Hans Loch

Finanzminister der DDR (1898–1960)

Helmut Müller-Enbergs (Berlin)

Hans Loch, 1951, Foto: Horst Sturm. (Bundesarchiv, Bild 183 - 09979-0003)

Der aus Köln stam­men­de Ju­rist Dr. Hans Loch mach­te nach 1945 in der DDR Kar­rie­re, als Fi­nanz­mi­nis­ter und Vor­sit­zen­der der Li­be­ral-De­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands.

Hans Loch wur­de am 2.11.1898 als Sohn des Jo­hann Pe­ter Loch, ei­nes ge­lern­ten Schlos­sers und spä­te­ren Be­triebs­lei­ters, und sei­ner Ehe­frau Mar­ga­re­the Kraft in Köln ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. Nach Be­such der Volks­schu­le und des Gym­na­si­ums, das Loch 1916 mit dem Ab­itur ab­schloss, ab­sol­vier­te er in den Jah­ren 1917/1918 sei­nen Mi­li­tär­dienst. Nach dem Ers­ten Welt­krieg stu­dier­te er ab 1918 Rechts­wis­sen­schaf­ten an den Uni­ver­si­tä­ten Bonn und Köln. In Köln pro­mo­vier­te er 1923. Spä­tes­tens an die­sem Punkt setzt das Pro­blem der Bio­gra­phie von Hans Loch ein: Die bis­lang er­mit­tel­ten An­ga­ben zu sei­nem Wir­ken wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik und des „Drit­ten Rei­ches“ sind auf­fal­lend farb­los und va­ge. Das än­dert sich erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Be­kannt ist, dass er in je­nen Jah­ren die acht Jah­re äl­te­re Mar­tha Behrndt (1890–1958) hei­ra­te­te.

Wäh­rend des Stu­di­ums trat der 23-jäh­ri­ge Hans Loch der eher links­li­be­ra­len Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Par­tei (DDP) bei, die er je­doch 1924 wäh­rend sei­ner Re­fe­ren­dar­zeit, die er in Ko­blenz und Köln ver­brach­te, wie­der ver­ließ. Er "war stets nur ein Mit­glied un­ter vie­len an­de­ren", so sein spä­te­rer po­li­ti­scher Weg­ge­fähr­te Ru­dolf Ags­ten (1926-2008). 1926 wech­sel­te Hans Loch nach Ber­lin und ar­bei­te­te dort als Ver­bands- und Steu­er­syn­di­kus. Mit Be­ginn des „Drit­ten Rei­ches“ ver­lor er sei­ne Stel­lung, vor al­lem, wie Her­bert Hö­mig er­mit­tel­te, we­gen sei­ner Ver­bin­dung mit ei­nem jü­di­schen Ge­schäfts­part­ner.

An­schlie­ßend ging Loch zeit­wei­se in die Nie­der­lan­de, teils soll dies 1934 ge­we­sen sein, was plau­si­bel er­scheint, teils erst 1936. Er kehr­te nach Deutsch­land zu­rück, nach ei­ni­gen Quel­len 1936, nach an­de­ren 1938. Er ha­be 1938 in Köln mit ei­ner Un­ter­neh­mens­grün­dung sein Glück ver­sucht. Das hielt nicht lan­ge an, denn schon ein Jahr spä­ter muss­te er den Be­trieb ein­stel­len. Loch heu­er­te wie­der als Steu­er­syn­di­kus an, ar­bei­te­te in ver­schie­de­nen An­stel­lun­gen, bis er 1939 als Sol­dat zur Wehr­macht ein­be­ru­fen wur­de, der er bis zum Kriegs­en­de an­ge­hör­te.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­schlug es Hans Loch nach Go­tha. Nach ei­ni­gen Wo­chen Land­ar­beit be­gann er bei der Jus­tiz­ver­wal­tung des Lan­des Thü­rin­gen. 1945 wur­de er Mit­be­grün­der der Li­be­ral-De­mo­kra­ti­schen Par­tei im Kreis Go­tha, von wo aus sein ko­me­ten­haf­ter Auf­stieg in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne be­zie­hungs­wei­se der DDR er­folg­te - und das, ob­wohl er "eher den Ver­stand, we­ni­ger das Ge­fühl" an­sprach, wie es in der DDR über ihn hieß. Bei den Kom­mu­nal­wah­len im Sep­tem­ber 1946 über­flü­gel­te die LD­PD in Go­tha mit 38 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men bei wei­tem die So­zia­lis­ti­sche Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (SED). Ei­nen Mo­nat spä­ter wähl­te das Kom­mu­nal­par­la­ment Hans Loch zum Ober­bür­ger­meis­ter von Go­tha; das Amt hat­te er zwei Jah­re lang in­ne. In­ner­par­tei­lich wur­de Loch im Ok­to­ber 1947 Vor­sit­zen­der des Aus­schus­ses Ge­mein­de­po­li­tik beim Zen­tral­vor­stand der LD­PD. Die deutsch-so­wje­ti­sche Freund­schaft kam bei ihm nicht zu kurz: 1947 war er Mit­be­grün­der der Ge­sell­schaft für Deutsch-So­wje­ti­sche Freund­schaft (DSF).

