Gisbert Longolius

Humanist und Arzt (1507-1543)

Martin Bock (Frechen)

Gisbert Longolius, Holzschnitt aus der „Prosopographia heroum atque illustrium virorum totius Germaniae“ des Heinrich Pantaleon (1522-1595), 1565–66.

Das Stre­ben nach To­le­ranz und Ge­wis­sens­frei­heit und die Su­che nach ei­nem ver­bes­ser­ten Da­sein des Men­schen kenn­zeich­nen den Hu­ma­nis­mus als an an­ti­ken Vor­bil­dern ori­en­tier­te Welt­an­schau­ung im 15. und 16. Jahr­hun­dert. Da­bei ge­riert er zu­neh­mend zwi­schen die Fron­ten des Glau­bens­kamp­fes und häu­fig auch in Op­po­si­ti­on zu der in mit­tel­al­ter­lich-scho­las­ti­scher Star­re ver­har­ren­den alt­gläu­big-ka­tho­li­schen Par­tei. Le­bens­läu­fe wie die des Gis­bert Lon­go­li­us zei­gen, welch gro­ße Span­nung ge­ra­de die Ge­lehr­ten die­ser Zeit aus­zu­hal­ten hat­ten, aber auch, dass sie sie aus­hal­ten konn­ten, oh­ne selbst ei­ner von zwei Sei­ten zu­ge­ord­net wer­den zu müs­sen, son­dern tat­säch­lich am in­ne­ren Kern der Re­for­ma­ti­on, der auf die Ver­bes­se­rung der geist­li­chen Le­bens­welt der Men­schen und nicht ih­re Spal­tung ab­ziel­te, ori­en­tiert wa­ren.

Lon­go­li­us stamm­te aus der al­ten Ut­rech­ter Adels­fa­mi­lie von Lan­ge­rack, über die frei­lich nur we­nig Ge­nau­es be­kannt ist. Sie stamm­te wohl von der in der Graf­schaft Mark an­säs­si­gen Fa­mi­lie von Goy ab und konn­te im 14. und 15. Jahr­hun­dert mehr­fach das Burg­gra­fen­amt in Ut­recht, das in die­ser Zeit als re­li­giö­ses Zen­trum der Nie­der­lan­de und auch als Han­dels­me­tro­po­le ei­ne Blü­te­zeit er­leb­te, be­klei­den. Die Fa­mi­lie als Teil des Stadt­pa­tri­zi­ats wird nicht un­ver­mö­gend ge­we­sen sein. Al­ler­dings ver­zweig­te sie sich in meh­re­re Äs­te, teils durch il­le­gi­ti­me Ab­stam­mung. So war Lon­go­li­us, 1507 ge­bo­ren als Gis­bert van Lan­ge­rack, ver­mut­lich ein Sohn Mech­telt van Ba­ten­borchs (ge­stor­ben 1548) und Ger­rit van Lan­ge­racks, der wie­der­um ein un­ehe­li­cher Sohn des Ut­rech­ter Rats­herrn Gis­bert van Lan­ge­rack (ge­stor­ben 1500) war.

An der Dom­schu­le St. Mar­tin er­hielt Gis­bert ei­ne stan­des­ge­mä­ße Aus­bil­dung, be­vor er mit 17 Jah­ren nach Köln ging, um dor­t ­s­ei­ne Stu­di­en auf­zu­neh­men. Am Rhein wirk­te zu die­ser Zeit noch der Skan­dal um die Dun­kel­män­ner­brie­fe nach, in de­nen die al­te scho­las­ti­sche Leh­re sa­ti­risch an­ge­grif­fen und de­ren Ver­brei­tung schlie­ß­lich durch Papst Leo X. (1475-1521, Pon­fi­kat 1513-1521) ver­bo­ten wor­den war, nach. Weil die Köl­ner Uni­ver­si­tät sich da­mit der auf­kom­men­den hu­ma­nis­ti­schen Leh­re deut­lich ver­wehr­te, sank ih­re Be­liebt­heit und mit ihr die Stu­den­ten­zahl um et­wa die Hälf­te.

