Gerhard Fieseler

Flugzeugkonstrukteur (1896-1987)

Vera Bokeloh (Rheinbreitbach)

Gerhard Fieseler mit Vera von Bissing bei den Kunstflugmeisterschaften 1931 in Berlin-Tempelhof. (ADN-Zentralbild-Archiv, Bundesarchiv, Bild 183-H1020-0500-003 / CC-BY-SA)

Der ge­bür­ti­ge Rhein­län­der Ger­hard Fie­seler war ein be­rühm­ter Kunst­flie­ger und Flug­zeug­kon­struk­teur so­wie Grün­der und In­ha­ber der Fie­seler Wer­ke in Kas­sel.

Ger­hard Fie­seler kam am 15.4.1896 in Glesch (heu­te Stadt Berg­heim) bei Köln zur Welt. Sei­ne Mut­ter Ka­tha­ri­na Fie­seler  ge­bo­re­ne Marx (ge­bo­ren 1875), ge­hör­te zu den Orts­an­säs­si­gen, sein Va­ter Au­gust Fie­seler (1872-1959), stamm­te aus Re­ma­gen. Sechs Jah­re nach Ger­hards Ge­burt zog die Fa­mi­lie nach Bonn. Der Va­ter be­saß dort ei­ne Buch­dru­cke­rei, in wel­cher be­reits der jun­ge Fie­seler ge­le­gent­lich mit­ar­bei­te­te. Als äl­tes­tes von elf Kin­dern mach­te er nach Be­en­di­gung der Volks­schu­le, der Ma­ri­en­schu­le an der Heer­stra­ße, im Jahr 1910 ei­ne Aus­bil­dung im el­ter­li­chen Be­trieb. Die Fa­mi­lie konn­te es sich nicht leis­ten, den Sohn auf ein Gym­na­si­um zu schi­cken. Fie­seler in­ter­es­sier­te sich be­reits früh für die Flie­ge­rei und las mit gro­ßem In­ter­es­se al­les, was er an Li­te­ra­tur über Pi­lo­ten und de­ren Flug­ver­su­che auf­trei­ben konn­te. Zu­dem bas­tel­te er be­reits mit zwölf Jah­ren ei­ge­ne Mo­dell­flug­zeu­ge, die er im Bon­ner Hof­gar­ten flie­gen ließ.

Bei Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges 1914 sah sich der Acht­zehn­jäh­ri­ge sei­nem Traum, Flie­ger zu wer­den, ein Stück nä­her. Er mel­de­te sich als Frei­wil­li­ger bei den Flie­ger­ab­tei­lun­gen in Ber­lin-Jo­hann­nis­thal und auf dem Butz­wei­ler Hof in Köln, wur­de je­doch zu­nächst ab­ge­lehnt. Als er es er­neut ver­such­te, schaff­te es der jun­ge Fie­seler, nach der in­fan­te­ris­ti­schen Aus­bil­dung in den mi­li­tä­ri­schen Flug­dienst auf­ge­nom­men zu wer­den. Zu Be­ginn des Jah­res 1915 star­te­te er sei­ne Aus­bil­dung bei der Mi­li­tär­flug­schu­le, die er er­folg­reich ab­sol­vier­te. An sei­nem Er­folg und sei­ner Be­geis­te­rung än­der­te auch ein Ab­sturz nichts, der ihn län­ge­re Zeit ans Bett fes­sel­te.

Sei­nen ers­ten Ein­satz an der Front hat­te Fie­seler im Som­mer 1916 als Be­ob­ach­tungs­flie­ger. Nach sei­ner Be­för­de­rung zum Un­ter­of­fi­zier wech­sel­te er im Mai 1917 an die ma­ze­do­ni­sche Front, wo er als Jagd­flie­ger ein­ge­setzt wur­de und 19 amt­lich an­er­kann­te Luft­sie­ge er­rang, die nicht nur zu sei­ner Be­för­de­rung zum Of­fi­zier führ­ten, son­dern ihm auch den Na­men „Ti­ger von Ma­ze­do­ni­en" ein­brach­ten. Nach dem Ers­ten Welt­krieg ar­bei­te­te Fie­seler vor­über­ge­hend in der Dru­cke­rei sei­nes Va­ters, bis er bald dar­auf in Eschwei­ler ei­nen ei­ge­nen Dru­cke­rei­be­trieb grün­de­te. Hier lern­te er sei­ne spä­te­re Ehe­frau He­le­ne ken­nen. Aus der 1938 ge­schie­de­nen Ehe gin­gen zwei Kin­der her­vor, Sohn Man­fred (ge­stor­ben 1944) und Toch­ter Ka­tha­ri­na (1918/1919-1944).

