Hans-Jürgen Wischnewski

SPD-Politiker (1922–2005)

Ralf Forsbach (Siegburg)

Hans-Jürgen Wischnewski, 1967, Foto: Jens Gathmann. (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Hans-Jür­gen Wi­sch­new­ski war fast 25 Jah­re alt, als er ins Rhein­land kam. In Köln fand er die Ba­sis für sein po­li­ti­sches Wir­ken als Ju­so-Vor­sit­zen­der, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter, Afri­ka-Po­li­ti­ker und Kri­sen-Ma­na­ger. Nach sei­nem Tod in sei­ner Wahl­hei­mat fand sich kein Nach­ruf, der nicht auf die ma­ß­geb­lich ihm zu­ge­schrie­be­ne Ret­tung der in ei­ner Luft­han­sa-Ma­schi­ne ent­führ­ten 90 Gei­seln in Mo­ga­di­schu hin­wies.

Für Hans-Jür­gen Wi­sch­new­ski war Köln die „Stadt al­ler Städ­te“. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich für ei­nen Mann, der wäh­rend sei­ner ers­ten zwei­ein­halb Le­bens­jahr­zehn­te von ei­nem preu­ßisch-pro­tes­tan­ti­schen Be­am­ten­haus­halt ge­prägt wur­de.

Am 24.7.1922 wur­de Hans-Jür­gen Wi­sch­new­ski im ost­preu­ßi­schen Al­len­stein als Sohn ei­nes Zoll­in­spek­tors ge­bo­ren; die Fa­mi­lie zog 1927 nach Ber­lin. Ge­gen den Wil­len sei­ner El­tern wur­de er Jung­zug­füh­rer im Deut­schen Jung­volk; sein Va­ter konn­te je­doch ein Jahr vor Wi­sch­new­skis Ab­itur am Theo­dor-Kör­ner-Re­al-Gym­na­si­um sei­ne Be­ur­lau­bung von die­sem Par­tei­amt er­rei­chen. Als Ar­beits­dienst­mann kam Wi­sch­new­ski im Rü­cken der nach Os­ten vor­sto­ßen­den Wehr­macht zu­rück nach Ost­preu­ßen. Zwi­schen Til­sit und Le­nin­grad war er im Stra­ßen­bau ein­ge­setzt, er­litt im Win­ter 1941/1942 Er­frie­run­gen an den Fü­ßen, wur­de zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen und ge­lang­te zu Pan­zer­gre­na­die­ren im Kau­ka­sus. Hier ka­men Wi­sch­new­ski, wie er in sei­nen 1989 er­schie­ne­nen Er­in­ne­run­gen „Mit Lei­den­schaft und Au­gen­ma­ß“ schreibt, zum ers­ten Mal Zwei­fel und Kri­tik an NS-Re­gime und Krieg: War­um mu­ß­te ich am Fu­ße des El­brus mein Va­ter­land ver­tei­di­gen? War­um wur­de die Zi­vil­be­völ­ke­rung so un­mensch­lich be­han­delt und war­um gab es so vie­le Par­ti­sa­nen?

Am Kriegs­en­de war der 23-jäh­ri­ge Wi­sch­new­ski ent­schlos­sen, für ein frei­es Deutsch­land ein­zu­tre­ten. Schnell er­kann­te er, dass dies von der Woh­nung sei­ner El­tern im so­wje­ti­schen Sek­tor Ber­lins aus nicht mög­lich war. Als Ar­bei­ter im Land­ma­schi­nen­bau fand er ei­ne Stel­lung im nie­der­bay­ri­schen Strau­bing und trat dort 1946 der SPD bei. Auf ein in Aus­sicht ge­nom­me­nes Ger­ma­nis­tik­stu­di­um in Mün­chen ver­zich­te­te er zu­guns­ten sei­nes En­ga­ge­ments in der IG Me­tall.

