Guido Westerwelle

Jurist und liberaler Politiker (1961-2016)

Jürgen Frölich (Gummersbach/Bonn)

Guido Westerwelle während der 'Berlinale' 2011, Premiere des Spielfilmes 'The King's Speech', 16.2.2011.

Der lan­ge Zeit in Bonn le­ben­de und mehr­fach kan­di­die­ren­de Gui­do Wes­ter­wel­le präg­te in den Jah­ren kurz vor der Jahr­tau­send­wen­de und im ers­ten Jahr­zehnt da­nach wie kein an­de­rer den deut­schen Li­be­ra­lis­mus, ge­hör­te zu­gleich aber auch zu den ma­ß­geb­li­chen Per­sön­lich­kei­ten der bun­des­po­li­ti­schen Sze­ne in die­ser Zeit. Sei­ne über 30 Jah­re wäh­ren­de po­li­ti­sche Kar­rie­re wies ei­nen stei­len Auf­stieg vom um­trie­bi­gen Ju­gend­po­li­ti­ker bis zum Au­ßen­mi­nis­ter und Vi­ze­kanz­ler  auf, auf den ein ab­rup­ter Ab­sturz und ein vor­zei­ti­ger, durch ei­ne schwe­re Er­kran­kung her­bei­ge­führ­ter Tod im Al­ter von 54 Jah­ren folg­ten.

 

Ge­bo­ren am 27.12.1961 in Bad Hon­nef wuchs Wes­ter­wel­le in für die­se Zeit et­was un­ge­wöhn­li­chen Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­sen auf: So­wohl der Va­ter Heinz (1930-2013) als auch die Mut­ter Eri­ka (ge­bo­ren 1930) wa­ren aus dem Lip­pi­schen ins Rhein­land zu­ge­reis­te Ju­ris­ten und brach­ten je­weils ei­nen Sohn aus frü­he­ren Be­zie­hun­gen in die Ehe ein, aus der ne­ben Gui­do Wes­ter­wel­le noch ein jün­ge­rer Bru­der her­vor­ge­gan­gen ist. Als sie sich An­fang der 1970er Jah­ren schei­den lie­ßen, sie­del­te der Va­ter, der ne­ben­her Pfer­de züch­te­te und da­mit ei­ne le­bens­lan­ge Vor­lie­be des Soh­nes aus­lös­te, mit al­len Söh­nen nach Bonn über, wo er als al­lein­er­zie­hen­der Straf­ver­tei­di­ger wirk­te. Die schu­li­sche Ent­wick­lung des zweit­jüngs­ten Soh­nes ver­lief nach dem Start auf ei­nem Kö­nigs­win­te­rer Gym­na­si­um über den „Um­we­g“ ei­ner Re­al­schu­le im Nor­den Bonns, ehe er 1980 am re­nom­mier­ten Bon­ner Ernst-Mo­ritz-Arndt-Gym­na­si­um das Ab­itur ab­leg­te.

Ent­ge­gen ei­ge­nen Nei­gun­gen, die zu Kunst und Kunst­ge­schich­te ten­dier­ten und ihn spä­ter zum aus­ge­wie­se­nen Ken­ner zeit­ge­nös­si­scher Kunst wer­den lie­ßen, nahm Wes­ter­wel­le an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Bonn ein Ju­ra­stu­di­um auf, das er mit dem Ers­ten (1987) und Zwei­ten Staats­ex­amen (1991) ab­schloss. 1994 er­warb er mit ei­ner Ar­beit zum Par­tei­en­recht an der Fern­uni­ver­si­tät Ha­gen den Grad ei­nes Dr. jur.

