Hans Keiter

Olympiasieger (1910–2005)

Thomas Ohl (Wesel)

Hans Keiter, Porträtfoto, 1936.

Hans Kei­ter aus Mül­heim an der Ruhr war ein er­folg­rei­cher Sport­ler und Olym­pia­sie­ger 1936 so­wie dop­pel­ter Welt­meis­ter 1938. Hans Kei­ter darf man mit Fug und Recht ei­nen Pio­nier des Hand­ball­sports be­zeich­nen.

Der am 22.3.1910 im Mül­hei­mer Stadt­teil Saarn ge­bo­re­ne Hans Kei­ter war von frü­hes­ter Ju­gend an ein be­geis­ter­ter und am­bi­tio­nier­ter Sport­ler. Als Ju­gend­li­cher spiel­te er bei der ka­tho­li­schen DJK Saarn und ge­hör­te da­mit zu den ers­ten Hand­ball­spie­lern in Mül­heim. Ne­ben sei­ner Lei­den­schaft für den Feld­hand­ball pfleg­te Kei­ter auch sei­ne Be­geis­te­rung für die Leicht­ath­le­tik. Er war ins­be­son­de­re ein ehr­gei­zi­ger Mit­tel­stre­cken­läu­fer und Hoch­sprin­ger. Nach ei­ge­nen An­ga­ben er­rang er in die­sen Dis­zi­pli­nen zwei deut­sche Meis­ter­ti­tel. Als ge­bo­re­ner All­ro­und­sport­ler fand er auch Ge­fal­len am Ru­dern und Tur­nen. Ir­gend­wann aber muss­te er sich für ei­ne Dis­zi­plin ent­schei­den und sei­ne vie­len Ta­len­te auf ein spe­zi­el­les Ziel aus­rich­ten. Hier setz­te sich dann sei­ne Lei­den­schaft für den Ball­sport durch. Sei­ne kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, die ihm auch den Spitz­na­men „Lan­gen“ ein­ge­bracht ha­ben, mö­gen hier eben­so aus­schlag­ge­bend ge­we­sen sein wie sei­ne Be­rufs­wahl.

Denn am 1.4.1930 war Kei­ter in den Po­li­zei­dienst ein­ge­tre­ten und da­mit war sei­ner sport­li­chen Kar­rie­re schon fast der Weg be­rei­tet, denn ge­ra­de der Hand­ball­sport wur­de in den zahl­rei­chen Po­li­zei­sport­ver­ei­nen be­son­ders ge­pflegt. Hin­zu kam die Tat­sa­che, dass Mül­heim schon früh ei­ne Hand­ball-Hoch­burg ge­wor­den war und hier über­durch­schnitt­lich vie­le Ta­len­te in den ver­schie­de­nen Ver­ei­nen dem klei­ne­ren run­den Le­der nach­jag­ten. Die DJK (Mül­heim) Styrum wur­de be­reits 1932 Deut­scher Meis­ter der DJK Ver­ei­ne, die eben­so wie die Tur­ner, die evan­ge­li­schen Ei­chen­kreuz- und die Ar­bei­ter­sport­ver­ei­ne ih­re Meis­ter­schaf­ten nur un­ter Ih­res­glei­chen aus­tru­gen. Zum er­folg­reichs­ten Hand­ball­ver­ein in Mül­heim in den drei­ßi­ger Jah­ren soll­te al­ler­dings der bür­ger­li­che Ra­sen­sport­ver­ein Mül­heim wer­den. Dar­an war Hans Kei­ter ma­ß­geb­lich be­tei­ligt, der von der DJK Saarn zum RSV Mül­heim ge­wech­selt war und sich mit den Ver­eins­er­fol­gen auch für hö­he­re Auf­ga­ben emp­fahl.

