Antonius Joseph Marxen

Opfer des Kommunismus (1906-1946)

Helmut Moll (Köln)

Antonius Joseph Marxen, Porträtfoto. (Privatarchiv Helmut Moll)

Die kom­mu­nis­ti­schen Über­grif­fe auf Al­ba­ni­en im Rah­men der Be­frei­ung von der ita­lie­ni­schen Ober­ho­heit durch En­ver Hox­ha (1908-1985) führ­ten in den 1940er Jah­ren zur Zer­stö­rung der ka­tho­li­schen Kir­che. Un­ter den zahl­rei­chen Op­fern ragt der deut­sche Mis­sio­nar Pfar­rer An­to­ni­us Jo­seph Mar­xen her­aus.

An­to­ni­us Jo­seph Mar­xen wur­de am 2.8.1906 als vier­tes Kind der Ehe­leu­te Ni­ko­laus (1872-1934) und Ma­ria Mar­xen (1878-1961), ge­bo­re­ne Hah­nen, in Worrin­gen (heu­te Stadt Köln), ge­bo­ren. Der Va­ter, der zu der Zeit Guts­ver­wal­ter auf dem dor­ti­gen Fron­hof war, stamm­te aus der Süd­ei­fel, aus dem na­he Trier ge­le­ge­nen Ort Butz­wei­ler (heu­te Ne­wel) un­weit der Gren­ze zum Gro­ßher­zog­tum Lu­xem­burg, die Mut­ter aus ei­ner an­ge­se­he­nen Fa­mi­lie im nie­der­rhei­ni­schen Hins­beck (heu­te Stadt Net­te­tal). Die Fa­mi­lie hat­te neun Kin­der; im Früh­jahr 1909 zog sie auf den Vro­no­ver­hof bei Rom­mers­kir­chen; ab dem 1.10.1910 leb­te sie in Ber­me­s­hau­sen bei Spei­cher in der Süd­ei­fel und zog im Ok­to­ber 1913 auf den Schön­fel­der­hof bei Zem­mer im Trie­rer Land um.

Mar­xen be­such­te nach Ab­sol­vie­rung der Volks­schu­le das staat­li­che Gym­na­si­ums in Lohr am Main, wo­bei er vom 10.9.1920 bis 15.7.1921 im Aloy­sia­num wohn­te, dem Mis­si­ons­stu­di­en­se­mi­nar der Ma­ri­ann­hil­ler Mis­sio­na­re. An­schlie­ßend kam er auf das Gym­na­si­um im saar­län­di­schen St. Wen­del, wo die Stey­ler Mis­sio­na­re seit ge­rau­mer Zeit ei­ne Nie­der­las­sung un­ter­hiel­ten. Dem „Zög­lings­buch St. Wen­del“ zu­fol­ge, wur­de Mar­xen am 26.9.1921, al­so im Al­ter von 15 Jah­ren, zu­sam­men mit 23 wei­te­ren Schü­lern of­fi­zi­ell auf­ge­nom­men. Of­fen­bar er­folg­te die Hin­wen­dung nach St. Wen­del auch als Fol­ge sei­ner im­mer kla­rer er­kann­ten Be­ru­fung zum Pries­ter­tum. Das Gym­na­si­um der Stey­ler Mis­sio­na­re bot dem jun­gen Mann vor al­lem die Mög­lich­keit, die für das Stu­di­um er­for­der­li­che Hoch­schul­rei­fe zu er­lan­gen. Auf­grund des häu­fi­gen Orts­wech­sels lässt sich un­schwer nach­voll­zie­hen, war­um der Ober­schü­ler das Ab­itur erst im Jah­re 1928 er­reich­te.

