Familie Guilleaume

Unternehmerfamilie

Gabriele Oepen-Domschky (Köln)

Franz Carl Guilleaume, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1991, Bildhauer: Georg Paul Maria Ahrens. (Stadtkonservator Köln)

Mit­glie­der der Fa­mi­lie (von) Guil­leau­me wa­ren im 19. Jahr­hun­dert füh­rend in der Seil- und Ka­bel­her­stel­lung. Die Ver­diens­te Franz Carl Guil­leau­mes des Jün­ge­ren um die Draht- und Ka­be­l­in­dus­trie tru­gen ihm den Na­men „Sie­mens des Wes­tens" ein. Um die Jahr­hun­dert­wen­de stan­den sei­ne Söh­ne Theo­dor, Max und Ar­nold von Guil­leau­me an ers­ter Stel­le der Köl­ner Mil­lio­nä­re. 

Den Ein­stieg in das Sei­ler­ge­wer­be ver­dank­te Franz Carl Guil­leau­me der Äl­te­re (1798-1837) sei­ner Hoch­zeit mit Chris­ti­ne Fel­ten, Toch­ter des Jo­hann Theo­dor Fel­ten (1747-1827), der seit dem En­de des 18. Jahr­hun­derts als Sei­ler­meis­ter in Köln Kor­deln, Bind­fä­den und leich­te Sei­le her­stell­te so­wie an­de­re Sei­ler mit Roh­ma­te­ri­al be­lie­fer­te und die­se im Ver­lags­sys­tem be­schäf­tig­te. 

Als Sohn des Chris­toph Guil­leau­me in So­lin­gen ge­bo­ren, wur­de Franz Carl in den 1820er Jah­ren von sei­nem Schwie­ger­va­ter in das Ge­schäf­t auf­ge­nom­men, nach­dem des­sen letz­ter Sohn Adolf Fel­ten ge­stor­ben war. Das Jahr 1826 gilt als das of­fi­zi­el­le Grün­dungs­da­tum des Un­ter­neh­mens Theo­dor Fel­ten & Guil­leau­me. Guil­leau­me ar­bei­te­te sich schnell in das Sei­ler­hand­werk ein und er­warb ein an der Köl­ner Stadt­mau­er ge­le­ge­nes Grund­stück am Kar­täu­ser­wall, in dem im glei­chen Jahr erst­ma­lig ein zen­tra­ler Be­trieb zur Seil­pro­duk­ti­on ent­stand. Da­ne­ben be­stand im Zen­trum Kölns im­mer noch die hand­werk­lich be­trie­be­ne Sei­le­rei und ein Ge­schäft zum Ver­kauf von Sei­ler­wa­ren, Hanf- und Pfer­de­haa­ren. 

 

Guil­leau­me ver­bes­ser­te die Pro­duk­ti­on von Rund­sei­len aus Hanf und ex­pe­ri­men­tier­te vor sei­nem Tod mit der Her­stel­lung von Draht­sei­len. Fer­ner be­trieb er am glei­chen Stand­ort ei­ne Wei­zen­stär­ke­fa­brik. Be­vor der Sohn von Franz Carl, Theo­dor Guil­leau­me (1812-1879), in den 1840er Jah­ren zu­neh­mend die Ge­schäfts­lei­tung über­nahm, führ­te sei­ne Mut­ter Chris­ti­ne von 1827 bis 1853 die Fir­ma. 1830 war Theo­dor in das vä­ter­li­che Un­ter­neh­men ein­ge­tre­ten. Sei­ne Mut­ter über­trug ihm die Lei­tung von Sei­ler­wa­ren­ge­schäft und -pro­duk­ti­on, wäh­rend sein jün­ge­rer Bru­der Carl Au­gust (ge­bo­ren 1820) die Wei­zen­stär­ke­fa­brik über­nahm.

