Erich Honecker

DDR-Staatsratsvorsitzender (1912-1994)

Helmut Müller-Enbergs (Berlin)

Erich Honecker, Porträtfoto, 1970er Jahre. (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Erich Hone­cker war von 1971 bis 1976 Ers­ter Se­kre­tär und von 1976-1989 schlie­ß­lich Ge­ne­ral­se­kre­tär des Zen­tral­ko­mi­tees der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (SED).Zu­gleich war er Vor­sit­zen­der des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes und von 1976 bis 1989 Vor­sit­zen­der des Staats­ra­tes der DDR.

Ge­bo­ren wur­de Erich Hone­cker in Wie­bels­kir­chen (Neun­kir­chen) am 25.8.1912 als Sohn des Berg­manns Wil­helm Hone­cker (1881-1969) und des­sen Frau Ca­ro­li­ne Wei­den­hof (1883-1969). Sein Va­ter, zu­nächst Par­tei­mit­glied der SPD, ge­hör­te seit 1919 der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD) an. Ei­ne bür­ger­li­che Schul­aus­bil­dung er­hielt Erich Hone­cker al­lein in der Volks­schu­le, die er nach acht Jah­ren 1926 ab­schloss. Er durch­lief je­doch seit sei­nem zehn­ten Le­bens­jahr ei­ne kom­mu­nis­ti­sche Er­zie­hung, in­dem er der Kin­der­grup­pe des Jung­spar­ta­kus, spä­ter dem Pio­nier­ver­band in Wie­bels­kir­chen an­ge­hör­te, ehe er von 1926 an knapp zwei Jah­re als Land­ar­bei­ter in Pom­mern und ab 1928 als Dach­de­cker ar­bei­te­te. Wäh­rend die­ser Zeit ge­hör­te er dem Holz­ar­bei­ter­ver­band an.

Hone­cker wid­me­te von sei­nem 18. Le­bens­jahr an sein ge­sam­tes Le­ben der po­li­ti­schen Ar­beit. Zu­nächst durch­lief er Sta­tio­nen des Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­ban­des Deutsch­land (KJVD), wo er po­li­ti­scher Lei­ter der Orts­grup­pe Wie­bels­kir­chen war, die Be­zirks­schu­le des Ver­ban­des be­such­te und von 1930 an haupt­amt­li­cher Funk­tio­när des KJVD war. 1930 trat er der KPD bei und be­such­te ei­nen Lehr­gang an der In­ter­na­tio­na­len Le­n­in­schu­le in Mos­kau. Dort trug er den Na­men „Fritz Mal­ter". Von 1931 an war er in der Be­zirks­lei­tung des KJVD im Saar­ge­biet als Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da-Se­kre­tär ak­tiv und ge­hör­te auch dem Se­kre­ta­ri­at der Be­zirks­lei­tung der KPD an.

Wäh­rend der Herr­schaft der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten war er il­le­gal tä­tig. Bis 1934 wirk­te er als In­struk­teur „Her­bert" der Par­tei im Ruhr­ge­biet. In Es­sen kurz­zei­tig in­haf­tiert, floh er in die Nie­der­lan­de. Von dort aus war er für die KJVD-Be­zir­ke in der Pfalz, Hes­sen und Ba­den-Würt­tem­berg ver­ant­wort­lich. Im Herbst 1934 warb er mit sei­ner Par­tei ver­geb­lich ge­gen den An­schluss des Saar­ge­bie­tes an das Deut­sche Reich. Die Be­deu­tung des 22-jäh­ri­gen für den Ju­gend­ver­band wird dar­an deut­lich, dass er in das Zen­tral­ko­mi­tee (ZK) des KJVD ko­op­tiert wur­de. Nach der ver­lo­re­nen Saar­ge­biets-Ab­stim­mung 1935 floh er nach Pa­ris, wur­de dann In­struk­teur „Mar­ten Tja­den" in Ber­lin und wäh­rend sei­ner po­li­ti­schen Ar­beit im De­zem­ber 1935 ver­haf­tet. Der Volks­ge­richts­hof ver­ur­teil­te ihn zu zehn Jah­ren Zucht­haus, die er ab 1937 über­wie­gend als Kal­fak­tor im Zucht­haus Bran­den­burg, ab 1943 in ei­ner Bau­ko­lon­ne im Frau­en­gefäng­nis in Ber­lin ver­brach­te. Im März 1945 floh er aus dem Ge­fäng­nis und ver­steck­te sich bei der Ge­fäng­nis­auf­se­he­rin Lot­te Grund (ge­stor­ben 1947), be­vor er im April in die Ar­beits­ko­lon­ne zu­rück­kehr­te.

