Franz Brandts

Unternehmer (1834-1914)

Wolfgang Löhr (Mönchengladbach)

Franz Brandts, Porträt, vermutlich Ölgemälde, vor 1914. (Rheinisches Bildarchiv)

Franz Brandts zählt zu je­nen rhei­ni­schen Un­ter­neh­mern, die ei­ne Ant­wort auf die mit der In­dus­tria­li­sie­rung ver­bun­de­nen so­zia­len Pro­ble­men such­ten. In sei­ner Tex­til­fir­ma be­gann er in den 70er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts mit vor­bild­li­chen so­zia­len Ein­rich­tun­gen. Der von ihm 1890 mit­ge­grün­de­te „Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­land" wur­de mit sei­ner Un­ter­stüt­zung mit schlie­ß­lich 800.000 Mit­glie­dern zu ei­ner Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ziel es war, die Ar­bei­ter mün­dig zu ma­chen, ih­re Rech­te zu si­chern und so­zia­le Re­for­men durch­zu­set­zen.

Am 12.11.1834 wur­de Brandts in Mön­chen­glad­bach (da­mals Glad­bach ge­nannt) als Sohn des Tex­til­ver­le­gers Franz An­ton Brandts (1801-1876) und sei­ner Frau Apol­lo­nia Dé­haut (1807-1889) ge­bo­ren. Sein Va­ter be­schäf­tig­te Hand­we­ber, die bei sich zu Hau­se Misch­ge­we­be aus Sei­de und Baum­wol­le her­stell­ten, die er deutsch­land­weit ver­trieb. Auf ei­ner sol­chen Ver­kaufs­rei­se in die Pfalz hat­te er sei­ne Frau ken­nen ge­lernt. Er selbst stamm­te aus ei­ner alt­ein­ge­ses­se­nen Glad­ba­cher Schöf­fen­fa­mi­lie.

Nach dem Be­such der Hö­he­ren Stadt­schu­le in sei­ner Hei­mat­stadt von 1845 bis 1849 trat Franz Brandts wie sei­ne bei­den Brü­der Karl (1833-1913) und Emil (1837-1916) in das vä­ter­li­che Un­ter­neh­men ein und be­glei­te­te sei­nen Va­ter auf den Ge­schäfts­rei­sen durch Deutsch­land. 1863 ging er nach Eng­land, um die dor­ti­ge Tex­til­in­dus­trie nä­her zu stu­die­ren. Er kam mit der Über­zeu­gung zu­rück, dass die Hand­we­be­rei kei­ne Zu­kunft mehr ha­be. Des­halb be­stell­te er trotz des Wi­der­stands sei­nes Va­ters in Eng­land me­cha­ni­sche Web­stüh­le. 1865 wan­del­te er den vä­ter­li­chen Be­trieb in ein me­cha­ni­sche Halb­woll­we­be­rei um. Es war die ers­te in Mön­chen­glad­bach. 1872 er­öff­ne­te er sei­ne ei­ge­ne Fir­ma.

1867 hei­ra­te­te er Ma­ria Roo­sen (1838-1918), Toch­ter ei­nes Glad­ba­cher No­tars, mit der er acht Kin­der ha­ben soll­te. 1866 hat­te Brandts ver­geb­lich ver­sucht, in das Preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus ge­wählt zu wer­den. 1871 er­hielt er ei­nen Sitz in der Glad­ba­cher Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, den er 33 Jah­re wahr­nahm, bis ihm 1904 Jo­han­nes Gies­berts, der spä­te­re Reichs­post­mi­nis­ter, als ers­ter Glad­ba­cher Rats­herr aus der Ar­bei­ter­schicht nach­folg­te.

