Ferdinand Ries

Komponist (1784-1838)

Barbara Mülhens-Molderings (Köln)

Ferdinand Ries, Porträt, Ölgemälde, um 1832. (Privatbesitz)

Fer­di­nand Ries war zu sei­nen Leb­zei­ten ein in ganz Eu­ro­pa be­kann­ter Kom­po­nist und Kla­vier­vir­tuo­se, Schü­ler und Freun­d Lud­wig van Beet­ho­vens und Di­rek­tor der Lon­do­ner Roy­al Phil­har­mo­nic So­cie­ty. 1824 kehr­te er ins Rhein­land zu­rück und lei­te­te von 1825 bis 1837 acht Mal die Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te. Ge­mein­sam mit Beet­ho­vens Ju­gend­freund Franz Ger­hard We­ge­ler (1769-1848) ver­fass­te er die „Bio­gra­phi­schen No­ti­zen über Lud­wig van Beet­ho­ven". Er hin­ter­ließ ein um­fang­rei­ches Oeu­vre. Es um­fa­ßt 186 mit opus-Num­mer so­wie cir­ca 100 als Wer­ke oh­ne opus-Num­mer ge­zähl­te Kom­po­si­tio­nen aus al­len sei­ner­zeit gän­gi­gen Gat­tun­gen. Im Rhein­land wirk­te er als wich­ti­ger Im­puls­ge­ber für die Ent­wick­lung des bür­ger­li­chen Mu­sik­le­bens.

Fer­di­nand Ries wur­de am 28.11.1784 in Bonn ge­bo­ren. Sein Va­ter, der Gei­gen­vir­tuo­se Franz An­ton Ries wur­de 1791 zum Mu­sik­di­rek­tor der kur­fürst­li­chen Hof­ka­pel­le be­ru­fen, in der schon sein Gro­ßva­ter Jo­hann Ries (1723-1784) tä­tig ge­we­sen war. Sei­ne gro­ße mu­si­ka­li­sche Be­ga­bung wur­de früh er­kannt. Vom Va­ter er­hielt er den ers­ten und da­bei…sehr gründ­li­chen Un­ter­richt im Cla­vier­spie­le und in der Mu­sik über­haupt. Das Cel­lo zu spie­len lern­te er von Bern­hard Rom­berg (1767-1841), mit dem er auch in spä­te­ren Jah­ren eng ver­bun­den blieb. Sei­ne Vor­lie­be galt seit sei­nen Ju­gend­ta­gen den Wer­ken von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach (1685-1750), Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart (1756-1791) und Beet­ho­ven. Da sich die Bon­ner Hof­ka­pel­le 1794 beim Ein­marsch der na­po­leo­ni­schen Ar­mee ins Rhein­land auf­lös­te, wur­de ihm ei­ne Aus­bil­dung und spä­te­re An­stel­lung im Krei­se der mit be­rühm­ten Mu­si­kern be­setz­ten Hof­ka­pel­le un­mög­lich ge­macht. Seit sei­nem 14. Le­bens­jahr war er da­her ge­zwun­gen, sich auf Wan­der­schaft zu be­ge­ben, um bei aus­wär­ti­gen Leh­rern zu stu­die­ren.

Die für ihn wich­tigs­te Lehr­zeit ver­brach­te er von 1801 bis 1805 und dann wie­der in den Jah­ren 1808 und 1809 in Wien, wo Beet­ho­ven den jun­gen Lands­mann und Sohn sei­nes frü­he­ren Gei­gen­leh­rers herz­lich auf­nahm. Er ak­zep­tier­te ihn als Schü­ler, und Ries wur­de für ihn auch als „Pri­vat­se­kre­tär", Ko­pist und Kla­vier­in­ter­pret tä­tig. Am 1.8.1804, noch nicht 20 Jah­re alt, führ­te er im Wie­ner Au­gar­ten Beet­ho­vens 3. Kla­vier­kon­zert (op.37) mit ei­ner ei­ge­nen Ka­denz auf. Beet­ho­ven selbst di­ri­gier­te und dreh­te nur um und viel­leicht wur­de nie ein Kon­zert schö­ner be­glei­tet.