Un­mit­tel­bar nach Kriegs­en­de setz­te er sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment fort. Er war Ju­gend­se­kre­tär beim ZK der KPD und er­heb­lich beim Auf­bau ei­ner an­ti­fa­schis­ti­schen Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­bun­den, de­ren Vor­sitz er in­ne­hat­te. Die­se Funk­ti­on über­nahm er auch bei der dar­aus ent­stan­de­nen Frei­en Deut­schen Ju­gend (FDJ), der er bis 1955 vor­stand. Die her­aus­ge­ho­be­ne Be­deu­tung im Ju­gend­ver­band fand ih­re Ent­spre­chung in der SED, dem 1946 er­folg­ten Zu­sam­men­schluss von SPD und KPD, de­ren Par­tei­vor­stand und Zen­tral­ko­mi­tee er ab 1946 be­zie­hungs­wei­se 1949 an­ge­hör­te. Zu­sätz­lich war er von 1950 bis 1958 zu­nächst Kan­di­dat des Po­lit­bü­ros, spä­ter des­sen Voll­mit­glied. Im „par­la­men­ta­ri­schen" Raum ge­hör­te er 1948 dem Prä­si­di­um des Deut­schen Volks­ra­tes an, aus dem 1949 die Volks­kam­mer her­vor­ging. Ei­ne ers­te po­li­ti­sche Kri­se durch­leb­te Hone­cker im Ju­ni 1953, als all­ge­mein Ein­ver­ständ­nis über sei­ne un­zu­rei­chen­den Qua­li­fi­ka­tio­nen herrsch­te. Erst ein 1955/ 1956 ab­sol­vier­ter Be­such der Par­tei­hoch­schu­le des ZK der KPdSU in Mos­kau soll­te dies mil­dern.

Nach sei­ner Rück­kehr nach Ber­lin über­nahm er die Lei­tung der im Macht­ge­fü­ge der DDR be­deu­ten­den „Si­cher­heits­kom­mis­si­on", die we­sent­lich an der Un­ter­drü­ckung in­ner­par­tei­lich kri­ti­scher Stim­men be­tei­ligt war. Ent­spre­chend wur­de er im Fe­bru­ar 1958 als Se­kre­tär des ZK der SED ein­ge­setzt, wo er für Si­cher­heits- und Ka­der­fra­gen so­wie die „Lei­ten­den Par­tei­or­ga­ne" ver­ant­wort­lich war. Mit die­ser Macht­fül­le war Hone­cker, der von 1960 bis 1971 auch Se­kre­tär des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes war, nach dem Staats­rats­vor­sit­zen­den Wal­ter Ul­bricht (Amts­zeit 1960-1971) der zweit­mäch­tigs­te Mann in der DDR. Mit sei­nem Zieh­va­ter kam es je­doch zu Span­nun­gen. Nach ei­nem spä­ten An­flug von Re­form­wil­len, der ins­be­son­de­re auf die „tech­ni­sche In­tel­li­genz" setz­te und da­mit den Ein­fluss­be­reich Hone­ckers be­schnitt, ging Hone­cker zu­neh­mend auf Dis­tanz zu Ul­bricht. Mit­hin un­ter­grub er die Re­form­plä­ne und die von Ul­bricht an­ge­sto­ße­nen deutsch-deut­schen An­nä­he­rungs­ver­su­che. Mit Rü­cken­de­ckung aus Mos­kau stürz­te er Wal­ter Ul­bricht im März 1971 und trat des­sen Nach­fol­ge an.

Fort­an ver­füg­te Hone­cker bis zu sei­nem ei­ge­nen Sturz im Ok­to­ber 1989 über al­le re­le­van­ten Macht­funk­tio­nen in der DDR: Er war Ers­ter, dann Ge­ne­ral­se­kre­tär der SED so­wie Vor­sit­zen­der des Staats­ra­tes und des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes.

Mit sei­nem 1971 er­folg­ten Macht­an­tritt deu­te­te er an­fangs ei­ne re­la­ti­ve Li­be­ra­li­sie­rung, über­wie­gend in Kunst und Kul­tur, an. Doch ent­fiel die­se spä­tes­tens mit der Aus­bür­ge­rung des kri­ti­schen Bar­den Wolf Bier­mann (ge­bo­ren 1936), ei­ner wie­der in­ten­si­vier­ten Un­ter­drü­ckung op­po­si­tio­nel­ler Grup­pen und ei­nem er­heb­li­chen Aus­bau der in­ner­deut­schen Staats­gren­ze so­wie des Re­pres­si­ons­ap­pa­ra­tes. Dies gilt vor al­lem für das Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, des­sen An­zahl an haupt­amt­li­chen und in­of­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­tern sich wäh­rend sei­ner Amts­zeit ver­dop­pel­te. Das auf ihn zu­rück­ge­hen­de ehr­gei­zi­ge so­zi­al­po­li­ti­sche Pro­gramm der „Ein­heit von Wirt­schafts- und So­zi­al­po­li­tik" über­for­der­te die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten, die auch durch ei­ne zu­neh­men­de Ver­staat­li­chung nicht in den Griff zu be­kom­men war.

