Bartholomäus Latomus

Gelehrter (1485-1570)

Martin Bock (Frechen)

Artificium dialecticum et rhetoricum […], Köln 1532, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

Bar­tho­lo­mä­us Hein­rich La­to­mus ge­hört in die Rei­he be­deu­ten­der hu­ma­nis­ti­scher Ge­lehr­ter, die trotz im­men­ser wis­sen­schaft­li­cher Ar­beit und ho­her per­sön­li­cher In­te­gri­tät häu­fig le­dig­lich als „Zeit­ge­nos­sen des Eras­mus“ sub­su­miert wer­den. Da­bei hät­te sein Wer­de­gang ihm durch­aus er­laubt, ei­ne auch im blei­ben­den Sinn füh­ren­de Po­si­ti­on un­ter den deut­schen Hu­ma­nis­ten ein­zu­neh­men, wenn er nicht in der zwei­ten Le­bens­hälf­te so ein­sei­tig für die alt­gläu­big-ka­tho­li­sche Sa­che Par­tei er­grif­fen hät­te. Viel­leicht fehl­te La­to­mus auch ein Stück weit der per­sön­li­che Ehr­geiz zum blei­ben­den Ruhm: we­der such­te er sich im aka­de­mi­schen Um­feld zu pro­fi­lie­ren, et­wa durch Grün­dung ei­ner ei­ge­nen Schu­le wie Phil­ipp Me­lan­chthon (1497-1560), noch be­gehr­te er ge­gen sei­ne Funk­ti­on als in­tel­lek­tu­el­le Spit­ze der Trie­rer Kur­fürs­ten ge­gen al­le re­for­ma­to­ri­schen Be­stre­bun­gen auf, die er 30 Jah­re lang er­füll­te, ihn si­cher­lich aber bei Wei­tem nicht aus­füll­te.

Wäh­rend in äl­te­ren Stu­di­en 1485 als Ge­burts­jahr an­ge­ge­ben wird, wur­de La­to­mus wohl erst deut­lich nach 1490 in Arel (Ar­lon) in der heu­te zu Bel­gi­en ge­hö­ren­den Pro­vinz Lu­xem­burg ge­bo­ren, ver­mut­lich in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen. Über sei­ne Fa­mi­lie ist nichts be­kannt. Im­mer­hin er­hielt er die er­for­der­li­che Schul­bil­dung, um sich am 10.3.1516 an der Uni­ver­si­tät Frei­burg im Breis­gau zu im­ma­tri­ku­lie­ren. Hier lehr­te Ul­rich Zasi­us (1461-1535), der ei­nen we­sent­li­chen Bei­trag da­zu leis­te­te, die Ju­ris­pru­denz durch ein ge­nau­es und quel­len­ori­en­tier­tes Stu­di­um vor al­lem der an­ti­ken Rechts­tex­te im hu­ma­nis­ti­schen Sinn zu er­neu­ern, und vom dem nie­mand Ge­rin­ge­rer als Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469-1536) ge­sagt ha­ben soll, er be­wun­de­re nichts in Deutsch­land so sehr wie Zasi­u­sens Cha­rak­ter.

Eras­mus, der nach Jah­ren der Stu­di­en und Wan­der­schaft seit 1514 im na­hen Ba­sel leb­te und ar­bei­te­te und hier dem Hö­he­punkt sei­nes wis­sen­schaft­li­chen Schaf­fens ent­ge­gen ging, wird ne­ben Zasi­us gro­ßen Ein­fluss auf den Stu­den­ten Bar­tho­lo­mä­us Hen­ri­ci Ar­lu­nen­sis, als der La­to­mus sich sei­ner Her­kunft nach noch in der Uni­ver­si­täts­ma­tri­kel fin­det, ge­habt ha­ben. Wann er sich den Bei­na­men „La­to­mus“, Stein­metz al­so, zu­leg­te, und ob die­se Wahl ei­nen Hin­weis auf den Be­ruf sei­nes Va­ters gibt, kann nur ver­mu­tet wer­den. Viel­leicht darf die Na­mens­wahl auch sinn­bild­lich ver­stan­den wer­den, und La­to­mus sah sich als nur im Hin­ter­grund wir­ken­den Ar­bei­ter am Ge­samt­werk der von Män­nern wie Eras­mus und Zasi­us ge­stal­te­ten Ka­the­dra­le des neu­en Den­kens. Je­den­falls galt er nicht nur als über­aus ge­lehr­ter, son­dern auch be­schei­de­ner und um­gäng­li­cher Mensch.