Zwi­schen­zeit­lich nach Bonn zu­rück­ge­kehrt, nutz­te er die Zeit für die Kom­po­si­ti­on von Kla­vier- und Kam­mer­mu­sik und be­ar­bei­te­te im Auf­trag des Ver­le­ger­freun­des Ni­ko­laus Sim­rock (1751-1832) auch Wer­ke an­de­rer Kom­po­nis­ten. Da­ne­ben kon­zer­tier­te er al­lein oder ge­mein­sam mit sei­nem Va­ter Franz Ries in ver­schie­de­nen Städ­ten des Rhein­lan­des und führ­te schon seit 1806 vor­wie­gend Beet­ho­ven­sche, aber auch ei­ge­ne Wer­ke auf.

 

Ein En­ga­ge­ment in Russ­land führ­te Ries An­fang 1811 über Kas­sel, Mar­burg, Ham­burg, Ko­pen­ha­gen und Stock­holm nach St. Pe­ters­burg, wo er den Cel­lis­ten Bern­hard Rom­berg wie­der traf. Ge­mein­sam be­ga­ben sie sich auf ei­ne Kon­zert­tour­nee nach Kiew, Ri­ga, Re­val und an­de­ren Städ­ten, die 1812 ei­gent­lich nach Mos­kau füh­ren soll­te, aber durch Na­po­le­ons Russ­land­feld­zug un­mög­lich ge­macht wur­de. Ries ging in­zwi­schen der Ruf ei­nes be­rühm­ten Kla­vier­vir­tuo­sen und ex­zel­len­ten Kom­po­nis­ten vor­aus. In Stock­holm, wo er auf der Rei­se nach Lon­don gas­tier­te, ehr­te man ihn An­fang 1813 mit der Auf­nah­me in die Kö­nig­lich Schwe­di­sche Mu­sik­aka­de­mie.

Im April 1813 er­reich­te er Lon­don, in dem der frü­he­re Gei­gen­leh­rer sei­nes Va­ters, Jo­hann Pe­ter Sa­lo­mon (1745-1815) ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Mu­sik­be­trieb spiel­te. Noch im glei­chen Jahr wur­de er Mit­glied der be­rühm­ten Roy­al Phil­har­mo­nic So­cie­ty und 1815 zu ei­nem ih­rer Di­rek­to­ren be­ru­fen. In die­ser Funk­ti­on be­stell­te er bei Beet­ho­ven die 9. Sin­fo­nie und lud ihn nach Eng­land ein. Sei­ne gu­ten Be­zie­hun­gen zu Lon­do­ner Mu­sik­ver­le­gern er­laub­ten ihm auch hier als sein Ge­schäfts­ver­tre­ter zu fun­gie­ren. 1814 hei­ra­te­te er die jun­ge und wohl­ha­ben­de Lon­do­ne­rin Har­riet Man­ge­on (1796-1863). Bis 1824 leb­te er in Lon­don als Kom­po­nist, Pia­nist und Di­ri­gent. Da­ne­ben war er ein be­gehr­ter Leh­rer in den hö­he­ren Krei­sen der Lon­do­ner Ge­sell­schaft.

Im Mai 1824 gab er in Lon­don ein Ab­schieds­kon­zert. Aus die­sem An­lass be­rich­te­te die Mu­sik­zei­tung „The Har­mo­ni­con": „Mr. Ries wird zu recht als ei­ner der bes­ten Kla­vier­spie­ler die­ser Ta­ge ge­fei­ert. Sei­ne Hand ist kraft­voll, und sei­ne Exe­cu­ti­on ist si­cher – oft über­ra­schend. Doch vor al­lem un­ter­schei­det sich sein Spiel von dem al­ler an­de­ren durch sei­ne ro­man­ti­sche Wild­heit. Wer sich auf sei­nen Stil ein­lässt, er­lebt ei­nen Ef­fekt, den man nur mit den un­er­war­tets­ten Kom­bi­na­tio­nen und Über­gän­gen ver­glei­chen kann, die ei­ne Äols­har­fe her­vor­bringt."

