Franz Wilhelm Kauhlen

Arzt und Professor (1750-1793)

Christian Schlöder (Halle)

Franz Wilhelm Kauhlen, Kupferstich von Johann Weinreis, nach 1784. (Universitätsbibliothek Bonn)

Franz Wil­helm Kauh­len führ­te ma­ß­geb­lich die Re­form des Ge­sund­heits­we­sens in Kur­k­öln durch und en­ga­gier­te sich nicht nur für die me­di­zi­ni­sche Aus­bil­dung, son­dern auch für die me­di­zi­ni­sche Auf­klä­rung der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung.

Franz Wil­helm Kauh­len wur­de am 27.1.1750 in Hem­mer­den (heu­te Stadt Gre­ven­broich) ge­bo­ren. Durch au­ßer­ge­wöhn­lich gu­te Leis­tun­gen fiel der Sohn ei­nes wohl­ha­ben­den ka­tho­li­schen Bau­ern be­reits in der Schu­le in El­sen (heu­te Stadt Gre­ven­broich) auf. Nach dem Be­such des Je­sui­ten­gym­na­si­ums in Neuss nahm er zwi­schen 1768 und 1770 an phi­lo­so­phi­schen Klas­sen im Lau­ren­tia­ner­gym­na­si­um in Köln teil, wo er an­schlie­ßend an der Uni­ver­si­tät ein Theo­lo­gie­stu­di­um auf­nahm. Da ihm die­ses Stu­di­um je­doch nicht ge­fiel, be­gann er be­reits 1771 an der re­for­mier­ten Uni­ver­si­tät Duis­burg ein Me­di­zin­stu­di­um. Am 4.3.1774 pro­mo­vier­te er bei dem be­rühm­ten Arzt Jo­hann Gott­lob Lei­den­frost (1715-1794) mit ei­ner selbst­stän­dig ver­fass­ten Ar­beit –  da­mals durch­aus kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit – über die Mi­ne­ral­quel­le von Rois­dorf bei Bonn.

Nach ei­ner Sta­ti­on an der Uni­ver­si­tät in Straß­burg, wo er sei­ne me­di­zi­ni­schen Kennt­nis­se in der Theo­rie, aber vor al­lem in der Pra­xis er­wei­ter­te, ließ er sich 1775 in Bonn als Arzt nie­der. Be­reits am 2.1.1776 hielt er im Cle­men­ti­ni­schen Lehr­haus die ers­ten me­di­zi­ni­schen Vor­le­sun­gen in Bonn über­haupt, die sich aber an Bar­bier­ge­sel­len, so­ge­nann­te Wund­ärz­te, rich­te­ten. 1777 wur­de er zum Ti­tu­lar­hof­rat und 1782 zum Gar­ni­sons­arzt er­nannt.

Max Brau­bach ver­mu­tet, sein schnel­ler Auf­stieg in der Re­si­denz­stadt sei nur durch mäch­ti­ge Für­spre­cher mög­lich ge­we­sen.[1] Für die­se Ver­mu­tung spricht auch sei­ne Hei­rat mit der zehn Jah­re äl­te­ren An­na Ma­ria Kauf­mann (1740-1795) am 6.7.1777, ei­ner Toch­ter des ehe­ma­li­gen Rats­bür­ger­meis­ters Pe­ter Jo­seph Kauf­mann (1702-1767) und Schwes­ter des 1777 am­tie­ren­den Schöf­fen­bür­ger­meis­ters Ma­thi­as Jo­seph Kauf­mann (1751-1811). Da­mit ge­hör­te Kauh­len ei­ner ein­fluss­rei­chen und hoch­an­ge­se­he­nen Bon­ner Fa­mi­lie an. Am 27.5.1778 wur­de in St. Re­mi­gius zu Bonn der ers­te Sohn Lam­ber­tus Jo­seph ge­tauft, am 12.11.1779 Franz Wil­helm, am 29.3.1781 Ma­ria Agnes Au­gus­ta und am 27.4.1782 Mat­thi­as Jo­seph Franz.

An der 1777 neu be­grün­de­ten Bon­ner Aka­de­mie war er der ein­zi­ge Ver­tre­ter der Me­di­zin. Sein Ge­halt in Hö­he von jähr­lich 100 Reichs­ta­lern war aus­ge­spro­chen kärg­lich be­mes­sen. In den nach­fol­gen­den Jah­ren be­schwer­te sich Kauh­len auch re­gel­mä­ßig über sein im Ver­gleich zu den an­de­ren Me­di­zin­pro­fes­so­ren ge­rin­ges Ge­halt, das je­doch nur ein­mal – 1783 – er­höht wur­de. Wei­te­re For­de­run­gen nach Er­hö­hun­gen wur­den mit der Be­grün­dung ab­ge­lehnt, er ver­die­ne be­reits ge­nug mit sei­ner aus­ge­dehn­ten me­di­zi­ni­schen Pra­xis, die zu­las­ten sei­ner Lehr­tä­tig­keit gin­ge.

