Christian Sgrooten

Kartograph (um 1525-1603)

Peter H. Meurer (Heinsberg)

Unterschrift Christian Sgrootens auf einer Rechnung, 1567, Original im Gelders Archief Arnhem.

Da sein Haupt­werk zu Leb­zei­ten un­ge­druckt blieb, war Chris­ti­an Sgroo­ten lan­ge ei­ne völ­lig un­ter­schätz­te Ge­stalt der Kar­to­gra­phie­ge­schich­te. Er war der Au­tor der ers­ten halb­wegs ge­nau­en Kar­tie­rung der Rhein­lan­de und zahl­rei­cher wei­te­rer deut­scher und nie­der­län­di­scher Re­gio­nen. 

Chris­ti­an Sgroo­ten wur­de um 1525 im kle­vi­schen Sons­beck ge­bo­ren. Sein Va­ter war der aus Zalt­bom­mel (heu­ti­ge nie­der­län­di­sche Pro­vinz Gel­der­land) ge­bür­ti­ge Ju­rist und Stadt­schrei­ber Pe­ter Sgroo­ten (ge­stor­ben 1553/1554). Die Mut­ter Sty­ne van Al­den­ho­ven (ge­stor­ben 1580/1581) ent­stamm­te der ört­li­chen Bür­ger­schicht. Ein äl­te­rer Bru­der Ja­cob (ge­stor­ben 1566/1567) wur­de 1542 Bür­ger in Kal­kar, wo er als Kauf­mann tä­tig war und durch sei­ne Hei­rat Be­zie­hun­gen zur dor­ti­gen Künst­ler­fa­mi­lie van Holt un­ter­hielt. Auch Chris­ti­an Sgroo­ten er­warb 1549 Bür­ger­recht und Haus­be­sitz in Kal­kar, wo er für den Rest sei­nes Le­bens an­säs­sig blieb. Sein Be­rufs­bild in den frü­hen Jah­ren ist nicht ganz klar. Denk­bar ist ei­ne Leh­re als hand­werk­li­cher Ma­ler. Für 1553 lie­gen Be­le­ge vor, dass er Grund­stücks­han­del be­trieb und es zu Wohl­stand brach­te. 

Ei­ne Sgroo­ten zu­schreib­ba­re, als Zei­chen­übung zu deu­ten­de klei­ne Ma­nu­skript­welt­kar­te zeigt, dass er be­reits in frü­hen 1540er Jah­ren In­ter­es­se an der Kar­to­gra­phie hat­te. Um 1554 be­gann er in die­sem Fach ei­ne Leh­re, wo­durch er zeit­wei­lig in fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten ge­riet. Ei­ne Rei­he ver­läss­li­cher In­di­zi­en lässt dar­auf schlie­ßen, dass er die­se Aus­bil­dung bei Ger­hard Mer­ca­tor mach­te, der seit 1552 in Duis­burg an­säs­sig war. Das von ­Mer­ca­tor an S­groo­ten ver­ge­be­ne „Meis­ter­stück" war die ers­te mo­der­ne Kar­tie­rung des Her­zog­tums Kle­ve und der an­gren­zen­den Ge­bie­te. Das Er­geb­nis er­schien 1558 bei Ber­nard van den Put­te (1528-1580) in Ant­wer­pen als Wand­kar­te, die nur aus se­kun­dä­ren Quel­len be­kannt ist. 

