Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach

Fürstäbtissin von Thorn und Essen (1696–1776)

Andrea Wegener (Essen)

Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Kammermohr Ignatius Fortuna, Gemälde von J. Schmitz, um 1770. (Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung Essen)

Fran­zis­ka Chris­ti­ne von Pfalz-Sulz­bach war Für­stäb­tis­sin der frei­welt­li­chen Frau­en­stif­te Es­sen und Thorn, die in Per­so­nal­uni­on ver­bun­den wa­ren. In Es­sen re­gier­te sie wäh­rend der letz­ten Blü­te­zeit des Stifts. Die in Tei­len er­hal­te­ne Ba­rock- be­zie­hungs­wei­se Ro­ko­ko-Aus­stat­tung der Es­se­ner Stifts- wie der Jo­han­nes­kir­che und der Ka­pel­le des von ihr ge­stif­te­ten Wai­sen­hau­ses in Stee­le ist ihr zu ver­dan­ken und zeigt den gro­ßen Ein­fluss der Je­sui­ten wäh­rend ih­rer Re­gie­rungs­zeit in Es­sen.

Fran­zis­ka Chris­ti­ne wur­de am 16.5.1696 als drit­tes von neun Kin­dern des Her­zogs Theo­dor Pfalz­graf zu Sulz­bach (1659-1730) und sei­ner Ge­mah­lin Ma­ria Eleo­no­re Ama­lie von Hes­sen-Rhein­fels-Ro­then­burg (1675-1730) in Sulz­bach ge­bo­ren. Drei der Ge­schwis­ter star­ben im Kin­des­al­ter, die üb­ri­gen sechs er­reich­ten das Er­wach­se­nen­al­ter. Über die Er­zie­hung der vier Töch­ter ist we­nig be­kannt. Fröm­mig­keit, An­dacht, Zu­rück­ge­zo­gen­heit, Sitt­sam­keit und Tu­gend­haf­tig­keit wa­ren die Haupt­merk­ma­le der ade­li­gen Mäd­chen­er­zie­hung der Zeit, die wohl auch ih­nen zu­teil ge­wor­den ist. Zur Aus­bil­dung ge­hör­te das Er­ler­nen der fran­zö­si­schen Spra­che, um in der hoch­ade­li­gen Ge­sell­schaft be­ste­hen zu kön­nen, wäh­rend La­tein nur durch den täg­li­chen Ge­brauch in der Mes­se ver­mit­telt wur­de.

 

Der äl­tes­te Sohn der Fa­mi­lie, Erb­prinz Jo­seph Karl (1694-1729), wur­de 1703 mit erst neun Jah­ren Dom­herr in Köln und er­hielt am Hof sei­nes Vet­ters Karl (III.) Phil­ipp ei­ne stan­des­ge­mä­ße Er­zie­hung und Aus­bil­dung. Sei­ne au­ßer­or­dent­lich gu­ten Kon­tak­te soll­ten für die Schwes­ter stets von Vor­teil sein.

Fran­zis­ka Chris­ti­ne leb­te wohl be­reits mit fünf Jah­ren zeit­wei­se bei ih­rer Tan­te Eleo­no­re von Lö­wen­stein-Wert­heim-Ro­che­fort im Frau­en­stift Thorn bei Ro­er­mond, wo die­se Äb­tis­sin war (Amts­zeit 1690-1706). Sie be­stimm­te die Nich­te zu ih­rer Al­lein­er­bin. Da­mit Fran­zis­ka Chris­ti­ne auch in Es­sen Stifts­da­me wer­den konn­te, muss­te sie ih­re Auf­schwö­rung, den Nach­weis ih­rer ade­li­gen Ab­stam­mung, vor­le­gen, der so­wohl in Es­sen als auch in Thorn Vor­aus­set­zung für die Auf­nah­me war. Das Es­se­ner Stifts­ka­pi­tel stimm­te der Auf­nah­me Fran­zis­ka Chris­ti­nes un­ter der Be­din­gung zu, dass sie kein Stimm­recht bei Ka­pi­tels­ent­schei­dun­gen er­hal­ten soll­te. Da­mit soll­te ein zu gro­ßer Ein­fluss des Hau­ses Pfalz-Sulz­bach ver­mie­den wer­den, da dem aus zehn Frau­en be­ste­hen­den Es­se­ner Ka­pi­tel be­reits zwei Schwes­tern Fran­zis­ka Chris­ti­nes an­ge­hör­ten.