Sei­ne pries­ter­li­che Be­ru­fung fand ih­re kon­kre­te Ver­wirk­li­chung in dem Ent­schluss, in die Ge­sell­schaft des Gött­li­chen Wor­tes ein­zu­tre­ten und Mis­sio­nar zu wer­den. Aus die­sem Grun­de be­gann Mar­xen im Al­ter von 21 Jah­ren am 12.5.1928 das No­vi­zi­at, das er in Sankt Au­gus­tin bei Bonn ab­sol­vier­te, wo er an der or­dens­ei­ge­nen Hoch­schu­le mit dem Stu­di­um der Phi­lo­so­phie be­gann; zwi­schen 1929 und 1931 ist er dort als Phi­lo­so­phie­stu­dent ver­zeich­net. Nach dem er­folg­rei­chen Ab­schluss des Phi­lo­so­phie­stu­di­ums folg­te das der Theo­lo­gie an der or­dens­ei­ge­nen Hoch­schu­le St. Ga­bri­el in Möd­ling bei Wien. Im Jah­re 1933 ge­hör­te Mar­xen zu St. Ga­bri­el; im Ca­ta­lo­gus der Mis­si­ons­ge­sell­schaft stand sein Na­me auch noch im fol­gen­den Jahr ge­schrie­ben, je­doch 1935 nicht mehr. Der Scho­las­ti­ker blieb nicht Mit­glied der Stey­ler Mis­sio­na­re. Sein jüngs­ter Bru­der Al­fons er­in­nert sich, dass er ei­nes Ta­ges vor dem Hof in Lötsch bei Brey­ell (heu­te Stadt Net­te­tal) am Nie­der­rhein, wo­hin die Fa­mi­lie um­ge­zo­gen war, stand, um mit­zu­tei­len, dass er sein Stu­di­um ab­ge­bro­chen ha­be. Gleich­wohl woll­te er sei­ne mis­sio­na­ri­sche Be­ru­fung nicht auf­ge­ben.

  Der Erz­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing, Mi­cha­el Kar­di­nal von Faul­ha­ber (1869-1952), spen­de­te Mar­xen am 7.3.1936 die Sub­dia­ko­nats­wei­he und am 8.3.1936 in der Mün­che­ner Pfarr­kir­che St. An­na die Dia­ko­nats­wei­he. Sei­nem Ster­be­bild zu­fol­ge wur­de er am 21. Ju­ni 1936 […] im Ori­en­ta­li­schen Col­leg der Be­ne­dik­ti­ner in Mün­chen zum Pries­ter ge­weiht. Sei­ne Mut­ter nahm an der Ze­re­mo­nie, die in der Ka­pel­le des Her­zog­li­chen Geor­gian­ums statt­fand, teil. Zu­vor hat­te Mar­xen am St. An­dre­as-Kol­leg für die Ost­mis­si­on stu­diert, um als Mis­sio­nar in Russ­land zu wir­ken. Die Hei­mat­pri­miz ze­le­brier­te er am 5.7.1936 in der Pfarr­kir­che St. Lam­ber­tus zu Brey­ell.

Da die be­ab­sich­tig­te Russ­land­mis­si­on nicht ver­wirk­licht wer­den konn­te, be­gann der Neu­pries­ter sei­ne Sen­dung in der für ihn frem­den Welt in Al­ba­ni­en. Nach ge­rau­mer Zeit kehr­te Mar­xen zum Hei­mat­ur­laub nach Deutsch­land zu­rück. Bru­der Al­fons er­in­nert sich leb­haft an die Rück­kehr nach Al­ba­ni­en: Am Bahn­hof fiel Jo­seph gleich zwei­mal auf: Zum ei­nen, weil er ei­ne Fahr­kar­te nach Ba­ri kauf­te und der Bahn­an­ge­stell­te nach­schau­en muss­te, wo das über­haupt liegt. Zum an­de­ren, weil sich mein Bru­der mit ‚Gu­ten Tag’ statt ‚Heil Hit­ler’ ver­ab­schie­de­te. Mar­xen lehn­te den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus rund­weg ab. Von der süd­ita­lie­ni­schen Ha­fen­stadt Ba­ri ging sein Weg mit dem Schiff wei­ter in das al­ba­ni­sche Durrës. Ei­ne am 8.3.1939 an sei­ne „Lie­ben“ nach „Lötsch über Kal­den­kir­chen“ ge­schrie­be­ne Post­kar­te gab ein Le­bens­zei­chen von sei­ner ge­glück­ten Rück­kehr, ob­wohl er aber noch an den Fol­gen der stür­mi­schen See litt. Der als fröh­lich und be­schei­den ge­schil­der­te Pries­ter war je­den­falls der ers­te Mis­sio­nar im Ge­biet um Kt­hel­la in der Diö­ze­se Mir­d­itë. Im Jah­re 1943 zog Mar­xen wei­ter nach Ju­bë un­weit der Ha­fen­stadt Durrës, in des­sen Bis­tum er in­kar­di­niert wur­de; hier kam ein Mus­li­me mit ihm in Kon­takt, der ihn spä­ter aus Dank­bar­keit für die ihm ge­schenk­te Freund­schaft aus der Haft be­frei­en woll­te.

