Familie Oppenheim

Bankiersdynastie

Gabriele Teichmann (Köln)

Salomon Oppenheim jr., Gemälde, vor 1828. (Bankhaus Sal. Oppenheim, Hausarchiv)

Die Fa­mi­lie Op­pen­heim ge­hört zu den be­deu­tends­ten deut­schen Ban­kiers­fa­mi­li­en. Ih­re 1789 ge­grün­de­te Bank Sal. Op­pen­heim jr & Cie. ist ei­ne der we­ni­gen deut­schen Pri­vat­ban­ken, die sich bis heu­te un­un­ter­bro­chen in Fa­mi­li­en­be­sitz be­fin­den. Be­son­de­re Ver­diens­te hat sich die Bank als Un­ter­neh­mens­grün­der und -fi­nan­zier er­wor­ben. Die Fa­mi­lie ist fer­ner seit dem 19. Jahr­hun­dert als Mä­zen auf vie­len Ge­bie­ten ak­tiv.

1740 ließ sich der bis da­hin in Frank­furt an­säs­si­ge jü­di­sche Kauf­mann Sa­lo­mon Hertz Op­pen­heim (1694-1757 oder 1758) in der kur­fürst­li­chen Re­si­denz­stadt Bonn nie­der. Er kam je­doch nicht über den Sta­tus ei­nes Klein­händ­lers hin­aus. Erst sein En­kel Sa­lo­mon Op­pen­heim jr. (1772-1828), der 1789 im Al­ter von 17 Jah­ren mit Ge­schäf­ten auf ei­ge­ne Rech­nung be­gann, brach­te es zu Wohl­stand. Zeit­le­bens be­trieb er ne­ben dem ei­gent­li­chen Bank­ge­schäft auch Han­del mit Wa­ren wie Wein, Öl oder Baum­wol­le und Spe­di­ti­on. 1798 ent­schloss sich Op­pen­heim, sein Ge­schäft nach Köln zu ver­le­gen. Die Stadt hob in die­sem Jahr ihr seit 1424 gel­ten­des An­sied­lungs­ver­bot für Ju­den auf und bot im Ver­gleich zu Bonn die bes­se­ren Ge­schäfts­chan­cen.

 

In Köln stieg Op­pen­heim bin­nen we­ni­ger Jah­re zum zweit­grö­ß­ten Ban­kier der Stadt auf. Nach dem Über­gang des Rhein­lands an Preu­ßen 1815 un­ter­streicht der Auf­trag an Op­pen­heim, den Trans­fer der fran­zö­si­schen Kriegs­ent­schä­di­gung nach Ber­lin zu or­ga­ni­sie­ren, sei­ne ho­he Wert­schät­zung. 1822 wur­de er als ers­ter Ju­de Mit­glied der Köl­ner Han­dels­kam­mer. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren er­kann­te Op­pen­heim als ei­ner der ers­ten Un­ter­neh­mer die wirt­schaft­li­chen Mög­lich­kei­ten, die sich durch die neu auf­kom­men­den Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten bo­ten. Sei­ne Grün­der­tä­tig­keit, un­ter an­de­rem als Mit­in­itia­tor der Preu­ßisch-Rhei­ni­schen Dampf­schif­fahrts­ge­sell­schaft (der heu­ti­gen Köln-Düs­sel­dor­fer Deut­sche Rhein­schiff­fahrt AG) ver­weist be­reits auf das be­vor­ste­hen­de in­dus­tri­el­le Zeit­al­ter. Was er be­gon­nen hat­te, führ­ten sei­ne Er­ben ziel­stre­big wei­ter. Sei­ne Wit­we The­re­se (1775-1842) und die bei­den äl­tes­ten Söh­ne Si­mon (1803-1880) und Abra­ham (1804-1878) grün­de­ten ab den 1830er Jah­ren ei­ne Viel­zahl von Un­ter­neh­men: Ei­sen­bah­nen, Ver­si­che­run­gen, schwer­in­dus­tri­el­le Be­trie­be und Ban­ken und zeig­ten sich da­bei als die in­no­va­tions- und ri­si­ko­freu­digs­ten Ban­kiers ih­rer Zeit. Geo­gra­phi­sche Schwer­punk­te ih­rer Grün­der- und In­ves­ti­ti­ons­tä­tig­keit wa­ren das Aa­che­ner Re­vier, das Ruhr­ge­biet und Köln. Zu den Un­ter­neh­men, die un­ter ih­rer Mit­wir­kung ent­stan­den, zäh­len die Rhei­ni­sche Ei­sen­bahn und die Köln-Min­de­ner Ei­sen­bahn, die Co­lo­nia Feu­er­ver­si­che­rung (heu­te: AXA Ver­si­che­rung), die Köl­ni­sche Rück­ver­si­che­rungs AG als ers­ter Rück­ver­si­che­rer der Welt (heu­te: Ge­ne­ral Re), die Con­cor­dia Le­bens­ver­si­che­rung, die Stol­ber­ger Zink AG, die Pho­enix AG, der Eschwei­ler Berg­werks­ver­ein, Bu­de­rus, die Dort­mun­der Uni­on, die Guss­stahl Wit­ten AG und die Har­pe­ner Berg­bau AG. Als Mit­grün­der der ers­ten Groß­ban­ken er­war­ben sich die Op­pen­heim-Ban­kiers be­son­de­re Ver­diens­te um die Ent­wick­lung des mo­der­nen Bank­we­sens. 1853 schu­fen sie mit der Darm­städ­ter Bank für Han­del und In­dus­trie die ers­te deut­sche Groß­bank. Ihr Wir­ken ging weit über ihr re­gio­na­les und na­tio­na­les Um­feld hin­aus, wie ih­re Füh­rungs­rol­le bei der Grün­dung von Groß­ban­ken in Frank­reich und Lu­xem­burg zeigt.