In die­sem Um­feld al­so be­gann der jun­ge Edel­mann am 23.6.1524 sein Stu­di­um an der Lau­ren­ti­aner­bur­se, die in der spät­scho­las­ti­schen Tra­di­ti­on Ar­nolds von Ton­gern (um 1470-1540) stand. Hier er­warb er am 15.11.1525 das Bak­ka­lau­re­at und am 3.4. 1527 den Ma­gis­ter­grad. Es ist al­ler­dings un­be­kannt, wie Lon­go­li­us die Zeit da­nach ver­brach­te. Mög­li­cher­wei­se er­leb­te er die Ver­fol­gung der Lu­the­ra­ner in Köln, die et­wa in der Hin­rich­tun­g Adolf Cla­ren­bachs und Pe­ter Flieste­den­s (ge­stor­ben 1529) ei­nen Hö­he­punkt fand, mit und fühl­te sich da­von ab­ge­sto­ßen, viel­leicht ge­lang­te er auch ent­ge­gen sei­ner aka­de­mi­schen Prä­gung aus wis­sen­schaft­li­cher Ein­sicht zum Hu­ma­nis­mus. Je­den­falls be­müh­te Lon­go­li­us sich in den fol­gen­den Jah­ren um ei­ne tie­fe­re Bil­dung und auch um Nä­he zu be­kann­ten hu­ma­nis­ti­schen Ge­lehr­ten.

Äu­ße­rer Aus­druck die­ses Stre­bens ist die Be­nen­nung nach Chris­to­phe de Lon­gueil (1490-1522), ei­nes aus Me­cheln stam­men­den Ju­ris­ten, der sich spä­ter in Pa­dua dem Stu­di­um und der Edi­ti­on an­ti­ker Schrif­ten, vor al­lem Ci­ce­ros, ver­schrieb, im Üb­ri­gen aber kaum von sich re­den mach­te. Lon­go­li­us muss sei­ne Ar­beit wäh­rend ei­ner län­ge­ren Ita­li­en­rei­se 1534/1535 ken­nen und schät­zen ge­lernt ha­ben und nahm Lon­gueils Na­men in der la­ti­ni­sier­ten Form an.

Wäh­rend sei­ner Rei­se stu­dier­te Lon­go­li­us un­ter an­de­rem in Bo­lo­gna und Fer­ra­ra, dort ge­mein­sam mit Jo­han­nes Si­na­pi­us (1505-1560), ei­nem aus Schwein­furt stam­men­den Grä­zis­ten und Arzt – nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen schle­si­schen His­to­ri­ker des 17. Jahr­hun­derts –, der es zu ei­ni­ger Be­kannt­heit ge­bracht hat­te. Mög­lich ist, dass er sich bei oder mit Si­na­pi­us zum Dok­tor der Me­di­zin pro­mo­vier­te, je­den­falls eig­ne­te er sich gründ­li­che Kennt­nis­se auf die­sem Ge­biet an, die ihm sei­ne spä­te­re Tä­tig­keit er­laub­ten.

Als er näm­lich 1535, nach ei­nem kur­zen Be­such bei Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469-1536) in Ba­sel, in sei­ne Hei­mat zu­rück­kehr­te, über­nahm er ei­ne Stel­le als Stadt­phy­si­kus in Deven­ter und war da­mit für die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Stadt ver­ant­wort­lich, je­doch nur für kur­ze Zeit, denn bald schon über­nahm er die Lei­tung des dor­ti­gen Athen­ae­ums, der Schu­le, an der füh­ren­de In­tel­lek­tu­el­le des Spät­mit­tel­al­ters ge­lernt und ge­lehrt hat­ten: ne­ben Eras­mus un­ter an­de­rem Ge­ert Groo­te (1340-1384), Tho­mas von Kem­pen oder Ni­ko­laus von Ku­es.

Die Über­nah­me des Rek­to­rats deu­tet dar­auf hin, dass Lon­go­li­us, ob­wohl ihm wahr­schein­lich hö­he­re aka­de­mi­sche Wei­hen fehl­ten, ein viel­sei­tig ge­bil­de­ter und in­ter­es­sier­ter Ge­lehr­ter war. Ne­ben sei­ner Tä­tig­keit auf dem Ge­biet der Me­di­zin be­schäf­tig­te er sich mit der Her­aus­ga­be von Schrif­ten klas­si­scher Au­to­ren und setz­te auch bil­dungs­po­li­tisch mit ei­ner neu­en Schul­ord­nung für das Deven­ter Gym­na­si­um Maß­stä­be. Theo­lo­gisch zeig­te er sich of­fen für die neue Leh­re und kor­re­spon­dier­te mit Phil­ipp Me­lan­chthon (1497-1560) und Joa­chim Ca­me­ra­ri­us (1500-1574). Ob­wohl er for­mal alt­gläu­big-ka­tho­lisch blieb, nä­her­te er sich der Sei­te der Re­for­ma­ti­on so im­mer wei­ter an.

