Anton Raaff

Tenor (1714-1797)

Barbara Hausmanns (Wachtberg)

Ölgemälde von Clemens August Josef Philippart (vor 1751-1825). (Beethoven-Haus Bonn)

An­ton Raaff war ein be­rühm­ter und ge­schätz­ter Te­nor, der im 18. Jahr­hun­dert zu den Gro­ßen sei­ner Zunft zähl­te. En­ga­giert war er an al­len gro­ßen eu­ro­päi­schen Büh­nen sei­ner Zeit. Nicht nur we­gen sei­ner fan­tas­ti­schen Stim­me, son­dern auch als vä­ter­li­cher Freund von Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart (1756–1791) ging er in die Mu­sik­ge­schich­te ein.

An­ton Raaffs spä­ter von Le­gen­den um­wo­be­nes Le­ben be­gann in Gels­dorf (heu­te Ge­mein­de Graf­schaft), Haupt­ort der gleich­na­mi­gen klei­nen Herr­schaft im Her­zog­tum Jü­lich, die 1737 Reichs­herr­schaft wur­de. Dort wur­de Raaff am 6.5.1714 als Sohn des Jo­han­nes und der An­na Mar­ga­re­the Raaff, ge­bo­re­ne Kochs, in der ka­tho­li­schen Pfarr­kir­che ge­tauft. Bald dar­auf zog die Fa­mi­lie in das we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fern­te Hol­zem (heu­te Ge­mein­de Wacht­berg). Der win­zi­ge Ort im „Dra­chen­fel­ser Länd­chen“ be­stand aus nur we­ni­gen Fa­mi­li­en und ge­hör­te zur Pfar­rei Vil­lip. Der Va­ter ge­wann die Nä­he zu­m kur­k­öl­ni­schen Hof, was den Le­bens­weg des au­ßer­ge­wöhn­lich ta­len­tier­ten Soh­nes ent­schei­dend be­ein­flus­sen soll­te.

Seit 1659 war Vil­lip mit der zu­ge­hö­ri­gen Burg Gu­denau ei­ne Reichs­herr­schaft. Auf  Burg Gu­denau saß der kur­k­öl­ni­sche Obris­t­hof­mar­schall Max Hat­tard Wald­bott von Bas­sen­heim (ge­stor­ben 1735) , für den Raaffs Va­ter als Ver­wal­ter ar­bei­te­te. Ihm selbst ge­hör­te der Hol­ze­mer Krahn­hof, der bis in die 1950er Jah­re ne­ben der spä­ter von An­ton Raaff ge­stif­te­ten Ka­pel­le stand.

Raaff se­ni­or schick­te sei­nen Sohn zur Aus­bil­dung auf da­s Bon­ner Je­sui­ten­gym­na­si­um, ei­ne be­vor­zug­te Er­zie­hungs­stät­te für Bür­ger- und Hand­wer­ker­kin­der, wo­mit er die Ba­sis für die Kar­rie­re des klei­nen An­ton leg­te. Schon in der Schu­le be­kam er ne­ben ei­ner vor­züg­li­chen Aus­bil­dung die Chan­ce, sein Ge­sangs­ta­lent aus­zu­le­ben. Nach­weis­lich sang „An­to­ni­us Raaff ex Holtz­heim“ 1726/1727 in ei­nem der von den Je­sui­ten­schü­lern re­gel­mä­ßig auf­ge­führ­ten Dra­men mit. Mög­lich ist, dass die Schön­heit sei­ner Stim­me da­mals be­reits sei­nem spä­te­ren För­de­rer, dem Köl­ner Kur­fürs­ten Cle­mens Au­gust, auf­fiel.  Es ist über­lie­fert, dass der kunst­sin­ni­ge Fürst die­se Auf­füh­run­gen mit gro­ßem In­ter­es­se ver­folg­te.

 

Raaffs qua­li­fi­zier­te je­sui­ti­sche Er­zie­hung wi­der­legt die Mär vom ar­men, auf den Fel­dern sin­gen­den Bau­ern­kind. Ver­mut­lich hat der klei­ne „Tün­n“ auch dort vor sich hin­ge­träl­lert, aber viel­mehr wird ihn das geis­ti­ge und ge­sell­schaft­li­che Um­feld des vä­ter­li­chen Ar­beits­plat­zes ge­prägt ha­ben. Des­sen Chef war der kur­k­öl­ni­sche Obris­t­hof­mar­schall Max Hat­tard Wald­bott von Bas­sen­heim, der von 1724 bis zu sei­nem Tod 1735 das ho­he Amt be­klei­de­te, das ihm den re­gel­mä­ßi­gen Kon­takt zum Kur­fürs­ten und des­sen Hof be­scher­te. Die­se Kon­stel­la­ti­on dürf­te mit­ent­schei­dend für die Ent­de­ckung und die wir­kungs­vol­le Pro­tek­ti­on ge­we­sen sein, die am An­fang von Raaffs Lauf­bahn stan­den.

