August Wilhelm von Schlegel

Schriftsteller und Literaturprofessor (1767-1845)

Arnulf Krause (Bonn)

August Wilhelm von Schlegel, Gemälde von Johann Friedrich Tischbein, um 1800, Original im Frankfurter Goethe-Museum mit Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift. (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

Der viel­sei­ti­ge Phi­lo­lo­ge, Über­set­zer und Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Au­gust Wil­helm von Schle­gel ge­hör­te in Je­na zum Kreis der Früh­ro­man­ti­ker. An der 1818 neu­ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät Bonn lehr­te er als Pro­fes­sor für Li­te­ra­tur und Kunst­ge­schich­te. Der weit­hin be­rühm­te Hoch­schul­leh­rer präg­te die An­fangs­jah­re ­der Uni­ver­si­tät mit und war ma­ß­geb­lich an de­ren Auf­bau be­tei­ligt. 

Schle­gel wur­de am 8.9.1767 in Han­no­ver ge­bo­ren. Sein Va­ter war der Theo­lo­ge und Schrift­stel­ler Jo­hann Adolph Schle­gel (1721-1793), der un­ter an­de­rem als Pfar­rer an die Markt­kir­che Han­no­ver be­ru­fen und zum Kon­sis­to­ri­al­rat er­nannt wur­de. Die Mut­ter Jo­han­na Chris­tia­ne Erd­mu­the Hübsch (1735-1811) war die Toch­ter ei­nes Ma­the­ma­tik­leh­rers aus Schul­pfor­ta. Das Paar hat­te acht Söh­ne und zwei Töch­ter, von de­nen ins­be­son­de­re Fried­rich Schle­gel (1772-1829) als füh­ren­der Ro­man­ti­ker be­kannt wur­de. 

Seit 1796 war Schle­gel mit der Über­set­ze­rin und Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin Ca­ro­li­ne Mi­chae­lis (1763-1809), ver­wit­we­te Böh­mer, spä­te­re Schel­ling, ver­hei­ra­tet. Die­se Ehe wur­de 1803 ge­schie­den. Die 1818 ge­schlos­se­ne Ehe mit der Hei­del­ber­ger Pro­fes­so­ren­toch­ter So­phie Pau­lus (1791-1847) wur­de nicht voll­zo­gen und spä­ter an­nul­liert. Schle­gel blieb kin­der­los. Den preu­ßi­schen Adels­ti­tel er­hielt er 1812. 

Nach Schul­be­such und Ab­itur in Han­no­ver be­gann Schle­gel 1786 mit dem Stu­di­um der Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen, wo er je­doch schon bald zum Fach Phi­lo­lo­gie wech­sel­te. Nach dem Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums wirk­te er seit 1791 als Haus­leh­rer in Ams­ter­dam. Vier Jah­re spä­ter hielt er sich kür­ze­re Zeit bei sei­ner Mut­ter in Han­no­ver und in Braun­schweig auf, bis er schlie­ß­lich nach Je­na zog. Dort bil­de­te er mit sei­nem Bru­der Fried­rich und sei­ner Frau Ca­ro­li­ne den en­ge­ren Kreis der Früh­ro­man­ti­ker, zu de­nen un­ter an­de­rem auch No­va­lis (Fried­rich von Har­den­berg, 1772-1801) so­wie der Phi­lo­soph Fried­rich Wil­helm Jo­seph Schel­ling (1775-1854) ge­hör­ten. Mit dem Ber­li­ner Schrift­stel­ler Lud­wig Tieck (1773-1853) ver­band Schle­gel ei­ne en­ge Freund­schaft, die in ge­mein­sa­men Ar­bei­ten ih­ren Aus­druck fand. 1798 er­hielt er ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Pro­fes­sur für Phi­lo­so­phie. 

