Familie Zuntz

Jüdische Unternehmerfamilie (1837-1976)

Severine Delhougne (Bonn)

Das 'Zuntzhaus', Fabrik der Kaffeerösterei Zuntz in der Bonner Königstraße 76, 1891/1901, Repro von 1973. (Repro von 1973, Rheinisches Bildarchiv)

Die von Re­chel Zuntz und ih­rem Sohn Leo­pold 1837 in Bonn un­ter dem Na­men A. Zuntz sel. Wwe. („des se­li­gen Am­schel Zuntz Wit­we") ge­grün­de­te Tra­di­ti­ons­rös­te­rei Zuntz be­stand fast 150 Jah­re. Sie ent­wi­ckel­te sich von ei­nem klei­nen Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den zu ei­ner über­re­gio­nal agie­ren­den Fir­ma., die un­ter an­de­rem Stand­or­te in Ber­lin und Ham­burg un­ter­hielt.

Die Ge­schich­te der Fa­mi­lie Zuntz fin­det ih­ren Ur­sprung im spä­ten 15. Jahr­hun­dert mit dem Ju­den Pe­sach aus Zons (heu­te Stadt Dor­ma­gen). Der Fa­mi­li­en­na­me „Zuntz", häu­fig auch „Zunz" ge­schrie­ben, hat im Lau­fe der 500-jäh­ri­gen Fa­mi­li­en­ge­schich­te zahl­rei­che Ver­än­de­run­gen er­fah­ren wie Zonz, Zuns, Zu­mß, Zunsch, Zu­enz oder Zinz.

Re­chel Zuntz wur­de 1787 als Toch­ter des Bon­ner Ju­den Na­than Da­vid Hess (1756-1837) und des­sen Frau Sche­wa Wetz­lar (1756-1837) in Bonn ge­bo­ren, wo sie auch auf­wuchs. Ihr Va­ter, der aus Mann­heim stamm­te, be­trieb seit 1783 in der Ju­den­gas­se ein Kaf­fee- und Ko­lo­ni­al­wa­ren­ge­schäft. Nach der Hoch­zeit 1813 mit ih­rem Cou­sin Am­schel (Ascher) Herz Zuntz (ge­bo­ren 1778) leb­te Re­chel für kur­ze Zeit in Frank­furt am Main. Nach­dem ihr Ehe­mann kurz vor der Ge­burt des ein­zi­gen Kin­des Leo­pold (24.8.1814 oder 2./3.9.1814) am 9.4.1814 ver­stor­ben war, zog sie schon bald in ihr El­tern­haus nach Bonn zu­rück (1817). Über den Tod des Am­schel Zuntz ist nichts Nä­he­res be­kannt, au­ßer dass er zu­nächst in Frank­furt be­gra­ben und viel­leicht spä­ter nach Bonn über­führt wur­de, denn sein Na­me fin­det sich auf ei­nem Grab­stein des jü­di­schen Fried­hofs in (Bonn-)Schwarz­rhein­dorf.