Im Jahr 1538 er­reich­te ihn ein Ruf des Köl­ner Stadt­rats, um die va­kan­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sur für Grie­chisch zu be­set­zen, das in der Zeit der scho­las­ti­schen Leh­re eher ver­nach­läs­sigt wor­den war und des­sen Stär­kung jetzt ins­be­son­de­re in der bil­dungs­hung­ri­gen Stu­den­ten­schaft ge­for­dert wur­de. Si­cher­lich schwang mit der Be­ru­fung von Lon­go­li­us auch die Hoff­nung mit, nicht nur ein Fach, son­dern die gan­ze Uni­ver­si­tät zu re­for­mie­ren und der hu­ma­nis­ti­schen Leh­re zu öff­nen. Dies ge­lang Lon­go­li­us je­doch kei­nes­wegs, und er scheint auch kei­ne kon­kre­ten Schrit­te in die­se Rich­tung un­ter­nom­men zu ha­ben. Gleich­wohl ge­riet er in Streit mit der Mehr­heit der Pro­fes­so­ren und Geist­lich­keit, trug die­sen je­doch nicht of­fen aus. Statt­des­sen be­schäf­tig­te er sich vor al­lem mit der Na­tur­kun­de und ver­fass­te sei­nen „Dia­lo­gus de avi­bus“, der, ob­wohl nur als Frag­ment er­hal­ten, im­mer noch zu den wich­tigs­ten Quel­len zur Zoo­lo­gie von Hüh­ner­vö­geln zählt.

Wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit in Köln stand Lon­go­li­us auch in en­gem Kon­takt zu Kur­fürst und Erz­bi­schof Her­mann von Wied. Be­reits zu Zei­ten ­s­ei­ner Ita­li­en-Rei­se hat­te er Her­mann über den Jü­li­cher Ge­lehr­ten Jo­han­nes Cä­sa­ri­us (um 1468-1550) ken­nen ge­lernt und ihn mit sei­ner Ge­lehrt­heit und sei­nen Fä­hig­kei­ten be­ein­druckt. Nun stand er ihm nicht nur als Leib­arzt zur Sei­te, son­dern auch als ge­schätz­ter Ge­sprächs­part­ner und Rat­ge­ber. Her­manns Ver­such, da­s Erz­stift zu re­for­mie­ren, der ja an­ders als in vie­len an­de­ren Fäl­len kei­nem po­li­ti­schen oder per­sön­li­chen In­ter­es­se ent­sprang, son­dern ei­ner über Jah­re ge­reif­ten Über­zeu­gung, ist da­mit wohl auch auf Lon­go­li­us zu­rück­zu­füh­ren.

Noch be­vor die­ser Re­for­ma­ti­ons­ver­such im Jahr 1543 schei­ter­te, ver­ließ Lon­go­li­us Köln al­ler­dings in Rich­tung Ros­tock, um dort die Uni­ver­si­tät zu re­for­mie­ren, ei­ne si­cher­lich weit­aus aus­sichts­rei­che­re und da­mit at­trak­ti­ve­re Auf­ga­be als in Köln. Be­glei­tet wur­de er da­bei von Jo­han­nes Bronck­horst, ge­nannt No­vio­ma­gus (1494-1570), mit dem er sein schon in Deven­ter er­prob­tes Bil­dungs­kon­zept ver­schrift­lich­te. Es sah ei­nen drei­tei­li­gen Aus­bil­dungs­gang vom Päd­ago­gi­um für grund­le­gen­de Kennt­nis­se über das Gym­na­si­um zur Er­lan­gung der Stu­di­en­rei­fe et­wa durch die Be­schäf­ti­gung mit an­ti­ken Spra­chen, Rhe­to­rik und Lo­gik bis hin zur Uni­ver­si­tät vor, ein durch­aus mo­der­nes Cur­ri­cu­lum al­so, das Lon­go­li­us aber nicht mehr selbst ver­wirk­li­chen konn­te. 

