Alfred Müller-Armack

Nationalökonom (1901–1978)

Nina Streeck (München)

Alfred Müller-Armack, Porträtfoto. (Archiv für Christlich Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung)

Oh­ne Al­fred Mül­ler-Arm­ack ist die So­zia­le Markt­wirt­schaft un­denk­bar: Der Köl­ner Wirt­schafts­pro­fes­sor und en­ge Mit­ar­bei­ter von Wirt­schafts­mi­nis­ter Lud­wig Er­hard (1897-1977) gilt als de­ren Schöp­fer und Vor­den­ker; we­ni­ger be­kannt, aber nicht min­der wich­tig sind sei­ne Rol­le im eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­ons­pro­zess so­wie sei­ne re­li­gi­ons- und kul­tur­so­zio­lo­gi­schen Stu­di­en.

Al­fred Mül­ler-Arm­ack wur­de am 28.6.1901 als Sohn von Her­mann Jus­tus Mül­ler, Be­triebs­lei­ter bei der Fir­ma Krupp, und sei­ner Frau Eli­se Do­ro­thee Arm­ack in Es­sen ge­bo­ren. Mit 18 Jah­ren nahm er das Stu­di­um der Na­tio­nal­öko­no­mie und Phi­lo­so­phie an den Uni­ver­si­tä­ten Gie­ßen, Frei­burg, Mün­chen und schlie­ß­lich Köln auf, wo er 1923 mit ei­ner Ar­beit über „Das Kri­sen­pro­blem in der theo­re­ti­schen So­zi­al­öko­no­mik" pro­mo­viert wur­de.

Ne­ben der phi­lo­so­phi­schen An­thro­po­lo­gie Max Schelers (1874-1928), Hel­muth Pless­ners (1892-1985) und Ni­co­lai Hart­manns (1882-1950) be­ein­fluss­ten ihn die Wirt­schafts­so­zio­lo­gie von Ernst Tro­eltsch (1865-1923), Wer­ner Som­bart (1863-1941) und Fer­di­nand Tön­nies (1855-1936) so­wie die Re­li­gi­ons­so­zio­lo­gie Max We­bers (1864-1920). Zu­dem setz­te er sich in­ten­siv mit dem Mar­xis­mus aus­ein­an­der, dem er – auch auf Ba­sis sei­ner ei­ge­nen Re­li­gio­si­tät – kri­tisch ge­gen­über stand. Als Ur­sa­che für die ge­sell­schaft­li­che Kri­se des be­gin­nen­den 20. Jahr­hun­derts iden­ti­fi­zier­te er ge­gen die mar­xis­ti­sche Theo­rie pri­mär die fort­schrei­ten­de Sä­ku­la­ri­sie­rung.

Fer­ner präg­te die Er­fah­rung öko­no­mi­scher In­sta­bi­li­tät in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg das Den­ken des jun­gen Mül­ler-Arm­ack. So hielt ihn das Phä­no­men wirt­schaft­li­cher Kri­sen und die Fra­ge nach de­ren mög­li­cher Über­win­dung auch nach sei­ner Pro­mo­ti­on in Atem, wes­halb er die­sem The­ma sei­ne Ha­bi­li­ta­ti­on wid­me­te: Die „Öko­no­mi­sche Theo­rie der Kon­junk­tur­po­li­tik" von 1926 gilt als Pio­nier­ar­beit auf dem Ge­biet der Kon­junk­tur­po­li­tik und lässt ei­ni­ge Grund­ide­en sei­ner spä­te­ren Kon­zep­ti­on der So­zia­len Markt­wirt­schaft be­reits an­klin­gen.

Der jun­ge Na­tio­nal­öko­nom be­trieb schon da­mals kei­ne Wis­sen­schaft im El­fen­bein­turm, son­dern war stets an der prak­ti­schen Um­setz­bar­keit sei­ner Ide­en in­ter­es­siert. Er schlug vor, kon­junk­tu­rel­len Schwan­kun­gen vor­nehm­lich mit­tels ei­ner ge­eig­ne­ten Fis­kal­po­li­tik zu be­geg­nen, die auf ei­ne ver­ste­tig­te Zins­ent­wick­lung ziel­te, und quan­ti­ta­ti­ve Maß­nah­men erst se­kun­där ins Au­ge zu fas­sen, um den Preis­me­cha­nis­mus nicht zu be­hin­dern. Im Al­ter von nur 25 Jah­ren wur­de der als ziel­stre­big und ehr­gei­zig gel­ten­de Mül­ler-Arm­ack in Köln zu­nächst ei­ner der jüngs­ten Pri­vat­do­zen­ten Deutsch­lands, 1934 dann au­ßer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor, bis er 1938 ei­nem Ruf an die Uni­ver­si­tät Müns­ter folg­te, wo er als or­dent­li­cher Pro­fes­sor ge­schäfts­füh­ren­der Di­rek­tor am In­sti­tut für Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten wur­de und die For­schungs­stel­len für Sied­lungs- und Woh­nungs­we­sen so­wie für all­ge­mei­ne und tex­ti­le Markt­wirt­schaft lei­te­te.

