Grete Fluss

Sängerin und Schauspielerin (1892-1964)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Grete Fluss in einer ihrer zahlreichen Revuen.

Gre­te Fluss war ei­ne über die Gren­zen des Rhein­lan­des hin­aus be­kann­te Hu­mo­ris­tin und Re­vu­e­sän­ge­rin. Heu­te in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, galt sie schon vor dem Zwei­ten Welt­krieg ne­ben Wil­li Os­ter­mann als die po­pu­lärs­te Re­prä­sen­tan­tin des Kölner Kar­ne­vals. Wäh­rend ih­rer ins­ge­samt mehr als 50-jäh­ri­gen Büh­nen­kar­rie­re ver­lieh sie ins­be­son­de­re den Köl­ner Kar­ne­vals­re­vu­en ihr un­ver­wech­sel­ba­res Ge­prä­ge.

Gre­te Fluss wur­de am 6.1.1892 als neun­tes von 24 Kin­dern des Pols­terers und Koh­len­händ­lers An­ton Fluss und sei­ner Frau Ur­su­la im Köl­ner Ar­men­vier­tel „Un­ter Krah­nen­bäu­men“ ge­bo­ren. Die künst­le­ri­sche Be­ga­bung schien ihr in die Wie­ge ge­legt wor­den zu sein: Wäh­rend ihr Gro­ßva­ter ei­ne Tanz­schu­le lei­te­te, trat ihr Va­ter als Pia­nist und Gei­ger bei Volks­fes­ten und Kir­mes­ver­an­stal­tun­gen auf, um sei­ne gro­ße Fa­mi­lie er­näh­ren zu kön­nen. Ih­re Brü­der Wil­li und An­ton (ge­stor­ben 1943) wur­den als Pia­nis­ten be­kannt.

Be­reits im Jahr 1906 fei­er­te Gre­te Fluss auf ei­ner Ver­an­stal­tung der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft „Grees­ber­ger“ im „Frän­ki­schen Hof“ in Köln ei­ne er­folg­rei­che Pre­mie­re als Lie­der­sän­ge­rin. Nach dem Be­such der Volks­schu­le wur­de sie 1907 mit ih­ren Ge­schwis­tern An­ton und Ju­lia in das Künst­ler­en­sem­ble des Ka­pell­meis­ters Hein­rich Körf­gen auf­ge­nom­men. So­wohl an den um­ju­bel­ten Auf­trit­ten im „Co­los­se­um“ in der Schil­der­gas­se, als auch am Er­folg des En­sem­bles au­ßer­halb der Köl­ner Stadt­gren­zen hat­te die mu­si­ka­lisch und schau­spie­le­risch hoch­be­gab­te Gre­te Fluss ei­nen we­sent­li­chen An­teil.

Mit ih­ren bei­den Ge­schwis­tern trat sie zu­nächst auch auf Volks­fes­ten auf. Hier lern­te sie ne­ben ih­rer Schlag­fer­tig­keit auch ihr aus­ge­präg­tes Im­pro­vi­sa­ti­ons­ta­lent zu ent­fal­ten und im Spiel mit ei­nem un­be­re­chen­ba­ren Pu­bli­kum ei­ne ein­neh­men­de Büh­nen­prä­senz zu ent­wi­ckeln, die zeit­le­bens zu ih­rem Mar­ken­zei­chen wer­den soll­te. Die­se Fä­hig­kei­ten lie­ßen sie wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges auch zu ei­ner Pio­nie­rin der Trup­pen­be­treu­ung wer­den. Be­reits ihr ers­tes Gast­spiel bei St. Quen­tin im No­vem­ber 1915 ge­riet zu ei­nem viel­be­ach­te­ten und von der mi­li­tä­ri­schen Füh­rung mit ei­nem Dank­schrei­ben be­dach­ten Er­folg.