In Je­na wirk­te Schle­gel ent­schei­dend am neu­en ro­man­ti­schen Pro­gramm mit. Da­von zeu­gen ins­be­son­de­re rund 300 vor al­lem li­te­ra­tur- und kunst­his­to­ri­sche Ar­ti­kel und Re­zen­sio­nen so­wie die Her­aus­ga­be der Zeit­schrift „Athe­nä­um“ (1798-1800) ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Fried­rich. Bis zum Bruch mit Fried­rich Schil­ler (1759-1805) ar­bei­te­te er bis 1797 an des­sen „Ho­ren“ mit. Au­ßer­dem ver­öf­fent­lich­te Schle­gel zahl­rei­che Über­set­zun­gen klas­si­scher und ro­ma­ni­scher Dich­ter (un­ter an­de­rem Cal­de­ron, Ariost). Gro­ße An­er­ken­nung ge­noss die Über­set­zung von Dra­men Wil­liam Shake­speares (zum Teil ge­mein­sam mit Lud­wig Tieck). 

1801 folg­te Schle­gel sei­nem Bru­der Fried­rich nach Ber­lin, wo er viel­be­ach­te­te öf­fent­li­che Vor­le­sun­gen über „Schö­ne Li­te­ra­tur und Kunst“ hielt. 1804 lern­te er die fran­zö­si­sche Schrift­stel­le­rin An­ne Loui­se Ger­mai­ne de Staël-Hol­stein (Ma­da­me de Staël, 1766-1817) ken­nen, die von nun an sein Le­ben ent­schei­dend be­stimm­te. 13 Jah­re lang be­glei­te­te er Na­po­le­ons be­rühm­tes­te Kri­ti­ke­rin als Be­ra­ter und Er­zie­her ih­rer Kin­der, des­sen Ver­mitt­lung zeit­ge­nös­si­scher deut­scher Kul­tur sich in de Staëls Deutsch­land-Buch „De l´Al­le­ma­gne“ nie­der­schlug. Schle­gel hielt sich in ih­rem Land­sitz Cop­pet am Gen­fer See auf, der zu ei­nem geis­ti­gen Treff­punkt Eu­ro­pas wur­de. Zahl­rei­che Rei­sen führ­ten ihn im Ge­fol­ge Ma­da­me de Staëls un­ter an­de­rem nach Ita­li­en, Frank­reich und Deutsch­land. 1808 hielt er in Wien er­neut öf­fent­li­che Vor­le­sun­gen über „Dra­ma­ti­sche Kunst und Li­te­ra­tur“, die zur Ver­brei­tung der ro­man­ti­schen Ide­en bei­tru­gen. 

Der Aus­wei­sung Schle­gels aus Frank­reich 1811 folg­te ein Jahr spä­ter die end­gül­ti­ge Flucht ge­mein­sam mit Ma­da­me de Staël, die über Wien und Russ­land nach Stock­holm führ­te. Dort wur­de Schle­gel 1813 zum Re­gie­rungs­rat und per­sön­li­chen Se­kre­tär des schwe­di­schen Kron­prin­zen Jean-Bap­tis­te Ber­na­dot­te (1763-1844) er­nannt. 