Die Flie­ge­rei fes­sel­te ihn je­doch nach wie vor und ließ ihn vor al­lem die Ent­wick­lun­gen des Kunst­flugs ge­spannt wei­ter­ver­fol­gen. 1922 wur­de das im Ver­sailler Ver­trag fest­ge­leg­te Flug­ver­bot für Deutsch­land auf­ge­ho­ben. Drei Jah­re spä­ter wag­te es Fie­seler, sei­ner Lei­den­schaft nach­zu­ge­ben und die Buch­dru­cke­rei hin­ter sich zu las­sen. Er ver­pach­te­te sein Ge­schäft in Eschwei­ler und ver­ließ das hei­mat­li­che Rhein­land, um in Kas­sel an­säs­sig zu wer­den. Dort stieg er als Ge­sell­schaf­ter in die Flug­zeug­bau­fir­ma „Raab-Kat­zen­stein" ein, für wel­che er fort­an vor al­lem als Flug­leh­rer ar­bei­te­te. Zu sei­nen Auf­ga­ben ge­hör­ten da­ne­ben die Durch­füh­rung und Mit­ge­stal­tung von Flug­ta­gen. Ein Jahr spä­ter kam es zwi­schen Fie­seler und dem Werk zu Span­nun­gen, in de­ren Fol­ge Fie­seler 1927 aus der Fir­ma aus­schied.

Für Fie­seler be­gann nun ein neu­er Ab­schnitt in sei­nen Le­ben. Die nächs­ten Jah­re wid­me­te er sich vol­ler Lei­den­schaft dem Kunst­flug, in dem er sich bald ei­nen Na­men mach­te. Sei­ne Er­fol­ge wa­ren be­acht­lich. Mehr­fach er­rang er den Ti­tel ei­nes deut­schen Meis­ters, doch auch auf in­ter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben mach­te er ei­ne gu­te Fi­gur. So wur­de er nicht nur zwei­mal Eu­ro­pa­meis­ter, son­dern schaff­te es 1934 so­gar an die Welt­spit­ze des Kunst­flugs. Nach die­sem Tri­umph be­en­de­te er sei­ne Kar­rie­re als Kunst­flie­ger, um sich fort­an dem Flug­zeug­bau zu wid­men. Das be­nö­tig­te Ka­pi­tal schöpf­te er un­ter an­de­rem aus den Ein­nah­men der Kunst­flie­ge­rei. Sein ho­hes Ein­kom­men hat­te ihm den Kauf ei­ner Se­gel­flug­zeug­fa­brik bei Kas­sel er­mög­licht. Am 1.4.1930 fand auf die­ser Ba­sis die Grün­dung der Fie­seler Flug­zeug­wer­ke statt.