Die Ge­werk­schaft er­kann­te schon bald, dass er für mehr als in­ner­be­trieb­li­che Ar­beit vor Ort zu ge­brau­chen war und schick­te ihn zu ei­ner ar­beits­recht­li­chen Aus­bil­dung nach Köln. Die­se soll­te ein Jahr dau­ern, doch Wi­sch­new­ski kehr­te nicht mehr zu­rück. Er hat­te Köln und die Köl­ner in­zwi­schen schät­zen ge­lernt und stürz­te sich nach dem An­schluss sei­ner ge­werk­schaft­li­chen Aus­bil­dung in die Par­tei­ar­beit. Zehn Jah­re spä­ter, am 17.3.1957, wur­de er zum Vor­sit­zen­den der Köl­ner SPD ge­wählt, der er bis zum 27.10.1968 vor­stand. Nie­mand war nach 1945 län­ger Köl­ner SPD-Vor­sit­zen­der als Wi­sch­new­ski, in des­sen Amts­zeit der Auf­stieg der So­zi­al­de­mo­kra­ten un­ter dem von 1956 bis 1973 am­tie­ren­den Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en fiel.

Ob­wohl sich Wi­sch­new­ski selbst als ört­li­cher Par­tei­vor­sit­zen­der und nie als Kom­mu­nal­po­li­ti­ker ver­stand, war er in der Stadt prä­sent. Die Men­ta­li­tät ih­rer Ein­woh­ner kam ihm ent­ge­gen. Den „köl­schen Klün­gel“ hielt er für ei­ne gu­te Sa­che: Er sei nur schlecht, wenn man nicht da­bei sei. Wi­sch­new­ski aber war schnell da­bei und lob­te des­halb die In­te­gra­ti­ons­kraft der Stadt, in der es nie Ver­tre­ter ei­ner Flücht­lings­par­tei im Rat ge­ge­ben hat. Die Er­klä­rung hier­für fiel ihm leicht: Al­le woll­ten in­ner­halb kur­zer Zeit Köl­ner sein. Zwar be­herrsch­te Wi­sch­new­ski nach ei­ge­nem Be­kun­den nur nach ei­ni­gen Kölsch die gleich­na­mi­ge Spra­che, doch stand er mit der ört­li­chen Pro­mi­nenz in re­gem pri­va­ten wie po­li­ti­schen Aus­tausch. Bei den Pre­mie­ren im Mil­lo­witsch-Thea­ter war er an­we­send und ge­hör­te zu de­nen, die ih­re ers­ten Ein­drü­cke dem Chef des Hau­ses, Wil­ly Mil­lo­witsch (1909–1999), und Jour­na­lis­ten schil­der­ten. Hein­rich Böll hat­te Wi­sch­new­ski schon An­fang der 1950er Jah­re so schät­zen ge­lernt, dass er ihn für ein sei­ner­zeit mit 200 DM un­ge­wöhn­lich hoch do­tier­tes Ho­no­rar zu ei­ner Le­sung vor Me­tall­ar­bei­tern in ein Lehr­lings­heim lud.

Mit Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner traf er im­mer wie­der zu­sam­men. Frei­lich stan­den auch hier we­ni­ger kom­mu­na­le The­men im Mit­tel­punkt, son­dern zur Freu­de de­s­ au­ßen­po­li­tisch in­ter­es­sier­ten Pro­tes­tan­ten Wi­sch­new­ski ging es viel öf­ter um die La­ge der ka­tho­li­schen Kir­che in Zen­tral­ame­ri­ka. Für ei­nen Ge­werk­schaf­ter noch auf­fäl­li­ger war die Freund­schaft zu Ot­to Wolff von Ame­ron­gen (1918–2007), dem lang­jäh­ri­gen Prä­si­den­ten des In­dus­trie- und Han­dels­ta­ges. Wi­sch­new­ski konn­te man nicht sel­ten in sei­ner Stamm­knei­pe „Keu­le“ am Heu­markt fin­den, bis­wei­len auch hier in Be­glei­tung Ot­to Wolff von Ame­ron­gens, mit dem er nach Aus­sa­ge des Wirts der be­rühm­ten Alt­stadt­knei­pe, Chris­ti­an Hoff­mann, „Ent­wick­lungs­hil­fe für Schott­land leis­te­te“, al­so Whis­ky trank.

Auch mit dem Kar­ne­val ar­ran­gier­te sich Wi­sch­new­ski. Zwei Sit­zun­gen und der Ro­sen­mon­tags­zug wa­ren sein Stan­dard­pro­gramm. Dann sah man ihn mit Tru­de Herr (1927–1991), der po­pu­lä­ren Schau­spie­le­rin und Krätz­chen­sän­ge­rin, oder so­gar ein­mal auf ei­nem Zug­wa­gen, ver­klei­det als tap­fe­res Schnei­der­lein. Die­ser ein­ma­li­ge Aus­flug aber wur­de nie wie­der­holt. Wi­sch­new­ski klag­te noch zwei Jahr­zehn­te spä­ter „Sehr an­stren­gend und teu­er. […] Wenn ich nicht ge­nü­gend […] warf, tön­te es von der Stra­ße: ‚Ben Wisch. Du Knies­kopp!"

