Franz Bracht

Oberbürgermeister von Essen (1877-1933)

Lothar Weiß (Frechen)

Franz Bracht, um 1932. (Bundesarchiv, Bild 183-2007-1009-501)

Franz Bracht bau­te als Ober­bür­ger­meis­ter die Stadt Es­sen aus und sta­bi­li­sier­te ih­re Fi­nan­zen von 1924 bis 1932. Am En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik trug er nach dem „Preu­ßen­schla­g“ 1932 als stell­ver­tre­ten­der Reichs­kom­mis­sar und Reichs­mi­nis­ter zum Weg Deutsch­lands in die Hit­ler-Dik­ta­tur bei.

Der Ka­tho­lik Cle­mens Emil Franz Bracht wur­de am 23.11.1877 in Ber­lin als Sohn des Ge­hei­men Sa­ni­täts­rats Dr. med. Carl Bracht und des­sen Frau Jo­se­fi­ne, ge­bo­re­ne Schip­per, in ei­ne al­te Be­am­ten- und Po­li­ti­ker­fa­mi­lie ge­bo­ren. So war der Gro­ßva­ter Franz Bracht (1809-1853) 1842-1850 Bür­ger­meis­ter von Reck­ling­hau­sen ge­we­sen. Bracht wuchs mit vier jün­ge­ren Ge­schwis­tern in Ber­lin auf, wo er das hu­ma­nis­ti­sche Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um be­such­te, sich durch gu­te Schul­leis­tun­gen aus­zeich­ne­te und 1894 das Ab­itur be­stand.

Ganz in der Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on stu­dier­te Bracht von 1894 bis 1900 Ju­ra und Na­tio­nal­öko­no­mie in Würz­burg und Ber­lin. Im Stu­di­um ge­noss er ein gro­ßzü­gi­ges Le­ben. Auf­grund der kon­ser­va­ti­ven po­li­ti­schen Vor­prä­gung durch das El­tern­haus schloss er sich 1897 – für ei­nen ka­tho­li­schen Stu­den­ten un­ge­wöhn­lich – als ak­ti­ves Mit­glied dem Corps Rhen­a­nia Würz­burg im Kö­se­ner Se­nio­ren-Con­vents-Ver­band (KSCV) an. Die Kon­ti­nui­tät sei­nes Den­kens zeig­te sich spä­ter in sei­ner Nä­he zum rech­ten Flü­gel der Zen­trums­par­tei.

Bracht be­stand am 22.10.1900 die 1. Ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung und war an­schlie­ßend bis 1903 Re­fe­ren­dar im Kam­mer­ge­richts­be­zirk Ber­lin. Nach dem 2. Ju­ris­ti­schen Ex­amen 1904 kam Bracht im Ju­li 1905 als Ge­richt­s­as­ses­sor und stän­di­ger Hilfs­ar­bei­ter zur Staats­an­walt­schaft Kös­lin in Pom­mern. 1907 hei­ra­te­te er Her­tha Fi­scher. Das Ehe­paar zog nach Ber­lin und be­kam drei Kin­der, von de­nen ei­nes früh starb. 1908 wech­sel­te Bracht kom­mis­sa­risch in das Reichs­ver­si­che­rungs­amt in Ber­lin. Von 1909 bis 1911 ar­bei­te­te er als Staats­an­walt am Land­ge­richt Es­sen. Für kur­ze Zeit war er Hilfs­ar­bei­ter des Ober­staats­an­walts beim Ober­lan­des­ge­richt Hamm. 1911 wur­de er zum Re­gie­rungs­rat und stän­di­gen Mit­glied im Reichs­ver­si­che­rungs­amt in Ber­lin er­nannt. Den Ers­ten Welt­krieg über­stand Bracht in si­che­ren Ver­hält­nis­sen. Er wur­de nicht an die Front, son­dern in das 1916 neu ge­schaf­fe­ne „Waf­fen- und Mu­ni­ti­ons­be­schaf­fungs­am­t“ (WUM­BA) ein­be­ru­fen. Im letz­ten Kriegs­jahr wech­sel­te Bracht als Re­gie­rungs­rat in das Reich­s­amt des In­nern. Er wur­de noch zum Ge­hei­men Re­gie­rungs­rat und Vor­tra­gen­den Rat be­för­dert. Ne­ben­amt­lich un­ter­rich­te­te er von 1916-1918 als Do­zent für Ver­wal­tungs­recht an der Land­wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­le Ber­lin.