Nach der Schul­zeit bil­de­te Raaff sei­ne Stim­me zu­nächst mit re­gel­mä­ßi­gen Kam­mer­kon­zert­aben­den so­wohl auf dem el­ter­li­chen An­we­sen wie auch auf Burg Gu­denau wei­ter, wo er für we­nigs­tens drei Jah­re bis 1736 in sei­nem „Brot­be­ruf“ als Hof­meis­ter in Stel­lung war. Den künst­le­ri­schen Durch­bruch do­ku­men­tiert die am 10.9.1736 er­folg­te ers­te An­stel­lung in sei­ner ei­gent­li­chen Pro­fes­si­on als „Hof- und Cam­mer­mu­si­cus“ am kur­k­öl­ni­schen Hof in Bonn für ein Jah­res­ge­halt von 200 Ta­lern. Mög­li­cher­wei­se hat­te Raaff sei­ne neue Stel­le auch der Für­spra­che sei­nes al­ten Ar­beit­ge­bers, Max Wald­bott von Bas­sen­heim, zu ver­dan­ken.

Anton Raaff als Titelfigur Idomeneus in der Uraufführung der Oper Idomeneo, Ré di Creta von Wolfgang Amdeus Mozart (1756-1791), kolorierte Zeichnung, 18. Jahrhundert. (Deutsches Theatermusuem München)

 

Raaff wirk­te noch im sel­ben Jahr in dem ita­lie­ni­schen Ora­to­ri­um „Abel­le“ mit und soll sich ei­nen aus­neh­men­den all­ge­mei­nen Bei­fall er­wor­ben ha­ben. Doch im­mer noch sang der jun­ge Te­nor oh­ne ei­ne pro­fes­sio­nel­le Ge­sangs­aus­bil­dung, an­schei­nend von ei­ner enor­men Be­ga­bung ge­tra­gen. Aber das än­der­te sich bald; von Bonn ging Raaffs Weg nach ei­ner kur­zen Sta­ti­on am kur­fürst­li­chen Hof in Mün­chen nach Ita­li­en. An der Ge­sangs­schu­le des Kas­tra­ten An­to­nio Ber­nac­chi (1690–1756) er­hielt er den er­sehn­ten Un­ter­richt, der sei­ne Welt­kar­rie­re er­mög­lich­te. Die­se Schu­le hat­te ei­nen ex­zel­len­ten Ruf. Sie bil­de­te ih­re Ab­sol­ven­ten ins­be­son­de­re zu tech­nisch bril­lan­ten Sän­gern her­an. Die ho­hen tech­ni­schen Fä­hig­kei­ten be­hielt Raaff bis ins Al­ter, auch wenn sei­ne Stim­mer den Jah­ren Tri­but zol­len muss­te. An Ber­nac­chis Schu­le wur­den da­mals fast nur Kas­tra­ten aus­ge­bil­det – die ab­so­lut füh­ren­den Sän­ger der Opern­sze­ne. Dass Raaff sich als „Na­tur be­las­se­ner“ Te­nor durch­setz­te, mach­te ihn zur Aus­nah­me.

Nach die­sen ers­ten ita­lie­ni­schen Jah­ren, in de­nen aus dem Ta­lent der Te­nor An­ton Raaff wur­de, kehr­te er nach ei­nem eh­ren­vol­len Zwi­schen­auf­ent­halt im Frank­fur­ter Dom, wo er in der Krö­nungs­mes­se für den neu­en deut­schen Kai­ser Karl VII. (1697–1745) sang, 1742 an den Bon­ner Hof zu­rück. Sie­ben Jah­re währ­te sein En­ga­ge­ment in der Stadt am Rhein. In die­ser Zeit stand er un­ter an­de­rem zu­sam­men mit Lud­wig van Beet­ho­ven (1712-1773) auf der Büh­ne, dem Gro­ßva­ter des gro­ßen Kom­po­nis­ten. In die­se Jah­re fiel auch die Stif­tung der er­hal­te­nen St. Ne­po­muk-Ka­pel­le in Hol­zem, die Raaff 1744 er­bau­en ließ. 

