Franz Haniel

Industriepionier (1779-1868)

Ulrich Kirchner (Duisburg)

Franz Haniel, Gemälde von Max Volkhart (1848-1924), 1921. (Franz Haniel & Cie. GmbH Corporate Communications - Archive & Documentation)

Franz Ha­ni­el war das jüngs­te Kind von Alet­ta und Ja­cob Wil­helm Ha­ni­el. Alet­ta Ha­ni­el, ge­bo­re­ne Noot (1742-1815) stammt aus Or­soy am Nie­der­rhein (heu­te Stadt Rhein­berg). Ihr Va­ter war Jan Wil­lem Noot (1708-1770), der Mit­te der 1740er Jah­re das Amt des Zoll- und Li­zent­be­se­hers in Ruhr­ort (heu­te Stadt Duis­burg) über­nahm. Vor den To­ren Ruhr­orts bau­te er 1756 ein so ge­nann­tes Pack­haus (Wohn- und Kon­tor­haus). In dem statt­li­chen Neu­bau be­trieb er ein La­ger­hal­tungs­ge­schäft für die Ko­lo­ni­al­wa­ren­händ­ler der Re­gi­on. Die Er­laub­nis zum Bau die­ses Hau­ses er­hielt er vom preu­ßi­schen Kö­nig Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1740-1786), der am 10.2.1756 ein ent­spre­chen­des Do­ku­ment un­ter­zeich­ne­te. Die­ses Da­tum gilt als Grün­dungs­jahr der heu­ti­gen Fir­ma Franz Ha­ni­el & Cie. GmbH, die da­mit auf ei­ne über 250-jäh­ri­ge Tra­di­ti­on zu­rück bli­cken kann.

Ja­cob Wil­helm Ha­ni­el (1734-1782) stamm­te aus El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal). 1757 zog er nach Duis­burg und er­öff­ne­te ei­ne Wein­hand­lung, die er spä­ter mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der Pe­ter Fried­rich zu­sam­men be­trieb und auf all­ge­mei­nen Spe­di­ti­ons- und Kom­mis­si­ons­han­del aus­dehn­te. 1761 hei­ra­te­te er Alet­ta und über­nahm nach dem Tod des Schwie­ger­va­ters das Ruhr­or­ter Pack­haus. Zu­sam­men hat­ten sie elf Kin­der, von de­nen nur vier das Er­wach­se­nen­al­ter er­reich­ten. Das jüngs­te war Franz, der am 20.11.1779 im Pack­haus ge­bo­ren wur­de.

Da sein Va­ter früh starb – Franz war noch kei­ne drei Jah­re alt –, ka­men die ma­ß­geb­li­chen Im­pul­se sei­ner Kind­heit von sei­ner Mut­ter Alet­ta. Sie leg­te Wert auf um­fas­sen­de Bil­dung, und so wur­de Franz – wie er spä­ter selbst in sei­ner Au­to­bio­gra­phie no­tier­te – in dem Kna­ben­al­ter von 5-10 Jah­ren […] in Ruhr­ort im Le­sen, Schrei­ben, Or­tho­gra­fie, Geo­gra­fie, fran­zö­sisch, Tanz, Flö­te, Gei­ge un­ter­rich­tet. Das Rech­nen er­wähn­te er nicht, mög­li­cher­wei­se lern­te er dies eher im Kon­tor sei­ner Mut­ter als in der Schu­le.

Wäh­rend der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, die dem Haus Ha­ni­el mas­sen­haft Auf­trä­ge be­scher­te, muss­te der 15-jäh­ri­ge auf die Schu­le ver­zich­ten und im Kon­tor aus­hel­fen. Ab 1796 war Franz Ha­ni­el dort eben­so wie sein äl­te­rer Bru­der Ger­hard (1774-1834) an­ge­stellt. Sein schon in Ruhr­ort ge­weck­tes In­ter­es­se an der Spe­di­ti­on ver­tief­te Franz Ha­ni­el wäh­rend ei­ner Wei­ter­bil­dung im Main­zer Han­dels­haus J. Hr. Wein­gärt­ner Sohn. Die­se be­gann er als 18-jäh­ri­ger im Ja­nu­ar 1798. Im März 1799 be­en­de­te er die Aus­bil­dung auf Wunsch sei­ner Mut­ter vor­zei­tig und kehr­te nach Ruhr­ort zu­rück.

