Familie Stumm II

Orgelbauerunternehmen (1683-1906)

Peter Burg (Münster)

Älteste noch erhaltene Stummorgel in der Evangelischen Kirche Rhaunen, erbaut 1723.

Jo­hann Chris­ti­an Stumm (1640-1719) aus Rhau­nen-Sulz­bach in der Pfalz war nicht nur der Ahn­herr der be­kann­ten Ei­sen­hüt­ten­un­ter­neh­mer Stumm , son­dern über den jüngs­ten Sohn Jo­hann Mi­cha­el (1683-1732) auch ei­ner nam­haf­ten Or­gel­bau­er­fa­mi­lie, die sich dem Hand­werk über mehr als zwei Jahr­hun­der­te hin­weg wid­me­te. Der Schwer­punkt ih­res Wir­kungs­krei­ses, des­sen Ra­di­us sich bis Saar­brü­cken, Lu­xem­burg, Köln und Amor­bach im Oden­wald er­streck­te, lag im Mit­tel­rhein­ge­biet. Ins­ge­samt sind 370 Or­geln nach­ge­wie­sen, von de­nen heu­te noch 140 – z­um Teil mehr oder we­ni­ger stark über­ar­bei­tet – er­hal­ten sind. Bei den Re­no­vatu­ren be­wie­sen die Re­stau­ra­to­ren nicht im­mer ei­ne glück­li­che Hand. Ge­gen­wär­tig er­hält ei­ne Ori­en­tie­rung am Ori­gi­nal den Vor­zug vor An­pas­sun­gen an den Zeit­geist.

 

Die äl­tes­te Or­gel von 1722 stand in Müns­ter­mai­feld und ist nicht mehr er­hal­ten. Ei­ne 1723 für Rhau­nen her­ge­stell­te Or­gel ist in­fol­ge sorg­fäl­ti­ger Re­stau­rie­rung heu­te noch funk­ti­ons­tüch­tig. Über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg stimm­ten die Or­geln in tech­ni­schen und klang­li­chen De­tails und in den Ge­häu­se­for­men mit­ein­an­der über­ein. Da­von kann man sich auf den zahl­rei­chen Kon­zer­ten ei­nen Ein­druck ver­schaf­fen, die heu­te noch auf die­sen In­stru­men­ten ver­an­stal­tet wer­den. Die Or­geln wei­sen dem­nach ei­ne ty­pi­sche ‚Hand­schrift’ auf. Zum Kun­den­kreis ge­hör­ten Ka­tho­li­ken wie Pro­tes­tan­ten, Kir­chen­ge­mein­den, Ab­tei­en und Fürs­ten­hö­fe.

Jo­hann Mi­cha­el Stumm, der Stamm­va­ter, war Gold­schmied, be­vor er sich dem Or­gel­bau ver­schrieb. Wäh­rend der Wan­der­zeit als Ge­sel­le be­geg­ne­te er dem be­rühm­ten el­säs­si­schen Or­gel­bau­meis­ter An­dre­as Sil­ber­mann (1678-1734). In­spi­riert von des­sen Ar­beit ab­sol­vier­te er auch in die­sem Me­tier ei­ne Leh­re, und zwar bei Ja­kob Irr­la­cher in Kirn. Nach der Meis­ter­prü­fung im Jah­re 1714 er­öff­ne­te er ei­ne ei­ge­ne Werk­statt in Sulz­bach. Er stand un­ter dem Ein­fluss der fran­zö­si­schen und der süd­deut­schen Tech­nik und be­vor­zug­te kräf­ti­ge Zun­gen­stim­men. Sein Ruf ging bald über den Huns­rück und das Rhein­land hin­aus.

Stummorgel in St. Castor, Karden, erbaut 1728.

 

Für den Fürs­ten Karl Au­gust von Nas­sau-Weil­burg (1658-1753) er­bau­te er 1743/ 1745 ei­ne pracht­vol­le Or­gel, die heu­te noch in der Schloss­kir­che von Kirch­heim­bo­lan­den zu be­sich­ti­gen ist. Sie wird als Mo­zar­t­or­gel be­zeich­net, weil der gro­ße Kom­po­nist wäh­rend ei­nes ein­wö­chi­gen Auf­ent­hal­tes am Fürs­ten­hof von Carl-Chris­ti­an von Nas­sau-Weil­burg (1735-1788) zu Eh­ren des Gast­ge­bers ein Kon­zert auf ihr gab. Es ist ei­ne der am bes­ten er­hal­te­nen Ba­rock­or­geln Deutsch­lands. Mit dem Na­men Mo­zarts wur­de sie aber erst 1943 be­legt, als die Or­gel­pfei­fen in Ge­fahr stan­den, für die Rüs­tungs­in­dus­trie ein­ge­schmol­zen zu wer­den. Im Jah­re 1746 schenk­te Jo­hann Mi­cha­el Stumm der Hei­mat­ge­mein­de Sulz­bach sei­ne letz­te Or­gel. Der ört­li­che Stumm-Or­gel­ver­ein re­stau­rier­te sie 1981 vor­bild­lich zur Er­in­ne­rung an den gro­ßen Meis­ter.

