Heinrich von Dechen

Geologe (1800-1889)

Helmut Vogt (Bonn)

Ernst Heinrich von Dechen, Porträt.

Trotz nur ru­di­men­tä­rer aka­de­mi­scher Vor­bil­dung stieg Hein­rich von De­chen schnell in höchs­te Po­si­tio­nen der preu­ßi­schen Berg­ver­wal­tung auf. Nach Aus­schei­den aus dem ak­ti­ven Dienst setz­te er sei­ne bahn­bre­chen­den geo­lo­gi­schen For­schun­gen fort und en­ga­gier­te sich in ge­lehr­ten Ge­sell­schaf­ten, als Ver­eins­grün­der, Be­ra­ter und Stif­ter.

Ernst Hein­rich Carl von De­chen wur­de am 25.3.1800 als zwei­ter Sohn des Ge­hei­men Re­gie­rungs­rats Ernst Theo­dor von De­chen (1768-1826) und sei­ner Ehe­frau Eli­sa­beth, ge­bo­re­ne Mar­ti­net (1773-1859) in Ber­lin ge­bo­ren. Sein Va­ter, Spross ei­ner 1684 ge­adel­ten Be­am­ten­fa­mi­lie, war dort im preu­ßi­schen Mi­nis­te­ri­um für Aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten tä­tig. Über sei­ne Mut­ter aus der hu­ge­not­ti­schen Ko­lo­nie der Haupt­stadt fand das Kind schon früh Zu­gang zur fran­zö­si­schen Spra­che. Sein Bru­der Theo­dor (1795-1860) wur­de Be­rufs­of­fi­zier. Die ein­zi­ge Schwes­ter starb be­reits im Ju­gend­al­ter. Nach Vor­be­rei­tung durch Pri­vat­leh­rer be­such­te Hein­rich von De­chen ab 1813 das Ber­lin-Köl­ni­sche Gym­na­si­um (“Grau­es Klos­ter”). Zum Ab­schluss 1818 wur­de dem be­gab­ten Schü­ler das “Zeug­nis un­be­ding­ter Tüch­tig­keit für die Uni­ver­si­tät mit Ver­gnü­gen ert­heilt”.

Zur Vor­be­rei­tung auf das Berg­fach be­leg­te er be­reits wäh­rend sei­ner Dienst­zeit als Ein­jäh­ri­gen-Frei­wil­li­ger in der 1. Gar­de-Pio­nier­kom­pa­nie Vor­le­sun­gen in Geo­lo­gie, Mi­ne­ra­lo­gie, Che­mie, Phy­sik und Berg­bau­kun­de. Die­se kur­ze Stu­di­en­zeit soll­te sei­ne gan­ze aka­de­mi­sche Schu­lung blei­ben, denn be­reits im Herbst 1819 be­gann die prak­ti­sche Aus­bil­dung zum preu­ßi­schen Berg­be­am­ten im Stein­koh­le­re­vier des süd­li­chen Ruhr­ge­biets. Ab Ju­li 1820 war er, nun­mehr “kö­nig­li­cher Ber­ge­le­ve”, mit tech­ni­schen und mark­schei­de­ri­schen Ver­wal­tungs­auf­ga­ben an den Ber­gäm­tern Bo­chum und Es­sen be­traut. Zwei Jah­re spä­ter folg­te die ers­te sei­ner zahl­rei­chen Er­kun­dungs- und Stu­di­en­rei­sen. Zu­sam­men mit sei­nem Freund und spä­te­ren Schwa­ger Karl von Oeyn­hau­sen (1795-1865) er­forsch­te er vom Dü­re­ner Be­zirk aus­ge­hend die bel­gi­schen und nord­fran­zö­si­schen Koh­le­re­vie­re. Im Ju­ni 1823 er­reich­ten die bei­den Pa­ris, wo ih­nen Alex­an­der von Hum­boldt (1769-1859) den Weg zu wei­te­ren Stu­di­en in Loth­rin­gen eb­ne­te. Zu­rück in Ber­lin ar­bei­te­te De­chen die Rei­se­be­rich­te aus und leg­te im März 1824 das Re­fe­ren­dar­ex­amen ab.

Vor­aus­schau­en­de Vor­ge­setz­te ga­ben dem jun­gen Nach­wuchs­be­am­ten Ge­le­gen­heit, an ver­schie­de­nen Or­ten die Berg­bau­tech­nik der Zeit aus ei­ge­ner An­schau­ung ken­nen­zu­ler­nen. Gleich­zei­tig be­dien­ten sie sich sei­ner Auf­fas­sungs­ga­be und Neu­gier, um Neue­run­gen aus dem in­dus­tri­ell fort­schritt­li­che­ren Groß­bri­tan­ni­en für den preu­ßi­schen Berg­bau nutz­bar zu ma­chen. Un­mit­tel­bar nach Er­nen­nung zum Ber­g­as­ses­sor brach De­chen im Sep­tem­ber 1826 zu ei­ner vier­zehn­mo­na­ti­gen Stu­di­en­rei­se durch Eng­land und Schott­land auf. Sein Auf­trag war die Er­for­schung der Stein­koh­le- und Erz­berg­wer­ke, ins­be­son­de­re des Ein­sat­zes von Dampf­ma­schi­nen zur Was­ser­hal­tung und För­de­rung. Be­son­ders in­ter­es­siert zeig­te sich die preu­ßi­sche Berg­ver­wal­tung an der Ver­wen­dung von Schie­nen­we­gen zum Ma­te­ri­al­trans­port, die auch im Pio­nier­land der In­dus­tria­li­sie­rung noch in den Kin­der­schu­hen steck­te.