Durch die kom­mu­nis­ti­schen Über­grif­fe in Al­ba­ni­en im Rah­men der Be­frei­ung von der ita­lie­ni­scher Ober­ho­heit, an­ge­führt von En­ver Hox­ha (1908-1985), dem Ge­ne­ral­se­kre­tär der al­ba­ni­schen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, wur­den zahl­rei­che Diö­ze­san­pries­ter, Or­dens­leu­te und Gläu­bi­ge we­gen ih­res christ­li­chen Glau­bens ein­ge­schüch­tert, schi­ka­niert, ge­fan­gen ge­nom­men und um­ge­bracht. So auch Mar­xen. Nach­dem die Kom­mu­nis­ten seit No­vem­ber 1944 die Macht an sich ge­ris­sen hat­ten, kam es zu meh­re­ren Ver­fol­gungs­wel­len, so dass Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Wai­sen­häu­ser und Mis­sio­nen ge­schlos­sen wer­den muss­ten. Deut­sche Sol­da­ten leg­ten Mar­xen un­ter die­sen Um­stän­den na­he, ihn nach Deutsch­land zu brin­gen, doch er lehn­te ab. Ihm stand das Bild des gu­ten Hir­ten vor Au­gen, der sei­ne Scha­fe nicht im Stich lässt, „wenn er den Wolf kom­men sieh­t“ (Joh 10, 12).

Am 11.3.1946 wur­de Mar­xen nach Zeit­zeu­gen­be­rich­ten in der al­ba­ni­schen Haupt­stadt Ti­ra­na auf­grund sei­ner in Er­fül­lung sei­nes Pries­ter­tums voll­zo­ge­nen Tä­tig­kei­ten fest­ge­nom­men und ins Ge­fäng­nis ein­ge­wie­sen. Das Ge­richt ver­ur­teil­te ihn zu zwei Jah­ren Haft, die er in Ti­ra­na zu ver­bü­ßen hat­te. Den ge­walt­sa­men Tod fand er in ei­nem Wald auf der Na­tio­nal­stra­ße bei Ti­ra­na auf dem Weg nach Kukës in Rich­tung Ko­so­vo. Mit der nach­weis­lich fal­schen Be­haup­tung, dem Ge­fan­ge­nen zu Hil­fe kom­men zu wol­len, da­mit er die Gren­ze in das na­he Aus­land über­que­ren kön­ne, brach­ten sie ihn am 16.11.1946 abends ge­gen 18.18 Uhr nach münd­li­cher Über­lie­fe­rung um, in­dem sie vor­ga­ben, Mar­xen ha­be ei­nen Flucht­ver­such un­ter­nom­men.

