Franz Richarz

Psychiater (1812–1887)

Linda Orth (Bonn) & Wolfgang Klenk (Bonn)

Franz Richarz, Porträt.

Franz Ri­ch­arz war ein be­deu­ten­der Psych­ia­ter des 19. Jahr­hun­derts. Von ihm ka­men neue An­re­gun­gen und An­stö­ße für die öf­fent­li­che Ver­sor­gung von psy­chisch Kran­ken. Sein be­rühm­tes­ter Pa­ti­ent war der Kom­po­nis­t Ro­bert Schu­mann  den Ri­ch­arz in sei­ner Bon­ner Pri­vat­kli­nik von 1854 bis zu sei­nem To­de 1856 be­han­del­te.

Franz Ri­ch­arz wur­de am 4.1.1812 in Linz am Rhein als Sohn des Kauf­manns und Schiffs­be­sit­zers Jo­hann Adam Ri­ch­arz (1765-1831) und sei­ner Ehe­frau Eli­sa­beth, ge­bo­re­ne Peis (ge­stor­ben 1838) ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. Nach dem Be­such der Gym­na­si­en in Linz, Dü­ren un­d Aa­chen be­gann er 1830 ein Me­di­zin­stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Bonn, wo un­ter an­de­rem Chris­ti­an Fried­rich Nas­se (1778-1851), der den Lehr­stuhl für In­ne­re Me­di­zin in­ne hat­te, sein aka­de­mi­scher Leh­rer war. Die Ner­ven­heil­kun­de im All­ge­mei­nen und die Psych­ia­trie im Be­son­de­ren wa­ren sei­ner­zeit Teil der In­ne­ren Me­di­zin. Nas­se ver­trat da­her mit der In­ne­ren Me­di­zin auch die Psych­ia­trie, der sein be­son­de­res In­ter­es­se galt. Er weck­te bei Ri­ch­arz das In­ter­es­se für psy­chi­sche Stö­run­gen und pro­mo­vier­te ihn 1834 mit dem The­ma „De ve­sa­niae co­gni­tio­ne at­que cu­ra qua­e­dam“ (Über das Er­ken­nen von Wahn­sinn und des­sen Hei­lung).

In der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts war die Pro­vin­zi­al-Heil­an­stalt Sieg­burg die ein­zi­ge Heil­an­stalt für Pa­ti­en­ten mit psy­chi­schen Stö­run­gen in der Rhein­pro­vinz, ge­lei­tet von Ma­xi­mi­li­an Ja­co­bi (1775-1858). Zwi­schen ihm und Nas­se be­stand ei­ne en­ge Ko­ope­ra­ti­on, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Aus­bil­dung von Me­di­zin­stu­den­ten und jun­gen Ärz­ten. Nas­se emp­fahl Ja­co­bi den 24-jäh­ri­gen Ri­ch­arz, der 1836 in Sieg­burg ei­ne Stel­le als zwei­ter An­stalts­arzt an­trat und dort bis 1844 blieb.

Ri­ch­arz lern­te die für sei­ne Zeit fort­schritt­li­chen und weg­wei­sen­den Me­tho­den in der Be­hand­lung von psy­chi­schen Krank­hei­ten ken­nen, sah aber den „Psych­ia­trie­be­trie­b“ auch durch­aus kri­tisch und er­kann­te die Re­form­be­dürf­tig­keit der öf­fent­li­chen Ir­ren­pfle­ge. So ver­öf­fent­lich­te er ge­gen En­de sei­ner Sieg­bur­ger Zeit und nach meh­re­ren Aus­lands­rei­sen 1844 die Schrift: „Die öf­fent­li­che Ir­ren­pfle­ge und die Not­wen­dig­keit ih­rer Ver­bes­se­rung mit be­son­de­rer Rück­sicht auf die Rhein­pro­vin­z“. Er trat dar­in für klei­ne Heil­an­stal­ten ein, die je­weils 80 Pa­ti­en­ten auf­neh­men soll­ten. Ihm schweb­te ei­ne Heil­an­stalt für je­den der fünf rhei­ni­schen Re­gie­rungs­be­zir­ke vor, wäh­rend Sieg­burg die gro­ße zen­tra­le Pfle­ge­an­stalt für die Rhein­pro­vinz wer­den soll­te. In Grund­zü­gen wur­den die­se Ide­en in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts auch ver­wirk­licht.