Im Ju­li 1824 kehr­te Fer­di­nand Ries mit sei­ner nun fünf­köp­fi­gen Fa­mi­lie ins Rhein­land zu­rück. Er er­warb das vom Va­ter er­bau­te Haus ne­ben der Re­dou­te im ele­gan­ten Ba­de­ort Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) und be­gann ei­ne in­ten­si­ve Kom­po­si­ti­ons­tä­tig­keit. Nicht nur wei­te­re Sym­pho­ni­en, Kla­vier­kon­zer­te, Kam­mer­mu­sik und Lie­der ent­stan­den, er wag­te sich auch auf das ihm bis­her un­be­kann­te Ge­biet der Opern- und Ora­to­ri­en­mu­sik.

Sein Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der bür­ger­li­chen Mu­sik­kul­tur im Rhein­land ist be­son­ders an sei­nem gro­ßen En­ga­ge­ment für die Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te ab­zu­le­sen, die ab­wech­selnd in Aa­chenKöln un­d Düs­sel­dorf statt­fan­den. Für sie schuf er meh­re­re gro­ße Wer­ke und führ­te die 9. Sym­pho­nie von Beet­ho­ven zum ers­ten Mal in Deutsch­land auf. Zwi­schen 1825 bis 1837 lei­te­te er sie acht Mal, und di­ri­gier­te 1831 auch das Mu­sik­fest in Dub­lin. 1827 über­sie­del­te er in die freie Reichs- und Han­dels­stadt Frank­furt mit ih­rem rei­chen kul­tu­rel­len Le­ben. 1828 konn­te dort die Ur­auf­füh­rung sei­ner ers­ten Oper Die Räu­ber­braut statt­fin­den. Bei ei­ni­gen Be­wer­bun­gen auf grö­ße­re Ka­pell­meis­ter­stel­len kam er nicht zum Zu­ge, denn ent­we­der pass­te sei­ne ganz auf deut­sche Mu­sik kon­zen­trier­te mu­si­ka­li­sche Hal­tung nicht, oder er selbst schlug, wenn ihm die ge­for­der­te gänz­li­che Un­ab­hän­gig­keit in mu­si­ka­li­scher Rich­tung nicht ga­ran­tiert wur­de, ent­spre­chen­de An­ge­bo­te aus. So konn­te er nur ge­le­gent­lich mit gro­ßen Or­ches­tern und ex­zel­len­ten Mu­si­kern zu­sam­men ar­bei­ten.

1832/1833 un­ter­nahm er mit sei­ner Frau ei­ne aus­ge­dehn­te mu­si­ka­li­sche „Bil­dungs­rei­se" nach Ita­li­en. Ne­ben Eng­land, das er im­mer wie­der be­such­te, weil­te er 1836 fünf Mo­na­te in Pa­ris und nahm re­gen An­teil am dor­ti­gen Mu­sik­le­ben. Ge­mein­sam mit dem Arzt Franz Ger­hard We­ge­ler, ei­nem ehe­ma­li­gen Bon­ner und le­bens­lan­gen Freund Beet­ho­vens und der Fa­mi­lie Ries, ver­fass­te er 1837 die „Bio­gra­phi­schen No­ti­zen zu Lud­wig van Beet­ho­ven", ei­ne ein­zig­ar­ti­ge und zu­ver­läs­si­ge Quel­le zum Le­ben des Kom­po­nis­ten. Sie er­schie­nen post­hum 1838 in Ko­blenz.

