Heinrich Lersch

Katholischer Arbeiterdichter (1889-1936)

Günter Haffke (Andernach)

Heinrich Lersch in Bodendorf, 1935/36. (Privatbesitz Edgar Lersch / Tübingen)

Mit der Vers­zei­le “Deutsch­land muss le­ben, und wenn wir ster­ben müs­sen!“ hat sich Hein­rich Lersch 1914 in das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis der Deut­schen ein­ge­schrie­ben. Die meist au­to­bio­gra­phi­schen Wer­ke des Kes­sel­schmieds und Dich­ters sind heu­te weit­ge­hend ver­ges­sen, weil der Au­tor we­gen des Ein­tre­tens für den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in Ver­ruf ge­ra­ten ist. Die Be­zeich­nung „ka­tho­li­scher  Ar­bei­ter­dich­ter“ ist um­strit­ten.

Am 12.9.1889 wur­de Hein­rich Lersch im heu­ti­gen Mön­chen­glad­bach ge­bo­ren. Sein Va­ter war der Ka­tho­lik Ma­thi­as Lersch (1843-1926), ein selb­stän­di­ger, aber er­folg­lo­ser Kes­sel­schmied. Sei­ne Mut­ter, Ma­ria Jo­han­na Lersch ge­bo­re­ne Cloe­ren (1861-1927) aus Mön­chen­glad­bach, war eben­falls ka­tho­lisch und er­zog die sie­ben Kin­der ent­spre­chend. Die Fa­mi­lie wä­re we­gen des des­po­ti­schen Va­ters zer­bro­chen, wenn die Mut­ter nicht für ei­nen Aus­gleich in Ge­duld und Op­fer­mut ge­sorgt hät­te. Für Hein­rich Lersch er­hiel­ten die Be­grif­fe „Schul­d“, „Op­fe­run­g“ früh ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­deu­tung. Sein Elend wur­de ver­grö­ßert durch sei­ne schwäch­li­che Kon­sti­tu­ti­on. Der Au­ßen­sei­ter war klei­ner als die an­de­ren und häu­fig krank (Asth­ma, Ma­gen­lei­den).

Ei­ne Aus­flucht bo­ten dem Kind die Träu­me, die Na­tur und Got­tes­dienst. Die Bil­der­welt der Spra­che wur­de die ent­schei­den­de Flucht­mög­lich­keit. Die Volks­schu­le (1896-1904) konn­te dem Jun­gen li­te­ra­risch kaum An­re­gun­gen bie­ten. Sei­ne Vor­bil­der fand er in der Bi­bel, in lit­ur­gi­schen Tex­ten und Ge­sän­gen. Als Kind las er „Die Haus­pos­til­le“, „Das Le­ben der Hei­li­gen“, Karl May und die Heft­chen „Nick Car­ter“ und „Buf­fa­lo Bil­l“. Spä­ter erst lern­te er die Dich­ter des 19. Jahr­hun­derts ken­nen. Un­ter­stützt wur­de er von dem ka­tho­li­schen Theo­lo­gen Carl Son­nen­schein und dem Mu­sik­leh­rer und Kom­po­nis­ten Fried­rich Max An­ton (1877-1939). Le­bens­lang blieb er sei­nem Freund aus Mön­chen­glad­bach, dem Dich­ter Hans Leif­helm (1891-1947), ver­bun­den.

 

