Heinrich Olisleger

Rat und Kanzler des Herzogtums Kleve (um 1500-1575)

Martin Roelen (Wesel)

Heinrich Olisleger in Gelehrtentracht, Holzschnitt, nicht authentische Darstellung aus: Heinrich Pantaleon, Der Dritte vnd letste Theil Teutscher Nation Warhafften Helden […], Basel 1578. (Stadtarchiv Wesel)

Der wohl ein­fluss­reichs­te der hu­ma­nis­tisch ge­präg­ten und aus dem Bür­ger­tum stam­men­den Rä­te im Her­zog­tum Jü­lich-Kle­ve war zwei­fels­oh­ne der im Jah­re 1500 in We­sel ge­bo­re­ne Hein­rich Bars ge­nannt Olis­le­ger (Alys­le­ger). Sein Va­ter war ein un­ge­mein er­folg­rei­cher und ver­mö­gen­der Kauf­mann, der in zwei­ter Ehe mit Odi­lia van Dript (ge­stor­ben vor 1529) ver­hei­ra­tet war. Als Sohn ei­nes le­bens­lang am­tie­ren­den Schöf­fen war Hein­rich Se­ni­or ei­gent­lich prä­des­ti­niert für ei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re in We­sel. Auf­grund ei­ner schwe­ren Ver­feh­lung wur­de er erst spät – von 1499 bis 1501 – als Rats­mann ge­wählt. Die­se Wahl lös­te in­ner­städ­ti­sche Que­re­len um sei­ne Ver­gan­gen­heit aus, die vor dem her­zog­li­chen Ge­richt in Kle­ve glück­lich en­de­ten. Er stieg auf und wur­de kle­vi­scher Land­rent­meis­ter, was au­to­ma­tisch sei­ne Kar­rie­re in We­sel be­en­de­te.

Hein­rich Ju­ni­or schrieb sich nach Schul­be­su­chen in We­sel und Rees be­reits sehr früh, am 31.10.1511, für ein Ju­ra­stu­di­um an der Uni­ver­si­tät in Köln ein, wo der Va­ter ein Haus be­saß. 1515 be­such­te er die Uni­ver­si­tät Or­léans und 1518 die in Bo­lo­gna. Er pro­mo­vier­te zum Dok­tor der Rech­te und war 1525 De­kan der Uni­ver­si­tät Köln, an der er Recht lehr­te. In die­ser Zeit – 1529 – starb auch in Köln sein Va­ter und hin­ter­ließ ihm und sei­nen bei­den Brü­dern aus der zwei­ten Ehe sein enor­mes Ver­mö­gen; sei­ne Halb­brü­der wa­ren schon früh ab­ge­fun­den wor­den. Sein er­erb­tes Ver­mö­gen steck­te auch wei­ter­hin im Han­del, das hei­ßt,  er war zu­min­dest als stil­ler Teil­ha­ber an Ge­schäf­ten be­tei­ligt.

1531 er­nann­te Her­zog Jo­hann III. von Jü­lich-Kle­ve Olis­le­ger zum kle­vi­schen Rat. Be­reits 1534 trat er als kle­ve-mär­ki­scher Kanz­lei­ver­we­ser die Nach­fol­ge des Kanz­lers Si­bert von Rys­wick (ge­stor­ben wohl 1534) an. Er stand der Lan­des­kanz­lei vor und war Stell­ver­tre­ter des Her­zogs in des­sen Ab­we­sen­heit. Kanz­ler der Ver­ei­nig­ten Her­zog­tü­mer wie auch von Jü­lich-Berg war bis zu sei­nem Tod im Jah­re 1554 Jo­hann Go­g­re­ve (um 1499-1554), der zwi­schen 1540 und 1545 ge­mein­sam mit Olis­le­ger auch die kle­vi­sche Kanz­lei führ­te. Erst nach Go­g­re­ves Tod führ­te er den Ti­tel Kanz­ler und über­nahm im Wech­sel mit dem jü­lich-ber­gi­schen Kanz­ler die Ge­schäfts­füh­rung bei Hof.