Nach Na­po­le­ons Nie­der­la­ge reis­te Schle­gel 1814 mit Ma­da­me de Staël nach Pa­ris, wo er sich ne­ben Cop­pet bis zu ih­rem Tod über­wie­gend auf­hielt. Mit ih­rer Toch­ter Al­ber­ti­ne (1797-1838) so­wie de­ren Mann, Her­zog Vic­tor de Bro­g­lie (1785-1870), und de­ren vier Kin­dern ver­band Schle­gel le­bens­lang ei­ne fa­mi­li­är-freund­schaft­li­che Be­zie­hung. 1834 be­such­te ihn das Paar in Bonn. 1818 hat­te er ei­nen Ruf an die Uni­ver­si­tät Ber­lin er­hal­ten, die­sen aber ge­gen ei­nen Lehr­stuhl der neu­ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät in Bonn ge­tauscht. Dort lehr­te er bis an sein Le­bens­en­de als Pro­fes­sor für Li­te­ra­tur und Kunst­ge­schich­te. Sei­ne The­men wa­ren breit­ge­fä­chert und um­fass­ten un­ter an­de­rem klas­si­sche und ro­ma­ni­sche Li­te­ra­tu­ren so­wie eng­li­sche und deut­sche Li­te­ra­tur. Au­ßer­dem be­schäf­tig­te er sich mit Kunst­ge­schich­te und al­ter Ge­schich­te. Ins­be­son­de­re gilt Schle­gel als Be­grün­der der In­do­lo­gie, die er un­ter an­de­rem mit Sans­krit-Se­mi­na­ren und der „In­di­schen Bi­blio­the­k“ (1820-30) mit Haupt­wer­ken der in­di­schen Li­te­ra­tur so­wie mit Über­set­zun­gen eta­blier­te. Der Nor­we­ger Chris­ti­an Las­sen (1800-1876) setz­te als sein Schü­ler und Nach­fol­ger die­se Ar­beit fort. Dar­über hin­aus hat Schle­gel ent­schei­dend zur Ent­ste­hung der Ro­ma­nis­tik bei­ge­tra­gen und gilt als Vor­rei­ter der ver­glei­chen­den Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft.

In den ers­ten Jah­ren der jun­gen Uni­ver­si­tät ge­noss Schle­gel un­ter den Pro­fes­so­ren ei­ne Star­rol­le. Sei­ne Se­mi­na­re wa­ren am bes­ten be­sucht, wo­von Teil­neh­mer wie Hein­rich Hei­ne be­redt Zeug­nis ge­ben. Sei­ne Be­rühmt­heit wuss­te Schle­gel mit sei­nem re­si­den­z­ar­ti­gen Haus in der Sand­kau­le 529 in Bon­n zu un­ter­strei­chen. Sein Auf­tre­ten mit Ka­le­sche, Die­ner und in mo­di­schem Pa­ri­ser An­zug mach­te sei­ne Ei­tel­keit in Bonn sprich­wört­lich. Schle­gel nahm auf viel­fäl­ti­ge Wei­se am Auf­bau und aka­de­mi­schen Le­ben der Uni­ver­si­tät teil, so 1824/1825 als Rek­tor und 1839 als De­kan La­tei­nisch, (1) Vor­ste­her ei­ner Fa­kul­tät an ei­ner Uni­ver­si­tät, (2) hö­he­rer ka­tho­li­scher oder evan­ge­li­scher Geist­li­cher, Vor­ste­her ei­nes De­ka­nats oder Kir­chen­krei­ses.  der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät. 

Au­ßer­dem war er an der Grün­dung zwei­er her­aus­ra­gen­der Mu­se­en be­tei­ligt: Der An­ti­ken­samm­lung der Uni­ver­si­tät, als Aka­de­mi­sches Kunst­mu­se­um Bonns äl­tes­tes Mu­se­um, ver­schaff­te er un­ter de­ren Lei­ter Fried­rich Gott­lieb Wel­cker (1784-1868) 1820 Gips­ab­güs­se aus Pa­ris. Im sel­ben Jahr war Schle­gel an der Grün­dung des „Mu­se­ums Rhei­nisch-West­fä­li­scher Al­ter­tü­mer“ be­tei­ligt und über­nahm zeit­wei­lig des­sen Lei­tung (das spä­te­re Pro­vin­zi­al­mu­se­um und heu­ti­ge LVR-Lan­des­Mu­se­um Bonn). 

Au­ßer­dem führ­te Schle­gel vor­über­ge­hend den Vor­sitz des 1835 ge­grün­de­ten Beet­ho­ven­ver­eins zur Er­rich­tung ei­nes Denk­mals für den Kom­po­nis­ten. Des­sen Stand­ort auf dem Müns­ter­platz vor dem Pa­lais Fürs­ten­berg (die heu­ti­ge Haupt­post) soll von Schle­gel vor­ge­schla­gen wor­den sein. 

