Anton Joseph Weidenbach

Lehrer und Historiker (1809-1871)

Tobias S. Schmuck (Heidesheim)

Anton Joseph Weidenbach, Porträt. (Stadtarchiv Bingen)

An­ton Jo­seph Wei­den­bach wirk­te als Leh­rer, His­to­ri­ker, Ar­chi­var, Pu­bli­zist und Sta­tis­ti­ker vor al­lem im mit­tel­rhei­ni­schen Raum; nach dem To­de Chris­ti­an von Stram­bergs setz­te er des­sen 34 Bän­de um­fas­sen­den „Rhei­ni­schen An­ti­qua­ri­us“ mit fünf wei­te­ren Bän­den fort.

An­ton Jo­seph Wei­den­bach wur­de am 9.4.1809 in Linz am Rhein ge­bo­ren, wo sein Va­ter Chris­ti­an als Stadt­die­ner wirk­te. Der Über­gang der Stadt an Preu­ßen 1815 wirk­te sich für Wei­den­bach vor­teil­haft aus: Linz wur­de vor­über­ge­hend Kreis­stadt, das Gym­na­si­um Mar­ti­nia­num blieb er­hal­ten und er­hielt durch die Schul­re­for­men ei­nen hu­ma­nis­ti­schen Im­pe­tus, so dass Wei­den­bach, der die Schu­le seit 1817 be­such­te, hier mit der la­tei­ni­schen Spra­che ei­ne Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­ti­on für sei­ne spä­te­re Ar­beit er­lang­te. Ver­mut­lich 1825 be­en­de­te er den Schul­be­such oh­ne das Ab­itur zu er­wer­ben, um sich der Aus­bil­dung als Volks­schul­leh­rer im Leh­rer­se­mi­nar in Brühl zu­zu­wen­den. Als er 18 Jah­re alt und da­mit wehr­fä­hig wur­de, herrsch­te in Preu­ßen Leh­rer­man­gel, wes­halb ihm der Wehr­dienst er­spart blieb.

Wei­den­bach un­ter­rich­te­te ver­mut­lich zwei Jah­re in sei­ner Hei­mat­stadt, be­vor er von 1829 bis 1835 in Ba­cha­rach als Volks­schul­leh­rer tä­tig war. Wahr­schein­lich stu­dier­te er schon da­mals Ur­kun­den­wer­ke zur rhei­ni­schen Ge­schich­te und sam­mel­te ver­streu­te ge­schicht­li­che Hin­wei­se auf lo­ka­ler Ebe­ne. In das letz­te Jahr in Ba­cha­rach fiel die Hoch­zeit mit Emi­lie Ka­ro­li­ne Diel (1816-1893), de­ren Va­ter Leo­pold (1772-1844) dort No­tar und Bür­ger­meis­ter war. Als wei­te­re Sta­ti­on wirk­te Wei­den­bach an der städ­ti­schen Schu­le in Ahr­wei­ler, wo er re­ge Tä­tig­kei­ten ent­fal­te­te. Zu­nächst pro­fi­tier­te er er­neut vom Leh­rer­man­gel, dies­mal an den hö­he­ren Schu­len: Die Uni­ver­si­tät Bonn bot ihm an, 1840 ein ex­ter­nes Ex­amen „pro fa­cul­ta­te do­cen­di“ ab­zu­le­gen, das ihn zum Un­ter­richt an hö­he­ren Schu­len be­rech­tig­te. Ob­wohl er da­mit ein drei­jäh­ri­ges Stu­di­um über­sprang, konn­te er mit Aus­zeich­nung be­ste­hen. Al­ler­dings er­hielt er nie das ent­spre­chen­de Lehr­amt.

Ne­ben der Lehr­tä­tig­keit ord­ne­te Wei­den­bach in Ahr­wei­ler das Ar­chiv der Stadt, schrieb sein ers­tes Buch, ei­ne Ge­nea­lo­gie der Gra­fen von Are, und stand in re­gem Brief­wech­sel mit Bon­ner Pro­fes­so­ren wie Karl Sim­rock un­d Gott­fried Kin­kel, so­wie mit dem An­ti­quar und Pu­bli­zis­ten Chris­ti­an von Stram­berg. Ein Buch über Ba­cha­rach wid­me­te er Sim­rock, wäh­rend Gott­fried Kin­kel sein Buch über die „Ahr“ (1846) ne­ben Ja­cob Burk­hardt (1818-1897) auch Wei­den­bach wid­me­te. Seit 1847 ver­öf­fent­lich­te Wei­den­bach re­gel­mä­ßig his­to­ri­sche Bei­trä­ge im „Kreis­blatt für die Krei­se Ahr­wei­ler und Aden­au“.