Nach sei­nem Weg­gang aus Sieg­burg er­öff­ne­te Ri­ch­arz in En­de­nich (heu­te Stadt Bonn) am 26.10.1844 ei­ne Pri­vat­heil­an­stalt, die er „An­stalt für Be­hand­lung und Pfle­ge von Ge­müts­kran­ken und Ir­ren“ nann­te, und wo er sei­ne Re­form­ide­en um­set­zen konn­te. Ein Jahr nach der Er­öff­nung muss­te Ri­ch­arz ei­nen schwe­ren Schick­sals­schlag hin­neh­men: Im Al­ter von nur 26 Jah­ren starb sei­ne Frau. Ri­ch­arz hei­ra­te­te ein zwei­tes Mal; aus der Ehe mit Ka­tha­ri­na Lü­cker (1824–1900) gin­gen die Kin­der Franz und Karl her­vor.

Für sei­ne Pri­vat­an­stalt hat­te Ri­ch­arz das vor der Stadt Bonn ge­le­ge­ne Land­haus des ehe­ma­li­gen kur­fürst­li­chen Hof­kam­mer­rats Mat­thi­as Jo­seph Kauf­mann er­wor­ben. Das 1790 er­rich­te­te Ge­bäu­de lag in ei­nem gro­ßen Gar­ten und bot nach Um- und Neu­bau­ten Platz für 52 Kran­ke. Hier wur­den so­wohl der sy­phi­li­ti­sche Arzt aus al­ter Hu­ge­not­ten­fa­mi­lie, das hys­te­ri­sche Fräu­lein vom Nie­der­rhein, der de­pres­si­ve Ma­ler aus Frank­reich als auch der un­ter pro­gres­si­ver Pa­ra­ly­se (fort­schrei­ten­de Ge­hirn­er­wei­chung) lei­den­de Ro­bert Schu­mann be­han­delt. Das Haus mit der heu­ti­gen Adres­se Se­bas­ti­an­stra­ße 182 dient seit 1963 als Schu­mann-Ge­denk­stät­te und Mu­sik­bi­blio­thek der Stadt Bonn.

1858 lehn­te Ri­ch­arz den Ruf als Nach­fol­ger von Ja­co­bi als Lei­ter der Sieg­bur­ger An­stalt ab, nahm die­se Funk­ti­on aber 1863 für ei­ni­ge Mo­na­te kom­mis­sa­risch wahr. Die Lei­tung sei­ner ei­ge­nen An­stalt hat­te er be­reits ab 1859 suk­zes­si­ve sei­nem Nef­fen Bern­hard Oe­be­ke (1837-1913) über­ge­ben. Schwer­hö­rig­keit und die da­mit ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten im Um­gang mit vie­len Men­schen mach­ten ihm zu­neh­mend zu schaf­fen. In sei­nem Nach­ruf auf Ri­ch­arz schreibt Oe­be­ke über sei­nen Vor­gän­ger: „Er hat­te ei­ne ge­wis­se ihm ei­ge­ne Schwie­rig­keit mit vie­len frem­den Men­schen in leich­ter Wei­se zu ver­keh­ren. Äu­ße­re, nicht im­mer er­wünsch­te, aber doch un­wich­ti­ge oder lang­wei­li­ge Um­stän­de wirk­ten ver­stim­mend auf ihn und lie­ßen ihn wohl mit­un­ter un­mut­hig in sei­nem Auf­tre­ten er­schei­nen“. Den­noch blieb Ri­ch­arz bis 1872 kon­sul­tie­ren­der Arzt sei­ner An­stalt. Seit 1869 war er Ge­hei­mer Sa­ni­täts­rat. 1867 grün­de­te Ri­ch­arz zu­sam­men mit Karl Fried­rich Wer­ner Nas­se (1822-1889), seit 1866 Di­rek­tor der Pro­vin­zia­lir­ren­an­stalt An­der­nach (ab 1881 der Pro­vin­zia­lir­ren­an­stalt Bonn), ei­nem Sohn von Fried­rich Nas­se, den „Psych­ia­tri­schen Ver­ein der Rhein­pro­vin­z“. Ri­ch­arz war aber nicht nur ge­sund­heits­po­li­tisch in­ter­es­siert und ak­tiv, son­dern blieb bis zu sei­nem Tod auch wis­sen­schaft­lich tä­tig. Ei­ne mit drei Kol­le­gen ver­fass­te Ab­hand­lung aus dem Jah­re 1855 über ei­nen sei­ner­zeit be­kann­ten Kri­mi­nal­fall „Rei­ner Stock­hau­sen, ein ac­ten­mä­ßi­ger Bei­trag zur psy­chisch ge­richt­li­chen Me­di­zin für Ärz­te und Ju­ris­ten mit Gut­ach­ten von Ja­co­bi, Bü­cker, Hertz, Ri­ch­ar­z“, er­reg­te Auf­se­hen. Sei­ne dar­in ent­hal­te­nen Aus­füh­run­gen über psy­chi­sche Un­ter­su­chungs­me­tho­den, über Wil­lens­frei­heit und Zu­rech­nungs­fä­hig­keit wa­ren sei­ner­zeit ein schät­zens­wer­ter Bei­trag zur fo­ren­si­schen Psych­ia­trie.

