Erich Juskowiak

Deutscher Fußballspieler (1926-1983)

Jennifer Striewski (Bonn)

Erich Juskowiak, Porträtfoto.

Erich „Jus" Jus­ko­wi­ak war ein aus Ober­hau­sen stam­men­der Fuß­ball­spie­ler. Er war als Ab­wehr­spie­ler 1947-1953 für Rot-Weiß Ober­hau­sen und von 1953-1962 für For­tu­na Düs­sel­dorf ak­tiv. Auf­grund sei­ner enor­men Schuss­kraft er­hielt er den Spitz­na­men „der Ham­mer". Zwi­schen 1951 un­d1959 trug er ins­ge­samt 31 Mal das Tri­kot der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft. Im Halb­fi­na­le der Welt­meis­ter­schaft 1958 ge­gen Schwe­den er­lang­te Jus­ko­wi­ak trau­ri­ge Be­rühmt­heit, da er als ers­ter deut­scher Na­tio­nal­spie­ler nach dem Zwei­ten Welt­krieg des Plat­zes ver­wie­sen wur­de und so zur Nie­der­la­ge der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft in der „Schlacht von Gö­te­borg" bei­trug.

Erich Jus­ko­wi­ak wur­de am 7.9.1926 in Ober­hau­sen ge­bo­ren. Hat­te er zu­nächst bis 1947 als Mit­tel­feld­spie­ler bei sei­nem Hei­mat­ver­ein VfR 08 Ober­hau­sen ge­spielt, so wech­sel­te er mit 20 Jah­ren als lin­ker Ver­tei­di­ger zu Rot-Weiß Ober­hau­sen und schaff­te da­mit den Sprung von der Be­zirks­klas­se in die neu ge­grün­de­te Ober­li­ga West. Zu­sam­men mit Wil­ly Jü­ris­sen (1912-1990) und Fre­di Lau­ten (1927-2008) bil­de­te „Jus" das Rück­grat der „Klee­blät­ter". In den ers­ten drei Jah­ren ge­lang es den Rot-Wei­ßen noch er­folg­reich in der neu­en Ober­li­ga-West zu be­ste­hen, 1950/ 1951 je­doch folg­te der Ab­stieg in die 2. Li­ga-West. Die Zweit­klas­sig­keit be­deu­te­te für Jus­ko­wi­ak, dem sich „die geg­ne­ri­schen Ab­wehr­spie­ler vor die Fü­ße war­fen, da­mit er nicht zum Schuss kam", aber kei­nes­wegs ei­nen Kar­rie­re­ein­bruch: Am 23.12.1951 kam er als Zweit­li­ga­spie­ler von Rot-Weiß Ober­hau­sen zu sei­nem ers­ten Län­der­spiel­ein­satz. Das Freund­schafts­spiel ge­gen Lu­xem­burg en­de­te 4:1.

Zwar wur­de Erich Jus­ko­wi­ak 1954, mitt­ler­wei­le als Ver­tei­di­ger in den Diens­ten von For­tu­na Düs­sel­dorf ste­hend, von Na­tio­nal­trai­ner Sepp Her­ber­ger (1897-1977) in den Ka­der der Na­tio­nal­mann­schaft be­ru­fen, doch konn­te er we­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung nicht an der Welt­meis­ter­schaft in der Schweiz und am Tri­umph der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft im Fi­na­le über Un­garn, dem „Wun­der von Bern", teil­neh­men. Erst am 1.12.1954 be­stritt Jus­ko­wi­ak sein zwei­tes Spiel im Tri­kot der Na­tio­nal­elf. Al­ler­dings ver­lor die Mann­schaft von Sepp Her­ber­ger das Spiel ge­gen Eng­land mit 1:3. Am 19.12.1954 folg­te ein drit­ter Ein­satz für Deutsch­land im Spiel ge­gen Por­tu­gal in Lis­sa­bon, das 3:0 en­de­te. Dem Straf­stoß­spe­zia­lis­ten Jus­ko­wi­ak ge­lang in die­ser Par­tie der ers­te sei­ner ins­ge­samt vier Tref­fer für das Na­tio­nal­team.

Vier Jah­re nach dem ver­pass­ten „Wun­der von Bern" war Erich Jus­ko­wi­ak zu ei­ner fes­ten Grö­ße in der „Her­ber­ger-Trup­pe" ge­wor­den, die sich bei der Welt­meis­ter­schaft 1958 in Schwe­den an­schick­te, ih­ren Ti­tel zu ver­tei­di­gen. Als Sie­ger der Grup­pe 1 (Deutsch­land, Nord­ir­land, Tsche­cho­slo­wa­kei, Ar­gen­ti­ni­en) ge­lang der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft im Vier­tel­fi­nal­spiel ge­gen Ju­go­sla­wi­en am 19.6.1958 ein 1:0 Er­folg.