Zeit­wei­lig ge­such­te Dis­tanz zu Köln be­kam Wi­sch­new­ski nicht. Nur we­ni­ge Jah­re wohn­te er im 20 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Erft­stadt-Li­blar. Be­rühmt wur­de die An­ek­do­te, als der Pi­lot ei­nes Hub­schrau­bers mit dem jor­da­ni­schen Kö­nig Hus­sein (1935-1999, Kö­nig 1952-1999), der Wi­sch­new­ski ei­nen pri­va­ten Be­such ab­stat­ten woll­te, we­gen Ne­bels den vor­ge­se­he­nen Lan­de­platz in Li­blar nicht fand und in ei­ner Müll­kip­pe lan­de­te. Dass der­art ho­he Staats­gäs­te den pri­va­ten Kon­takt zu Wi­sch­new­ski such­ten, zeugt von sei­nem An­se­hen, das der eins­ti­ge Ge­werk­schaf­ter sich früh auf au­ßen­po­li­ti­schem Ter­rain er­ar­bei­tet hat­te. Ein­fluss­reich wur­de er 1959, als er die Po­si­ti­on des Ge­werk­schafts­se­kre­tärs der IG Me­tall in Köln auf­gab und als ers­ter Bun­des­vor­sit­zen­der der Jung­so­zia­lis­ten von den Ju­sos ge­wählt wur­de, für die Dau­er von zwei Jah­ren. Zu­vor war er 1957 erst­mals über die nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­lis­te in den Bun­des­tag ge­wählt wor­den, dem er bis 1990 an­ge­hör­te, meist als di­rekt ge­wähl­ter Köl­ner Ab­ge­ord­ne­ter.

Als Ju­so-Vor­sit­zen­der stand er für ei­ne dem Par­tei­vor­sit­zen­den Erich Ol­len­hau­er (1901–1963) durch­aus un­an­ge­neh­me frank­reich­kri­ti­sche Li­nie. Die Ju­sos tra­ten für ein un­ab­hän­gi­ges Al­ge­ri­en ein und or­ga­ni­sier­ten ei­ne Kam­pa­gne ge­gen die Re­kru­tie­rung jun­ger Deut­scher in die Frem­den­le­gi­on, die in Al­ge­ri­en für Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich war. In der Pha­se der De­ko­lo­ni­sa­ti­on ver­such­te Wi­sch­new­ski ak­tiv, die ver­schie­de­nen Frei­heits­be­we­gun­gen zu un­ter­stüt­zen. Ei­ne im No­vem­ber 1959 von ihm in Berg­neu­stadt ver­an­stal­te­te Kon­fe­renz mit De­le­gier­ten aus 21 afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Län­dern fand so­gar die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung des nord­rhein-west­fä­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Franz Mey­ers von der CDU.

Vor­be­rei­tet durch zahl­rei­che Aus­lands­rei­sen, ins­be­son­de­re nach Afri­ka, wur­de Wi­sch­new­ski 1966 Bun­des­mi­nis­ter für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit. Da­mit trat er in das Ka­bi­nett Kie­sin­ger an, ob­wohl die Gro­ße Ko­ali­ti­on zu­vor auf sei­ne Ab­leh­nung ge­sto­ßen war. Wi­sch­new­ski hat­te die De­fi­zi­te der deut­schen Afri­ka­po­li­tik zu­vor aus ei­ge­ner An­schau­ung er­fah­ren. Man­che Di­plo­ma­ten woll­ten noch „Ne­ger“ er­zie­hen, an­de­re vor al­lem vor der DDR war­nen. Ent­spre­chend er­leich­tert re­agier­te Wi­sch­new­ski auf das En­de des di­plo­ma­ti­schen Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruchs der Bun­des­re­pu­blik, der so ge­nann­ten Hall­stein­dok­trin.

