Heinrich Grüber

Theologe und NS-Gegner (1891-1975)

Stefan Flesch (Düsseldorf)

Heinrich Grüber, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Hein­rich Grüber wand­te sich als Pfar­rer in Ber­lin ge­gen den Ras­sen­wahn des NS-Re­gimes und ris­kier­te mit sei­ner tä­ti­gen Hil­fe für ver­folg­te Ju­den sein ei­ge­nes Le­ben. Nach dem Krieg ver­stand er sich als Brü­cken­bau­er zwi­schen Ost und West.

Hein­rich Karl Ernst Grüber wur­de am 24.6.1891 als äl­tes­ter Sohn des Leh­rers Dr. Ernst Grüber und des­sen Frau Al­wi­ne Cle­ven in Stol­berg ge­bo­ren. Sei­ne Mut­ter stamm­te aus Lim­burg und ver­mit­tel­te dem Sohn be­reits früh die Kennt­nis der hol­län­di­schen Spra­che und Kul­tur. Eben­so lern­te das Kind un­ter dem Ein­fluss des in Frank­reich auf­ge­wach­se­nen Va­ters Fran­zö­sisch. Nimmt man hin­zu, dass er sei­ne Ju­gend im Drei­län­der­eck der Re­gi­on um Aa­chen ver­brach­te und zu­meist der ein­zi­ge evan­ge­li­sche Schü­ler in der Klas­se war, so wird die Auf­ge­schlos­sen­heit de­s­ ­spä­te­ren Theo­lo­gen Grüber für Be­lan­ge der Öku­me­ne nach­voll­zieh­bar. 

Nach dem 1910 am Gym­na­si­um zu Eschwei­ler ab­ge­leg­ten Ab­itur woll­te er zu­nächst in die be­ruf­li­chen Fuß­stap­fen des Va­ters tre­ten und stu­dier­te Phi­lo­so­phie, Ge­schich­te und evan­ge­li­sche Theo­lo­gie in Bonn, Ber­lin und Ut­recht. Er ent­schloss sich dann zum Pfarr­dienst und leg­te Os­tern 1914 am r­hei­ni­schen Kon­sis­to­ri­um in Ko­blenz das Ers­te theo­lo­gi­sche Ex­amen ab. Es folg­te ei­ne kur­ze Zeit als Vi­kar in Wup­per­tal im Dienst der rhei­ni­schen Pas­to­ral­hilfs­ge­sell­schaft. Im Ja­nu­ar 1915 er­folg­te die Ein­be­ru­fung zum Mi­li­tär. Nach ei­nem kur­zen In­ter­mez­zo 1918/ 1919 als Hilfs­pre­di­ger in Stol­berg ab­sol­vier­te er das Ber­li­ner Dom­kan­di­da­ten­stift, ehe er 1920 sei­ne ers­te Pfarr­stel­le in Dort­mund-Bra­ckel er­hielt. Noch ein­mal zog es ihn in die rhei­ni­sche Hei­mat, als er 1925 die Stel­le als Er­zie­hungs­lei­ter in der An­stalt Düs­sel­thal an­trat. Mit sei­nen mo­der­nen Kon­zep­ten ver­moch­te er sich nicht ge­gen den lei­ten­den An­stalts­pfar­rer durch­zu­set­zen und so wech­sel­te er be­reits 1926 nach Bran­den­burg, nun­mehr als Di­rek­tor des Er­zie­hungs­heims Wald­hof in Tem­plin. 

Po­li­tisch noch deutsch­na­tio­nal ori­en­tiert und Mit­glied im Stahl­helm, war er An­fang 1933 kurz im Ge­spräch als Staats­e­kre­tär im Reichs­ar­beits­mi­nis­te­ri­um von Franz Seld­te (1882-1947). Die­se ver­meint­lich glän­zen­de Auf­stiegs­per­spek­ti­ve zer­schlug sich rasch. Statt­des­sen wur­de er von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Tem­plin ent­las­sen und konn­te erst im Fe­bru­ar 1934 wie­der als Ge­mein­de­pfar­rer in Ber­lin-Kauls­dorf be­ruf­lich Fuß fas­sen. Nun­mehr in der Be­ken­nen­den Kir­che en­ga­giert, stand Grüber fort­an in stän­di­gem Kon­flikt mit sei­nem Ge­mein­de­kir­chen­rat, der mehr­heit­lich von Deut­schen Chris­ten be­setzt war und sei­nen Pfar­rer häu­fig de­nun­zier­te. Sei­ne ne­ben­amt­li­che Be­treu­ung der Nie­der­län­di­schen Ge­mein­de in Ber­lin prä­des­ti­nier­te Grüber für ei­ne neue und schwie­ri­ge Auf­ga­be: Im Mai 1938 be­auf­trag­te ihn die Be­ken­nen­de Kir­che mit der Ein­rich­tung ei­ner „Hilfs­stel­le für nich­ta­ri­sche Chris­ten", al­so für Fa­mi­li­en, die zum Teil schon seit Ge­ne­ra­tio­nen kon­ver­tiert wa­ren, aber doch den NS-Ras­se­ge­set­zen un­ter­la­gen. 