 

Im Jahr 1521 nahm Eras­mus den jun­gen Mann, der in nicht ein­mal zwei Jah­ren im Ja­nu­ar 1518 den Ma­gis­ter­grad er­wor­ben hat­te und be­reits an der Frei­bur­ger Bur­se lehr­te, mit auf ei­ne Rei­se durch das El­sass. Da­bei be­such­ten sie un­ter an­de­rem Schlett­stadt und die dor­ti­ge La­tein­schu­le, an der Eras­mus selbst, aber auch an­de­re Grö­ßen wie Ja­kob Wimp­fe­ling (1450-1528), Ja­kob Spie­gel (1483-1547) un­d Mar­tin Bu­cer ge­lernt hat­ten und de­ren hu­ma­nis­ti­sche Bi­blio­thek noch heu­te zu den wich­tigs­ten kul­tu­rel­len Gü­tern des El­sas­s ­zählt. In Trier er­leb­te La­to­mus im Jahr 1522 die spä­ten Ver­su­che des als „letz­ten Rit­ter­s“ be­kannt ge­wor­de­nen Franz von Si­ckin­gen (1481-1523), die Stel­lung des nie­de­ren Adels zu si­chern, mit und ver­ar­bei­te­te sie un­ter dem Ti­tel „Fac­tio me­mo­ra­bi­lis“ in ei­nem frü­hen ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Werk, für das er sich un­ter Ver­wen­dung des klas­si­schen Vers­ma­ßes an an­ti­ken Vor­bil­dern ori­en­tier­te.

Von Trier aus ging La­to­mus nach Köln, wo er die Brü­der Jo­hann Lud­wig (1492-1547) und Wolf­gang von Ha­gen un­ter­rich­te­te un­d gleich­zei­tig ei­ne Stel­lung als Pro­fes­sor für Dia­lek­tik und Rhe­to­rik an der Mon­t­an­er­bur­se, ei­ner der drei Schu­len der Ar­tis­ten­fa­kul­tät, an­nahm. Über die­se Zeit ist wie­der­um we­nig be­kannt, die Bin­dung von Leh­rer und Schü­ler scheint aber im Lich­te der spä­te­ren Ent­wick­lung eng ge­we­sen zu sein. Al­ler­dings über­sie­del­te La­to­mus, nach­dem die Aus­bil­dung der bei­den Brü­der von Ha­gen be­en­det war, zu­nächst mit ei­ner kur­zen Zwi­schen­sta­ti­on 1530 in Lö­wen im Jahr dar­auf nach Pa­ris und er­hielt dort ei­ne Pro­fes­sur am Col­lè­ge de Sain­te-Bar­be, des­sen Kol­le­gi­um den re­for­ma­to­ri­schen Ge­dan­ken wohl nicht ab­ge­neigt war.

Tat­säch­lich hat­te La­to­mus in die­ser Zeit auch freund­schaft­li­chen Kon­takt zu Me­lan­chthon, der aber eher von aka­de­mi­schem Cha­rak­ter war. La­to­mus blieb zeit­le­bens alt­gläu­big und konn­te so auch 1534 an das durch den fran­zö­si­schen Kö­nig Franz I. (1494-1547) ge­grün­de­te Col­lè­ge des trois lan­gues wech­seln. Zwar stand auch die­ses Col­le­gi­um in Op­po­si­ti­on zur or­tho­do­xen Leh­re an der Uni­ver­si­tät, ge­noss je­doch durch das kö­nig­li­che Pri­vi­leg Un­an­tast­bar­keit, so dass sich die Ge­lehr­ten jen­seits des Kon­fes­sio­nel­len ganz der Wis­sen­schaft, ins­be­son­de­re dem Stu­di­um der al­ten Spra­chen, wid­men konn­ten.

