Bernhard Letterhaus

Gewerkschaftsführer und NS-Widerstandskämpfer (1894-1944)

René Schulz (Bonn)

Bernhard Letterhaus bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, 13.11.1944.

Der christ­li­che Ge­werk­schafts­füh­rer Bern­hard Let­ter­haus war ei­ne der füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung und ein Wi­der­stands­kämp­fer ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Als ei­ner der her­aus­ra­gen­den Köp­fe des „Köl­ner Krei­ses“ war er an Pla­nun­gen für ein auf christ­li­cher und so­zia­ler Grund­la­ge er­neu­er­tes Deutsch­land nach Hit­ler be­tei­ligt und un­ter­hielt Kon­takt zu den Ver­schwö­rern des 20. Ju­li 1944. Nach dem Schei­tern des von ihm un­ter­stütz­ten Um­sturz­ver­suchs ver­haf­tet und vor dem Volks­ge­richts­hof an­ge­klagt, wur­de Let­ter­haus zum To­de ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet.

 

Bern­hard Let­ter­haus wur­de am 10.7.1894 in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Sohn des Schuh­ma­cher­meis­ters Jo­hann Bern­hard Let­ter­haus (1859-1939) und sei­ner Frau Emi­lie ge­bo­re­ne Des­sel (1863-1942) ge­bo­ren. Zu­sam­men mit zwei Brü­dern wuchs Let­ter­haus in ei­ner streng ka­tho­li­schen Fa­mi­lie in der kon­fes­sio­nel­len Dia­spo­ra des pro­tes­tan­tisch do­mi­nier­ten Ber­gi­schen Lan­des auf. Den El­tern wi­der­streb­te der Wunsch des tief re­li­giö­sen Soh­nes, dem der Be­such ei­ner hö­he­ren Schu­le ver­sagt blieb, Pries­ter zu wer­den. So be­gann Let­ter­haus nach acht­jäh­ri­ger Volks­schul­zeit ei­ne Leh­re zum Band­wir­ker, auf die sei­ne Aus­bil­dung zum Tex­til­tech­ni­ker an der preu­ßi­schen Hö­he­ren Fach­schu­le für Tex­til­in­dus­trie im hei­mi­schen Bar­men folg­te. In die Pha­se ers­ter po­li­ti­scher Ori­en­tie­rung fiel im De­zem­ber 1914 die Ein­be­ru­fung des erst 20-Jäh­ri­gen zum Heer. Als In­fan­te­rist er­leb­te Let­ter­haus den Stel­lungs­kampf des Ers­ten Welt­kriegs an der West­front, wo er mehr­fach ver­wun­det und mit dem Ei­ser­nen Kreuz I. Klas­se aus­ge­zeich­net wur­de. Bei Kriegs­en­de im Ran­ge ei­nes Un­ter­of­fi­ziers ent­las­sen, ließ ihn das Fron­t­er­leb­nis – wie so vie­le An­ge­hö­ri­ge sei­ner Ge­ne­ra­ti­on – nicht mehr los. Der Krieg form­te im deut­schen Pa­trio­ten und ent­schie­de­nen An­ti­na­tio­na­lis­ten Let­ter­haus an­ders als bei an­de­ren be­kann­ten Mit­glie­dern der „lost ge­ne­ra­ti­on“ ei­ne er­bit­ter­te Geg­ner­schaft zur po­li­ti­schen Rech­ten, de­ren Ver­such sich mit Hil­fe der Dolch­sto­ß­le­gen­de aus der Ver­ant­wor­tung für die deut­sche Nie­der­la­ge und den Zu­sam­men­bruch von 1918 zu steh­len, ihn schlicht em­pör­te.