Nach sei­ner Welt­meis­ter­schaft im Ju­ni 1934 galt sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit dem Auf­bau sei­ner Fir­ma. Die­se hat­te nach ih­rer Grün­dung zu­nächst mit An­lauf­schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen ge­habt, da die Auf­trags­la­ge schlecht war. Vor al­lem die Auf­la­gen des Ver­sailler Ver­tra­ges sorg­ten für tech­ni­sche Ein­schrän­kun­gen bei der Ent­wick­lung von Flug­zeu­gen in­ner­halb Deutsch­lands. Auf­schwung er­hielt die Luft­fahrt­in­dus­trie nach Hit­lers „Macht­er­grei­fung" im Jahr 1933. Das Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­ri­um be­auf­trag­te Fie­seler bald da­nach mit der Ent­wick­lung ei­nes Flug­zeu­ges für den Eu­ro­pa-Rund­flug 1934; es folg­te ein Se­ri­en­auf­trag für den Bau von Schul­flug­zeu­gen. Die Fie­seler-Wer­ke fass­ten lang­sam Fuß. Auf Wunsch des Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­ri­ums wur­den sie in die „Fie­seler-Flug­zeug­bau­fir­ma GmbH" um­ge­wan­delt, die als Fa­mi­li­en­be­trieb von Fie­seler selbst und sei­ner Frau ge­lei­tet wur­den. 1936 ge­lang dem Un­ter­neh­men die Ent­wick­lung der be­rühm­ten Fi 156, die als „Fie­seler Storch" gro­ßes Auf­se­hen er­reg­te. Das Flug­zeug, das auf der Flug­schau in Zü­rich der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wur­de, zeich­ne­te sich vor al­lem da­durch aus, dass es den Lang­sam­flug be­herrsch­te und auf kleins­tem Raum star­ten oder lan­den konn­te. Nach die­sem Er­folg ging es mit dem Be­trieb wei­ter berg­auf. Die Pro­duk­ti­ons­flä­che wur­de er­wei­tert und neue Fach­ar­bei­ter wur­den ein­ge­stellt. Die­se Ver­grö­ße­rung konn­te je­doch nur durch staat­li­che Gel­der fi­nan­ziert wer­den, was zu ei­ner Ab­tre­tung von Fir­men­an­tei­len an den Staat und so­mit zu ei­ner Ver­zah­nung mit dem NS-Re­gime führ­te. Be­reits am 1.5.1933 war Ger­hard Fie­seler in die NS­DAP ein­ge­tre­ten. Spä­ter be­grün­de­te er dies mit der schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Si­tua­ti­on Deutsch­lands wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Die Angst vor dem Kom­mu­nis­mus ha­be auch ihn da­zu be­wo­gen, Hit­ler den Vor­zug zu ge­ben. Dar­über hin­aus schloss er aus dem Er­geb­nis bei der Reichs­tags­wahl im März 1933, dass das Volk hin­ter Hit­ler stand. Im De­zem­ber 1937 er­hielt Fie­seler die bei­den Eh­ren­ti­tel des NSFK-Stan­dar­ten­füh­rers so­wie des Wehr­wirt­schafts­füh­rers. Letz­te­re wa­ren meist Be­triebs­füh­rer kriegs­wich­ti­ger Un­ter­neh­men. Auch wenn Ti­tel die­ser Art oh­ne Ein­wil­li­gung der Be­trof­fe­nen ver­lie­hen wur­den, stand Fie­seler der Ver­ga­be ver­mut­lich nicht ab­leh­nend ge­gen­über, wa­ren sie doch Aus­druck der An­er­ken­nung des Re­gimes für sein En­ga­ge­ment und sei­ne Leis­tun­gen als Flug­zeug­bau­er. Da er je­doch zu ei­nem re­la­tiv frü­hen Zeit­punkt zum Wehr­wirt­schafts­füh­rer er­nannt wur­de, lässt sich da­durch nicht au­to­ma­tisch auf ei­ne Über­ein­stim­mung mit der NS-Ideo­lo­gie schlie­ßen. Die Fie­seler-Wer­ke fun­gier­ten fort­an als be­deu­ten­der Rüs­tungs­kon­zern für die deut­sche Luft­waf­fe. Ne­ben dem Bau von Jagd­flug­zeu­gen stand die Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on der so ge­nann­ten V1-Ra­ke­te im Vor­der­grund. Ob­wohl sich Fie­selers Ein­stel­lung zur NS­DAP seit Kriegs­be­ginn wan­del­te, fin­den sich in sei­nen Re­den an die Be­leg­schaft aus die­ser Zeit na­tio­na­lis­ti­sche Phra­sen. Der Krieg wird ge­recht­fer­tigt, die Er­fol­ge im Os­ten wer­den ge­lobt und die Leis­tun­gen Hit­lers für das Volk an­er­kannt. Laut Fie­seler wur­de er so­wohl zu die­sen Tex­ten als auch zur Ein­stel­lung von Zwangs­ar­bei­tern ge­zwun­gen. Er selbst trug kein Par­tei­ab­zei­chen, leg­te die NSFK-Uni­form nur sel­ten an und hing kei­ne Bil­der von Na­zi­grö­ßen im Haus auf. Auch gab es ihm zu­fol­ge kei­ne Be­vor­zu­gung auf­grund der Par­tei­mit­glied­schaft. Ob dies je­doch aus­reicht, um ihn als Geg­ner des Re­gimes aus­zu­wei­sen, ist zwei­fel­haft. Als 1944 die Pro­duk­ti­ons­leis­tung deut­lich hin­ter den An­for­de­run­gen der Luft­waf­fe zu­rück blieb, muss­te Fie­seler letzt­lich sei­ne Ab­set­zung als Be­triebs­füh­rer ak­zep­tie­ren. Spä­ter gab er an, we­gen be­wuss­ter Ver­zö­ge­rung der Pro­duk­ti­on von Jagd­flug­zeu­gen ab­ge­löst wor­den zu sein.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de das Ver­mö­gen der Fir­ma treu­hän­disch ver­wal­tet und un­ter ame­ri­ka­ni­sche Auf­sicht ge­stellt. Fie­seler muss­te sich auf­grund sei­ner Be­tei­li­gung an der NS-Rüs­tungs­in­dus­trie ei­nem Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren un­ter­zie­hen. Er wur­de vor Ge­richt frei­ge­spro­chen und auch das Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­gen ihn wur­de ein­ge­stellt, so dass er seit An­fang 1950 sei­ne Wer­ke wei­ter­füh­ren konn­te. Was sei­ne Ver­bin­dung zum NS-Re­gime be­trifft, lässt sich ab­schlie­ßend wohl sa­gen, dass er dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an­fangs auf­ge­schlos­sen ge­gen­über stand, da er Vor­tei­le für die In­dus­trie ins­ge­samt und für den Flug­zeug­bau im Spe­zi­el­len sah. Im Prin­zip je­doch nicht über­mä­ßig po­li­tisch en­ga­giert, ge­hör­te er kaum zu den Ex­po­nen­ten des Re­gimes. Nach­dem er 1951 end­gül­tig die Wei­ter­füh­rung sei­nes Be­triebs er­rei­chen konn­te, be­gann er mit der Pro­duk­ti­on von Fens­tern, Klein­mö­beln und Be­leuch­tungs­kör­pern. Ne­ben­bei führ­te er ein klei­nes Ho­tel. 1958 gab Fie­seler je­doch sei­ne Un­ter­neh­mer­tä­tig­keit auf, 1966 folg­te die Schlie­ßung des Ho­tels. Die GmbH wur­de drei Jah­re spä­ter in ei­ne Per­so­nen­ge­sell­schaft um­ge­wan­delt, de­ren Ver­mö­gen Ger­hard Fie­seler voll­stän­dig in sei­ne 1979/1980 ge­grün­de­te Stif­tung ein­brach­te.