Mehr als vier Jahr­zehn­te be­stimm­te Hein­rich Olis­le­ger die Au­ßen-, Hei­rats-, In­nen- und Kir­chen­po­li­tik der Ver­ei­nig­ten Her­zog­tü­mer mit. So war er Un­ter­händ­ler bei den Ver­hand­lun­gen für ein ge­hei­mes Bünd­nis ka­tho­li­scher Reichs­fürs­ten 1537/1538, ge­lei­te­te An­na von Kle­ve 1539/1540 zur Hei­rat mit Hein­rich VIII. von Eng­land (Re­gie­rungs­zeit 1509-1547) nach Lon­don, ver­han­del­te 1541 als au­ßer­or­dent­li­cher Ge­sand­ter an­läss­lich der Hei­rat Her­zog Wil­helms mit Jean­ne d’Al­bret (1528-1572), der Nich­te des fran­zö­si­schen Kö­nigs, in Frank­reich und han­del­te nach der Nie­der­la­ge im Gel­dri­schen Erb­fol­ge­krieg 1544 in Brüs­sel das ewi­ge Freund­schafts- und Schutz­bünd­nis mit dem Hau­se Habs­burg aus.

Im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on war Olis­le­ger viel­fach mit re­li­giö­sen Fra­gen be­fasst. Er wirk­te bei der Lan­des­vi­si­ta­ti­on mit und war 1534/1535 an den Ver­hand­lun­gen über kirch­li­che Re­for­men mit dem Erz­stift Köln in Neuss be­tei­ligt. An den Düs­sel­dor­fer Ver­hand­lun­gen 1564–1567, die sich mit ei­ner neu­en Kir­chen- und Re­for­m­ord­nung be­schäf­tig­ten, nahm er ak­tiv teil wie auch der Hu­ma­nist und Re­form­theo­lo­ge Ge­org Cas­san­der, den er in sei­nem Haus in Köln auf­ge­nom­men hat­te und be­reits 1557/1558 zu­sam­men mit Kon­rad Heres­bach zu Kon­sul­ta­tio­nen nach Xan­ten ein­ge­la­den hat­te. Kir­chen­po­li­tisch ver­trat Olis­le­ger, an­fangs eher den Lu­the­ra­nern zu­ge­neigt, wie die an­de­ren hu­ma­nis­tisch ge­präg­ten kle­vi­schen Rä­te auch die auf Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469-1536) zu­rück­ge­hen­de via me­dia, ei­nen aus­glei­chen­den Re­form­weg zwi­schen den bei­den po­la­ri­sie­ren­den La­gern. Die­se Po­li­tik ge­gen die Spal­tung der Kir­che schei­ter­te mit dem Ab­schluss des Tri­en­ter Kon­zils (1545-1563), das ne­ben ei­ni­gen Wer­ken von Eras­mus bald auch Cas­san­der auf den In­dex setz­te. Um die kirch­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in sei­ner Hei­mat­stadt We­sel, der grö­ß­ten Stadt in den Ver­ei­nig­ten Her­zog­tü­mern, küm­mer­te er sich in­ten­siv. 1532 griff er im Auf­trag des Her­zogs ein, nach­dem der Pas­tor die Ex­kom­mu­ni­zie­rung des Au­gus­ti­ner­klos­ters durch­ge­setzt hat­te, ver­mit­tel­te 1534 bei der ge­schei­ter­ten Be­stel­lung ei­nes – evan­ge­lisch ge­sinn­ten – Ka­plans, den er wohl aus sei­ner Köl­ner Zeit kann­te, und setz­te 1535/1536 schlie­ß­lich sei­nen Kan­di­da­ten, Iman Ort­zen ge­nannt Ze­lan­dus (ge­stor­ben nach 1571), ge­gen den Pfar­rer der We­seler Stadt­kir­che durch. Ge­mein­sam mit Kon­rad Heres­bach war er nach der Ein­füh­rung der Re­for­ma­ti­on an der Ab­set­zung des Ka­plans der We­seler Vor­stadt­kir­che be­tei­ligt. Die Be­ru­fung Ort­zens führ­te ver­mut­lich zu ei­ner den kon­fes­sio­nel­len Strei­tig­kei­ten ge­schul­de­ten Ver­leum­dung, die Olis­le­ger in zwei­fa­cher Wei­se be­traf. Sei­nem Schütz­ling Ort­zen wur­de 1539 ein Ver­hält­nis mit Aleit van Blit­ter­s­wick, Toch­ter sei­nes Halb­bru­ders Jo­hann, nach­ge­sagt. Er klär­te die­se An­ge­le­gen­heit in We­sel als fa­mi­liä­rer Rechts­bei­stand und setz­te sich zu­gleich er­folg­reich für sei­nen Nef­fen Tho­mas Bars ge­nannt Olis­le­ger, Bru­der Aleits und spä­ter Land­rent­meis­ter von Dins­la­ken, ein, der sich we­gen ver­such­ten Tot­schlags an sei­nem Stief­va­ter zu ver­ant­wor­ten hat­te.