Ins Zi­vil­le­ben zu­rück­ge­kehrt, ar­bei­te­te Bern­hard Let­ter­haus zu­nächst für ei­ni­ge Zeit haupt­be­ruf­lich als Par­tei­se­kre­tär der Zen­trums­par­tei in Bar­men, ehe er 1920 zum Zen­tral­ver­band christ­li­cher Tex­til­ar­bei­ter nach Düs­sel­dorf wech­sel­te. Dort be­schäf­tig­ten ihn für die fol­gen­den Jah­re vor al­lem lohn­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, so dass sich der en­ga­gier­te Ver­bands­funk­tio­när nur un­zu­rei­chend sei­ner ei­gent­li­chen Her­zens­an­ge­le­gen­heit zu­wen­den konn­te – der Ar­bei­ter­bil­dung, in der er das ent­schei­den­de Mit­tel zur Ver­bes­se­rung der so­zia­len La­ge als auch der Chan­cen der Ar­bei­ter­schaft sah. Selbst aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen stam­mend, kann­te Let­ter­haus das ge­sell­schaft­li­che Pro­blem von Bil­dungs­de­fi­zi­ten und nur dürf­ti­gen Wei­ter­bil­dungs­mög­lich­kei­ten aus ei­ge­ner Er­fah­rung, such­te er doch je­de Ge­le­gen­heit zu nut­zen, um die Män­gel sei­ner ei­ge­nen Bil­dung zu über­win­den. Der an so­zia­len und öko­no­mi­schen Fra­gen in­ter­es­sier­te Ka­tho­lik be­such­te da­her abends die Staat­li­che Fach­schu­le für Wirt­schaft und Ver­wal­tung in Düs­sel­dorf und bil­de­te sich zu­dem au­to­di­dak­tisch wei­ter.

Bernhard Letterhaus. (Katholische Arbeitnehmerbewegung Deutschland, Diözesanverband Köln)

 

Ein wei­te­rer Wech­sel zu den ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­nen, die sich der Ar­bei­ter­bil­dung als ei­ner ih­rer Haupt­zie­le ver­schrie­ben hat­ten, lag mehr als na­he, als er 1927 vom Ver­bands­prä­ses der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne West­deutsch­lands, Prä­la­t Ot­to Mül­ler das An­ge­bot er­hielt, als Ver­bands­se­kre­tär in de­ren Zen­tra­le in Mön­chen­glad­bach zu ar­bei­ten. Zu­sam­men mit Let­ter­haus stieß auch des­sen spä­te­rer Freund und Mit­ver­schwö­rer im Wi­der­stand ge­gen die NS-Dik­ta­tur, Ni­ko­laus Groß, der bis­he­ri­ge Se­kre­tär der christ­li­chen Berg­ar­bei­ter­ge­werk­schaft, zur Ver­bands­füh­rung. Wäh­rend Groß die Lei­tung der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tun­g“ (WAZ), des auf­la­gen­star­ken Ver­bands­or­gans der „Ka­tho­li­schen Ar­beit­neh­mer-Be­we­gun­g“ (KAB) über­nahm, wand­te sich Let­ter­haus der in­halt­li­chen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­bes­se­rung der prak­ti­schen Bil­dungs­ar­beit zu. Im Ge­gen­satz zu vie­len geist­li­chen Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten des Ver­ban­des, die von ei­nem all­zu aka­de­misch-theo­re­ti­sie­ren­den Stand­punkt aus­gin­gen, be­müh­te er sich ins­be­son­de­re um die plas­ti­sche­re Ge­stal­tung der zu ver­mit­teln­den In­hal­te, was un­ter an­de­rem sei­nen Aus­fluss in dem ge­mein­sam mit sei­nem Freund Franz Röhr (1888-1934) zu­sam­men­ge­stell­ten sta­tis­ti­schen Hand­buch „Grö­ßen­ord­nun­gen in Volk und Wirt­schaf­t“ fand. Dar­über hin­aus kon­zi­pier­te Let­ter­haus neue Pro­gram­me für die Ver­eins­ar­beit, schul­te die Ar­bei­ter­se­kre­tä­re, hielt Vor­trä­ge und ver­öf­fent­lich­te Auf­sät­ze, die meist in der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tun­g“ er­schie­nen und zu theo­re­ti­schen wie auch ta­ges­po­li­ti­schen Pro­blem­stel­lun­gen Po­si­ti­on be­zo­gen. Ein Jahr nach­dem die Ver­bands­zen­tra­le 1928 von Mön­chen­glad­bach nach Köln über­ge­sie­delt war, hei­ra­te­te Bern­hard Let­ter­haus die frü­he­re Mit­ar­bei­te­rin im Zen­tral­ver­band der christ­li­chen Tex­til­ar­bei­ter, Gre­te Thiel (1902-1975); aus der Ehe ging ei­ne Toch­ter her­vor.

