Ernst Rudolf Huber

Rechtswissenschaftler (1903-1990)

Ewald Grothe (Wuppertal)

Ernst Rudolf Huber, Porträtfoto.

Der Staats­recht­ler und Ver­fas­sungs­his­to­ri­ker Ernst Ru­dolf Hu­ber stamm­te aus dem Rhein­land, das le­bens­lang für ihn Hei­mat blieb. Als Schü­ler des Rechts­ge­lehr­ten Carl Schmitt stieg er ab 1933 zu ei­nem der füh­ren­den Staats­recht­ler im „Drit­ten Reich" auf. Nach 1945 als po­li­tisch be­las­tet gel­tend, blieb er zu­nächst oh­ne An­stel­lung und konn­te erst in den 1950er Jah­ren sei­ne Lehr­tä­tig­keit wie­der­auf­neh­men. Mit der in den Jah­ren 1957 bis 1984 ge­schrie­be­nen „Deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te seit 1789" hin­ter­ließ Hu­ber ein bis heu­te un­ver­zicht­ba­res Stan­dard­werk zur deut­schen Rechts­his­to­rio­gra­phie.

Ge­bo­ren wur­de Ernst Ru­dolf Hu­ber am 8.6.1903 in Ober­stein an der Na­he (heu­te Stadt Idar-Ober­stein), das im Fürs­ten­tum Bir­ken­feld, ei­ner Ex­kla­ve des Gro­ßher­zog­tums Ol­den­burg, lag. Sei­ne El­tern wa­ren der mit­tel­stän­di­sche Kauf­mann Au­gust Ru­dolf Hu­ber und des­sen Ehe­frau He­le­ne, ge­bo­re­ne Wild. Hu­ber war evan­ge­li­scher Kon­fes­si­on.

Nach dem Be­such von Volks­schu­le und Ober­re­al­schu­le leg­te er 1921 sein Ab­itur ab. 1919 war er an der Grün­dung ei­ner völ­kisch aus­ge­rich­te­ten Zwei­gor­ga­ni­sa­ti­on der deut­schen Ju­gend­be­we­gung, dem Nero­ther Wan­der­vo­gel, be­tei­ligt. 1921 be­gann er ein Stu­di­um der Ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft in Tü­bin­gen. Im Win­ter­se­mes­ter 1922/ 1923 wech­sel­te er nach Mün­chen, wo er die Fä­cher Na­tio­nal­öko­no­mie und Rechts­wis­sen­schaft be­leg­te. Das ju­ris­ti­sche Stu­di­um setz­te er nach sei­nem Um­zug an die Rhei­ni­sche Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn im Som­mer­se­mes­ter 1924 fort. Hier traf er auf ei­ni­ge der ein­fluss­reichs­ten deut­schen Staats­recht­ler, un­ter an­de­rem Ru­dolf Smend (1882-1975). Sei­ne Men­to­ren wur­den Erich Kauf­mann (1880-1972) und Carl Schmitt. In Schmitts Um­feld be­weg­te sich ein Kreis jün­ge­rer Dok­to­ran­den, zu de­nen auch Ernst Forst­hoff (1902-1974), Ernst Frie­sen­hahn und Wer­ner We­ber (1904-1976) zähl­ten.

Nach der Re­fe­ren­dar­zeit am Ober­lan­des­ge­richt Köln leg­te Hu­ber sein Staats­ex­amen im Ja­nu­ar 1926 ab. Im glei­chen Jahr reich­te er sei­ne von Carl Schmitt be­treu­te Dok­tor­ar­beit ein, die 1927 un­ter dem Ti­tel „Die Ga­ran­tie der kirch­li­chen Ver­mö­gens­rech­te in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung" als Buch er­schien. Die Dok­tor­prü­fung schloss Hu­ber im Mai 1927 mit dem Prä­di­kat „sehr gut" ab. Er ab­sol­vier­te zwi­schen 1926 und 1929 sei­nen ju­ris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst mit Sta­tio­nen in Ober­stein, Bir­ken­feld, Ko­blenz, Bonn und Köln. Im März 1929 be­stand er das As­ses­sor­ex­amen in Ol­den­burg, wur­de zum Be­am­ten auf Wi­der­ruf er­nannt und war vom März bis No­vem­ber 1930 im Ol­den­bur­ger In­nen­mi­nis­te­ri­um tä­tig.