Simon Oppenheim, Ölgemälde von Carl Begas, um 1854. (Bankhaus Sal. Oppenheim, Hausarchiv)

 

Si­mon und Abra­ham Op­pen­heim en­ga­gier­ten sich auch im po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Le­ben. In den 1840er Jah­ren setz­ten sie sich nach­drück­lich für die Gleich­be­rech­ti­gung der Ju­den in Preu­ßen ein, un­ter an­de­rem durch ei­ne Ein­ga­be an Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gie­rungs­zeit 1840-1858) und als In­ter­es­sen­ver­tre­ter der rhei­ni­schen Ju­den auf dem Ver­ei­nig­ten Preu­ßi­schen Land­tag von 1847.

1856 stif­te­te Abra­ham Op­pen­heim ei­ne neue Syn­ago­ge für die stark an­ge­wach­se­ne jü­di­sche Ge­mein­de Kölns. Gleich­zei­tig ge­hör­ten er und sein Bru­der zu den ak­tivs­ten bür­ger­li­chen För­de­rern der Fer­tig­stel­lung des Köl­ner Doms, die sich zwi­schen 1842 und 1880 voll­zog. Zu ih­ren ka­ri­ta­ti­ven Stif­tun­gen zäh­len das Op­pen­heim’sche Kin­der­hos­pi­tal in Köln so­wie ein Kran­ken­haus an ih­rem Som­mer­sitz Bas­sen­heim.

1867 wur­de Si­mon Op­pen­heim vom ös­ter­rei­chi­schen Kai­ser ge­adelt, ein Jahr spä­ter Abra­ham Op­pen­heim als ers­ter Ju­de Preu­ßens in den Frei­her­ren­stand er­ho­ben. Da­go­bert Op­pen­heim, ein jün­ge­rer Bru­der, der nicht an der Lei­tung der Bank teil­nahm, wur­de be­kannt als Mit­grün­der der op­po­si­tio­nel­len „Rhei­ni­schen Zei­tung für Po­li­tik, Han­del und Ge­wer­be", die zeit­wei­lig Karl Marx als Chef­re­dak­teur be­schäf­tig­te. Von 1866 bis 1889 war er als Ver­tre­ter der Li­be­ra­len Mit­glied des Köl­ner Stadt­rats.

Die Hoch­pha­se der deut­schen Pri­vat­ban­kiers dau­er­te bis um 1880 und deckt sich da­mit in et­wa mit der Le­bens­span­ne der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on der Op­pen­heim-Ban­kiers. Un­ter ih­ren Nach­fol­gern Edu­ard (1831-1909) und Al­bert (1834-1912), bei­de Söh­ne von Si­mon von Op­pen­heim, ver­schlech­ter­ten sich die Rah­men­be­din­gun­gen für Pri­vat­ban­kiers in­des er­heb­lich. Dies war un­ter an­de­rem auf ei­ne neue, eher an den In­ter­es­sen der Groß­ban­ken ori­en­tier­te Ge­setz­ge­bung zu­rück­zu­füh­ren. Um die Jahr­hun­dert­wen­de ge­riet die Bank zu­dem auf­grund von Fehl­in­ves­ti­tio­nen in der Elek­tro­in­dus­trie in erns­te Schwie­rig­kei­ten. Ei­ne auf 15 Jah­re be­fris­te­te kom­man­di­tis­ti­sche Be­tei­li­gung der Dis­con­to-Ge­sell­schaft, der zweit­grö­ß­ten Bank Deutsch­lands, ver­schaff­te Sal. Op­pen­heim fri­sches Ka­pi­tal. Mit die­ser Hil­fe konn­te das Bank­haus auch der Wel­le von Über­nah­men von Pri­vat­ban­kiers durch Groß­ban­ken wi­der­ste­hen.