Als Hein­rich Lersch 1909 Mön­chen­glad­bach ver­ließ, emp­fand der Kes­sel­schmied das Ge­sel­len­da­sein als Be­frei­ung. Auf sei­nen Wan­de­run­gen kam er bis 1914 durch Deutsch­land, Bel­gi­en, Hol­land, Ita­li­en und Ös­ter­reich (Wien). Da­bei lern­te er die exis­ten­zi­el­len Pro­ble­me des Lohn­ar­bei­ters und Au­ßen­sei­ters ken­nen. Wie in­ten­siv sei­ne Kon­tak­te zu den ka­tho­li­schen Ge­sel­len­ver­ei­nen, zum „Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­lan­d“ und der „Christ­li­chen Me­tall­ar­bei­ter­ge­werk­schaf­t“ wa­ren, bleibt un­klar. Den „Frei­en Ge­werk­schaf­ten“ und so­zia­lis­ti­schen be­zie­hungs­wei­se kom­mu­nis­ti­schen Grup­pie­run­gen war er zu ka­tho­lisch, zu we­nig re­vo­lu­tio­när und zu we­nig pro­le­ta­risch. Es ist schwie­rig, sei­ne spä­te­ren Kon­tak­te zur „Frei­en Ar­bei­ter-Uni­on Deutsch­lands (Syn­di­ka­lis­ten)“ oder zur „Va­ga­bun­den­be­we­gun­g“ zu­tref­fend ein­zu­schät­zen. Si­cher ist nur, dass er das Elend der aus­ge­beu­te­ten Ar­bei­ter deut­lich sah und wort­ge­wal­tig be­klag­te, sich mit den Ar­bei­tern als „Pro­le­t“ – un­or­ga­ni­siert – so­li­da­ri­sier­te und mit­litt, oh­ne zum Klas­sen­kampf auf­zu­ru­fen.

Statt­des­sen be­seel­te und äs­the­ti­sier­te er die Ar­beit und schil­der­te, wie er im Rhyth­mus der Ham­mer­schlä­ge eins wur­de mit dem her­ge­stell­ten Ge­gen­stand. Ma­schi­nen fas­zi­nier­ten ihn. Sie wa­ren für ihn Trä­ger des Fort­schritts, aber auch le­bens­ge­fähr­lich. Im op­fer­be­rei­ten Wir­ken al­ler Hand­wer­ker und Ar­bei­ter sah er die Grund­la­ge mensch­li­chen Fort­schritts; in sei­nen Ge­dich­ten und Er­zäh­lun­gen be­ton­te er den Wert der Ar­beit an sich.

Sei­ne Op­fer­be­reit­schaft wur­de beim Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges 1914 deut­lich. Ob­wohl er noch kurz vor­her nach Ame­ri­ka aus­wan­dern woll­te, fühl­te er jetzt wie vie­le  deut­sche Dich­ter und Künst­ler die „hei­li­ge Pflich­t“, das Va­ter­land zu ver­tei­di­gen. In sei­ner Eu­pho­rie schrieb er am 2.8.1914 sein be­rühm­tes­tes Ge­dicht „Sol­da­ten­ab­schie­d“ (Aus­ge­wähl­te Wer­ke I, S. 56-57) mit dem oben zi­tier­ten Satz, das sei­nen Ruf als Kriegs­dich­ter be­grün­de­te. Die im Ver­lauf des Krie­ges ent­stan­de­nen Ge­dich­te ver­mi­schen un­ter­schied­li­che Sprach- und Bild­ebe­nen, Pa­trio­tisch-Na­tio­na­les wird re­li­gi­ös über­höht und kom­bi­niert mit Be­grif­fen aus der Welt des Kes­sel­schmieds und des Fron­t­er­leb­nis­ses. Da­bei ste­hen sich die Aus­sa­gen häu­fig ge­gen­über: Hass auf den Feind, „hei­li­ge Pflich­t“ zum Tö­ten des Geg­ners ei­ner­seits; an­de­rer­seits Auf­for­de­rung zur Nächs­ten- und Fein­des­lie­be, zu ei­ner all­ge­mei­nen Men­schen­ver­brü­de­rung bis hin zur For­mu­lie­rung „Es gibt auf Er­den ja kein grö­ße­res Glück, als nicht Sol­dat, als nicht im Krieg zu sein!“ („Der Kriegs­in­va­li­de“, Aus­ge­wähl­te Wer­ke I, S. 172). Em­pha­tisch und ir­ra­tio­nal scheint sich der Dich­ter häu­fig am Klang und Rhyth­mus sei­ner Spra­che zu be­rau­schen. Man­che For­mu­lie­rung grenzt da­bei an Blas­phe­mie, wenn er Mord­waf­fen mit Kult­ge­gen­stän­den ver­gleicht oder das Tö­ten mit Got­tes­dienst.

