Franz Böckle

Moraltheologe (1921-1991)

Gerd Höver (Bonn)

Franz Böckle, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

Franz Böck­le war von 1963-1986 Pro­fes­sor an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn und zähl­te zu den be­deu­tends­ten und ein­fluss­reichs­ten, weit über den deut­schen Sprach­raum hin­aus wir­ken­den Theo­lo­gen sei­ner Zeit.

Franz Böck­le wur­de am 18.4.1921 im schwei­ze­ri­schen Glarus als Sohn ei­nes eid­ge­nös­si­schen Be­am­ten ge­bo­ren. Nach sei­ner Ma­tu­ra 1941 stu­dier­te er Theo­lo­gie am Pries­ter­se­mi­nar St. Lu­zi in Chur und wur­de 1945 zum Pries­ter ge­weiht. Wäh­rend sei­ner Ka­plans­zeit in Zü­rich-Wollis­ho­fen kam er in Kon­takt mit der „Stu­di­en­ge­mein­schaft" des ka­tho­li­schen Theo­lo­gen Hans Urs von Bal­tha­sar (1905-1988). Die dor­ti­ge Be­geg­nung mit der mo­der­nen pro­tes­tan­ti­schen Theo­lo­gie präg­te sein wei­te­res Den­ken und ließ ihn zeit­le­bens zu ei­nem en­ga­gier­ten Ver­tre­ter des öku­me­ni­schen Dia­logs wer­den. 1950 be­gab er sich auf Wei­sung des Chu­rer Bi­schofs zum Wei­ter­stu­di­um nach Rom. Wäh­rend der Zeit sei­ner Pro­mo­ti­on war er als Kran­ken­haus­seel­sor­ger tä­tig. Die Sor­ge um den kran­ken Men­schen, die Aus­ein­an­der­set­zung mit Ster­ben und Tod und die Fra­gen der ärzt­li­chen Ver­ant­wor­tung bil­de­ten fort­an ei­nen Schwer­punkt sei­ner Ar­beit.

1952 be­auf­trag­te ihn sein Bi­schof, den Lehr­stuhl für Mo­ral­theo­lo­gie am Chu­rer Pries­ter­se­mi­nar zu über­neh­men. Böck­le war re­gel­recht scho­ckiert, ein Fach do­zie­ren zu müs­sen, das er we­gen des da­ma­li­gen abs­trak­ten, le­bens­frem­den Cha­rak­ters nach ei­ge­ner Aus­sa­ge nicht wirk­lich stu­diert hat­te und das ihm wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit als Kran­ken­haus­seel­sor­ger kei­ne Ori­en­tie­rung zu ge­ben ver­moch­te. Nach ei­nem Jahr Vor­be­rei­tungs­zeit in Mün­chen trat er sein neu­es Amt als Pro­fes­sor an, das ihm den ge­rin­gen Ver­dienst von um­ge­rech­net 150 Eu­ro mo­nat­lich, da­für aber ei­ne enor­me Ar­beits­be­las­tung brach­te, zu­mal er wie da­mals üb­lich auch das Fach der So­zi­al­ethik mit zu über­neh­men und die Leh­re selbst­ver­ständ­lich in la­tei­ni­scher Spra­che durch­zu­füh­ren hat­te. Böck­le be­zeich­ne­te sei­ne Schwei­zer Jah­re je­doch trotz al­ler Ein­schrän­kun­gen rück­bli­ckend stets als ei­ne er­füll­te Zeit.

Sei­ne Über­zeu­gung, dass Theo­lo­gie oh­ne Seel­sor­ge in­halts­los sei, präg­te ihn da­bei ent­schei­dend. In sei­ner Ka­plans­zeit als Ju­gend­seel­sor­ger für die ge­sam­te Schweiz ver­ant­wort­lich, ge­wann er ei­ne be­son­de­re Nä­he für die Fra­gen und Sor­gen jun­ger Men­schen. Die­ser be­son­de­re Kon­takt zur Ju­gend hat­te für ihn zeit­le­bens ei­nen ho­hen Stel­len­wert, und so war es ihm auch spä­ter ein An­lie­gen, am Gym­na­si­um in Bonn-Ückes­dorf ein­mal wö­chent­lich ei­ne Stun­de Re­li­gi­ons­un­ter­richt zu ge­ben.

