Gustav Regler

Schriftsteller (1898-1963)

Peter Burg (Münster)

Gustav Regler mit Schreibheft, 1950er Jahre. (Gustav-Regler-Archiv Merzig)

Gus­tav Reg­ler war ein am 25.5.1898 im saar­län­di­schen Mer­zig ge­bo­re­ner Schrift­stel­ler, der aus per­sön­li­chen und po­li­ti­schen Grün­den ein sehr be­weg­tes Le­ben führ­te. In Ro­ma­nen, Er­zäh­lun­gen, po­li­ti­schen Schrif­ten, Ge­dich­ten und au­to­bio­gra­phi­schen Auf­zeich­nun­gen ver­ar­bei­te­te er die viel­fäl­ti­gen Ein­drü­cke sei­nes Le­bens. 1958 er­schien sei­ne Au­to­bio­gra­phie un­ter dem Ti­tel „Das Ohr des Mal­chus“. Ein Gro­ß­teil sei­ner Pu­bli­ka­tio­nen wur­de in frem­de Spra­chen über­setzt (na­ment­lich ins Eng­li­sche, Fran­zö­si­sche, Rus­si­sche, Spa­ni­sche). Er blieb sei­ner Hei­mat nicht nur aus fa­mi­liä­ren Grün­den ver­bun­den, son­dern nahm leb­haf­ten An­teil an ih­rem po­li­ti­schen Schick­sal, ins­be­son­de­re im Kon­text der Saarab­stim­mung des Jah­res 1935, in der 90 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten für die Wie­der­ver­ei­ni­gung mit Deutsch­land stimm­ten. Da­mals und auch 1955, als ein ei­gen­stän­di­ges Saar­land mit ei­nem eu­ro­päi­schen Sta­tut zur Op­ti­on stand, be­fand sich Reg­ler auf der Sei­te der Geg­ner ei­ner Wie­der­ver­ei­ni­gung.

Gus­tav Reg­ler wuchs mit zwei Ge­schwis­tern in ei­nem streng ka­tho­li­schen El­tern­haus auf. Der Va­ter Mi­cha­el Ge­org Reg­ler (1867-1937), Sohn ei­nes Land­wirts, war Buch­händ­ler, die Mut­ter, Toch­ter ei­nes Ober­bahn­as­sis­ten­ten, hieß He­le­ne Ger­trud ge­bo­re­ne Stein­metz (1871-1958). In den Schul­fe­ri­en wur­de Gus­tav zu Ex­er­zi­ti­en in das Trie­rer bi­schöf­li­che Kon­vikt ge­schickt. Als Er­wach­se­ner trat er aus ideo­lo­gi­schen Grün­den in Dis­tanz zur Kir­che, ins­be­son­de­re ver­ur­teil­te er nach Hit­lers Macht­er­grei­fung die Selbst­auf­lö­sung des Zen­trums und das Kon­kor­dat des Paps­tes Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939) mit dem „Drit­ten Reich“. Das Ver­hält­nis zur Fa­mi­lie blieb trotz re­li­giö­ser Dif­fe­ren­zen von herz­li­cher Ver­bun­den­heit ge­kenn­zeich­net. Den Be­such der Gym­na­si­en in Mer­zig und Dil­lin­gen schloss Reg­ler im Jah­re 1916 als Klas­sen­bes­ter ab. Der 18-jäh­ri­ge wur­de zum Mi­li­tär ein­ge­zo­gen und dien­te in Kö­nigs­berg und an der West­front, an der er sich ei­ne Kriegs­ver­wun­dung zu­zog, die zur Wehr­un­taug­lich­keit führ­te. Nach ei­nem mo­na­te­lan­gen La­za­rett­auf­ent­halt in Wald­bröl (Ober­ber­gi­scher Kreis) wur­de er im Fe­bru­ar 1918 aus der Ar­mee ent­las­sen. Der jun­ge Reg­ler ließ sich in die­sen Jah­ren von der ver­brei­te­ten Kriegs­be­geis­te­rung mit­rei­ßen und ver­ehr­te den Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg (1847-1934). Als fran­zö­si­sche Trup­pen nach dem Ers­ten Welt­krieg im Zu­ge der Über­nah­me der Völ­ker­bunds­herr­schaft über das Saar­ge­biet Mer­zig be­setz­ten, em­pör­te er sich dar­über mit na­tio­na­lis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen Ge­fühls­aus­brü­chen.