1915 wur­de er an der Front in der Cham­pa­gne ver­schüt­tet, aber ge­ret­tet und kam in ein La­za­rett nach Ha­d­a­mar, dann 1916 zum Ka­ser­nen­dienst nach Köln. Von dort aus lern­te er 1916 meh­re­re Dich­ter der „Werk­leu­te auf Haus Ny­lan­d“ ken­nen, vor al­lem Jo­sef Winck­ler (1881-1966). Mit den Ge­dicht­bän­den „Herz! Auf­glü­he Dein Blut!“ und „Deutsch­land!“ war er be­reits be­kannt ge­wor­den, wo­zu der Hein­rich-Kleist-Preis (1916) bei­trug. Die mit dem Preis ver­bun­de­ne Geld­sum­me wur­de in den Auf­bau ei­ner neu­en Werk­statt in Mön­chen­glad­bach in­ves­tiert.

Im De­zem­ber 1918 hei­ra­te­te er Eri­ka Köch­lin (1898-1972), die Toch­ter ei­nes In­ge­nieurs und Fa­bri­kan­ten. Er über­höh­te sei­ne Lie­bes­ge­schich­te in dem Ge­dicht­zy­klus „Die ewi­ge Frau“ und in „Mensch im Ei­sen“. In die­sen Wer­ken er­löst das „Weib­li­che“, die „Mut­ter“, die „Lie­be“ die Welt von den Übeln.

Dem äu­ßer­lich un­glei­chen Paar wur­den in Mön­chen­glad­bach drei Kin­der ge­bo­ren: Sohn Ger­rit (1919-2006), ge­nannt nach dem 1918 ge­fal­le­nen Dich­ter­freund Ger­rit En­gel­ke (1892-1918), Sohn Ed­gar (ge­bo­ren 1921) und Toch­ter He­le­ne, ge­nannt Le­ni (1930-2010). Von sei­ner Kin­der­lie­be zeugt das Buch „Man­ni“, in dem auch der rhei­ni­sche Dia­lekt ei­nen Nie­der­schlag fand.

Die po­li­tisch und wirt­schaft­lich schwie­ri­ge Nach­kriegs­zeit im Rhein­land stell­te die Fa­mi­lie im­mer wie­der vor gro­ße Exis­tenz­pro­ble­me. Als Hein­rich Lersch sich ab 1924/1925 ge­sund­heits­be­dingt nur noch auf den Be­ruf als Dich­ter kon­zen­trier­te, ver­schärf­te sich die Si­tua­ti­on. Sei­ne an­ge­grif­fe­ne Ge­sund­heit mach­te 1925-1931 län­ge­re, aber be­schei­de­ne Auf­ent­hal­te der Fa­mi­lie im Mit­tel­meer­raum not­wen­dig (Ca­pri/Ana­ca­pri und 1926 auch Da­vos). Die Not­la­gen schil­der­te er in den Wer­ken „Mensch im Ei­sen“, „Ham­mer­schlä­ge“ und „Im Puls­schlag der Ma­schi­nen“.

