Eberhard Billick

Theologe (1499-1557)

Martin Bock (Frechen)

Titelblatt des Werkes. (Bayerische Staatsbibliothek digital - Münchner Digitalisierungszentrum Digitale Bibliothek)

Die ers­te Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts war auch in Köln  von ei­ner gro­ßen kon­fes­sio­nel­len Un­ru­he ge­kenn­zeich­net. Im ­Kampf um ei­ne Er­neue­rung des Glau­bens und der Kir­che po­si­tio­nier­ten sich Fürs­ten, Ge­lehr­te und Geist­li­che und ran­gen um die Deu­tungs­ho­heit über re­li­giö­se Fra­ge­stel­lun­gen. Eber­hard Billick ge­hör­te da­bei zu den Theo­lo­gen, die nicht in ers­ter Li­nie die wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung such­ten, son­dern durch die Macht des Fak­ti­schen der neu­en Leh­re Gren­zen set­zen woll­ten – mehr als ‚Ma­cher‘ denn als ‚Den­ker‘ und da­durch so­wohl po­pu­lär wie zu­wei­len auch po­pu­lis­tisch. 

Billicks Fa­mi­lie stamm­te aus dem heu­te zu Düs­sel­dorf  ­ge­hö­ren­den Ort Bilk; dar­auf ver­weist je­den­falls der Na­me, der si­ch um sei­ne Ge­burt her­um ein­ge­bür­gert und den ur­sprüng­li­chen Fa­mi­li­en­na­men Stein­ber­ger ab­ge­löst hat­te. Nur sel­ten hat Billick die­sen Na­men in sei­ner la­ti­ni­sier­ten Fas­sung La­pi­ci­da spä­ter noch ver­wen­det. Ge­bo­ren wur­de er 1499 oder 1500 in Köln, wo sei­ne El­tern es zu ei­ni­gem An­se­hen und Ver­mö­gen ge­bracht hat­ten. Im Al­ter von 14 Jah­ren trat er, ei­ner Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on fol­gend, in den Kar­me­li­ter­or­den ein. 

Da­mit war ihm ei­ne gu­te Aus­bil­dung si­cher, die ihm ein spä­te­res Stu­di­um an der Köl­ner Uni­ver­si­tät er­mög­lich­te. Der dor­ti­ge Kar­me­li­ter­kon­vent am Waid­markt hat­te be­reits vor der Uni­ver­si­täts­grün­dung im Jahr 1388 ein stu­di­um ge­ne­ra­le ein­ge­führt und war seit je­her eng mit der aka­de­mi­schen Ge­mein­schaft ver­bun­den. Schon 1514 emp­fing Billick die nie­de­ren Wei­hen; nach dem phi­lo­so­phi­schen Grund­stu­di­um be­klei­de­te er das Am­t  des Stu­di­en­prä­fek­ten und war da­mit für die Or­ga­ni­sa­ti­on der Leh­re mit­ver­ant­wort­lich. 1528 führ­te er dann sei­ne Stu­di­en an der theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät  fort und wur­de im glei­chen Jahr ers­ter Lek­tor sei­nes Klos­ters. Das Bak­ka­lau­re­at er­warb er 1530, das Dok­to­rat erst 1540. Die ins­ge­samt recht lan­ge Aus­bil­dungs­zeit Billicks wird auf sei­ne viel­fäl­ti­gen Ver­pflich­tun­gen und Auf­ga­ben in­ner­halb sei­nes Or­dens und der Köl­ner Kir­che zu­rück­ge­führt.