Bis 1781/1782 wur­den sei­ne Vor­le­sun­gen nur von we­ni­gen Stu­den­ten be­sucht. Der Gro­ß­teil der Zu­hö­rer wa­ren Bar­bier­ge­sel­len, für de­ren Aus­bil­dung er sich sehr ein­setz­te. Erst nach­dem die Zu­las­sung des Me­di­zi­nal­ra­tes ei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung für die Aus­übung me­di­zi­ni­scher Tä­tig­kei­ten im Kur­fürs­ten­tum wur­de, nah­men die Stu­den­ten­zah­len sprung­haft zu. 1783 wur­de die me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät of­fi­zi­ell ge­grün­det.

Kauh­len wur­de Pro­fes­sor für Pa­tho­lo­gie und me­di­zi­ni­sche Pra­xis an der am 20.-22.11.1786 fei­er­lich er­öff­ne­ten Uni­ver­si­tät zu Bonn. Bei der Er­öff­nungs­fei­er hielt er als De­kan der me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät ei­ne viel­be­ach­te­te Re­de, in der er die Be­deu­tung lo­gi­schen Den­kens und Fol­gerns so­wie ge­nau­en Be­ob­ach­tens als Grund­vor­aus­set­zung für me­di­zi­nisch-the­ra­peu­ti­sches Ar­bei­ten her­aus­stell­te und blin­den Au­to­ri­täts­glau­ben streng ver­ur­teil­te. 1789/1790 am­tier­te er als drit­ter Rek­tor der jun­gen Bon­ner Uni­ver­si­tät.

Den prak­ti­schen Un­ter­richt in in­ne­rer Me­di­zin er­teil­te Kauh­len den Stu­den­ten in der Re­gel täg­lich im La­za­rett der Gar­ni­son. Wie auch zwei wei­te­re Pro­fes­so­ren hielt er täg­lich von 8 bis 9 Uhr in sei­ner Woh­nung frei­wil­lig ei­ne Ar­men­sprech­stun­de, der eben­falls häu­fig Stu­den­ten bei­wohn­ten. Von sei­nen Schü­lern ist der be­kann­tes­te der spä­te­re Bon­ner Me­di­zin­pro­fes­sor Franz Ger­hard We­ge­ler (1765-1848).

Ne­ben dem aka­de­mi­schen Un­ter­richt und sei­ner Tä­tig­keit als Arzt war Kauh­len auch als kur­fürst­li­cher Me­di­zi­nal­rat tä­tig. Dem Me­di­zi­nal­rat ge­hör­ten die Pro­fes­so­ren der me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät an, von de­nen sich be­son­ders Kauh­len um die Re­for­men im Kur­fürs­ten­tum ver­dient mach­te. Her­vor­zu­he­ben ist die Ein­füh­rung von ob­li­ga­to­ri­schen Prü­fun­gen für al­le me­di­zi­ni­schen Be­ru­fe ge­mäß ei­nem kur­fürst­li­chen Edikt von 1779. Die Fa­kul­tät fun­gier­te als Nach­fol­ge­rin des Me­di­zi­nal­ra­tes und war seit dem 1.9.1787 für die Prü­fung der Me­di­zi­nal­per­so­nen, die Vi­si­ta­tio­nen der Apo­the­ken und al­le wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen As­pek­te der Heil­kun­de zu­stän­dig.

Als „Tas­si­lo“ wur­de Eich­hoff am 12.7.1782 in den Il­lu­mi­na­ten­or­den auf­ge­nom­men, ei­ner ge­hei­men Or­ga­ni­sa­ti­on, die 1776 von dem In­gol­städ­ter Pro­fes­sor Adam Weis­haupt (1748-1830) ge­grün­det wor­den war. Um 1780 ent­stan­den über­all im Reich Fi­lia­len die­ses Or­dens, der sich zum Ziel ge­setzt hat­te, die Auf­klä­rung in al­len Le­bens­be­rei­chen zu för­dern. Kauh­len war lan­ge Jah­re das ein­zi­ge Mit­glied aus der Bon­ner Uni­ver­si­tät und mach­te sich zeit sei­nes Le­bens für die Auf­klä­rung und ge­gen blin­den Au­to­ri­täts­glau­ben stark.

Kauh­len kann kaum als Ge­lehr­ter be­zeich­net wer­den, da er trotz sei­ner lang­jäh­ri­gen Tä­tig­keit als Pro­fes­sor nur we­ni­ge wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lun­gen ver­öf­fent­lich­te und sich kei­nem me­di­zi­ni­schen Teil­ge­biet be­son­ders wid­me­te. Zu­dem rich­te­ten sich die meis­ten sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen an me­di­zi­ni­sche Lai­en, wie zum Bei­spiel die „Ab­hand­lung über die Ruhr“ von 1787, die er in Aus­zü­gen im Bön­ni­schen In­tel­li­genz­blatt ab­dru­cken ließ.[2] Er war ein lei­den­schaft­li­cher und gu­ter Arzt, der als kli­ni­scher Leh­rer gro­ße An­er­ken­nung ge­noss. Sei­ne Lehr­tä­tig­keit und Me­tho­den, gar sei­ne Eig­nung als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor wur­den je­doch von ein­zel­nen Fach­kol­le­gen in­fra­ge ge­stellt.[3] 