1928 wur­de Let­ter­haus für die Zen­trums­par­tei in den Preu­ßi­schen Land­tag so­wie den Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wählt. Für den Par­la­men­ta­ri­er do­mi­nier­te zu­nächst die Aus­ein­an­der­set­zung mit der po­li­ti­schen Lin­ken, die von sei­ner Sor­ge ge­tra­gen wur­de, dass die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter in stär­ke­rem Ma­ße als zu­vor in das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche oder gar kom­mu­nis­ti­sche La­ger ab­wan­dern könn­ten. Doch ne­ben die Kom­mu­nis­ten, die mit ih­ren klas­sen­kämp­fe­ri­schen und athe­is­ti­schen Pa­ro­len den schärfs­ten Wi­der­spruch des gläu­bi­gen Ka­tho­li­ken und De­mo­kra­ten her­aus­for­der­ten, tra­ten für Let­ter­haus bald die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, wel­che mit der Reichs­tags­wahl vom 14.9.1930 ih­ren par­la­men­ta­ri­schen Durch­bruch er­zielt hat­ten, als wei­te­re Haupt­geg­ner hin­zu. Noch kurz vor der Sep­tem­ber­wahl hat­te Let­ter­haus auf dem 69. Ka­tho­li­ken­tag in Müns­ter, als des­sen Vi­ze­prä­si­dent er am­tier­te, vor den bei­den Tod­fein­den der Wei­ma­rer De­mo­kra­tie, Kom­mu­nis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­warnt. Über die rasch an Bo­den ge­win­nen­de NS­DAP er­klär­te er: Fal­sche Pro­phe­ten mit ei­nem Kreuz auf der Fah­ne, das aber nicht das Zei­chen des Welt­er­lö­sers ist, zie­hen durch Städ­te und Dör­fer. Sie ver­wüs­ten die Her­zen des lei­den­den Vol­kes.

Ge­gen den ent­fes­sel­ten Stra­ßen­ter­ror der SA und an­de­rer Par­tei­ver­bän­de for­der­te er am 24.3.1931 im Preu­ßi­schen Land­tag ein Durch­grei­fen des all­zu schwach wir­ken­den frei­heit­li­chen Rechts­staa­tes: Es wä­re staat­li­cher Selbst­mord, wenn hier nicht mit al­ler Ent­schie­den­heit ein­ge­grif­fen wür­de. Auch wenn sich Let­ter­haus von der de­mo­kra­tie­ge­fähr­den­den Be­dro­hung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus über­zeugt zeig­te, un­ter­schätz­te er wie vie­le sei­ner po­li­ti­schen Zeit­ge­nos­sen die At­trak­ti­ons- und In­te­gra­ti­ons­kraft der NS­DAP und ih­rer dem­ago­gi­schen Po­li­tik, die er als An­samm­lung un­er­füll­ba­rer und höchst wi­der­sprüch­li­cher Ver­spre­chun­gen zu ent­lar­ven such­te. Sein noch im Früh­jahr 1932 un­ter­nom­me­ner Ver­such, ei­ne ge­gen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­rich­te­te „Volks­front“ aus christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten und ka­tho­li­schen Ar­bei­ter- und Ge­sel­len­ver­ei­nen zu bil­den, schei­ter­te. Kurz nach dem er­zwun­ge­nen Rück­tritt sei­nes Par­tei­freun­des, des Reichs­kanz­lers Hein­rich Brü­ning (1885-1970), mahn­te er am 11.6.1932 vor dem Preu­ßi­schen Land­tag pro­phe­tisch an: Nie­mand weiß von uns, wie lan­ge noch Ge­le­gen­heit ge­bo­ten ist, frei vor der Na­ti­on zu re­den.

