­zei­tig „durch ei­ne Art Ge­schäfts­ver­tei­lungs­plan un­ter den Kern­völ­kern Eu­ro­pas für ei­ne neue, aus der ge­gen­wär­ti­gen Kri­se hin­aus­füh­ren­de Va­ri­an­te die­ser Vor­rang­stel­lung zu wer­ben" (Fuhr­mann). 

Auf­fäl­li­ge bio­gra­phi­sche Über­ein­stim­mun­gen las­sen ei­ne Iden­ti­tät mit dem bes­ser do­ku­men­tier­ten, aus ei­ner Köl­ner Pa­tri­zi­er­fa­mi­lie stam­men­den Alex­an­der von Leysburg (Leysberg) mög­lich er­schei­nen, der eben­falls ei­ne Ka­no­ni­ker­pfrün­de am Köl­ner Stift Ma­ria im Ka­pi­tol in­ne­hat­te und sich an der rö­mi­schen Ku­rie auf­hielt, um dann spä­ter Fran­zis­ka­ner zu wer­den. Sie muss je­doch hy­po­the­tisch blei­ben, „so­lan­ge ei­ne ein­leuch­ten­de Er­klä­rung für die Ver­schie­den­heit der Bei­na­men nicht zu fin­den" ist (Grund­mann). Eben­falls er­wo­gen wur­de die Ver­wandt­schaft mit dem Köl­ner Ge­schlecht „de Ros­se", das sei­nen Na­men ver­mut­lich nach dem 1231 er­wor­be­nen Haus „Zum Roß" in der Rhein­gas­se führ­te, in dem Erz­bi­schof En­gel­bert II. 1263 wo­chen­lang ge­fan­gen ge­hal­ten wur­de. Zahl­rei­che Hin­wei­se in­ ­s­ei­nen Schrif­ten las­sen er­ken­nen, wie sehr Alex­an­der von Roes sich mit den In­ter­es­sen Kölns und der Köl­ner Kir­che iden­ti­fi­zier­te. Wohl zu Recht hat man ihm ne­ben (rhei­ni­schem) Hu­mor auch ein „köl­nisch-rhei­nisch-frän­kisch[es]" Ge­schichts­bild at­tes­tiert. Er er­wähnt nicht nur die Grün­dung und rei­che Aus­stat­tung des Köl­ner Stifts Ma­ria im Ka­pi­tol durch Plek­trud, die Ge­mah­lin des Haus­mei­ers Pip­pin (um 635-714), der dort auf dem Ka­pi­tol re­si­diert ha­be (Me­mo­ria­le c. 21), son­dern er­zählt auch die Ma­ter­nus-Le­gen­de (c. 35), um die An­sprü­che der Köl­ner Kir­che auf den Be­sitz des sich noch heu­te im Dom­schatz be­fin­den­den Pe­trus-Sta­be­s zu­rück­zu­füh­ren: Des­sen obe­re Hälf­te wer­de zum Zei­chen des Vor­rechts, das der Köl­ner Erz­bi­schof bei Wahl und Wei­he des rö­misch-deut­schen Kö­nigs ge­nie­ße, in Köln auf­be­wahrt, wäh­rend Trier, als die äl­te­re Kir­che, das un­te­re En­de des Pe­trus-Sta­bes be­sit­ze (c. 36). Die Kur­fürs­ten­fa­bel be­nutzt Alex­an­der von Roes in der Les­art, dass Karl der Gro­ße das Kur­fürs­ten­kol­leg ein­ge­setzt ha­be (c. 24), um die Vor­rang­stel­lung des Köl­ner Erz­bi­schofs in Reich und Kir­che zu be­to­nen (c. 36). Dem Erz­bis­tum wünscht er zu­dem den ewi­gen Be­sitz des Her­zog­tums West­fa­len-En­gern (c. 28).

Auf ei­nen „nicht un­wahr­schein­li­chen" Stu­di­en­auf­ent­halt in Pa­ris führt man sei­ne Ein­stel­lung ge­gen­über den Fran­zo­sen zu­rück, de­ren geis­ti­ge Be­ga­bung er neid­los an­er­kennt und de­ren Spott­lust er fürch­tet. An der rö­mi­schen Ku­rie nahm der „frän­kisch-deutsch emp­fin­den­de Köl­ner" (Grund­mann) sie dann als ge­fähr­li­che Be­dro­hung für Reich und Kir­che und so­gar für die gött­li­che Welt­ord­nung wahr. Der An­lass für sei­nen Auf­ent­halt in Ita­li­en (cir­ca 1280-1288) ist un­be­kannt. Mög­li­cher­wei­se kam er im Auf­trag des Köl­ner Erz­bi­schofs Sieg­fried von Wes­ter­burg an die Ku­rie oder – wenn er mit Alex­an­der von Leysburg iden­tisch ist – we­gen ei­nes Strei­tes um die Köl­ner Pfar­rei Klein Sankt-Mar­tin. 