Trotz die­ser Ein­schrän­kung be­gann Fran­zis­ka Chris­ti­ne am 10.11.1712 ih­ren Pflicht­auf­ent­halt – ih­re Re­si­denz – in Es­sen, um sich die Mög­lich­keit, spä­ter doch noch das Stimm­recht zu er­hal­ten, of­fen zu hal­ten. Nach­dem ih­re Schwes­ter Ma­ria An­na das Es­se­ner Stift ver­las­sen hat­te, wur­de Fran­zis­ka Chris­ti­ne am 30.9.1715 voll­stän­dig auf­ge­nom­men. Ih­re un­re­gel­mä­ßi­gen Auf­ent­hal­te in Es­sen, die 1717 in ei­ne stän­di­ge Ab­we­sen­heit über­gin­gen, hän­gen wohl mit ih­rer Wahl zur Äb­tis­sin von Thorn zu­sam­men. Dort wur­de sie am 31.3.1717 trotz ih­res ju­gend­li­chen Al­ters von ge­ra­de 21 Jah­ren mit­tels päpst­li­cher Er­laub­nis zur Nach­fol­ge­rin der am 12. Ja­nu­ar ver­stor­be­nen Äb­tis­sin An­na Ju­lia­na He­le­na von Man­der­scheid-Blan­ken­heim (1665-1717) ge­wählt. Da sie nicht die Wunsch­kan­di­da­tin des Ka­pi­tels war, wa­ren für ih­re Wahl vor al­lem äu­ße­re Ein­flüs­se aus­schlag­ge­bend, die wohl den gu­ten Kon­tak­ten ih­res Bru­ders Jo­seph Karl zu­zu­schrei­ben wa­ren.

Abteikirche Thorn, 2006.

 

Ähn­lich ver­lief es in Es­sen, wo sie am 15.10.1726 zur Äb­tis­sin ge­wählt wur­de. Auch hier spiel­te der Ein­fluss ih­res äl­tes­ten Bru­ders die ent­schei­den­de Rol­le. Mit ih­rem Amts­an­tritt be­gann die längs­te Amts­zeit ei­ner Es­se­ner Äb­tis­sin (1726–1776) über­haupt. Die­se war, wie die ih­rer Vor­gän­ge­rin Bern­har­di­ne So­phia von Ost­fries­land und Riet­berg (1654-1726), von Strei­tig­kei­ten zwi­schen Stift und Stadt ge­prägt. Ute Küp­pers-Braun zu­fol­ge lag das al­ler­dings we­ni­ger an Fran­zis­ka Chris­ti­ne als an ih­ren Be­ra­tern aus dem Je­sui­ten­or­den. Völ­lig un­vor­be­rei­tet auf das Amt der Äb­tis­sin, war sie ih­ren Be­ra­tern re­gel­recht aus­ge­lie­fert. Ihr ers­ter Be­ra­ter in geist­li­chen und welt­li­chen Din­gen, P. Chris­toph Ne­an­der (ge­stor­ben 1747), war et­wa 20 Jah­re lang bis zu sei­nem Tod auch ihr per­sön­li­cher Beicht­va­ter. Nach sei­nem Tod über­nahm P. Tho­mas Man­tels (ge­stor­ben 1765), eben­falls Je­su­it, das Amt. Als er starb, wur­de der Je­sui­ten­pa­ter Ni­ko­laus Mar­ner letz­ter Be­ra­ter und Beicht­va­ter der Äb­tis­sin. Laut Ute Küp­pers-Braun ist der Ein­fluss die­ser Män­ner auf die Fürsti­näb­tis­sin kaum zu über­schät­zen.

Waisenhaus in Steele, Federzeichnung eines unbekannten Künstlers, um 1840. (Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung Essen)

 

Fran­zis­ka Chris­ti­ne be­müh­te sich wäh­rend ih­rer Re­gie­rungs­zeit um ei­ne straff or­ga­ni­sier­te und ef­fi­zi­en­te Ver­wal­tung. Sie er­ließ ei­ne neue Steu­er­ord­nung, um die Ein­nah­men des Stif­tes zu meh­ren, ge­folgt von ei­ner Hy­po­the­ken- und ei­ner Ge­richts­ord­nung. Die­se Ord­nun­gen tru­gen im­mer deut­li­che­re Zü­ge ab­so­lu­tis­ti­scher Herr­schafts­auf­fas­sung – und die Hand­schrift der Be­ra­ter. Das führ­te in bei­den Stif­ten, Es­sen und Thorn, zu stän­di­gen Kon­flik­ten mit Stifts­frau­en, Ka­no­ni­kern und Un­ter­ta­nen.

Ihr bis heu­te be­kann­tes­tes und be­rühm­tes­tes Werk war die Grün­dung des Wai­sen­hau­ses in Stee­le, das 1769 erst­mals Kin­der auf­nahm. Um die wirt­schaft­li­che Ba­sis des Wai­sen­hau­ses auch nach ih­rem Tod zu si­chern, grün­de­te sie die Fürs­tin-Fran­zis­ka-Chris­ti­ne-Stif­tung, die das Wai­sen­haus noch heu­te un­ter­hält. Mit der Grün­dung be­zweck­te sie auch die Ver­brei­tung des ka­tho­li­schen Glau­bens. Das Wai­sen­haus soll­te ein „Boll­werk ge­gen den Pro­tes­tan­tis­mus und Hort und Pflanz­stät­te des ka­tho­li­schen Glau­ben­s“ sein (Küp­pers-Braun 1998, S. 74). Ver­wais­te Kin­der wur­den hier im ka­tho­li­schen Glau­ben er­zo­gen, die Je­sui­ten er­hiel­ten ei­ne neue Nie­der­las­sung und die Für­stäb­tis­sin ei­ne wei­te­re Re­si­denz.