Ver­mut­lich 1802, viel­leicht auch schon frü­her, grün­de­te Franz Ha­ni­el ei­ne ei­ge­ne Koh­len­hand­lung und Ree­de­rei, die Fir­ma Franz Ha­ni­el. Ein Gro­ß­teil sei­nes Ge­schäfts­in­ter­es­ses galt von da an der Koh­le. Ein an­de­res In­ter­es­se wur­de 1803 ge­weckt: Franz Ha­ni­el rech­ne­te aus, dass sich der Be­sitz der bei­den Ei­sen­hüt­ten St. An­t­o­ny und Neu-Es­sen, mit de­nen die Ha­ni­els schon seit zehn Jah­ren Ge­schäf­te mach­ten, loh­nen müss­te.

Der Kauf der im heu­ti­gen Ober­hau­sen ge­le­ge­nen Hüt­ten kam 1805 zu Stan­de. Mit dem Er­werb ei­ner drit­ten Hüt­te, Gu­te Hoff­nung, ent­stand 1808 die Hüt­ten­ge­werk­schaft und Hand­lung Ja­co­bi, Ha­ni­el & Huys­sen (JHH), Vor­gän­ge­rin der Gu­te­hoff­nungs­hüt­te, Ac­ti­en­ver­ein für Berg­bau und Hüt­ten­be­trieb. Be­tei­ligt wa­ren au­ßer Franz Ha­ni­el des­sen Bru­der Ger­hard und zwei Schwä­ger: Hein­rich Huys­sen (1779-1870) und Gott­lob Ja­co­bi (1770-1823). Mit dem Bau von Dampf­ma­schi­nen und -schif­fen, Lo­ko­mo­ti­ven, Schie­nen und Brü­cken leis­te­te die JHH ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur In­dus­tria­li­sie­rung des Ruhr­ge­biets: Die ers­te Dampf­ma­schi­ne wur­de 1814 ge­baut.

1829 er­rich­te­te die JHH ei­ne Werft in Ruhr­ort. Hier wur­de ein Jahr spä­ter der Bau des ers­ten Damp­fers, der nach sei­nem Be­stim­mungs­ort „Stadt Mainz" hieß, fer­tig ge­stellt. Zehn Jah­re spä­ter stell­te die JHH die ers­te Dampf­lo­ko­mo­ti­ve, die „Ruhr", her, die bei der Main-Tau­nus-Ei­sen­bahn zwi­schen Frank­furt und Wies­ba­den ein­ge­setzt wur­de. Seit die­ser Zeit lie­fer­te die JHH ein­zel­ne Bau­tei­le für Brü­cken. Ab En­de der 1840er Jah­re ver­han­del­te JHH über Bau­auf­trä­ge für kom­plet­te Brü­cken. Es wa­ren über­wie­gend Ei­sen­bahn­brü­cken, die auch ins Aus­land ge­lie­fert wur­den, zu­nächst in die be­nach­bar­ten Nie­der­lan­de, dann 1875/1876 nach Russ­land und 1883/1884 ins süd­ame­ri­ka­ni­sche Ko­lum­bi­en.

1809 er­wei­ter­ten sich die Ge­schäfts­fel­der der Fir­ma Franz Ha­ni­el. Alet­ta Ha­ni­el lös­te ih­re Fir­ma auf und über­gab sie ih­ren Söh­nen Ger­hard und Franz, die be­reits seit 1802 Teil­ha­ber wa­ren. Von nun an han­del­te auch Franz Ha­ni­el mit Ko­lo­ni­al­wa­ren und be­trieb all­ge­mei­nen Kom­mis­si­ons- und Spe­di­ti­ons­han­del; spä­ter pro­du­zier­te und ver­kauf­te er Pflan­zen­öl und Holz, vor al­lem ei­che­ne Lohr­in­de für Gerb­zwe­cke. Als sich 1830 das Kö­nig­reich der Ver­ei­nig­ten Nie­der­lan­de in die bei­den Län­der Bel­gi­en und Nie­der­lan­de teil­te, kon­zen­trier­te sich Franz Ha­ni­el auf das Koh­len­ge­schäft, denn die Nie­der­lan­de führ­ten nun preu­ßi­sche Koh­le ein.