Die­ser Stu­di­en­er­folg war um­so er­staun­li­cher, als Wes­ter­wel­le fast zeit­gleich mit dem Stu­di­en­be­ginn 1980 der FDP bei­ge­tre­ten war und sich dort so­gleich stark en­ga­giert hat­te. Ein wich­ti­ges Mo­tiv da­für wa­ren Er­fah­run­gen als Schü­ler mit ei­nem „Zeit­geis­t“, den er als Nach­wir­kung der stu­den­ti­schen Pro­test­be­we­gung von 1968 wahr­nahm. Da­ge­gen woll­te Wes­ter­wel­le „bür­ger­li­che“ Wer­te set­zen, al­ler­dings nicht in ei­ner kon­ser­va­tiv-rück­wärts­ge­wand­ten, son­dern li­be­ral-plu­ra­lis­ti­schen Aus­prä­gung.

Sein Kampf rich­te­te sich an­fangs vor al­lem ge­gen je­ne, die er als „68er“  an­sah. Da­für stan­den für ihn in der FDP in ers­ter Li­nie die „Deut­schen Jung­de­mo­kra­ten“, die of­fi­zi­el­le, aber nur lo­se ver­bun­de­ne Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on der Par­tei. Wes­ter­wel­le un­ter­stütz­te tat­kräf­tig den Auf­bau ei­nes neu­en Ju­gend­ver­ban­des, der „Jun­gen Li­be­ra­len“. Bei die­sen wur­de er 1981 so­wohl zum Bon­ner Kreis­vor­sit­zen­den als auch zum stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den ge­wählt. 1983 über­nahm er den Bun­des­vor­sitz.

Guido Westerwelle, Wahlkampf zur Landtagswahl 2012 in Hamm, 10.5.2012, Foto: Tim Reckmann.

 

Das er­öff­ne­te auch des­halb Mög­lich­kei­ten zu ei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re, weil die „Ju­lis“ in­zwi­schen no­mi­nell als FDP-Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on an­er­kannt wor­den wa­ren. Als füh­ren­der Ju­li gab Wes­ter­wel­le ers­te Kost­pro­ben sei­nes me­dia­len Ta­lents und galt schnell als der Re­prä­sen­tant der Jun­gen in der FDP, de­ren Bun­des­vor­stand er seit 1988 an­ge­hör­te. Auch wenn er An­fang der 1990er Jah­re den Vor­sitz der Bon­ner FDP über­nahm und zu die­ser Zeit be­reits als Ge­ne­ral­se­kre­tär der Par­tei im Ge­spräch war, blieb es – auch ihm selbst - zu­nächst noch un­klar, ob er sein Le­ben ganz der Po­li­tik wid­men soll­te. Denn 1991 ließ er sich als So­zi­us sei­nes Va­ters in Bonn als An­walt nie­der.

En­de 1994 be­rief ihn aber der FDP-Vor­sit­zen­de Klaus Kin­kel (ge­bo­ren 1936) in ei­ner für die Par­tei schwie­ri­gen Si­tua­ti­on zum Ge­ne­ral­se­kre­tär und gab da­mit den end­gül­ti­gen Start­schuss für ei­ne ra­san­te Kar­rie­re in der deut­schen Po­li­tik; Wes­ter­wel­le wur­de nicht nur zum jüngs­ten, son­dern auch zum am längs­ten am­tie­ren­de Ge­ne­ral­se­kre­tär der Li­be­ra­len, der die­se Po­si­ti­on äu­ßerst ge­schickt als Sprung­brett für sei­ne wei­te­ren po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen nutz­te.

Das gro­ße Ta­lent von Wes­ter­wel­le, „der die Ge­setz­mä­ßig­kei­ten der Me­di­en­de­mo­kra­tie kann­te wie kaum ein an­de­rer“ (Ma­jid Sat­tar), lag ne­ben sei­nen rhe­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten nicht zu­letzt in sei­nem Um­gang mit den Me­di­en ver­schie­dens­ter Art und sei­ner Meis­ter­schaft zur Selbst­dar­stel­lung so­wohl sei­ner Par­tei als auch sei­ner selbst. So ver­schaff­te er der Er­ar­bei­tung ei­nes neu­en Par­tei­pro­gramms stär­ke­re Auf­merk­sam­keit nach au­ßen und brei­te­re Ak­zep­tanz nach in­nen, in­dem er in die Dis­kus­si­on nicht nur die jun­gen Par­tei­mit­glie­der, son­dern auch die „Ve­te­ra­nen“ des als le­gen­där gel­ten­den „Frei­bur­ger Pro­gramms“ von 1971, na­ment­lich des­sen „Va­ter“ Wer­ner Mai­ho­fer (1918-2009) in­te­grier­te.