1963 wur­de Böck­le auf den Lehr­stuhl für Mo­ral­theo­lo­gie nach Bonn be­ru­fen. Sei­ne Öf­fent­lich­keits­ar­beit auf al­len Ebe­nen von Kir­che, Ge­sell­schaft und Po­li­tik wur­de zum Si­gnum sei­nes Wir­kens und ließ ihn zu ei­nem ma­ß­geb­li­chen Er­neue­rer der Mo­ral­theo­lo­gie wer­den. Er be­gann in die­ser Zeit ei­ne neue Kon­zep­ti­on theo­lo­gi­scher Ethik zu ent­wi­ckeln, wel­che die Ver­ant­wor­tung des Men­schen nicht nur vor, son­dern auch für Nor­men im Sin­ne mensch­li­cher In­sti­tu­tio­nen in den Mit­tel­punkt rück­te. Böck­les Haupt­werk, die „Fun­da­men­tal­mo­ral" aus dem Jah­re 1977, ist die wis­sen­schaft­li­che Dar­le­gung sei­nes Ver­ständ­nis­ses von Mo­ral­theo­lo­gie, näm­lich Aus­le­gung des Glau­bens im Me­di­um der Ethik zu sein. Es ist die Grund­la­ge ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Ar­gu­men­ta­ti­ons­fä­hig­keit, die Sach- und Sinn­ein­sicht in den un­ter­schied­lichs­ten Le­bens- und Po­li­tik­be­rei­chen zu ver­bin­den weiß.

Ei­ne ers­te Be­wäh­rungs­pro­be sei­nes An­sat­zes er­fuhr Böck­le in der Grund­wer­te­dis­kus­si­on der 1970er Jah­re. 1976 traf er erst­mals mit dem da­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt (Amts­zeit 1974-1982) zu­sam­men. Schmidts Kri­tik am Po­li­tik­ver­ständ­nis der ka­tho­li­schen Kir­che ließ ihn nach­denk­li­cher wer­den und zwi­schen Sitt­lich­keit und Recht, Wer­ten und Nor­men deut­li­cher un­ter­schei­den. Die Dis­kus­si­on mit Hel­mut Schmidt mar­kier­te den Be­ginn ei­ner ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit; vor al­lem wäh­rend der gro­ßen frie­dens­ethi­schen De­bat­te seit dem NA­TO-Dop­pel­be­schluss von 1979 wur­de Böck­le zu ei­nem ma­ß­geb­li­chen Be­ra­ter des Bun­des­kanz­lers und blieb dies auch in der Ära von Hel­mut Kohl (Amts­zeit 1982-1998).

1983 wur­de Böck­le zum Rek­tor der Uni­ver­si­tät Bonn ge­wählt und so­fort mit den da­ma­li­gen Frie­dens­de­mons­tra­tio­nen auf der Bon­ner Hof­gar­ten­wie­se kon­fron­tiert. Böck­le ließ wäh­rend der Vor­le­sungs­zei­ten De­mons­tra­tio­nen vor der Uni­ver­si­tät ver­bie­ten und ge­riet dar­über in Kon­flikt mit dem ASTA-Vor­sit­zen­den. Dass die­ser ihn spä­ter bat, ein Gut­ach­ten für ei­ne Be­wer­bung an­zu­fer­ti­gen, zeigt mehr als al­le Wor­te die Ver­läss­lich­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit Böck­les bei al­ler sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Sein Rek­to­rat war die Zeit höchs­ter Re­pu­ta­ti­on. Böck­le wur­de un­ter an­de­rem zum Re­gie­rungs­ver­tre­ter zur Vor­be­rei­tung der G 9-Kon­fe­ren­zen von Ha­ko­ne, Pa­ris und Rom (1984-1988) in Fra­gen bio­me­di­zi­ni­scher Ethik er­nannt. 1986 wur­de er mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz aus­ge­zeich­net. Bei al­ler Gre­mi­en­ar­beit, zum Bei­spiel als Be­ra­ter beim Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der Bun­des­ärz­te­kam­mer, ließ er es sich nicht neh­men, krebs­kran­ke Kin­der in der Kin­der­kli­nik an der Ade­nau­er­al­lee in Bonn seel­sor­ge­risch zu be­glei­ten.

Bei sei­ner Eme­ri­tie­rung 1986 en­de­te sei­ne Dan­kes­an­spra­che mit den Wor­ten, dass Bonn – das uni­ver­si­tä­re, po­li­ti­sche und kirch­lich-kul­tu­rel­le Bonn – zu sei­ner zwei­ten Hei­mat ge­wor­den sei. Bald dar­auf wur­de ei­ne Krebs­er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert. Böck­le zog sich in die Schweiz zu­rück, wo er am 8.7.1991 in sei­nem Ge­burts­ort Glarus ver­starb.

Werke (Auswahl)

Fun­da­men­tal­mo­ral, Mün­chen 1977.

Ja zum Men­schen - Bau­stei­ne ei­ner Kon­kre­ten Mo­ral, aus dem Nach­lass hg. von Gerd Hö­ver, Mün­chen 1995.

Ver­ant­wort­lich le­ben – men­schen­wür­dig ster­ben, Zü­rich 1992.

Literatur

Marín-Por­gue­res, Fran­cis­co Jo­sé, La mo­ral au­tó­no­ma: un acer­ca­mi­en­to des­de Franz Böck­le, Pam­plo­na 2002. 

Su­har­jan­to, De­wi Ma­ria, Ar­ti­kel, „Böck­le, Franz", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 17 (2007), Sp. 118-143.

 
Zitationshinweis

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Höver, Gerd, Franz Böckle, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-boeckle-/DE-2086/lido/57c584f2612713.13685263 (12.12.2018)