Die Macht­über­nah­me Adolf Hit­lers (1889-1945) am 30. Ja­nu­ar 1933 über­rasch­te Let­ter­haus und die Füh­rung der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung. In Über­ein­stim­mung mit den meis­ten Be­ob­ach­tern räum­te Let­ter­haus den neu­en Macht­ha­bern kei­ne lan­ge Re­gie­rungs­zeit ein. Die an­ge­setz­ten, halb­frei­en Neu­wah­len zum Reichs­tag und Preu­ßi­schen Land­tag nutz­te er, um noch ein­mal für sei­ne po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen zu wer­ben und die Be­hin­de­run­gen der de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en so­wie den un­ein­ge­schränk­ten Ein­satz der Staats­ge­walt für den Wahl­kampf der Re­gie­rung Hit­ler an­zu­pran­gern. Ver­geb­lich ver­such­ten er und sei­ne Freun­de aus der Ar­bei­ter­be­we­gung ih­ren Ein­fluss für die Ab­leh­nung des „Er­mäch­ti­gungs­ge­set­zes“ durch die Reichs­tags­frak­ti­on des Zen­trums gel­tend zu ma­chen. Ei­ner Ab­stim­mung im Land­tag über ein ent­spre­chen­des Ge­setz für die preu­ßi­sche Lan­des­re­gie­rung blieb Let­ter­haus be­wusst fern, da er sich zu­vor mit sei­ner War­nung in der ei­ge­nen Frak­ti­on nicht hat­te durch­set­zen kön­nen. Im Ab­schluss des Reichs­kon­kor­dats er­kann­te er hell­sich­tig kei­nen wirk­sa­men Schutz für die ka­tho­li­sche Kir­che und ihr Ver­eins­we­sen, son­dern le­dig­lich ei­ne di­plo­ma­ti­sche Auf­wer­tung des NS-Re­gimes.

Gründ­lich er­nüch­tert durch die ers­ten Er­fol­ge der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, stell­te sich Let­ter­haus auf ei­ne lan­ge NS-Herr­schaft ein. Bald al­ler po­li­ti­schen Be­tä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten be­raubt, in­ten­si­vier­te er die Ver­eins- und Ver­bands­ar­beit, bis es nach punk­tu­el­len Auf­lö­sun­gen lo­ka­ler Ver­ei­ne im Herbst 1935 zum Ver­bot der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne in Müns­ter und 1938 der Diö­ze­san­ver­bän­de in Mainz und Lim­burg kam. Das noch im glei­chen Jahr er­las­se­ne Ver­bot der zu Jah­res­be­ginn 1935 in „Ket­te­ler-Wacht" um­be­nann­ten Ver­bands­zei­tung nahm Let­ter­haus sein letz­tes Sprach­rohr. Um­sonst hoff­te der zu­neh­mend des­il­lu­sio­nier­te Op­po­si­tio­nel­le auf ei­ne In­ter­ven­ti­on der West­mäch­te ge­gen Hit­lers aben­teu­er­li­che Re­vi­si­ons- und Ag­gres­si­ons­po­li­tik, die das NS-Re­gime hät­te ge­fähr­den kön­nen. Als Let­ter­haus kurz vor Be­ginn des Zwei­ten Welt­krie­ges am 26.8.1939 zur Wehr­macht ein­be­ru­fen wur­de, war für ihn Deutsch­lands Nie­der­la­ge im Fal­le ei­nes er­neu­ten Krie­ges ge­wiss. Zu­nächst im Reich sta­tio­niert, nahm er als Leut­nant am West- und als Ober­leut­nant am Russ­land­feld­zug teil, ehe es Freun­den aus dem Wi­der­stand 1942 ge­lang, sei­ne Ver­set­zung in das Amt Aus­land/Ab­wehr beim Ober­kom­man­do der Wehr­macht (OKW) durch­zu­set­zen. Als dor­ti­ger Re­fe­rent der In­for­ma­ti­ons­ab­tei­lung im Ran­ge ei­nes Haupt­man­nes der Re­ser­ve ver­füg­te Let­ter­haus über Ein­bli­cke in die sich zu­un­guns­ten des „Drit­ten Rei­ches“ ent­wi­ckeln­de mi­li­tä­ri­sche La­ge, die er mit sei­nen Mit­ver­schwö­rern teil­te. Schon in der Vor­kriegs­zeit hat­te Let­ter­haus Kon­tak­te zu mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stands­krei­sen knüp­fen kön­nen, die durch Ja­kob Kai­ser (1888-1961) ver­mit­telt wor­den wa­ren. Durch sei­ne Tä­tig­keit im Ober­kom­man­do mit vie­len Per­sön­lich­kei­ten des mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stan­des be­kannt und von sei­ner Zeit als Ge­werk­schafts­füh­rer her mit zahl­rei­chen Kon­tak­ten in die ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­be­we­gung und ei­ner ho­hen So­zi­al­kom­pe­tenz aus­ge­stat­tet, wur­de er bald zu ei­ner Klam­mer zwi­schen mi­li­tä­ri­schen und zi­vi­len Wi­der­stands­krei­sen in der Reichs­haupt­stadt Ber­lin so­wie im Wes­ten des Rei­ches. Aus christ­li­cher Welt­ver­ant­wor­tung her­aus führ­te ihn ein ge­ra­der Weg in den Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

