Franz Buirmann

Hexenjäger (um 1590–nach 1667)

Thomas P. Becker (Bonn)

Nicht authentische Darstellung eines Hexenjägers, Kupferstich von Hendrik Bra, 1. Hälfte 17. Jahrhundert.

Franz Buir­mann war ei­ner der er­bar­mungs­lo­ses­ten He­xen­jä­ger der deut­schen Ge­schich­te. Als kur­k­öl­ni­scher Jus­tiz­kom­mis­sar war er an zahl­rei­chen rhei­ni­schen He­xen­pro­zes­sen be­tei­ligt. Im an­gel­säch­si­schen Raum kennt man ihn da­her un­ter der Be­zeich­nung „the witch-see­ker of Co­lo­gne“.

Buir­mann wur­de ge­gen En­de des 16. Jahr­hun­derts in Eus­kir­chen ge­bo­ren. We­der sein Ge­burts- noch sein To­des­da­tum sind be­kannt, aber da er im Jah­re 1608 an der Köl­ner Uni­ver­si­tät im­ma­tri­ku­liert wur­de, wird an­ge­nom­men, dass er um 1590 ge­bo­ren wur­de. Mög­li­cher­wei­se war er der Sohn des Eus­kir­che­ner Trom­mel­schlä­gers Stef­fen Spil­man, der um 1590 be­zeugt ist und zu die­sem Zeit­punkt noch min­des­tens ei­nen äl­te­ren Sohn ge­habt hat. Den Hin­weis auf die Ab­stam­mung von ei­nem ar­men Spiel­mann ha­ben wir, wie fast al­le An­ga­ben zu Franz Buir­mann, aus dem Buch „weh­mü­ti­ge Kla­ge der from­men Un­schül­ti­gen“ des Rhein­ba­cher Schöf­fen Her­mann Lö­her, der ein er­bit­ter­ter Feind Buir­manns war. Buir­mann schrieb sich an der Uni­ver­si­tät für Ju­ra ein, was be­deu­tet, dass er vor­her schon ei­nen aka­de­mi­schen Ab­schluss in den „sie­ben frei­en Küns­ten“ an ei­nem Kol­leg oder an ei­ner Ar­tis­ten­fa­kul­tät ge­macht ha­ben muss. Das war Kin­dern aus är­me­ren Schich­ten oh­ne ei­nen rei­chen Gön­ner oder ein Sti­pen­di­um aber nicht mög­lich. Be­kannt ist dar­über nichts, so­dass die Ab­stam­mung durch­aus in Zwei­fel ge­zo­gen wer­den kann.

Nach sei­nem Stu­di­um und sei­ner Pro­mo­ti­on zum Dok­tor der Ju­ris­pru­denz er­hielt Buir­mann ei­ne An­stel­lung beim Gra­fen Wer­ner von Salm-Reif­fer­scheidt in des­sen kur­k­öl­ni­scher Un­ter­herr­schaft Alf­ter in der Nä­he von Bonn. Von dort aus ge­lang ihm der Sprung an ei­nes der bei­den höchs­ten kur­k­öl­ni­schen Ge­rich­te, an das Ho­he Welt­li­che Ge­richt zu Bonn. Am 4.1.1628 er­hielt er sei­ne Be­stal­lung. Er war der ers­te Bon­ner Schöf­fe, der ein vol­les aka­de­mi­sches Ju­ra­stu­di­um ab­sol­viert hat­te. An­schei­nend ist Buir­mann sein gan­zes Le­ben lang in die­ser Po­si­ti­on ge­blie­ben, was un­ge­wöhn­lich ist, da das Schöf­fen­amt am Bon­ner Hoch­ge­richt für an­de­re stu­dier­te Ju­ris­ten ein Sprung­brett zu hö­he­ren Äm­tern in der kur­k­öl­ni­schen Ver­wal­tung war.

1635 hei­ra­te­te Buir­mann ei­ne Ka­tha­ri­na Wal­ra­vens. Die Fa­mi­lie der Wal­ra­vens ist in Bonn seit dem 15. Jahr­hun­dert nach­weis­bar, ih­re Häu­ser be­fan­den sich im­mer in der bes­se­ren Wohn­ge­gend der so­ge­nann­ten „Stifts­stadt“. Nach Her­mann Lö­her war Buir­mann, den er als ha­ger und kahl­köp­fig be­schreibt, zwar sehr um das weib­li­che Ge­schlecht be­müht, ha­be aber al­lent­hal­ben ei­nen Korb er­hal­ten. Da­her ha­be er schlie­ß­lich in Bonn die Toch­ter ei­nes ar­men Sal­pe­ter­grä­bers hei­ra­ten müs­sen. Es gab aber um 1635 kei­nen Sal­pe­ter­ma­cher in Bonn mit Na­men Wal­ra­vens. Das ist des­we­gen von Be­deu­tung, weil in ame­ri­ka­ni­schen Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen und In­ter­net-Sei­ten die an­geb­li­che Un­at­trak­ti­vi­tät Buir­manns als psy­cho­lo­gi­sche Er­klä­rung für sein sa­dis­ti­sches Vor­ge­hen ge­gen Frau­en in sei­nen He­xen­pro­zes­sen dient. Dies ist wohl nicht stich­hal­tig.