Leo­pold wur­de von sei­ner streng­gläu­bi­gen Mut­ter, die häu­fig als fa­na­tisch from­me Jü­din be­schrie­ben wird, im Sin­ne der jü­di­schen Leh­ren und Bräu­che er­zo­gen. Die he­bräi­sche Spra­che und der Tal­mud be­stimm­ten sei­ne Er­zie­hung und Bil­dung. Der gro­ße Ein­fluss der Mut­ter ver­hin­der­te ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ent­wick­lung. Statt­des­sen stürz­te er sich auf das Stu­di­um der Hei­li­gen Schrif­ten und woll­te ei­gent­lich Ge­lehr­ter wer­den. Doch nach den Vor­stel­lun­gen sei­ner Fa­mi­lie hat­te er den Be­rufs­weg ei­nes Kauf­manns ein­zu­schla­gen. Des­halb be­gann er 1827 ei­ne Kauf­manns­leh­re und wid­me­te sich fort­an nur noch in sei­ner Frei­zeit sei­nen Stu­di­en. Mit der Zeit konn­te er sich von den stren­gen jü­di­schen Glau­ben­s­ide­en lö­sen und er­hielt nur noch für sei­ne Mut­ter den Schein auf­recht. 1846 hei­ra­te­te er Ju­lia Kat­zen­stein (1822-1872), die aus ei­ner an­ge­se­he­nen jü­di­schen Fa­mi­lie aus Kas­sel stamm­te. In den Jah­ren 1847 bis 1863 be­kam das Ehe­paar elf Kin­der (fünf Söh­ne und sechs Töch­ter). Im Ge­gen­satz zu Leo­pold war Ju­lia nicht son­der­lich re­li­gi­ös er­zo­gen wor­den. Sie brach­te we­nig Ver­ständ­nis für das stren­gre­li­giö­se Le­ben ih­rer Schwie­ger­mut­ter auf. Es kam im­mer wie­der zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen, da sie und Leo­pold mit Re­chel in ei­nem ge­mein­sa­men Haus­halt leb­ten und Leo­pold von Ju­lia for­der­te, sich den re­li­giö­sen Le­bens­vor­stel­lun­gen sei­ner Mut­ter zu fü­gen.

 

Nach dem Tod des Va­ters 1837 über­nahm Re­chel das Ge­schäft und grün­de­te mit ih­rem Sohn zu­sam­men die spä­ter sehr er­folg­rei­che Fir­ma „A. Zuntz seel. Wb.". Die Fir­men­be­zeich­nung wur­de schon bald um­ge­än­dert in „A. Zuntz sel. Wwe." 1840 zog Re­chel von der Tem­pel­stra­ße, der ehe­ma­li­gen Ju­den­gas­se, in die Hunds­gas­se 14 (heu­te Bel­der­berg); fort­an be­fand sich dort auch das Ge­schäft. Im Jahr 1841 wur­de sie von der Bon­ner Bür­ger­meis­te­rei da­zu er­mäch­tigt, sich in die Bon­ner Ge­wer­be­lis­te als Spe­ze­rei­händ­le­rin ein­tra­gen zu las­sen.

Schon in den 1840er Jah­ren ent­wi­ckel­te sich die Kaf­fee­rös­te­rei zum Haupt­zweig der Fir­ma. Seit An­fang der 50er Jah­re wur­de in der Rös­te­rei „kan­dier­ter Kaf­fee" her­ge­stellt. Da­zu wur­de beim Röst­vor­gang Zu­cker hin­zu­ge­fügt, der dann auf den Boh­nen ka­ra­me­li­sier­te. Die­se neue Sor­te konn­te sich auf dem Markt als Spe­zia­li­tät eta­blie­ren. Im Lau­fe der Zeit über­nahm Leo­pold im­mer mehr die Füh­rung des Ge­schäfts. Trotz­dem war sei­ne Mut­ter im­mer im Ge­schäft prä­sent und wur­de von den Kun­den nur die „Wit­we" ge­nannt. Bis zu ih­rem Tod am 21.1.1874 blieb sie geis­tig und kör­per­lich fit. Die schwie­ri­gen wirt­schaft­li­che und fi­nan­zi­el­le La­ge des Ge­schäfts aus den An­fangs­jah­ren konn­te ab den 1870er Jah­ren über­wun­den wer­den und der wirt­schaft­li­che Auf­schwung be­gann. Nach dem Tod der Mut­ter über­nahm Leo­pold die al­lei­ni­ge Fir­men­füh­rung. Die Nach­fol­ge in der Fir­ma si­cher­te er durch die Ein­ar­bei­tung sei­nes zwei­ten Soh­nes Al­bert (1849-1881), der sich als tüch­ti­ger Kauf­mann er­wies. Als Leo­pold be­reits kurz nach sei­ner Mut­ter am 13.6.1874 starb, ging das Ge­schäft an Al­bert über. Er konn­te den lang ge­heg­ten Wunsch der Gro­ß­mut­ter um­set­zen und 1879 ei­ne Nie­der­las­sung in Ber­lin er­öff­nen. Sie hat­te die Zu­kunft der Fir­ma im­mer dort ge­se­hen. Aber auch er konn­te nur kur­ze Zeit de­ren Ge­schi­cke lei­ten, da er am 9.8.1881 an Tu­ber­ku­lo­se starb. Sei­ne Nach­fol­ge trat sein Bru­der Jo­sef (1858-1901) an. Un­ter der um­sich­ti­gen Lei­tung Jo­sefs kam die Rös­te­rei zu gro­ßem Auf­schwung und Er­folg. Nach der Ber­li­ner Nie­der­las­sung folg­te 1889 ei­ne wei­te­re in Ham­burg. Die Fir­ma ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem er­folg­rei­chen Un­ter­neh­men und ge­noss ei­nen gu­ten Ruf. Sie trug seit cir­ca 1893 den Ti­tel des „Hof­lie­fe­ran­ten Sei­ner Ho­heit des Her­zog Ernst von Sach­sen-Co­burg", des „Her­zogs Ge­org von Sach­sen-Mei­nin­gen", „Sei­ner Kö­nig­li­chen Ho­heit des Prin­zen Wil­helm von Preu­ßen" und so­gar den Ti­tel „Hof­lie­fe­rant Sei­ner Ma­jes­tät des Kai­sers und Kö­nigs" auf den Fir­men­bö­gen. Schon 1887 hat­te sie das Pa­tent auf die Her­stel­lung ei­nes Kaf­fee­kon­zen­trats er­hal­ten.