In der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on, un­ter den Söh­nen Jo­hann Phil­ipp (1705-1776) und Jo­hann Hein­rich (cir­ca 1715-1788), er­leb­te das Un­ter­neh­men sei­ne grö­ß­ten Er­fol­ge. Ne­ben Sulz­bach wur­de Kas­tel­laun zur Pro­duk­ti­ons­stät­te. Im Jah­re 1757 schu­fen sie ei­ne ein­ma­nua­li­ge Or­gel für die Trie­rer Wel­sch­non­nen­kir­che. Es han­delt sich um die ein­zi­ge in Trier er­hal­te­ne Stum­mor­gel. Zu den pracht­volls­ten Wer­ken die­ser Epo­che ge­hört die Or­gel auf der Wes­tem­po­re der Au­gus­ti­ner­kir­che in Mainz (1773). Von 1774 bis 1782 ar­bei­te­ten die Brü­der an dem be­rühm­tes­ten von all ih­ren Wer­ken, der grö­ß­ten vier­ma­nua­li­gen Stum­mor­gel für die Ab­tei­kir­che von Amor­bach, seit der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on ein Be­sitz­tum der Fürs­ten zu Lei­nin­gen. Die Or­gel ver­fügt nach Er­gän­zun­gen – ur­sprüng­lich hat­te sie 45 Re­gis­ter – heu­te über 66 Re­gis­ter und 5.116 Pfei­fen. Die re­gel­mä­ßig statt­fin­den­den Ab­tei­kon­zer­te, zu de­nen nam­haf­te In­ter­pre­ten ein­ge­la­den wer­den, be­sit­zen ei­nen in­ter­na­tio­na­len Rang.

Stummorgel in der Evangelischen Kirche Irmenach, erbaut 1776.

 

In der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on wid­me­ten sich Nach­kom­men von drei Brü­dern dem Or­gel­bau: Phil­ipp (1734-1814), Franz (1748-1826) und Fried­rich Carl (1744-1823). In Form und Sti­lis­tik ori­en­tier­ten sie sich an ih­ren Vor­gän­gern. Auf der um 1800 ge­schaf­fe­nen Or­gel der Evan­ge­li­schen Jo­han­nis­kir­che zu Kron­berg soll­te im Jah­re 1845 Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809-1847) spie­len. Heu­te ist nur noch das al­te Ge­häu­se er­hal­ten. Die Cou­sins führ­ten auch Ge­mein­schafts­ar­bei­ten durch, so et­wa Phil­ipp und Franz Stumm beim Bau der Or­gel der Evan­ge­li­schen Kir­che von Gen­sin­gen (1774/ 1779).

Die Ver­tre­ter der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on, Carl (1783-1845) und Franz Hein­rich Stumm (1788-1859), ge­hör­ten im We­sent­li­chen der Epo­che des Spät­ba­rock an. Im Klang­stil öff­ne­ten sie sich der Ro­man­tik. Die Pfar­rei Al­sen­born be­auf­trag­te sie für zwei Fi­li­al­kir­chen mit dem Bau von zwei bau­glei­chen Or­geln, die im Jah­re 1833 ge­lie­fert wur­den. In Treis (1836) ga­ben sie dem Ge­häu­se al­ler­dings klas­si­zis­ti­sche Zü­ge. In der St. Pau­lin Kir­che von Bi­schofs­dhron wur­de 1828 ei­ne Or­gel ein­ge­baut, die sich heu­te noch im Ori­gi­nal­zu­stand be­fin­det. Aus die­sem Grund han­delt es sich um ei­ne Ra­ri­tät. Auch die In­nen­aus­stat­tung der Kir­che im Ba­rock­stil ist er­hal­ten ge­blie­ben. Im Jah­re 1834 ge­lang­te die ers­te Stum­mor­gel in das Ge­biet des heu­ti­gen Saar­lan­des, und zwar in die Evan­ge­li­sche Pfarr­kir­che Wol­fers­heim. Die Ka­tho­li­sche Pfarr­kir­che Ma­riä Heim­su­chung folg­te we­ni­ge Jah­re spä­ter (1838) in Man­del­bach­tal-Om­mers­heim.