Kauh­lens Cha­rak­ter wird von Wil­helm von Hum­boldt (1767-1835), der Bonn im Jahr 1788 be­such­te, wie folgt be­schrie­ben: „Er ist ein Mann oh­ne al­le lee­ren Höf­lich­keits­ze­re­mo­ni­en, ge­ra­de­zu, aber äu­ßerst dienst­fer­tig und ge­fäl­lig. Er spricht we­nig [...]“[4]. In ei­ner Ode des kur­k­öl­ni­schen Hof­ra­tes Bern­hard Ma­ria Alt­stät­ten (ge­bo­ren 1744) wird Kauh­len als „bie­der“, aber auch als Den­ker cha­rak­te­ri­siert.

1793 brach un­ter den in Kö­nigs­win­ter sta­tio­nier­ten preu­ßi­schen und ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen ei­ne hef­ti­ge Fleck­fie­be­re­pi­de­mie aus. Kauh­len und sein Kol­le­ge We­ge­ler reis­ten zu den Trup­pen, um die Seu­che nä­her zu un­ter­su­chen. Bei­de Me­di­zi­ner er­krank­ten am Fleck­ty­phus. Wäh­rend We­ge­ler schnell ge­nas, starb Franz Wil­helm Kauh­len dar­an am 13.2.1793 in Bonn; be­gra­ben wur­de er in der Pfarr­kir­che St. Re­mi­gius, die 1806 ab­ge­ris­sen wor­den ist.

Werke (Auswahl)

Dis­ser­ta­tio in­au­gu­ra­lis me­di­ca in qua pro­po­ni­tur ex­amen Fon­tis Mi­ne­ra­lis so­te­rii Rois­dorf­fi­en­sis pro­pe Bon­nam, Duis­burg 1774.

Pro­gramm von den Hin­der­nis­sen, die der Ver­voll­kom­mung der Arz­nei­ge­lehrt­heit im We­ge ste­hen, Bonn 1786.

Ue­ber die me­di­zi­ni­sche Ein­rich­tung bei der Uni­ver­si­tät Bonn, in: Bal­din­gers Me­di­zi­ni­sches Jour­nal 14 (1787), S. 35-38.

Ab­hand­lung über die Ruhr, Bonn 1787.

_Wer­ke on­line
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Aus­zug aus der Ab­hand­lung über die Ruhr, in: Bön­ni­sches In­tel­li­genz­blatt vom 25.9.1787, 2.10.1787, 9.10.1787, 16.10.1787, 23.10.1787 [22.9.2012]. [On­line]

Literatur

Brau­bach, Max, Die ers­te Bon­ner Uni­ver­si­tät und ih­re Pro­fes­so­ren. Ein Bei­trag zur rhei­ni­schen Geis­tes­ge­schich­te im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung, Bonn 1947.

Kauf­mann, Paul, Zur Ge­schich­te der Fa­mi­li­en Kauf­mann aus Bonn und Pel­zer aus Köln. Bei­trä­ge zur rhei­ni­schen Kul­tur­ge­schich­te, Bonn 1897.

Nie­sen, Paul, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, 3. Auf­la­ge; Bonn 2011, S. 237.

Wolff, Han­ne­ma­rie, Die Me­di­zi­ni­sche ­Fa­kul­tät ­der Kur­fürst­li­chen Aka­de­mie und Uni­ver­si­tät zu Bonn (1777-98). Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des Me­di­zi­nal­we­sens im Erz­stift­Köln, in: Bon­ner Mit­tei­lun­gen 19/20 (1940), S. 1-121.

Online

Franz Wil­helm Kauh­len 1750-1793. Der „En­de­cker“ des Rois­dor­fer Mi­ne­ral­brun­nens [22.9.2012]. [On­line]

Wil­helm von Hum­boldt, Ge­sam­mel­te Schrif­ten, Band 14, Ta­ge­bü­cher, hrsg. von Al­bert Leitz­mann, Ber­lin 1916 [6.1.2013]. [On­line]

 
Anmerkungen
  • 1: Braubach, Bonner Universität und ihre Professoren, S. 161.
  • 2: Bönnisches Intelligenzblatt vom 25.9.1787, 2.10.1787, 9.10.1787, 16.10.1787 und 23.10.1787, online: http://s2w.hbz-nrw.de/ulbbn/periodical/pageview/410017 [22.9.2012].
  • 3: Wolff, Die Medizinische Fakultät der Kurfürstlichen Akademie, S. 50.
  • 4: Wilhelm von Humboldt, Gesammelte Schriften, Band 14, Tagebücher, S. 50 [6.1.2013].
Zitationshinweis

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Schlöder, Christian, Franz Wilhelm Kauhlen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-wilhelm-kauhlen/DE-2086/lido/57c93333a170a7.38878960 (23.06.2018)