Die Ar­beits­ge­bie­te des „Bü­ro Pfar­rer Grüber" in der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ße um­fass­ten die Aus­wan­de­rer­be­ra­tung ein­schlie­ß­lich Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung (hier auch spe­zi­ell die Kin­der­aus­wan­de­rung), die Stel­len­ver­mitt­lung ins Aus­land, Wohl­fahrts­ar­beit und Rechts­be­ra­tung. Über öku­me­ni­sche Kon­tak­te er­warb das Bü­ro die drin­gend not­wen­di­gen Aus­rei­se­vi­sa, eben­so not­wen­dig war ein ge­wis­ses Zu­sam­men­spiel mit den NS-Be­hör­den, die zu­nächst noch In­ter­es­se an ei­ner for­cier­ten jü­di­schen Aus­wan­de­rung hat­ten. Hier kam es auch zu ei­nem Be­such Grübers in dem Re­fe­rat von Adolf Eich­mann. Ins­ge­samt konn­te bis zur Auf­lö­sung des Bü­ros im De­zem­ber 1940 die Emi­gra­ti­on von zwi­schen 1.700 und 2.000 Ju­den or­ga­ni­siert wer­den.

Im Ber­li­ner Bü­ro hat­te Grüber bis zu 35 Mit­ar­bei­ter, meist selbst Ras­se­ver­folg­te. Zu sei­nem reichs­wei­ten Netz an ne­ben­amt­li­chen Ver­trau­ens­leu­ten zähl­ten im Rhein­land un­ter an­de­rem die Pfar­rer Paul Bier­mann (1881-1968) in Mül­heim-Styrum, Hans Encke (1896-1976) in Köln-Nip­pes und Gott­fried Höt­zel (1880-1940) in Düs­sel­dorf-Ober­kas­sel. Sie wa­ren eben­falls durch ih­re Ar­beit ge­fähr­det, Höt­zel bei­spiels­wei­se mus­s­te ­An­fang 1940 ei­ne zwei­mo­na­ti­ge In­haf­tie­rung ver­bü­ßen. Als im Herbst 1940 fast 7.000 Ju­den aus Ba­den, der Pfalz und dem Saar­ge­biet in das süd­fran­zö­si­sche La­ger Gurs de­por­tiert wur­den, be­schränk­te Grüber sich nicht mehr auf Pro­tes­te, son­dern be­schritt den ris­kan­ten Weg der Kon­spi­ra­ti­on. Über Kon­tak­te zur Ab­wehr or­ga­ni­sier­te sich Grüber ei­nen Rei­se­pass, doch noch vor sei­ner ge­plan­ten Ab­rei­se wur­de er am 19.12.1940 von der Ge­sta­po ver­haf­tet und in das KZ Sach­sen­hau­sen ver­bracht. Von dort er­folg­te 1941 die Ver­le­gung nach Dach­au in den so ge­nann­ten „Pfaf­fen­block". 

Über sei­ne schreck­li­chen Er­leb­nis­se in der Haft be­rich­tet Grüber ein­drück­lich in sei­ner Au­to­bio­gra­phie. Er wur­de von Wär­tern zu­sam­men­ge­schla­gen und muss­te im Au­gust 1942 un­mit­tel­bar er­le­ben, wie Wer­ner Syl­ten (1893-1942), sein frü­he­rer Stell­ver­tre­ter im Bü­ro, in ei­nem „In­va­li­den­trans­port" zur Ver­nich­tungs­stät­te Schloss Hart­heim bei Linz ver­bracht wur­de. Be­ein­druckt zeig­te er sich von der La­ger­dis­zi­plin vor al­lem der ge­fan­ge­nen Kom­mu­nis­ten. Im Som­mer 1943 er­folg­te auf Für­spra­che sei­ner Fa­mi­lie die Ent­las­sung un­ter stren­gen Auf­la­gen. Die Mehr­zahl der jü­di­schen Mit­ar­bei­ter sei­nes En­de 1940 auf­ge­lös­ten Bü­ros war zu die­sem Zeit­punkt be­reits in den Ghet­tos und Ver­nich­tungs­la­gern im Os­ten er­mor­det wor­den. 

Der Ein­marsch der Ro­ten Ar­mee be­deu­te­te für Grüber die Be­frei­ung aus er­zwun­ge­ner Un­tä­tig­keit. Er stürz­te sich ge­ra­de­zu in die Ar­beit und en­ga­gier­te sich kirch­lich wie po­li­tisch in zahl­rei­chen Ber­li­ner Gre­mi­en und in der Flücht­lings­ar­beit. 1945 wur­de er Propst von St. Ma­ri­en und St. Ni­ko­lai in Ber­lin. Zu sei­nem zu­stän­di­gen Bi­schof Ot­to Di­be­li­us (1880-1967) stand der bru­der­rät­lich ori­en­tier­te Grüber in kir­chen­po­li­ti­schem Ge­gen­satz, so dass es im­mer wie­der zu Rei­be­rei­en kam. Er zähl­te zu den Mit­be­grün­dern der CDU in Ber­lin, trat ihr nach ei­ge­nem Be­kun­den aber nie bei. 1949 er­folg­te die Er­nen­nung zum Be­voll­mäch­tig­ten des Ra­tes der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land bei der Re­gie­rung der DDR. 