Mit ei­ner Ma­nu­skript­kar­te der Velu­we in ähn­lich ho­her Qua­li­tät als Re­fe­renz er­hielt Sgroo­ten En­de 1557 ei­ne fes­te An­stel­lung als „Kö­nig­li­cher Geo­graph" Phil­ipps II. (1527-1598, Re­gie­rungs­zeit als Kö­nig von Spa­ni­en 1556-1598) in den Nie­der­lan­den. In die­sem Amt pu­bli­zier­te er in den fol­gen­den Jah­ren zahl­rei­che klei­ne­re Ver­mes­sungs­auf­trä­ge. Wei­te­re Ver­öf­fent­li­chun­gen folg­ten. Im re­nom­mier­ten Ant­wer­pe­ner Kar­ten­ver­lag von Hie­rony­mus Cock (um 1510-1570) er­schien 1563/1567 ei­ne grund­le­gen­de, kom­plett auf ei­ge­nen Ver­mes­sun­gen be­ru­hen­de Wand­kar­te der Nie­der­rhein­lan­de bis zum Ei­fel­rand. 1566/1567 folg­te ei­ne eben­falls sehr in­no­va­ti­ve Wand­kar­te des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches. Letz­te Edi­ti­on bei Cock war ei­ne 1570 ei­ne Pa­läs­ti­na-Wand­kar­te Sgroo­tens nach Da­ten ei­nes Pe­trus Laicks­teen, der 1556 den Vor­de­ren Ori­ent be­reist hat­te. Ein Je­ru­sa­lem-Plan eben­falls nach Laicks­teen und ei­ne Wand­kar­te des Mit­tel­meer­rau­mes mit den Schau­plät­zen der Bi­bel er­schie­nen 1570 bzw. 1572 im Pri­vat­ver­lag des Kalka­rer Kauf­manns Vin­cenz Hou­da­en. Durch Amt und Ar­bei­ten kam Sgroo­ten wie­der rasch zu Wohl­stand und An­se­hen. Er en­ga­gier­te sich für sei­ne Hei­mat­stadt, zum Bei­spiel um 1560 mit ei­ner Denk­schrift über die Aus­tie­fung der Kal­flak, ei­nes al­ten Rhein­arms nörd­lich von Kal­kar, um über die­sen ei­nen di­rek­ten An­schluss der Stadt an den Rhein­han­del her­zu­stel­len. 1564 er­warb er ein re­prä­sen­ta­ti­ves Haus ne­ben dem Do­mi­ni­ka­ner­klos­ter, dem er zeit­le­bens als För­de­rer ver­bun­den war. In die­sen Jah­ren hei­ra­te­te er die Kalka­rer Kauf­mann­s­toch­ter Agnes van Bed­ber (ge­stor­ben 1608). Aus die­ser Ehe stamm­ten ei­ne Toch­ter Agnes (ge­stor­ben 1579) und ein Sohn Pe­ter (ge­stor­ben nach 1608), der 1582 in den Je­sui­ten­or­den ein­trat und spä­ter in Köln und Em­me­rich leb­te.

Seit An­fang der 1560er Jah­re und in­ten­siv seit 1568 ar­bei­te­te Sgroo­ten für die Mi­li­tär­pla­nun­gen der spa­ni­schen Be­hör­den in Brüs­sel an dem gro­ßen Pro­jekt sei­nes Le­bens: ei­nem Kar­ten­werk des deut­schen Rau­mes mit Schwer­ge­wicht auf den Nie­der­lan­den und die an­gren­zen­den Re­gio­nen. Ei­ne ers­te un­fer­ti­ge Fas­sung lie­fer­te er 1573 ab. Die­ser so ge­nann­te „At­las Bru­xel­len­sis" (Bi­blio­thèque roya­le, Brüs­sel) ent­hält 37 ko­lo­rier­te Ma­nu­skript­kar­ten (je et­wa 60 x 60/120 cm) in ge­staf­fel­ten Maß­stä­ben in fol­gen­der Glie­de­rung: zwei Über­sichts­kar­ten, 13 Kar­ten der nie­der­län­di­schen Pro­vin­zen, elf Kar­ten des Grenz­rau­mes von Kur­trier bis Fries­land, elf Kar­ten des üb­ri­gen Reichs­ge­bie­tes. In der quel­len­kund­li­chen Ana­ly­se er­weist sich die­ses Werk als ein Mei­len­stein in der Kar­tie­rungs­ge­schich­te Deutsch­lands. Die Dar­stel­lung des ge­sam­ten Rau­mes von Lu­xem­burg über den Nie­der­rhein, das Sau­er­land, West­fa­len bis nach Fries­land be­ruht voll­stän­dig auf ei­ge­nen Erst­kar­tie­run­gen Sgroo­tens. Glei­ches gilt wohl auch für Meck­len­burg, Bran­den­burg, Hes­sen, Würt­tem­berg und Ober­schwa­ben. Die Wie­der­ga­be der üb­ri­gen Re­gio­nen zeigt die Ver­wen­dung frem­der Vor­la­gen, aber eben­falls mit Er­gän­zun­gen Sgroo­tens nach ei­ge­ner Rei­se­er­fah­rung. 

Be­zahlt über die gel­dri­sche Re­chen­kam­mer in Arn­hem, ver­lor Sgroo­ten 1577 mit der sich im­mer stär­ker ab­zeich­nen­den Ab­spal­tung der nörd­li­chen Nie­der­lan­den von der spa­ni­schen Kro­ne Amt und Ein­kom­men. Für das nächs­te Jahr­zehnt sind die Quel­len spär­lich. Er ar­bei­te­te wei­ter an sei­nem Gro­ß­pro­jekt für den spa­ni­schen Hof, aber auch für an­de­re Auf­trag­ge­ber, und un­ter­nahm wei­te­re Rei­sen. Aus sei­nem an­ge­sam­mel­ten Fun­dus to­po­gra­phi­scher Da­ten konn­te sich Ger­hard Mer­ca­tor um­fas­send für Kar­ten sei­nes At­las’ (Duis­burg 1585ff.) be­die­nen. 