Sein Ab­schied aus Ahr­wei­ler kam 1848 mit der Re­vo­lu­ti­on: Wei­den­bach hat­te in Hep­pin­gen und auf der Lands­kro­ne im Mai 1848 zwei Re­den für die Re­vo­lu­ti­on ge­hal­ten. Aus Furcht vor Re­pres­sio­nen nach der Nie­der­schla­gung des ra­di­ka­len He­cker-Auf­stands in Ba­den floh Wei­den­bach vor­über­ge­hend nach Bel­gi­en, wo­durch er sich in Ahr­wei­ler kom­pro­mit­tier­te und sein Amt ver­lor. Wie scharf sei­ne Re­den und For­de­run­gen wa­ren, ob die Flucht not­wen­dig war, liegt im Dun­keln. Je­doch konn­te er sich schon im Früh­jahr 1849 wie­der in deut­schen Lan­den bli­cken las­sen, als er in dem zum Gro­ßher­zog­tum Nas­sau ge­hö­ren­den Bin­gen die Lei­tung ei­ner hö­he­ren Töch­ter­schu­le über­nahm. Im Ge­gen­satz zu den hö­he­ren Schu­len, die staat­lich oder städ­tisch wa­ren, blie­ben die Töch­ter­schu­len pri­va­te An­stal­ten und lie­fer­ten auch kei­ne qua­li­fi­zie­ren­den Ab­schlüs­se, son­dern „nur“ Er­zie­hung und Bil­dung.

Re­gel­mä­ßi­ge Be­su­che im Drei­län­der­eck Hes­sen-Nas­sau-Preu­ßen an der Na­he-Mün­dung sind in der Au­to­bio­gra­phie von Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (1798-1874), der von 1849 bis 1851 in Bin­ger­brück auf der preu­ßi­schen Na­he­sei­te wohn­te, be­zeugt. So half Wei­den­bach et­wa bei der Aus­wahl der „Spitz­ku­geln“ in der zwei­ten Aus­ga­be, wo­mit er Fer­di­nand Frei­li­grath in ei­ner Ne­ben­tä­tig­keit be­erb­te. An die­ser Sta­ti­on ent­fal­te­te Wei­den­bach voll sei­ne Schrift­stel­ler­tä­tig­keit. Er be­gann mit zwei Schul­bü­chern über grie­chi­sche und ger­ma­ni­sche Sa­gen so­wie ei­nem Rei­se­füh­rer über Bin­gen und Kreuz­nach, be­vor ihm sein opus ma­gnum ge­lang: Die „Re­ges­ten der Stadt Bin­gen“ (1853) leh­nen sich an Jo­hann Fried­rich Böh­mers (1795-1863) In­ten­ti­on an, die Ge­schich­te der deut­schen Städ­te in ih­ren Quel­len dar­zu­stel­len, kon­zen­trie­ren sich al­ler­dings um der Les­bar­keit wil­len auf ei­ne gro­ße Samm­lung an­ti­qua­ri­scher Fak­ten aus dem Raum Bin­gen.

Noch im glei­chen Jahr ver­lieh Gro­ßher­zog Lud­wig III. von Hes­sen (Re­gie­rungs­zeit 1848-1877) dem Ver­fas­ser für sei­ne Ver­diens­te den Ti­tel ei­nes Hof­rats. Drei Jah­re spä­ter ge­lang Wei­den­bach so­gar ein No­vum im Gro­ßher­zog­tum, als er zum ers­ten Frie­dens­rich­ter oh­ne Ju­ra­stu­di­um er­nannt wur­de. Die Zahl der Schü­le­rin­nen an sei­ner Schu­le hat­te sich in­des­sen um et­wa die Hälf­te ver­mehrt, so dass ihm auch hier ein er­heb­li­cher Er­folg be­schie­den war.