1539/1540 un­ter­nahm La­to­mus ei­ne län­ge­re Ita­li­en­rei­se mit Auf­ent­hal­ten un­ter an­de­rem in Ve­ne­dig und Rom. Ei­ne Pro­mo­ti­on zum Dok­tor der Rech­te an der Uni­ver­si­tät Bo­lo­gna ist nicht ge­si­chert. In Ita­li­en er­reich­te ihn ein Ruf sei­nes zwi­schen­zeit­lich zum Trie­rer Erz­bi­schof und Kur­fürs­ten ge­wähl­ten Schü­lers Jo­hann Lud­wig von Ha­gen, der ihn zum Hof­rat er­nann­te. Auf der Rück­rei­se mach­te La­to­mus Sta­ti­on in Straß­burg, wo er mit Jo­han­nes Sturm (1507-1589), dem gro­ßen Päd­ago­gen und Schul­re­for­mer, und wohl auch Mar­tin Bu­cer zu­sam­men­traf. Bu­cer warb um den an­ge­se­he­nen Ge­lehr­ten La­to­mus in der An­nah­me, die­ser ste­he den re­for­ma­to­ri­schen Ide­en of­fen ge­gen­über, konn­te ihn aber nicht für sei­ne Sa­che ge­win­nen und ge­riet nach ei­nem durch­aus der­ben Schrift­wech­sel, der un­ter an­de­rem in dem sich zu­spit­zen­den Köl­ner Kon­flikt zwi­schen Her­mann von Wied und der alt­gläu­bi­gen Par­tei als Flug­schrift der je­wei­li­gen Pro­pa­gan­da dien­te, in of­fe­nen Kon­flikt. Der Streit mit Bu­cer mar­kiert ei­ne Wen­de im theo­lo­gi­schen Den­ken von La­to­mus, denn in der Fol­ge ver­leg­te er sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on bei den ver­schie­de­nen von ihm be­such­ten Re­li­gi­ons­ge­sprä­chen, un­ter an­de­rem in Ha­genau, Worms und Re­gens­burg weg von der Su­che nach ei­ner Kir­chen­ei­ni­gung hin zur Ver­tei­di­gung der ka­tho­li­schen Po­si­ti­on.

Ennarationes Bartholomaei Latomi […], Straßburg 1539, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

 

Da­mit voll­zog sich auch ein Wan­del in sei­nem li­te­ra­ri­schen Schaf­fen. Hat­ten zu Be­ginn die kri­ti­sche und gründ­li­che Edi­ti­on und Kom­men­tie­rung an­ti­ker und phi­lo­so­phi­scher Schrif­ten im Mit­tel­punkt ge­stan­den – La­to­mus ge­hör­te zu den pro­duk­tivs­ten Ver­fas­sern sol­cher Er­läu­te­rungs­schrif­ten im ers­ten Drit­tel des 16. Jahr­hun­derts –, so such­te er in sei­nem spä­te­ren Werk die re­li­gi­ons­po­li­ti­sche Kon­tro­ver­se und Aus­ein­an­der­set­zung mit den Re­for­ma­to­ren, ne­ben Bu­cer un­ter an­de­rem mit Pe­ter Da­the­nus (1531-1588) und Ja­kob An­d­reä (1528-1590). Die­ser Wan­del fin­det sei­nen Aus­druck auch äu­ßer­lich, wenn La­to­mus sein letz­tes, grö­ße­res Werk, die „Spal­tung der Augspur­gi­schen Con­fes­si­on durch die ne­wen und strei­ti­gen Theo­lo­gen“ auf Deutsch ver­öf­fent­lich­te – le­dig­lich das kur­ze Vor­wort ist noch in la­tei­ni­scher Spra­che ge­hal­ten – und sich da­mit von der hu­ma­nis­ti­schen Wis­sen­schafts­spra­che ab­wand­te. La­to­mus wog dar­in nicht mehr wie in frü­he­ren Wer­ken bei­de Sei­ten ab, son­dern schrieb sehr un­ver­hoh­len den Pro­tes­tan­ten und ih­rer „un­besten­di­gen le­re“ die Schuld am Schei­tern des Worm­ser Re­li­gi­ons­ge­sprächs von 1557 zu.