Die „Wies­ba­de­ner Grund­sät­ze“ von 1997 ver­hin­der­ten zwar nicht ei­nen wei­te­ren Rück­gang der FDP bei der Bun­des­tags­wahl 1998 und das Aus­schei­den aus der Bun­des­re­gie­rung, aber sie bo­ten ei­ne gu­te Grund­la­ge für das von Wes­ter­wel­le – seit 1996 Mit­glied des Deut­schen Bun­des­tags (MdB) - an­ge­streb­te Par­tei­pro­fil jen­seits ei­nes blo­ßen Mehr­heits­be­schaf­fers für ei­nen Kanz­ler der gro­ßen Par­tei­en. Er griff da­bei vie­le Ele­men­te der so­ge­nann­ten „Neo­li­be­ra­lis­mus“ auf, der seit län­ge­rem vor al­lem im an­gel­säch­si­schen Raum dis­ku­tiert wor­den war, un­ter Mag­ret That­cher (1925–2013) und Ro­nald Rea­gan (1911-2004) dort auch Ein­fluss auf Re­gie­rungs­han­deln ge­fun­den hat­te und auf ei­ne um­fas­sen­de Zu­rück­drän­gung des Staa­tes aus dem ge­sell­schaft­li­chen Le­ben, spe­zi­ell der Wirt­schaft ziel­te.

Ent­spre­chend leg­te der Ge­ne­ral­se­kre­tär und spä­te­re Par­tei­vor­sit­zen­de Wes­ter­wel­le den Schwer­punkt auf ei­ne Pro­fi­lie­rung der FDP als wirt­schafts­li­be­ra­le Par­tei, die vor al­lem für al­le ge­sell­schaft­li­chen „Leis­tungs­trä­ger“ und die „Leis­tungs­be­rei­ten“ un­ab­hän­gig von ih­rem Sta­tus und Ein­kom­men in­ter­es­sant sein soll­te. Die­ser Schwer­punkt soll­te aber nicht zu Las­ten der rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en des Li­be­ra­lis­mus und auch nicht sei­ner grund­sätz­li­chen Plu­ra­li­tät hin­sicht­lich der Le­bens­sti­le ge­hen. Letz­te­res hat­te si­cher­lich auch mit der ho­mo­se­xu­el­len Ver­an­la­gung Wes­ter­wel­les zu tun, die er lan­ge Zeit we­der de­men­tier­te noch öf­fent­lich mach­te. Erst 2004 kam es zu ei­nem „Ou­tin­g“, als er bei An­ge­la Mer­kels 50. Ge­burts­tag sei­nen Le­bens­ge­fähr­ten, den Ma­na­ger Mi­cha­el Mronz (ge­bo­ren 1967), of­fi­zi­ell vor­stell­te; 2010 gin­gen sie ei­ne ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft ein.