Im Kampf ge­gen die Wie­der­täu­fer war er in We­sel und Müns­ter tä­tig und ge­hör­te zu den vier, mit den We­seler Ver­hält­nis­sen ver­trau­ten Ver­tre­tern des Her­zogs in der Kom­mis­si­on, die An­fang 1535 die Vor­gän­ge um die Wie­der­täu­fer in We­sel un­ter­such­te. Die bei­den We­seler Rats­mit­glie­der, die ne­ben an­de­ren zum To­de ver­ur­teilt und trotz zahl­rei­cher Be­mü­hun­gen der Ver­wandt­schaft hin­ge­rich­tet wur­den, ge­hör­ten nicht zu Olis­le­gers Fa­mi­lie.

Der Kanz­lei­ver­we­ser be­stell­te An­fang 1540 ei­ner in Kle­ve wei­len­den We­seler De­le­ga­ti­on im Auf­tra­ge des Her­zogs, dass die Zu­wen­dung zur Re­for­ma­ti­on ei­ne Ent­schei­dung ih­res Ge­wis­sens sei, wor­auf­hin der Ma­gis­trat Os­tern 1540 die Re­for­ma­ti­on ein­führ­te. Er führ­te auch die schwie­ri­gen po­li­ti­schen Ver­hand­lun­gen mit den habs­bur­gi­schen Nie­der­lan­den, als seit 1543 ver­mehrt nie­der­län­di­sche Re­li­gi­ons­flücht­lin­ge in We­sel nicht nur Zu­flucht fan­den, son­dern auch noch öf­fent­li­che Funk­tio­nen wahr­nah­men. 1545 muss­te er sich auf ei­ner An­hö­rung in Arn­heim des­we­gen und we­gen der Auf­nah­me von steck­brief­lich ge­such­ten Flücht­lin­gen Vor­hal­tun­gen ge­fal­len las­sen und be­haup­te­te dort so­gar – wohl wi­der bes­se­res Wis­sen –, in We­sel wür­de man im­mer noch über­wie­gend dem Ka­tho­li­zis­mus zu­nei­gen. Den habs­bur­gi­schen For­de­run­gen nach ei­ner Ver­fol­gung oder gar Aus­wei­sung beug­te man sich in Kle­ve nicht.