Jo­sef be­tei­lig­te sei­ne jün­ge­ren Brü­der Da­vid (1861-1913) und Ri­chard (1863-1910) Zuntz so­wie sei­ne Schwie­ger­söh­ne Louis Son­der­mann und Al­bert Bing (1853-1931) am Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Auch sie tru­gen viel zu des­sen Er­folg bei. Jo­sef Zuntz er­hielt den Eh­ren­ti­tel ei­nes „Kö­nig­lich grie­chi­schen Kon­sul" und konn­te sei­ne ent­spre­chen­den Kon­tak­te zum Nut­zen der Fir­ma ein­set­zen. 1896 stif­te­te er drei gro­ße far­bi­ge Fens­ter, die so ge­nann­ten Kai­ser­fens­ter, für den Sit­zungs­saal des neu­en Rat­hau­ses in Pop­pels­dorf (1904 nach Bonn ein­ge­mein­det). 1891 zog die Fir­ma ein wei­te­res Mal um in die heu­ti­ge Kö­nigs­stra­ße (ehe­mals Am Grü­nen Weg 78) in Pop­pels­dorf. Dort ent­stand ein ein­drucks­vol­ler Ge­bäu­de­kom­plex, in dem ne­ben der Rös­te­rei auch die Ver­wal­tung der Fir­ma un­ter­ge­bracht wur­de. Au­ßer Kaf­fee wur­den dort auch ver­schie­de­ne Tee­mi­schun­gen her­ge­stellt, die sich eben­falls ei­ner re­gen Nach­fra­ge er­freu­ten und zur Be­kannt­heit der Fir­ma bei­tru­gen. Gleich­zei­tig ent­stan­den Gro­ßrös­te­rei­en in den Nie­der­las­sun­gen Ham­burg und Ber­lin und Ver­kaufs­zen­tra­len im ge­sam­ten da­ma­li­gen Deut­schen Reich.