Schlie­ß­lich war die DDR auf Mil­li­ar­den­kre­di­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land an­ge­wie­sen. Gleich­wohl setz­te mit dem Grund­la­gen­ver­trag ei­ne Wel­le in­ter­na­tio­na­ler An­er­ken­nung der DDR ein, die ih­ren Hö­he­punkt für Hone­cker im Emp­fang durch den Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl (Amts­zeit 1982-1998) im Sep­tem­ber 1987 in Bonn und bei ei­nem Staats­be­such ein Jahr spä­ter in Pa­ris er­reich­te. Al­ler­dings ver­moch­te er sich die Pe­res­troi­ka-Po­li­tik des so­wje­ti­schen Staats­chefs Mi­chail Gor­bat­schow (Amts­zeit 1985-1991) nicht zu Ei­gen ma­chen, wo­mit die An­zahl kri­ti­scher Stim­men in der Ge­sell­schaft und in der ei­ge­nen Par­tei so sehr zu­nahm, dass sein Rück­tritt von al­len Äm­tern im Ok­to­ber 1989 all­seits er­war­tet wur­de.

Kurz nach sei­ner De­mis­sio­nie­rung er­mit­tel­te der Ge­ne­ral­staats­an­walt der DDR ge­gen ihn fol­gen­los we­gen Amts­miss­brauch und Kor­rup­ti­on, im De­zem­ber 1989 schloss ihn sei­ne ei­ge­ne Par­tei aus. Er trat je­doch der wie­der ge­grün­de­ten KPD bei. Aus der Un­ter­su­chungs­haft, in der er sich ab Ja­nu­ar 1990 auf­hielt, wur­de er we­gen Haft­un­fä­hig­keit ent­las­sen. Er fand Un­ter­kunft in ei­nem Pfarr­haus in Lo­be­tal.

An­ge­sichts sei­ner be­reits im Som­mer an­ge­grif­fe­nen Ge­sund­heit kam er ins Spi­tal der So­wjet­ar­mee in Bee­litz, wo ihn im No­vem­ber 1990 ein Haft­be­fehl er­reich­te. Im März 1991 floh er nach Mos­kau und hielt sich ab De­zem­ber 1991 in der dor­ti­gen chi­le­ni­schen Bot­schaft auf, kehr­te aber im Ju­li 1992 nach Ber­lin zu­rück, wo er bis Ja­nu­ar 1993 in Un­ter­su­chungs­haft ge­nom­men wur­de. Das Land­ge­richt Ber­lin hob an­ge­sichts sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des den Haft­be­fehl auf, wo­mit er un­ge­hin­dert ge­mein­sam mit sei­ner Ehe­frau Mar­got (ge­bo­ren 1927) nach Chi­le rei­sen konn­te. Dort ver­starb er am 27.5.1994.

Erich Hone­cker war drei­mal ver­hei­ra­tet: Sei­ne ers­te Ehe­frau war 1946/1947 die Ge­fäng­nis­auf­se­he­rin Char­lot­te Scha­nu­el, 1949 hei­ra­te­te er Edith Bau­mann und schlie­ß­lich 1953 Mar­got Feist. Die bei­den Letz­te­ren wa­ren Funk­tio­nä­rin­nen in der FDJ, Mar­got Hone­cker von 1963 bis 1989 Volks­bil­dungs­mi­nis­te­rin. Sei­ne 1952 ge­bo­re­ne Toch­ter Son­ja stammt von sei­ner drit­ten Ehe­frau.

Quellen

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Erich Hone­cker. Skiz­ze sei­nes po­li­ti­schen Le­bens, hg. vom In­sti­tut für ­Mar­xis­mus-Le­ni­nis­mus, Ber­lin 1977.

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Literatur

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Stuh­ler, Ed (Hg.), Die Hone­ckers pri­vat, Ber­lin 2005.

Völk­lein, Ul­rich, Hone­cker. Ei­ne Bio­gra­phie, Ber­lin 2003.

Online

Erich Hone­cker (Kurz­bio­gra­phie des rbb-on­line, inkl. wei­ter­füh­ren­der Links).

Ar­chiv­gut der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (SED) und des Frei­en Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des (FDGB) (DFG-Pro­jekt des Bun­des­ar­chivs).

 
Zitationshinweis

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Müller-Enbergs, Helmut, Erich Honecker, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erich-honecker/DE-2086/lido/57c8334c3c01a5.50200302 (15.11.2018)