Arnold von Siegen

Kölner Bürgermeister, kaiserlicher Rat (um 1490-1579)

Martin Bock (Frechen)

Arnold von Siegen, Figur am Kölner Rathausturm, 2009, Foto: Raimond Spekking. (Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons))

Der Köl­ner His­to­ri­ker Her­mann Keus­sen be­zeich­ne­te in der All­ge­mei­nen Deut­schen Bio­gra­phie 1892 Ar­nold von Sie­gen als „den an­ge­se­hens­ten und ein­flu­ß­reichs­ten Bür­ger Kölns im 16. Jahr­hun­der­t“. Tat­säch­lich be­stimm­te Sie­gen nicht nur die stadt­köl­ni­sche Po­li­tik für bei­na­he vier Jahr­zehn­te in ver­schie­de­nen Spit­zen­po­si­tio­nen, son­dern dien­te auch den Kai­sern Karl V. (Re­gie­rungs­zeit 1519-1556) und Fer­di­nand I. (1503-1564, rö­misch-deut­scher Kai­ser ab 1558), mit de­nen er in sei­nem Köl­ner Haus auch pri­vat ver­kehr­te. Her­mann Weins­berg lob­te die „fei­ne Be­red­sam­keit“ Sie­gens, der trotz sei­ner gro­ßen Er­fol­ge recht plötz­lich der Po­li­tik den Rü­cken kehr­te und sich im Be­wusst­sein der Be­völ­ke­rung vor al­lem durch sei­ne Gro­ßzü­gig­keit und wohl­tä­ti­gen Stif­tun­gen in gu­ter Er­in­ne­rung hielt, die ihm auch ei­nen Platz un­ter den Turm­fi­gu­ren des Köl­ner Rat­hau­ses ein­brach­te.

Ar­nold (Arnt) von Sie­gen ent­stamm­te ei­ner nach Köln ein­ge­wan­der­ten Fa­mi­lie von Stahl­händ­lern. Der Gro­ßva­ter, der sich noch Jo­hann Scham­pe van Se­gen nann­te, kam aus ei­ner be­gü­ter­ten Sie­ge­ner Fa­mi­lie, die wohl auch Hüt­ten na­he der Stadt be­saß. Ab 1431 kauf­te er sich den Hof Kel­len­berg auf dem Ei­gel­stein in Köln zu­sam­men. Mit der Ge­ne­ra­ti­on des Va­ters wur­de die Fa­mi­lie rats­fä­hig: Va­ter Ger­hard – Her­mann von Weins­berg be­zeich­ne­te ihn als schiff­man - saß 1505-1522 für die Gaf­fel Wind­eck im Rat, On­kel Til­mann von Sie­gen/van Se­gen (ge­stor­ben nach 1501) be­klei­de­te zwi­schen 1490/1491 und 1499/1500 vier­mal das Bür­ger­meis­ter­amt. Ar­nolds Mut­ter Adel­heid Cle­mens von Be­ne­sis ent­stamm­te ei­ner ver­mö­gen­den Woll- und Tuch­macher­fa­mi­lie. Das Stamm­haus der Fa­mi­lie von Sie­gen stand am Holz­markt. Auf die Her­kunft der Fa­mi­lie ver­weist ih­re Haus­mar­ke, die ein Kreuz, das Sie­ge­ner Stahl­zei­chen, do­mi­niert.

Das kon­kre­te Ge­burts­jahr Ar­nolds ist nicht be­kannt, nach Her­mann Weins­berg wur­de er um 1500 ge­bo­ren, nach Fah­ne 1484 in Ker­pen. Da Ar­nold 1506 an der Köl­ner Ar­tis­ten­fa­kul­tät im­ma­tri­ku­liert wur­de, dürf­te er je­doch wohl um 1490 ge­bo­ren sein. Ver­hei­ra­tet war Ar­nold mit Ka­tha­ri­na Wolff, Toch­ter des rei­chen Köl­ner Woll­fär­bers Gos­win Wolff. Aus der Ehe gin­gen fünf Söh­ne und vier Töch­ter her­vor. Sohn Ar­nold (Arnt) war Ban­ner­herr des Wol­len­amts und saß 1542-1579 im Rat wie auch 1586-1607 des­sen gleich­na­mi­ger Sohn, der zu­dem zwi­schen 1593/1594 und 1605/1606 fünf­mal Bür­ger­meis­ter war (ge­stor­ben 11.7.1607).