Trotz der wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me blie­ben die Op­pen­heims ih­rer mä­ze­na­ti­schen Tra­di­ti­on treu. Un­ter an­de­rem ta­ten sie sich in Köln als Stif­ter oder Mit­grün­der des Zoos, der Flo­ra, des Ost­asia­ti­schen Mu­se­ums und des Kunst­ge­wer­be­mu­se­ums her­vor. Bei­de Ban­kiers kon­ver­tier­ten vor ih­rer Hei­rat zum Chris­ten­tum. Si­mon Al­fred von Op­pen­heim (1864-1932), der ein­zi­ge Na­mens­trä­ger der Fol­ge­ge­ne­ra­ti­on in der Lei­tung der Bank, fand in der Ko­ope­ra­ti­on mit an­de­ren füh­ren­den Pri­vat­bank­häu­sern ein Mit­tel, die Kri­sen seit dem En­de des Ers­ten Welt­kriegs ver­gleichs­wei­se gut zu über­ste­hen. Mit dem Köl­ner Bank­haus A. Le­vy, des­sen Chef Louis Ha­gen zu den be­deu­tends­ten Ban­kiers der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­hör­te, ging Si­mon Al­fred von Op­pen­heim 1922 ei­ne In­ter­es­sen­ge­mein­schaft ein. Sein Vet­ter Max von Op­pen­heim (1860-1946) ent­schied sich für ei­ne Kar­rie­re au­ßer­halb der Bank und wur­de ein be­kann­ter Ori­ent­for­scher und Ar­chäo­lo­ge.

Un­ter Wal­de­mar (1894-1952) und Fried­rich Carl von Op­pen­heim (1900-1978) sah sich das Bank­haus mit der grö­ß­ten Her­aus­for­de­rung sei­ner Ge­schich­te kon­fron­tiert. Wäh­rend des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes wur­den die Ban­kiers als „Misch­lin­ge 2. Gra­des" dis­kri­mi­niert und ver­folgt, eben­so wie ihr als „jü­disch" ein­ge­stuf­tes Bank­haus. In Ro­bert Pferd­men­ges, seit 1931 Teil­ha­ber, fand die Fa­mi­lie ei­nen zu­ver­läs­si­gen Treu­hän­der. Als der po­li­ti­sche Druck zu­nahm, er­klär­te er sich be­reit, die Bank un­ter sei­nem Na­men wei­ter­zu­füh­ren, oh­ne die Ent­schei­dungs- und Ka­pi­tal­struk­tu­ren an­zu­tas­ten. Da­mit si­cher­te er die Exis­tenz der Bank. Mit der 1938 er­folg­ten Na­mens­än­de­rung (1947 rück­gän­gig ge­macht) wa­ren die Pres­sio­nen je­doch nicht vor­bei. 1942 muss­te die Fa­mi­lie ihr Ge­stüt Schlen­der­han zwangs­wei­se an die SS ver­kau­fen. 1944 wur­den Wal­de­mar und Fried­rich Carl von Op­pen­heim nach dem ge­schei­ter­ten At­ten­tat auf Hit­ler ver­haf­tet. Wal­de­mar von Op­pen­heim tauch­te nach wohl ver­se­hent­li­cher Frei­las­sung im Sep­tem­ber 1944 in Köln un­ter und hielt sich bis Kriegs­en­de ver­steckt. Sein Bru­der wur­de we­gen „Wehr­kraft­zer­set­zung" vor dem Volks­ge­richts­hof an­ge­klagt, gleich­zei­tig kam die Ge­sta­po sei­nen Hil­fe­leis­tun­gen für ver­folg­te Ju­den in den Nie­der­lan­den auf die Spur. Sei­ner Ver­ur­tei­lung kam in­des der Vor­marsch der Ame­ri­ka­ner zu­vor. 1997 wur­de Fried­rich Carl von Op­pen­heim pos­tum von der Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem in Je­ru­sa­lem mit dem Eh­ren­ti­tel „Ge­rech­ter un­ter den Völ­kern" aus­ge­zeich­net.