Nach der Welt­aus­stel­lung 1896 in Ber­lin, auf der die Fir­ma mit ei­nem Aus­schank-Pa­vil­lon gro­ßen Er­folg hat­te, wur­de ein Jahr spä­ter in Ber­lin die ers­te Kaf­fee­stu­be er­öff­net. Bis zum Ers­ten Welt­krieg ent­stan­den 30 wei­te­re Kaf­fee­stu­ben. Die Er­öff­nung der Kaf­fee­stu­be mach­te den Zuntz-Kaf­fee als Kaf­fee­mar­ke in ganz Ber­lin be­kannt. 1901 ver­starb auch Jo­sef Zuntz re­la­tiv früh. Die Nach­fol­ge teil­ten sich die jün­ge­ren Brü­der und die Schwie­ger­söh­ne bis zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs. Die Kriegs­fol­gen und die da­mit ver­bun­de­nen Ein­schrän­kun­gen führ­ten zu er­heb­li­chen Rück­schlä­gen für die Fir­ma. Nach dem Krieg leb­te kei­nes von Leo­polds Kin­dern mehr. Sie wa­ren ent­we­der im Krieg ge­fal­len oder ver­stor­ben. Die Fir­men­füh­rung wur­de von Leo­polds bei­den En­keln über­nom­men, den Brü­dern Al­bert (1889-1954) und Au­gust Zuntz (ge­stor­ben 1967). Die Bon­ner Nie­der­las­sung führ­te Al­bert, wäh­rend Au­gust 1919 den Be­trieb in Ber­lin über­nahm und das al­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men zu neu­em Er­folg führ­te. Das Gro­ßhan­dels­ge­schäft wur­de aus­ge­wei­tet und hin­zu­ka­men die Her­stel­lung und der Ver­kauf von Pra­li­nen und Fein­ge­bäck.

Um der Fir­ma ein Mar­ken­zei­chen zu ge­ben, ließ Au­gust Zuntz 1925 das Fir­men­lo­go mit dem Bild der „Da­me mit dem Schut­ten­hut" (an­ge­lehnt an Re­chel Zuntz) von dem Künst­ler Ju­li­us Gip­kins (1883-um­1968) ge­stal­ten. Im glei­chen Jahr trat Mar­cus Kruss (1872-1962) von Kai­ser's Kaf­fee als Haupt­ge­sell­schaf­ter in die Fir­ma ein. Zu­sam­men konn­ten sie den Auf­schwung und die Ex­pan­si­on der Fir­ma wei­ter vor­an­trei­ben. 1927 wur­de in Ber­lin ei­ne Pro­duk­ti­ons­stät­te er­rich­tet, am En­de der 1920er Jah­re wur­den Fi­lia­len in Han­no­ver, Dres­den und Ant­wer­pen er­öff­net. Bis 1930 ge­hör­ten elf Fi­lia­len und 1.934 Lä­den mit 17 Kaf­fee­stu­ben zum Un­ter­neh­men.

Die Zuntz-Kaf­fee­stu­ben er­freu­ten sich gro­ßer Be­liebt­heit und ent­wi­ckel­ten sich zu ei­nem wich­ti­gen Ge­schäfts­zweig, ob­wohl sie ur­sprüng­lich nur als Wer­bei­dee ge­dacht ge­we­sen wa­ren. En­de 1932 gab es in Ber­lin zwölf Kaf­fee­stu­ben und 55 Ver­kaufs­fi­lia­len. Der Fir­men­haupt­sitz wur­de nach Ber­lin ver­legt. Dort wur­de auch wei­ter­hin die Bon­ner Pro­duk­ti­on ver­kauft. An­fang der 30er Jah­re hat­te die Fir­ma cir­ca 750-800 Mit­ar­bei­ter. Ne­ben den wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen ver­ban­den Au­gust Zuntz und Mar­cus Kruss ei­ne ähn­li­che Le­bens­auf­fas­sung und das In­ter­es­se für Kunst. Ih­re Zu­sam­men­ar­beit ent­wi­ckel­te sich zu ei­ner fast freund­schaft­li­chen Be­zie­hung. Au­gust Zuntz ver­stand es da­bei, durch sei­nen be­schei­de­nen, gü­ti­gen und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Cha­rak­ter die Fir­men­an­ge­stell­ten an sich zu bin­den. Mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Macht­er­grei­fung" 1933 kam die schwie­rigs­te Zeit für das Un­ter­neh­men, die letzt­lich zu des­sen Nie­der­gang führ­te. Da die Zuntz-Rös­te­rei auf der Lis­te der jü­di­schen Ge­schäf­te stand, wa­ren sie auch von Aus­schrei­tun­gen im Zu­ge des „Boy­kott-Ta­ges" am 1.4.1933 be­trof­fen, ob­wohl noch ein Tag vor­her Ver­än­de­run­gen in der Füh­rung der Fir­ma vor­ge­nom­men wor­den wa­ren, in­dem Paul Kra­mer als drit­ter Ge­sell­schaf­ter ein­ge­setzt wor­den war. Kra­mer war Mit­glied der NS­DAP und fun­gier­te als Ver­bin­dungs­mann zu Par­tei und öf­fent­li­chen Stel­len, wäh­rend Au­gust Zuntz stil­ler Teil­ha­ber oh­ne Rech­te wur­de und im Hin­ter­grund wei­ter­hin die Ge­schäf­te der Fir­ma, die of­fi­zi­ell „ari­siert" und vor Ver­fol­gung si­cher war, steu­er­te.