 

Die ers­te be­ruf­li­che Ver­wen­dung fand De­chen im Au­gust 1828 am Ober­berg­amt Bonn, wo er ei­ne gründ­li­che Un­ter­su­chung und Be­schrei­bung der La­ger­ver­hält­nis­se der Braun­koh­le im Brüh­ler Re­vier leis­te­te. Die Fest­an­stel­lung er­laub­te ihm zu hei­ra­ten. Die Ver­bin­dung mit Lui­se Ger­hard (1799-1838) band ihn auch per­sön­lich noch stär­ker an die Spit­ze der preu­ßi­schen Berg­ver­wal­tung: Schwie­ger­va­ter Carl Lud­wig Ger­hard (1768-1835) war seit 1810 Chef des ge­sam­ten Berg-, Hüt­ten- und Sa­li­nen­we­sens in Preu­ßen. Fa­mi­li­är blie­ben De­chen har­te Schick­sals­schlä­ge nicht er­spart. Sei­ne Frau starb be­reits 1838. Von den vier Kin­dern des Paa­res über­leb­te nur die zwei­te Toch­ter Eli­sa­beth (1833-1894) ih­ren Va­ter. Sie hei­ra­te­te 1859 den Ber­g­as­ses­sor und Rit­ter­guts­be­sit­zer Max von dem Bor­ne (1826-1894). Im No­vem­ber 1830 wur­de De­chen ins Han­dels­mi­nis­te­ri­um nach Ber­lin zu­rück­be­or­dert, im Fol­ge­jahr zum Ober­ber­grat be­för­dert. Als jüngs­tes Mit­glied der Ober­berg­haupt­mann­schaft ob­lag ihm die tech­ni­sche Sei­te der Berg­auf­sicht. In zehn Jah­ren lern­te er auf grö­ße­ren Dienst­rei­sen al­le preu­ßi­schen Berg­werk­di­strik­te ken­nen und stieß da­bei im­mer wie­der Pro­jek­te der Nut­zung von Schie­nen­we­gen an. Da­ne­ben lehr­te er 1834-1841 an der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät. Die for­ma­le Vor­aus­set­zung für die Er­nen­nung zum au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor schuf die Uni­ver­si­tät Bonn, in­dem sie dem Au­tor zahl­rei­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen, un­ter an­de­rem zum Vul­ka­nis­mus in Ei­fel und Sie­ben­ge­bir­ge, für sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Ver­diens­te den Dr. h.c. ver­lieh.

Ausschnitt aus Dechens Geognostischer Karte von 1861.

 

Früh und an äl­te­ren Kol­le­gen vor­bei wur­de De­chen zum Berg­haupt­mann be­för­dert. Als Nach­fol­ger von Ernst Au­gust Graf Beust (1783-1859) rück­te er 1841 an die Spit­ze des Ober­berg­am­tes Bonn, von wo aus der Rhei­ni­sche Haupt-Berg­di­strikt, ei­ne der fünf Re­gio­nen der preu­ßi­schen Berg­auf­sicht, ver­wal­tet wur­de. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass De­chen ziel­stre­big auf die­sen be­ruf­li­chen Ein­satz hin­ge­ar­bei­tet hat, bil­de­te doch die geo­lo­gi­sche Durch­for­schung und Kar­tie­rung der Rhein­lan­de und West­fa­lens den Schwer­punkt sei­ner wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­sen. In Bonn wol­le er sein Le­ben be­en­den, schrieb er be­reits 1842. Das schloss ei­nen letz­ten Kar­rie­re­sprung an die Spit­ze der preu­ßi­schen Berg­ver­wal­tung in Ber­lin aus. Oh­ne­hin war er aus be­ruf­li­chen Grün­den oft von Bonn ab­we­send, zur Be­rei­sung des gro­ßen rhei­ni­schen Re­viers, auf Stu­di­en­rei­sen im Aus­land oder zur Mit­ar­beit am neu­en preu­ßi­schen Berg­ge­setz in Ber­lin. Wäh­rend des Win­ters 1859/1860 lei­te­te er in­te­ri­mis­tisch die Ab­tei­lung V (Berg-, Hüt­ten- und Sa­li­nen­we­sen) im Preu­ßi­schen Han­dels­mi­nis­te­ri­um. Al­le Auf­for­de­run­gen, in Ber­lin zu blei­ben (und da­mit in die Fuß­stap­fen sei­nes Schwie­ger­va­ters zu tre­ten), lehn­te er ab. Die Amts­be­zeich­nung “O­ber­berg­haupt­mann” durf­te er den­noch als Eh­ren­ti­tel mit nach Bonn zu­rück­neh­men.