Seit 1928 hat­te Hu­ber be­reits als wis­sen­schaft­li­che Hilfs­kraft am In­dus­trie­recht­li­chen Se­mi­nar der Uni­ver­si­tät Bonn un­ter Lei­tung von Hein­rich Göp­pert (1867-1937) ge­ar­bei­tet. Im Som­mer 1931 ha­bi­li­tier­te er sich mit ei­ner Ar­beit zum Wirt­schafts­ver­wal­tungs­recht, die er­heb­lich er­wei­tert 1932 als Mo­no­gra­phie er­schien. Mit ei­ner Ve­nia le­gen­di für Staats- und Ver­wal­tungs­recht, Staats­kir­chen­recht, Ar­beits- und Wirt­schafts­recht lehr­te er seit 1931 als Pri­vat­do­zent in Bonn.

In den Jah­ren 1932/ 1933 zog ihn Carl Schmitt wie­der­holt für ju­ris­tisch-po­li­ti­sche Aus­ar­bei­tun­gen her­an. So war Hu­ber als Be­ra­ter beim Pro­zess Preu­ßens ge­gen das Reich vor dem Leip­zi­ger Staats­ge­richts­hof be­tei­ligt. Mit Schmitt zu­sam­men ha­be er, be­rich­te­te er spä­ter, in en­ger Füh­lung­nah­me mit der Reichs­wehr und der Reichs­kanz­lei ei­nen Not­stands­plan zur Ver­hin­de­rung ei­nes Staats­streichs ent­wor­fen. In sei­ner Bon­ner Zeit ver­öf­fent­lich­te er re­gel­mä­ßig Ko­lum­nen und Buch­be­spre­chun­gen in jung­kon­ser­va­ti­ven Zeit­schrif­ten.

Durch die Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten öff­ne­ten sich für Hu­ber, wie für vie­le Wis­sen­schaft­ler sei­ner Ge­ne­ra­ti­on, neue Kar­rie­re­chan­cen. Am 1.5.1933 trat er der NS­DAP bei. Zum Som­mer­se­mes­ter über­nahm er die Lehr­stuhl­ver­tre­tung für den aus po­li­ti­schen Grün­den be­ur­laub­ten Völ­ker­recht­ler Walt­her Schü­cking (1875-1935) in Kiel. Am 28.10.1933 wur­de ihm dort rück­wir­kend zum 1.8.1933 das Or­di­na­ri­at für Öf­fent­li­ches Recht über­tra­gen. In den Fol­ge­jah­ren avan­cier­te er zu ei­nem der füh­ren­den Ver­fas­sungs­recht­ler im „Drit­ten Reich".

Nach 1933 ent­fal­te­te Hu­ber ei­ne um­fang­rei­che Tä­tig­keit in For­schung, Leh­re und Hoch­schul­po­li­tik. So or­ga­ni­sier­te er mit sei­nen Kol­le­gen Ge­org Dahm (1904-1963), Karl La­renz (1903-1993), Fried­rich Schaff­s­tein (1905-2001) und Franz Wie­acker (1908-1994) ei­ne ju­ris­ti­sche Ar­beits­ge­mein­schaft, die un­ter der Be­zeich­nung „Kie­ler Schu­le" ei­ne Er­neue­rung der Rechts­wis­sen­schaft im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sin­ne an­streb­te. Hu­ber war auch an den Plä­nen für die seit 1935 gel­ten­de ju­ris­ti­sche Stu­di­en­ord­nung be­tei­ligt. Der Staats­recht­ler über­nahm zu­dem seit 1934 mit zwei Kie­ler Na­tio­nal­öko­no­men die Her­aus­ga­be der an­ge­se­he­nen „Zeit­schrift für die ge­sam­te Staats­wis­sen­schaft". Schlie­ß­lich er­schie­nen bis 1937 wich­ti­ge Auf­sät­ze und Bro­schü­ren Hu­bers zum Ver­fas­sungs­recht. Den Ab­schluss sei­ner staats­recht­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen nach 1933 stell­te sei­ne Mo­no­gra­phie un­ter dem schlich­ten Ti­tel „Ver­fas­sung" dar, die 1937 erst­mals und un­ter dem er­wei­ter­ten Ti­tel „Ver­fas­sungs­recht des Gro­ß­deut­schen Rei­ches" 1939 in zwei­ter ak­tua­li­sier­ter und er­wei­ter­ter Auf­la­ge er­schien.