Der in den 1990er Jah­ren stän­dig zu­rück­ge­hen­de Wähler­zu­spruch für die FDP sta­bi­li­sier­te sich seit der Jahr­tau­send­wen­de, ins­be­son­de­re nach­dem die Par­tei 2000 in Nord­rhein-West­fa­len ei­nen ful­mi­nan­ten Wahl­er­folg ge­fei­ert hat­te, der ei­ner nicht un­um­strit­te­nen Kam­pa­gne des dor­ti­gen Lan­des­vor­sit­zen­den Jür­gen W. Möl­le­mann (1945-2003) ent­sprang. Im Vor­feld der an­ste­hen­den Bun­des­tags­wahl lös­te Wes­ter­wel­le 2001 Wolf­gang Ger­hardt (ge­bo­ren 1943) als FDP-Vor­sit­zen­den ab. Der Wahl­kampf selbst wur­de von ihm mit me­di­en­wirk­sa­men, „spa­ßi­gen“ Ele­men­ten ge­führt, wo­zu un­ter an­de­rem ein „Gui­do­mo­bil“, ein „Kanz­ler­kan­di­da­t“ Wes­ter­wel­le und ein Wahl­ziel von 18 Pro­zent - die die FDP im Bund bis da­hin nie er­reicht hat­te – ge­hör­ten. Über­schat­tet wur­de das Gan­ze je­doch durch ei­ne er­bit­ter­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Möl­le­mann über die Stra­te­gie, wo­bei letz­te­rer auch vor an­ti­se­mi­ti­schen Tö­nen und dem Ein­satz schwar­zer Kas­sen nicht zu­rück­schreck­te. Wes­ter­wel­le konn­te sich zwar ge­gen Möl­le­mann durch­set­zen, aber das Wahl­er­geb­nis blieb weit hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück. 

Als Kon­se­quenz voll­zog der nun weit­ge­hend un­an­ge­foch­te­ne Par­tei­chef Wes­ter­wel­le ei­ne stra­te­gi­sche Wen­de, such­te die Nä­he zur CDU und ins­be­son­de­re zu de­ren Vor­sit­zen­der An­ge­la Mer­kel. Ei­ne Frucht die­ser Zu­sam­men­ar­beit war 2004 die In­thro­ni­sa­ti­on von Horst Köh­ler (ge­bo­ren 1943) als Bun­des­prä­si­den­ten ge­gen Wi­der­stän­de in den ei­ge­nen Rei­hen und ge­gen die am­tie­ren­de Re­gie­rung von SPD und Grü­nen. Für die Bun­des­tags­wahl 2005, die we­gen des Ko­ali­ti­ons­wech­sels in Nord­rhein-West­fa­len vor­ge­zo­gen wur­de, leg­te Wes­ter­wel­le sei­ne Par­tei ein­deu­tig auf ei­ne Ko­ali­ti­on mit der CDU fest. Zu die­ser kam es aber trotz er­heb­li­cher Zu­ge­win­ne der Li­be­ra­len nicht; statt­des­sen wur­de Mer­kel Che­fin ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on, da Wes­ter­wel­le am Wahl­abend bei ei­nem le­gen­dä­ren Fern­seh­auf­tritt ein al­ter­na­ti­ves Zu­sam­men­ge­hen mit der bis­he­ri­gen Ko­ali­ti­on, die ih­re Mehr­heit ver­lo­ren hat­te, ab­lehn­te.

Die­ses Fest­hal­ten an der Wahl­aus­sa­ge führ­te trotz des aber­ma­li­gen Schei­terns hin­sicht­lich ei­ner Re­gie­rungs­be­tei­li­gung mit­tel­fris­tig zu ei­nem Image­ge­winn des teil­wei­se als „Spa­ß­po­li­ti­ker“ ab­ge­ta­nen Wes­ter­wel­le. Seit 2006 auch Vor­sit­zen­der der Bun­des­tags­frak­ti­on und da­mit Op­po­si­ti­ons­füh­rer ar­bei­te­te er wei­ter an sei­nem Dop­pel­ziel ei­ner „bür­ger­li­chen“ Re­gie­rungs­mehr­heit mit star­kem li­be­ra­len Ein­fluss. Ein zen­tra­les stra­te­gisch-pro­gram­ma­ti­sches Ele­ment war da­bei die For­de­rung nach ei­ner um­fas­sen­den Steu­er­re­form zur Ent­las­tung der Bür­ger. Die­ses Kon­zept schien völ­lig auf­zu­ge­hen, denn 2008/2009 schnitt die FDP bei et­li­chen Land­tags­wah­len und der Eu­ro­pa­wahl her­aus­ra­gend ab, ei­ne Ent­wick­lung, die schlie­ß­lich im Sep­tem­ber 2009 in das bes­te Bun­des­tags­wahl­er­geb­nis der Par­tei über­haupt mün­de­te.