Der Geg­ner im Halb­fi­na­le am 24.6.1958 hieß Schwe­den. Die­se Par­tie wird we­gen der auf­ge­heiz­ten Stim­mung im Sta­di­on, der zahl­rei­chen Un­sport­lich­kei­ten des Gast­ge­bers ge­gen­über der deut­schen Mann­schaft auf und ne­ben dem Platz so­wie ei­ni­ger höchst frag­wür­di­ger Schieds­rich­ter­ent­schei­dun­gen bis in die Ge­gen­wart hin­ein kon­tro­vers dis­ku­tiert und gilt als ei­nes der grö­ß­ten Skan­dal­spie­le der Fuß­ball­ge­schich­te. Kurz­fris­tig war das Spiel von Stock­holm ins Ul­le­vi-Sta­di­on nach Gö­te­borg ver­legt wor­den. Die deut­sche De­le­ga­ti­on wur­de mit die­ser Ent­schei­dung vor voll­ende­te Tat­sa­chen ge­stellt und sah sich zu ei­nem un­vor­her­ge­se­he­nen Quar­tier­wech­sel ge­zwun­gen. Ei­ne kon­zen­trier­te Vor­be­rei­tung war un­ter die­sen Um­stän­den kaum mehr mög­lich. Vie­len deut­schen Tou­ris­ten wur­den nicht nur der Er­werb von Ein­tritts­kar­ten ver­wei­gert: ver­ba­le An­fein­dun­gen und ver­ein­zel­te tät­li­che Über­grif­fe über­schat­te­ten das Spiel lan­ge vor dem An­pfiff.

Her­ber­gers Team ge­lang den­noch nach 24 Mi­nu­ten die Füh­rung durch den Köl­ner Hans Schä­fer (ge­bo­ren 1927), doch er­ziel­te der Schwe­de Karl Lenn­art Skog­lund (1929-1975) be­reits acht Mi­nu­ten spä­ter den Aus­gleich. Ei­ni­ge Ent­schei­dun­gen des un­ga­ri­schen Schieds­rich­ters Ist­ván Zsolt (1921-1991) zu­guns­ten der Schwe­den führ­ten da­zu, dass sich die Deut­schen be­nach­tei­ligt fühl­ten und das Spiel an Här­te ge­wann. Nach­dem ein er­neu­tes Foul des Schwe­den Kurt Ham­rin (ge­bo­ren 1934) aber­mals durch den un­ga­ri­schen Schieds­rich­ter un­ge­ahn­det blieb, ver­lor Erich Jus­ko­wi­ak in der 59. Mi­nu­te die Ner­ven. Trotz sei­ner Rou­ti­ne ließ er sich in der auf­ge­heiz­ten At­mo­sphä­re des Ul­le­vi-Sta­di­ons zu ei­nem Re­van­che­foul an Ham­rin hin­rei­ßen und wur­de des Fel­des ver­wie­sen. Jus­ko­wi­ak wei­ger­te sich zu­nächst der An­ord­nung des Schieds­rich­ters Fol­ge zu leis­ten. Erst sei­nen Mit­spie­lern Hans Schä­fer und Fritz Wal­ter (1920-2002) ge­lang es, ihn zum Ver­las­sen des Plat­zes zu be­we­gen. Als sich Fritz Wal­ter nach ei­nem Foul von Sig­vard Par­ling (ge­bo­ren 1930) in der 75. Mi­nu­te schwer ver­letz­te und vom Platz ge­tra­gen wer­den muss­te, war die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft mit nur noch neun Spie­lern chan­cen­los. Deutsch­land ver­lor letzt­lich mit 1:3. Ob­wohl der Er­folg der Schwe­den in An­be­tracht der Be­gleit­um­stän­de von sport­lich frag­wür­di­gem Wert war, kam die „Schlacht von Gö­te­borg" für die deut­schen Fans ei­ner Ka­ta­stro­phe gleich.

Im an­schlie­ßen­den Spiel um den drit­ten Platz am 28.6.1958 un­ter­lag ei­ne ent­nerv­te, er­satz­ge­schwäch­te deut­sche Mann­schaft ge­gen Frank­reich mit 3:6. Aus Pro­test über die Vor­fäl­le reis­te die deut­sche De­le­ga­ti­on noch vor dem Fi­na­le, in dem sich Bra­si­li­en und Schwe­den ge­gen­über­stan­den, und dem of­fi­zi­el­len Fest­ban­kett der FI­FA ab. Für Erich Jus­ko­wi­ak en­de­te die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 1958 als „Buh­mann". Die deut­schen Fuß­ball­fans war­fen ihm vor, durch sein un­be­herrsch­tes Ver­hal­ten die Nie­der­la­ge ge­gen Schwe­den in der „Schlacht von Gö­te­borg" ver­ur­sacht zu ha­ben.