Kurz nach­dem er die Lei­tung des Frank­fur­ter Cä­ci­li­en­ver­eins über­nom­men hat­te, starb er am 13.1.1838 im Al­ter von 53 Jah­ren. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Frank­fur­ter Haupt­fried­hof.

In der von Ro­bert Schu­mann her­aus­ge­ge­be­nen „Neu­en Zeit­schrift für Mu­sik" ur­teil­te ein Kri­ti­ker kurz nach sei­nem To­de: „Sei­ne Sym­pho­ni­en …wer­den … im­mer zu dem Bes­ten ge­hö­ren, was die neue­re und neu­es­te Zeit in die­sem Gen­re zu Ta­ge ge­för­dert hat". Die Ar­chäo­lo­gin und Pia­nis­tin Sy­bil­le Mer­tens-Schaaf­hau­sen or­ga­ni­sier­te zum An­denken an Ries im Früh­jahr 1838 in Bonn ei­ne Mes­se mit der Auf­füh­rung von Mo­zarts Re­qui­em.

Fer­di­nand Ries war Mit­glied in der Kö­nig­lich-Schwe­di­schen Mu­sik­aka­de­mie und in den Kai­ser­lich- Ös­ter­rei­chi­schen und Kö­nig­lich Hol­län­di­schen Mu­sik-Ver­ei­nen. Un­ter den sie­ben, für Preu­ßen und die Rhein­lan­de wich­tigs­ten Kom­po­nis­ten ist er ne­ben sei­nem Freund und Leh­rer Beet­ho­ven auf dem Denk­mal für Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) am Köl­ner Heu­markt dar­ge­stellt.

175 Jah­re nach sei­nem Tod grün­de­te sich En­de 2008 in Bonn die Fer­di­nand Ries Ge­sell­schaft, die sich zum Ziel ge­setzt hat, Le­ben und Werk des Kom­po­nis­ten zu er­for­schen und Auf­füh­run­gen sei­ner Wer­ke zu in­iti­ie­ren und zu un­ter­stüt­zen.

Werke (Auswahl)

Bio­gra­phi­sche No­ti­zen über Lud­wig van Beet­ho­ven, zu­sam­men mit Franz Ger­hard We­ge­ler, 2. Nach­druck der Aus­ga­ben von 1838 und 1845, Hil­des­heim 2000.

Quellen

Beet­ho­ven, Lud­wig van, Beet­ho­ven-Brie­fe an Ni­ko­laus Sim­rock, F.G. We­ge­ler, Eleo­no­re v. Bre­u­ning und Fer­di­nand Ries, hg. von Leo­pold Schmidt, 2. Auf­la­ge, Mün­chen u. a. 1992.

Fer­di­nand Ries – Brie­fe und Do­ku­men­te, be­arb. von Ce­cil Hill, Bonn 1982.

Literatur

Hauchecor­ne, Wil­helm, Blät­ter der Er­in­ne­rung an die fünf­zig­jäh­ri­ge Dau­er der Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te, Köln 1868.

Hill, Ce­cil, Fer­di­nand Ries: a the­ma­tic ca­ta­lo­gue, Ber­lin 1977.

Me­moir of Fer­di­nand Ries, in: The Har­mo­ni­con, Nr. 15, März 1824, S. 33-35, hier S. 35

Nie­sen, Jo­sef, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, Bonn 2006, S. 254-255.

Online

Eit­ner, Ro­bert, Ar­ti­kel „Ries", in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 28 (1889), S. 569-573. [On­line]

Fer­di­nand Ries Ge­sell­schaft (In­for­ma­ti­ons­por­tal zu Le­ben und Werk von Fer­di­nand Ries). [On­line]

Ferdinand Ries (links) und seine Frau Harriet Mangeon (1796-1863), Porträtszeichnungen, London um 1814. (Privatbesitz)

 
Zitationshinweis

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Mülhens-Molderings, Barbara, Ferdinand Ries, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ferdinand-ries/DE-2086/lido/57cd201151ae83.73566660 (06.12.2018)