Der jun­ge Kauf­mann be­ein­druck­te sei­ne Zeit­ge­nos­sen durch ein „ge­win­nen­des We­sen“ und ge­wand­tes Auf­tre­ten. Dies wird ihm si­cher­lich auch bei sei­nen wirt­schaft­li­chen Tä­tig­kei­ten ge­hol­fen ha­ben, über die nichts wei­ter be­kannt ist. Zu sehr über­la­gert hier in der Rück­schau der Po­li­ti­ker den Ge­schäfts­mann, der er gleich­wohl ge­we­sen sein muss, als er an­geb­lich schon 1512 erst­mals öf­fent­lich in Er­schei­nung trat. 1524 ist er un­ter den Schöf­fen des Ge­richts Airs­burg be­zeugt. Et­wa zeit­gleich oder kurz da­nach dürf­te er für die Fisch­men­ger­gaf­fel in den Rat ge­wählt wor­den sein. 1529/1530 wur­de er zum ers­ten von ins­ge­samt zwölf Ma­len zum Bür­ger­meis­ter ge­wählt, nach der in Köln üb­li­chen Re­ge­lung, wo­nach die am­tie­ren­den Bür­ger­meis­ter nach Ab­lauf ih­res Amts­jah­res Rent­meis­ter wur­den, um dann beim nächst­mög­li­chen Zy­klus wie­der das Bür­ger­meis­ter­amt zu be­klei­den. Au­ßer­dem war er ei­ner der Pro­vi­so­ren (Ku­ra­to­ren) der Uni­ver­si­tät.

Sei­ne Ge­wandt­heit und di­plo­ma­ti­sches Ge­schick lie­ßen Sie­gen nicht nur in Köln zu ei­nem be­deu­ten­den Po­li­ti­ker wer­den, auch au­ßen­po­li­tisch ver­trat er die Reichs­stadt, erst­mals auf dem Spey­rer Reichs­tag von 1526 und dann in der Fol­ge auch auf wei­te­ren Reichs­ver­samm­lun­gen bis 1545. In Ulm wur­de er eben­falls 1526 zum köl­ni­schen Ab­ge­sand­ten ei­ner De­le­ga­ti­on ge­wählt, die den in Spa­ni­en wei­len­den Kai­ser Karl V. über die kon­fes­sio­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten im Reich in­for­mie­ren soll­te. Hier ver­trat Sie­gen den streng ka­tho­li­schen Stand­punkt des Köl­ner Ra­tes mit Ve­he­menz, was den Kai­ser of­fen­bar so sehr be­ein­druck­te, dass er ihn zu sei­nem Rat er­nann­te und ihm spä­ter den Rit­ter­ti­tel ver­lieh. Die kon­se­quent alt­gläu­big-ka­tho­li­sche Hal­tung ver­trat Sie­gen auch im Pro­zess ge­gen Adolf Cla­ren­bach und Pe­ter Flieste­den (ge­stor­ben 1529), die un­mit­tel­bar nach Sie­gens ers­tem Amts­an­tritt als Bür­ger­meis­ter als ra­di­ka­le Pro­tes­tan­ten ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet wur­den. Auch wäh­rend des Re­for­ma­ti­ons­ver­suchs des Köl­ner Erz­bi­schofs und Kur­fürs­ten Her­mann von Wied un­ter­stütz­te Sie­gen die alt­gläu­big blei­ben­de Geist­lich­keit und be­grü­ß­te Her­manns Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on im Jahr 1546.

1564 kan­di­dier­te Ar­nold von Sie­gen nicht mehr als Bür­ger­meis­ter, wie es er­war­tet wor­den war, und gab auch sein Rats­man­dat und al­le an­de­ren öf­fent­li­chen Äm­ter zu­rück. Leo­nard En­nen gibt als we­sent­li­chen Grund hier­für die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen Sie­gens an, Keus­sen führt da­ne­ben auch Be­weg­grün­de an, die in des­sen vom Rat nicht mehr mit­ge­tra­ge­nen auf­rich­ti­gen Ka­tho­li­zi­tät ge­le­gen ha­ben könn­ten. Die im Zu­ge des auf­kom­men­den nie­der­län­di­schen Kon­flik­tes ge­sperr­ten Ren­ten, die Sie­gen aus dem zum Her­zog­tum Bra­bant ge­hö­ren­den Ker­pen be­zog, dürf­ten je­doch für sei­ne Ent­schei­dung ei­ne oder die we­sent­li­che Rol­le ge­spielt ha­ben. Um die Sank­ti­on zu um­ge­hen, lös­te er sich vom Bür­ge­reid, denn die Maß­nah­me soll­te nur Köl­ner Bür­ger im for­ma­len Sinn be­tref­fen.