Fie­seler starb am 1.9.1987 im Al­ter von 91 Jah­ren in Kas­sel. Sei­nem Wunsch ge­mäß wur­de er auf dem dor­ti­gen Haupt­fried­hof mit al­len mi­li­tä­ri­schen Eh­ren bei­ge­setzt. In Berg­heim-Glesch wur­de ei­ne Stra­ße nach dem be­rühm­ten Sohn be­nannt.

Werke

Ge­flü­gel­te Wor­te. Ei­ne Plau­de­rei über Flie­ger­spra­che, Kunst­flug und Flug­mo­to­ren, Ham­burg 1932.

Mei­ne Bahn am Him­mel: der Er­bau­er des Fie­seler Storch und der V1 er­zählt sein Le­ben, 2. Auf­la­ge, Mün­chen 1982.

Welt­meis­ter­schaft im Kunst­flug, in: Star­ten und Flie­gen. Jahr­buch der Luft­fahrt und Flug­tech­nik 3 (1958), S. 76-84.

Literatur (Auswahl)

Cre­mer, Wil­lem, Ger­hard Fie­seler, der „Stor­chen­va­ter" aus Glesch, in: Ge­schich­te in Berg­heim 8 (1999), S. 162-170.

Schnei­der, Heinz-Die­ter/Mück­ler, Jörg, Ger­hard Fie­selers Weg :vom Kunst­flug­welt­meis­ter zum Rüs­tungs­schmied, in: Flie­ger-Re­vue. Ma­ga­zin für Luft- und Raum­fahrt 57 (2009), S. 56-59.

Wie­der­hold, Thors­ten, Ger­hard Fie­seler – ei­ne Kar­rie­re. Ein Wirt­schafts­füh­rer im Diens­te des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Kas­sel 2003.

Wie­der­hold, Thors­ten, Ein „na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Mus­ter­be­trieb": die Ger­hard Fie­seler Wer­ke, in: Schmidt-Os­ter­berg, Su­san­ne (Red.), Streif­zü­ge durch 900 Jah­re Orts­ge­schich­te. Crum­bach und Ochs­hau­sen 1102-2002, Loh­fel­den 2001, S. 218-223.

Filmdokumentation

Kos­sin, Wer­ner/Roth, Karl-Heinz/Ro­sen, An­dre­as, Ger­hard Fie­seler: sein Le­ben, sei­ne Fir­ma und kein En­de, 2006.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Bokeloh, Vera, Gerhard Fieseler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gerhard-fieseler-/DE-2086/lido/57c6ad252ee636.19870649 (18.07.2018)