Hei­lung von sei­nen Krank­hei­ten er­hoff­te er sich ab et­wa 1927 von dem Heil­prak­ti­ker Mat­thi­as Lei­sen (1879-1940), der ur­sprüng­lich An­strei­cher/Wün­schel­ru­ten­gän­ger war, aus Das­burg/Ei­fel stamm­te und mit der Fa­mi­lie nach Bo­den­dorf/Ahr (heu­te Sin­zig-Bad Bo­den­dorf) ge­zo­gen war. Ihr folg­te 1932 Hein­rich Lersch mit sei­ner Fa­mi­lie. In dem Ro­man „Die Ru­ten Got­tes“ woll­te er dem Heil­prak­ti­ker ein Denk­mal set­zen. In dem Frag­ment stell­te er auch die Ide­en der Le­bens­re­for­mer, der As­tro­lo­gie, des Ma­gne­tis­mus, der Na­tur­kost und ei­ner öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft dar, was in der Vor­stel­lung ei­ner kos­mi­schen Ein­heit gip­felt. Die­se Hin­wen­dung zu un­ter­schied­li­chen My­then, zu ei­ner all­ge­mei­nen Na­tur­fröm­mig­keit oder Re­li­gi­on jen­seits al­ler Kon­fes­sio­nen zeigt, wie weit der Dich­ter sich von der dog­ma­ti­schen Leh­re der ka­tho­li­schen Kir­che ent­fernt hat­te, aus der er aber nie aus­trat.

In dem von Lek­to­ren stark be­ar­bei­te­ten Werk „Die Pio­nie­re von Ei­len­bur­g“ schil­der­te er den letzt­lich noch ge­schei­ter­ten Ver­such, die so­zia­le Fra­ge durch die Um­wand­lung von Be­trie­ben in Kon­sum- und Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten zu lö­sen.

Das Le­bens­the­ma des Dich­ters - „Schul­d“, „Süh­ne“, „Op­fer“, „Er­lö­sun­g“ - be­herrscht auch das Ro­man­frag­ment “Sieg­frie­d“. Die my­thi­schen Be­grif­fe „Schmie­d“, „Ham­mer“, „Am­bos­s“, „Ei­sen“, „Feu­er“ und „Blu­t“ ver­bin­den sich mit der Hand­lung der Haupt­fi­gur, die sich op­fert, de­ren Blut sich mit flüs­si­gem Ei­sen ver­eint und die so eins wird mit die­sem Ele­ment.

In die Bo­den­dor­fer Zeit fiel das öf­fent­li­che Ein­tre­ten des Dich­ters für den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Das hat­te wohl meh­re­re Grün­de: Das em­pha­ti­sche Vo­ka­bu­lar des Dich­ters ent­sprach zum Teil auch der Rhe­to­rik der neu­en Macht­ha­ber. Er konn­te sich ver­stan­den füh­len und sich ei­ne bes­se­re be­ruf­li­che und fi­nan­zi­el­le Zu­kunft er­hof­fen, auch für sei­ne Söh­ne in Hit­ler-Ju­gend (HJ) und Gym­na­si­um. Hin­zu kam, dass der Au­ßen­sei­ter Hein­rich Lersch im­mer noch ei­ne Ge­mein­schaft such­te, zu der auch er ge­hö­ren konn­te. 1935 schrieb er selbst als Be­grün­dung: „Zwi­schen Acker­feld und Wein­berg wur­de mir klar, dass ich an den Schmie­de­feu­ern kei­ne rech­te Ju­gend ge­habt ha­be. Drum bin ich, ehe­ma­li­ger Ge­frei­ter, Jung­zug­füh­rer im Jung­volk und Stamm­schu­lungs­lei­ter ge­wor­den. Der Füh­rer un­se­res Stam­mes ist mein Jun­ge, der ein­mal „Man­ni“ hieß.“ („Deutsch­land muß le­ben!“ 1935/1943, S. 70-71). Seit 1934 war der Er­wach­se­ne Mit­glied der HJ.