Das Paar hat­te min­des­tens vier Kin­der, von de­nen ei­nes 1644 starb. Die Über­le­ben­den wa­ren Jo­han­nes (ge­bo­ren 1635), Jo­hann Adolph (ge­bo­ren 1636), und ei­ne Toch­ter na­mens Ca­tha­ri­na, de­ren Ge­burts­jahr un­be­kannt ist. Sie wird ver­mut­lich das äl­tes­te Kind ge­we­sen sein, denn als Franz Buir­mann im Jah­re 1652 in Meh­lem im Sü­den von Bonn ei­nen un­ehe­li­chen Sohn tau­fen ließ, den er mit ei­ner Magd ge­zeugt hat­te, war sei­ne Toch­ter die Pa­tin. Die letz­te Nach­richt über Franz Buir­mann stammt aus dem Jah­re 1667, in dem er in Bonn das Haus „zum gol­de­nen Rin­g“ dem Vogt zu Mon­heim ver­kauf­te. Viel­leicht ist hier der An­lass für das Ge­rücht über sei­ne Ab­stam­mung zu fin­den, denn das Haus „zum gol­de­nen Rin­g“ hat­te um 1620 dem Sal­pe­ter­grä­ber Jo­hann Bo­eß­gen ge­hört.

In dem Jahr, in dem Dr. Franz Buir­mann sei­ne Be­stal­lung als Schöf­fe am Ho­hen Welt­li­chen Ge­richt zu Bonn er­hielt, er­reich­te die eu­ro­päi­sche He­xen­ver­fol­gung ih­ren Hö­he­punkt. Auch in Bonn sind für die Jah­re 1628 und 1629 zahl­rei­che He­xen­pro­zes­se nach­weis­bar, die zu min­des­tens 50 To­des­ur­tei­len führ­ten. Pro­zess­ak­ten die­ser Ver­fol­gung sind nicht er­hal­ten, aber aus ei­ner No­tiz in ei­ner Tes­ta­ment­s­an­ge­le­gen­heit lässt sich schlie­ßen, dass der neue Schöf­fe an die­sen Ver­fah­ren be­tei­ligt war. Nach der kur­k­öl­ni­schen He­xen­ge­richts­ord­nung war es not­wen­dig, in al­len Fäl­len, bei de­nen die ört­li­chen Schöf­fen­ge­rich­te Pro­ble­me mit He­xen­pro­zes­sen hat­ten, ei­nen aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Ju­ris­ten als „un­par­tei­ischen Rechts­ge­lehr­ten“ von ei­nem der bei­den Hoch­ge­rich­te in Köln oder Bonn als Fach­mann hin­zu­zu­zie­hen. Buir­mann hat sich an­schei­nend als ein sol­cher „com­mis­sa­ri­us“ in He­xen­fra­gen be­son­ders pro­fi­liert, so dass er spä­tes­tens seit 1630 im­mer wie­der an­ge­for­dert wur­de. Schon 1629 wur­de Buir­mann als ju­ris­ti­scher Fach­be­ra­ter zu He­xen­pro­zes­sen nach Fre­chen in der Nä­he von Köln ge­ru­fen und 1630 nahm er an He­xen­pro­zes­sen in den Herr­schaf­ten Vi­lich und Schwarz-Rhein­dorf ge­gen­über von Bonn teil. Ver­mut­lich im sel­ben Jahr wur­de er auch in die Herr­schaft Heim­erz­heim be­or­dert, um bei den dor­ti­gen He­xen­pro­zes­sen zu as­sis­tie­ren, ob­wohl dies kei­ne kur­k­öl­ni­sche Herr­schaft war. 1631 be­gann die He­xen­ver­fol­gung im be­nach­bar­ten Städt­chen Rhein­bach, zu der Franz Buir­mann als He­xen­kom­mis­sar ge­ru­fen wur­de. Mit äu­ßers­ter Skru­pel­lo­sig­keit ge­lang es Buir­mann, die wi­der­stre­ben­den Schöf­fen zu sei­nem Werk­zeug bei der Ver­fol­gung un­schul­di­ger Rhein­ba­cher Bür­ger zu ma­chen. Mit Über­re­dun­gen und Dro­hun­gen brach­te er die Schöf­fen da­zu, ihm Blan­ko-Haft­be­feh­le aus­zu­stel­len. Die dar­auf­hin ver­haf­te­ten Ver­däch­ti­gen wa­ren die An­ge­hö­ri­gen ei­ni­ger Schöf­fen. Erst das un­ge­setz­li­che Vor­ge­hen ge­gen die rei­che Kauf­manns­wit­we Chris­ti­na Böff­gens führ­te zur Ab­lö­sung Buir­manns. Buir­mann hat­te ge­gen den Ein­spruch des Hen­kers die Frau über das er­laub­te Maß hin­aus fol­tern las­sen, wes­halb sie auf der Fol­ter starb. Un­mit­tel­bar da­nach war er mit ei­ni­gen sei­ner An­hän­ger in ihr Haus ein­ge­drun­gen und hat­te Bar­geld und Wert­pa­pie­re an sich ge­bracht. Bei­des war streng ver­bo­ten. Buir­mann tauch­te nach 1631 für ei­ni­ge Jah­re nicht mehr in rhei­ni­schen He­xen­pro­zes­sen auf. Aber 1636 be­gann er wie­der mit sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten, dies­mal im rechts­rhei­ni­schen Sieg­burg. Auch dies war kei­ne kur­k­öl­ni­sche Stadt, son­dern un­ter­stand dem Abt von Sieg­burg und war ei­ne Vog­tei des Her­zogs von Berg. Aber der am­tie­ren­de Abt war amts­mü­de und hat­te sich nach Köln zu­rück­ge­zo­gen. Der Sieg­bur­ger Bür­ger­meis­ter nutz­te die Gunst der Stun­de, um sei­ne Macht zu ver­grö­ßern, in­dem er He­xen­pro­zes­se an das Sieg­bur­ger Schöf­fen­ge­richt zog, das ei­gent­lich nicht da­für zu­stän­dig war. Franz Buir­mann, der erst nach ei­ni­ger Zeit hin­zu­ge­zo­gen wur­de, fach­te auch hier die Ver­fol­gung enorm an. In den bei­den Jah­ren zwi­schen 1636 und 1638 war er ver­ant­wort­lich für den Tod von mehr als 50 Per­so­nen in Sieg­bur.