Die neue Re­pu­blik bot Bracht wei­te­re Auf­stiegs­chan­cen im Ver­wal­tungs­dienst, wo­bei er zwi­schen dem Reich und Preu­ßen wech­sel­te. 1919 wur­de er Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor im Preu­ßi­schen Mi­nis­te­ri­um für Volks­wohl­fahrt un­ter dem Zen­trums­po­li­ti­ker und christ­li­chen Ge­werk­schaf­ter Adam Ste­ger­wald (1874-1945) so­wie stell­ver­tre­ten­der Be­voll­mäch­tig­ter Preu­ßens im Reichs­rat. Au­ßer­dem über­nahm er 1920 die Auf­ga­be des Staats­kom­mis­sars für die Re­ge­lung der Kriegs­wohl­fahrts­pfle­ge in Preu­ßen. Ei­ne po­li­tisch heik­le Auf­ga­be hat­te Bracht 1923 als „Reichs­kom­mis­sar für Be­sol­dungs- und Lohn­fra­gen im be­setz­ten und Ein­bruchs­ge­bie­t“ und Son­der­be­auf­trag­ter be­zie­hungs­wei­se Staats­kom­mis­sar mit au­ßer­or­dent­li­chen Voll­mach­ten des Preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums mit Sitz in Köln. Nun war er für die Über­wa­chung der Fi­nanz­wirt­schaft in den fünf rhei­ni­schen Re­gie­rungs­be­zir­ken, die von den Sie­ger­mäch­ten be­setzt wa­ren, zu­stän­dig. Es galt, die Haus­hal­te ge­gen Wi­der­stän­de vor dem Hin­ter­grund der Hy­per­in­fla­ti­on zu sta­bi­li­sie­ren. Von No­vem­ber 1923 bis De­zem­ber 1924 stand Bracht in der ers­ten und zwei­ten Reichs­re­gie­rung von Kanz­ler Wil­helm Marx als Staats­se­kre­tär und Chef der Reichs­kanz­lei im Zen­trum der po­li­ti­schen Macht in Deutsch­land.

Aus heu­ti­ger Sicht er­staun­lich war die Be­wer­bung Brachts im Herbst 1924 um das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters der Stadt Es­sen. Al­ler­dings gal­ten da­mals die Ober­bür­ger­meis­ter der rhei­ni­schen Groß­städ­te we­gen ih­rer Macht- und Auf­ga­ben­fül­le in Reich und Preu­ßen als „mi­nis­tra­bel“. Der aus­wär­ti­ge Kom­pro­miss­kan­di­dat meh­re­rer Par­tei­en ver­füg­te nicht über ori­gi­nä­re kom­mu­nal­po­li­ti­sche Er­fah­rung, war aber elo­quent und ge­schickt im zwi­schen­mensch­li­chen Um­gang. So er­hielt Bracht im No­vem­ber 1924 in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung die Mehr­heit durch ei­ne Ko­ali­ti­on aus dem ka­tho­li­schen Zen­trum und den bür­ger­li­chen Rechts­par­tei­en. Im De­zem­ber 1924 er­folg­ten  die Be­stä­ti­gung der Wahl durch die Staats­re­gie­rung mit Ver­lei­hung des Ti­tels „Ober­bür­ger­meis­ter“ und die Amts­ein­füh­rung als Nach­fol­ger von Hans Lu­ther. Brachts Fa­mi­lie zog von der Haupt­stadt in die In­dus­trie­stadt Es­sen um.

Er über­nahm die Auf­ga­be, nach dem wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang ei­ne „to­te Stadt“ (Hans Lu­ther) zu neu­em Le­ben zu er­we­cken. Die fran­zö­si­sche Be­sat­zung zog 1924/1925 aus Es­sen und sei­nen Nach­bar­or­ten ab. Sie hin­ter­ließ ei­ne an­ge­spann­te na­tio­na­lis­ti­sche Stim­mung in der Stadt. Der ehr­gei­zi­ge Bracht war auf die Au­ßen­wir­kung be­dacht. Sein Er­folg in den ers­ten vier Amts­jah­ren wur­de durch den kon­junk­tu­rel­len Auf­schwung in den „Gol­de­nen Zwan­zi­gern“ be­för­dert. Bracht streb­te ei­nen Wan­del der Wirt­schafts­struk­tur weg von der ein­sei­ti­gen Aus­rich­tung auf die Mon­tan­wirt­schaft hin zu ei­nem Bran­chen­mix mit Han­del und Dienst­leis­tun­gen an. Es ent­stand ein Aus­stel­lungs­ge­län­de, die In­nen­stadt wur­de er­neu­ert; in Kon­kur­renz zu Düs­sel­dorf wur­de die Zahl der Schau­fens­ter er­höht. Die ers­te Es­se­ner Licht­wo­che fand im Ok­to­ber 1928 statt. Meh­re­re Neu­bau­ten ver­än­der­ten das Stadt­bild: Haus des Sied­lungs­ver­ban­des (1928), Gro­ß­markt (1925/1928), Schlacht­hof (1926/1928), Um­bau des Schau­spiel­hau­ses (1927), Licht­burg und Ba­ede­ker­haus am neu­ge­stal­te­ten Burg­platz (1928), Spar­kas­se und Deutsch­land­haus (1929), Haupt­post (1930), gro­ßzü­gi­ge Stadt­bü­che­rei (1930). Au­ßer­dem wur­de in die An­la­ge ei­nes Flug­ha­fens und den Be­trieb des städ­ti­schen Ha­fens in­ves­tiert.