Von Bonn aus wech­sel­te Raaff in die Kai­ser­stadt Wien, wo er am Hof der Kai­se­rin Ma­ria The­re­sia (1717-1780) ein ver­wöhn­tes Pu­bli­kum über­zeug­te. Dann zog es ihn wie­der nach Ita­li­en. In Pa­dua wur­de das Sin­gen am Schrein des von ihm le­bens­lang hoch ver­ehr­ten Na­mens­pa­trons, des hei­li­gen An­to­ni­us, für den from­men Künst­ler wie für die Zu­hö­rer zu ei­nem ganz un­ge­wöhn­li­chen spi­ri­tu­el­len Er­eig­nis. Sein Ge­sang war die Ver­ei­ni­gung zwei­er En­gel: den der Mo­ral und den der bei­na­he per­fek­ten Mu­sik, be­geis­ter­te sich der Gei­gen­vir­tuo­se Giu­sep­pe Tar­ti­ni (1692–1770), als er Raaff 1751 in Pa­dua sin­gen hör­te.

In den fol­gen­den Jah­ren fei­er­te der rhei­ni­sche Te­nor an den Hö­fen der Kö­ni­ge von Por­tu­gal und Spa­ni­en wei­te­re Tri­um­phe in den Ti­tel­par­ti­en im­mer neu­er Opern. Sei­ne in Ma­drid ge­schlos­se­ne Freund­schaft mit dem le­gen­dä­ren Kas­tra­ten Car­lo Bro­schi (1705–1782), ge­nannt „Fa­ri­nel­li“, über­dau­er­te al­le Zei­ten. Zu ei­nem an­hal­ten­den Er­folg wur­de Raaffs zehn­jäh­ri­ges Dau­e­r­en­ga­ge­ment von 1760 bis 1770 in Nea­pel, der Hei­mat der Te­nö­re. 1770 folg­te er dem Ruf des Kur­fürs­ten Karl Theo­dor an den Mann­hei­mer Hof, der in je­nen Jah­ren als ei­nes der be­deu­tends­ten Mu­sik­zen­tren Eu­ro­pas galt. Fürst­lich be­sol­det mit ei­ner Jah­res­ga­ge von 1.500 Gul­den sang Raaff dort un­ter an­de­rem die Ti­tel­par­tie der ers­ten deutsch­spra­chi­gen Oper, den „Gün­ther von Schwarz­bur­g“.

1778 kam es in Mann­heim zur Be­geg­nung des al­tern­den Te­nors mit dem jun­gen Ge­nie Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart. Zwi­schen Raaff und Mo­zart ent­wi­ckel­te sich ei­ne von ge­gen­sei­ti­ger Ach­tung und Sym­pa­thie ge­tra­ge­ne Freund­schaft. Raaff sorg­te da­für, dass Mo­zart für die Kar­ne­vals­sai­son des Jah­res 1781 in Mün­chen die Oper „Ido­me­neo“ kom­po­nie­ren durf­te. In der Ti­tel­rol­le des Kö­nigs er­leb­te der Sän­ger im Al­ter von fast 67 Jah­ren sei­nen letz­ten gro­ßen Büh­nen­er­folg. An­schlie­ßend sang er noch in Kir­chen und wid­me­te sich der Aus­bil­dung jun­ger Sän­ger. An­ton Raaff starb hoch an­ge­se­hen und ver­ehrt am 28.5.1797 in Mün­chen, wo er auf dem Fried­hof an der Thal­hei­mer Stra­ße bei­ge­setzt wur­de. 

Literatur

Ar­bo­gast, Alois W., Der Te­nor An­ton Raaff 1714–1797. Der Er­bau­er der Ne­po­muk-Ka­pel­le in Hol­zem, in: Hei­mat­blät­ter des Rhein-Sieg-Krei­ses 63 (1995), S. 165–176.

Haus­manns, Bar­ba­ra, An­ton Raaff – Te­nor des 18. Jahr­hun­derts „ex Holtz­heim“, hg. Hei­mat­ver­ein Vil­lip, Wacht­berg 1997.

Heis­ter-Mölt­gen, Hil­de­gard, An­ton Raaff und sei­ne Welt. Le­bens­bild ei­nes be­rühm­ten Te­nors aus dem 18. Jahr­hun­dert, Eus­kir­chen 1997.

Pe­tro­bel­li, Pier­lu­i­gi, The Ita­li­en Ye­ars of An­ton Raaff, in: Mo­zart-Jahr­buch 1973/74 (1975), S. 233–244.

Anton Raaff, Stich von G.F. Touchemoulin.

 
Zitationshinweis

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Hausmanns, Barbara, Anton Raaff, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/anton-raaff/DE-2086/lido/57c95a72adcc07.00498061 (20.10.2018)