Trotz der neu­en po­li­ti­schen Frei­hei­ten für die Bon­ner Afri­ka­po­li­tik blieb Wi­sch­new­skis Mi­nis­ter­amt Epi­so­de. Schon im Ok­to­ber 1968 schied er aus, weil die Par­tei an­ge­sichts er­nüch­tern­der Wahl­er­geb­nis­se ei­nen star­ken Bun­des­ge­schäfts­füh­rer brauch­te. Wi­sch­new­ski hat­te sich gleich­sam selbst be­wor­ben, als er in ei­nem mehr­sei­ti­gen Brief an den Par­tei­vor­sit­zen­den Wil­ly Brandt (1913–1992) die Mi­se­re der SPD be­schrieb und stra­te­gi­sche wie tak­ti­sche Vor­schlä­ge zu de­ren Be­he­bung un­ter­brei­te­te. Ma­ß­geb­lich für den Wahl­kampf ver­ant­wort­lich, kann Wi­sch­new­ski als ei­ner der Vä­ter der ers­ten so­zi­al­li­be­ra­len Re­gie­rung Brandt/Scheel im Herbst 1969 gel­ten. Weil die Par­tei aber nicht sei­nem Wunsch folg­te, den Bun­des­ge­schäfts­füh­rer künf­tig durch den Par­tei­tag wäh­len zu las­sen, um dem Amt ei­ne grö­ße­re Au­to­ri­tät zu ge­ben, trat Wi­sch­new­ski zu­rück.

Wi­sch­new­ski stand so zur Ver­fü­gung, um als Nicht­re­gie­rungs­mit­glied vor Ort die Mög­lich­kei­ten der von der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on avi­sier­ten neu­en Ost­po­li­tik zu son­die­ren. Sei­ne Kon­tak­te in die ara­bi­sche Welt prä­des­ti­nier­ten ihn, für die Wie­der­auf­nah­me di­plo­ma­ti­scher Be­zie­hun­gen zu wer­ben und im Kri­sen­fall zu in­ter­ve­nie­ren. Bald galt Wi­sch­new­ski als „Ben Wi­sch“ und „Feu­er­wehr­mann der Na­ti­on“, der dank sei­ner Be­zie­hun­gen und sei­nes Ver­hand­lungs­ge­schicks selbst pre­kä­re ter­ro­ris­ti­sche Ak­te zum Gu­ten wen­den konn­te. Dies ge­schah im Sep­tem­ber 1970 in Am­man, wo er die Frei­las­sung der Pas­sa­gie­re aus drei von Pa­läs­ti­nen­sern ent­führ­ten Flug­zeu­gen er­rei­chen konn­te. Im No­vem­ber des­sel­ben Jahrs ge­lang es ihm durch Ein­schal­tung sei­nes al­ge­ri­schen Freun­des Ha­fid Kera­ma­ne (ge­bo­ren 1931), zu die­ser Zeit Bot­schaf­ter in Rio de Ja­nei­ro, das Le­ben des von Stadt­gue­ril­le­ros ent­führ­ten deut­schen Bot­schaf­ters in Bra­si­li­en, Eh­ren­fried von Hol­le­ben (1909-1988), zu ret­ten. Al­ge­ri­en nahm 40 durch die Ent­füh­rung frei­ge­press­te bra­si­lia­ni­sche Ge­fan­ge­ne auf.

Als 1974 Hel­mut Schmidt (ge­bo­ren 1918) Wil­ly Brandt als Bun­des­kanz­ler folg­te (Amts­zeit bis 1982), woll­te der neue Re­gie­rungs­chef Wi­sch­new­skis Kom­pe­ten­zen in das Bun­des­ka­bi­nett ein­bin­den. Zum Staats­mi­nis­ter im Aus­wär­ti­gen Amt be­ru­fen, war er zu­nächst der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Auf­pas­ser in dem von der FDP ge­führ­ten Mi­nis­te­ri­um. Als Hel­mut Schmidt ihn nach den Wah­len 1976 je­doch bat, als Staats­mi­nis­ter vom Aus­wär­ti­gen Amt ins Bun­des­kanz­ler­amt zu wech­seln, schied Wi­sch­new­ski an­ge­sichts sei­nes her­vor­ra­gen­den Ver­hält­nis­se zu Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hans Diet­rich Gen­scher (ge­bo­ren 1927) und sei­nes mit der Eu­ro­pa­po­li­tik klar um­ris­se­nen Auf­ga­ben­felds un­gern. Bald dar­auf schien es, als sol­le Wi­sch­new­ski als Nach­fol­ger von Klaus Schütz (ge­bo­ren 1926) für das Amt des Re­gie­ren­den Bür­ger­meis­ters in Ber­lin kan­di­die­ren. Dies war zu­min­dest der Wunsch von Par­tei­chef Wil­ly Brandt. Wi­sch­new­ski si­gna­li­sier­te auch Be­reit­schaft, doch ent­schie­den sich die Ber­li­ner Ge­nos­sen mit Diet­rich Stob­be (1938-2011) für ei­ne in­ter­ne Lö­sung.