Die fünf­te Ge­ne­ra­ti­on, Fried­rich Carl (1819-1891) und Ge­org Karl Ernst Stumm (1824-1869) hielt die Klang­far­ben grund­tö­ni­ger, die Ge­häu­se wa­ren im Stil der Zeit meist neu­ro­ma­nisch oder neu­go­tisch. Nur in Thal­fang (1876) wies das Ge­häu­se ähn­lich wie in Treis noch ein­mal klas­si­zis­ti­sche Zü­ge auf. In die­ser Epo­che wa­ren die „Ei­sen"-Stumms Kun­den ih­rer ent­fern­ten Ver­wand­ten, der „Or­gel"-Stumms. Der Hüt­ten­pa­tri­arch Karl Fer­di­nand von Stumm (1836-1901) be­müh­te sich in Neun­kir­chen auch um ei­ne He­bung des evan­ge­li­schen Kir­chen­le­bens. Er in­iti­ier­te in der Un­ter­stadt den Bau ei­ner gro­ßen neu­go­ti­schen Kir­che, de­ren Grund­stein­le­gung im Jah­re 1867 er­folg­te. Die Hüt­ten­fa­mi­lie schenk­te 1869 der Kir­chen­ge­mein­de an­läss­lich der Ein­wei­hung ei­ne Stum­mor­gel mit 24 Re­gis­tern.

Stummorgel ('Mozartorgel') in der Paulskirche Kirchheimbolanden, erbaut 1743/1745. (Evangelische Kirche der Pfalz)

 

Die Or­gel­bau­er der sechs­ten Ge­ne­ra­ti­on wa­ren Fried­rich (1846-1921) und Karl Stumm (1847-1926). Sie setz­ten kei­ne neu­en sti­lis­ti­schen Ak­zen­te. Ein in sei­ner Ori­gi­nal­dis­po­si­ti­on er­hal­te­nes Werk aus dem Jah­re 1890 be­fin­det sich in der Evan­ge­li­schen Kir­che von Mül­heim (Mo­sel). Nach dem Bau der letz­ten Or­gel im Jah­re 1896 für Nie­der­ho­sen­bach folg­te noch die Un­ter­hal­tung ei­ner Werk­statt in Kirn durch Gus­tav (1855-1906) und Ju­li­us Stumm (1858-1885). 1906 wur­de die Fir­ma ge­schlos­sen, Tei­le der Werk­statt wur­den den Er­ben von ei­ner be­nach­bar­ten Or­gel­bau­er­fa­mi­lie, Ge­brü­der Ober­lin­ger in Win­des­heim, ab­ge­kauft.

Nach ei­ner län­ge­ren Un­ter­bre­chung wird in der Ge­gen­wart die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on von Fa­bi­an Stumm wei­ter ge­führt. 1975 wur­de ein Stumm-Or­gel­ver­ein in Rhau­nen-Sulz­bach ge­grün­det, der die Er­in­ne­rung an die Fa­mi­lie pflegt und zur Er­hal­tung des Wer­kes bei­trägt. 1978 wur­de die Or­gel aus dem Jah­re 1723 und 1981 die aus dem Jah­re 1746 nach streng his­to­ri­schen Maß­stä­ben re­stau­riert. Wo im­mer heu­te noch ei­ne funk­ti­ons­tüch­ti­ge Stumm-Or­gel steht, wird sie zu Kon­zer­ten ver­wen­det. Da­durch bleibt das Wir­ken der Fa­mi­lie gleich­falls wei­ter­hin prä­sent.

Literatur

Bös­ken, Franz, Die Or­gel­bau­er­fa­mi­lie Stumm aus Rhau­nen-Sulz­bach und ihr Werk. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des Or­gel­baus am Mit­tel­rhein, Mainz 1960.

Stummorgel in der Abteikirche Amorbach, erbaut 1774-1782. (Fürstlich Leiningensche Verwaltung Amorbach)

 
Zitationshinweis

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Burg, Peter, Familie Stumm II, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-stumm-ii/DE-2086/lido/57c958e60dd169.74210142 (22.05.2018)