Anton von Schaumburg

Erzbischof von Köln (1556-1558)

Martin Bock (Frechen)

Über das kur­ze Pon­ti­fi­kat Erz­bi­schof An­tons von Schaum­burg ist nur we­nig be­kannt. In den nicht ein­mal zwei Jah­ren sei­ner Re­gie­rung konn­te er aus dem Schat­ten sei­nes Vor­gän­gers und Bru­der­s Adolf III. nicht her­vor­tre­ten und kei­ne ei­ge­nen Ak­zen­te set­zen. Die Po­li­tik sei­nes früh ver­stor­be­nen Bru­der­s ­naht­los fort­zu­set­zen war ver­mut­lich auch die In­ten­ti­on des Dom­ka­pi­tels ge­we­sen. 

An­ton wur­de 1521 als sieb­tes von zwölf Kin­dern des Gra­fen Jobst I. von Schaum­burg und Hol­stein-Pin­ne­berg (1483-1531) und sei­ner Frau Ma­ria von Nas­sau-Dil­len­burg (1491-1547) ge­bo­ren. An­ders als sein äl­te­rer Bru­der Adolf, der um die­se Zeit schon ein Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Lö­wen auf­nahm, hat er of­fen­bar kei­ne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung ge­nos­sen. Gleich­wohl konn­te sei­ne Fa­mi­lie ihm be­reits deut­lich frü­her als Adolf geist­li­che Pfrün­den si­chern, denn er stand in der Erb­fol­ge so weit hin­ten, dass die Über­nah­me der welt­li­chen Lan­des­herr­schaft un­wahr­schein­lich war. So er­hielt er be­reits mit sechs Jah­ren die An­wart­schaft auf ein Ka­no­ni­kat im Köl­ner Dom­ka­pi­tel. 1542, mit 21 Jah­ren folg­ten Stifts­her­ren­stel­len am St. Lam­ber­tus-Stift Lüt­tich, wo er spä­ter auch zum Dom­propst ge­wählt wur­de, so­wie am St. Ser­va­ti­us-Stift in Maas­tricht. Au­ßer­dem wird er, al­ler­dings le­dig­lich in der ei­ge­nen Fa­mi­li­en­chro­nik, als Dom­propst von Hil­des­heim er­wähnt. Fest steht, dass er die Props­tei am Köl­ner Stift St. Ge­re­on von 1547 bis 1557 in­ne hat­te. Bis zu sei­nem Re­gie­rungs­an­tritt im Herbst 1556 war er zum Sub­dia­kon ge­weiht wor­den; hö­he­re Wei­hen soll­te er in sei­nem kur­zen Le­ben nicht mehr be­kom­men. 