Hans Loch ging nach Wei­mar, wo er im Ju­ni 1948 Dr. Hel­mut R. Külz (1903–1985) als Thü­rin­gi­schen Jus­tiz­mi­nis­ter ab­lös­te. Zwei Mo­na­te spä­ter, im Au­gust 1948, no­mi­nier­te ihn sei­ne Par­tei zum stell­ver­tre­ten­den, ab Fe­bru­ar 1949 zum Vor­sit­zen­den der LD­PD in Thü­rin­gen. Da­bei hat­te er dem Lan­des­vor­stand ge­ra­de ein­mal erst seit Ju­li 1948 an­ge­hört. Er folg­te dar­in Leon­hard Moog (1882–1962), der nach Spio­na­ge­vor­wür­fen und ei­ner dro­hen­den Ver­haf­tung nach West-Ber­lin (spä­ter Mün­chen) floh. Hans Loch ent­sprach mit­hin den Vor­stel­lun­gen der so­wje­ti­schen Be­sat­zungs­macht, was ihn auch für die Funk­ti­on als Vor­sit­zen­den der LD­PD emp­fahl. De­ren bis­he­ri­ge Dop­pel­spit­ze – Ar­thur Lieu­ten­ant (1884–1968) und Her­mann Kast­ner (1886–1957) – de­mis­sio­nier­te auf so­wje­ti­schen Druck. Statt ih­rer wur­de im Ju­li 1951 das Tan­dem Karl Ha­mann (1903–1973) und Hans Loch zu ge­mein­sa­men Vor­sit­zen­den der Par­tei be­stimmt. Nach­dem auch Ha­mann auf so­wje­ti­schen Druck aus­ge­schal­tet wor­den war – er galt als „be­wuss­ter Schäd­lin­g“ und wur­de ver­haf­tet – hat­te Hans Loch seit dem 12.12.1952 den Par­tei­vor­sitz al­lein in­ne, und zwar bis zu sei­nem Tod. Mit Loch als Vor­sit­zen­dem war die Gleich­schal­tung der LD­PD in der DDR ab­ge­schlos­sen.

Hans Loch hat­te sich zu­vor be­reits an­der­wei­tig pro­fi­liert. Bis Fe­bru­ar 1950 blieb er Jus­tiz­mi­nis­ter in Thü­rin­gen. Gleich­zei­tig war er Mit­glied der – in­ner­halb der LD­PD zu­nächst kri­tisch an­ge­se­he­nen –  Deut­schen Wirt­schafts­kom­mis­si­on, Mit­ver­fas­ser der spä­te­ren DDR-Ver­fas­sung, ab Ok­to­ber 1949 für die LD­PD Mit­glied der pro­vi­so­ri­schen und ab 1950 der Volks­kam­mer der DDR. Am 12.10.1949 wur­de er zum ers­ten Fi­nanz­mi­nis­ter der DDR be­ru­fen, was er bis zum 27.11.1955 mit ei­ner ge­ring­fü­gi­gen Un­ter­bre­chung blieb. Au­ßer­dem fun­gier­te er als ei­ner der stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des Mi­nis­ter­ra­tes der DDR. Ab Fe­bru­ar 1950 ge­hör­te er dem Na­tio­nal­rat der Na­tio­na­len Front, ab Au­gust sei­nem Prä­si­di­um an, in das er aber­mals 1954 ge­wählt wur­de. Da­mit ge­hör­te Hans Loch zum en­ge­ren Kreis der DDR-Eli­te, was sich auch dar­in aus­drück­te, dass er nun­mehr im Ma­ja­kows­ki­ring 60 wohn­te, im so ge­nann­ten „Städt­chen“ in Ber­lin-Pan­kow, wie das Pro­mi­nen­ten­vier­tel in je­nen Jah­ren ge­nannt wur­de.

Ob er wirk­lich frei­wil­lig sein Mi­nis­ter­amt nie­der­leg­te? Das er­scheint nicht si­cher, zu­min­dest soll­te er dann die „Be­ar­bei­tung der Fra­gen Ge­samt­deutsch­land­s“ über­neh­men, was plau­si­bel klingt, denn ab Ja­nu­ar 1954 war er Vor­sit­zen­der des Aus­schus­ses für Deut­sche Ein­heit beim Mi­nis­ter­rat. Sein En­ga­ge­ment be­lohn­te der SED-Staat 1954, als er mit dem Va­ter­län­di­schen Ver­dienst­or­den in Gold, und 1960, als er das Ban­ner der Ar­beit in Emp­fang neh­men durf­te. An Aus­zeich­nun­gen ka­men noch die Eh­ren­na­del der Ge­sell­schaft für Deutsch-So­wje­ti­sche Freund­schaft, Stu­fe I, und 1956 die Ernst-Mo­ritz-Me­dail­le hin­zu.