Schle­gels Bon­ner Jah­re wur­den von zahl­rei­chen Rei­sen un­ter­bro­chen, so nach Lon­don und Pa­ris, nach Kas­sel, wo er Ja­cob Grimm (1785-1863) be­such­te, und nach Wei­mar zu Goe­the (1749-1832). 1827 hielt er in Ber­lin Vor­le­sun­gen über die bil­den­den Küns­te; 1841 nahm er ei­nen Ruf an die dor­ti­ge Uni­ver­si­tät an, kehr­te aber nach ei­nem Se­mes­ter nach Bonn zu­rück. Eh­run­gen un­ter­strei­chen sei­ne in­ter­na­tio­na­le Wert­schät­zung, so die Er­nen­nung zum Rit­ter der Eh­ren­le­gi­on in Pa­ris und die Ver­lei­hung des Or­dens Pour le Mé­ri­te in Ber­lin.

Schle­gels blei­ben­des, lan­ge Zeit ver­kann­tes Ver­dienst be­steht nicht in sei­nem schma­len dich­te­ri­schen Werk (Ge­dich­te 1800, das Dra­ma „Ion“ 1803), son­dern in sei­nen li­te­ra­tur­kri­ti­schen und -his­to­ri­schen Ar­bei­ten, et­wa der Wie­der­ent­de­ckung Dan­tes, in sei­nen Über­set­zun­gen ins­be­son­de­re Shake­speares so­wie in sei­nen Vor­le­sun­gen. Auf die­se Wei­se trug er er­heb­lich zur Öff­nung des li­te­ra­ri­schen Ho­ri­zonts in Deutsch­land bei und pro­pa­gier­te die ro­man­ti­sche Be­we­gung im Ge­gen­satz zur Klas­sik. 

Am 12.5.1847 ver­starb Schle­gel in sei­nem Bon­ner Haus und wur­de auf dem Al­ten Fried­hof bei­ge­setzt. Grab­s­te­le und Bron­ze­re­lief schuf ein Jahr spä­ter der Bild­hau­er Ernst von Ban­del (1800-1876). 

Werke

Wil­liam Shake­speare. Dra­ma­ti­sche Wer­ke (Über­set­zung), 9 Bän­de, 1797-1810.

Athe­nä­um (Hg.), 3 Bän­de, 1798-1800.

Ge­dich­te, 1800.

Ion. Ein Schau­spiel, 1803.

Über dra­ma­ti­sche Kunst und Li­te­ra­tur, Vor­le­sun­gen, 3 Bän­de, 1809-1811.

Ge­schich­te der deut­schen Spra­che und Poe­sie, Vor­le­sun­gen, ge­hal­ten an der Uni­ver­si­tät Bonn seit dem Win­ter­se­mes­ter 1818/19, 1913.

In­di­sche Bi­blio­thek (Hg.), 3 Bän­de, 1820-1830.

Literatur

Bren­ta­no, Bern­hard von, Au­gust Wil­helm Schle­gel. Ge­schich­te ei­nes ro­man­ti­schen Geis­tes, Stutt­gart 1943.

John, Jo­han­nes, Schle­gel, Au­gust Wil­helm von, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 23, 2007, S. 38-40.

Mix, York-Go­thart (Hg.), Der Eu­ro­pä­er Au­gust Wil­helm Schle­gel. Ro­man­ti­scher Kul­tur­trans­fer – ro­man­ti­sche Wis­sens­wel­ten, Ber­lin 2010.

Schir­mer, Ruth, Au­gust Wil­helm Schle­gel und sei­ne Zeit. Ein Bon­ner Le­ben, Bonn 1986.

Online

Goe­the­zeit­por­tal (Mul­ti­me­dia­le In­for­ma­tio­nen zur Geis­tes­ge­schich­te, Kunst und Li­te­ra­tur der Zeit Goe­thes). [On­line]

Kor­re­spon­den­zen von Au­gust Wil­helm Schle­gel in der Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek Bonn. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Krause, Arnulf, August Wilhelm von Schlegel, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/august-wilhelm-von-schlegel/DE-2086/lido/57c9475ee94526.79385515 (23.06.2018)