Theo­dor Guil­leau­me wid­me­te sich ver­stärkt der Pro­duk­ti­on von Draht­sei­len und er­öff­ne­te dem Un­ter­neh­men neue Ab­satz­märk­te in den rhei­nisch-west­fä­li­schen Gru­ben­be­trie­ben. Ei­ne Aus­wei­tung der Pro­duk­ti­on so­wie der Auf­bau ei­nes wei­te­ren Be­triebs­stand­or­tes bei Köln-Wahn, der „Theo­dor­s­hö­he", war die Fol­ge. Gleich­zei­tig be­gann er mit der Fa­bri­ka­ti­on von Te­le­gra­phen­ka­beln. Da­bei wur­de dem Draht­seil an­stel­le ei­ner Hanf­see­le ein iso­lier­ter elek­tri­scher Lei­ter ein­ge­setzt. 1853 ver­leg­te man das ers­te Te­le­gra­phen­ka­bel in der von Guil­leau­me ge­fer­tig­ten Art. 1857 trenn­ten die Brü­der die Un­ter­neh­mens­zwei­ge: Carl Au­gust be­trieb die Wei­zen­stär­ke­fa­brik, und Theo­dor kon­zen­trier­te sich auf den Aus­bau der ma­schi­nel­len Draht­seil­pro­duk­ti­on. Kur­ze Zeit spä­ter er­rich­te­te er auf Theo­dor­s­hö­he ein Walz­werk, in dem die Draht­pro­duk­ti­on mit der Her­stel­lung vom Walz­draht und Draht­seil bis zum ver­zink­ten Lei­tungs­draht zu­sam­men­ge­fasst wur­de. 

Theo­dor Guil­leau­mes un­ter­neh­me­ri­sches Wir­ken zeich­ne­te sich durch Ge­spür für die tech­ni­schen Neue­run­gen sei­nes Ge­wer­bes, de­ren sys­te­ma­ti­sche Um­set­zung in der Pro­duk­ti­on und letzt­lich durch die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung sei­ner Be­trie­be aus. Ne­ben sei­ner un­ter­neh­me­ri­schen Tä­tig­keit war er Mit­glied des Köl­ner Stadt­rats (1846-1850). Er war ver­hei­ra­tet mit Wil­hel­mi­ne Dah­men (1811-1838) aus Ahr­wei­ler, in zwei­ter Ehe mit Hen­ri­et­te Bütt­gen (1823-1902) aus Köln.

Der äl­tes­te Sohn, Franz Carl Guil­leau­me (1834-1887), der 1860 Teil­ha­ber im Be­trieb wur­de, er­hielt ei­ne um­fas­sen­de prak­ti­sche Aus­bil­dung in der Pro­duk­ti­ons­tech­nik, eig­ne­te sich aber auch be­triebs­wirt­schaft­li­che Kennt­nis­se durch Aus­lands­auf­ent­hal­te in Bel­gi­en und Groß­bri­tan­ni­en an. Seit 1865 Al­lein­in­ha­ber, er­kann­te Franz Carl schon früh die in der Her­stel­lung von Ka­beln zum Trans­port elek­tri­scher En­er­gie lie­gen­de Her­aus­for­de­rung und ent­wi­ckel­te Plä­ne für ein un­ter­ir­di­sches Ka­bel­netz, des­sen Bau in pri­va­ter Ver­ant­wor­tung er­fol­gen soll­te. Die­ses über­nahm je­doch die deut­sche staat­li­che Te­le­gra­phen­ver­wal­tung. Bis 1876 wa­ren Fel­ten & Guil­leau­me das ein­zi­ge Un­ter­neh­men des Kon­ti­nents, das Ka­bel­her­stel­lung be­trieb. Guil­leau­me kon­zen­trier­te da­her sein In­ter­es­se auf die Pro­duk­ti­on von Draht und Ka­beln. 1874 grün­de­te er in Köln-Mül­heim das Carls­werk. Die Sei­le­rei am Kar­täu­ser­wall über­ließ er über­wie­gend sei­nem Mit­ar­bei­ter Al­bert Har­de­na­cke, und der Be­trieb Theo­dor­s­hö­he wur­de auf­ge­ge­ben. 