Im Kanz­ler­amt war Wi­sch­new­ski vor al­lem für die Deutsch­land­po­li­tik zu­stän­dig. Spä­tes­tens jetzt wur­de er je­doch der brei­ten Öf­fent­lich­keit als Kri­sen­ma­na­ger be­kannt. Nicht zu Un­recht tra­gen sei­ne Me­moi­ren den Un­ter­ti­tel „In Mo­ga­di­schu und an­ders­wo“. In der so­ma­li­schen Haupt­stadt konn­te er in Ver­hand­lun­gen mit der dor­ti­gen Re­gie­rung un­ter Siad Bar­re (1910/1919–1995) er­rei­chen, dass die An­ti-Ter­ror-Ein­heit des Bun­des­grenz­schut­zes, GSG 9, ei­ne von pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ro­ris­ten ent­führ­te Luft­han­sa-Ma­schi­ne, die „Lands­hu­t“, stür­men durf­te. In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 18.10.1977 glück­te die Ak­ti­on. Al­le 90 noch le­ben­den Gei­seln wur­den be­freit. Ben Wisch war nun der Held von Mo­ga­di­schu.

In den fol­gen­den Jah­ren trug Wi­sch­new­ski die Au­ßen­po­li­tik wie­der ver­stärkt in die Par­tei, zu­mal er im De­zem­ber 1979 zum stell­ver­tre­ten­den Par­tei­vor­sit­zen­den ge­wählt wur­de und als Staats­mi­nis­ter im Bun­des­kanz­ler­amt zu­rück­trat. Er be­hielt zu­gleich die im­mer schwie­ri­ger wer­den­de Si­tua­ti­on der SPD/FDP-Re­gie­rung im Au­ge und setz­te sich im „See­hei­mer Kreis“ ge­gen ei­ne nach sei­ner Mei­nung nicht fi­nan­zier­ba­re Aus­wei­tung des So­zi­al­staats ein.

1982 ge­hör­te er zu den we­ni­gen Ge­nos­sen, die auf dem Köl­ner Par­tei­tag der SPD Hel­mut Schmidt und sei­nem Plä­doy­er für den NA­TO-Dop­pel­be­schluss folg­te. Nach dem Ver­zicht auf das Amt des stell­ver­tre­ten­den Par­tei­vor­sit­zen­den 1982 noch­mals für ei­ni­ge Mo­na­te Staats­mi­nis­ter im Bun­des­kanz­ler­amt, konn­te er für die Jah­re nach „Mo­ga­di­schu“ wie­der­um auf ei­ni­ge di­plo­ma­ti­sche Son­der­mis­sio­nen zu­rück­bli­cken. Da­zu zähl­ten vor al­lem sei­ne Son­die­run­gen zur Lö­sung der kri­sen­haf­ten Si­tua­ti­on in El Sal­va­dor im Auf­trag der So­zia­lis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le, die ihn im April 1981 auch mit Ku­bas Dik­ta­tor Fi­del Cas­tro (ge­bo­ren 1926) zu­sam­men­tref­fen ließ. Un­mit­tel­bar vor dem Zu­sam­men­bruch der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on sprach Wi­sch­new­ski am 30.9.1982 wäh­rend der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen in New York. Die Re­de wur­de zu ei­ner Art Re­sü­mee so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Au­ßen­po­li­tik, die in der Bun­des­re­pu­blik aber auf­grund der sich über­schla­gen­den in­nen­po­li­ti­schen Er­eig­nis­se kaum Be­ach­tung fand.

In der Op­po­si­ti­on mu­tier­te „Ben Wisch" vor­über­ge­hend zu „Ben Scheck“, dem ei­nen stren­gen Spar­kurs for­dern­den Schatz­meis­ter der SPD. Sei­ne Be­mü­hun­gen schei­ter­ten, vor al­lem an Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Pe­ter Glotz (1939–2005) und dem Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Hans-Jo­chen Vo­gel (ge­bo­ren 1926), dem er in sei­nem von ihm der Deut­schen Pres­se-Agen­tur zur Ver­fü­gung ge­stell­tem Rück­tritts­schrei­ben vom 3.9.1985 die viel zi­tier­ten „Ober­leh­rer­ma­nie­ren“ vor­warf. Wi­sch­new­ski leg­te auch sei­ne Sit­ze in Prä­si­di­um und Vor­stand der SPD nie­der.