Wie vie­le ih­rer Vor­gän­ge­rin­nen re­si­dier­te Fran­zis­ka Chris­ti­ne vor­zugs­wei­se auf Schloss Bor­beck (heu­te Stadt Es­sen), das ihr sei­ne heu­ti­ge Ge­stalt ver­dankt. Da die Re­si­denz in den Es­se­ner Ab­tei­ge­bäu­den in ei­nem schlech­ten Zu­stand war, kam ihr die neue Re­si­denz in Stee­le sehr ge­le­gen. Vor al­lem ih­re letz­ten Le­bens­jah­re ver­brach­te sie be­schei­den mit ei­nem klei­nen, we­nig re­prä­sen­ta­ti­ven „Hof­staa­t“. Am ehes­ten ent­sprach noch Fran­zis­ka Chris­ti­nes Kam­mer­mohr fürst­li­cher Re­prä­sen­ta­ti­on: Igna­ti­us Frie­de­ri­cus Ma­xi­mi­li­an, wie man ihn in Es­sen tauf­te, stand von 1737 bis zum ih­rem Tod in ih­ren Diens­ten. Ne­ben ih­rem Beicht­va­ter ge­noss er ei­ne be­son­de­re Ver­trau­ens­stel­lung und durf­te nach ih­rem Tod im Wai­sen­haus ver­blei­ben. Als er 1789 starb, wur­de er als ei­ner ih­rer wich­tigs­ten Be­glei­ter na­he ih­rem Grab in der Kir­che des Wai­sen­hau­ses bei­ge­setzt.

Fran­zis­ka Chris­ti­ne starb am 16.7.1776 im Al­ter von 80 Jah­ren, kurz vor ih­rem 50-jäh­ri­gen Re­gie­rungs­ju­bi­lä­um. Ihr Leich­nam wur­de zu­nächst im Au­di­enz­saal der Ab­tei in Es­sen un­ter ei­nem Bal­da­chin auf­ge­bahrt. Zwei Ta­ge spä­ter wur­de sie, ent­spre­chend ih­ren tes­ta­men­ta­ri­schen Vor­ga­ben, in der Mit­te der Ka­pel­le des Wai­sen­hau­ses bei­ge­setzt.

Literatur

Frie­de­richs, Ot­to, Die Fürs­tin Fran­zis­ka Chris­ti­ne-Stif­tung in Es­sen-Stee­le, vor­nehm­lich die künst­le­risch wert­vol­len drei Al­tä­re ih­rer Ka­pel­le, in: Das Müns­ter am Hell­we­g 27 (1974), S. 3–18.

Hö­vel­mann, Franz, Die Fürs­tin-Fran­zis­ka-Chris­ti­ne-Stif­tung in Es­sen-Stee­le. 1769–1962, Es­sen 1962.

Küp­pers-Braun, Ute, Fran­zis­ka Chris­ti­ne von Pfalz-Sulz­bach (1726–1776), in: Frau­en des ho­hen Adels im kai­ser­lich-frei­welt­li­chen Da­men­stift Es­sen. Ei­ne ver­fas­sungs- und so­zi­al­ge­schicht­li­che Stu­die. Zu­gleich ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Stif­te Thorn, El­ten, Vre­den und St. Ur­su­la in Köln, Es­sen 1997, S. 152–165.

Küp­pers-Braun, Ute, Fürs­tin-Äb­tis­sin Fran­zis­ka Chris­ti­ne von Pfalz-Sulz­bach (1696-1776), in: Chris­ten an der Ruhr, hg. v. Al­fred Poth­mann und Rei­mund Haas, Band 2, Bot­trop 1998, S. 61–82. Zi­tiert: Küp­pers-Braun 1998.

Küp­pers-Braun, Ute, Macht in Frau­en­hand – 1000 Jah­re Herr­schaft ade­li­ger Frau­en in Es­sen, Es­sen 2002.

Küp­pers-Braun, Ute, Zu häss­lich zum Hei­ra­ten? Ma­ria Ku­ni­gun­de von Sach­sen und Fran­zis­ka Chris­ti­ne von Pfalz-Sulz­bach, in: Ste­la his­to­ri­ca 6 (2010), S. 11–17.

Schilp, Tho­mas, Ar­ti­kel „Es­sen, Stif­t“, in: Nord­rhei­ni­sches Klos­ter­buch, hg. v. Man­fred Gro­ten [u.a.], Band 2, Sieg­burg 2012, S. 296-319.

We­ge­ner, An­drea, Letz­te Blü­te. Aus­stat­tung der Es­se­ner Stifts­kir­chen im 18. Jahr­hun­dert – ein For­schungs­be­richt, in: Frau­en bau­en Eu­ro­pa. In­ter­na­tio­na­le Ver­flech­tun­gen des Frau­en­stifts Es­sen, Es­sen 2011, S. 391–411.

Wappen der Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach über dem Eingang von Schloss Borbeck. (CC-BY-SA)

 
Zitationshinweis

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Wegener, Andrea, Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franziska-christine-von-pfalz-sulzbach/DE-2086/lido/57c6bee94eace7.94756063 (20.10.2018)