In der Kul­tur­po­li­tik pro­fi­tier­te Bracht von der Vor­ar­beit sei­nes Amts­vor­gän­gers Lu­ther. Es war ge­lun­gen, die Pri­vat­samm­lung „Folk­wan­g“ mit Wer­ken aus dem 19. Jahr­hun­dert und der Mo­der­ne von Karl Ernst Ost­haus (1874-1921) aus Ha­gen nach Es­sen zu ho­len. 1927 wur­de die „Folk­wang-Schu­le für Mu­sik, Tanz, Schau­spiel und Spre­chen“ ge­grün­det. Sie wur­de noch durch die Schu­le für Ge­stal­tung er­gänzt. 1929 konn­te für das Folk­wang-Mu­se­um ein mo­der­ner Neu­bau fer­tig ge­stellt wer­den. Der Na­me „Folk­wan­g“ steht seit die­ser Zeit für ein um­fas­sen­des Kon­zept von Kul­tur und Aus­bil­dung in al­len Kunst­ar­ten. Bracht wid­me­te sich der Er­neue­rung der Es­se­ner Oper, bis er auf dem Hö­he­punkt der Gro­ßen De­pres­si­on zu dras­ti­schen Spar­maß­nah­men grei­fen muss­te. In der Wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­se wur­den auch die ehr­gei­zi­gen Schau­spiel­plä­ne Ma­ku­la­tur.

Der noch heu­te wich­ti­ge Park für die „Gro­ße Ruhr­län­di­sche Gar­ten­bau-Aus­stel­lung 1929“ (Gru­ga) war ein Vor­zei­ge­pro­jekt für das neue Selbst­be­wusst­sein Es­sens. Auch der Bau des Bal­de­ney-Sees durch das Auf­stau­en der Ruhr be­gann wäh­rend Brachts Amts­zeit. Für die Gru­ga wur­den un­ge­fähr 800 Ar­beits­lo­se für zwei Jah­re be­schäf­tigt, für den Bal­de­ney-See meh­re­re tau­send. Brachts Blick ging zum Vor­teil Es­sens über die Stadt­gren­zen hin­aus auf die Ge­stal­tung des Ruhr­ge­biets. Durch die kom­mu­na­le Neu­ord­nung 1929 mach­te Es­sen ei­nen gro­ßen Sprung: Der Land­kreis Es­sen wur­de auf­ge­löst, die Or­te By­fang, Fisch­la­ken, Frei­sen­bruch, Fril­len­dorf, Heid­hau­sen, Hei­sin­gen, Horst, Kar­nap, Ka­tern­berg, Kray, Kup­fer­dreh, Leithe, Schon­ne­beck, Stee­le, Stop­pen­berg, Über­r­uhr und Wer­den wur­den in die Stadt Es­sen ein­ge­mein­det, wo­durch sich de­ren Flä­che ver­dop­pel­te. Durch ei­nen Zu­ge­winn von fast 167.000 Ein­woh­nern schloss Es­sen mit 650.000 Ein­woh­nern zu den grö­ß­ten Städ­ten in Deutsch­land auf. Die Stadt woll­te sich nun zur Me­tro­po­le des Ruhr­ge­biets ent­wi­ckeln.

Al­ler­dings war die­ser Auf­schwung nur Epi­so­de. Die zwei­te Hälf­te von Brachts Amts­zeit wur­de von der im­mer schär­fer wer­den­den Welt­wirt­schafts­kri­se be­stimmt. In we­ni­ger als zwei Jah­ren ver­dop­pel­te sich die Zahl der Ar­beits­lo­sen in der Stadt, En­de 1932 wa­ren rund 200.000 Ein­woh­ner auf öf­fent­li­che Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen, Mit­te Ju­ni 1933 wur­den fast 31 Pro­zent Er­werbs­lo­se ge­zählt. Hun­ger brei­te­te sich aus. Vie­le ver­lo­ren ih­re Woh­nung, weil sie in Zah­lungs­ver­zug bei ih­rer Mie­te ge­rie­ten. Die wach­sen­de Dau­e­r­er­werbs­lo­sig­keit und die Kür­zun­gen der Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen sorg­ten für ei­nen dras­ti­schen Ein­schnitt des Le­bens­stan­dards gro­ßer Tei­le der Ein­woh­ner­schaft.