Olis­le­ger war drei­mal ver­hei­ra­tet. Aus der ers­ten Ehe mit Mar­ga­re­tha, ei­ner Toch­ter des Köl­ner Bür­ger­meis­ters Adolf Rinck stamm­te der 1560 ver­stor­be­ne Sohn Adolf. Gott­fri­da, zwei­te Ehe­frau und Toch­ter des Xan­te­ner Rich­ters Gott­fried van Bem­mel und der Eli­sa­beth von Kle­ve, ei­ner un­ehe­li­chen Toch­ter Her­zog Jo­hanns II., starb be­reits 1554 und fand ih­re letz­te Ru­he­stät­te in der Xan­te­ner Stifts­kir­che. In drit­ter Ehe hei­ra­te­te der Sieb­zig­jäh­ri­ge am 29.6.1570 An­na, Toch­ter des Köl­ner Bür­ger­meis­ters Her­mann Su­der­mann. Hin­ter die­ser letz­ten Ver­bin­dung dürf­ten, wie ver­mut­lich auch schon bei der ers­ten Ehe, hand­fes­te kauf­män­ni­sche In­ter­es­sen ge­stan­den ha­ben. Su­der­mann und die an­de­ren im Stahl­han­del mit Eng­land tä­ti­gen Köl­ner Kauf­leu­te stan­den un­ter star­kem Druck ei­nes in We­sel, Müns­ter und Hamm an­säs­si­gen Kon­sor­ti­ums un­ter der Füh­rung des aus Hamm stam­men­den und zeit­wei­li­gen We­seler Bür­ger­meis­ters Franz Brecht (ge­stor­ben 1597). Die­ser war mit Odi­lia van Or­soy (um 1524-1581/1582), ei­ner Nich­te des Kanz­lers, ver­hei­ra­tet. Olis­le­ger, der Brecht 1565 zu ei­nem Ver­trag mit den ihm per­sön­lich be­kann­ten und mit ihm be­freun­de­ten Köl­nern – ei­gent­lich Brechts Kon­kur­ren­ten – über­re­det hat­te, nahm ei­ne am­bi­va­len­te Rol­le ein. Als die Köl­ner den Ver­trag nicht er­fül­len konn­ten, nutz­te er sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che po­li­ti­sche, fa­mi­liä­re und wirt­schaft­li­che Stel­lung, um den 1572 ge­stor­be­nen Su­der­mann und sei­ne Er­ben, dar­un­ter der Han­se­syn­di­kus Hein­rich Su­der­mann, zu schüt­zen, in­dem er be­schwich­ti­gend auf Brecht ein­wirk­te, an­statt ihm, dem kle­vi­schen Un­ter­tan, bei der Ein­trei­bung der Schul­den be­hilf­lich zu sein. So­lan­ge der Kanz­ler leb­te, ging Brecht nicht ge­richt­lich ge­gen die ver­trags­brü­chi­gen Köl­ner vor.

Hein­rich Olis­le­ger starb am 15.2.1575 in Kle­ve und wur­de in der Wil­li­bror­di-Kir­che in We­sel be­gra­ben. Er ruh­te in der von sei­nem Va­ter ge­stif­te­ten Aly­schlä­ger-Ka­pel­le, wo noch heu­te die über­di­men­sio­na­le el­ter­li­che Grab­plat­te das mitt­ler­wei­le lee­re Fa­mi­li­en­grab be­deckt. Er hin­ter­ließ kei­ne di­rek­ten Er­ben; sei­ne Wit­we hei­ra­te­te Ar­nold von Rott­kir­chen, ei­nen Schwa­ger ih­res Bru­ders Hein­rich Su­der­mann, und starb 1585.

Wie sein Va­ter stif­te­te auch Olis­le­ger in We­sel be­reits 1561 ei­ne so­zia­le Ein­rich­tung. Er er­wei­ter­te das vä­ter­li­che Olis­le­ger-Män­ner­gast­haus um ein Frau­en­gast­haus. Die­se bei­den Stif­tun­gen sind heu­te auf­ge­gan­gen in der städ­ti­schen All­ge­mei­nen Ar­men­stif­tung.

Literatur

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Wol­ters, Al­brecht, Kon­rad von Heres­bach und der Cle­vi­sche Hof zu sei­ner Zeit, nach neu­en Quel­len ge­schil­dert. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des Re­for­ma­ti­ons­zeit­al­ters und sei­nes Hu­ma­nis­mus, El­ber­feld 1867.

 
Zitationshinweis

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Roelen, Martin, Heinrich Olisleger, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-olisleger/DE-2086/lido/57c9567e3d7010.96535356 (21.07.2018)