In Mül­heim fer­tig­te man Ei­sen- und Stahl­dräh­te un­ter­schied­li­cher Quer­schnit­te für Zäu­ne, Ka­bel­be­weh­run­gen, ober­ir­di­sche Te­le­gra­phen, Fern­sprech- und Stark­strom­an­la­gen, Zug­dräh­te und Lit­zen für Ei­sen­bahn-Si­che­rungs­an­la­gen, Draht­sei­le (un­ter an­de­rem aus Pa­tent-Guss­stahl), Te­le­gra­phen­ka­bel für Erd-, Tun­nel-, Fluss- und See­lei­tun­gen, Sprung­fe­dern, Sta­chel­draht und so­gar Kla­vier­sai­ten­draht. Im glei­chen Jahr führ­te Guil­leau­me die be­kann­te F&G-Fa­brik­mar­ke ein: ein Drei­zack, der spä­ter durch die In­itia­len F&G und den Na­men „Nep­tun" er­gänzt wur­de. Im Carls­werk grün­de­te er zahl­rei­che so­zia­le Ein­rich­tun­gen: Fa­brik­kran­ken­kas­se, Werks­spar­kas­se, Kon­su­man­stalt, Kin­der­gar­ten und In­va­li­di­täts­fonds. Dar­über hin­aus ließ er in Mül­heim Wohn­häu­ser mit Werks­woh­nun­gen bau­en. 

Franz Carl Guil­leau­me war un­ter an­de­rem Mit­glied der Köl­ner Han­dels­kam­mer, des Elek­tro­tech­ni­schen Ver­eins und der Deut­schen Ko­lo­ni­al­ge­sell­schaft. 1876 wur­de ihm der Ti­tel des preu­ßi­schen Kom­mer­zi­en­rats ver­lie­hen. Er war ver­hei­ra­tet mit An­toi­net­te Gründ­gens (1837-1923) aus Aa­chen, Tan­te des Schau­spie­lers, Re­gis­seurs und Thea­ter­in­ten­dan­ten Gus­taf Gründ­gens. Er hat­te zwei Töch­ter und drei Söh­ne, die sein ­Un­ter­neh­men fort­führ­ten. Theo­dor (1861-1933) und Max (1866-1932) von Guil­leau­me lei­te­ten ab 1892 das Carls­werk ge­mein­schaft­lich, Ar­nold von Guil­leau­me (1868-1939) führ­te den Sei­le­rei­be­trieb am Kar­täu­ser­wall. Theo­dor wid­me­te sich dem Aus­bau des Strom­ka­bel­ge­schäfts und lie­fer­te An­fang der 1890er Jah­re die ers­te Wech­sel­strom­an­la­ge, das hei­ßt ein kom­plet­tes Ka­bel­netz für die Stadt Bar­men (1929 Wup­per­tal). Dar­über hin­aus for­cier­te er die See­ka­bel­pro­jek­te, dar­un­ter die sie­ben­ad­ri­ge Te­le­gra­phen­ver­bin­dung zwi­schen Deutsch­land und Dä­ne­mark so­wie die ers­te un­ter­see­ische Fern­sprech­ver­bin­dung von Bue­nos Ai­res nach Mon­te­vi­deo. Die deut­schen Ka­bel­wer­ke ver­such­te Fel­ten & Guil­leau­me teils oder voll­stän­dig ein­zu­glie­dern. 1899 kam es zur Grün­dung der Fel­ten & Guil­leau­me Carls­werk Ak­ti­en­ge­sell­schaft. Die um die Jahr­hun­dert­wen­de ge­stei­ger­te Nach­fra­ge an Fern­sprech- und Stark­strom­ka­beln, Draht­wa­ren und Ma­schi­nen­ge­flech­ten mach­te ei­ne Er­wei­te­rung des Carls­werks und da­mit neue Ka­pi­ta­li­en not­wen­dig. 1900 be­schäf­tig­te al­lein das Carls­werk rund 4.900 Ar­bei­ter, 1853 wa­ren es noch 205 ge­we­sen.