In die­ser Ge­mein­schaft woll­te er hel­fen, ei­ne bes­se­re Welt zu er­rich­ten und schrieb ei­ni­ge sei­ner al­ten Ge­dich­te und Lie­der in li­ni­en­treue Tex­te um. Sei­ne An­pas­sung wur­de er­gänzt durch Un­ter­schrif­ten und Er­ge­ben­heits­adres­sen an Adolf Hit­ler (1889-1945) – er war Mit­un­ter­zeich­ner des Treue­ge­löb­nis­ses „88 deut­sche Schrift­stel­ler“ für Hit­ler im Ok­to­ber 1933 und des „Auf­rufs der Kul­tur­schaf­fen­den“ vom 19.8.1934 zur Ver­ei­ni­gung der Äm­ter des Reichs­prä­si­den­ten und des Reichs­kanz­lers in der Per­son Hit­lers - und durch An­spra­chen, die im „ Drit­ten Reich“ die Er­fül­lung der deut­schen Ge­schich­te fei­er­ten. Der Dich­ter hat­te sich bis 1933 von je­der Wahl fern­ge­hal­ten, „wähl­te“ am 12.11.1933 zum ers­ten Mal und woll­te der SS bei­tre­ten, was wohl nicht ver­wirk­licht wur­de. Seit dem 1.8.1935 war er Mit­glied der NS­DAP (Nr. 3701750). Den­noch setz­te er sich für sei­ne Dich­ter­kol­le­gen Karl Brö­ger (1886-1944) und Al­fons Paquet (1881-1944) ein, die Pro­ble­me mit dem Re­gime be­kom­men hat­ten. In sei­nen Brie­fen äu­ßer­te er sich zwar auch ne­ga­tiv über den NS-Li­te­ra­tur­be­trieb, ei­ne grund­sätz­li­che Kri­tik am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus gab es aber nicht.

Sei­ne Mit­glied­schaft im „Bund Rhei­ni­scher Dich­ter“ (bis 1933) und sei­ne Be­ru­fung im Mai 1933 in die Deut­sche Aka­de­mie der Dich­tung der „ge­säu­ber­ten“ Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Küns­te brach­ten ihm öf­fent­li­che An­er­ken­nung. Nach Ver­öf­fent­li­chung von „Mit brü­der­li­cher Stim­me“ er­hielt er am 27.10.1935 den Rhei­ni­schen Li­te­ra­tur­preis (2.500 RM). Al­ler­dings wur­den sei­ne fi­nan­zi­el­len Er­war­tun­gen trotz häu­fi­ger Vor­trä­ge vor HJ, auf KDF-Rei­sen, Ver­an­stal­tun­gen der DAF oder im Rund­funk nicht er­füllt. So bat er 1935 den Bür­ger­meis­ter sei­ner Ge­burts­stadt um Steu­er- be­zie­hungs­wei­se Schul­den­er­lass, da die Fa­mi­lie ein zu ge­rin­ges Ein­kom­men ha­be.

Die fi­nan­zi­el­le Mi­se­re hin­der­te ihn nicht dar­an, an den ver­schie­de­nen Fes­ten und Fei­ern in Bo­den­dorf – auch mit Ge­le­gen­heits­ge­dich­ten – teil­zu­neh­men. Er fas­zi­nier­te sei­ne Zu­hö­rer durch sein Er­zähl­ta­lent. In sol­chen Au­gen­bli­cken muss der eher un­schein­ba­re Mann ei­ne enor­me Aus­strah­lung ge­habt ha­ben. Die Ju­gend­li­chen, die sich für ihn be­geis­ter­ten, dank­ten ih­rem Dich­ter und HJ-Mit­glied 1939 mit ei­ner Ge­denk­s­te­le ne­ben der Dichter­klau­se.

Das Rhein­land ist für Hein­rich Lersch die Hei­mat, al­ler­dings bleibt sein Hei­mat­be­griff un­be­stimmt. Es gibt rea­lis­ti­sche, aber auch ly­risch über­höh­te Schil­de­run­gen des Le­bens in Mön­chen­glad­bach und zum Bei­spiel auch in Duis­burg und Köln. Mit ei­ni­gen Ge­dich­ten und Er­zäh­lun­gen woll­te der Dich­ter sei­ner Va­ter­stadt ein Denk­mal set­zen, das aber dop­pel­deu­tig blieb. Ähn­li­ches gilt für sei­ne Na­tur­schil­de­run­gen und Land­schafts­dar­stel­lun­gen, zum Bei­spiel für Mit­tel­meer, Rhein oder Ahr. Der Idea­li­sie­rung der Na­tur und der an­geb­lich na­tür­li­chen Be­woh­ner steht als Kon­trast der aus­ge­beu­te­te Be­woh­ner/Ar­bei­ter der Stadt ge­gen­über, zu­gleich wirkt aber auch in der Na­tur et­was Dä­mo­ni­sches.