Die An­zahl der Ver­fol­gungs­op­fer im Städt­chen Rhein­bach und den in sei­ner Nä­he lie­gen­den Ort­schaf­ten Me­cken­heim und Flerz­heim ist nicht mit Si­cher­heit an­zu­ge­ben, aber sie dürf­te bei mehr als 100 Per­so­nen ge­le­gen ha­ben. Be­kannt sind je­doch die 50 Op­fer in Sieg­burg, die zehn Per­so­nen in Heim­erz­heim, die zehn oder mehr Per­so­nen im „Dra­chen­fel­ser Länd­chen“ in der heu­ti­gen Ge­mein­de Wacht­berg und die min­des­tens 50 Op­fer in Bonn; da­mit liegt die Ge­samt­zahl der Men­schen, die durch die Ak­ti­vi­tä­ten Franz Buir­manns zu To­de ge­kom­men sind, bei min­des­tens 220. We­gen der nicht un­er­heb­li­chen Dun­kel­zif­fer ist eher mit über 300 To­ten zu rech­nen. Franz Buir­mann war bei­lei­be nicht der ein­zi­ge He­xen­kom­mis­sar im Kur­fürs­ten­tum Köln, aber so­weit wir wis­sen, war er der ver­bis­sens­te und grau­sams­te.

Literatur

Be­cker, Tho­mas P., He­xen­ver­fol­gung im Erz­stift Köln, in: Lenn­artz, Ste­fan/Tho­mé, Mar­tin (Hg.), He­xen­ver­fol­gung im Rhein­land. Er­geb­nis­se neue­rer Lo­kal- und Re­gio­nal­for­schun­gen, Ber­gisch Glad­bach 1996, S. 89-136.

Be­cker, Tho­mas P., Her­mann Lö­her als Au­gen­zeu­ge der He­xen­ver­fol­gung in Rhein­bach, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 206 (2003), S. 129-157.

Be­cker, Tho­mas P., Krä­mer, Krie­cher, Kom­mis­sar. De­zen­tra­li­sie­rung als Mit­tel kur­k­öl­ni­scher Herr­schafts­pra­xis in He­xe­rei­an­ge­le­gen­hei­ten, in: Volt­mer, Ri­ta (Hg.), He­xen­ver­fol­gung und Herr­schafts­pra­xis, Trier 2005, S. 183-204.

Be­cker, Tho­mas P., Ar­ti­kel "Buir­mann, Franz", in: En­cy­clo­pe­dia of Witch­craft. The Wes­tern Tra­di­ti­on, Vol. I, ed. by Ri­chard Gol­den, San­ta Bar­ba­ra 2006, S. 149.

Heu­ser, Pe­ter Ar­nold, Pro­so­po­gra­fie der kur­k­öl­ni­schen Zen­tral­be­hör­den, Die ge­lehr­ten rhei­ni­schen Rä­te 1550-1600: Stu­di­en- und Kar­rie­re­ver­läu­fe, so­zia­le Ver­flech­tung, Teil I/1, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 66 (2002), S. 264-319, Teil I/2, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 67 (2003), S. 37-103.

 
Zitationshinweis

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Becker, Thomas P., Franz Buirmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-buirmann-/DE-2086/lido/57c58aeac90997.51257110 (14.12.2018)