Ar­nold von Guil­leau­me mo­der­ni­sier­te die Sei­le­rei wei­ter, die sich seit dem Tod Franz Carl Guil­leau­mes zu ei­nem gro­ßen Be­trieb mit me­cha­ni­scher Hanf­spin­ne­rei, Bind­fa­den- und Tau­werk­fa­brik ent­wi­ckel­te hat­te und in der ein­fa­cher Zwirn wie auch ver­schie­de­ne Sei­le un­ter­schied­li­cher Grö­ße für Schiffs- und He­be­zwe­cke her­ge­stellt wur­den. Spe­zia­li­tä­ten wa­ren Sei­le für Kraft­über­tra­gungs­zwe­cke und Bin­de­garn für land­wirt­schaft­li­che Mäh- und Dre­sch­ma­schi­nen. Guil­leau­me er­warb wei­te­re Pro­duk­ti­ons­stand­or­te und such­te sei­ne Roh­stoff­ba­sis durch die Ein­füh­rung von tro­pi­schen Hanf­s­or­ten statt des über­wie­gend ita­lie­ni­schen Han­fes zu ver­grö­ßern. 

Dar­über hin­aus war er Mit­glied zahl­rei­cher Auf­sichts­rä­te, be­son­ders in dem seit 1904 in Köln ent­ste­hen­den Kon­zern von Ro­bert Ger­ling. Er war ver­hei­ra­tet mit­ E­li­sa­beth Deich­mann (1875-1972), Toch­ter des Köl­ner Ban­kiers Ot­to Deich­mann (1838-1911). 

Auch sei­ne Brü­der ver­ban­den sich mit be­deu­ten­den Köl­ner Fa­mi­li­en, Theo­dor hei­ra­te­te Hor­ten­se von Mal­linck­rodt (1867-1950) und Max Cla­ra Mi­chels (1869-1930), die Toch­ter des Köl­ner Han­dels­kam­mer­prä­si­den­ten Gus­tav Mi­chels. 1904 wur­den die Brü­der Guil­leau­me in den erb­li­chen Adels­stand er­ho­ben, Theo­dor wur­de 1914 der Ti­tel ei­nes Frei­herrn ver­lie­hen. 1929 wur­de die Sei­le­rei am Kar­täu­ser­wall zu­guns­ten der Zweig­nie­der­las­sun­gen auf­ge­ge­ben, die ih­rer­seits bis in die 1950er Jah­re be­stan­den. Das Carls­werk hin­ge­gen ent­wi­ckel­te sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit dem Aus­bau der Pro­duk­ti­on von Stahl­sei­len, Stark­strom- und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­beln zu ei­nem der füh­ren­den Ar­beit­ge­ber Kölns. 1960 hat­ten Fel­ten & Guil­leau­me 23.560 Mit­ar­bei­ter. Das Ka­bel­werk in Köln-Mül­heim wur­de in Draht­wer­ke Köln um­be­nannt und ging En­de der 1990er Jah­re in den nktca­bles (Dä­ne­mark) auf. Die 1986 ge­grün­de­te F&G En­er­gie­tech­nik AG fu­sio­nier­te 2004 mit der Mo­el­ler Hol­ding GmbH, Bonn

Literatur

Brill, Franz, Franz Carl Guil­leau­me, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 7 (1966), S. 25-47.

Oepen-Dom­schky, Ga­brie­le, Köl­ner Wirt­schafts­bür­ger im Deut­schen Kai­ser­reich. Eu­gen Lan­gen, Lud­wig Stoll­werck, Ar­nold von Guil­leau­me und Si­mon Al­fred von Op­pen­heim, Köln 2003.

Schulz, Gün­ther, Die Ar­bei­ter und An­ge­stell­ten bei Fel­ten & Guil­leau­me, Wies­ba­den 1979.

Wes­sel, Horst A., Die Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie Fel­ten & Guil­leau­me, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 13 (1986), S. 3-112.

Online

Brill, Franz, Ar­ti­kel "Guil­leau­me", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 7 (1966), S. 298-299. [On­line]

Firma Felten und Guilleaume Carlswerke AG, 1899. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 
Zitationshinweis

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Oepen-Domschky, Gabriele, Familie Guilleaume, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-guilleaume/DE-2086/lido/57c81422035491.84495711 (07.12.2018)