Als Hein­rich Lersch am 18.6.1936 nach Un­fall un­d  Krank­heit in Re­ma­gen starb, in­sze­nier­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Trau­er­fei­er­lich­kei­ten am Ufer des Rheins in Re­ma­gen und auf dem Fried­hof in Mön­chen­glad­bach – auf be­son­de­ren Wunsch des Dich­ters vor­her aber in der Kes­sel­schmie­de. Das städ­ti­sche Eh­ren­be­gräb­nis und ei­ne spä­te­re Un­ter­stüt­zung der Fa­mi­lie blie­ben nicht oh­ne Wi­der­spruch von Par­tei­mit­glie­dern, die den Ar­bei­ter­dich­ter des So­zia­lis­mus oder Kom­mu­nis­mus ver­däch­tig­ten. Der Ein­fluss der Par­tei zeig­te sich auch 1939, als das Fo­to des to­ten Dich­ters mit ei­nem Kru­zi­fix in den Hän­den aus ei­ner Aus­stel­lung in Bad Neue­nahr (heu­te Stadt Bad Neue­nahr-Ahr­wei­ler) ent­fernt und durch ein par­tei­kon­for­mes Bild er­setzt wer­den muss­te. Die Un­ter­stüt­zung der Hin­ter­blie­be­nen blieb mä­ßig, ob­wohl ein Teil der Wer­ke erst­mals ver­öf­fent­licht be­zie­hungs­wei­se in ver­schie­de­nen Aus­ga­ben und Auf­la­gen nach­ge­druckt wur­de.

Nach 1945 ge­riet der Dich­ter all­mäh­lich in Ver­ges­sen­heit. Zwar er­schie­nen „Aus­ge­wähl­te Wer­ke“ in zwei Bän­den, „Ham­mer­schlä­ge“ mit ei­nem Nach­wort von Mar­tin Wal­ser und ei­ne Neu­auf­la­ge von „Man­ni“. Die Be­ur­tei­lung des Dich­ters und sei­nes Wer­kes lei­det je­doch bis heu­te dar­an, dass ei­ne kri­ti­sche Ge­samt­aus­ga­be auf der Ba­sis der ver­streut lie­gen­den Ma­nu­skrip­te und der an un­ter­schied­li­chen Or­ten er­schie­nen Wer­ke, ge­sam­melt vor al­lem im Stadt­ar­chiv Mön­chen­glad­bach und im Fritz-Hü­ser-In­sti­tut für Li­te­ra­tur und Kul­tur der Ar­beits­welt Dort­mund, fehlt.

In zahl­rei­chen deut­schen Städ­ten – auch au­ßer­halb Nord­rhein-West­fa­lens – tra­gen Stra­ßen den Na­men des Dich­ters. We­gen sei­ner NS-Nä­he ist in der Stadt Müns­ter jüngst ei­ne Dis­kus­si­on um ei­ne mög­li­che Um­be­nen­nung des dor­ti­gen Hein­rich-Lersch-We­ges (be­nannt 1938) ent­stan­den.

Quellen

Der Nach­lass von Hein­rich Lersch liegt im Stadt­ar­chiv Mön­chen­glad­bach und im Fritz Hü­ser In­sti­tut.

Werke (Auswahl)

_Aus­wahl­aus­ga­ben

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Aus­ge­wähl­te Wer­ke in zwei Bän­den, hg. und mit Ein­lei­tun­gen und An­mer­kun­gen ver­se­hen von Jo­han­nes Klein, Düs­sel­dorf/Köln 1965/1966.
 