Doch auch in der al­ten Po­si­ti­on war die Ver­ein­bar­keit von be­ruf­li­cher Pflicht und pri­va­ter Le­bens­pla­nung be­droht. Das von sei­nem Jus­ti­zi­ar Her­mann Bras­sert aus­ge­ar­bei­te­te und 1865 in Kraft ge­setz­te mo­der­ne preu­ßi­sche Berg­recht leg­te den Di­rek­to­ren der Ober­ber­gäm­ter zu­sätz­li­che Ver­wal­tungs­ar­beit auf. Um Zeit und Frei­heit für sei­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit zu ge­win­nen, be­an­trag­te De­chen En­de 1863 sei­nen Ab­schied. Auch Fach­kol­le­gen, Ober­prä­si­dent und der Han­dels­mi­nis­ter ver­moch­ten ihn nicht um­zu­stim­men. Über Jahr­zehn­te war er an al­len Grund­satz­ent­schei­dun­gen im preu­ßi­schen Berg­we­sen be­tei­ligt ge­we­sen. Schon früh hat­te er auf die Ver­brei­tung der west­fä­li­schen Stein­koh­le nach Nor­den so­wie nach Wes­ten un­ter der Rhein­nie­de­rung hin­ge­wie­sen. In sei­ne Bon­ner Zeit fiel die För­de­rung des Saar­berg­baus, ein­schlie­ß­lich der Ver­bes­se­rung von Schiff­fahrt und Ei­sen­bahn­an­bin­dung. Ei­ne be­son­de­re Sor­ge galt der He­bung der Le­bens­be­din­gun­gen der Berg­leu­te.

Ernst Heinrich von Dechen, Bronzemedaillon von Albert Küppers (1842-1929) auf dem Alten Friedhof in Bonn. (CC-BY-SA)

 

Fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig, per­sön­lich ge­nüg­sam und von ro­bus­ter Ge­sund­heit konn­te De­chen im Ru­he­stand Wis­sen und Er­fah­rung gro­ßzü­gig wei­ter­ge­ben. Zahl­rei­che Be­dürf­ti­ge un­ter­stütz­te er aus Pri­vat­mit­teln. Be­hör­den, Berg­werks­un­ter­neh­men und Bahn­ge­sell­schaf­ten such­ten sei­nen Rat. Die Rhei­ni­sche Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft, de­ren Ad­mi­nis­tra­ti­ons­rat er 30 Jah­re lang an­ge­hör­te, re­van­chier­te sich durch ho­he Zu­wen­dun­gen an den “Ver­schö­ne­rungs­ver­ein für das Sie­ben­ge­bir­ge”, de­ren Grün­dungs­mit­glied und lang­jäh­ri­ger Prä­si­dent De­chen war. Für sei­ne Hil­fe bei der Er­hal­tung der al­ten Aa­che­ner Ther­mal­quel­le und der An­la­ge ei­ner Was­ser­lei­tung er­hielt er 1880 die Eh­ren­bür­ger­wür­de der Kai­ser­stadt. Schon zu Leb­zei­ten be­nann­te die Stadt Bonn, der er als Stadt­ver­ord­ne­ter (1846-1889) und tech­ni­scher Be­ra­ter dien­te, je­ne Stra­ße nach ihm, in der er seit 1873 wohn­te. Ein Schlag­an­fall im No­vem­ber 1886 setz­te sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten ein En­de. Nach zwei Jah­ren Siech­tum starb De­chen am 15.2.1889 und wur­de drei Ta­ge spä­ter un­ter gro­ßer Teil­nah­me der Be­völ­ke­rung auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn bei­ge­setzt.

Literatur

Ber­res, Fried­rich, Hein­rich von De­chen, Dr. Hu­go Las­pey­res. Er­in­ne­rung an zwei Per­sön­lich­kei­ten, in: Jahr­buch des Rhein-Sieg-Krei­ses 2001, Sieg­burg 2000, S. 30-33.

Las­pey­res, Hu­go, Hein­rich von De­chen. Ein Le­bens­bild, Bonn 1889.

Ro­emer, Fer­di­nand, H. von De­chen, in: Neu­es Jahr­buch für Mi­ne­ra­lo­gie 1889, Teil 1, S. 10-22 [mit Ver­zeich­nis der Schrif­ten Hein­rich von De­chens].

Schmidt, Ge­org, Die Fa­mi­lie von De­chen (er­lo­schen 15. Fe­bru­ar 1889), Ra­the­now 1889.

Denkmal für Ernst Heinrich von Dechen am Drachenfels in Königswinter. (CC-BY-SA)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Heinrich von Dechen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-von-dechen/DE-2086/lido/57c690c2883f90.39720071 (24.04.2018)