Franciscus Agricola

Gegner der Hexenverfolgung (1545/1550-1621)

Martin Bock (Frechen)

, Foto: Bayerische Staatsbibliothek München.

In­fol­ge der kon­fes­sio­nel­len Spal­tung nach 1555 und vor al­lem auch wäh­rend des Acht­zig­jäh­ri­gen Krie­ges ge­wann die He­xen­leh­re neu­en Zu­lauf und evo­zier­te ge­ra­de zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts ei­ne Mas­sen­hys­te­rie, die zu zahl­rei­chen Ver­däch­ti­gun­gen, De­nun­zia­tio­nen, Pro­zes­sen und Hin­rich­tun­gen führ­te. Ge­ra­de weil die He­xen­ver­fol­gun­gen da­mit ei­ner fast un­ge­zü­gel­ten Volks­be­we­gung gleich­ka­men, ver­such­te die so­wohl auf ka­tho­li­scher wie auch auf pro­tes­tan­ti­scher Sei­te um Ord­nung be­müh­te kirch­li­che Ob­rig­keit, die­ser Hys­te­rie Ein­halt zu ge­bie­ten. Denn an­ders als im Mit­tel­al­ter wa­ren die He­xen­pro­zes­se der Frü­hen Neu­zeit aus­ge­hend von der im Jahr 1532 ver­öf­fent­lich­ten Pein­li­chen Hals­ge­richts­ord­nung Kai­ser Karls V. (1500-1558) sehr viel stär­ker der welt­li­chen Ge­richts­bar­keit un­ter­wor­fen als der geist­li­chen. Ei­ner der be­kann­te­ren kirch­li­chen Kri­ti­ker in die­ser Zeit war Fran­cis­cus Agri­co­la. 

, Foto: Bayerische Staatsbibliothek München.

 

Agri­co­la wur­de zwi­schen 1545 und 1550 in dem klei­nen Ört­chen Lohn an der In­de ge­bo­ren, das es seit 1982 in Fol­ge des Braun­koh­le­ta­ge­baus nicht mehr gibt und das im heu­ti­gen Ge­mein­de­ge­biet von Al­den­ho­ven lag. Es mag die­se sehr länd­li­che Her­kunft ge­we­sen sein, die ihm den Bei­na­men „Agri­co­la“, Bau­er, ein­brach­te. Zeit­le­bens soll­te er sei­ne Hei­mat­re­gi­on im Ge­biet zwi­schen Jü­lich und Aa­chen kaum ver­las­sen, von hier aus je­doch ei­nen be­acht­li­chen Ein­fluss auf oder viel­mehr ge­gen den sich zum En­de des 16. Jahr­hun­derts hin ver­stär­ken­den He­xen­wahn ge­win­nen. 

Agri­co­las Le­ben spie­gelt sich heu­te ganz über­wie­gend in sei­nen Schrif­ten wi­der, über sei­nen Ver­lauf ist we­nig be­kannt. Sein Stu­di­um ab­sol­vier­te er in Köln und Lö­wen: das phi­lo­so­phi­sche Grund­stu­di­um bei Pe­ter Busa­eus (1540-1587) an der Köl­ner Drei­kö­ni­gen­bur­se, Theo­lo­gie dann spä­ter bei ­dem schon schwer kran­ken, je­doch  be­rühm­ten Kir­chen­ge­lehr­ten Jo­do­kus Ra­ves­teyn (1506-1570). Busa­eus, der selbst aus Nim­we­gen stamm­te, war ei­ner der füh­ren­den frü­hen Je­sui­ten im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich und lehr­te bis et­wa 1569/1570 am Rhein. Da­nach wur­de er nach Wien be­ru­fen, um das dor­ti­ge Je­sui­ten­kol­leg mit auf­zu­bau­en, des­sen Rek­tor er schlie­ß­lich 1586 wur­de. Man darf da­von aus­ge­hen, dass Agri­co­las spä­te­re Hal­tung zur He­xen­ver­fol­gung in die­ser je­sui­ti­schen, al­so eher wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Prä­gung zu su­chen ist. Er­in­nert sei nur an Fried­rich Spee von Lan­gen­feld, ei­ner der be­kann­tes­ten Kri­ti­ker der He­xen­pro­zes­se und glei­cher­ma­ßen Je­su­it. Glei­cher­ma­ßen wird sei­ne theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung bei Ra­ves­teyn, der un­ter an­de­rem als kai­ser­li­cher Ge­sand­ter beim Kon­zil von Tri­ent wirk­te und zahl­rei­che Schrif­ten für die Rei­ner­hal­tung der kirch­li­chen Leh­re ver­fass­te, sei­ne Un­nach­gie­big­keit ge­gen die Neu­gläu­bi­gen be­grün­det ha­ben. Ihn we­gen sei­nes la­tei­ni­schen Bei­na­mens als Hu­ma­nis­ten zu be­zeich­nen, wür­de den Be­griff al­ler­dings all­zu weit fas­sen. 

, Foto: Bayerische Staatsbibliothek München.