Im Jah­re 1935 gab er fol­ge­rich­tig sein De­büt in der Na­tio­nal­mann­schaft. Ins­ge­samt 26 Ein­sät­ze im Na­tio­nal­tri­kot sind für Hans Kei­ter zu ver­zeich­nen, da­von be­stritt er 22 als Mann­schafts­füh­rer, wie man den Mann­schafts­ka­pi­tän bis 1945 nann­te. Das Jahr 1936 wur­de zu ei­nem ers­ten Hö­he­punkt in Kei­ters Kar­rie­re: Mit dem RSV Mül­heim kam er bis ins Halb­fi­na­le der Deut­schen Meis­ter­schaft und an­schlie­ßend wur­de er aus über 200 Aspi­ran­ten ins Auf­ge­bot der Na­tio­nal­mann­schaft für die Olym­pi­schen Spie­le in Ber­lin be­ru­fen. Das erst­mals aus­ge­tra­ge­ne Olym­pi­sche Hand­ball-Tur­nier wur­de dann zu ei­nem ein­zi­gen Tri­um­phlauf der deut­schen Mann­schaft, die un­ge­schla­gen ins Fi­na­le vor­stieß. Kei­ter führ­te am 14.8.1936 die deut­sche Mann­schaft in das Olym­pia-Fi­na­le. Bei denk­bar un­güns­ti­gen Wit­te­rungs­ver­hält­nis­sen wur­de die Mann­schaft Ös­ter­reichs im Dau­er­re­gen mit 10:6 ge­schla­gen. Als Mann­schafts­füh­rer und rech­ter Läu­fer war Kei­ter ei­ne der tra­gen­den Säu­len in der deut­schen Mann­schaft und stell­te die­se Be­deu­tung auch in den fol­gen­den Jah­ren un­ter Be­weis. Bei den eben­falls in Deutsch­land aus­ge­tra­ge­nen Hand­ball-Welt­meis­ter­schaf­ten in der Hal­le und auf dem Feld im Jah­re 1938 ge­hör­te Kei­ter eben­falls zu den Mann­schaf­ten, die in bei­den Wett­be­wer­ben je­weils den Ti­tel er­rang. Er dürf­te da­mit ei­ne der we­ni­gen Per­sön­lich­kei­ten in der Welt ge­we­sen sein, die in Hal­le und Feld Ti­tel­trä­ger wa­ren. Im Jah­re 1938 fand Kei­ter auch sein pri­va­tes Glück: Im Sep­tem­ber hei­ra­te­te er. Aus der Ehe sind fünf Kin­der und 16 En­kel­kin­der her­vor­ge­gan­gen. Zu die­sem Zeit­punkt war Kei­ter aber schon nicht mehr im Rhein­land tä­tig; nach den Olym­pi­schen Spie­len 1936 war er zum Po­li­zei­sport­ver­ein Ber­lin ab­kom­man­diert wor­den, um dem Haupt­stadt­klub und Vor­zei­ge­ver­ein der Po­li­zei, der un­ter sport­li­chen De­fi­zi­ten zu lei­den hat­te, wie­der zum Er­folg zu ver­hel­fen. Der Wech­sel nach Ber­lin ver­half Kei­ter auch zu ei­nem Kar­rie­re­sprung bei der Po­li­zei, wäh­rend sich das En­de sei­ner sport­li­chen Er­fol­ge an­bahn­te, denn nach dem En­de des Kriegs war für den 35-jäh­ri­gen Kei­ter im zer­stör­ten Deutsch­land die Kar­rie­re als Spie­ler be­en­det.

Aber er blieb sei­ner ge­lieb­ten Sport­art treu und half auf Bit­ten sei­nes aus ge­mein­sa­men DJK-Zei­ten be­freun­de­ten Kol­le­gen Wil­li Dau­me mit beim Auf­bau des Deut­schen Hand­ball­bun­des.

Dau­me schick­te sich an, zum wich­tigs­ten deut­schen Sport­funk­tio­när zu wer­den und in den ver­schie­den Sport­ver­bän­den die Wei­chen für ei­nen ge­ord­ne­ten Auf­bau zu stel­len. Da konn­te ein Ma­cher und Or­ga­ni­sa­tor wie Kei­ter äu­ßerst hilf­reich sein. Dies ge­schah je­doch mehr oder we­ni­ger eh­ren­amt­lich, denn Kei­ter blieb im Haupt­be­ruf Po­li­zist bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung im Jah­re 1970. Ne­ben­bei ent­wi­ckel­te er al­ler­dings ein er­staun­li­ches Pen­sum an Ak­ti­vi­tä­ten: Nicht nur, dass er sich in der Ver­bands­ar­beit en­ga­gier­te, er be­tä­tig­te sich oben­drein als Sport­jour­na­list und en­ga­gier­te sich bei der Eta­blie­rung des Fach­or­gans „Hand­ball­wo­che“. In ei­ner Zeit, in der Li­zen­zie­rungs­ver­fah­ren, Pa­pier­ra­tio­nie­rung und Per­so­nal­man­gel die Pres­se­land­schaft präg­ten, war dies si­cher­lich kein leich­tes Un­ter­fan­gen und Aus­dau­er, lan­ger Atem und Stand­fes­tig­keit bei Rück­schlä­gen wa­ren da­für von­nö­ten.