Da Mül­ler-Arm­ack 1933 hoff­te, das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime kön­ne als „star­ker Staat" ei­ne bes­se­re und sta­bi­le­re Wirt­schafts­po­li­tik durch­set­zen als die Wei­ma­rer Re­pu­blik, trat er aus in­ne­rer Über­zeu­gung der NS­DAP bei, wo­bei er als Par­tei­mit­glied zwar pas­siv blieb, aber in ei­nem em­pha­ti­schen Pam­phlet sei­ne Hoff­nun­gen auf die nun mög­lich wer­den­de Wirt­schafts­ord­nung for­mu­lier­te. Da ihn die Len­kungs­wirt­schaft der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten je­doch bald ent­täusch­te, wid­me­te er sich En­de der 1930er Jah­re vor­nehm­lich his­to­ri­schen und re­li­gi­ons­so­zio­lo­gi­schen The­men in der Tra­di­ti­on Max We­bers und un­ter­such­te den Ein­fluss ver­schie­de­ner Re­li­gio­nen auf das Wirt­schafts­sys­tem. Bis 1949 folg­ten wei­te­re kul­tur- und re­li­gi­ons­so­zio­lo­gi­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen. Gleich­zei­tig be­gann er be­reits wäh­rend der Krieg­jah­re über ei­ne Wirt­schafts­ord­nung für die Nach­kriegs­zeit nach­zu­den­ken und dis­tan­zier­te sich 1946 von sei­ner frü­he­ren Hoff­nung auf ei­nen star­ken Staat, der zur Wirt­schafts­len­kung fä­hig sei. Zwei Jah­re nach En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­öf­fent­lich­te Mül­ler-Arm­ack sein bahn­bre­chen­des Werk „Wirt­schafts­len­kung und Markt­wirt­schaft", das den Be­griff der So­zia­len Markt­wirt­schaft als drit­te Wirt­schafts­form zwi­schen Plan­wirt­schaft und Lais­sez-fai­re-Ka­pi­ta­lis­mus ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit be­kannt mach­te. Mül­ler-Arm­ack gei­ßel­te nun die staat­li­che Len­kung der Wirt­schaft als läh­mend so­wie po­li­tisch na­iv und for­der­te den Vor­rang ei­ner li­be­ra­len Ord­nung. Zu­gleich woll­te er aber die Feh­ler des ex­tre­men Li­be­ra­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts ver­mei­den und ver­band des­halb die Idee ei­ner frei­en Markt­wirt­schaft mit ei­nem so­zi­al­po­li­ti­schen Pro­gramm: Auch und ge­ra­de ei­ne markt­wirt­schaft­li­che Ord­nung sei durch markt­kon­for­me In­ter­ven­tio­nen in der La­ge, den so­zia­len Nö­ten ent­ge­gen zu wir­ken, Ge­rech­tig­keit her­zu­stel­len und zu ei­ner Aus­söh­nung der ver­schie­de­nen ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen bei­zu­tra­gen.

Ein un­ge­wohn­ter Ge­dan­ke, der für ei­ni­ges Auf­se­hen sorg­te, da die Mei­nung vor­herrsch­te, al­lein mit­tels staat­li­cher Len­kung kön­ne die dar­ben­de, kriegs­zer­stör­te Wirt­schaft an­ge­kur­belt wer­den. Im Ge­gen­teil, mein­te Mül­ler-Arm­ack: Die auch als „ire­ni­sche For­mel" be­kannt ge­wor­de­ne So­zia­le Markt­wirt­schaft be­deu­te „die Wie­der­auf­nah­me der Grund­sät­ze ver­nünf­ti­gen Wirt­schaf­tens", al­ler­dings „kei­nes­wegs den Ver­zicht auf ei­ne ak­ti­ve und un­se­ren so­zia­len und ethi­schen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen­de Wirt­schafts­po­li­tik".