 

Zum Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums in Lö­wen er­warb Agri­co­la das Li­zen­zi­at der Theo­lo­gie, schlug da­mit aber kei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn ein, son­dern über­nahm 1569 die Pfarr­stel­le in Rö­din­gen (heu­te Ge­mein­de Titz) in der Nä­he sei­nes Ge­burts­or­tes. Hier ent­stan­den meh­re­re Leit­fä­den zum christ­li­chen Le­ben wie et­wa der „Bib­li­scher Ampts­spie­gel, das ist ein Recht un­ge­felscht evan­ge­lisch hand­büch­lein ei­nes wa­ren auf­frich­ti­gen Chris­ten­bur­gers […]. Und dem­nach ein jeg­li­cher Christ, wes standts oder wur­den er ist, als in ei­nem Spie­gel er­lehr­nen kann, wie er nach Got­tes wort in sei­nem ampt und be­ruff le­ben soll und muß, das er ent­lich se­lig wer­de.“ Ver­se­hen mit ei­nem Re­gis­ter und pas­sen­den Bi­bel­zi­ta­ten zu den ver­schie­de­nen The­men­krei­sen wie Ehe, Fa­mi­lie, Han­del, aber auch öf­fent­li­che Ord­nung soll­te die­ses wie auch die fol­gen­den Bü­cher ein ver­ständ­li­ches Nach­schla­ge­werk im Sin­ne christ­li­cher – al­so alt­gläu­bi­ger – Le­bens­füh­rung sein. 

, Foto: Bayerische Staatsbibliothek München.

 

Dass es ihm nicht nur um Rat­ge­ber ging, son­dern auch mit Lei­den­schaft um die ka­tho­li­sche Sa­che, be­wies Agri­co­la, als er „Fürst­li­che und al­ler­ley an­de­re aus­er­le­se­ne feu­ri­ge ca­tho­li­sche Ge­bet­t“ ver­öf­fent­lich­te. Zu die­sem Zeit­punkt, 1585, hat­te er schon die Pfarr­stel­le im heu­ti­gen lim­bur­gi­schen, da­mals je­doch zum Her­zog­tum Jü­lich ge­hö­ren­den Sit­tard (Bis­tum Ro­er­mond) in­ne, die er 1581 über­nom­men hat­te. Seit 1599 war er Land­de­chant des De­ka­na­tes Süs­te­ren. In Sit­tard be­saß er zu­sätz­lich ein Ka­no­ni­kat am Stift von St. Pe­ter, des­sen Ein­künf­te ihm wohl er­laub­ten, ne­ben sei­ner seel­sor­ge­ri­schen Ar­beit, der er mit gro­ßem Ei­fer nach­kam, sei­ne Ar­beit an den Lehr­wer­ken fort­zu­set­zen. 1597 er­schien sein Haupt­werk „Grundt­li­chen Be­richt, Ob Zau­be­rey die args­te und gre­we­lichs­te sünd auff Er­den sey“. Agri­co­la be­kennt sich dar­in zu­nächst zum Phä­no­men der Zau­be­rei, führt dann aber aus, dass das­sel­be sehr sel­ten sei und kei­nes­wegs zu ver­wech­seln mit an­de­ren Las­tern und Schand­ta­ten wie Dieb­stahl, Ehe­bruch, Un­zucht oder Mord. Zau­be­rer und He­xen sei­en schlim­mer als all die­se Ver­bre­cher, schlim­mer üb­ri­gens auch als Ju­den oder Tür­ken. Den­noch könn­ten selbst Zau­be­rer und He­xen Ver­ge­bung er­lan­gen, denn „Got­tes gnad und barm­her­zig­keit uber­trifft weit un­se­re sün­den, wan­nehe sie gleich hun­dert tau­sent­mal mehr und gros­ser we­ren als sie seynd oder er­dacht wer­den kön­nen.“ Dem­zu­fol­ge könn­ten auch all die Ver­bre­chen, die nur vor­geb­lich von Zau­be­rern und He­xen be­gan­gen wor­den sei­en, in Wahr­heit aber le­dig­lich ei­ne mensch­li­che Sün­de sei­en, ver­ge­ben wer­den. Aus­drück­lich weist Agri­co­la dar­auf hin, dass je­dem tat­säch­lich über­führ­ten Zau­be­rer, der kei­ne Bu­ße tue, der Pro­zess zu ma­chen sei, auch in Form von Ver­bren­nun­gen, führt je­doch auch aus, dass die­se Pra­xis stär­ker im welt­li­chen Recht als im kirch­li­chen wur­zelt und ver­weist hier auch auf die pein­li­che Hals­ge­richts­ord­nung. Schlie­ß­lich warnt er die welt­li­che Ob­rig­keit da­vor, aus un­lau­te­rer Ab­sicht und oh­ne hin­rei­chen­de Be­wei­se He­xen­pro­zes­se zu füh­ren, und emp­fiehlt ih­nen ein gott­ge­fäl­li­ges Le­ben – ei­ne kaum ver­hüll­te Dro­hung, im ge­gen­tei­li­gen Fall von der Gna­de Got­tes aus­ge­schlos­sen zu wer­den. Ins­ge­samt ach­tet Agri­co­la aber sehr dar­auf, nicht den Ein­druck zu er­we­cken, sich ge­gen He­xen­pro­zes­se aus­zu­spre­chen; im Schluss­teil lie­fert er so­gar Ar­gu­men­te ge­gen je­ne, die be­haup­te­ten, es ge­be gar kei­ne Zau­be­rei. Nur so war es ihm wohl mög­lich, das Werk un­ter sei­nem Na­men zu ver­öf­fent­li­chen.  