Ob Ar­nold von Sie­gen durch die­sen Schritt die Ren­ten­zah­lun­gen wie­der er­hielt, ist un­be­kannt. Er hat­te es je­den­falls durch el­ter­li­ches Er­be und si­cher­lich auch ei­ge­ne Ge­schäfts­tä­tig­keit zu ei­nem gro­ßen Ver­mö­gen ge­bracht, das Her­mann Weins­berg auf 100.000 Gul­den schätz­te. Es er­laub­te ihm ei­ne fürst­li­che Hof­hal­tung in sei­nem als At­trak­ti­on gel­ten­den pracht­vol­len Haus am Holz­markt. Hier emp­fing er auch Kai­ser Karl V. bei des­sen Auf­ent­hal­ten in Köln in den Jah­ren 1545 und 1550. Ihm ge­hör­ten auch ver­schie­de­ne gro­ße Land­gü­ter. Als sol­cher­ma­ßen ver­mö­gen­der und ein­fluss­rei­cher Mann ge­währ­te Sie­gen auch den stets na­he der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ste­hen­den Köl­ner Erz­bi­schö­fen und Kur­fürs­ten grö­ße­re Kre­di­te.

Im Üb­ri­gen nutz­te er sein Ver­mö­gen, um Kir­chen und Klös­ter in Köln zu be­den­ken und für ih­re Aus­stat­tung zu sor­gen. Vor­ne­weg pro­fi­tier­te sei­ne Hei­mat­pfar­re Sankt Jo­hann Bap­tist, der er auch als Kirch­meis­ter dien­te, von die­ser Gro­ßzü­gig­keit. Un­ter an­de­rem stif­te­te er ihr ei­nen von Bart­hel Bruyn d. Ä. um 1540 ge­stal­te­ten Flü­gel­al­tar, auf dem Ar­nold und sei­ne Frau als Stif­ter dar­ge­stellt sind. Das Al­tar­bild be­fin­det sich heu­te im Ger­ma­ni­schen Na­tio­nal­mu­se­um Nürn­berg. Au­ßer­dem in­iti­ier­te Sie­gen die bau­li­che Ver­grö­ße­rung der Kir­che um ein zwei­tes Sei­ten­schiff und fi­nan­zier­te die Maß­nah­me zum Teil aus ei­ge­nen Mit­teln, wie er auch die Ver­gü­tung der Pfarr­stel­le durch ei­ne Stif­tung dau­er­haft si­cher­te. Auf sei­ne Stif­tung geht auch das Tauf­be­cken aus Mes­sing zu­rück, wie die In­schrift­ta­fel auf dem De­ckel be­zeugt: HER AR­NOLDT VON SE­GEN RIT­TER KAI­SER­LI­CHER MA­JES­TAIT RAIT. A(NN)O 1566. Er dürf­te auch den ur­sprüng­li­chen Stand­ort des Tauf­be­ckens im west­li­chen Joch des äu­ße­ren süd­li­chen Sei­ten­schif­fes be­stimmt ha­ben, ganz in Nä­he der Fa­mi­li­en­grable­ge, wo er sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand.

An­läss­lich sei­nes To­des cha­rak­te­ri­sier­te Her­mann Weins­berg Ar­nold von Sie­gens Reich­tum, Ver­diens­te und Per­sön­lich­keit fol­gen­der­ma­ßen: […] hat er doch fol­gens gar grois­lich an rich­tumb und heir­lich­keit pros­pe­reirt und zu­ge­no­men. Dan er wost sich bei kei­ser, ko­nink, furs­ten und hern der­mais­sen um­b­zu­to­in, das es won­der war und dess grois­sen nutz und for­tel hat […] War über­aus be­redt und ge­spreich und frunt­lich, nit grois von per­so­nen, gar roit im an­ge­sicht […]_ Hat vil scho­ner tu­gent an sich, aber auch et­li­che las­tern_ (Buch Weins­berg III, S. 27-28).