Sei­ne so­zia­le Ein­stel­lung hat­te er be­reits 1867 un­ter Be­weis ge­stellt, als er die Ar­beits­zeit in der vä­ter­li­chen Fir­ma auf täg­lich zwölf Stun­den be­gren­zen woll­te. In sei­nem ei­ge­nen Un­ter­neh­men rich­te­te er 1872 ei­ne Be­triebs­kran­ken­kas­se ein, zu der er ei­nen Zu­schuss von 50 Pro­zent der ein­ge­zahl­ten Bei­trä­ge leis­te­te. Die Ver­si­cher­ten er­hiel­ten kos­ten­freie ärzt­li­che Be­hand­lung und Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung. Ein hal­bes Jahr lang wur­de die Hälf­te des Durch­schnitts­lohns der letz­ten vier Wo­chen vor der Er­kran­kung ge­zahlt. Die Über­schüs­se ver­zins­te Brandts mit 5 Pro­zent. Die Kas­se wur­de von den Be­triebs­an­ge­hö­ri­gen, die vier der sie­ben Sit­ze im Kas­sen­vor­stand hat­ten, weit­ge­hend selbst ver­wal­tet. Dar­aus ent­stand das Äl­tes­ten­kol­le­gi­um, das sich zum Sprach­rohr der Be­leg­schaft ent­wi­ckel­te und schlie­ß­lich mit Brandts über die Löh­ne ver­han­del­te.

Ne­ben der Kran­ken­kas­se gab es wei­te­re so­zia­le Ein­rich­tun­gen, die von 1872 bis 1880 ent­stan­den sind: ei­ne Spar­kas­se, ein Spar­ver­ein, ein In­stru­men­tal­ver­ein, ei­ne Ba­de­ein­rich­tung, ein Mit­tags­tisch, ei­ne Bü­che­rei, Er­ho­lungs­räu­me, Näh- und Koch­un­ter­richt für die Ar­bei­te­rin­nen und ein Kin­der­gar­ten. Brandts zahl­te die höchs­ten Löh­ne in Glad­bach.

1880 wur­de Brandts in Aa­chen zum Vor­sit­zen­den des Ver­bands „Ar­bei­ter­wohl" ge­wählt, der ge­mäß sei­nes Sta­tuts „auf dem Bo­den des Chris­ten­th­ums un­ter Aus­schluß al­ler po­li­ti­schen Zwe­cke die Ver­bes­se­rung des Ar­bei­ter­stan­des" an­streb­te und sich an „Ar­bei­ter­freun­de" wand­te. Das Amt des Ge­ne­ral­se­kre­tärs über­nahm der ka­tho­li­sche Geist­li­che Franz Hit­ze (1851-1921), der in das von Brandts be­wohn­te Jo­se­ph­haus in Glad­bach ein­zog, in dem auch die meis­ten so­zia­len Ein­rich­tun­gen der Fir­ma un­ter­ge­bracht wa­ren. Hit­ze hat­te sich schon als Stu­dent mit der so­zia­len Fra­ge be­schäf­tigt und 1880 ein Buch mit dem Ti­tel „Ka­pi­tal und Ar­beit und die Re­or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft" her­aus­ge­bracht, das sich mit Karl Marx aus­ein­an­der setz­te.

Zu­nächst war Brandts noch stark von der Idee ge­prägt, durch die Wie­der­her­stel­lung der Mo­ral, durch ei­ne „Rechris­tia­ni­sie­rung der Ge­sell­schaft" und durch so­zi­al-ca­ri­ta­ti­ve Ein­rich­tun­gen die so­zia­le Fra­ge lö­sen zu kön­nen. Doch auch von An­fang an setz­te er auf ei­ne Mit­wir­kung der Ar­bei­ter und wand­te sich ge­gen ih­re Be­vor­mun­dung. Ei­ne blo­ße Stei­ge­rung der Bil­dung der Ar­bei­ter hielt er für nicht aus­rei­chend. Den Ar­beit­ge­bern gab er ei­ne Mit­schuld an den so­zia­len Pro­ble­men. Brandts ver­stand sei­ne Fir­ma als ei­ne er­wei­ter­te christ­li­che Fa­mi­lie, de­ren Va­ter er war. Er fei­er­te Fes­te mit sei­nen Be­triebs­an­ge­hö­ri­gen und hat­te ein of­fe­nes Ohr für ih­re Sor­gen und Nö­te. Per­sön­lich litt er un­ter dem Kul­tur­kampf: Ei­ner sei­ner Töch­ter muss­te als Klos­ter­schwes­ter Deutsch­land ver­las­sen.