Mit dem „Grundt­li­chen Be­rich­t“, der ihn glei­cher­ma­ßen po­pu­lär wie um­strit­ten mach­te, emp­fahl Agri­co­la sich für wei­te­re Auf­ga­ben. Zu­min­dest aus­weis­lich sei­ner ei­ge­nen Schrif­ten trug er den Ti­tel ei­nes Hof­ka­plans des Her­zogs von Jü­lich. 1599 konn­te er die De­chanei des Land­ka­pi­tels von Süs­te­ren für sich er­wer­ben und da­mit ei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on in­ner­halb der Geist­lich­keit des ge­ra­de erst 1559 ge­grün­de­ten Bis­tums Ro­er­mond über­neh­men. Trotz al­len Mah­nens und Ma­ßhal­tens in Be­zug auf die He­xen­ver­fol­gung blieb Agri­co­la auch da­bei ein Kämp­fer der Ge­gen­re­for­ma­ti­on; mehr­fach muss­te er sich vor Ge­richt ver­ant­wor­ten, weil ihm vor­ge­wor­fen wur­de, Pro­tes­tan­ten ver­leum­det zu ha­ben oder von der Kan­zel her­ab ge­gen sie ge­pre­digt zu ha­ben. Ganz be­son­ders en­ga­gier­te er sich ge­gen das Wie­der­täu­fer­tum und ver­öf­fent­lich­te meh­re­re Pro­pa­gan­da­schrif­ten über die Ana­bap­tis­ten. 

Es mag an die­ser ka­tho­li­schen Ve­he­menz Agri­co­las ge­le­gen ha­ben oder auch dar­an, dass mit der na­he­zu ti­tel­glei­chen Schrift „Gründ­li­cher Be­richt Von Zau­be­rey und Zau­be­rern“ von An­ton Prae­to­ri­us (1560-1613) Agri­co­las Buch nicht lang­fris­tig re­zi­piert, ja so­gar ver­drängt wur­de und die Be­kannt­heit wie Be­liebt­heit des Au­tors sank. Im­mer­hin be­kann­te Prae­to­ri­us sich un­gleich kla­rer ge­gen die He­xen­ver­fol­gung, als Agri­co­la es ge­tan hat­te. 

Fran­cis­cus Agri­co­la, im Al­ter er­schöpft und ab­ge­ma­gert, starb am 4.12.1621 in Sit­tard und wur­de dort in sei­ner Pfarr­kir­che ne­ben dem Al­tar be­gra­ben. 

Werke (Auswahl)

Gründt­li­cher Be­richt Von dem hoch­wir­digs­ten hei­ligs­ten Sa­cra­ment des Abendt­mals Chris­ti Jhe­su, 1575.
Bib­li­scher Amts­spie­gel, 1577.
Bib­li­scher Fas­ten­spie­gel, 1579.
Fürst­li­che und al­ler­ley an­de­re aus­er­le­se­ne feu­ri­ge ca­tho­li­sche Ge­bett, 1585.
Grundt­li­chen Be­richt, Ob Zau­be­rey die args­te und grew­lichs­te sünd auff Er­den sey, Köln 1597.
Bib­li­scher Ehe-Spie­gel, 1599.

Literatur

Bautz, Fried­rich Wil­helm, Ar­ti­kel „Agri­co­la, Fran­z“, in: Bautz Bio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Band 1, Sp. 57.
Bers, Wil­helm, Die Schrif­ten des ehe­ma­li­gen Pfar­rers von Rö­din­gen und Sit­tard, Fran­cis­cus Agri­co­la, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eisn für den Nie­der­rhein 129 (1936), 

S. 116-118 .
Fla­ment, Jean Alex­and­re, Ar­ti­kel „Agri­co­la, Fran­cis­cus“, in: Nieuw Neder­landsch bio­gra­fisch wo­or­den­bo­ek 3 (1914), S. 15-17.
Lech­ner, Ur­su­la, Der Jü­li­cher Pfar­rer Fran­cis­cus Agri­co­la und sein Buch über Zau­be­rer und He­xen (1597), in: Jü­li­cher Ge­schichts­blät­ter 20 (1968), S. 2-5.
Smo­lins­ky, He­ri­bert, „Agri­co­la, Fran­z“, in: Le­xi­kon für Theo­lo­gie und Kir­che, 3. Auf­la­ge, Band 1, Frei­burg 1993, Sp. 207.

, Foto: Universitätsbibliothek Freiburg.

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Franciscus Agricola, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franciscus-agricola-/DE-2086/lido/57a9c145c634c6.71616803 (22.04.2018)