Nach der Ent­las­sung aus der Ar­mee stu­dier­te Gus­tav Reg­ler in Hei­del­berg und Mün­chen die Fä­cher Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Po­li­ti­sche Wis­sen­schaf­ten. 1922 pro­mo­vier­te er in Ger­ma­nis­tik bei Franz Muncker (1855-1926) in Mün­chen. Sei­ne Dok­tor­ar­beit über „Die Iro­nie im Werk Goe­thes“ wur­de 1923 im Leip­zi­ger Bru­no-Diet­ze-Ver­lag ge­druckt. Im glei­chen Jahr hei­ra­te­te er Char­lot­te Diet­ze (1898-1941), die Toch­ter des Gro­ßhänd­lers und Tex­til­fa­bri­kan­ten Bru­no Diet­ze , die er als Ver­käu­fe­rin in ei­ner Mün­che­ner Buch­hand­lung ken­nen­ge­lernt hat­te, und wur­de der Sohn Die­ter (1923-1942) ge­bo­ren. Reg­ler be­tä­tig­te sich ei­ni­ge Jah­re als Ge­schäfts­mann im Wa­ren­haus­kon­zern des Schwie­ger­va­ters und als Jour­na­list. Mit der Ehe­schei­dung am 23.08. 1927 fand die­se Le­bens­epi­so­de ein ra­sches En­de. Der Sohn Die­ter wuchs bei der Mut­ter auf. Zum Mi­li­tär ein­ge­zo­gen starb die­ser 1942 an ei­ner Diph­the­ri­ein­fek­ti­on in ei­nem Mün­che­ner La­za­rett.

En­de der 1920er Jah­re be­gann der li­te­ra­ri­sche Auf­stieg von Gus­tav Reg­ler. Mit dem Ro­man „Zug der Hir­ten“ (1928) er­rang er sei­nen ers­ten schrift­stel­le­ri­schen Er­folg. Im glei­chen Jahr lern­te er in Worps­we­de Ma­rie­lui­se (ge­nannt Mie­ke) Vo­ge­ler (1901-1945), die Toch­ter des Ma­lers Hein­rich Vo­ge­ler (1872-1942) ken­nen. Mie­ke wur­de sei­ne zwei­te Ehe­frau (Hei­rat der lang­jäh­ri­gen Le­bens­ge­fähr­tin 1940 in New York). Hein­rich Vo­ge­ler stand Pa­te bei Reg­lers Re­zep­ti­on der kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gie, die zur Mit­glied­schaft der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands führ­te. Von 1929 bis 1933 leb­te er mit Ma­rie­lui­se in ei­ner Ber­li­ner Künst­ler­ko­lo­nie, die An­fang März 1933 von der Ge­sta­po auf­ge­löst wur­de. Es folg­ten un­ru­hi­ge, ge­ra­de­zu aben­teu­er­li­che Jah­re im Exil, zu­nächst in Frank­reich und in sei­nem saar­län­di­schen Hei­mat­land.

