Ernst von Bodelschwingh

Regierungspräsident in Trier, Oberpräsident der Rheinprovinz, Staatsminister (1794-1854)

Joachim Lilla (Krefeld)

Ernst von Bodelschwingh, Foto nach einem Ölgemälde von Friedrich Jentzen (1815-1901).

Ernst von Bo­del­schwingh, Spross ei­ner al­ten west­fä­li­schen Rit­ter­fa­mi­lie, war ein preu­ßi­scher Spit­zen­be­am­ter, der in po­li­tisch schwie­ri­gen Zei­ten in den preu­ßi­schen West­pro­vin­zen ho­he Ver­wal­tungs­äm­ter in­ne­hat­te so­wie zwi­schen 1842 und 1848 preu­ßi­scher Staats­mi­nis­ter war, zu­nächst der Fi­nan­zen, dann des In­nern.

Ernst Al­bert Karl Wil­helm Lud­wig von Bo­del­schwingh wur­de am 26.11.1794 in Vel­me­de (heu­te Ge­mein­de Best­wig) als Sohn des Franz Chris­toph Gis­bert Fried­rich Wil­helm von Bo­del­schwingh (1754-1827), Herrn auf Vel­me­de, und der Frie­de­ri­ke So­phie Wil­hel­mi­ne Hen­ri­et­te ge­bo­re­ne Frei­in von Plet­ten­berg (1786-1850) ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war evan­ge­li­scher Kon­fes­si­on. Bo­del­schwingh hei­ra­te­te am 27.7.1822 in Meth­ler (heu­te Stadt Ka­men) Char­lot­te von Diest (1793-1869), Toch­ter des Ge­hei­men Re­gie­rungs­rats in Kle­ve und spä­te­ren Tri­bu­nal­prä­si­den­ten in Burg­stein­furt Fried­rich von Diest auf Hals­aff und Wolfs­kuhl, und sei­ner Ehe­frau Ma­ria von Oven. Aus der Ehe gin­gen drei Söh­ne her­vor, dar­un­ter der Be­grün­der der Be­thel­schen An­stal­ten, Fried­rich von Bo­del­schwingh d. Ä.(1831-1910), und ei­ne Toch­ter.

Bo­del­schwingh be­such­te das Gym­na­si­um in Hamm in West­fa­len, stu­dier­te zu­nächst an der Forst­aka­de­mie Dil­len­burg (1811), an­schlie­ßend Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten in Ber­lin (1812-1814) und Göt­tin­gen (1814). Als Se­kon­de­lieu­ten­ant im 2. Gar­de-Re­gi­ment zu Fuß nahm er vom 10.2.1813 bis 1815 an den Be­frei­ungs­krie­gen teil, wur­de am 21.10.1813 bei Frey­burg an der Un­st­rut schwer ver­wun­det (Lun­gen­schuss) und mit dem Ei­ser­nen Kreuz II. und I. Klas­se aus­ge­zeich­net. Am 24.11.1814 leg­te er in Müns­ter die Prü­fung zum Re­gie­rungs­re­fe­ren­dar ab, wur­de al­ler­dings erst am 28.11.1817 in die Stel­le ein­ge­führt. Am 13.3.1820 ab­sol­vier­te er die Gro­ße Staats­prü­fung („sehr gut“) und war ab 24.5.1820 als Re­gie­rungs­as­ses­sor bei den Re­gie­run­gen Müns­ter und Kle­ve (ab 31.5.1820) tä­tig, wur­de am 6.4.1821 vor­über­ge­hend in das preu­ßi­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um be­ru­fen, je­doch schon am 15.11.1821 der Re­gie­rung in Arns­berg über­wie­sen. Aus die­ser Stel­lung wur­de er am 28.3.1822 zum Land­rat des Krei­ses Teck­len­burg er­nannt. 1830 wur­de er für den Wahl­be­zirk Mark in den West­fä­li­schen Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wählt, dem er bis 1833 an­ge­hör­te, 1833 als stell­ver­tre­ten­der Land­tags­mar­schall.