Die Wer­ke des Alex­an­der von Roes ste­hen am An­fang ei­ner Streit­schrif­ten­li­te­ra­tur, die sich nach dem Zu­sam­men­bruch des stau­fi­schen Rei­ches in Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­kur­rie­ren­den fran­zö­si­schen An­sprü­chen um die Wah­rung der uni­ver­sa­len Kai­se­r­idee be­müh­te. Un­mit­tel­ba­rer An­lass für sei­ne ers­te Denk­schrift, das „Me­mo­ria­le", war die Wahl des Fran­zo­sen Si­mon de Bri­on zum Papst Mar­tin IV. (Pon­ti­fi­kat 1281-1285). Die dar­in zum Aus­druck kom­men­de Ko­ali­ti­on des Papst­tums mit den Fran­zo­sen wer­tet Alex­an­der von Roes als Zei­chen da­für, dass das Auf­kom­men der sou­ve­rä­nen Ein­zel­staa­ten die im­pe­ria­le Idee ver­drän­ge und die her­kömm­li­che Welt­ord­nung ge­fähr­de. Die­ser neu­en Ord­nung stell­te er in ei­nem ori­gi­nel­len Rück­griff auf die Tra­di­ti­on ei­ne ei­ge­ne Ord­nung un­ter dem ei­ni­gen­den Band der uni­ver­sa­len Kir­che ent­ge­gen, die zu­gleich auf die pro­vi­den­ti­el­le Be­deu­tung des Im­pe­ri­um ver­weist („Trans­la­tio im­pe­rii"). Er be­ruft sich zu ei­ner Zeit auf „Eu­ro­pa" als Chif­fre für den „po­pu­lus Chris­tia­nus", als sonst nie­mand die­sen Na­men be­müht. 

Sei­ne schon sprich­wört­li­che Zu­tei­lung der drei „Prin­zi­pa­te" oder „Welt­äm­ter" an die drei Haupt­na­tio­nen sei­ner Zeit, die nur zu­sam­men – als Dach, Wän­de und Fun­da­ment – in­ner­halb der ei­nen Kir­che die rech­te Ord­nung er­hal­ten kön­nen, be­grün­det er aus­führ­lich mit Ab­stam­mung, his­to­ri­scher Tra­di­ti­on und na­tio­na­len Ei­gen­schaf­ten die­ser drei Völ­ker und ord­net ih­nen zu­sätz­lich die drei Stän­de (po­pu­lus, mi­li­tia, cle­rus) zu. Am ori­gi­nells­ten ist die Zu­tei­lung des Stu­di­ums an die Fran­zo­sen, die den tra­di­tio­nel­len Dua­lis­mus von Im­pe­ri­um und Sa­cer­do­ti­um sprengt und von ihm eben­falls Karl dem Gro­ßen („Trans­la­tio stu­dii" von Rom nach Pa­ris) zu­ge­schrie­ben wird. Sie ist wohl nicht als blo­ße Ab­fin­dung zu ver­ste­hen, die den fran­zö­si­schen Druck auf das Papst­tum und die po­li­ti­sche Ri­va­li­tät Frank­reichs mit dem rö­misch-deut­schen Reich ab­weh­ren soll, son­dern auch als Aus­druck ehr­li­chen Re­spekts vor der geis­ti­gen Be­deu­tung Frank­reichs.

Von den Zeit­ge­nos­sen wird sein Werk noch in ers­ter Li­nie als his­to­rio­gra­phi­scher Text ge­le­sen, aus dem Ar­gu­men­te für die po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Ge­gen­wart ab­ge­lei­tet wer­den kön­nen, oder auch – we­gen der es­cha­to­lo­gi­schen Be­zü­ge vor al­lem in der „No­ti­cia se­cu­li" – aus „pro­phe­ti­scher Neu­gier" (Grund­mann). Ei­ne in­ten­si­ve­re Re­zep­ti­on sei­ner Schrif­ten setz­te erst im 15. Jahr­hun­dert im Zu­sam­men­hang mit den Be­stre­bun­gen zur Kir­chen- und Reichs­re­form so­wie mit dem Be­ginn ei­ner deut­schen Na­ti­ons­bil­dung im Spät­mit­tel­al­ter ein. 

Werke

Grund­mann, Her­bert/Heim­pel, Her­mann (Hg.), Die Schrif­ten des Alex­an­der von Roes, (MGH, Deut­sches Mit­tel­al­ter, Kri­ti­sche Stu­di­en­tex­te 4), Wei­mar 1949.

Grund­mann, Her­bert/Heim­pel, Her­mann (Hg.), Alex­an­der von Roes. Schrif­ten (MGH Staats­schrif­ten des spä­te­ren Mit­tel­al­ters, 1,1), Stutt­gart 1958.

Literatur

Fuhr­mann, Man­fred, Alex­an­der von Roes: ein Weg­be­rei­ter des Eu­ro­pa­ge­dan­kens?, Hei­del­berg 1994.

Grund­mann, Her­bert, Über die Schrif­ten des Alex­an­der von Roes, in: Deut­sches Ar­chiv 8 (1950), S. 154-237.

Horst, Ha­rald, Welt­amt und Welt­ende bei Alex­an­der von Roes. Die Schrif­ten des Köl­ner Ka­no­ni­kers als Kon­tra­punkt zu mit­tel­al­ter­li­chen End­zeit­er­war­tun­gen, Köln 2002.

Online

Heim­pel, Her­mann, Ar­ti­kel "Alex­an­der von Roes", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 1 (1953), S. 194-195. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Kéry, Lotte, Alexander von Roes, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/alexander-von-roes/DE-2086/lido/57a9e090c3fdb3.83845524 (11.12.2018)