So war Billick schon früh in sei­nen ver­schie­de­nen Or­dens­funk­tio­nen mit dem Ge­dan­ken ei­ner grund­le­gen­den Re­form be­fasst. Der Kar­me­li­ter­or­den, der vor al­lem im 14. Jahr­hun­dert vie­le An­hän­ger in ganz Eu­ro­pa ge­fun­den hat­te, stand zu An­fang des 16. Jahr­hun­derts nicht nur wie vie­le an­de­re Ge­mein­schaf­ten vor der Fra­ge, wie der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Ver­welt­li­chung und dem Ver­fall der ge­nui­nen Or­dens­re­geln zu be­geg­nen sei, son­dern auch vor der in der zwei­ten Jahr­hun­dert­hälf­te tat­säch­lich er­folg­ten Spal­tung in be­schuh­te und un­be­schuh­te Kar­me­li­ter.

Billick zeig­te zu­nächst we­nig Mo­ti­va­ti­on zu tief grei­fen­den Ver­än­de­run­gen; bei ei­ner Pro­vin­zi­al­syn­ode der Kar­me­li­ter im Jahr 1526 lehn­te er Re­form­vor­schlä­ge so­gar ab. Erst im Lau­fe sei­ner wei­te­ren Lauf­bahn er­kann­te er ih­re Not­wen­dig­keit, um den al­ten Glau­ben ge­gen den auch im Kur­fürs­ten­tum Köln er­star­ken­den Pro­tes­tan­tis­mus zu be­haup­ten. 1536 war Billick zum Pri­or des Köl­ner Kar­me­li­ter­klos­ters ge­wählt wor­den, 1540 konn­te er zu­dem ei­ne Uni­ver­si­täts­pro­fes­sur über­neh­men. In die­sen Funk­tio­nen nahm er 1540 und 1541 an den Re­li­gi­ons­ge­sprä­chen in Ha­genau, Worms und Re­gens­burg teil, bei de­nen er al­ler­dings nicht zu den ge­mä­ßig­ten Theo­lo­gen ge­hör­ten, die sich um die Glau­bens­ein­heit in Ver­bin­dung mit ei­ner Kir­chen­re­form be­müh­ten. Viel­mehr ver­trat er ei­nen de­zi­diert alt­gläu­bi­gen Kurs mit dem Ziel, die Stand­punk­te der Con­fes­sio au­gustana zu wi­der­le­gen.

 

Ge­stützt wur­de er da­bei von sei­nem Or­den, der bei al­lem Wil­len zur Re­form fest an der Sei­te der Ver­tei­di­ger des al­ten Glau­bens stand. So war et­wa der Pro­vin­zi­al Diet­rich von Gou­da ei­ner der Köl­ner Ge­sand­ten ge­we­sen, die in dem haupt­säch­lich von Ja­kob von Hoogstra­ten aus­ge­tra­ge­nen Streit mit Jo­han­nes Reuch­lin (1455-1522) die Pa­ri­ser Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren für die In­ter­pre­ta­ti­on ih­rer Köl­ner Kol­le­gen ge­gen die Hu­ma­nis­ten ge­wann. Nach Gou­das Tod über­nahm Billick zu­nächst über­gangs­wei­se als Pro­vin­zi­al­vi­kar die Lei­tung des Or­dens, und 1542 wur­de er end­gül­tig zum Obe­ren ge­wählt, nach­dem Mar­tin Cup­erus nach nur zwei Jah­ren in die­sem Amt re­si­gnier­te, um Weih­bi­schof in Cam­brai zu wer­den. Als Pro­vin­zi­al stieß Billick drin­gend not­wen­di­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche und in­halt­li­che Re­for­men an, so zum Bei­spiel die Neu­ein­tei­lung der nie­der­deut­schen Or­dens­pro­vinz und die Ge­win­nung neu­er Or­dens­mit­glie­der. Al­ler­dings galt Billicks Be­mü­hen auch vor­nehm­lich dem Schutz der durch die neue Leh­re be­droh­ten Klös­ter, für wel­chen Zweck er auch am Kai­ser­hof vor­stel­lig wur­de und da­bei sei­ne alt­gläu­bi­ge Ge­sin­nung nach­hal­tig do­ku­men­tier­te.