Im Früh­jahr 1543 kehr­te er noch ein­mal nach Köln zu­rück, um sei­ne um­fang­rei­che Pri­vat­bi­blio­thek nach Ros­tock zu ho­len, de­ren Res­te im Üb­ri­gen heu­te in der Düs­sel­dor­fer Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek zu fin­den sind. Hier starb er über­ra­schend am 30. Mai; die Stadt­geist­lich­keit und auch die Uni­ver­si­tät boy­kot­tier­ten sei­ne Bei­set­zung, wes­halb er von Me­lan­chthon un­d Mar­tin Bu­cer in Bonn un­ter Dar­rei­chung der Kom­mu­ni­on in bei­der­lei Ge­stalt be­er­digt wur­de. Lon­go­li­us gal­t da­mit end­gül­tig als Hä­re­ti­ker und wur­de von der pro­tes­tan­tisch-re­for­mier­ten Ge­schichts­schrei­bung, et­wa vom cal­vi­nis­ti­schen His­to­ri­ker Ja­kob Re­vi­us (1586-1658), ver­ein­nahmt.

Dass die­se ein­sei­ti­ge Ver­or­tung von Lon­go­li­us sei­nem Le­ben und Werk nicht ge­recht wird, mag viel­leicht am ehes­ten Pie­tro Bem­bo (1470-1547) zei­gen, der nicht nur hu­ma­nis­ti­scher Ge­lehr­ter war, son­dern auch Kar­di­nal der rö­mi­schen Ku­rie. Die 1540 er­schie­ne­ne Aus­ga­be sei­ner Brie­fe als Se­kre­tär Papst Le­os X. ver­sah er mit drei Zu­ga­ben: ei­ne für Eras­mus von Rot­ter­dam, ei­ne zwei­te für Guil­lau­me Bu­dé (1468-1540), ei­nem her­aus­ra­gen­den Ge­lehr­ten am Ho­fe des fran­zö­si­schen Kö­nigs Franz I. (1494-1547) und ei­ne letz­te für Gis­bert Lon­go­li­us, der da­mit schon im Ur­teil sei­ner Zeit­ge­nos­sen als ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Wis­sen­schaft­ler des 16. Jahr­hun­derts galt.

Werke (Auswahl)

Dia­lo­gus de avi­bus et ear­um no­mi­ni­bus Gra­ecis, La­ti­nis, et Ger­ma­ni­cis, 1544.

Stu­dii lit­te­ra­rii pu­bli­ci in aka­de­mia Ros­to­chi­en­si di­li­gens et ac­cu­ra­ta re­stau­ra­tio, 1544.

Literatur

Fin­ger, Heinz, Gis­bert Lon­go­li­us. Ein nie­der­rhei­ni­scher Hu­ma­nist, Düs­sel­dorf 1990.

Fin­ger, Heinz, Die Son­der­stel­lung des nie­der­rhei­ni­schen Hu­ma­nis­mus und der Arzt­phi­lo­lo­ge Gis­bert Lon­go­li­us, in: Düs­sel­dor­fer Jahr­buch 62 (1990), S. 11-67.

Frei­tä­ger, An­dre­as, Der Ita­li­en­auf­ent­halt des Gis­bert Lon­go­li­us und sei­ne Köl­ner Grie­chisch-Pro­fes­sur, in: Düs­sel­dor­fer Jahr­buch 68 (1997), S. 57-75. 

Online

Fin­ger, Heinz/Ben­ger, Ani­ta, Der Köl­ner Pro­fes­sor Gis­bert Lon­go­li­us, Leib­arzt Erz­bi­schof Her­manns von Wied, und die Res­te sei­ner Bi­blio­thek in der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Düs­sel­dorf, Düs­sel­dorf 1987. [On­line]

Krau­se, Karl, „Lon­go­li­us, Gis­ber­t“, in: All­ge­mein­de Deut­sche Bio­gra­phie 19 (1884), S. 155-156. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Gisbert Longolius, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gisbert-longolius/DE-2086/lido/57c94323d70de7.04457053 (23.06.2018)