Nikolaus Groß, Otto Müller und Bernhard Letterhaus, undatiert. (Katholische Arbeitnehmerbewegung Deutschland, Archiv)

 

Zu­nächst als Dis­kus­si­ons­zir­kel ge­plant und von sei­nen Freun­den Groß und Mül­ler we­sent­lich mit­ge­prägt, bil­de­te der so­ge­nann­te „Köl­ner Kreis“, wel­cher sich aus christ­li­chen Ge­werk­schaf­tern und ehe­ma­li­gen Zen­trums­po­li­ti­kern zu­sam­men­setz­te, ein brei­tes und über­re­gio­na­les Netz an Ver­bin­dun­gen zu an­de­ren Op­po­si­ti­ons­krei­sen, mit de­nen sie Kon­tak­te, Pla­nun­gen und Res­sour­cen teil­ten. Bis zu ih­rer Zer­stö­rung im Ju­li 1943 dien­te die Köl­ner Woh­nung des Ehe­paars Let­ter­haus als Treff­punkt der füh­ren­den Köp­fe im deut­schen Wi­der­stand, wie Carl Fried­rich Go­er­de­ler (1884-1945), Wil­helm Leu­sch­ner (1890-1944), Al­fred Delp (1907-1945) oder Jo­sef Wir­mer (1901-1944). Über den Je­sui­ten­pa­ter Delp kam die ma­ß­geb­li­che Ver­bin­dung zum „Krei­sau­er Kreis“ um Hel­muth Ja­mes Graf von Molt­ke (1907-1945) und Pe­ter Graf Yorck von War­ten­burg (1904-1944) zu­stan­de, zu des­sen Haupt­ver­bin­dung ins west­li­che Reichs­ge­biet sich die Köl­ner Grup­pe ent­wi­ckel­te. Bei den Dis­kus­sio­nen über die Zu­kunft Deutsch­lands nach Hit­ler war die Staats­form der De­mo­kra­tie für Let­ter­haus selbst­ver­ständ­li­cher Aus­gangs­punkt. Ei­ne neue deut­sche De­mo­kra­tie muss­te al­ler­dings die noch­ma­li­ge Macht­über­nah­me des po­li­ti­schen Ex­tre­mis­mus von An­fang an aus­schlie­ßen. Der christ­li­che Ge­werk­schaf­ter und De­mo­krat trat in den Pla­nun­gen für ei­ne über­kon­fes­sio­nel­le und par­tei­po­li­tisch neu­tra­le Ein­heits­ge­werk­schaft ein und be­für­wor­te­te ei­ne kon­fes­si­ons­über­grei­fen­de christ­li­che Volks­par­tei. Da­bei war ihm be­wusst, dass der Aus­weg aus der NS-Dik­ta­tur – wenn Deutsch­land noch vor der to­ta­len Nie­der­la­ge be­wahrt wer­den soll­te – nur über den Ty­ran­nen­mord ge­lin­gen konn­te. Die Not­wen­dig­keit des At­ten­tats auf Hit­ler bil­li­gend, war er in gro­ben Zü­gen über die Um­sturz­plä­ne des mi­li­tä­ri­schen Wi­der­stan­des un­ter­rich­tet.