1937 nahm Hu­ber den Ruf auf den Lehr­stuhl für Öf­fent­li­ches Recht in Leip­zig an. Er kon­zen­trier­te sich nun stär­ker auf his­to­ri­sche Ar­bei­ten. Be­reits 1938 ver­öf­fent­lich­te er das Buch „Heer und Staat in der deut­schen Ge­schich­te", das ei­nen Über­blick zur deut­schen Mi­li­tär­ver­fas­sungs­ge­schich­te vom Mit­tel­al­ter bis zur Ge­gen­wart gab. Da­nach ar­bei­te­te er an ver­schie­de­nen Stu­di­en zur Ide­en­ge­schich­te. Auch die ers­ten Ent­wür­fe zu sei­ner „Ver­fas­sungs­ge­schich­te" stam­men aus die­ser Zeit.

1941 er­reich­te Hu­ber der Ruf an die neu ge­grün­de­te Reichs­uni­ver­si­tät Straß­burg. Hier­hin zog es ihn nicht nur, weil er das El­sass als deutsch, son­dern vor al­lem weil er es als „rhei­nisch" an­sah und die Auf­ga­be als „na­tio­nal­po­li­tisch" und „hoch­schul­po­li­tisch wich­tig" ein­stuf­te. Der Staats­recht­ler nahm er­heb­li­chen Ein­fluss auf die Zu­sam­men­set­zung des Lehr­kör­pers. Im No­vem­ber 1944 muss­te er vor den her­an­rü­cken­den al­li­ier­ten Trup­pen aus Straß­burg flie­hen.

Nach 1945 war Hu­ber auf Jah­re hin­aus stel­lungs­los. Der po­li­tisch be­las­te­te Hoch­schul­leh­rer zog sich mit sei­ner Frau und den fünf min­der­jäh­ri­gen Söh­nen in den Hoch­schwarz­wald zu­rück. Hier ar­bei­te­te er an sei­ner „Deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te" und üb­te ge­le­gent­lich Be­ra­ter- oder Re­dak­ti­ons­tä­tig­kei­ten aus. Ein Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren über­stand er mit der Ein­stu­fung als „Mit­läu­fer" glimpf­lich. Erst 1952 er­hielt er wie­der ei­nen Lehr­auf­trag an der Uni­ver­si­tät Frei­burg: zu­nächst nur für Ver­fas­sungs­ge­schich­te, spä­ter auch für Wirt­schafts­recht. 1956 er­nann­te man ihn dort zum Ho­no­rar­pro­fes­sor, und auch die Staats­rechts­leh­rer­ver­ei­ni­gung nahm ihn als Mit­glied auf. Nur ein Jahr spä­ter wur­de Hu­ber – nach er­heb­li­chen po­li­ti­schen Que­re­len im Hin­ter­grund – an die win­zi­ge Hoch­schu­le für So­zi­al­wis­sen­schaf­ten nach Wil­helms­ha­ven be­ru­fen. Als die­se Hoch­schu­le 1962 in die Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen in­te­griert wur­de, kehr­te Hu­ber für sei­ne letz­ten sechs Dienst­jah­re bis 1968 auf ei­nen Lehr­stuhl an ei­ner re­nom­mier­ten Uni­ver­si­tät zu­rück.

Nach sei­ner Eme­ri­tie­rung wid­me­te Hu­ber sich ganz der Fer­tig­stel­lung der 1957 be­gon­ne­nen und 1984 ab­ge­schlos­se­nen sie­ben­bän­di­gen „Deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te seit 1789" und den zu­nächst drei be­glei­ten­den Quel­len­bän­den. Die „Ver­fas­sungs­ge­schich­te" gilt we­gen ih­rer Ma­te­ri­al­fül­le, der Dich­te ih­rer Dar­stel­lung und der kon­zi­sen Deu­tung bis heu­te als un­ver­zicht­ba­res Stan­dard­werk. Kurz nach­dem er das Vor­wort für den Re­gis­ter­band ge­schrie­ben hat­te, starb Ernst Ru­dolf Hu­ber im Al­ter von 87 Jah­ren am 28.10.1990 in Frei­burg im Breis­gau.

Hu­ber war seit 1933 mit Tu­la Si­mons, ei­ner Toch­ter des Reichs­ge­richts­prä­si­den­ten Wal­ter Si­mons, ver­hei­ra­tet. Ihr jüngs­ter Sohn Wolf­gang Hu­ber (ge­bo­ren 1942) war bis 2009 Lan­des­bi­schof von Ber­lin-Bran­den­burg und Rats­vor­sit­zen­der der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land.