Wi­sch­new­ski wur­de in der Öf­fent­lich­keit nun wie­der vor­nehm­lich als in­ter­na­tio­nal tä­ti­ger Kri­sen­ma­na­ger wahr­ge­nom­men, in Ame­ri­ka, im Na­hen Os­ten und in Eu­ro­pa. 1986 ver­mit­tel­te er im ni­ca­ra­gua­ni­schen Bür­ger­krieg, sorg­te für die Frei­las­sung von acht dort ent­führ­ten Deut­schen und trug zu ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ent­wick­lung des Lan­des bei. In La­tein­ame­ri­ka be­kam Wi­sch­new­ski ei­nen wei­te­ren Ruf­na­men: „Com­man­dan­te Han­s“. 1987 setz­te er sich nicht zu­letzt in Ge­sprä­chen mit der ira­ni­schen Füh­rung für die Frei­las­sung der in Bei­rut ver­schlepp­ten Ma­na­ger Ru­dolf Cor­des und Al­fred Schmidt ein. Um­strit­ten wa­ren 1990 sei­ne Be­mü­hun­gen um die Rück­füh­rung von 5.000 Ro­ma aus Ju­go­sla­wi­en, die in nord­rhein-west­fä­li­schen Über­gangs­hei­men leb­ten. Nach der Ver­ei­ni­gung Deutsch­lands 1990 – für den ers­ten ge­samt­deut­schen Bun­des­tag kan­di­dier­te er nicht – in­ten­si­vier­te er sei­ne Kon­tak­te in den Na­hen Os­ten und trat wie­der­holt als Ver­mitt­ler zwi­schen Is­ra­el und der PLO auf. Die PLO un­ter Jas­sir Ara­fat (1929–2004) ehr­te Wi­sch­new­ski mit dem höchs­ten pa­läs­ti­nen­si­schen Or­den und – ei­ne be­son­de­re Freu­de für den lei­den­schaft­li­chen Phil­ate­lis­ten – mit Son­der­brief­mar­ken der Au­to­no­mie­be­hör­de. Auch für Köln setz­te sich Wi­sch­new­ski wei­ter ein, et­wa als er 1996 die Deutz AG durch sei­ne Kon­tak­te nach Sau­di-Ara­bi­en zu ret­ten ver­such­te.

1999 ver­schlech­ter­te sich Wi­sch­new­skis Ge­sund­heits­zu­stand. We­ni­ge Wo­chen nach dem Dop­pel­sui­zid sei­ner an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krank­ten äl­tes­ten Toch­ter und ih­res Ehe­man­nes er­litt er ei­nen Herz­in­farkt. Trotz ei­nes wei­te­ren In­farkts und meh­re­rer Hüft­ope­ra­tio­nen be­such­te er noch 2004 den li­by­schen Dik­ta­tor Mu­am­mar al-Gad­da­fi (ge­bo­ren 1942) und reis­te zur Trau­er­fei­er für Jas­sir Ara­fat nach Ra­mal­lah. Am 24.2.2005 starb er im Al­ter von 82 Jah­ren in ei­nem Köl­ner Kran­ken­haus. Bei­ge­setzt wur­de er auf dem Me­la­ten-Fried­hof. Die Köl­ner SPD ehrt ihn, in­dem sie ih­re Par­tei­zen­tra­le in der Ma­gnus­stra­ße nach ihm be­nann­te(Hans-Jür­gen Wi­sch­new­ski-Haus).  

Nachlass

Ar­chiv der so­zia­len De­mo­kra­tie, Bonn.

Werk

Mit Lei­den­schaft und Au­gen­maß. In Mo­ga­di­schu und an­ders­wo. Po­li­ti­sche Me­moi­ren, 1989, ak­tua­li­sier­te Aus­ga­be Mün­chen 1991.

 
Zitationshinweis

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Forsbach, Ralf, Hans-Jürgen Wischnewski, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-juergen-wischnewski/DE-2086/lido/57c93267b14065.93805674 (22.05.2018)