Als am 20. Ju­li 1944 Claus Graf Schenk von Stauf­fen­berg (1907-1944) das At­ten­tat auf Hit­ler wag­te und der Um­sturz­ver­such be­gann, be­fand sich Let­ter­haus nicht im Zen­trum der Ver­schwö­rung in der Ber­li­ner Bend­ler­stra­ße, son­dern ver­sah sei­nen Dienst in ei­ner Au­ßen­stel­le des Am­tes Aus­land/Ab­wehr in Pots­dam. Als am Abend das Schei­tern des Staats­streichs fest­stand, rie­ten ihm Ja­kob Kai­ser und Wil­helm Wied­feld (1893-1970) in den Nie­der­lan­den un­ter­zu­tau­chen, wo­zu er sich aber nicht ent­schlie­ßen konn­te. Der Haupt­mann der Re­ser­ve ging wei­ter sei­nem Dienst nach und wur­de am 25.7.1944 von der Ge­sta­po ver­haf­tet. Let­ter­haus wur­den die von den Ver­schwö­rern ge­führ­ten Na­mens­lis­ten zum Ver­häng­nis, die ihn als „Po­li­ti­schen Be­auf­trag­ten“ für den Wehr­kreis VI (Müns­ter) und mög­li­chen Wie­der­auf­bau­mi­nis­ter im Ka­bi­nett Go­er­de­ler führ­ten. Ei­nen Mo­nat spä­ter aus der Wehr­macht aus­ge­sto­ßen, war er zu­erst im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ra­vens­brück in­haf­tiert, von wo er schlie­ß­lich für den be­vor­ste­hen­den Schau­pro­zess in die Haft­an­stalt Ber­lin-Te­gel über­führt wur­de. An­ders als vie­le sei­ner Mit­ver­schwö­rer be­las­te­te er in sei­nen Ver­hö­ren kei­ne wei­te­ren Mit­strei­ter. Nach kur­zer Ver­hand­lung ver­ur­teil­te der Volks­ge­richts­hof un­ter Vor­sitz von Ro­land Freis­ler (1893-1945) Bern­hard Let­ter­haus am 13.11.1944 we­gen Lan­des- und Hoch­ver­rats zum To­de; das Ur­teil wur­de noch am fol­gen­den Tag in Ber­lin-Plöt­zen­see voll­streckt.

Nikolaus Groß mit Bernhard Letterhaus und Dr. Hermann-Joseph Schmitt (von links), undatiert. (Bistum Essen)

 