Es­sen war vom Ein­bruch der Ein­nah­men und dem An­stieg der So­zi­al­aus­ga­ben durch die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit be­son­ders be­trof­fen. Bracht ver­ord­ne­te ei­nen schar­fen Spar­kurs zur Ver­rin­ge­rung des Haus­halts­de­fi­zits oh­ne Rück­sicht auf Be­find­lich­kei­ten und fach­li­che Ein­wän­de. Im Rück­blick fand sei­ne Po­li­tik par­tei­über­grei­fen­de An­er­ken­nung und zahl­rei­che Eh­run­gen. 1930 ver­lieh ihm die Tech­ni­sche Hoch­schu­le Aa­chen den Dr.-Ing. e.h.

Bracht hat­te ei­ne Viel­zahl von Äm­tern in­ne, die teils mit dem Amt des Ober­bür­ger­meis­ters ver­bun­den wa­ren, wie die Mit­glied­schaft im Vor­stand der Em­scher­ge­nos­sen­schaft. Er war Mit­glied der Vor­stän­de des Rhei­ni­schen, Preu­ßi­schen und Deut­schen Städ­te­ta­ges, dem In­ter­es­sen­ver­band der Groß­städ­te und hat­te in der Kon­fe­renz der Ver­wal­tungs­lei­ter des rhei­nisch- west­fä­li­schen In­dus­trie­ge­biets den Vor­sitz.

Dar­über hin­aus ge­hör­te er meh­re­ren Auf­sichts­rä­ten von Ver­sor­gungs- und Ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten wie der Rhei­nisch-West­fä­li­schen Elek­tri­zi­täts­werk AG (RWE) und der Treu­hand­ge­sell­schaft für Kom­mu­na­le Un­ter­neh­mun­gen AG an. Au­ßer­dem war Bracht 1931/1932 Mit­glied des Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­ta­ges und der dor­ti­gen Zen­trums­frak­ti­on.

Im Zu­ge des so­ge­nann­ten „Preu­ßen­schla­ge­s“ be­stell­te Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg (1847-1934) am 20.7.1932 den am­tie­ren­den Reichs­kanz­ler Franz von Pa­pen (1879-1969) zum Reichs­kom­mis­sar für das Land Preu­ßen mit dem Recht, die preu­ßi­sche Re­gie­rung un­ter dem So­zi­al­de­mo­kra­ten Ot­to Braun (1872-1955) ab­zu­set­zen und selbst mit Hil­fe von er­nann­ten Kom­mis­sa­ren zu re­gie­ren. Pa­pen, der wie Bracht als Mann des rech­ten Flü­gels aus der Zen­trums­par­tei aus­ge­tre­ten war, be­rie­f  Bracht zum stell­ver­tre­ten­den Reichs­kom­mis­sar und zur Wahr­neh­mung der Ge­schäf­te des Preu­ßi­schen Mi­nis­ters des In­nern an­stel­le des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen In­nen­mi­nis­ters Carl Se­ve­ring (1875-1952). Wie Jo­han­nes Po­pitz (1884-1945) im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um streb­te Bracht ei­ne grund­le­gen­de Ver­wal­tungs- und Staats­re­form an, um den Dua­lis­mus zwi­schen Preu­ßen und dem Reich zu­guns­ten ei­nes star­ken de­zen­tra­len Ein­heits­staa­tes zu be­sei­ti­gen. Durch die Er­nen­nung Brachts zum Reichs­mi­nis­ter oh­ne Ge­schäfts­be­reich am 29.10.1932 ver­stärk­te sich die per­so­nel­le An­bin­dung Preu­ßens an das Reich. Zwar ver­such­te die ent­mach­te­te preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung durch ei­ne Ver­fas­sungs­kla­ge beim Staats­ge­richts­hof für das Deut­sche Reich ih­re Sou­ve­rä­ni­tät wie­der­zu­er­lan­gen und ließ sich da­bei von dem re­nom­mier­ten Ver­wal­tungs­ju­ris­ten Ar­nold Brecht (1884-1977) ver­tre­ten. Letzt­lich än­der­te das Ur­teil des höchs­ten deut­schen Ge­richts je­doch nichts Ent­schei­den­des, wie man la­ko­nisch be­merk­te: „Brecht hat Recht, Bracht die Mach­t“.