Die­se durch­weg kon­ser­va­ti­ve Hal­tung nahm er auch im Köl­ner Streit um den Re­for­ma­ti­ons­ver­such des Erz­bi­schofs Her­mann von Wied ein, der sich seit dem En­de der 1530er Jah­re der neu­en Leh­re öff­ne­te und 1543 mit der Pu­bli­ka­ti­on des „Ein­fäl­ti­gen Be­den­ken­s“ die Re­for­ma­ti­on in sei­nem Ter­ri­to­ri­um ein­füh­ren woll­te. Da­bei stieß er nicht nur auf den Wi­der­stand des Kai­sers und ei­nes Tei­les des Stifts­adels, son­dern vor al­lem auch den der Köl­ner Geist­lich­keit, der schon lan­ge, spä­tes­tens seit der Ver­öf­fent­li­chung der so ge­nann­ten Dun­kel­män­ner­brie­fe und der dar­in ent­hal­te­nen Ver­spot­tung der scho­las­ti­schen Ge­lehr­ten so­wie der Hin­rich­tung Adolf Cla­ren­bachs und Pe­ter Flieste­dens (ge­stor­ben 1529), ein ul­tra­or­tho­do­xer Ruf an­hing. Ge­mein­sam mit Jo­han­nes Grop­per, dem Rek­tor der Uni­ver­si­tät, Hein­rich Bu­schers von Ton­gern (ge­stor­ben1564), und Weih­bi­schof Jo­han­nes No­pel (ge­stor­ben 1556) ge­hör­te Billick, der zwi­schen­zeit­lich auch zum Vor­ste­her der nie­der­deut­schen Or­dens­pro­vinz der Kar­me­li­ter ge­wählt wor­den war, in der Fol­ge zu den Wort­füh­rern ge­gen den Erz­bi­schof, wo­bei Billick un­ter den ge­nann­ten wohl die grö­ß­te Wir­kung als zu Po­le­mik und Scharf­zün­gig­keit nei­gen­der Pre­di­ger hat­te.

Eben­so wie die Gunst des Vol­kes er­warb Billick sich die der neu­en Ob­rig­keit. Der Ko­d­ad­ju­tor und spä­te­re Erz­bi­schof Adolf von Schaum­burg sam­mel­te den kon­ser­va­ti­ven Kle­rus um sich und er­nann­te Billick nach sei­ner In­thro­ni­sie­rung im Jahr 1547 zu sei­nem geist­li­chen Bei­rat. Ge­mein­sam nah­men sie an den Reichs­ver­samm­lun­gen der spä­ten 1540er Jah­re teil, un­ter an­de­rem am „Ge­har­nisch­ten Reichs­ta­g“, den Karl V. (1500-1558) in­fol­ge sei­nes mi­li­tä­ri­schen Siegs ge­gen die Pro­tes­tan­ten als Wen­de im Kon­fes­si­ons­streit nut­zen woll­te und bei dem mut­ma­ß­lich Billick die „For­mu­la re­for­ma­tio­nis“ ver­fass­te, ei­ne Denk­schrift zur Re­form des Kle­rus un­ter alt­gläu­bi­gen Vor­zei­chen. Als ge­lehr­ter Rat, aber auch als Or­dens­pro­vin­zi­al be­glei­te­te er den Erz­bi­schof 1551 zum Tri­en­ter Kon­zil, wo er mehr­fach pre­dig­te. Be­son­de­re Be­ach­tung fand sei­ne Neu­jahrspre­digt des Jah­res 1552, ei­ne Eh­re, die ihm we­gen sei­nes vor­an­ge­gan­ge­nen lei­den­schaft­li­chen Vor­trags zum Wei­he­sa­kra­ment zu­teil wur­de.