Be­reits 1948 wur­de in Köln die Oden­kir­che­ner Stra­ße in Bern­hard-Let­ter­haus-Stra­ße um­be­nannt. In der Nä­he der Hin­rich­tungs­stät­te Plöt­zen­see er­in­nert seit 1957 der Let­ter­haus­weg an den Er­mor­de­ten. 1965 wur­de in der nach ihm be­nann­ten Sied­lung in Wup­per­tal-Uel­len­dahl ein Ge­denk­stein nie­der­ge­legt. Auch in Bonn, Wup­per­tal-Bar­men, Le­ver­ku­sen, Vre­den, Müns­ter, Oel­de, Reck­ling­hau­sen, Ems­det­ten, Heek, Brühl (Rhein­land), Lö­nin­gen und Neuss er­in­nern Stra­ßen­na­men an den Wi­der­stands­kämp­fer. Seit 1984 weist ei­ne Ge­denk­ta­fel an der Stel­le sei­nes Ge­burts­hau­ses in Wup­per­tal-Bar­men auf den frü­he­ren Be­woh­ner hin. Am 2.5.1987 ehr­te Papst Jo­han­nes Paul II. (Pon­ti­fi­kat 1978-2005) Bern­hard Let­ter­haus, in­dem er ihn in die Rei­he je­ner Män­ner und Frau­en stell­te, die ihr Le­ben für den Glau­ben ge­ge­ben ha­ben. Im Fi­gu­ren­pro­gramm des Köl­ner Rat­haus­tur­mes wur­de ihm ei­ne von Mar­tin Krä­mer ge­schaf­fe­ne Fi­gur ge­wid­met. An sei­nem frü­he­ren Köl­ner Wohn­ort und Treff­punkt des deut­schen Wi­der­stan­des in der heu­ti­gen Bern­hard-Let­ter­haus-Stra­ße 28 er­in­nert ein Stol­per­stein an den Wi­der­stands­kämp­fer. In Köln-Poll ist ein ka­tho­li­sches Ju­gend­heim nach ihm be­nannt. 2010 er­hielt er auf dem Fa­mi­li­en­grab der Let­ter­haus auf dem Fried­hof Schüt­zen­stra­ße der St.-An­to­ni­us-Ge­mein­de in Wup­per­tal-Bar­men ein Eh­ren­grab.

Werke

Grö­ßen­ord­nun­gen in Volk und Wirt­schaft, Ber­lin 1928 (mit F. Röhr).
Die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter und der So­zia­lis­mus un­se­rer Ta­ge, Köln 1930. 
Die ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­be­we­gung West­deutsch­lands, Köln 1931.
Zur Fra­ge der so­zia­len Glie­de­rung des ka­tho­li­schen Volks­teils in Deutsch­land, Köln 1934.

Stolperstein für Bernhard Letterhaus in der Kölner Bernhard-Letterhaus-Straße 28, 2015. (Tomtom10 / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

 

Literatur

Aretz, Jür­gen, Bern­hard Let­ter­haus (1894-1944), in: Mor­sey, Ru­dolf (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern. Aus dem deut­schen Ka­tho­li­zis­mus des 20.Jahr­hun­derts, Mainz 1975, S. 11-24.
Aretz, Jür­gen, Ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­be­we­gung und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Der Ver­band der kath. Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne West­deutsch­lands 1923-1945, Mainz 1978.
Bern­hard-Let­ter­haus-Schu­le (Hg.), Nur aus Stand­haf­tig­keit wird die Welt ge­ret­tet. Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on, zu­sam­men­ge­stellt von Hans-Joa­chim Os­sé, Wup­per­tal 1994.
Bü­cker, Ve­ra, Der Köl­ner Kreis und sei­ne Kon­zep­ti­on für ein Deutsch­land nach Hit­ler, in: His­to­risch-Po­li­ti­sche Mit­tei­lun­gen 2 (1995), S. 49-82.
Bü­cker, Ve­ra, Bern­hard Let­ter­haus, in: Hum­mel, Karl-Jo­seph (Hg.), Zeu­gen ei­ner bes­se­ren Welt. Christ­li­che Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts, Leip­zig 2000, S. 276-296.
Kier, Hil­trud/Ern­sting, Bernd/Krings, Ul­rich (Hg.), Köln: Der Ratsturm. Sei­ne Ge­schich­te und sein Fi­gu­ren­pro­gramm, Köln 1996.
Ki­ße­ner, Mi­cha­el (Hg.), „Nach au­ßen ru­hig, nach in­nen le­ben­di­g“. Wi­der­stand aus der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­schaft, in: Stein­bach, Pe­ter/Tu­chel, Jo­han­nes (Hg.), Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Ber­lin 1994, S. 153-163.
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Statue des Bernhard Letterhaus am Kölner Rathausturm, Bildhauer: Martin Krämer, 2009, Foto: Raimon Spekking. (Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

 
Zitationshinweis

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Schulz, René, Bernhard Letterhaus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/bernhard-letterhaus/DE-2086/lido/57c9400fbec555.31179023 (abgerufen am 17.10.2019)