Die­se Eh­run­gen er­hielt der als „gü­tig und fein­füh­li­g“ gel­ten­de, aber mit rau­her Scha­le ver­se­he­ne  Hans Loch zu recht, wie die Kern­aus­sa­ge sei­ner letz­ten gro­ßen Re­de auf dem 7. Par­tei­tag der LD­PD im Ju­li 1957 be­legt: „Die gro­ßen Per­spek­ti­ven der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik als un­trenn­ba­rer Be­stand­teil des so­zia­lis­ti­schen La­gers hat, er­fül­len uns mit stol­zer Zu­ver­sicht.“

In die­sen Jah­ren reis­te er mehr­fach durch die So­wjet­uni­on, über die er schwär­me­risch und er­ge­ben schrieb. Als er im Spät­som­mer 1957 durch Ju­go­sla­wi­en reis­te, er­stat­te­te er dem SED-Po­lit­bü­ro Be­richt. Er ver­starb am 13.7.1960 in Ber­lin im Al­ter von nur 61 Jah­ren; der Mi­nis­ter­rat der DDR kon­do­lier­te. Sei­ne Grab­stät­te, die sich auf dem Do­ro­the­en­städ­ti­schen Fried­hof in Ber­lin-Mit­te be­fin­det, und die er sich mit sei­ner am 14.12.1958 ver­stor­be­nen Ehe­frau teilt, wird ge­pflegt. Und an­läss­lich sei­nes 80. Ge­burts­tags wid­me­te ihm die Deut­sche Post der DDR ei­ne Brief­mar­ke. Nach ihm sind noch heu­te ver­ein­zelt Stra­ßen be­nannt.

Schriften

Li­be­ra­lis­mus heu­te, Wei­mar 1949.

Die LDP und ih­re po­li­ti­sche La­ge, Wei­mar 1949.

Die Na­tio­na­le Front, Wei­mar 1949.

Die Na­tio­na­le Front, Völ­ker­recht und Frie­den, Wei­mar 1950.

Ein Bür­ger sieht die ­So­wjet­uni­on, Leip­zig 1953.

Ent­schei­den­de Ta­ge. Mit Ab­bil­dun­gen und Bild­nis des Ver­fas­sers, Ber­lin 1953.

Mit Blei­stift und Ka­me­ra durch den rus­si­schen All­tag, Ber­lin 1954.

An­ge­hö­ri­ge des Mit­tel­stan­des – der Kampf ge­gen die Pa­ri­ser Ver­trä­ge ­ver­stärkt fort­set­zen! Ber­lin 1955.

Auf­er­ste­hung ein­zig­ar­ti­ger Kunst durch ed­le Freun­de­s­tat, Ber­lin 1955.

Auf selt­sa­men Pfa­den. Streif­zü­ge durch Russ­land von ges­tern und heu­te, Ber­lin 1955.

In ei­ne neue Epo­che. Ein Buch für den Mit­tel­stand, Ber­lin 1958.

Von der El­be bis zum Gel­ben Meer, Ber­lin 1958.

Wir sind da­bei ge­we­sen, Ber­lin 1959.

Aus Re­den und Auf­sät­zen, Ber­lin 1985.

Archiv

In der Stif­tung Ar­chiv der Par­tei­en und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der DDR im Bun­des­ar­chiv be­fin­det sich die Per­so­nal­ak­te von Hans Loch un­ter der Si­gna­tur DC 20/7879.

Literatur

Ho­yer, Lutz, Re­vo­lu­ti­on, Klein­bür­ger­tum, Ideo­lo­gie. Zur Ideo­lo­gie­ge­schich­te der LD­PD in den Jah­ren 1945–1952, Ber­lin 1978.

Mül­ler-En­bergs, Hel­mut, Hans Loch, in: Mül­ler-En­bergs, Hel­mut/Wie­l­g­ohs, Jan/Die­ter Hoff­mann [u. a.] (Hg.), Wer war wer in der DDR. Ein Le­xi­kon ost­deut­scher Bio­gra­phi­en, 5. Aus­ga­be, Band 1, Ber­lin 2010, S. 624-625.

Se­kre­ta­ri­at des Zen­tral­vor­stan­des der Li­be­ral-De­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (Hg.), Hans Loch. Bei­trä­ge zu sei­ner po­li­ti­schen Bio­gra­phie. 1945–1960, Ber­lin 1974.

Som­mer, Ulf, Die Li­be­ral-De­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands. Ei­ne Block­par­tei un­ter Füh­rung der ­SED, Müns­ter 1996.

Online

Hö­mig, Her­bert, „Loch, Han­s“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 14 (1985), S. 742-743. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Müller-Enbergs, Helmut, Hans Loch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-loch/DE-2086/lido/57c94221929ea1.01588419 (23.06.2018)