Nach fast 10-jäh­ri­ger Amts­zeit im nörd­li­chen Müns­ter­land wech­sel­te er im Mai 1831 als Ober­re­gie­rungs­rat und Ver­tre­ter des Re­gie­rungs­prä­si­den­ten nach Köln, um be­reits am 31.10.1831 zum Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Trier er­nannt zu­ wer­den. Am 30.4.1834 be­stell­te ihn Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) zum Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz. Die Stel­le trat Bo­del­schwingh am 12. Ju­ni in Ko­blenz an und über­nahm da­mit in po­li­tisch un­ru­hi­gen Zei­ten ­die höchs­te Stel­le, die der preu­ßi­sche Staat im Rhein­land zu ver­ge­ben hat­te. Ein er­star­ken­des Bür­ger­tum ver­such­te zu­neh­mend sei­ne po­li­ti­schen Mit­wir­kungs­rech­te wahr­zu­neh­men, auch in den von der Zen­sur be­dräng­ten Me­di­en, die ka­tho­li­sche Kir­che ließ sich nicht so leicht du­cken wie der Pro­tes­tan­tis­mus („Köl­ner Wir­ren“), die In­dus­tria­li­sie­rung er­for­der­te Ant­wor­ten auf neue Fra­gen, die neue Re­ge­lung der Kom­mu­nal­ver­hält­nis­se war zu be­werk­stel­li­gen, wie sie schlie­ß­lich in der Rhei­ni­schen Ge­mein­de­ord­nung von 1845 fest­ge­legt wur­den. Mit der letz­te­ren hat­te sich von Bo­del­schwingh noch nach sei­nem am 1.5.1842 er­folg­ten Aus­schei­den aus dem Amt des Ober­prä­si­den­ten zu be­schäf­ti­gen. So bat der preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­ter Adolf Hein­rich Graf von Ar­nim-Boit­zen­burg (1803-1868, In­nen­mi­nis­ter 1842-1845) am 5.9.1842 den nun­meh­ri­gen Fi­nanz­mi­nis­ter von Bo­del­schwingh „um ge­neig­te Mit­tei­lung Ih­rer er­leuch­te­ten, auf die Kennt­nis der Pro­vinz ge­grün­de­ten An­sicht [zur Ge­mein­de­ord­nung] ganz er­ge­benst bit­ten zu dür­fen.1 Die­se „er­leuch­te­ten“ Er­kennt­nis­se sind lei­der nicht über­lie­fert.

Der be­währ­te Ver­wal­tungs­be­am­te von Bo­del­schwingh war am 24.3.1842 zum preu­ßi­schen Fi­nanz­mi­nis­ter er­nannt wor­den und über­nahm das Amt am 1. Mai. Fast ge­nau zwei Jah­re spä­ter, am 3.5.1844 schied er aus dem Amt aus, wur­de je­doch am sel­ben Ta­ge von Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858, ge­stor­ben 1861) zum Ge­hei­men Staats- und Ka­bi­netts­mi­nis­ter (Mi­nis­ter oh­ne Res­sort) er­nannt. Am 8.7.1845 wur­de ihm zu­nächst in­te­ri­mis­tisch die Lei­tung des Mi­nis­te­ri­ums des In­nern über­tra­gen, am 10.7.1846 wur­de er de­fi­ni­tiv zum Mi­nis­ter des In­nern er­nannt. In die­ser Stel­lung ge­riet er in die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die seit 1815 schwe­len­de Ver­fas­sungs­fra­ge. Selbst von der Not­wen­dig­keit ei­ner Kon­sti­tu­ti­on über­zeugt, muss­te er als Re­gie­rungs­kom­mis­sar die un­zu­rei­chen­den Zu­ge­ständ­nis­se des Kö­nigs vor dem ers­ten Ver­ei­nig­ten Land­tag 1847 ver­tre­ten.

Als Mi­nis­ter ge­hör­te er auch von 1842 bis 1848 dem preu­ßi­schen Staats­ra­t an. Am 19.3.1848 schied er im Zu­sam­men­hang mit der März­re­vo­lu­ti­on auf Ge­such aus sei­nen Äm­tern als Staats- und Ka­bi­netts­mi­nis­ter aus. Sein Ver­hal­ten in Ber­lin wäh­rend des 18.3.1848 blieb um­strit­ten und wur­de un­ter an­de­rem von Ot­to von Bis­marck (1815-1898) hef­tig kri­ti­siert.