Die Mehr­zahl sei­ner Nach­kom­men wand­te sich dem Pro­tes­tan­tis­mus zu, an­ge­fan­gen mit sei­nem jüngs­ten Sohn Hie­rony­mus. Das Haus am Holz­markt wur­de 1591 vom Rat we­gen ei­ner dort ab­ge­hal­te­nen pro­tes­tan­ti­schen Ver­samm­lung ge­schlos­sen. Ge­gen En­de des 17. Jahr­hun­derts wur­de dar­in das gro­ße Ar­men­haus der Stadt Köln ein­ge­rich­tet - wenn die Über­lie­fe­rung von der Men­schen­freund­lich­keit Sie­gens stimmt, viel­leicht nicht un­be­dingt zum Wi­der­wil­len des vor­ma­li­gen Be­sit­zers.

Im öf­fent­li­chen Raum er­in­nern in Köln an Ar­nold von Sie­gen die wohl von Wil­helm Al­ber­mann (1835-1913) 1900/1901 ge­schaf­fe­ne Ratsturm­fi­gur, nach Kriegs­be­schä­di­gun­gen 1990 für das neue Fi­gu­ren­pro­gramm des Rat­haus­tur­mes von dem Bild­hau­er Ge­org Kraut­krä­mer (ge­bo­ren 1960) re­stau­riert und er­gänzt, fer­ner die 1966 von Eli­sa­beth Bau­meis­ter-Büh­ler (1912-2000) ge­schaf­fe­ne Brun­nen­an­la­ge vor der Kir­che Sankt Jo­hann Bap­tist. Ei­ne na­he ge­le­ge­ne Stra­ße trägt den Na­men des für die stadt­köl­ni­sche Ge­schich­te des 16. Jahr­hun­derts so be­deu­ten­den Man­nes.

Quellen

Das Buch Weins­berg, Band 1-2, be­arb. v. Kon­stan­tin Höhl­baum, Leip­zig 1886-1887; Band 3, be­arb. v. Fried­rich Lau, Bonn 1897, Nach­druck Düs­sel­dorf 2000.
Keus­sen, Her­mann (Be­arb.), Die Ma­tri­kel der Uni­ver­si­tät Köln, Band 2, Bonn 1919, Nach­druck 1979, S. 598 (471,19). 

Literatur

En­nen, Leo­nard, Ge­schich­te der Stadt Köln, Band 3-4, Köln/Neuss 1875. 
Fah­ne, A., Ge­schich­te der Köl­ni­schen, Jü­lich­schen und Ber­gi­schen Ge­schlech­ter in Stamm­ta­feln, Wap­pen, Sie­geln und Ur­kun­den, Teil 1, Köln/Bonn 1848, S. 400.
Her­born, Wolf­gang, Zur Re­kon­struk­ti­on und Edi­ti­on der Köl­ner Bür­ger­meis­ter­lis­te bis zum En­de des An­ci­en Ré­gime, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 36 (1972), S. 89-183, bes. S. 132-136.
Ir­sig­ler, Franz, Die wirt­schaft­li­che Stel­lung der Stadt Köln im 14. Und 15. Jahr­hun­dert. Struk­tur­ana­ly­se ei­ner spät­mit­tel­al­ter­li­chen Ex­port­ge­wer­be- und G´Fern­han­dels­stadt, Wies­ba­den 1979.
Meie­ring, Do­mi­nik/Oepen, Joa­chim (Hg.), Auf­bruch statt Ab­bruch. Die Kir­che St. Jo­hann Bap­tist in Köln, Köln 2009.
Schlei­cher, Her­bert M., Rats­her­ren­ver­zeich­nis von Köln zu reichs­städ­ti­scher Zeit von 1396-1796, Köln 1982, S. 504-507 [die An­ga­ben zu Arnt von Sie­gen sind nicht feh­ler­frei]. 
Stein, A. G., Die Fa­mi­lie von Sie­gen in Köln, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 35 (1880), S. 170-178. 

Online

Keus­sen, Her­mann, Sie­gen, Ar­nold von, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 34 (1892), S. 195-196. [on­line]

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Arnold von Siegen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/arnold-von-siegen/DE-2086/lido/5e3175aeec0ac0.80027395 (abgerufen am 05.04.2020)