Guido Westerwelle als Bundesvorstand der Jungen Liberalen, 1.1.1982.

 

In der nun mög­li­chen CDU-FDP-Re­gie­rung über­nahm Wes­ter­wel­le, der bis­lang ein­deu­tig als In­nen­po­li­ti­ker her­vor­ge­tre­ten war, auf Rat von Hans-Diet­rich Gen­scher (1927-2016) das Au­ßen­amt und die Vi­ze­kanz­ler­schaft. Mit ihm wur­den fünf Li­be­ra­le Re­gie­rungs­mit­glie­der, so­viel wie zu­letzt 1990. Al­ler­dings ge­lang es der FDP we­gen der in­zwi­schen ein­ge­tre­te­nen glo­ba­len Fi­nanz­kri­se, von der ge­ra­de Eu­ro­pa stark be­trof­fen war, nur sehr be­dingt, die ve­he­ment ge­for­der­te Steu­er­re­form im Ko­ali­ti­ons­ver­trag zu ver­an­kern. Dass hier in der Fol­ge­zeit er­kenn­ba­re Schrit­te aus­blie­ben, schmä­ler­te stark die Glaub­wür­dig­keit von Wes­ter­wel­le und sei­ner Par­tei, de­ren Um­fra­ge­wer­te ab An­fang 2010 re­gel­recht ein­bra­chen. Ver­stärkt wur­de die­se Ten­denz durch un­ge­schick­te Äu­ße­run­gen Wes­ter­wel­les zum So­zi­al­staat. Nach et­li­chen Nie­der­la­gen bei Re­gio­nal­wah­len wur­de der in­ner­par­tei­li­che Druck so groß, dass Wes­ter­wel­le im April 2011 den Par­tei­vor­sitz ab- und das Vi­ze­kanz­ler­amt sei­nem Nach­fol­ger, Wirt­schafts­mi­nis­ter Phil­ipp Rös­ler (ge­bo­ren 1973), über­gab.

Seit­dem kon­zen­trier­te er sich weit­ge­hend auf die Au­ßen­po­li­tik, bei der er bis da­hin auch nicht un­um­strit­ten agier­te hat­te. Vor al­lem die von ihm durch­ge­setz­te deut­sche Ab­sti­nenz ge­gen­über ei­nem di­rek­ten Ein­grei­fen in den li­by­schen Bür­ger­krieg wur­de kri­ti­siert, auch wenn sich mit­tel­fris­tig zei­gen soll­te, dass Wes­ter­wel­les Vor­be­hal­te nicht un­be­grün­det ge­we­sen wa­ren. An­de­rer­seits un­ter­stütz­te er de­mons­tra­tiv die De­mo­kra­tie­be­we­gung in der ara­bi­schen Welt und in Ost­eu­ro­pa und such­te den di­rek­ten Kon­takt zu de­ren Ver­tre­tern, bei­spiels­wei­se in Ägyp­ten und in der Ukrai­ne. Auch be­kämpf­te Wes­ter­wel­le ei­ne zu­neh­men­de Eu­ro­pa-Ver­dros­sen­heit und ver­half durch sein En­ga­ge­ment bei ei­nem Mit­glie­der­ent­scheid den Eu­ro-Be­für­wor­tern in der ei­ge­nen Par­tei zur Mehr­heit. Sein ur­sprüng­li­ches Kal­kül, nach dem Vor­bild von Gen­scher über die Au­ßen­po­li­tik stark an Sym­pa­thie­wer­ten zu­zu­le­gen, er­wies sich je­doch als un­rea­lis­tisch. Den dra­ma­ti­schen Ab­sturz der FDP zwi­schen 2009 und 2013, der zum par­la­men­ta­ri­schen Aus auf Bun­des­ebe­ne führ­te, konn­te auch der „Au­ßen­po­li­ti­ker“ Wes­ter­wel­le nicht auf­hal­ten.