In Pa­ris war Reg­ler Mit­be­grün­der und Vor­stands­mit­glied des „Schutz­ver­ban­des deut­scher Schrift­stel­ler im Exil“. Das Saar­ge­biet wur­de bei der für 1935 an­be­raum­ten Ab­stim­mung über sei­ne po­li­ti­sche Zu­kunft zu ei­nem The­ma eu­ro­päi­schen Ran­ges. Reg­ler kri­ti­sier­te, dass die vom Völ­ker­bund ein­ge­setz­te Saar­re­gie­rung ei­ne zu gro­ße To­le­ranz ge­gen­über Na­tio­nal­so­zia­lis­ten aus­üb­te, wäh­rend sie Ak­tio­nen der Kom­mu­nis­ten un­ter­drück­te. Im Ab­stim­mungs­kampf stan­den sich zwei Blö­cke ge­gen­über: die Deut­sche Front und die he­te­ro­ge­ne Grup­pe von An­ti­fa­schis­ten (Kom­mu­nis­ten, So­zi­al­de­mo­kra­ten, Ge­werk­schaf­ter, auch Kir­chen­ver­tre­ter). Im Sep­tem­ber 1934 rie­fen emi­grier­te In­tel­lek­tu­el­le und Künst­ler, dar­un­ter Gus­tav Reg­ler, da­zu auf, zu Guns­ten des Sta­tus Quo zu stim­men. Der Schrift­stel­ler ver­ar­bei­te­te die po­li­ti­schen Er­eig­nis­se und Ver­hält­nis­se an der Saar li­te­ra­risch in dem Ro­man „Im Kreuz­feu­er“, der An­fang Ju­ni 1934, auf dem Hö­he­punkt des Saar­kamp­fes, in Pa­ris ver­öf­fent­licht wur­de. Das Ziel des Bu­ches war es, mit der Dif­fa­mie­rung der Geg­ner das deut­sche Grenz­land vor der fa­schis­ti­schen Dik­ta­tur zu ret­ten. Im Ja­nu­ar 1935 soll­ten al­ler­dings nur 8,8 Pro­zent für den Sta­tus Quo stim­men, 0,4 Pro­zent für den An­schluss an Frank­reich und über­wäl­ti­gen­de 90,8 Pro­zent für den An­schluss an Deutsch­land.

Fort­an kam das Saar­land als Exil­land für Gus­tav Reg­ler nicht mehr in Fra­ge. Frank­reich wur­de für ei­ni­ge Jah­re die Dreh­schei­be sei­nes Wir­kens. In Pa­ris setz­te er sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Tä­tig­keit fort. 1936 er­schien der viel be­spro­che­ne Ro­man „Die Saa­t“, in dem der Bau­ern­krieg als his­to­ri­sche Fo­lie dient, um den an­ti­fa­schis­ti­schen Kampf zu pro­pa­gie­ren. Mehr­fach be­such­te Reg­ler die So­wjet­uni­on, die er bis zum Ab­schluss des Hit­ler-Sta­lin-Pak­tes (1939) glo­ri­fi­zier­te.

Im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg (1936-1939) kämpf­te der Schrift­stel­ler in ei­ner Aus­lands­bri­ga­de auf der Sei­te der Volks­front­re­gie­rung ge­gen Ge­ne­ral Fran­co (1892-1975). Ei­ne Ver­wun­dung fes­sel­te ihn mo­na­te­lang ans Kran­ken­la­ger, ei­ne Falsch­mel­dung sprach so­gar von sei­nem Tod. 1938 be­gab er sich in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, um für die spa­ni­sche Re­pu­blik zu wer­ben. In Flo­ri­da such­te er bei die­ser Ge­le­gen­heit Er­nest He­ming­way (1899-1961) auf. Fran­cos Sieg über die Re­pu­bli­ka­ner, der Hit­ler-Sta­lin-Pakt und nicht zu­letzt die fran­zö­si­sche Nie­der­la­ge im Blitz­krieg ge­gen Deutsch­land brach­te die Emi­gran­ten in ärgs­te Be­dräng­nis. Die fran­zö­si­sche Re­gie­rung in­ter­nier­te 18.- 20.000 von ih­nen in Sam­mel­la­gern. Gus­tav Reg­ler kam ins Sta­di­on von Ro­land Gar­ros, dann ins La­ger Le Ver­net im De­par­te­ment Ariè­ge. Ein­fluss­rei­che Freun­de (An­dré Mal­raux, Er­nest He­ming­way, Elea­nor Roo­se­velt) er­wirk­ten die Frei­las­sung von Ma­rie­lui­se Vo­ge­ler und Gus­tav Reg­ler, die im Mai 1940 den At­lan­tik mit dem Ziel New York über­quer­ten.