Nach dem Krieg spiel­ten die Op­pen­heim-Ban­kiers beim Wie­der­auf­bau des rhei­nisch-west­fä­li­schen In­dus­trie­re­viers ei­ne be­deu­ten­de Rol­le. Sie en­ga­gier­ten sich ins­be­son­de­re in der Schwer­in­dus­trie, der Bau­in­dus­trie, der Au­to­in­dus­trie und der Ver­si­che­rungs­bran­che. Un­ter der Füh­rung von Al­fred von Op­pen­heim (1934-2005) er­wei­ter­te das Bank­haus seit En­de der 1960er Jah­re sein tra­di­tio­nel­les Ge­schäfts­feld, den Fir­men­kun­den­kre­dit, um das Wert­pa­pier­ge­schäft. 1989 ver­kauf­te das Bank­haus sei­nen Mehr­heits­an­teil am Co­lo­nia Ver­si­che­rungs­kon­zern, um mit dem Er­lös die Ei­gen­ka­pi­tal­ba­sis des Bank­hau­ses zu stär­ken. In den Fol­ge­jah­ren durch­lief Sal. Op­pen­heim ei­nen tief grei­fen­den Um­struk­tu­rie­rungs­pro­zess, der 1999 mit der Neu­de­fi­ni­ti­on der Bank als ei­ner Ver­mö­gens­ver­wal­tungs- und In­vest­ment­bank sei­nen vor­läu­fi­gen Ab­schluss fand. Im ers­ten Jahr­zehnt des neu­en Jahr­tau­sends ex­pan­dier­te die Bank wie nie zu­vor. Hö­he­punkt war die Über­nah­me der Frank­fur­ter BHF-Bank im Jahr 2004. Die Op­pen­heim-Grup­pe wur­de da­mit zur grö­ß­ten Pri­vat­bank Eu­ro­pas, die 2007 ih­ren Kon­zern­sitz nach Lu­xem­burg ver­leg­te. Auf­grund ih­res star­ken De­ri­va­te­ge­schäfts ge­riet die Bank 2008 in den Stru­del der Fi­nanz­kri­se. Gleich­zei­tig ver­lo­ren wich­ti­ge Be­tei­li­gun­gen an Wert. Als der Wa­ren­haus- und Tou­ris­tik­kon­zern Ar­can­dor im Som­mer 2009 In­sol­venz an­mel­den muss­te,  war auch das Schick­sal des Gro­ßak­tio­närs Sal. Op­pen­heim be­sie­gelt. Im März 2010 wur­de die Bank nach 221 Jah­ren in Fa­mi­li­en­be­sitz von der Deut­schen Bank über­nom­men, in de­ren Kon­zern­ver­bund sie ei­gen­stän­tig wei­ter­ge­fürt wird. Das tra­di­tio­nel­le kul­tu­rel­le En­ga­ge­ment wird heu­te im We­sent­li­chen un­ter dem Dach der Sa­lo­mon Op­pen­heim-Stif­tung und der Al­fred Frei­herr von Op­pen­heim-Stif­tung fort­ge­führt.

Literatur

Stür­mer, Mi­cha­el/Teich­mann, Ga­brie­le/Treue, Wil­helm, Wä­gen und Wa­gen. Sal. Op­pen­heim jr. & Cie. Ge­schich­te ei­ner Bank und ei­ner Fa­mi­lie, Mün­chen 1994.
Teich­mann, Ga­brie­le/Völ­ger, Gi­se­la (Hg.), Fas­zi­na­ti­on Ori­ent. Max von Op­pen­heim: For­scher, Samm­ler, Di­plo­mat, Köln 2003.
Teich­mann, Ga­brie­le, Die Fa­mi­lie Op­pen­heim: Jü­di­sche Stif­ter für die Dom­bau­voll­endung, Köln 2008.
Treue, Wil­helm, Das Schick­sal des Bank­hau­ses Sal. Op­pen­heim jr. & Cie. und sei­ner In­ha­ber im Drit­ten Reich, Wies­ba­den 1983.
Ul­rich, Keith, Auf­stieg und Fall der Pri­vat­ban­kiers. Die wirt­schaft­li­che Be­deu­tung von 1918 bis 1938, Frank­furt am Main 1998.

Online

Ge­schich­te der Fa­mi­lie und des Bank­hau­ses Op­pen­heim, (Web­sei­te des Bank­hau­ses Sal. Op­pen­heim jr. & Cie). [On­line]

Abraham Oppenheim, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1989, Bildhauer: Michael Eichhorn. (Stadtkonservator Köln)

 
Zitationshinweis

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Teichmann, Gabriele, Familie Oppenheim, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-oppenheim/DE-2086/lido/57c956cd98b2c7.39961812 (10.12.2018)