Zu­letzt trat er in Bin­gen als Au­tor her­vor, er­stell­te ei­nen his­to­ri­schen Ka­len­der, der erst durch den „Gro­te­fen­d“ er­setzt wur­de, ver­fass­te Kurz­bio­gra­phi­en lo­ka­ler Per­sön­lich­kei­ten, wie der Hei­li­gen Ro­chus (um 1295-1327) und Ru­pert (um 650-wohl 718) oder des Vi­sio­närs Bar­tho­lo­mä­us Holz­hau­ser (1613-1658). Letz­te­rer hat­te in Bin­gen ei­ne Pries­ter­ge­mein­schaft, die so ge­nann­ten Bar­tho­lo­mi­ten, an­ge­sie­delt und an der Grün­dung der La­tein­schu­le mit­ge­wirkt. Wei­den­bach lie­fer­te auch ers­te Bei­trä­ge für Stram­bergs „Rhei­ni­schen An­ti­qua­ri­us“, die dort so­gar – und das ist un­ge­wöhn­lich – den Na­men ih­res Au­tors tra­gen und nicht von Stram­berg ein­ver­leibt wur­den.

1864 gab Wei­den­bach sei­ne Tä­tig­keit als Leh­rer auf und wech­sel­te nach Wies­ba­den, wo er zahl­rei­che Vor­trä­ge hielt und ein ei­gens ein­ge­rich­te­tes sta­tis­ti­sches Bü­ro lei­te­te. Sein dort er­stell­ter Über­blick über die nas­saui­schen Ter­ri­to­ri­en er­mög­lich­te es ihm 1868, nach dem To­de von Stram­bergs, auf des­sen Wunsch den „Rhei­ni­schen An­ti­qua­ri­us“ fort­zu­set­zen. Der preu­ßi­schen An­ne­xi­on Nas­saus fiel auch das sta­tis­ti­sche Bü­ro zum Op­fer, doch lehn­te Wei­den­bach ei­ne Ver­set­zung nach Ber­lin ab, um in der rhei­ni­schen Hei­mat blei­ben und sich der Aus­wer­tung sei­ner No­ti­zen zur rhei­ni­schen Ge­schich­te wid­men zu kön­nen. Die be­reits er­schie­ne­nen 34 Bän­de des „An­ti­qua­ri­us“ er­gänz­te Wei­den­bach in gut zwei Jah­ren um fünf wei­te­re Bän­de zu je rund 800 Sei­ten, be­vor ihn ein Le­ber­lei­den zur Auf­ga­be der Ar­beit zwang. Er er­lag der Krank­heit am 21.11.1871.

Quellen

Denk­wür­di­ger und nütz­li­cher Rhei­ni­scher An­ti­qua­ri­us wel­cher die wich­tigs­ten und an­ge­nehms­ten geo­gra­phi­schen, his­to­ri­schen und po­li­ti­schen Merk­wür­dig­kei­ten des gan­zen Rhein­stro­mes von sei­nem Aus­flus­se in das Meer bis zu sei­nem Ur­sprun­ge dar­stellt, 34 Bän­de. Ko­blenz 1843-1871.
Re­ges­ten der Stadt Bin­gen, des Schlos­ses Klopp und des Klos­ters Rup­perts­berg, Bin­gen 1853.

Literatur

Co­mo, Ja­kob, Alt-Bin­gen, Mainz 1926.
Nau­jack, Erich, Adam [!] Jo­seph Wei­den­bach vor 200 Jah­ren ge­bo­ren, in: Hei­mat­jahr­buch Land­kreis Mainz-Bin­gen 53 (2009), S. 273-275.
Schmuck, To­bi­as S., „... dem In­sti­tu­te zur För­de­rung, den Kin­dern zum Se­gen ...“: 200 Jah­re An­ton Jo­seph Wei­den­bach (1809-1871), Hei­des­heim 2009.

 
Zitationshinweis

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Schmuck, Tobias S., Anton Joseph Weidenbach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/anton-joseph-weidenbach/DE-2086/lido/57c92b1329aac4.97117105 (16.11.2018)