_Ein­zel­aus­ga­ben

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_ Brü­der (1915).

Herz! Auf­glü­he Dein Blut! Ge­dich­te im Krie­ge (1916/1917).

Deutsch­land! Ge­sän­ge von Volk und Va­ter­land (1918).

Die ewi­ge Frau. Lie­bes­ge­dich­te (1919).

Mensch im Ei­sen. Ge­sän­ge von Volk und Werk (1925).

Man­ni! Ge­schich­ten von mei­nem Jun­gen. Auf­ge­schrie­ben vom Va­ter (1926); Nach­druck und mit Zeich­nun­gen von Mar­tin Lersch (1991).

Ham­mer­schlä­ge. Ein Ro­man von Men­schen und Ma­schi­nen (1930); Nach­druck und mit ei­nem Nach­wort von Mar­tin Wal­ser (1980).

Re­de zu Eh­ren des Füh­rers, in: Die Bü­cher­gil­de 8 (1934), S. 11-13.

Mit brü­der­li­cher Stim­me. Ge­dich­te (1934).

Die Pio­nie­re von Ei­len­burg. Ro­man aus der Früh­zeit der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung (1934).

Im Puls­schlag der Ma­schi­nen. Er­zäh­lun­gen (1935).

Deutsch­land muß le­ben (1935), Feld­post­aus­ga­be (1943).

Brie­fe und Ge­dich­te aus dem Nach­laß. Hg. Chris­tan Jens­sen, Ham­burg 1939.

Skiz­zen und Er­zäh­lun­gen aus dem Nach­laß. Hg. Chris­ti­an Jens­sen, Ham­burg 1940.

Sieg­fried und an­de­re Ro­ma­ne aus dem Nach­laß. Hg. Chris­ti­an Jens­sen, Ham­burg 1941, [Sieg­fried: S. 11-205; Die Ru­ten Got­tes: S. 335-373].

Literatur

Cza­p­la, Ralf Ge­org, Ka­tho­li­zis­mus, Na­tio­na­lis­mus, So­zia­lis­mus. Zur In­ter­fe­renz welt­an­schau­li­cher For­ma­tio­nen im Werk des Ar­bei­ter­dich­ters Hein­rich Lersch, in: Kühl­mann, Wil­helm/Luck­schei­ter, Ro­man (Hg.), Mo­der­ne und An­ti­mo­der­ne. Der „Re­nou­veau ca­tho­li­que“ und die deut­sche Li­te­ra­tur. Bei­trä­ge des Hei­del­ber­ger Col­lo­qui­ums vom 12.-16. Sep­tem­ber 2006, Frei­burg im Br./ Ber­lin/ Wien 2008, S. 325-359.

Cza­p­la, Ralf Ge­org, Hein­rich Lersch als He­ros der Ar­beit. Ein un­be­kann­tes Por­trät des Köl­ner Fo­to­gra­fen Au­gust San­der, in: Jahr­buch zur Kul­tur und Li­te­ra­tur der Wei­ma­rer Re­pu­bli­k13/14, (2009/10), 2011, S. 9-26.

Del­s­eit, Wolf­gang, Hein­rich Lersch (1889-1936), in: Kort­län­der, Bernd (Hg), Li­te­ra­tur von ne­ben­an (1900-1945). 60 Por­traits von Au­to­ren aus dem Ge­biet des heu­ti­gen Nord­rhein-West­fa­len, Bie­le­feld 1995, S. 133-158.

Elbing, Stef­fen, Hein­rich Lersch – der Ar­bei­ter­dich­ter, in: Düs­ter­berg, Rolf (Hg.), Dich­ter für das „Drit­te Reich“. Bio­gra­fi­sche Stu­di­en zum Ver­hält­nis von Li­te­ra­tur und Ideo­lo­gie, Bie­le­feld 2009, S. 228-235.