Mit ih­ren Vor­trä­gen und Ge­sangs­auf­trit­ten als „Kü­chen­fee“, „Schutz­wei­b“ oder „Blitz­mä­del“ hat­te sich Gre­te Fluss schon ab 1910 ih­ren fes­ten Platz im bis da­hin män­ner­do­mi­nier­ten Köl­ner Kar­ne­val er­kämpft. Sie über­zeug­te aber nach wie vor auch als Ver­tre­te­rin der leich­ten Un­ter­hal­tung, der Ope­ret­te und des Schla­gers. Erst 1917 leg­te sie sich auf An­ra­ten des als „Flie­gen­tü­ten­hein­rich“ be­kannt ge­wor­de­nen Hu­mo­ris­ten Paul Be­ckers (1878-1965) end­gül­tig auf das ko­mö­di­an­ti­sche Gen­re fest.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg bo­ten ihr die „köl­schen Re­vu­en“ ei­ne idea­le Büh­ne, um ih­re schau­spie­le­ri­schen, tän­ze­ri­schen und ge­sang­li­chen Fä­hig­kei­ten zu kom­bi­nie­ren und in un­ver­wech­sel­ba­rer Wei­se aus­zu­spie­len. Auch auf die in­halt­li­che Kon­zep­ti­on der Re­vu­en nahm Gre­te Fluss ge­mein­sam mit dem be­freun­de­ten Au­tor En­gel­bert Sas­sen und dem Kom­po­nis­ten Fritz Han­ne­mann (1868-1932) ma­ß­geb­li­chen Ein­fluss. Be­reits 1913 nach Ber­li­ner und Pa­ri­ser Vor­bild ins Le­ben ge­ru­fen, avan­cier­ten die Re­vu­en in den 1920er Jah­ren zum Er­satz für die durch die Be­sat­zungs­mäch­te ver­bo­te­nen tra­di­tio­nel­len Kar­ne­vals­sit­zun­gen. Die zwi­schen Neu­jahr und Ascher­mitt­woch zu­nächst im „Kris­tall­pa­las­t“ in der Se­ve­rin­stra­ße und ab 1926 im Thea­ter „Groß Köln“ in der Frie­sen­stra­ße täg­lich statt­fin­den­den Vor­stel­lun­gen bil­de­ten ei­ne re­gio­nal­ty­pi­sche Misch­form von Va­rie­té und Kar­ne­vals­sit­zung, die nicht zu­letzt dank Gre­te Fluss zu Glanz­punk­ten in der Ge­schich­te des Köl­ner Kar­ne­vals ge­rie­ten.

Ih­ren ers­ten, viel­um­ju­bel­ten Re­vue­auf­tritt fei­er­te Gre­te Fluss 1919 als Haupt­dar­stel­le­rin in „Jan un Grie­t“ im „Me­tro­pol“ in der Köl­ner Apos­teln­stra­ße. 1930 wur­de „Die Fa­s­tel­ovend­sprin­zes­sin“ ur­auf­ge­führt, in der sie die Ti­tel­rol­le spiel­te und mit dem von Wil­li Os­ter­mann kom­po­nier­ten Ti­tel „Och, wat wor dat frö­her schön doch in Co­lo­ni­a“, der in­of­fi­zi­el­len Hym­ne der Stadt Köln, zu be­geis­tern wuss­te. Zu den Hö­he­punk­ten zähl­te auch ih­re par­odis­ti­sche In­ter­pre­ta­ti­on des „ster­ben­den Schwan­s“ in der Re­vue „Dat sin­gen­de klin­gen­de Köln“ aus dem Jahr 1931. Im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis blieb über­dies die Re­vue "Rund öm de Freud" von 1949 fest ver­an­kert, die im Zir­kus Wil­liams statt­fand und bei der sie die Be­su­cher mit ei­ner Reit­ein­la­ge auf ei­nem Ele­fan­ten be­geis­ter­te. Bis 1956 wirk­te sie in ins­ge­samt 30 Re­vu­en mit. In ih­ren Rol­len als „Mut­ter Co­lo­ni­a“, „Ha­rems­da­me“, „Ma­dam But­ter­fly“, „Ne­ge­rin“, „Aphro­di­te“ oder als „Pe­tro­nell von der Da­men­ka­pel­l“ über­zeug­te sie da­bei stets als Ver­kör­pe­rung und Bot­schaf­te­rin rhei­ni­scher Le­bens­freu­de.

Au­ßer­halb der „fünf­ten Jah­res­zeit“ un­ter­nahm Gre­te Fluss seit den 1920er Jah­ren aus­ge­dehn­te Deutsch­land­tour­ne­en. Nicht zu­letzt dank ih­rer viel­be­ach­te­ten Gast­spie­le in der „Sca­la“ und im „Win­ter­gar­ten“ in Ber­lin galt sie in der Wei­ma­rer Re­pu­blik als ei­ne der po­pu­lärs­ten Künst­le­rin­nen ih­rer Zeit. Die na­tio­na­le Pres­se fei­er­te sie un­ter an­de­rem als „über­spru­deln­de rhei­ni­sche Hu­mo­ris­tin“, als ein „wah­res Kind des le­bens­lus­ti­gen ge­müt­vol­len Rhein­lan­des“ und als „Deutsch­lands bes­ten weib­li­chen Ko­mi­ker.“

Im Lau­fe ih­rer Kar­rie­re ar­bei­te­te sie er­folg­reich mit zahl­rei­chen be­deu­ten­den Au­to­ren und Kom­po­nis­ten ih­rer Hei­mat­stadt zu­sam­men. Zu ih­nen zäh­len Hans Jo­nen (1892-1958), Franz Cho­rus (ge­stor­ben 1952), Ger­hard Ebe­ler (1877-1956) so­wie Hu­bert Ebe­ler (1866-1946), der 1910 für den Text ih­res ers­ten Mund­art­lie­des „Ech ben et Flus­se, Flus­se Grie­t“ ver­ant­wort­lich zeich­ne­te.