Zu­nächst als Roh­stoff­ba­sis für sei­nen Koh­len­han­del, spä­ter auch zur Ver­sor­gung sei­ner Ei­sen­schmel­zen mit Hoch­ofen­koks, be­tei­lig­te sich Franz Ha­ni­el seit 1803 am Stol­len­berg­bau im Ruhr­tal. Rund 30 Jah­re spä­ter wur­de er durch die Grün­dung von Ze­chen mit ei­nem neu­ar­ti­gen Tief­bau­ver­fah­ren (Mer­g­elschäch­te) zum Pio­nier des mo­der­nen Ruhr­berg­baus.

1832 be­gann Franz Ha­ni­el im heu­ti­gen Es­sen mit dem Ab­teu­fen ei­nes Schach­tes. Die­ser soll­te der ers­te Tief­schacht des Ruhr­ge­biets wer­den, der die Mer­gel­de­cke ver­ti­kal durch­brach. Das Ziel ei­nes sol­chen Schach­tes war die Er­schlie­ßung von Fett­koh­le­f­lö­zen, de­ren Koh­le zu Hoch­ofen­koks ver­ar­bei­tet wer­den kann. Im März 1834 ge­lang es den Berg­leu­ten, das Deck­ge­bir­ge aus Mer­gel zu durch­drin­gen. In der Fol­ge­zeit grün­de­te er wei­te­re be­deu­ten­de Ze­chen wie die Ze­che Zoll­ver­ein (1847) und die ers­te links­rhei­ni­sche Ze­che mit Na­men Rhein­preu­ßen (1851). Er schuf ein ver­ti­kal und ho­ri­zon­tal aus­ge­bau­tes Kon­glo­me­rat, das von der Roh­stoff­ge­win­nung bis zum Trans­port und Ver­kauf der Pro­duk­te al­le Glie­der der Wert­schöp­fungs­ket­te ab­deck­te.

Franz Ha­ni­el küm­mer­te sich auch um das Wohl­er­ge­hen der Be­schäf­tig­ten. Bei JHH gab es be­reits in den 1830er-Jah­ren Un­ter­stüt­zungs­kas­sen, die spä­ter auf an­de­re Ha­ni­el-Un­ter­neh­men aus­ge­wei­tet wur­den. Er fühl­te sich dem Ge­mein­wohl ver­pflich­tet und un­ter­stütz­te sei­ne Hei­mat­ge­mein­de Ruhr­ort in viel­fäl­ti­ger Wei­se. Be­son­ders her­vor­zu­he­ben sind Ha­ni­els Kran­ken­stif­tung und das Re­al­gym­na­si­um. Für sei­ne Ver­diens­te er­hielt er zahl­rei­che Eh­run­gen: 1845 er­nann­te ihn das preu­ßi­sche Kö­nigs­haus zum Kom­mer­zi­en­rat, 1856 zum Ge­hei­men Kom­mer­zi­en­rat, 1842 wur­de ihm der Ro­te Ad­ler­or­den IV. Klas­se ver­lie­hen,1864 er­hielt er den Ro­ten Ad­ler­or­den III. Klas­se.

Seit 1806 war Franz Ha­ni­el mit Frie­de­ri­ke Huys­sen (1785-1867) ver­hei­ra­tet, ei­ner Toch­ter des Es­se­ner Rats­herrn Dr. Karl Isaac Ar­nold Huys­sen (1751-1834). Das Paar fei­er­te 1866 das sel­te­ne Fest der dia­man­te­nen Hoch­zeit. Franz und Frie­de­ri­ke Ha­ni­el hat­ten zehn Söh­ne und ei­ne Toch­ter. Al­ler­dings über­leb­ten nur fünf Söh­ne und die Toch­ter ih­re El­tern. Franz Ha­ni­el starb we­ni­ge Mo­na­te nach dem Tod sei­ner Frau am 24.4.1868 in sei­nem Ge­burts­haus in Ruhr­ort.