Die ver­lo­re­ne Bun­des­tags­wahl be­deu­te­te für ihn den Ver­lust des Am­tes und des Man­dats und hat­te ei­nen weit­ge­hen­den Rück­zug aus der Po­li­tik zur Fol­ge. Ein mög­li­ches Come­back wur­de Mit­te 2014 durch den Aus­bruch ei­ner Leuk­ämie-Er­kran­kung ver­hin­dert, die sei­ne letz­te Le­bens­zeit be­stimm­te. Den Um­gang da­mit mach­te er bald öf­fent­lich, un­ter an­de­rem durch ein Buch, in dem er sei­ne Krank­heit und sein po­li­ti­sches Schick­sal ver­ar­bei­te­te. So­weit es ihm mög­lich war, ver­such­te er auch in die­ser Pha­se für sei­ne po­li­ti­schen Wer­te zu wer­ben. Da­zu dien­te auch ei­ne En­de 2013 ge­mein­sam mit ei­nem be­freun­de­ten Un­ter­neh­mer ge­grün­de­te „Stif­tung für in­ter­na­tio­na­le Ver­stän­di­gun­g“, die vor al­lem jun­ge Ta­len­te aus der Drit­ten Welt för­dert.

Guido Westerwelle während der 'Berlinale' 2011, Premiere des Spielfilmes 'The King's Speech', 16.2.2011.

 

Nach sei­nem Tod am 18.3.2016 wur­de Wes­ter­wel­le auf de­m Köl­ner Me­la­ten-Fried­hof bei­ge­setzt. Dar­in kam auch die gro­ße Ver­bun­den­heit von ihm, der vor al­lem als Bun­des­po­li­ti­ker be­kannt war, mit sei­ner rhei­ni­schen Hei­mat zum Aus­druck. Bei ei­ner Re­de, die er im Zu­ge des Re­gie­rungs­um­zu­ges von Bonn nach Ber­lin ge­hal­ten hat­te, wur­de von ihm die Wie­ge des Li­be­ra­lis­mus im rhei­ni­schen Viel­völ­ker­ge­misch aus­ge­macht und apo­dik­tisch fest­ge­stellt: „Li­be­ra­lis­mus ist rhei­nisch!“ Ent­spre­chend war er auch auf die Ver­lei­hung de­s Aa­che­ner Kar­ne­va­l­or­dens „Wi­der ­den tie­ri­schen Ern­s­t“ im Jahr 2001 be­son­ders stolz.

Veröffentlichungen (Auswahl)

(Hg.) Von der Ge­fäl­lig­keits­po­li­tik zur Ver­ant­wor­tungs­ge­sell­schaft. Wies­ba­de­ner Grund­sät­ze für die li­be­ra­le Bür­ger­ge­sell­schaft, Düs­sel­dorf 1997.
Neu­land. Ein­stieg in ei­nen Po­li­tik­wech­sel, Düs­sel­dorf 1998.
Rich­tun­g Frei­heit, in: Ger­hardt, Wolf­gang (Hg.), Die Kraft der Frei­heit. Ge­schich­te, Ge­gen­wart und Zu­kunft de­s­ ­Li­be­ra­lis­mus, Stutt­gart/Leip­zig 2008, S. 216-230.
(zu­sam­men mit Do­mi­nik Wich­mann) Zwi­schen zwei Le­ben. Von Lie­be, Tod und Zu­ver­sicht, Ham­burg 2015

Literatur

Sat­tar, Ma­jid,„… und das bin ich!“ Gui­do Wes­ter­wel­le. Ei­ne po­li­ti­sche Bio­gra­fie, Mün­chen 2009.

Trei­bel, Jan, Die FDP. Pro­zes­se in­ner­par­tei­li­cher Füh­rung 2000-2012, Ba­den-Ba­den 2014.

Grabstätte Westerwelles, wenige Tage nach der Beisetzung auf dem Melaten-Friedhof am 2.4.2016, 11.4.2016, Foto: Udo Röbenack.

 
Zitationshinweis

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Frölich, Jürgen, Guido Westerwelle, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/guido-westerwelle/DE-2086/lido/57c92d61539e35.61103609 (22.05.2018)