Als Adolf III. am 20.9.1556 starb, hat­te er sei­ne ehr­gei­zi­gen re­li­gi­ons- und kir­chen­po­li­ti­schen Plä­ne nur in An­sät­zen ver­wirk­li­chen kön­nen und sich dem Wi­der­stand der kur­k­öl­ni­schen  ­Land­stän­de und des Her­zogs Wil­helm V. von Jü­lich-Kle­ve-Berg letzt­lich beu­gen müs­sen. Den­noch hat­te sich das Erz­stif­t in ­dem Jahr­zehnt sei­ner Re­gie­rung wie­der ei­ni­ger­ma­ßen sta­bi­li­siert und die höchst un­ru­hi­gen Zei­ten Her­manns V. von Wied und sei­nes ­Re­for­ma­ti­ons­ver­suchs hin­ter sich ge­las­sen. Ob­wohl in­halt­lich über die Wahl An­tons zum Erz­bi­schof und Kur­fürs­ten am 26.10.1556 auf­grund feh­len­der Quel­len nichts Nä­he­res be­kannt ist, spre­chen ih­re Um­stän­de doch für den Wunsch des Dom­ka­pi­tels nach Kon­ti­nui­tät und Be­stän­dig­keit. Ver­hält­nis­mä­ßig rasch hat­te es zur Neu­wahl ein­ge­la­den und den Ter­min fest­ge­setzt, um kei­ne län­ge­re Se­dis­va­kanz ent­ste­hen zu las­sen – die es durch­aus zu sei­nem ei­ge­nen Vor­teil hät­te nut­zen kön­nen. Al­ler­dings ver­füg­ten die Schaum­bur­ger in die­sen Jah­ren über meh­re­re Dom­her­ren­stel­len im Köl­ner Dom­ka­pi­tel und hat­ten dar­über hin­aus gu­te ver­wandt­schaft­li­che Bin­dun­gen in das Wahl­gre­mi­um der Erz­bi­schö­fe auf­ge­baut: mit Ot­to von Schaum­burg (1517-1576), der nach dem Ver­zicht Adolfs III. auf die welt­li­che Re­gie­rung in der vä­ter­li­chen Graf­schaft seit 1544 Fa­mi­li­en­ober­haupt war, und Wil­helm (1523-1580) wa­ren zwei wei­te­re Brü­der An­tons im Ka­pi­tel ver­tre­ten, die die üb­ri­gen Dom­her­ren durch­aus zu ei­ner schnel­len und kla­ren Ent­schei­dung zu sei­nen Guns­ten ge­drängt ha­ben könn­ten. Der ­Re­gie­rung An­tons fehl­te je­doch von Be­ginn an Schwung und En­er­gie, die die bei­den wich­tigs­ten Be­ra­ter sei­nes Vor­gän­gers, Eber­hard Billick (1499-1557) un­d Jo­han­nes Grop­per, ein­ge­brach­t hat­ten. Billick, der als Pri­or des Köl­ner Kar­me­li­ten­klos­ters ma­ß­geb­li­chen An­teil an der Re­li­gi­ons­po­li­tik Adolfs III. ge­habt und sich da­bei als ve­he­men­ter Geg­ner al­ler kon­fes­sio­nel­len Kom­pro­mis­se ge­zeigt hat­te, starb kurz nach An­tons Wahl im Ja­nu­ar 1557. Grop­per, der als Ju­rist und Theo­lo­ge die kon­zep­tio­nel­le Vor­ar­beit ge­leis­tet hat­te und mit al­len di­plo­ma­ti­schen Fi­nes­sen ver­traut war, stand vor sei­ner Er­nen­nung zum Kar­di­nal und wur­de als päpst­li­cher Gut­ach­ter stark be­an­sprucht. Es scheint, als ha­be er zu­neh­mend auch ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me ge­habt, die ihn von ei­ner nach­hal­ti­gen und ziel­ge­rich­te­ten Ar­beit im Dienst der Köl­ner Kir­che ab­hiel­ten. Je­den­falls ist aus dem Epis­ko­pat An­tons vom Schaum­burg nicht ein­mal der Ver­such be­kannt, kir­chen­po­li­tisch tä­tig zu wer­den und die Li­nie sei­nes Vor­gän­gers fort­zu­set­zen. In­so­fern lässt sich die Ent­schei­dung des Dom­ka­pi­tels für An­ton auch an­ders deu­ten: an­ge­sichts des ab­seh­ba­ren En­des der Be­ra­ter­tä­tig­keit Billicks und Grop­pers könn­te die Wahl ei­nes un­er­fah­re­nen und in kon­fes­sio­nel­len Din­gen in­dif­fe­ren­ten Erz­bi­schofs auch Aus­druck des Stre­bens nach Be­en­di­gung der im ka­tho­li­schen Sinn for­cier­ten re­li­gi­ons­po­li­ti­schen Be­mü­hun­gen un­ter Adolf III. ge­we­sen sein.  

So, wie er in sei­nem Kur­fürs­ten­tum nur we­ni­ge Spu­ren hin­ter­ließ, trat er auch auf der reichs­po­li­ti­schen Büh­ne kaum in Er­schei­nung. Bei dem zum Zeit­punkt sei­ner Wahl schon an­ge­lau­fe­nen Reichs­tag in Re­gens­burg 1556/1557 konn­te er nicht auf­tre­ten, schon weil er sei­ne Re­ga­li­en erst im Rah­men der nächs­ten Reichs­ver­samm­lung, dem Kur­fürs­ten­tag in Frank­furt 1558, er­hielt. Dort­hin war er, nach­dem er sich vom Dom­ka­pi­tel für die Rei­se­kos­ten und die zu er­war­ten­de Steu­er­for­de­rung Kai­ser Fer­di­nands I. (Re­gie­rungs­zeit 1531-1564) ei­nen Kre­dit auf­ge­nom­men hat­te, per­sön­lich ge­reist, um der of­fi­zi­el­len Pro­kla­ma­ti­on Fer­di­nands zum „Er­wähl­ten Rö­mi­schen Kai­ser" zu­zu­stim­men. Ei­nen Tag spä­ter, am 15.3.1558, er­hielt er die kur­k­öl­ni­schen Re­ga­li­en, die mit der Erz­bi­schofs­wür­de ver­bun­de­nen welt­li­chen Rech­te und Be­sitz­tü­mer. 