Vor­trä­ge und Ab­hand­lun­gen von Ri­ch­arz er­schie­nen in der „All­ge­mei­nen Zeit­schrift für Psych­ia­trie“, so bei­spiels­wei­se ein Bei­trag „Über die Nah­rungs­ver­wei­ge­rung bei psy­chi­schen Krank­hei­ten“, ur­sprüng­lich ein 1852 auf der Na­tur­for­scher­ver­samm­lung in Wies­ba­den ge­hal­te­ner Vor­trag.

In die Schu­mann-Bio­gra­phie von Wil­helm Jo­seph von Wa­sie­lew­ski (1882-1896) von 1858 flos­sen Ri­ch­arz‘ Mit­tei­lun­gen über Ro­bert Schu­manns Krank­heits­ver­lauf und Tod ein. Über sei­nen be­rühm­ten Pa­ti­en­ten ver­öf­fent­lich­te Ri­ch­arz auch ei­nen Ar­ti­kel in der „Köl­ni­schen Zei­tun­g“ vom 30.8.1873, der am 17.9.1873 gleich­lau­tend in der „All­ge­mei­nen mu­si­ka­li­schen Zei­tun­g“ in Leip­zig er­schien.

Ri­ch­arz in­ter­es­sier­ten Fra­gen der Ver­er­bung (Ge­ne­tik). So hielt er 1873 auf der Ver­samm­lung der An­thro­po­lo­gen und Na­tur­for­scher Deutsch­lands in Wies­ba­den ei­nen Vor­trag über das The­ma „Über Ver­er­bung von Geis­tes­krank­hei­ten auf Grund der Ge­schlechts­ver­schie­den­heit“. 1880 pu­bli­zier­te er ein Werk über Zeu­gung und Ver­er­bung. Da­bei han­del­te es sich um ei­ne Ent­geg­nung auf die „Bei­trä­ge zur Erb­lich­keits­fra­ge“ von Ema­nu­el Roth.

Als Psych­ia­ter li­be­ral-kon­ser­va­ti­ver Rich­tung wand­te sich Ri­ch­arz schon zur Zeit sei­nes Ab­schieds von Sieg­burg strikt ge­gen die Ein­stel­lung von Geist­li­chen in Ge­fäng­nis­sen und Ir­ren­an­stal­ten. Die meis­ten Geist­li­chen wa­ren sei­ner­zeit der Auf­fas­sung, dass Ir­re­sein ei­ne Stra­fe Got­tes und nicht the­ra­pier­bar sei. Ent­spre­chend be­han­del­ten sie Kran­ke häu­fig mit ri­gi­den Me­tho­den bis hin zur kör­per­li­chen Züch­ti­gung. Hier stell­te sich Ri­ch­arz „auf die Sei­te der Ja­co­bi­schen Geg­ner“, das hei­ßt, er sprach sich für die „geist­li­che Ent­halt­sam­keit“ aus[1] und war ei­ner der über 100 Un­ter­zeich­ner der „Kö­nigs­win­te­rer Pro­tester­klä­run­g“ vom 14.10.1870. Die­se Er­klä­rung war ei­ne Re­ak­ti­on auf die Be­schlüs­se des Ers­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils von 1870 über die Un­fehl­bar­keit des Paps­tes.

Im Grun­de sei­nes Her­zens blieb Ri­ch­arz aber Mo­ra­list, der „al­ko­ho­li­sche, ge­schlecht­li­che“ und so­gar „geis­ti­ge Ex­zes­se“ als Sün­de an­sah, für die der Pa­ti­ent und ins­be­son­de­re die Pa­ti­en­tin mit Geis­tes­krank­heit be­straft wür­den. Ähn­lich rück­stän­dig war sei­ne Vor­stel­lung über die Frau­en: „Die Ent­ste­hung des weib­li­chen Ge­schlechts wird un­se­rem Ver­ständ­nis viel nä­her ge­bracht, wenn man es als ein ne­ga­ti­ves, als das Nicht-männ­li­che auf­fasst.“[2]

Franz Ri­ch­arz starb am 26.1.1887 in Bonn an ei­nem Herz­lei­den. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Al­ten Fried­hof.