Iso­liert und ver­armt nahm Sgroo­ten En­de 1588 Ver­bin­dung zu Phil­ipp II. auf, der ihn for­mal in sei­nem Amt be­stä­tig­te. 1592 schloss er den so ge­nann­ten „At­las Ma­dri­ten­sis" (Bi­blio­te­ca na­cio­nal, Ma­drid) ab, den er 1596 in Brüs­sel ab­lie­fer­te. Die­se et­was un­sys­te­ma­tisch an­ge­leg­te Samm­lung be­steht aus 38 hand­ge­zeich­ne­ten ko­lo­rier­ten Kar­ten (je et­wa 80 x 120 cm): drei Welt­kar­ten, zwei Kar­ten zum Vor­de­ren Ori­ent, neun Kar­ten zu West-, Nord- und Ost­eu­ro­pa, 16 Kar­ten zu den Nie­der­lan­den, acht Kar­ten zum deut­schen Raum. Die Werkana­ly­se zeigt, dass Sgroo­ten seit dem Ab­schluss des „At­las Bru­xel­len­sis" den ge­sam­ten deut­schen und nie­der­län­di­schen Raum noch­mals be­reist und teil­wei­se neu kar­tiert hat­te. Um­fang­rei­che, aber schwer deut­ba­re Spu­ren von Pri­mär­in­for­ma­tio­nen fin­den sich auch in der Dar­stel­lung Frank­reichs, Skan­di­na­vi­ens, Russ­lands und des Vor­de­ren Ori­ents. In der Ge­samt­sicht ge­hört der „At­las Ma­dri­ten­sis" Sgroo­tens zu den Spit­zen­leis­tun­gen der eu­ro­päi­schen Re­nais­sance­kar­to­gra­phie. Der De­tail­reich­tum, et­wa in den Orts­ein­trä­gen und auch in den zu­meist wirk­lich­keits­ähn­li­chen Orts­mi­nia­tu­ren, ist enorm. Hin­sicht­lich sei­ner künst­le­ri­schen Ge­stal­tung und Aus­füh­rung exis­tiert ne­ben sei­nem Kar­ten­werk zeit­ge­nös­sisch nichts Ver­gleich­ba­res. 

Die letz­ten Le­bens­jah­re Sgroo­tens wa­ren trist. In Kal­kar er­leb­te er 1598/1599 spa­ni­sche Be­sat­zung und Pest­epi­de­mie. Um die von Phil­ipp II. zu­ge­sag­te Aus­zah­lung sei­ner Ho­no­rar­au­ßen­stän­de muss­te er mit den Be­hör­den in Brüs­sel ei­nen jah­re­lan­gen Kampf füh­ren, der erst 1608 un­ter sei­nen Er­ben zum Aus­gleich kam. Chris­ti­an Sgroo­ten starb wahr­schein­lich am 13.5.1603 und wur­de in der Do­mi­ni­ka­ner­kir­che in Kal­kar be­gra­ben. 

Im Rück­blick er­scheint Chris­ti­an Sgroo­ten als ei­ne tra­gi­sche Ge­stalt. Die ers­te Fas­sung sei­nes Haupt­wer­kes, der „At­las Bru­xel­len­sis," war durch den Auf­trag­ge­ber zur Ge­heim­hal­tung be­stimmt. Beim spä­te­ren „At­las Ma­dri­ten­sis" gab es kurz­fris­tig Plä­ne zur Pu­bli­ka­ti­on, die dann aber aus Kos­ten­grün­den und auch we­gen feh­len­der Not­wen­dig­keit nicht rea­li­siert wur­den. Da­durch blieb Sgroo­ten die Chan­ce ver­wehrt, sei­ner Be­deu­tung ge­mäß in die Wis­sen­schafts­ge­schich­te ein­zu­ge­hen. 

Literatur

Meu­rer, Pe­ter H., Die Ma­nu­skrip­t­at­lan­ten Chris­ti­an Sgroo­tens, Al­phen aan den Riijn 2007.

 
Zitationshinweis

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Meurer, Peter H., Christian Sgrooten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/christian-sgrooten/DE-2086/lido/57c94f14dfe048.21080484 (26.04.2018)