Elbing, Stef­fen, Hein­rich Lersch im Bund rhei­ni­scher Dich­ter. Zur ideo­lo­gi­schen Ver­or­tung des „Ar­bei­ter­dich­ter­s“, in: Bar­bi­an, Jan-Pie­ter [u. a.] (Hg.), Von Flus­sidyl­len und För­der­tür­men. Li­te­ra­tur an der Naht­stel­le zwi­schen Ruhr und Rhein, Es­sen 2011, S. 117-141.

Haff­ke, Gün­ter, Hein­rich Lersch. Ein deut­scher Ar­bei­ter­dich­ter und Bo­den­dorf, in: 300 Jah­re St. Se­bas­tia­nus Bru­der­schaft 1681 e.V. Bad Bo­den­dorf. Fest­buch mit Bei­trä­gen zur Hei­mat­kun­de von Bo­den­dorf 1981, S. 73-86.

Hü­ser, Fritz (Hg.), Hein­rich Lersch. Kes­sel­schmied und Dich­ter 1889-1936. Mit Bei­trä­gen von Hanns Mar­tin Els­ter, An­ni Gei­ger-Hof, Max Bart­hel und ei­ner Hein­rich-Lersch-Bi­blio­gra­phie von Hed­wig Bie­ber, Dort­mund 1959.

Klee, Ernst, Kul­tur­le­xi­kon zum Drit­ten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Voll­stän­dig über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Frank­furt 2009, S. 329.

Kle­ß­mann, Eck­art,Stim­men der Dich­ter. Ei­nen tö­nen­de An­tho­lo­gie: Deut­sche Au­to­ren le­sen aus ih­ren Wer­ken (1907-1977). Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on des Zeit­ma­ga­zins ex­klu­siv, Ham­bur­g  1977 (H. L. „Sol­da­ten­ab­schie­d“ Plat­te 1B).

Lersch, Ed­gar/ Lersch, Mar­tin (Zeich­nun­gen), „Es hat ein je­der To­ter des Bru­ders An­ge­sich­t“. Re­fle­xio­nen ei­nes Nach­ge­bo­re­nen über Hein­rich Lersch, in: Mu­schel­hau­fen. Jah­res­schrift für Li­te­ra­tur und Gra­fik Nr. 43, Vier­sen 2003 S. 158-167.

Mei­din­ger-Gei­se, In­ge, Hein­rich Lersch (1889-1936), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 1(1961), S. 224-243.

Oel­lers, Nor­bert, Ge­schich­te der Li­te­ra­tur in den Rhein­lan­den seit 1815, in Pe­tri, Franz/Dro­ege, Ge­or­g  (Hg.), Rhei­ni­sche Ge­schich­te, Band 3, Düs­sel­dorf 1979, S. 553-696 [über Hein­rich Lersch S. 637-638, 691).

Strat­mann, Jut­ta (Be­arb., Ver­zeich­nis der Ar­chiv­be­stän­de zu den Ar­bei­ter­dich­tern Paul Zech (1891-1941), Ger­rit En­gel­ke (1890-1918) und Max Bar­tel (1893-1975) so­wie Über­sicht über den Nach­lass von Hein­rich Lersch (1889-1936) und Ka­ta­log zur Aus­stel­lung „Ar­bei­ter­dich­ter zu Krieg und Ar­beits­welt“. Nach­läs­se von Ar­bei­ter­dich­tern der 20er Jah­re im Fritz-Hü­ser-In­sti­tut für deut­sche und aus­län­di­sche Ar­bei­ter­li­te­ra­tur, Dort­mund 1984.

Online

In­for­ma­tio­nen zu­ Hein­rich Ler­sch auf der Web­site der Stadt Müns­ter.  [On­line]

Heinrich Lersch mit Familie, 1935/36. (Privatbesitz Edgar Lersch / Tübingen)

 
Zitationshinweis

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Haffke, Günter, Heinrich Lersch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-lersch/DE-2086/lido/57c93fd5413092.72556768 (22.04.2018)