Kurz nach Ha­ni­els Tod, im De­zem­ber 1870, grün­de­ten die Er­ben die of­fe­ne Han­dels­ge­sell­schaft (OHG) Franz Ha­ni­el & Co., die die Ge­schäf­te der al­ten Fir­ma Franz Ha­ni­el wei­ter­führ­te. Da­bei han­del­te es sich haupt­säch­lich um den Ver­kauf von Pro­duk­ten aus den ei­ge­nen Berg­wer­ken, den Han­del mit frem­der Koh­le und die Ree­de­rei. Die­se Fir­ma exis­tier­te bis zum 1.7.1929. Par­al­lel da­zu wur­de am 22.6.1917 die Franz Ha­ni­el & Cie. GmbH (FHC) ge­grün­det. Ge­sell­schaf­ter wa­ren die im Be­sitz der Fa­mi­lie Ha­ni­el be­find­li­chen Ze­chen Neu­mühl (12%), Rhein­preus­sen (25%) und Zoll­ver­ein (20,5%), die Gu­te­hoff­nungs­hüt­te, Ac­ti­en­ver­ein für Berg­bau und Hüt­ten­be­trieb (42%) so­wie Franz Ha­ni­el (1883-1965) (0,5%). Letz­te­rer war Grün­dungs­ge­sell­schaf­ter, da­mit die neue Fir­ma den Na­men Franz Ha­ni­el füh­ren durf­te. Sei­nen An­teil trat er kurz nach Grün­dung an die Ge­werk­schaft Neu­mühl ab.

Im Zu­ge der Ent­flech­tung und Neu­ord­nung nach dem Zwei­ten Welt­krieg än­der­te sich die Ge­sell­schafts­struk­tur ent­schei­dend. Die di­rek­ten Nach­kom­men von Franz und sei­nem Bru­der Ger­hard wur­den Ge­sell­schaf­ter der Fir­ma. Heu­te be­fin­det sich das Un­ter­neh­men zu 100% im Fa­mi­li­en­be­sitz. Das Haus, in dem Franz Ha­ni­el 1779 ge­bo­ren wur­de und in dem er 88 Jah­re spä­ter starb, dient heu­te als Fir­men­mu­se­um.

Quelle

Ha­ni­el, Franz: Bio­gra­phie – Ne­kro­log [Ma­nu­skript der Au­to­bio­gra­phie 1858-1862] (ediert bei Her­zog / Matt­hei­er).

Literatur

Franz Ha­ni­el & Cie. GmbH (Hg.), Ha­ni­el 1756-2006. Ei­ne Chro­nik in Da­ten und Fak­ten, Duis­burg-Ruhr­ort 2006.

Her­zog, Bo­do / Klaus J. Matt­hei­er (Hg.), Franz Ha­ni­el 1779-1868. Ma­te­ria­li­en, Do­ku­men­te und Un­ter­su­chun­gen zu Le­ben und Werk des In­dus­trie­pio­niers Franz Ha­ni­el, Bonn 1979.

Ja­mes, Ha­rold, Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in Eu­ro­pa. Ha­ni­el, Wen­del und Falck, Mün­chen 2005.

Speth­mann, Hans, Franz Ha­ni­el. Sein Le­ben und sei­ne Wer­ke, Duis­burg-Ruhr­ort, 1956.

Online

Die Ha­ni­el Ge­schich­te 1756-200 (Kon­zern-Chro­nik auf der Home­page des Ha­ni­el-Kon­zerns).

Her­zog, Bo­do, Ar­ti­kel "Ha­ni­el, Jo­han­nes Fran­cis­cus (Franz)", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 7 (1966), S. 616-617.

 
Zitationshinweis

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Kirchner, Ulrich, Franz Haniel, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-haniel/DE-2086/lido/57c826aa117ed4.70672613 (13.11.2018)