Die nächs­ten Jah­re blieb er oh­ne öf­fent­li­ches Amt, nahm je­doch ei­ni­ge po­li­ti­sche Man­da­te wahr: Von 1849 bis 1852 war er im Wahl­kreis Arns­berg ge­wähl­tes Mit­glied der preu­ßi­schen Zwei­ten Kam­mer (Ab­ge­ord­ne­ten­haus) für die Rech­te Frak­ti­on, im Jahr 1850 für die Bahn­hof­par­tei im Wahl­kreis Ber­lin 4 ge­wähl­ter Ab­ge­ord­ne­ter im Volks­haus des Er­fur­ter Uni­ons­par­la­ments und dort zu­gleich Vor­sit­zen­der des Ver­fas­sungs­aus­schus­ses. Zu­dem war er von Sep­tem­ber 1849 bis März 1850 Vor­sit­zen­der des Ver­wal­tungs­rats der ver­bün­de­ten deut­schen Re­gie­run­gen. Er galt als ge­mä­ßigt kon­ser­va­ti­ver Po­li­ti­ker, dem Zen­trum na­he­ste­hend.

Mit der Er­nen­nung zum Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Arns­berg am 1.11.1851 trat er wie­der in den Staats­dienst ein. In die­ser Stel­lung ver­starb der Wirk­li­che Ge­hei­me Rat mit Prä­di­kat „Ex­zel­len­z“ am 18.5.1854 im sau­er­län­di­schen Me­de­bach an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung, für die ihn ein Lun­gen­schuss aus dem Krieg 1813 be­son­ders an­fäl­lig ge­macht hat­te. Für sei­ne Ver­diens­te war er mit dem Ro­ten Ad­ler­or­den 1. Klas­se mit Ei­chen­laub ge­ehrt wor­den.

Quellen

Die Pro­to­kol­le des Preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums 1817–1934/38, hg. von der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten un­ter der Lei­tung von Jür­gen Ko­cka und Wolf­gang Neu­ge­bau­er (Ac­ta Bo­rus­si­ca NF 1), Band 3: 9. Ju­ni 1840–14. März 1848, be­arb. von Bär­bel Holtz, Hil­des­heim [u.a.] 2000; Band 4, 1 u. 2, 30. März 1848–27. Ok­to­ber 1858, be­arb. von Bär­bel Holtz, Hil­des­heim [u.a.] 2003.
Rhei­ni­sche Brie­fe und Ak­ten zur Ge­schich­te der po­li­ti­schen Be­we­gung 1830–1850.Ge­sam­melt und hg. von Jo­seph Han­sen, Band 1: 1830-1845, Es­sen/Leip­zig 1919, Nach­druck Düs­sel­dorf 1997.

Literatur

Bär, Max, Die Be­hör­den­ver­fas­sung der Rhein­pro­vinz seit 1815, Bonn 1919, Nach­druck Düs­sel­dorf 1998.
Hä­ming, Jo­sef, Die Ab­ge­ord­ne­ten des West­fa­len­par­la­ments 1826-1978, Müns­ter 1978.
Haun­fel­der, Bernd, Bio­gra­phi­sches Hand­buch für das Preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus 1949-1867, Düs­sel­dorf 1994, S. 67 Nr. 168.
Len­ge­mann, Jo­chen, Das Deut­sche Par­la­ment (Er­fur­ter Uni­ons­par­la­ment) von 1850. Ein Hand­buch: Mit­glie­der, Amts­trä­ger, Le­bens­da­ten, Frak­tio­nen, Mün­chen/Je­na 2000, S. 85-86 [bio­gra­phi­sche Da­ten].
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816–1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 360-361.
Weg­mann, Diet­rich, Die lei­ten­den Ver­wal­tungs­be­am­ten der Pro­vinz West­fa­len 1815-1918, Müns­ter 1969, S. 246.

Online

Bu­ß­mann, Wal­ter, Bo­del­schwingh, Ernst von, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 2 (1955), S. 350-351. [On­line]

 
Anmerkungen
  • 1: Rheinische Briefe und Akten 1, S. 359 (Nr. 143).
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Lilla, Joachim, Ernst von Bodelschwingh, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-von-bodelschwingh/DE-2086/lido/5b6abda14699f5.86472420 (17.03.2019)