Bracht wur­de „der ad­mi­nis­tra­ti­ve Li­qui­da­tor des de­mo­kra­ti­schen Preu­ßen“ (Wolf­gang Hof­mann). Mit gan­zer Gründ­lich­keit tausch­te man bei die­sem „Prä­lu­di­um der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­er­grei­fun­g“ (Wer­ner Frot­scher) miss­lie­bi­ges lei­ten­des Per­so­nal in der Staats­ver­wal­tung ge­gen Ge­folgs­leu­te aus. Der ehe­ma­li­ge Kom­mu­nal­po­li­ti­ker ge­rier­te sich auch als schar­fer Auf­se­her über die Kom­mu­nen. Nach­dem der Reichs­prä­si­dent Pa­pen durch Kurt von Schlei­cher (1882-1934) als Reichs­kanz­ler er­setzt hat­te, wur­de Bracht für nicht ein­mal zwei Mo­na­te Reich­sin­nen­mi­nis­ter (3.12.1932-28.1.1933), wäh­rend er als Ober­bür­ger­meis­ter zu­rück­trat. Sein Nach­fol­ger wur­de im De­zem­ber 1932 der ein­hei­mi­sche Zen­trums­po­li­ti­ker Hein­rich M. Schä­fer (1879-1951). Als Reichs­mi­nis­ter des In­nern war Bracht an der Zeich­nung von Ge­set­zen und Ver­ord­nun­gen be­tei­ligt, die die Re­pu­blik aus­höhl­ten. Als Schlei­cher durch ei­ne In­tri­ge Pa­pens ge­stürzt und Adolf Hit­ler (1889-1945) am 30.1.1933 zum Reichs­kanz­ler er­nannt wur­de, schied Bracht aus al­len sei­nen Äm­tern aus.

Mehr hu­mo­rig, aber tref­fend für Brachts Ein­stel­lung war sei­ne In­itia­ti­ve für Sitt­lich­keit in den öf­fent­li­chen Bä­dern, in­dem er sich über knap­pe Her­ren­ho­sen und auf­rei­zen­de Da­men­an­zü­ge auf­reg­te. Die von ihm im Au­gust 1932 in Kraft ge­setz­te Ba­de­po­li­zei­ver­ord­nung ent­hielt die eher un­be­stimm­te For­mu­lie­rung „an­stö­ßi­ge Ba­de­klei­dun­g“. Rasch folg­te ei­ne ge­naue­re De­fi­ni­ti­on für ei­nen „vor­schrifts­mä­ßi­gen Ba­de­an­zu­g“: „Ba­de mit Zwi­ckel!“ hieß nun das Mot­to („Zwi­ckel-Er­las­s“).

Mit Franz Bracht starb am 26.9.1933 in Ber­lin ein vir­tuo­ser Ad­mi­nis­tra­tor der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung und der Reichs­po­li­tik. Als Ober­bür­ger­meis­ter konn­te er die Stadt Es­sen neu ge­stal­ten und ei­nen Wan­del ih­rer Wirt­schafts­struk­tur ein­lei­ten; in der Welt­wirt­schafts­kri­se be­wahr­te er sie vor dem völ­li­gen fi­nan­zi­el­len Zu­sam­men­bruch. Durch sei­ne kon­ser­va­ti­ve Hal­tung nahm Bracht ei­ne Dis­tanz zum Par­la­men­ta­ris­mus und zur of­fe­nen Ge­sell­schaft ein. In sei­nen Äm­tern in Preu­ßen und im Reich am En­de der Wei­ma­rer De­mo­kra­tie wur­de er zum Weg­be­rei­ter der Hit­ler-Dik­ta­tur. Dies macht Bracht zu ei­ner tra­gi­schen Fi­gur der deut­schen Ge­schich­te.

Quellen

Un­ge­druckt
Bun­des­ar­chiv Ber­lin, Nach­lass Franz Bracht, N 2035, 1932-1933, R 1501.
Bun­des­ar­chiv Ber­lin, Reichs­mi­nis­te­ri­um des In­nern, R 1501/ 205215, 205216.
**
Ge­druckt**
Zilch, Rein­hold (Be­arb.), Die Pro­to­kol­le des Preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums 1817-1934/38, Band 12/I u. II (Ac­ta Bo­rus­si­ca N. F. 1. Rei­he), Hil­des­heim [u.a.] 2002/2004.

Werke

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Zitationshinweis

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Weiß, Lothar, Franz Bracht, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-bracht-/DE-2086/lido/57c58647ca4169.80214714 (25.05.2018)