Ei­ne an­de­re Ver­si­on lau­tet so: In den ers­ten Mo­na­ten sei­nes Ar­res­tes über­stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen Mar­xen dem Ge­fäng­nis in Durrës. Nach ei­ni­gen Ta­gen ga­ben sie dem Pries­ter die Frei­heit wie­der, weil ei­ni­ge aus der äl­te­ren Be­völ­ke­rung aus dem Dorf Ju­bë zu­sam­men mit dem mus­li­mi­schen Bür­ger Lam As­la­mi be­an­tragt hat­ten, ihn frei zu las­sen. Aber nach zwei oder drei Wo­chen Frei­heit wur­de Mar­xen er­neut fest­ge­nom­men und in das Ge­fäng­nis von Ti­ra­na über­stellt, von wo aus er nie­mals zu­rück­kehr­te. Nach der Er­in­ne­rung des Bru­ders Al­fons mel­de­te sich ei­nes Ta­ges ein Zi­vi­list in Bo­chum bei ihm, der be­rich­te­te, mit Mar­xen zu­sam­men im Ge­fäng­nis Ti­ra­na ein­ge­sperrt ge­we­sen zu sein. Mar­xen sei in al­ler Frü­he ab­ge­holt wor­den, dann sei­en Schüs­se ge­fal­len und Mar­xen sei nicht mehr ins Ge­fäng­nis zu­rück­ge­kehrt. Der Zi­vi­list ver­mu­te­te da­her, das die Schüs­se Mar­xen ge­tö­tet hät­ten. Sei­ne sterb­li­chen Über­res­te wur­den da­selbst bei­ge­setzt. Als die Leu­te von Ju­bë von sei­nem Tod er­fuh­ren, wa­ren sie über die Ma­ßen trau­rig, weil sie sich ob ih­rer man­geln­den Un­ter­stüt­zung ih­res Seel­sor­gers als schul­dig emp­fan­den.

Die Al­ba­ni­sche Bi­schofs­kon­fe­renz hat am 10.11.2002 ein Se­lig­spre­chungs­ver­fah­ren für ins­ge­samt 40 in Al­ba­ni­en er­mor­de­te Glau­bens­zeu­gen aus der Zeit des Kom­mu­nis­mus ein­ge­lei­tet. Der Diö­ze­san­pro­zess konn­te am 8.12.2010 ab­ge­schlos­sen wer­den. Papst Fran­zis­kus er­kann­te Mar­xen am 26. April 2016 als Mär­ty­rer an.

Quellen

Pfar­rar­chiv von St. Pan­kra­ti­us in Köln-Worrin­gen.

Pfar­rar­chiv der Pfar­rei­en­gemein­schaft der Fidei in Zem­mer;

Ar­chiv des Mis­si­ons­stu­di­en­se­mi­nars Aloy­sia­num in Lohr am Main;

Mar­ti­riz­mi i Kis­hës Ka­to­li­ke Sh­qip­ta­re, Sh­ko­dër 1993, S. 105.

www.kis­haka­to­li­kesho­der.com; Ori­gi­nalbrie­fe und Fo­tos von Dr. Cä­ci­lia Gie­ber­mann, Gum­mers­bach; schrift­li­che Mit­tei­lung von Jean-Jean Ber­nard, Roodt/Syr (Lu­xem­burg), vom 15.12.2007, von Ma­ria Al­fons Wil­helm Mar­xen (Bru­der), Meer­busch, vom 26.2.2008, von Adolf Jo­han­nes Ni­ko­laus Mar­xen (Nef­fe), Jün­kerath, vom 12.3.2008.

Literatur

Si­nish­ta, Gjon, The Ful­fil­led Pro­mi­se, San­ta Cla­ra 1976, S. 70.

Bartl, Pe­ter, Al­ba­ni­en, in: Kir­che und Ka­tho­li­zis­mus seit 1945, Band 2, Pa­der­born [u.a.] 1999, S. 29-40.

Moll, Hel­mut, "Pfar­rer An­to­ni­us Jo­seph Mar­xen", in: Moll, Hel­mut (Hg.), Zeu­gen für Chris­tus. Das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts, 5., er­wei­ter­te und ak­tua­li­sier­te Auf­la­ge, Band 2, Pa­der­born [u.a.]  2010,  S. 1480-1484.

Pe­ters, Mar­kus W. E., Ge­schich­te der Ka­tho­li­schen Kir­che in Al­ba­ni­en 1919-1993, Wies­ba­den 2003.

Schmitt, Oli­ver Jens / Frantz, Eva  An­ne  (Hg.), Al­ba­ni­sche Ge­schich­te. Stand und Per­spek­ti­ven der For­schung, Mün­chen 2009.

Si­mo­ni, Zef, La per­se­cu­ción de la Igle­sia ca­tó­li­ca en Al­ba­niea de 1944 a 1990, in: Eccle­sia 14 (2000), S. 305-316.

 
Zitationshinweis

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Moll, Helmut, Antonius Joseph Marxen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/antonius-joseph-marxen/DE-2086/lido/57c94909b921c7.24428265 (23.06.2018)