Kurz nach der Rück­rei­se er­krank­te er, der ge­sund­heit­lich schon im­mer an­ge­schla­gen war, schwer und starb am 18.6.1558 in Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn); er wur­de nur 36 Jah­re alt. Dass er sich da­bei von sei­nem Hof­ka­plan Ger­hard Vel­ti­us (Amts­zeit 1558-1566) be­glei­ten ließ, könn­te auf ei­ne ge­wis­se kon­fes­sio­nel­le To­le­ranz hin­deu­ten: Vel­ti­us war, je­den­falls laut ei­nem Schrei­ben Her­zog Wil­helms von Jü­lich-Kle­ve Berg, ver­hei­ra­tet und be­grü­ß­te spä­ter die Ge­rüch­te über am dor­ti­gen Hof auf­kom­men­de pro­tes­tan­ti­sche Ten­den­zen. Auch dul­de­te An­ton die be­ab­sich­tig­te Ehe­schlie­ßung sei­nes Bru­ders und re­gie­ren­den Schaum­bur­gi­schen Gra­fen Ot­to, die al­ler­dings erst nach sei­nem Tod mit Ot­tos Kon­ver­si­on er­mög­licht und voll­zo­gen wur­de. Auf der an­de­ren Sei­te pfleg­te er ein of­fen­bar gu­tes Ver­hält­nis zu den Köl­ner Fran­zis­ka­nern und Je­sui­ten. Es steht da­her zu ver­mu­ten, dass er ein für sei­ne Zeit ty­pi­scher, kon­fes­sio­nell kei­nes­wegs fest­ge­leg­ter, son­dern ge­ra­de in re­li­giö­sen Din­gen eher prag­ma­ti­scher Ad­li­ger war. In dem Be­wusst­sein die­ser Un­ter­schied­lich­keit wur­de sei­ne Lie­ge­fi­gur im Köl­ner Dom nicht mit der Bi­schofs­mi­tra ge­ziert, wie dies noch beim sehr ähn­li­chen Epi­taph Adolfs III. der Fall war, son­dern mit dem Kur­hut. Bei­de Fi­gu­ren ent­stan­den zeit­gleich auf Ver­an­las­sung von An­tons Nach­fol­ger Jo­hann Geb­hard von Mans­feld und ste­hen sich heu­te gleich­sam ge­gen­über: das Epi­taph Adolf III. in der Ste­pha­nus-, das­je­ni­ge An­tons in der En­gel­berts­ka­pel­le. Hans­ge­org Mo­li­tor bi­lan­ziert An­tons Le­ben und Re­gie­rung kurz und prä­zi­se: „Je­den­falls fiel er nicht ne­ga­tiv auf." 

Literatur (Auswahl)

Bei der Wie­den, Hel­ge, Schaum­bur­gi­sche Ge­nea­lo­gie, Mel­le 1999.

Bos­bach, Franz, An­ton, Graf von Schaum­burg (Schau­en­burg) (+ 1558), in: Gatz, Er­win (Hg.), Die Bi­schö­fe des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches 1448 bis 1648, Ber­lin 1996, S. 24.

Glä­ßer, Jo­han­nes, Die Gra­fen von Schaum­burg-Hol­stein und das Vest Reck­ling­hau­sen, in: Ves­ti­sche Zeit­schrift 38 (1931), S. 1-113.

Mo­li­tor, Hans­ge­org, Das Erz­bis­tum Köln im Zeit­al­ter der Glau­bens­kämp­fe 1515-1688 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 3), Köln 2008, S. 173-177.

Online

Bei der Wie­den, Hel­ge, Ar­ti­kel „Schaum­burg (Schau­en­burg)", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 22 (2005), S 593-594. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Anton von Schaumburg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/anton-von-schaumburg/DE-2086/lido/57adb0e92e4127.11675702 (11.11.2018)