Das Halb­fi­na­le von 1958 hat­te in Deutsch­land zeit­wei­lig ei­nen re­gel­rech­ten Schwe­den­hass zur Fol­ge. Tank­war­te ver­wei­ger­ten durch­rei­sen­den Schwe­den Ben­zin, beim Aa­che­ner Reit­tur­nier wur­de die schwe­di­sche Fah­ne vom Mast ge­holt, Fir­men kün­dig­ten lang­jäh­ri­gen schwe­di­schen Ge­schäfts­part­nern die Han­dels­be­zie­hun­gen und die deut­sche Pres­se sti­li­sier­te die Schwe­den zum neu­en Feind­bild („Ir­ren­haus von Gö­te­borg", „Schlacht von Ul­le­vi").

Ob­wohl sich Sepp Her­ber­ger mit den Wor­ten: „Es war nicht sei­ne Auf­ga­be, sei­nen Geg­ner für ein Foul zu be­stra­fen. Man fliegt nicht vom Platz!" über Erich Jus­ko­wi­ak er­ei­fer­te und die­sen beim Ver­las­sen des Plat­zes kei­nes Bli­ckes ge­wür­digt hat­te, ließ er den For­tu­nen nicht fal­len. Bis 1959 folg­ten noch sechs wei­te­re Na­tio­nal­spie­le, in de­nen er zwei To­re schoss. Doch war der Kar­rie­re­knick of­fen­sicht­lich, und auch das Ver­hält­nis zum Bun­des­trai­ner, der ihm sei­ne Dis­zi­plin­lo­sig­keit nicht ver­zei­hen konn­te, blieb dau­er­haft ge­trübt.

Für For­tu­na Düs­sel­dorf er­ziel­te Erich Jus­ko­wi­ak zwi­schen 1953 und 1962 ins­ge­samt 32 To­re, ne­ben An­ton „To­ni" Tu­rek zähl­te „Jus" zu den be­deu­tends­ten Düs­sel­dor­fer Spie­lern. Mit Aus­nah­me der Sai­son 1960/ 1961 spiel­te Jus­ko­wi­ak von 1953 bis zu sei­nem Kar­rie­re­en­de in der Ober­li­ga West. Meist plat­zier­te sich die For­tu­na im Mit­tel­feld der Ober­li­ga, die bes­te Plat­zie­rung war ein drit­ter Platz in der Sai­son 1958/ 1959. 1962 be­en­de­te Erich Jus­ko­wi­ak sei­ne Kar­rie­re bei For­tu­na Düs­sel­dorf. Nach ei­nem Dis­put mit den Zu­schau­ern ver­ließ „Jus" beim Spiel ge­gen den VfB Bot­trop kurz vor dem Ab­pfiff den Platz und kehr­te nicht mehr zu­rück.

In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten leb­te er als In­ha­ber ei­nes Zei­tungs­ki­os­kes mit sei­ner Fa­mi­lie in Düs­sel­dorf. Der Platz­ver­weis und das ver­lo­re­ne Halb­fi­na­le von 1958 soll­ten ihn, trotz ei­ner 1982 von ei­ner Zeit­schrift in­sze­nier­ten Aus­söh­nung mit Ham­rin, für den Rest sei­nes Le­bens ver­fol­gen und ihn zu ei­ner der tra­gi­schen Ge­stal­ten in der Ge­schich­te des deut­schen Fuß­balls ma­chen.

Am 1.7.1983 er­litt Erich Jus­ko­wi­ak im Al­ter von 56 Jah­ren am Steu­er sei­nes Wa­gens ei­nen Herz­in­farkt und starb. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Wald­fried­hof von Ra­tin­gen-Lint­fort in der Nä­he von Düs­sel­dorf.

Literatur

Fi­scher, Wil­helm, Kö­nig Fuß­ball re­giert von Bern bis Chi­le. Sepp Her­ber­ger und die Spie­le der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft von 1954 bis heu­te, Göt­tin­gen 1962.

Skrent­ny, Wer­ner, Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 1958 – Schwe­den, Kas­sel 2002.

 
Zitationshinweis

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Striewski, Jennifer, Erich Juskowiak, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erich-juskowiak/DE-2086/lido/57c93069bf9057.33826227 (18.11.2018)