Auch die Nach­fol­ge in­ner­halb der Fa­mi­lie war be­reits ge­si­chert. Der En­kel von Na­than Zuntz (1847-1920), Ri­chard Berg (ge­bo­ren 1911), der spä­ter den Na­men Ra­fa­el Ta­bor an­nahm, soll­te die Nach­fol­ge an­tre­ten. Zur prak­ti­schen Vor­be­rei­tung ar­bei­te­te er ei­ne Zeit­lang in der Scho­ko­la­den­fa­brik Suchard. Ab Mai 1933 trat er ei­ne Vo­lon­tärstel­le bei Au­gust Zuntz an. Da er die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Po­li­tik früh durch­schau­te, wan­der­te er nach Pa­läs­ti­na in das Kib­buz Ha­so­rea aus, wäh­rend Au­gust Zuntz noch ei­ne gan­ze Zeit auf ei­ne po­li­ti­sche Wen­de und ei­ne Nor­ma­li­sie­rung der Le­bens­ver­hält­nis­se hoff­te. Ab dem 21.1.1936 wur­de die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Be­triebs­ord­nung ein­ge­führt, die ne­ben der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen und ka­me­rad­schaft­li­chen Aus­rich­tung in­ner­halb und au­ßer­halb der Fir­ma auch die Mit­glied­schaft in der DAF ver­lang­te. Das hun­dert­jäh­ri­ge Fir­men­ju­bi­lä­um der Fir­ma 1937 fand oh­ne ein Mit­glied der Fa­mi­lie Zuntz statt, denn es war Au­gust Zuntz nicht ge­stat­tet, an den Fei­er­lich­kei­ten teil­zu­neh­men. Al­ler­dings wur­de im Na­men der Fir­ma ei­ne Spen­de von 10.000 Reichs­mark für das Win­ter­hilfs­werk ge­ge­ben.

Die in den spä­ten 1930er Jah­ren zu­neh­men­de Ju­den­ver­fol­gung ver­schon­te auch die Fa­mi­lie Zuntz nicht. Nach­dem Ri­chard Berg be­reits früh aus­ge­wan­dert war, muss­te Au­gust Zuntz kurz nach der Reichs­po­grom­nacht 1938 ein­se­hen, dass es für ihn in Deutsch­land kei­ne Zu­kunft gab. We­nig spä­ter floh er auf­grund ei­ner War­nung vor der Ge­sta­po nach Lon­don. Sei­ne Fir­ma in Deutsch­land konn­te er al­ler­dings nicht ret­ten. In Lon­don bau­te er sich wie­der ein Han­dels­ge­schäft mit Roh­kaf­fee auf. Die rest­li­che Fa­mi­lie wur­de durch De­por­ta­tio­nen, Selbst­mord als letz­te Flucht­mög­lich­keit oder auch ge­glück­te Flucht aus­ein­an­der ge­trie­ben.