Werke (Auswahl)

De ve­sa­niae co­gni­tio­ne at­que cu­ra qua­e­dam, Med. Diss. Bonn, 1834, Druck Köln 1835.

Die öf­fent­li­che Ir­ren­pfle­ge und die Not­wen­dig­keit ih­rer Ver­bes­se­rung mit be­son­de­rer Rück­sicht auf die Rhein­pro­vinz, Bonn 1844.

Über die Vor­zü­ge meh­re­rer klei­nen, über ei­nen Lan­dest­heil vert­heil­ter, öf­fent­li­cher Ir­ren­heil-An­stal­ten von ei­ner ein­zi­gen gros­sen Cen­tral­an­stalt. Vor­trag in der Sec­tion für An­tro­po­lo­gie und Psych­ia­trie aus der Ver­samm­lung deut­scher Na­tur­for­scher und Ärz­te Aa­chen, in: All­ge­mei­ne Zeit­schrift für Psych­ia­trie 5 (1848), S. 387-396.

[Zu­sam­men mit] F. W. Boecker, C. Hertz (Hg.), Rei­ner Stock­hau­sen. Ein ac­ten­mäs­si­ger Bei­trag zur psy­chish-ge­richt­li­chen Me­di­cin für Aerz­te u. Ju­ris­ten, mit Gut­ach­ten von M. Ja­co­bi u. den Her­aus­ge­bern, El­ber­feld 1855.

Über We­sen und Be­hand­lung der Me­lan­cho­lie mit Auf­re­gung, in: All­ge­mei­ne Zeit­schrift für Psych­ia­trie 15 (1858), S. 28–66.

Über Zeu­gung und Ver­er­bung: Ent­geg­nung auf die "Bei­trä­ge zur Erb­lich­keits­fra­ge von Ema­nu­el Roth in den Num­mern 46 und 47 (1879) der "Ber­li­ner kli­ni­schen Wo­chen­schrift", 1880.

Über Ver­er­bung in Geis­tes­krank­hei­ten auf Grund der Ge­schlechts­ver­schie­den­heit, in: All­ge­mei­ne Zeit­schrift für Psych­ia­trie 30 (1874), S. 658-662.

Quellen

Ap­pel, Bern­hard R./Rei­mann, Ari­bert, Ro­bert Schu­mann in En­de­nich (1854-1856): Kran­ken­ak­ten, Brief­zeug­nis­se und zeit­ge­nös­si­sche Be­rich­te, Mainz 2006.

Literatur

Braun, Sa­li­na, Hei­lung mit De­fekt. Psych­ia­tri­sche Pra­xis an den An­stal­ten Hof­heim und Sieg­burg 1820-1878, Göt­tin­gen 

Her­ting, Jo­han­nes, Die ers­te rhei­ni­sche Ir­ren­heil­an­stalt Sieg­burg. Ei­ne ge­schicht­li­che Stu­die, un­ter Be­nut­zun­g 

amt­li­cher Quel­len zur 100jäh­ri­gen Wie­der­kehr ih­res Er­öff­nungs­ta­ges am 1.Ja­nu­ar 1825, Ber­lin/Leip­zig 1924.

Orth, Lin­da [u.a.], Pass op, sonst küss de bei de Pel­man. Das Ir­ren­we­sen im Rhein­land des 19. Jahr­hun­derts, Bon­n 

1996, S. 49–58.

Oe­be­ke, Bern­hard, Ne­kro­log Dr. Franz Ri­ch­arz, in: All­ge­mei­ne Zeit­schrift für Psych­ia­trie 43 (1887), S. 557–559.

Wa­sie­lew­ski, Wil­helm von, Ro­bert Schu­mann, Dres­den 1858.

Online

Ban­dorf, Ri­ch­arz, Franz, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 28 (1889), S. 423-424. [On­line]

 
Anmerkungen
  • 1: Herting, Die erste rheinische Irrenanstalt, S. 113.
  • 2: Richarz, Über Vererbung in Geisteskrankheiten, S. 659.
Zitationshinweis

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Orth, Linda, Klenk, Wolfgang, Franz Richarz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-richarz/DE-2086/lido/57cd1e6d3cfd98.35956915 (21.07.2018)