En­de 1556 er­nann­te ihn der Bru­der und Nach­fol­ger Adolf von Schaum­burgs, An­ton, in An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te um den rech­ten Glau­ben zum Weih­bi­schof der Diö­ze­se Köln. Die­ses Amt konn­te Billick je­doch nicht mehr aus­üben, da er be­reits am 12.1.1557 nach be­reits län­ger an­hal­ten­der Krank­heit ver­starb. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren hat­te Billick sich in­ten­siv mit kir­chen­his­to­ri­schen Fra­gen be­schäf­tigt und un­ter an­de­rem ei­ne Vi­ta der Hei­li­gen Ur­su­la so­wie ei­ne Ge­schich­te des Tri­en­ter Kon­zils ver­fasst. Bei­ge­setzt wur­de er im Kar­me­li­ter­klos­ter. Billick bleibt vor al­lem als ve­he­men­ter Geg­ner des Re­for­ma­ti­ons­ver­su­ches Her­manns von Wied in Er­in­ne­rung; zur Re­form sei­nes Or­dens leis­te­te er in ers­ter Li­nie fak­ti­sche Bei­trä­ge, in­dem er sich bei­spiels­wei­se für den Er­halt und den Neu­bau von Klös­tern en­ga­gier­te, nicht je­doch in­halt­li­che. Gleich­wohl setz­te er sich ve­he­ment für die Re­form des Kle­rus ein; an­ders als bei­spiels­wei­se Grop­per er­kann­te er hier­in je­doch kei­ne Mög­lich­keit der An­nä­he­rung zu den Pro­tes­tan­ten, son­dern die Not­wen­dig­keit zur Ab­gren­zung und Pro­fil­schär­fung in­ner­halb des al­ten Glau­bens, ei­ne Hal­tung, die lang­fris­tig zur Ze­men­tie­rung der ver­schie­de­nen kon­fes­sio­nel­len La­ger führ­te.

Werke (Auswahl)

De li­be­ro ho­mi­nis ar­bi­tro & di­vina gra­tia, 1542.
Ju­di­ci­um de­pu­ta­to­rum uni­ver­si­ta­tis et se­c­un­da­rii cle­ri Co­lo­ni­en­sis de vo­ca­tio­ne et doc­tri­na Mar­ti­ni Bu­ce­ri ad Bon­nam, 1543.
Iu­di­cii Uni­ver­si­ta­tis Et Cle­ri Co­lo­ni­en­sis, ad­ver­sus calum­ni­as Phil­ip­pi Me­lan­chtho­nis, Mar­ti­ni Bu­ce­ri, Ol­den­dro­pii & eo­rum as­se­clar­um, de­fen­sio, 1545.
Ora­tio ha­bi­ta die fes­to cir­cumci­sio­nis do­mi­ni in con­ci­lio oe­cu­me­ni­co Tri­den­ti­no, 1552.
De ra­tio­ne sum­mo­ven­di pra­e­sen­tis tem­po­ris dis­si­dia, 1557.
De dis­si­diis eccle­siae com­po­nen­dis, 1559.

Literatur

Bautz, Fried­rich Wil­helm, Art. „Billick, Eber­har­d“, in: BBKL, Bd. 1, S. 591.
Fa­bisch, Pe­ter, Eber­hard Billick OCarm (1499/1500-1557), in: Iser­loh, Er­win (Hg.), Ka­tho­li­sche Theo­lo­gen der Re­for­ma­ti­ons­zeit, Band 5, Müns­ter 1988, S. 97-116.

Mo­li­tor, Hans­ge­org, Das Erz­bis­tum Köln im Zeit­al­ter der Glau­bens­kämp­fe (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln, 3), Köln 2008, S. 167-168, bes. S. 437-441.
Pos­ti­na, Alois, Der Kar­me­lit Eber­hard Billick. Ein Le­bens­bild aus dem 16. Jahr­hun­dert, Frei­burg i. Br. 1901.

Titelblatt des Werkes. (Bayerische Staatsbibliothek digital - Münchner Digitalisierungszentrum Digitale Bibliothek)

 
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Bock, Martin, Eberhard Billick, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/eberhard-billick/DE-2086/lido/57c82c73340ad6.64932356 (23.05.2018)