Werke (Auswahl)

Be­wah­rung und Wand­lung. Stu­di­en zur deut­schen Staats­theo­rie und Ver­fas­sungs­ge­schich­te, Ber­lin 1975.

Deut­sche Ver­fas­sungs­ge­schich­te seit 1789, 8 Bän­de, Stutt­gart 1957-1991.

Do­ku­men­te zur deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te, 5 Bän­de, 3. neu­be­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Stutt­gart / Ber­lin / Köln 1978-1992/ 1997.

Die Ga­ran­tie der kirch­li­chen Ver­mö­gens­rech­te in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, Dis­ser­ta­ti­ons­chrift, Tü­bin­gen 1927.

Heer und Staat in der deut­schen Ge­schich­te, Ham­burg 1938.

Na­tio­nal­staat und Ver­fas­sungs­staat. Stu­di­en zur Ge­schich­te der mo­der­nen Staats­idee, Stutt­gart 1965.

Staat und Kir­che im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Do­ku­men­te zur Ge­schich­te des deut­schen Staats­kir­chen­rechts, 5 Bän­de, Ber­lin 1973-1995.

Ver­fas­sung, Ham­burg 1937, 2. er­wei­ter­te Auf­la­ge un­ter dem Ti­tel: Ver­fas­sungs­recht des Gro­ß­deut­schen Rei­ches, Ham­burg 1939.

Wirt­schafts­ver­wal­tungs­recht. In­sti­tu­tio­nen des öf­fent­li­chen Ar­beits- und Un­ter­neh­mens­rechts, Tü­bin­gen 1932, 2. er­wei­ter­te Auf­la­ge, 2 Bän­de, Tü­bin­gen 1953/1954.

Literatur

Gro­the, Ewald, Über den Um­gang mit Zei­ten­wen­den. Der Ver­fas­sungs­his­to­ri­ker Ernst Ru­dolf Hu­ber und sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Ge­schich­te und Ge­gen­wart 1933 und 1945, in: Zeit­schrift für Ge­schichts­wis­sen­schaft 53 (2005), S. 216-235.

Gro­the, Ewald, Zwi­schen Ge­schich­te und Recht. Deut­sche Ver­fas­sungs­ge­schichts­schrei­bung 1900-1970, Mün­chen 2005.

Gro­the, Ewald, „Strengs­te Zu­rück­hal­tung und un­be­ding­ter Takt." Der Ver­fas­sungs­his­to­ri­ker Ernst Ru­dolf Hu­ber und die NS-Ver­gan­gen­heit, in: Schu­mann, Eva (Hg.), Kon­ti­nui­tä­ten und Zä­su­ren. Rechts­wis­sen­schaft und Jus­tiz im "Drit­ten Reich" und in der Nach­kriegs­zeit, Göt­tin­gen 2008, S. 327-348.

Jür­gens, Mar­tin, Staat und Reich bei Ernst Ru­dolf Hu­ber. Sein Le­ben und Werk bis 1945 aus rechts­ge­schicht­li­cher Sicht, Frank­furt am Main 2005.

Maetsch­ke, Mat­thi­as, Ernst Ru­dolf Hu­ber, Im Schat­ten Carl Schmitts – Ernst Ru­dolf Hu­bers Bon­ner Jah­re 1924-1933, in: Schmoeckel, Ma­thi­as (Hg.), Die Ju­ris­ten der Uni­ver­si­tät Bonn im Drit­ten Reich, Köln 2004, S. 368-386.

Nor­poth, Ma­rie-The­res, Norm und Wirk­lich­keit. Staat und Ver­fas­sung im Werk Ernst Ru­dolf Hu­bers, Ham­burg 1998.

Wal­ken­haus, Ralf, Kon­ser­va­ti­ves Staats­den­ken. Ei­ne wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Stu­die zu Ernst Ru­dolf Hu­ber, Ber­lin 1997.

Online

Prof. Dr. jur. Ernst Ru­dolf Hu­ber (Pro­fes­so­ren­ka­ta­log der Uni­ver­si­tät Leip­zig).

 
Zitationshinweis

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Grothe, Ewald, Ernst Rudolf Huber, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-rudolf-huber/DE-2086/lido/57c8345586e8e9.99187498 (20.09.2018)