In die­sem Amt blieb der ge­schmei­di­ge Kir­chen­di­plo­mat in Ost wie West nicht un­um­strit­ten. Hin­ter den Ku­lis­sen be­stand Grübers vor­dring­li­ches An­lie­gen dar­in, die pe­ri­odisch ein­set­zen­den Re­pres­sio­nen und Pres­se­at­ta­cken der SED-Or­ga­ne ge­gen die evan­ge­li­sche Kir­che in der DDR auf­zu­fan­gen oder zu­min­dest ab­zu­mil­dern. Hart be­trof­fen war et­wa bis 1953 die so ge­nann­te Jun­ge Ge­mein­de. Im Wes­ten kri­ti­sier­te man um­ge­kehrt Grübers Be­reit­schaft, tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che kom­mu­nis­ti­sche Po­si­tio­nen wie­der­zu­ge­ben. Hier zeig­te sich wie­der­um wie 1938/ 1939 die für vie­le ir­ri­tie­ren­de Ten­denz Grübers, sich aus tak­ti­schen Mo­ti­ven her­aus der sprach­li­chen Dik­ti­on der je­wei­li­gen Macht­ha­ber an­zu­pas­sen. Die Be­kannt­schaft mit ei­ni­gen kom­mu­nis­ti­schen Po­li­ti­kern aus der ge­mein­sa­men KZ-Haft er­wies sich frei­lich als zu­neh­mend brü­chi­ge Ver­trau­ens­ba­sis und spä­tes­tens 1957 mit dem Tod von Ot­to Nu­sch­ke (1893-1957), dem Chef der Ost-CDU, wur­de er für das Re­gime zu­neh­mend zur per­so­na non gra­ta. 

Im Mai 1958 ent­zog ihm die DDR-Re­gie­rung end­gül­tig die Ak­kre­di­tie­rung: „Sie hat­ten er­kannt, dass es mir letz­ten En­des nicht dar­um ge­gan­gen war, den so­zia­lis­ti­schen Staat zu stär­ken, son­dern die Evan­ge­li­sche Kir­che frei­zu­hal­ten für den Sa­ma­ri­ter­dienst an den Men­schen in Ost und West." Die welt­wei­te Auf­merk­sam­keit der Me­di­en rich­te­te sich noch ein­mal auf ihn, als er 1961 als ein­zi­ger deut­scher Zeu­ge im Pro­zess ge­gen Adolf Eich­mann aus­sag­te. In den fol­gen­den Jah­ren setz­te er sich stark für die deutsch-is­rae­li­sche Aus­söh­nung ein. Ho­he Aus­zeich­nun­gen wur­den ihm zu­teil, so nahm ihn die is­rae­li­sche Re­gie­rung 1967 in die Rei­he der „Ge­rech­ten un­ter den Völ­kern" auf und 1970 wur­de ihm die Eh­ren­bür­ger­schaft der Stadt Ber­lin ver­lie­hen. 

Hein­rich Grüber ver­starb am 29.11.1975 in Ber­lin-Zeh­len­dorf. 

Werke

Er­in­ne­run­gen aus sie­ben Jahr­zehn­ten, Köln 1968.
Nicht ne­ben­ein­an­der – Mit­ein­an­der!, Ber­lin 1955. 

Literatur

Bautz, Fried­rich Wil­helm, Ar­ti­kel "Grüber, Hein­rich", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 2 (1990), Sp. 363-364.

Be­sier, Ger­hard, Hein­rich Grüber - Pas­tor, Öku­me­ni­ker, Kir­chen­po­li­ti­ker, in: Jahr­buch der Ge­sell­schaft für Nie­der­säch­si­sche Kir­chen­ge­schich­te 89 (1991), S. 363-384.

Lud­wig, Hart­mut, An der Sei­te der Ent­rech­te­ten und Schwa­chen. Zur Ge­schich­te des „Bü­ros Pfar­rer Grüber" (1938-1940) und der Ev. Hilfs­stel­le für ehe­mals Ras­se­ver­folg­te nach 1945, Ber­lin 2009.

Rink, Si­gurd, Der Be­voll­mäch­tig­te. Propst Grüber und die Re­gie­rung der DDR, Stutt­gart 1996.

Wink­ler, Die­ter, Hein­rich Grüber - Pro­tes­tie­ren­der Christ. Ber­lin-Kauls­dorf 1934-1945, Ber­lin 1993. 

Online

Hein­rich Grüber (Bio­gra­phi­sche Kurz­in­for­ma­ti­on auf der Web­site der Ge­denk­stät­te Deut­scher Wi­der­stand).

 
Zitationshinweis

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Flesch, Stefan, Heinrich Grüber, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-grueber/DE-2086/lido/57c6d864af29a8.84622794 (18.11.2018)