Zwar brach Reg­ler zum Är­ger sei­ner frü­he­ren Ge­nos­sen nach dem Hit­ler-Sta­lin-Pakt mit dem Kom­mu­nis­mus, doch er­hielt er nicht in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, son­dern in Me­xi­ko Asyl. In Me­xi­ko ar­bei­te­te Reg­ler die im spa­ni­schen Bür­ger­krieg ge­sam­mel­ten Er­fah­run­gen in Ro­ma­nen auf, ver­öf­fent­lich­te Ge­dicht­bän­de und be­fass­te sich ein­ge­hend mit der Kul­tur und Ge­schich­te sei­nes Asyl­lan­des. Nach dem Tod Ma­rie­lui­ses hei­ra­te­te er 1946 die Ame­ri­ka­ne­rin Mar­ga­ret (Peg­gy) Ir­win ge­bo­re­ne Paul (1904-2000). 1949 er­hielt er die me­xi­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, hielt sich aber viel in Eu­ro­pa auf (Pa­ris, Lon­don, Rom oder Worps­we­de).

Kri­tisch be­ob­ach­te­te und be­wer­te­te er die deut­sche Nach­kriegs­po­li­tik. Die Ent­na­zi­fi­zie­rung war für ihn ei­ne Far­ce. Er er­klär­te sich ge­gen ei­ne deut­sche Wie­der­be­waff­nung. Im Jah­re 1960 er­hielt er den mit 5.000 DM do­tier­ten „Kunst­preis des Saar­lan­des“, das ihn da­mit als ‚Lan­des­kind‘ an­er­kann­te. Sein un­ste­tes Le­ben en­de­te auf ei­ner In­di­en­rei­se am 14.1.1963 in Neu Deh­li. Be­stat­tet wur­de die von sei­ner Ehe­frau aus In­di­en mit­ge­brach­te Asche in sei­ner Hei­mat­stadt Mer­zig, wo ein Ge­denk­stein an ihn er­in­nert, wie über­haupt das Ge­dächt­nis an ihn im Saar­land be­son­ders ge­pflegt wird. Da­zu ge­hört die auf 15 Bän­de ge­plan­te Edi­ti­on des Ge­samt­wer­kes mit zum Teil un­ver­öf­fent­lich­ten Schrif­ten.

In Neun­kir­chen trägt ei­ne Stra­ße sei­nen Na­men, in Saar­wel­lin­gen ein Weg und in Saar­brü­cken und Mer­zig sind Plät­ze nach ihm be­nannt. Die Nich­te An­ne­may Reg­ler-Repp­lin­ger ver­wal­tet in Mer­zig das Gus­tav-Reg­ler-Ar­chiv.

Werke

Reg­ler schrieb auch un­ter den Pseud­ony­men C. A., El ob­ser­va­dor d'Ar­ta­gnan, T. M., [Tho­mas] Mi­chel, [Gus­tav bzw. Joa­chim oder L.] Saar­län­der.
Reg­ler, Gus­tav, Wer­ke, hg. von Ger­hard Schmidt-Hen­kel, Ba­sel u.a. 1994-2007 (bis­lang 11 Bän­de).

Ein­zel­ti­tel
Was­ser, Brot und blaue Boh­nen, 1932.

Im Kreuz­feu­er. Ein Saar-Ro­man, 1934.

Das Ohr des Mal­chus. Ei­ne Le­bens­ge­schich­te, 1958.

Literatur

Schock, Ralph, Gus­tav Reg­ler – Li­te­ra­tur und Po­li­tik (1933-1940), Frank­furt (Main) 1984.
Scholdt, Gün­ter, Gus­tav Reg­ler. Odys­seus im La­by­rinth der Ideo­lo­gi­en. Ei­ne Bio­gra­phie in Do­ku­men­ten, St. Ing­bert 1998.

 
Zitationshinweis

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Burg, Peter, Gustav Regler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gustav-regler/DE-2086/lido/57cd1d574199b7.51040602 (22.05.2018)