Auch nach 1945 bil­de­te Gre­te Fluss das Herz­stück der Köl­ner Re­vu­en, die nun im Va­rie­té­thea­ter „Taz­zel­wur­m“ statt­fan­den und durch ihr Zu­sam­men­wir­ken mit dem Kom­po­nis­ten Gerd Jus­sen­ho­ven ei­ne wei­te­re Blü­te­zeit er­leb­ten. Ihr um­ju­bel­ter Auf­tritt als „Mut­ter Co­lo­ni­a“ im Jahr 1949 an­läss­lich des ers­ten Ro­sen­mon­tags­zu­ges nach dem Zwei­ten Welt­krieg be­leg­te ih­re gro­ße Po­pu­la­ri­tät. Wie bei den vom Stel­lungs­krieg zer­mürb­ten Sol­da­ten von St. Quen­tin im Jahr 1915, so ge­lang es ihr nun auch un­ter der trau­ma­ti­sier­ten Be­völ­ke­rung ih­rer zer­stör­ten Hei­mat­stadt neue Zu­ver­sicht zu ver­brei­ten.

An­läss­lich ih­res 65. Ge­burts­ta­ges am 6.1.1957 fei­er­te die Re­vue „Stell dich je­ck“ im Köl­ner Kai­ser­hof ei­ne be­geis­ter­te Pre­mie­re. 50 Jah­re nach ih­rem ers­ten Auf­tritt be­gann sich Gre­te Fluss da­nach schwe­ren Her­zens von der Büh­ne zu­rück­zu­zie­hen. Nach­dem sie mehr­fach ih­ren Rück­tritt er­klärt hat­te, kehr­te sie im Jahr 1962 letzt­ma­lig für ein Gast­spiel in der Re­vue „Do sid­der paf­f“ auf die Büh­ne zu­rück.

Im Pri­va­ten zeich­ne­te sich Gre­te Fluss durch ei­ne akri­bi­sche und ziel­stre­bi­ge Vor­be­rei­tung ih­rer Auf­trit­te so­wie zeit­le­bens durch ei­ne eben­so dis­zi­pli­nier­te wie spar­sa­me Le­bens­füh­rung aus. Als be­geis­ter­te Stri­cke­rin hat­te sie sich dar­über hin­aus schon in jun­gen Jah­ren ein Hob­by zu­ge­legt, das zu ih­ren ex­tro­ver­tier­ten Auf­trit­ten ei­nen be­mer­kens­wer­ten Kon­trast bil­de­te.

Ih­re letz­ten Le­bens­jah­re ver­brach­te sie an der Sei­te ih­res Ehe­man­nes und Agen­ten Lud­wig West­kamp (ge­stor­ben 1976) in Un­kel, wo sie schon seit den 1930er Jah­ren ne­ben ih­rer Köl­ner Woh­nung am Ho­hen­zol­lern­ring ein Haus be­saß. Hier ver­starb sie am 27.7.1964 nach län­ge­rer Krank­heit. Bei­ge­setzt wur­de sie un­ter gro­ßer An­teil­nah­me der Be­völ­ke­rung und in An­we­sen­heit zahl­rei­cher Weg­ge­fähr­ten auf dem Un­ke­ler Fried­hof.

Literatur

Key, Wil­li, 50 Jah­re Gre­te Fluss, Köln 1956.

Mey­er, Wer­ner, Gre­te Fluss (1892-1964). Sän­ge­rin, Hu­mo­ris­tin und Schau­spie­le­rin, in: Ge­schichts­ver­ein Un­kel e.V. (Hg.), Das Buch der Un­ke­ler Künst­ler, Un­kel 2011, S. 54-61.

Schmidt, Gé­r­ard, Köl­sche Stars, Köln 1992, S. 63-71.

Schmidt, Klaus, Gre­te Fluss, in: Soé­ni­us, Ul­rich S./Wil­helm, Jür­gen (Hg.), Köl­ner Per­so­nen­le­xi­kon, Köln 2008, S. 159.

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Grete Fluss, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/grete-fluss-/DE-2086/lido/57c6be4bd71db9.26173756 (14.11.2018)