1890 ge­hör­te er mit Hit­ze und dem Zen­trums­po­li­ti­ker Lud­wig Wind­t­horst (1812-1891) zu den Grün­dern des „Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land", da sie, um die re­li­giö­sen Ge­gen­sät­ze nicht zu ver­schär­fen, ei­ne ge­plan­te, die ka­tho­li­schen Be­lan­ge ver­tei­di­gen­de „Ka­tho­li­sche Li­ga" ab­lehn­ten. Statt­des­sen grün­de­ten sie ei­nen Mas­sen­ver­ein, der so­zia­le Re­for­men pro­pa­gie­ren soll­te. Un­ter dem Ein­fluss der füh­ren­den Köp­fe des „Volks­ver­eins" wur­de Brandts im­mer mehr zu ei­nem Weg­be­rei­ter ei­ner auf Part­ner­schaft be­ru­hen­den mo­der­nen Wirt­schaft. Staat­li­ches Ein­grei­fen hielt er für er­for­der­lich, um Re­for­men durch­zu­set­zen. Die Bil­dung von Ge­werk­schaf­ten be­jah­te er als Mög­lich­keit der Ar­beit­neh­mer, ih­re Rech­te durch­zu­set­zen.

Wäh­rend des Ge­werk­schafts­streits im deut­schen Ka­tho­li­zis­mus von 1900 bis 1914 set­ze er sich für christ­lich-in­ter­kon­fes­sio­nel­le Ge­werk­schaf­ten ein. Er be­kann­te sich zu ei­ner ka­pi­ta­lis­tisch-in­dus­tri­el­len Wirt­schafts­ord­nung und stand auf der Sei­te Carl Muths (1867-1944), dem Her­aus­ge­ber der ka­tho­li­schen Mo­nats­zeit­schrift „Hoch­land", als er ver­such­te, die Ka­tho­li­ken aus kirch­li­cher und bür­ger­li­cher En­ge her­aus­zu­füh­ren. Die Idee des Klas­sen­kampfs lehn­te Brandts ab. Das Drei­klas­sen­wahl­recht hielt er für falsch, weil es die Ar­beit­neh­mer von der po­li­ti­schen Mit­wir­kung aus­schloss. In der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ge­hör­te er der Zen­trums­min­der­heit an, die sich ge­gen die Mehr­heit der Li­be­ra­len bis 1912 nicht durch­set­zen konn­te.

Trotz sei­ner gro­ßen wirt­schaft­li­chen Er­fol­ge wur­de er von Preu­ßen be­wusst nicht mit dem Ti­tel ei­nes Kom­mer­zi­en­rats ge­ehrt. 1896 er­hielt er als Aus­gleich den sel­ten ver­lie­he­nen Wil­hel­mor­den.

Am 5.10.1914 starb Brandts in Mön­chen­glad­bach. Be­gra­ben wur­de er ne­ben der Aloy­si­us­ka­pel­le, die er 1889 mit­ten in sei­ner Ar­bei­ter­sied­lung für sei­nen mit 18 Jah­ren an Lun­gen­tu­ber­ku­lo­se ver­stor­be­nen ers­ten Sohn hat­te er­rich­ten las­sen.

Quellen

Hohn, Wil­helm, Franz Brandts (Füh­rer des Vol­kes 12), 2. Auflla­ge, Mön­chen­glad­bach 1920 [Bio­gra­phie Brandts, dar­in ei­ne Samm­lung sei­ner Re­den].
Löhr, Wolf­gang (Hg.), Die Fa­bri­k­ord­nung der Fir­ma F. Brandts zu Mön­chen­glad­bach, Mön­chen­glad­bach 1974.

Literatur

Klein, Gott­hard, Der ­Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­land, Pa­der­born u.a. 1996.
Löhr, Wolf­gang, Die Fa­bri­k­ord­nung der Fir­ma Franz Brandts in Mön­chen­glad­bach, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 178 (1976), S. 145-157.
Löhr, Wolf­gang, Franz Brandts, in: Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­der, Band 3, Mainz 1979, S. 91-105, 286.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Löhr, Wolfgang, Franz Brandts, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-brandts-/DE-2086/lido/57c586ef47c951.08060900 (23.05.2018)