Durch den Zwei­ten Welt­krieg war die Kaf­fee­rös­te­rei Zuntz völ­lig her­un­ter­ge­wirt­schaf­tet. Bei Kriegs­en­de wa­ren et­wa 40 Pro­zent al­ler ehe­ma­li­gen Fa­mi­li­en­häu­ser zer­stört oder un­be­wohn­bar ge­wor­den. Die Fir­men­zen­tra­le am Mag­de­bur­ger Platz in Ber­lin war nie­der­ge­brannt, und von den 68 Fi­lia­len be­stan­den nur noch 14. Statt hoch­wer­ti­ger Er­zeug­nis­se wur­den Kaf­fee­er­satz und Brü­he ver­kauft. Die Wa­ren­la­ger wa­ren ge­plün­dert und die Fa­bri­ka­ti­on konn­te nicht mehr auf­recht er­hal­ten wer­den, da es an Roh­stof­fen, Koh­le und Gas fehl­te.

Die Bon­ner Nie­der­las­sung konn­te vor der Be­schlag­nah­me durch die Be­sat­zungs­trup­pen ge­ret­tet wer­den und wur­de als ein­satz­fä­hig ge­mel­det. Dort wur­de in der Fol­ge­zeit ein Kaf­fee­er­satz aus Ge­trei­de und Zu­cker­rü­ben her­ge­stellt. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Ber­li­ner Zen­tra­le ge­stal­te­te sich äu­ßerst schwie­rig. Auch zwei Jah­re nach Kriegs­en­de war die Fir­ma noch im­mer in schlech­tem Zu­stand. Mar­cus Kruss ver­such­te wei­ter­hin, sie für die Fa­mi­lie Zuntz, be­son­ders für Au­gust Zuntz zu ret­ten, aber die fi­nan­zi­el­le La­ge war schwie­rig, da die Um­sät­ze ge­ring wa­ren. Es wur­den aus­schlie­ß­lich Er­satz­pro­duk­te her­ge­stellt und ver­kauft. Auch nach­dem sich die Ver­hält­nis­se in Deutsch­land nor­ma­li­siert hat­ten, kehr­te Au­gust nicht zu­rück. Er ver­such­te al­ler­dings, von Lon­don aus Ein­fluss zu neh­men und sei­ne ehe­ma­li­ge Fir­ma so gut wie mög­lich wei­ter­zu­füh­ren. In der Zwi­schen­zeit hat­te er sei­nen eben­falls nach Eng­land emi­grier­ten Nef­fen Pe­ter Zuntz (ge­bo­ren 1925) aus­ge­bil­det, um ihn spä­ter dann nach Ber­lin zu schi­cken und die Fir­ma vor Ort wie­der zu über­neh­men.