Dar­über hin­aus setz­te Kei­ter auch im ak­tu­el­len Hand­ball­ge­sche­hen sei­ne Ak­zen­te. Als Ver­eins- und Ver­bands­trai­ner nahm er ak­tiv Ein­fluss auf die Ent­wick­lung des Hand­ball­sports. Sei­ne Me­tho­den als Mo­ti­va­tions- und Über­zeu­gungs­künst­ler wa­ren so le­gen­där, dass er drei Jah­re lang vom spa­ni­schen Hand­ball­ver­band als Lan­des­trai­ner ver­pflich­tet wur­de. 1952 kehr­te er wie­der nach Deutsch­land und nach ei­nem kur­zen In­ter­mez­zo im Ver­wal­tungs­dienst auch wie­der zur Po­li­zei zu­rück. Hier folg­ten im wei­te­ren Kar­rie­re­ver­lauf Ver­wen­dun­gen in Köln, Mo­ers, Ber­gisch Glad­bach und Kre­feld. In die­ser Zeit wirk­te er wei­ter­hin als Trai­ner. Sei­ne Trai­nings­me­tho­den hat­ten sich in der Zwi­schen­zeit so weit her­um­ge­spro­chen, dass Kei­ter auch au­ßer­halb der Hand­ball­sze­ne ein Be­griff ge­wor­den war. Da­her ist es nicht ver­wun­der­lich, dass Kei­ter ver­mut­lich dem Lock­ruf des grö­ße­ren Gel­des folg­te und sei­nem Hand­ball­sport un­treu wur­de. En­ga­ge­ments im Trai­ner­stab der Fuß­bal­ler von Rot-Weiß Es­sen und Rot-Weiß Ober­hau­sen ver­stärk­ten noch ein­mal sei­nen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf als Trai­ner.

Rich­tig er­folg­reich aber blieb Kei­ter nur bei den Hand­bal­lern. Mit der Mann­schaft des TV Kre­feld-Op­pum konn­te er in den Jah­ren 1966 und 1968 an sei­ne ei­ge­nen Er­fol­ge als Spie­ler an­knüp­fen. In bei­den Jah­ren führ­te er wie­der ei­ne Mann­schaft zum Ti­tel, in die­sem Fal­le zum Ti­tel ei­nes Deut­schen Meis­ters. Bald da­nach aber war Schluss für Kei­ter. Im Jah­re 1970 nahm er sei­nen Ab­schied bei der Po­li­zei und auch vom ak­ti­ven Trai­ner­ge­sche­hen soll­te er sich bald ver­ab­schie­den. Wie bei vie­len sei­ner Kol­le­gen aus der Feld­hand­ball-Ära war auch ihm der Auf­stieg des Hal­len­hand­balls su­spekt. An die­ser Ent­wick­lung woll­ten sie sich nicht be­tei­li­gen und zo­gen sich da­her vom ak­ti­ven Sport­ge­sche­hen zu­rück. Das be­deu­te­te aber nicht, dass sie nicht wei­ter am Sport ins­ge­samt und an ih­rer Sport­art in­ter­es­siert wa­ren. Von Hans Kei­ter ist zum Bei­spiel be­kannt, dass er sich noch mit 82 Jah­ren ins Au­to setz­te und von Mül­heim zu den Olym­pi­schen Spie­len nach Bar­ce­lo­na fuhr: 56 Jah­re nach dem Ge­winn der ei­ge­nen Gold­me­dail­le! Hans Kei­ter ist im Sep­tem­ber 2005 im ho­hen Al­ter von 95 Jah­ren ver­stor­ben.

Literatur

Eg­gers, Erik (Hg.): Hand­ball. Ei­ne deut­sche Do­mä­ne, Göt­tin­gen 2007.

Zeit­schrift Po­li­zei­sport­ku­rier 6/2005.

 
Zitationshinweis

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Ohl, Thomas, Hans Keiter, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-keiter-/DE-2086/lido/57c93369086342.93842615 (12.12.2018)