Die So­zia­le Markt­wirt­schaft war für den Kul­tur- und Re­li­gi­ons­so­zio­lo­gen Mül­ler-Arm­ack stets mehr als bloß ei­ne Wirt­schafts­ord­nung; er kon­zi­pier­te sie als Ge­sell­schafts­mo­dell. Sei­ne Kon­zep­ti­on soll­te die deut­sche Nach­kriegs­ord­nung nach­hal­tig prä­gen und gilt als grund­le­gend für den – spä­ter teil­wei­se ab­wer­tend so ge­nann­ten – „rhei­ni­schen Ka­pi­ta­lis­mus".

1950 kehr­te Mül­ler-Arm­ack als Pro­fes­sor für Wirt­schaft­li­che Staats­wis­sen­schaf­ten nach Köln zu­rück. Dort grün­de­te er das In­sti­tut für Wirt­schafts­po­li­tik, um sei­ne Ide­en zu ei­ner neu­en Wirt­schafts­form bes­ser nach au­ßen tra­gen zu kön­nen, denn zu­nächst stieß sei­ne Syn­the­se von frei­heit­li­cher Markt­wirt­schaft und so­zia­lem Aus­gleich eher auf Ir­ri­ta­ti­on denn auf Ein­ver­ständ­nis. Zum ak­ti­ven Mit­in­itia­tor des Wirt­schafts­wun­ders wur­de er, als Wirt­schafts­mi­nis­ter Lud­wig Er­hard ihm er­mög­lich­te, die Um­set­zung sei­ner Kon­zep­ti­on in die Pra­xis mit­zu­ge­stal­ten, in­dem er ihn 1952 zum Lei­ter der Grund­satz­ab­tei­lung sei­nes Mi­nis­te­ri­ums er­nann­te. Dort war der als ge­schick­ter Di­plo­mat und zä­her Ver­hand­lungs­füh­rer be­kann­te Mül­ler-Arm­ack nicht al­lein mit in­nen­po­li­ti­schen Auf­ga­ben be­traut, son­dern im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung auch an den Ver­hand­lun­gen zur Grün­dung der Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft (EWG) be­tei­ligt und präg­te die Rö­mi­schen Ver­trä­ge ma­ß­geb­lich mit.

Nach­dem Mül­ler-Arm­ack sechs Jah­re zu­gleich als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor und als Wirt­schafts­po­li­ti­ker ge­wirkt hat­te, ver­leg­te er zwi­schen 1958 und 1963 als Staats­se­kre­tär für eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um sein Wir­ken ganz auf die po­li­ti­sche Büh­ne. Wie Er­hard war auch Mül­ler-Arm­ack un­glück­lich mit ei­nem „Eu­ro­pa der Sechs" (Frank­reich, Ita­li­en, Deutsch­land, Be­ne­lux-Staa­ten) und kämpf­te für ei­nen Bei­tritt Eng­lands zur EWG – je­doch ver­geb­lich. Nach­dem die Ver­hand­lun­gen 1963 ge­schei­tert wa­ren und Er­hard Bun­des­kanz­ler wur­de, leg­te er sein Amt als Staats­se­kre­tär nie­der und kehr­te auf sei­nen Lehr­stuhl in Köln zu­rück. Das po­li­ti­sche Ta­ges­ge­schäft hat­te ihn nie ge­reizt; ihm lag al­lein die Um­set­zung sei­ner wirt­schafts­po­li­ti­schen Ide­en am Her­zen. Po­li­tisch trat er fort­an nicht mehr in Er­schei­nung. In den Jah­ren 1964-1968 lei­te­te er zu­sam­men mit Franz Thie­deck (1900-1995) die "Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung e.V.". Die Wei­ter­ent­wick­lung der So­zia­len Markt­wirt­schaft so­wie die Fra­ge der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung be­weg­ten ihn al­ler­dings wei­ter­hin, die po­li­ti­sche Ent­wick­lung der Bun­des­re­pu­blik je­doch ent­täusch­te ihn zu­neh­mend.