Mit die­sem Ei­fer ge­wann er das Ver­trau­en der Nach­fol­ger Jo­hann Lud­wigs von Ha­gen, der be­reits 1547 ver­stor­ben war, und dien­te auch den Kur­erz­bi­schö­fen Jo­hann von Isen­burg (1507-1556), Jo­hann von der Ley­en un­d Ja­kob von Eltz, al­le­samt und ins­be­son­de­re letz­te­rer auf­rech­te ­Ka­tho­li­ken und ent­schie­de­ne Geg­ner der Re­for­ma­ti­on. Es ist da­her si­cher­lich auf­schluss­reich, wenn La­to­mus kurz vor sei­nem Tod am 3.1.1570 noch zum Vi­ze­prä­si­den­ten des kur­fürst­li­chen Hof­ge­rich­tes er­nannt wur­de. Wenn es für den fast 80-Jäh­ri­gen auch viel­leicht nur der Dank und die An­er­ken­nung für sei­ne jahr­zehn­te­lan­gen treu­en Diens­te für die Trie­rer Kur­fürs­ten war, so bleibt er doch we­ni­ger als der her­aus­ra­gen­de Hu­ma­nist, son­dern mehr als der im Diens­te der Ge­gen­re­for­ma­ti­on ste­hen­de Hof­ge­lehr­te und Be­am­te in Er­in­ne­rung, um den es am En­de recht still ge­wor­den war.

Werke (Auswahl)

Epi­to­me com­men­ta­to­ri­um Dialec­ticae in­ven­tio­nis Ro­dol­phi Agri­co­lae, 1530.

Ar­ti­fi­ci­um dialec­ti­um et rhe­to­ri­cum in tres ora­ti­ons ex Li­vio et Ci­ce­ro­ne, 1532.

En­nara­tio­nes Bar­tho­lo­ma­ei La­to­mi in to­pi­ca Ci­ce­ro­nis, iam re­cens con­scrip­tae & in lu­cem aeditae, 1539.

Zwei Streit­schrif­ten ge­gen Mar­tin Bu­cer (1543-1545), hg. v. Leon­hard Keil, 1924.

De Par­ti­tio­ne ora­to­ria dia­lo­gus, 1547.

M. T. Ci­ce­ro­nis Pro Sex­to Ro­scio Ame­ri­no ora­tio, 1553.

Spal­tung der Augspur­gi­schen Con­fes­si­on durch die ne­wen und strei­ti­gen Theo­lo­gen, 1557.

Literatur

Cas­par, Be­ne­dikt, Das Erz­bis­tum Trier im Zeit­al­ter der Glau­bens­spal­tung, 1966, S. 204-213.

Clas­sen, Carl Joa­chim, An­ti­ke Rhe­to­rik im Zeit­al­ter des Hu­ma­nis­mus, Mün­chen 2003, S. 225-230.

De Vocht, Hen­ry, His­to­ry of the Foun­da­ti­on and the Ri­se of the Col­le­gi­um Tri­lin­gue Lo­va­ni­en­se 1517-1550, Band 2, 1953.

Smo­lins­ky, He­ri­bert, Art. „Lat­mous, Bar­tho­lo­ma­eus“, in: bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Band 4, 1992, Sp. 1217-1219.

Online

Kraus, Franz Xa­ver, „La­to­mus, Bar­tho­lo­mäus“, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1883), S. 14. [On­line]

La­to­mus, Bar­tho­lo­ma­eus, in: Con­tro­ver­sia et Con­fes­sio, hg. Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und der Li­te­ra­tur Mainz. [On­line]

Spaltung der Augspurgischen Confession durch die newen und streitigen Theologen […], 1557, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Bartholomäus Latomus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/bartholomaeus-latomus-/DE-2086/lido/57c93df759be96.11941258 (23.06.2018)