Be­reits 1951 er­folg­te die Über­nah­me der Ber­li­ner Zuntz-Nie­der­las­sung durch die Dall­mayr Kaf­fee­rös­te­rei. Zum 125-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um 1962 wur­de in Ber­lin das „Zuntz im Zen­trum" ne­ben dem Kranz­ler am Kur­fürs­ten­damm er­öff­net. Der Ka­ba­ret­tist und Kom­po­nist Gün­ter Neu­mann (1913-1972) schrieb für die­sen An­lass das Chan­son „Zuntz se­li­ge Wit­we 1962", das bei der Er­öff­nung gro­ße Auf­merk­sam­keit er­reg­te. Der end­gül­ti­ge Nie­der­gang der Fir­ma war al­ler­dings nicht auf­zu­hal­ten, ih­ren 150. Ge­burts­tag er­leb­te sie nicht mehr. Au­gust Zuntz zog sich mit sei­ner zwei­ten Frau in das ita­lie­ni­sche Aso­lo zu­rück, wo er 1967 starb. 1971 stieg Pe­ter Zuntz aus dem ehe­ma­li­gen Fa­mi­li­en­be­trieb aus und 1976 wur­de auch die rest­li­che Fir­ma von Dall­mayr und Dar­bo­ven über­nom­men, die aber bis heu­te die Mar­ke „A. Zuntz sel. Wwe." wei­ter­führ­ten und in­zwi­schen zur Kaf­fee­fir­ma A. Dall­mayr in Mün­chen ge­hö­ren. Die Nie­der­las­sung in Bonn schloss bald nach dem Ver­kauf 1976. In den fol­gen­den Jah­ren wur­de die Fra­ge um die Nut­zung der ehe­ma­li­gen Fir­men­ge­bäu­de in der Kö­nigs­stra­ße zum lo­ka­len Streit­punkt. Die Denk­mal­pfle­ger woll­ten das ehe­ma­li­ge Fir­men­ge­bäu­de als In­dus­trie­denk­mal er­hal­ten. Ei­ne der ers­ten Pla­nungs­ide­en war der Um­bau zu ei­nem Ga­le­rie- und Wohn­kom­plex. Von der Bon­ner Grup­pe des Bun­des Bil­den­der Künst­ler (BBK) gab es die In­itia­ti­ve, die al­te Zuntz-Fa­brik als „Künst­ler­haus Bonn" zu ei­ner Künst­ler­werk­statt mit Ate­liers und Aus­stel­lungs­räu­men um­zu­bau­en. Bis 1980 zo­gen sich die Aus­ein­an­der­set­zun­gen hin. Dann konn­te sich die Idee von ei­ner Lu­xus­an­la­ge „Cha­teau Got­hi­que" auf dem al­ten Zuntz-Ge­län­de mit ei­ner Apo­the­ke, ei­nem Spe­zia­li­tä­ten­lo­kal im ehe­ma­li­gen Kon­tor und 22 Woh­nun­gen durch­set­zen. Die Ab­riss­ar­bei­ten be­gan­nen am 14.8.1980. Von der al­ten Bau­sub­stanz blie­ben nur der neu­go­ti­sche Gie­bel und zwei his­to­ri­sche Sä­le er­hal­ten. Das ge­sam­te rück­wär­ti­ge Are­al mit Bren­ne­rei, Pack­raum und Ver­la­de­sta­ti­on wur­de ab­ge­ris­sen. Heu­te gibt es dort ein Lo­kal mit dem Na­men „Zuntz Se­li­ge Wit­we", des­sen In­te­ri­eur mit Wer­be­schil­dern und den Schät­zen aus der Zeit der ehe­ma­li­gen Kaf­fee­rös­te­rei Zuntz an die ur­sprüng­li­che Nut­zung des Ge­län­des er­in­nert.

Das Grab der Fir­men­grün­de­rin Re­chel Zuntz be­fin­det sich auf dem jü­di­schen Fried­hof in Bonn-Schwarz­rhein­dorf, das ih­res Soh­nes Leo­pold auf dem jü­di­schen Fried­hof an der Rö­mer­stra­ße in Bonn.

Literatur

Leh­mann-Bru­ne, Mar­lies, Der Kof­fer des Karl Zuntz. Fünf Jahr­hun­der­te ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie, Düs­sel­dorf 1997, S. 175-199.
Schul­te, Klaus H. S., Bon­ner Ju­den und ih­re Nach­kom­men bis um 1930. Ei­ne fa­mi­li­en- und so­zi­al­ge­schicht­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, Bonn 1976.
Was­ser, Ga­brie­le, Die »Se­li­ge Wit­we«. Ge­schich­te ei­ner Kaf­fee­rös­te­rei und der Fa­mi­li­en Hess und Zuntz, Bonn 2009.
Zuntz, Je­hu­da, Die Ge­schich­te der Fa­mi­lie Zuntz: 1488-1998, 2. ver­bes­ser­te Aus­ga­be, Sde Eli­ja­hu 1998.
Zahl­rei­che Zei­tungs­ar­ti­kel aus der Bon­ner Rund­schau, Bon­ner Zei­tung, Ge­ne­ral An­zei­ger, Köl­ni­schen Zei­tung, Rhein-Sieg-An­zei­ger, Si­gnal (ein­seh­bar im Stadt­ar­chiv Bonn).

Das 'Zuntzhaus', Fabrik der Kaffeerösterei Zuntz in der Bonner Königstraße 76, 1891/1901, Repro von 1973. (Repro von 1973, Rheinisches Bildarchiv)

 
Zitationshinweis

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Delhougne, Severine, Familie Zuntz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-zuntz/DE-2086/lido/57c82bf67c60f1.32195538 (18.07.2018)