Al­fred Mül­ler-Arm­ack starb am 16.3.1978 in Köln. Seit 2002 ver­leiht die Uni­ver­si­tät Müns­ter den nach ihm be­nann­ten Mül­ler-Arm­ack Preis an Ab­sol­ven­ten des Stu­di­en­gangs Volks­wirt­schafts­leh­re. Im Wi­so-Ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät zu Köln er­in­nert der Al­fred-Mül­ler-Arm­ack-Hör­saal an den her­aus­ra­gen­den Na­tio­nal­öko­nom; in Köln-Zoll­stock ist das Al­fred-Mül­ler-Arm­ack-Be­rufs­kol­leg nach ihm be­nannt.

Werke (Auswahl)

Auf dem Weg nach Eu­ro­pa. Er­in­ne­run­gen und Aus­bli­cke, Tü­bin­gen 1971.

Dia­gno­se un­se­rer Ge­gen­wart, Gü­ters­loh 1949.

Ent­wick­lungs­ge­set­ze des Ka­pi­ta­lis­mus, Ber­lin 1932.

Ge­nea­lo­gie der Wirt­schafts­sti­le, Die geis­tes­ge­schicht­li­chen Ur­sprün­ge der Staats- und Wirt­schafts­for­men bis zum Aus­gang des 18. Jahr­hun­derts, Stutt­gart 1941.

Das Kri­sen­pro­blem in der theo­re­ti­schen So­zi­al­öko­no­mik, Ver­such ei­ner Neu­be­grün­dung der ab­so­lu­ten Über­pro­duk­ti­ons­leh­re, Dis­ser­ta­ti­ons­schrift, Köln 1923.

Das Jahr­hun­dert oh­ne Gott. Zur Kul­tur­so­zio­lo­gie un­se­rer Zeit, Müns­ter 1948.

Öko­no­mi­sche Theo­rie der Kon­junk­tur­po­li­tik, Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift, Leip­zig 1926.

Wirt­schafts­len­kung und Markt­wirt­schaft, Ham­burg 1947.

Literatur

Diet­z­fel­bin­ger, Da­ni­el, So­zia­le Markt­wirt­schaf­t als Wirt­schafts­stil. Al­fred Mül­ler-Arm­acks Le­bens­werk, Gü­ters­loh 1998.

Hau­er, Pe­ter, Leit­bil­der der Ge­rech­tig­keit in den markt­wirt­schaft­li­chen Kon­zep­tio­nen von Adam Smith, John Stuart Mill und Al­fred Mül­ler-Arm­ack, Frank­furt a. M. 1991.

Ko­witz, Rolf, Al­fred Mül­ler-Arm­ack: Wirt­schafts­po­li­tik als Be­ru­fung. Zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te der So­zia­len Markt­wirt­schaft und dem po­li­ti­schen Wir­ken des Hoch­schul­leh­rers, Köln 1995.

Wa­trin, Chris­ti­an, Al­fred Mül­ler Arm­ack, in: Nils Gold­schmidt und Mi­cha­el Wohl­ge­muth (Hg.), Grund­tex­te zur Frei­bur­ger Tra­di­ti­on der Ord­nungs­öko­no­mik, Tü­bin­gen 2008, S. 451-455.

Wa­trin, Chris­ti­an, Al­fred Mül­ler-Arm­ack. Re­de an­läss­lich der Aka­de­mi­schen Ge­denk­fei­er für Pro­fes­sor Dr. rer. Pol. Dr. iur. h.c. Al­fred Mül­ler-Arm­ack Staats­se­kre­tär a. D. am 15. Ju­ni 1979, in: Köl­ner Uni­ver­si­täts­re­den 56, Kre­feld 1980.

Online

Al­fred Mül­ler-Arm­ack (1901-1978) (Bio­gra­phi­sche In­for­ma­ti­on auf der Web­site O­PO - Ord­nungs­po­li­ti­sches Por­tal). [On­line]

Mül­ler-Arm­ack, An­dre­as, "Mül­ler-Arm­ack, Al­fred", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1997), S. 478-488. [On­line]

Wa­trin, Chris­ti­an, Al­fred Mül­ler-Arm­ack 1901-1978(Bio­gra­phi­sche In­for­ma­ti­on auf der Home­page 60 Jah­re ­So­zia­le Markt­wirt­schaf­t ­des Wil­helm-Röp­ke-In­sti­tuts). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Streeck, Nina, Alfred Müller-Armack, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/alfred-mueller-armack/DE-2086/lido/57c95137c1b861.27592182 (24.04.2018)